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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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Die Bucht vor Valloncour

Die Sonne stand hoch am Himmel, beinahe hatte sie ihr Zenit erreicht. Es war ein warmer Morgen gewesen, der Mittag würde eine schwüle Hitze und Regen bringen. Die sehnsüchtigen Schreie von Seevögeln erklangen und webten gemeinsam mit dem wehmütigen Krächzen der Schiffswanten eine andächtige Melodie in die Totenstille, welche von den wenigen Albenkindern an Bord ausging.

Auch sie stand still an der Reling, den Blick und die Gedanken waren in die Ferne gerichtet. Dort wo sich im seichten Nebel, hinter den gischtsprühenden Wellen die Küstenlinie Valloncours abzeichnete.

Morwenna war angespannt. Längst hätten sich am Firmament die riesigen Schwingen der Schwarzrückenadler zeigen müssen. Vor vielen Stunden hatte sich die Schar der Elfenritter unter den Befehlen von Ollowain und ihres Bruders Tiranu auf den Rücken der Riesenadler über das Meer zur nah gelegenen Insel begeben. Mit Gewalt wollte ihnen gelingen, was den Ausgang dieses Krieges entscheiden könnte. Die vor vielen Jahren verschollene Menschentochter Gishild, die Erbin der Krone des Fjordlandes, sollte im Hort der Feinde auf dieser Insel gefangen gehalten werden. Heute würde der Tag ihrer Befreiung sein und gleichzeitig sollte ein herber Schlag gegen die Ritter  des Aschebaums ausgeteilt werden. Nur die besten Krieger Albenmarks waren ausgesandt worden, diese Aufgabe zu bestehen und die Burg der Ordensritter anzugreifen. Es würde ein entscheidender Kriegsakt werden, mit vielen Verlusten. Auf beiden Seiten.

Die Heilerin fuhr mit ihren Fingerspitzen über die Maserung des Holzes der Reling. Sie hegte eine tiefe Abneigung gegenüber diesem Gefühl der Ohnmacht, welche sie und sicherlich auch die anderen Heiler in ihrer Gefolgschaft verspürten. Während jeder Schlacht war es schlimm – nicht zu wissen, wie hoch die Zahl der Verwundeten, der Gefallenen und jener, die ins Mondlicht übertraten, war. Jedes Mal wurde es fast besser, sobald sie den ersten Verwundeten vor sich liegen sah. Wenn die Schlacht der Waffen geschlagen war und die der Heiler begann. Dann wusste sie, was zu tun war, konnte sich ein Bild des Ausmaßes machen, welches sie in Schranken zu halten hatte. Nicht zu wissen, was auf sie zukam, behagte ihr nicht.

Dieses Mal war es schlimmer. Ihr Bruder hatte Andeutungen gemacht. Vor wenigen Tagen erst war er zu den Elfenrittern berufen worden, doch war er unter ihnen nicht willkommen. Es gab viele unter den Streitern Ollowains, die sich ein plötzliches Ende für den Fürsten wünschten. Seit Stunden kämpfte sie gegen die Gedanken an die Konsequenzen vom möglichen Tod ihres Bruders an. Sie zehrten an den Kräften, die sie heute noch zu genüge in Anspruch nehmen musste. Sie brauchte einen klaren Verstand!

Die Worte, die sie Tiranu zum Abschied zugeraunt hatte, hallten in ihren Gedanken immer und immer wieder: „ Wage nicht, mich allein zurück zu lassen!“ Tiranu hatte nichts geantwortet, sie nur mit diesem tadelnden Blick bedacht, den große Brüder dann aufsetzten, wenn ihre kleinen Schwestern zu sentimental wurden.

***


Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Die Segel standen straff in der Brise und der Wind brachte sie nach Albenmark. Die Mission der Albenkinder war geglückt; die Erbin des Fjordlandes war aus den Händen der Ordensritter befreit worden. Noch war nicht klar, wie hoch der Preis für ihren Erfolg sein würde. Doch Morwenna war, als stünde sie bis zum Hals in Blut. Die Zahl der Verwundeten nahm kein Ende.

Die Heilerin stand an einer Schale Wasser und wusch sich die Hände. Sie war erschöpft. Beiläufig wischte sie ihre Finger an einem Tuch trocken und ließ ihre Schultern dabei kreisen. Die Nacht war lange nicht für sie vorbei.

Ihr nächster Patient lag in einer kleinen Kabine unter Deck. Ollowain selbst hatte sie zu ihm geschickt. Gemeinsam mit dem Schwertmeister, einem Maurawani und Tiranu war er unter den letzten Kämpfern auf der Ordensburg gewesen.

Die Elfe hielt sich nicht lange mit Klopfen auf, sondern trat unaufgefordert in die Kammer ein. Hinter sich schloss sie die Tür und musterte die Gestalt auf der schmalen Pritsche, die fast die gesamte Kammer einnahm.

Jornowell, der Sohn des einstigen Hofmeisters der Königin, lag lässig mit einem angewinkelten Bein auf den Seidenlaken und hielt die Augen geschlossen. Morwenna war sich nicht sicher, ob der blonde Elf sie nicht bemerkt hatte oder wirklich schlief. Leise umrundete sie das Bett. Schon während sie sich neben den schlanken Körper auf den Bettrand setzte und ihr Wundbesteck auf dem kleinen Schränkchen neben sich ausbreitete, suchte sie den Elfen nach äußerlichen Verletzungen ab.

Jornowell lag auf dem Rücken, einen Arm hatte er angewinkelt hinter seinen aschblonden Schopf geklemmt. Auf seinen feinen Gesichtszügen zeigte sich ein friedlicher Ausdruck. Er war ein schöner Mann, dem ein gewisser Ruf vorauseilte. Morwenna hatte in der Zeit, in der sie an Emerelles Hof gelebt hatte, die Geschichten gehört, die man sich über Alvias‘ Sohn erzählte. Der unschuldige Zug auf dem schlafenden Gesicht mochte nicht so recht zu diesen passen. Einzig die Platzwunde über seiner Braue trübte das Bild der Harmonie und erzählte die Geschichte des Draufgängers, für den er sich gerne ausgab.

Morwenna legte dem Elfen die Hand auf die Brust, um mit ihren magischen Sinnen nach weiteren Wunden zu suchen. In diesem Moment erwachte der Elf. Für einen Moment war sie irritiert von den verschiedenfarbigen, eindringlichen Augen, die sie plötzlich erstaunlich wach anstarrten. Mit seinen aschblonden Haaren und der sonnengezeichneten Haut hatte Jornowell ein ohnehin ungewöhnliches Erscheinungsbild, doch seine Augen in den Farben von Bernstein und Beryll adelten dieses. In ihren Tiefen begann der Schalk zu tanzen …

„Ist dies das Mondlicht?“, raunte er mit rauer, gebrochener Stimme. Seine Stirn hatte sich in fragende Falten gelegt, seine Mundwinkel formten ein müdes Lächeln. Er legte den Kopf schief, das Lächeln wandelte sich in einen staunenden Ausdruck. „Du bist unvergleichlich … dies muss das Mondlicht sein!“

Morwenna schnaubte: „Die Kopfverletzung scheint ernster zu sein als sie vermuten lässt … Halt still. “ Die Heilerin in ihr sammelte sich und fuhr mit ihrer Untersuchung fort. Ohne Widerstand ließ Jornowell sie gewähren. Wieder legte sie die Hand auf die Brust des Blonden und begann, ihre Sinne nach inneren Verletzungen suchen zu lassen. „Die Schulter ist ausgekugelt und ein paar oberflächliche Schnittwunden, ansonsten hattest du mehr Glück als die meisten deiner Gefährten.“

„Es scheint so …“ Unverhohlen bedachte er sie mit einem durchdringenden Blick, der Morwenna unruhig werden ließ. „Habe ich auch das Glück deinen Namen erfahren zu dürfen?“

„Morwenna“, erwiderte sie kühl.

„Ich wusste, diese dunklen Augen kommen mir bekannt vor. An dir gefallen sie mir allerdings besser.“

Er musterte sie mit verschleierten Augen und die Blicke verrieten seine Gedanken.

„Tu tatest recht daran, Heilerin zu werden. Bei deinem Anblick werden nicht nur krumme Rücken und lahme Gliedmaßen wieder aufgerichtet…“ Er lächelte vielsagend. „…Er heilt gewiss auch die Seelen …“

Der Nachsatz war zu spät gekommen und zu lapidar ausgesprochen gewesen. Das und sein anzüglich-freches Lächeln verrieten, dass er nicht einmal ernsthaft versuchte, die unverschämte Anspielung seiner Worte zu verbergen.

Morwenna hob eine Augenbraue – sie war sich nicht sicher, ob sie ihn abstoßend oder unbeholfen finden sollte. Jedenfalls verlor sie langsam die Geduld.

Es kam nicht selten vor, dass einer ihrer Patienten die unvermeidliche Nähe am Krankenlager mit dem Nichtvorhandensein von Moral und Sitte verwechselte. Diesen plumpen Annäherungsversuchen begegnete sie stets mit kalter Schulter. Meistens reichte es, wenn die Patienten erfuhren, mit wem sie es zu tun hatten, um sie abzuschrecken. Anscheinend war Jornowell da anders …

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass diese linkischen Sprüche bei den Damen bei Hofe tatsächlich zu Erfolg führen.“ Die Fürstentochter griff nach einer Flasche Branntwein, die sie mit sich gebracht hatte und träufelte etwas davon auf ein Stück Leinen. Unlieblich aber gewissenhaft säuberte sie damit die Wunde auf Jornowells Stirn.

Der selbsternannte Weltenwanderer zuckte unter den brennenden Berührungen zusammen und zischte zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch: „Kommt ganz auf die Definition von Erfolg an. Außerdem würde ich die Wahrheit auszusprechen nicht linkisch, sondern aufrichtig und ehrbar nennen.“

Jetzt war es an der Heilerin, die Zähne zusammenzupressen. Diese Aussage hatte etwas unbestreitbar Widersprüchliches. „Sind deine Absichten denn aufrichtig und ehrenhaft?“ Anschließend murmelte sie leise ein Wort der Heilung und verschloss die Wunde über der Braue.

Das Lächeln des Blonden wurde breiter: „Das kann ich nicht behaupten.“

„Zieh dein Hemd aus“, sagte sie unvermittelt und versetzte ihr Gegenüber erst in Erstaunen und dann in Glückseligkeit.

„Du weißt, was du willst“, erwiderte Jornowell leichthin und zwinkerte ihr zu. Mit einem weiteren anzüglichen Feixen nestelte er mit einer Hand an den Knöpfen seines Hemdes herum. Als er die andere hinzuziehen wollte, zuckte er übertrieben zusammen und stieß einen Schmerzenslaut aus. „Ah, meine Schulter … ich fürchte, du musst mir zur Hand gehen.“

Morwenna hob eine Braue. Sie beäugte skeptisch ihren Patienten, der sich verzweifelt an den Verschlüssen des Hemdes zu schaffen machte und wenig bis gar keinen Erfolg damit hatte. Dabei setzte er einen fast entschuldigenden Blick auf. Nur mit Mühe konnte sie sich ein Augenrollen verkneifen, als sie sich vorbeugte und ihm half. Dies war genau die Art von Bauerncharme – welchem jedes Niveau und jeder Reiz fehlte –, dem Morwenna nichts außer einem müden Lächeln abgewinnen konnte. Jedenfalls war ihr daran gelegen, schnellstmöglich diese Kabine verlassen zu können.

Natürlich streiften seine Finger ganz beiläufig die ihren, als er seine Hände zurückzog, um sie gewähren zu lassen. Geschickt öffnete sie die Verschlüsse und versuchte dabei penibel, nicht in seine Augen zu sehen.

„Man könnte dies als Erfolg werten …“

„Oder als Mitleid!“

Jornowells Gesicht formte sich zu einer Grimmasse des Schmerzes. „Autsch.“

Sie erhob sich vom Bett, um Jornowell aus dem Hemd zu helfen. Vorsichtig begann sie damit, es über die ausgekugelte Schulter zu ziehen und positionierte sich so, dass sie mit dem Fuß guten Halt an der Bettkante fand. Ohne dass Jornowell ihre Intention erkannte, umschloss sie mit festem Griff seinen Arm und zog mit einem kräftigen Ruck das Gelenk zurück in seine Pfanne. Laut keuchend und sichtlich erschrocken wandte sich der Elf abrupt zu ihr und zuckte dann vor Schmerz zusammen.

„Ah, du elendes M-mhmmm …“, presste er zwischen schmerzerfülltem Atemstößen hervor und warf sich zurück in die Kissen.

„Ja?“, forderte sie ihn zum Weitersprechen auf. Endlich zeigte sich das wahre Gesicht hinter dem affektierten Verhalten des Hin-und-wieder-Höflings. Sie warf beiläufig das Hemd beiseite und bedachte die lange Schnittwunde am Schlüsselbein, die zum Vorschein gekommen war. Lang zwar, aber nicht besonders tief. Es war wirklich pures Glück gewesen, das den Sohn Alvias‘ überhaupt noch hier liegen konnte. Nur leider zeigte er sich wenig dankbar …

„Verdammt“, murmelte er sichtlich um Fassung bemüht und rieb sich mit einem anklagenden Blick die Schulter. „Du bist stärker als du aussiehst.“

Morwenna überging diesen Kommentar und fuhr damit fort, auch diese Wunde mit Branntwein zu reinigen. Die Haut seines Oberkörpers wies ebenso wie die seines Gesichtes nicht die Blässe auf, mit der sich die anderen edlen Elfen Albenmarks schmückten. Er musste sich oft nackt in der prallen Sonne bewegt haben. Völlig nackt? Dieses Zeugnis von Schamlosigkeit ließ sie einen Moment stocken, was Jornowell nicht zu entgehen schien.  

Die Elfe räusperte sich und strich sich eine Strähne des schwarzen Haars aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten hinter ihrem Kopf gelöst hatte. Sie wich dem eindringlichen Blick und dem unverschämten Lächeln von Jornowell aus und fokussierte wieder die Wunde. Sie beschwor sich zur Contenance – sie war eine erfahrene Heilerin und dies war nicht der erste nackte Oberkörper, den sie sah. Sich davon aus der Ruhe bringen zu lassen war nicht ihre Art. Dennoch fühlte sie sich ertappt.

„Das war knapp“, sagte sie, nur um irgendetwas zu sagen, während sie auch diese Wunde heilte. Innerlich ärgerte sie sich über ihren Moment der Schwäche – nie würde sie auf die Idee kommen, sich mit einem Elfen, der so unwirsch und tagträumerisch wie Jornowell es war, einzulassen. Dennoch konnte sie nicht behaupten, dass dieser Moment sie völlig kalt ließ.

„Allerdings“, schnaubte Jornowell und verzog das Gesicht, „Es war dein Bruder, der ihn niedergestreckte, ehe er sein Vorhaben beenden konnte. Ist er auch zurück gekehrt?“

„Ja“, entgegnete die Heilerin und dachte daran, wie deutlich Tiranu ihr gemacht hatte, dass man unter den Elfenrittern heimlich den Wunsch hegte, er würde in der Schlacht umkommen. „Enttäuscht dich das?“

Jornowell sah sie lange an, jeglicher Schalk war aus seinen Augen gewichen. „Nein, denn ich glaube nicht, dass ich noch mehr Schmerz und Kummer in deinem Blick ertragen könnte.“

Ihr war als würde ihr Herz einen Schlag lang aussetzten. Innerlich krampfte sie zusammen, verschloss sich, als würde sie eine Tür zuschlagen. „Nun, niemand zwingt dich, mich anzusehen!“

Morwenna erhob sich ebenso plötzlich wie entschieden und wandte sich zum Gehen. Sie fühlte, wie er ihre Hand festhielt: „Verzeih mir, ich wollte dich nicht kränken!“

Nur mühsam konnte sie den aufkeimenden Ärger unterdrücken und sich von Jornowells Griff lösen. Sie packte schweigend ihre Sachen zusammen und verließ die kleine Kajüte. Wie sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie tief durch, ehe sie sich zu ihrem nächsten Patienten begab.


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Die Story zählt sechs Kapitel, die bereits fertig gestellt sind. Ich hoffe, es gefällt euch und ihr schreibt mir eure Meinung!

Liebe Grüße
RIniell
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