Nachwirkungen

GeschichteRomanze, Sci-Fi / P16
Abby Maitland Captain Becker Connor Temple Danny Quinn James Lester Nick Cutter
22.03.2015
18.06.2015
9
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Schreie. Ein Einschlag. Gewehrschüsse. Schutt regnete auf mich nieder. Ich spähte um die Ecke und sah einen dieser Terroristen auf das von uns belagerte Haus zulaufen. Ohne nachzudenken streckte ich ihn mit einem Schuss in den Kopf nieder. Wieder Rufe. Ich drehte mich um. Es waren Schmerzensschreie. Jerry hielt sich eine stark blutende Wunde am Oberschenkel. Unser Sanitäter war vor etwa zwei Stunden mit einem Schuss durchs Herz getötet worden. Ich zögerte nicht lange, zerrte mein dreckiges Bandana unter meinem Helm hervor und band den Schenkel oberhalb ab. Jerry schrie weiter. Simon und Andy rannten durch einen schmalen Gang auf uns zu. Ich schrie, „Wir müssen ihn sofort zurück ins Lager bringen!“. Die zwei verstanden und hievten den immer noch stark blutenden Mann hoch. Sie liefen aus dem Haus, vorbei an einigen Kameraden, die im Schusswechsel mit einer Gruppe Afghanen lagen. Ich gab den Jungs Feuerschutz. Wir schafften es gerade so in den Truck, bevor eine weitere Bombe einschlug. Andy saß am Steuer und drückte das Gas durch. Wir rasten die Kilometer bis zum Truppenstützpunkt zurück und ich merkte, dass auch meine Uniform am Ärmel nass war. Ich sah hinunter und entdeckte Blut. Ein Streifschuss. Nichts Weltbewegendes.

Als wir am Stützpunkt angekommen waren, hatte Jerry verdammt viel Blut verloren. Sofort kamen einige Sanitäter angerannt, die ihn ins Lazarett schleppten. Ich setzte meinen Helm ab. Alles an mir starrte nur so vor Schmutz. Ich hatte zwei Tage nicht geduscht. Froh über die kurze Unterbrechung (denn zweifelsohne würde ich binnen einer Stunde mit den anderen zurück fahren) wollte ich mich gerade zu den Duschen begeben um wenigstens das Gefühl von Sauberkeit zu spüren. Doch schon hörte ich den Colonel rufen. „Lieutenant Avon, auf ein Wort!“ Na toll. Eine Standpauke hatte mir gerade noch gefehlt.

Ich trat in sein behelfsmäßiges Büro. „Sir?“ Der Colonel stand hinter seinem Schreibtisch. Er hatte wohl gerade eine Karte des Kriegsgebiets studiert und blickte nun hoch. Colonel Renny war ein stämmiger Mann Mitte fünfzig. Sein Haar war vollständig ergraut durch den langjährigen Kampfeinsatz. Er nickte hinüber zu dem einfachen Campingstuhl, der vor seinem Tisch stand. Ich bemerkte, dass ich immer noch mein Maschinengewehr über der Schulter trug und hängte es über die Lehne. Langsam sank mein Adrenalinspiegel und ich spürte die Wunde am Arm. Ich setzte mich und sah den Colonel erwartungsvoll an. Er seufzte. „Lieutenant Avon, Sie haben Staff Sergeant Miller heute wahrscheinlich das Leben gerettet. Die Ärzte haben mich benachrichtigen lassen, dass seine Hauptschlagader durchtrennt war, können ihn aber flicken.“ Gott sei Dank. Ich hatte in diesem halben Jahr schon zwei meiner Männer verloren. Einer mehr wäre ein harter Schlag gewesen. Aber das war sicher nicht der Grund, wieso ich hier saß. Mit Lobhudeleien hielt der Colonel sich normalerweise zurück. Prompt wurde meine Frage beantwortet.

„Allerdings, Lieutenant, habe ich noch eine weiter Nachricht für Sie.“ Er machte eine dramatische Pause. „Sie werden wieder nach England zurückversetzt.“ Was? Ich war völlig überrumpelt und mein Gesicht musste das auch ausgedrückt haben. „Keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Strafversetzung. Sie haben glänzende Arbeit hier geleistet und ich habe von allen Ihren Vorgesetzten immer nur Gutes über Sie gehört. Allerdings hat das Innenministerium unsere Datenbanken nach einem fähigen Soldaten durchforstet und ist dabei auf Sie gestoßen. Sie werden in London in einer Regierungsabteilung arbeiten. Näheres erfahren Sie dann vor Ort.“ Ich konnte nichts erwidern. Seit drei Jahren befand ich mich nun ununterbrochen im Kriegsgebiet im Nahen Osten. Und jetzt sollte ich plötzlich wieder in das gute alte England zurückkehren? Ich hatte keine näheren Verwandten in London, geschweige denn Freunde. Eine Wohnung musste ich suchen. Und woher wusste das Ministerium, dass ausgerechnet ich die Richtige für den Job war? Diese Bedenken teilte ich meinem Vorgesetzten mit.

„Keine Sorge Avon, Sie werden das meistern. Das Ministerium stellt Ihnen fürs erste eine Wohnung zur Verfügung. Und sehen Sie es als Chance.“ Er sah mich plötzlich sehr nachdenklich an. „Avon, Sie haben noch ihr ganzes Leben vor sich. Seit drei Jahren stehen Sie jetzt unter meiner Verantwortung und Sie sind gerade einmal 23 Jahre alt. Bei den ganzen Verletzungen ist es ein Wunder, dass Sie bis jetzt überlebt haben. Ich weiß auch, dass wahrscheinlich niemand mehr für das Corps riskieren würde, deswegen steht die British Army auch zutiefst in Ihrer Schuld. Aber mit Verlaub, Miss, Sie sind eine hübsche, junge Frau und ich will nicht, dass Sie ihr ganzes Leben in diesem Dreck verbringen.“ So war das also. Sie wollten mich wegschaffen. Die Einzige in dieser Truppe, auf die in der Heimat niemand wartete. Abgesehen davon hatte ich bisher nicht einmal gewusst, dass ich als Frau registriert worden war. Im Staub der afghanischen Wüste sahen sowieso alle gleich aus. Und der Sexualtrieb lässt auch ganz schön nach, wenn man den ganzen Tag von Leichen, Blut und Tod umgeben ist.

Ich konnte es einfach nicht fassen, dass ich ohne meine Einwilligung versetzt wurde. Eigentlich konnte ich meine Gedanken insgesamt nicht mehr ordnen. „Colonel, Sie wissen doch, dass meine Sorge meinen eigenen Tod betreffend eher gering sind, ich bin die ideale Soldatin. Ich habe keine Familie, der Sie im Fall meines Ablebens etwas zahlen müssten und ich bin perfekt ausgebildet...“ An dieser Stelle hob der Colonel die Hand um mich verstummen zu lassen. „Lieutenant Avon, Sie sind eine der fähigsten Soldatinnen, die mir in meiner langen Laufbahn begegnet sind. Aber wie ich zuvor sagte: Sie haben noch ihr ganzes Leben von sich. Ich bin mir sicher, dass es mehr bereithält, als mit Anfang zwanzig im Nahen Osten zu sterben. Also machen Sie etwas daraus.“ Mit diesen Worten schickte er mich nach draußen. Ich konnte gleich anfangen, meine Tasche zu packen. Morgen früh würde mich ein Jeep nach Kabul fahren und von dort würde der Flieger in mein neues Leben starten.
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