Rabenfedern

von Nairalin
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
26.03.2015
16.05.2015
7
16.421
5
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16.05.2015 2.347
 
Wenn die Zeit vergeht

Legolas wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah hoch zum Himmel. Viel Zeit war vergangen seit seiner Ankunft im Schloss und es hatte lange gedauert, bis er sich orientieren können hatte. Mittlerweile war er aber sicher, wo er lang gehen musste. Nicht wenig hatten dazu Lassincë, die Teetasse, und seine Mutter Galadhriël, die Teekanne, beigetragen, aber auch noch einige andere verzauberte Gestalten im Schloss.

Die Sonne schien hell herab und die Hitze erschwerte die Arbeit, die er zu machen hatte. Geschickt begann er die verblühten Knospen abzuschneiden. Auch wenn der Garten, den er zu betreuen hatte, hin und wieder eine Tortur darstellte, so liebte er die Rosen. Selten hatte er so volle und wohlduftende Exemplare gesehen. Er war ganz angetan und liebte es durch den Garten zu streifen. Nahezu betörend lag der Rosenduft in der Luft und nahm seine Sinne ein.

Er legte den Mist in einen Sack und sah sich um. Die Ländereien des Schlosses waren riesig und es hatte Wochen gedauert bis er einen groben Überblick erhalten hatte. Es gab weitläufige Gebiete und einen See im Süden, der von Schwertlilien gesäumt wurde. Einer seiner Lieblingsplätze war dort, direkt unter einer Trauerweide, welche sich über das Wasser streckte und mit ihren langen Zweigen die Oberfläche berührte.  Oft wehte ein laues Lüftchen, welches Kühlung brachte, und die ernsten Gedanken vertrieb. Es gab auch einen Irrgarten, der mit Hecken bepflanzt worden war, die beinahe dreimal so hoch waren wie er selbst. Nicht dass das etwas hieß. Mit seinen zwei Rangwi elf war er der kleinste Mann in der Familie und auch allgemein eher kleiner als der Großteil der männlichen Bevölkerung, die meist mindestens zwanzig Pityarangwi größer waren als er.

Ein großer Teil der Wälder war von dieser Seite frei begehbar und auch das Schloss war so groß, dass er sich noch gerne darin verirrte, wenn er nicht aufmerksam genug war. Und dann war da noch der Hügel im Westen. Er war nicht sonderlich groß, aber ein gewaltiger Baum wuchs darauf, der sicher schon einige Jahrhunderte gesehen hatte. Rosen wucherten dort in einem blutigen Rot und eigenartige Figuren aus Stein lagen oder standen dort. Sie hatten die seltsamsten Haltungen und eine schien geradezu in Abwehr gegangen zu sein. Alles wirkte verstörend und seltsam surreal. Legolas war verboten worden, auch nur in die Nähe zu gehen, doch es zog ihn immer wieder dorthin. Nur mit Glück hatte er jedes Mal das Erwischtwerden vom Biest vermieden.

Legolas glaubte manchmal wirklich, dass sein Herr über ihn mit Argusaugen wachte und jeden seiner Schritte kannte. Jedes Mal bislang war er aufgetaucht, wenn er gerade den Hügel genauer besichtigen wollte. Gerade das machte ihn umso neugieriger.

Aber er hatte gelernt, wie er rechtzeitig verschwinden konnte. Sein Herr, der ihm keinen Namen nennen wollte, mochte zwar fast lautlos mit seinen Flügeln und dem Gefieder sein, dass er manchmal wirklich fragen wollte, ob er Eulenfedern statt Rabenfedern hatte, doch er war zu hören, wenn man wusste, worauf man achten musste. Zudem hatte Legolas gute Augen und ihm fiel der dunkle Fleck am Himmel schnell auf, egal ob strahlender Sonnenschein oder unbeständiges Wetter.

Er nahm die Schaufel und begann das Beet umzugraben und die Erde zu lockern. Es hatte etwas Meditatives im Freien zu arbeiten und beruhigte seine Fea, wenn die Sehnsucht wieder aufflackerte. Legolas verdrängte jede Erinnerung an seine Familie und Freunde, nur um nicht krank vor Sehnsucht zu werden und womöglich das Leben seiner Schwester zu gefährden. Als Schritte erklangen, erstarrte er in der Bewegung und schluckte. Doch dann musste er lachen, als sich eines der Pelzwesen um seinen Hals legte und ihn mit den feinen, seidigen Haaren kitzelte.

Sie waren wie kleine Hunde, neugierig und loyal, suchten die Aufmerksamkeit und wollten nur dabei sein. Das rotbraune Fell leuchtete in der Sonne und erwärmte sich noch mehr als es das ohnehin schon tat. Schlappohren berührten sein Schlüsselbein. Sanft kraulte er den Kopf seines kleinen Begleiters. Vieles war zu Bruch gegangen, weil sie sich anfangs nicht wirklich in seine Nähe getraut hatten, doch jetzt wollten sie sich am liebsten in ihm verkriechen, so kam es Legolas zumindest vor.

"Ihr leistet wundervolle Arbeit", kam es leise, rau von oben und Legolas richtete sich auf, starrte nach oben. Blassblaue Augen schauten ihn an und er glaubte, tiefe Sympathie zu erkennen, auch wenn es schwer war, das Gesicht des Biests zu lesen. Welche Mimik hatte auch ein Rabenkopf?

"Danke!", erwiderte Legolas vorsichtig und stand auf. Schnell und etwas beschämt klopfte er sich die Kleidung ab und versuchte, so ruhig wie möglich zu stehen, da sein pelziger Kragen gerade um Balance rang. Immer noch war sein Herr um einiges größer als er, was es teilweise wirklich anstrengend machte, mit ihm zu sprechen. Er wurde zu Stein, als Federn seine Wange streiften und sein Zopf ergriffen wurde. Mit großen Augen blickte er zum Biest, welches mit einer immensen Vorsicht, etwas in seinen Haaren fixierte. Legolas traute sich nicht, sich zu bewegen.

"Nehmt Euch den Nachmittag frei", krächzte das Biest und ließ von ihm ab. Es wendete sich rasch ab und ließ ihn alleine mit seiner Verwirrung sowie Unsicherheit. Zögerlich griff er zu seinen Haaren und keuchte überrascht, als er die feinen Blüten spürte. Es mussten Rosenblüten von der Form her sein und Ehrfurcht erfüllte ihn. Sein Herr liebte die Rosen fast schon mehr als er selbst und schützte sie mit allem, was notwendig war. Legolas' Finger begannen zu zittern. Einen größeren Beweis der Zuneigung konnte sein Herr kaum mehr bringen, war er doch bereit gewesen Anarel umzubringen, dafür dass sie die Blumen Legolas schenken wollte.

Mit einem Male sah er die vergangenen Treffen in einem neuen Licht. Das Biest war ruppig, teilweise sogar jähzornig und immer wieder schaffte dieses es, dass er verängstigt zurückzuckte. Legolas kam schwer mit Temperament zurecht, noch weniger in dieser Ausprägung. Doch ihm wurden nun auch wieder die feinen kleinen Gesten bewusst, die sonst untergingen. Die Geschenke, das gute Essen, der Freiraum trotz des Eingesperrtsein. Möglicherweise war sein Herr auch einfach nicht in der Lage seine Gefühle dementsprechend zu artikulieren… es mochte an dem tierischen Anteil liegen, der ihn mehr leitete, als er es eventuell sollte.

Er bekam ein schlechtes Gewissen und spielte mit seinem Kragen, um sich abzulenken. Was wenn er dem Biest Unrecht getan hatte?

Außer den verzauberten Geschöpfen im Schloss, gab es keine anderen Lebewesen und noch weniger solche, die ihm ähnelten. Dass sie verzaubert waren, hatte er herausgefunden, da sie jedes Mal, wenn er Fragen in die Richtung stellte, ihre Stimmen verloren. Natürlich hatte er das Biest nicht gefragt. Die Angst, wie es reagieren könnte, ließ ihn wie ein Reh im Licht der feanorischen Lampen erstarren. Nur wie sie erlöst werden konnten, war ihnen auch unmöglich auszusprechen.

Wie lang sie wohl in diesem Zustand schon waren?

Wie lange hatten sie auf elbische Gesellschaft verzichten müssen? Auf gute, anregende Unterhaltung? Auf dumme Sprüche und Scherze? Oder auf Streitereien?

Er vermisste mittlerweile nach so kurzer Zeit bereits die Diskussionen mit seiner älteren Schwester Morfinnel. Wenn sie allerdings seit Jahren so lebten … wie sehr musste es sie nach Abwechslung und der Nähe anderer Personen dürsten?

Er fühlte sich erdrückt von Schuld und kam sich über alle Maßen selbstsüchtig vor. All die Zeit hatte er den Kontakt zum Biest gemieden und auch die Anwesenheit anderer 'Gegenstände' war ihm oft leicht unheimlich. Er mochte Krähen sowie Raben nicht und sein Herr sah wie eine aus. Zu gut erinnerte er sich noch, wie er als Kind auf dem Feld von solchen Vögeln attackiert worden war, weil er Brot in der Hand gehalten hatte.

Legolas hatte jemandem, der um Gesellschaft nahezu schon flehte, verwehrt. Wer war er, dass er derart verurteilen und handeln durfte?

Er räumte das Gartenwerkzeug weg und brachte alles zu der Hütte, wo alles gelagert wurde, bevor er zum Schloss lief und dort die Treppen hoch. Er beachtete die feine Arbeit nicht mehr und riss die Tür zu seinen Gemächern auf. Ein erschrockener Schrei war zu hören und er entschuldigte sich augenblicklich für sein unangemessenes Eintreten.

Doch Galadhriël seufzte nur und hüpfte zur Tischkante.

"Was ist geschehen, Junge?", wurde er gefragt und er sank vor ihr auf die Knie, um auf Augenhöhe zu sein.

"Wie lange seid ihr schon verzaubert?", fragte er gequält. Sie reckte sich und schüttelte sich, dass der Deckel schepperte. Verwunderung war in den Zügen zu erkennen. Sie setzte zum Sprechen an.

"Seit über zweihundert Jahren", meinte sie und hielt überrascht inne. "Oh, das kann ich aussprechen?"

Legolas wurde blass und presste bitter die Lippen aufeinander. Die Schuld erstickte ihn halb.

"Doch wie kommst Du jetzt darauf?"

Er schaute sie an und seine Stimme versagte ihm. Er schluckte schwer.

"Ich hatte heute ein … eigenwilliges Treffen mit dem Herrn", wisperte er und schaute zu Galadhriël. "Er steckte mir Rosen ins Haar…

Ein erschrockenes Zischen war die Folge und Gemurmel wurde laut. Es schien, als ob einmal mehr die lebenden Gegenstände sich hier versammelt hätten.

"Ich sehe es, nur dachte ich, Du hättest sie abgeschnitten", hauchte sie, doch er schüttelte wild den Kopf.

"Meine Schwester hätte für diese Blumen fast ihr Leben gelassen … ich würde es nicht wagen sie anzurühren." Das kühle Porzellan berührte seine Wange und er schaute auf die Teekanne. "Ich … mir ist nie der Gedanke gekommen, dass er womöglich nicht fähig sein könnte, seine Gefühle richtig zu zeigen. Er ist immer so eloquent, wenn er beim Abendessen mit mir spricht, so weltgewandt und intelligent. Mir ist nie in den Sinn gekommen, dass er in jemand wie mir mehr sieht als einen Gefangenen, der seinen Garten zu pflegen hat."

Er spürte eine Zunge an seiner Wange und hob eine Hand zu seinem pelzigen Begleiter, den er vollkommen vergessen hatte. Es schmerzte ihn, dass er so wenig empathisch war, dass er das nicht wahrgenommen hatte.

"Man könnte meinen, dass du dich selbst nicht wahrnimmst", meinte Galadhriël leise und er seufzte.

"Ich bin nur ein einfacher Mann aus einer noch einfacheren Familie", wisperte er rau. "Wir haben nicht genug Geld, um großartig in Ausbildung zu investieren, sondern sind nur Arbeiter. Ich weiß so wenig und es muss frustrierend sein, mit jemandem zu reden,  für den man alles auf einem niedrigen Niveau halten muss, nur damit dieser alles versteht, was man sagt."

Ein ungläubiger Laut entwich der Teekanne.

"Als ob Du auch nur im Ansatz eine graue Maus wärest, über die man hinwegschauen könnte", echauffierte sie sich und ihm kam fast vor, als ob sie sich richtiggehend aufplustern würde. Er wollte schon widersprechen, doch sie kam ihm zuvor.

"Legolas, Du hast Dein Herz am rechten Fleck, aber diese Gedanken sind töricht! Zudem bist du alles andere als dumm und folgst prinzipiell jedem seiner Gedankensprünge mit Leichtigkeit, wie ich es selten erlebt habe. Unser Herr ist etwas eigenwillig, meinetwegen auch verkorkst, und er war mit seinen Gedanken immer schon meilenweit voraus, während andere noch am Anfang standen. Es schadet ihm nicht, endlich zu lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen und im Hier und Jetzt zu verweilen. Und mit einer so guten Fea wie dir, hat er wirklich einen Glücksgriff gemacht, denn andere hätten schon längst aufgegeben!", schimpfte sie wütend. Doch je mehr sie sagte, desto unscheinbarer fühlte er sich, da ihm all das nicht richtig erschien. Er kam zu oft nicht mit, wenn der Herr über die Politik sprach. Er verstand oft nicht, warum es besser war, manchmal zu schweigen oder wann manche Worte falsch ankommen würden. Diplomatie kannte er und er war von all seinen Geschwistern der Diplomatischste, doch was das Biest erzählte, war so hoch und übertrieben in seinen Augen, dass er dem nicht zu folgen vermochte.

Und der Blick in den blassen, blauen Augen, wenn er nachfragte, was gemeint war, weil er nicht verstand…

"Er ärgert sich zu oft über meine Unwissenheit", warf er zaghaft ein.

"Weil er Gespräche nicht mehr gewohnt ist und in der Regel in elitären Kreisen rangiert hat. Er hat mit Männern gesprochen, die zwar um vieles mächtiger und bewanderter als Du waren, Junge, aber keiner blieb ihm lange im Gedächtnis oder erlangte seine Aufmerksamkeit. Sie waren unscheinbar für ihn, da sie alle gleich agierten und nur sprachen, um ihm zu gefallen und Nutzen daraus zu ziehen. Unscheinbarkeit war ihr Los und wird es auch in Zukunft sein. Doch du reißt ihn aus dieser Apathie den anderen gegenüber heraus, da du nicht seinen Erwartungen entsprichst. Du bist ehrlich und direkt! Und scheust dich nicht zu fragen, wenn dir etwas unklar erscheint. Du bist sicher vieles, aber Unscheinbarkeit ist sicher nichts, was der Herr an dir sieht."

Legolas verschränkte seine Finger ineinander und seufzte erneut.

"Aber ich verstehe zu wenig"", meinte er bitter und sah zum Bett hinüber, wo erneut ein Gewand lag, was er anziehen würde müssen. Viel zu teuer und viel zu edel für einen Gärtner. Doch er wagte nicht, sich zu verweigern. Er hatte einmal einen Zornesanfall des Biests miterlebt, weil er die Kleider nicht trug, die ihm geschenkt worden waren.

"Manchmal weiß ich nicht, ob ich eingesperrt bin oder ausgesperrt. Viel eher Letzteres… ich bin so frei, wie kaum je zuvor und brauche mir um meine Existenz keine Sorgen machen, doch mir auch nur irgendeinen Hinweis zu geben, wie er ist, warum er handelt, wie er es tut, bekomme ich nicht. Ich werde auf Distanz gehalten und hätte ich nicht euch alle hier … ich würde innerlich vor Einsamkeit sterben."

Seine Stimme brach und er fühlte sich fürchterlich ausgelaugt.

"Ich …" Er schüttelte den Kopf über sich selbst und erhob sich langsam.

"Legolas", begann Galadhriël, doch er schüttelte nur den Kopf.

"Ich denke, ich lege mich für eine Weile hin…", wisperte er und ging zum Bett. Vorsichtig hob er die Gewänder für den heutigen Abend hoch und legte sie auf den Stuhl in der Nähe. Erschöpft ließ er sich in die Kissen sinken und schloss die Augen.
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