Die zwölf Apostel

KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16
21.03.2015
21.03.2015
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Vielleicht passt diese Musik dazu: Ana Belen , caminando y cantando siehe:
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Die letzten Schneeflocken trieben damals durch die dürren Zweige der zwölf Pappeln, die gemeinhin als die Zwölf Apostel bezeichnet werden. Den Bäumen vertraute ich meine Geschichte an, da ich nicht weiß, ob der liebe Gott mir noch zuhört. Im Jahr 1945 stand ich schon einmal hier an diesem Ort und wusste nicht, ob die Bäume das sein würden, was ich als letztes sehen durfte. Lauschen sie ruhig den Bäumen im Park, sie werden ihnen sicherlich meine Geschichte erzählen, wenn sie ruhig verharren und Geduld zeigen.

Im April 1945 war ich einer von tausenden Kriegsgefangenen, die von den Alliierten brutal gequält wurden. Sicher, ich war für die Amis eine Ausgeburt der Hölle, denn als Soldat einer SS-Einheit musste ich ein mieser Mensch oder ein Untier sein. Doch mich fragte nie jemand, ob ich zur SS wollte. Als Waisenkind wurde man mit 16 Jahren in die Obhut der SS gegeben, ob man wollte oder nicht. Wir wurden gedrillt, bis wir glaubten, der Feldwebel sei der leibhaftige Satan und der Leutnant der liebe Gott. Später wurden wir in Schlachten eines größenwahnsinnigen Führers geworfen und kämpften. Ja, ich kämpfte um zu überleben und nicht um mir Orden zu verdienen. Ich tötete Menschen in einem wahnsinnigen Krieg, in dem es zu viele Opfer gab. Ich wusste als junger Mann nichts von Politik, sondern ich kannte nur blutige Schlachtfelder, Waffen und sah Kameraden und getötete Menschen, die auf jede erdenkliche Art starben. Als Soldat denkt man stets nur eines: Hoffentlich erwischt es dich gleich richtig, damit du nicht leidest. Zu oft erlebten wir die Qualen von sterbenden Kameraden und Zivilisten mit. Ich kann zumindest für mich sagen, dass Kriege nichts Heroisches an sich haben, sondern nur Dreck, Blut und entsetzliches Elend. Den Parolen konnte man nicht trauen. Angeblich siegten wir in Charkow, Orel und zig weiteren Schlachten. Ich sah als Soldat immer nur die Kameraden, die grausam im Dreck der Schlachtfelder verreckten. Oft sammelten wir die Erkennungsmarken der Gefallenen ein. Nur selten schafften wir es, die Gefallenen halbwegs würdig zu beerdigen. Zumeist blieb nicht einmal dafür Zeit, die blutigen Reste der Kameraden irgendwie in dem gefrorenen Boden oder einem Schlammloch würdelos zu verscharren.

Im Februar 1945 wurde ich gefangen, wir hatten uns der Übermacht ergeben. Seit diesem Tag wurde ich verhört und fast täglich geprügelt, denn ich gehörte zu den Verlierern. Viele von uns waren bereits an Entkräftung gestorben, verhungert, an den nicht versorgten Wunden verreckt oder begingen in einer stillen Minute Selbstmord, um diesem Elend zu entfliehen. Wir wurden allen erdenklichen Qualen und Demütigungen dieser Erde ausgesetzt. Ob es gerecht war, kann ich nicht sagen, aber wir wurden systematisch von den Siegern ausgelöscht. Bei Oldenburg wurden wir befreiten Polen ausgeliefert, die uns stundenlang mit Brettern und Dachlatten durchprügeln und sogar erschlagen durften. Wer sich wehrte, wurde erschossen. Ich überlebte und wurde geschunden, wie ich war, nach Bremen getrieben. Von viertausend Männern lebten noch etwa achthundert. Dort gerieten wir in die Hände eines Statistikers, der an uns Wahrscheinlichkeitsrechnung ausprobierte. Jeden Morgen wurden wir von Grohn in den Knoops Park getrieben, um das Urnenspiel dieses Sadisten zu spielen. In einer Urne lagen fünf Kugeln, zwei weiße und drei schwarze. Die Weißen bedeuteten, man durfte weiter Leben und die Schwarzen bedeuteten die sofortige Erschießung. Zweimal bereits hatte ich Glück gehabt und eine weiße Kugel gezogen. Sie mögen denken, es würde einen glücklich machen zu überleben. Nein, es war mir mittlerweile egal, ob ich lebte oder erschossen wurde, da ich schon längst vollends abgestumpft war.

Aus einem mir unbekannten Grund hatte ich Angst vor diesem Tag, denn wieder wurden wir aus den Zelten getrieben, um unseren Marsch zu dem Hinrichtungsplatz zu machen. Ich hatte an diesem Morgen großes Glück, ich bekam nur zwei Mal einen Schlag mit einem Gewehrkolben ab. Meine Stirn war aufgeplatzt und Blut rann mir in die Augen. Auf das Kommando eines Soldaten begannen wir zu marschieren, so wie leblose Puppen. Alle, die umfielen, wurden mitleidlos von den uniformierten Sklaventreibern erschossen. Neben mir marschierte ein Ukrainer, der mächtig stolz auf seine vielen Orden war und trotzig den Amis widerstand. Vor mir starb ein Kamerad, und so gelangte ich neben einen jungen Leutnant. Dem Mann fehlte ein Arm, ich weiß nicht mehr, ob es der rechte oder linke Arm war, aber dieser Mann war offenbar der einzige Christ im Umkreis von zig Kilometern. Unterwegs forderte mich der Mann auf zu beten. Ich weinte, denn ich wusste nicht, wie das ging. Ich hatte noch nie zuvor gebetet, weil es so etwas bei der SS nicht gab. Ruhig sprachen wir auf dem Marsch ein Gebet, welches mir eigenartig vertraut und doch fremd war. Wir gelangten schließlich wieder auf die Wiese bei dem ehemaligen Flak-Leitstand. Rüde trieb man uns in Glieder zu fünf Männern zusammen und wir warteten darauf, zur Urne geprügelt zu werden. Ich sah einige Schneeflocken, zertretenes Gras und einige Kameraden. Ich versuchte, nach oben zu schauen, in der Hoffnung Gott zu sehen, aber ich sah ihn nicht. Es waren zu viele Wolken am Himmel, und die Schneeflocken machten es noch schwerer, einen Blick gen Himmel zu werfen. Wieder näherten wir uns der vordersten Reihe und erst jetzt nahm ich die zynischen Befehle wahr. Immer wieder zerfetzten Schüsse die kalte Luft und danach herrschte eine kalte und beunruhigende Stille. Ich wusste, eigentlich hatte ich keine Chance diesen Tag zu überleben. Aber ich hatte dafür gelernt zu beten.

Dann wurden auch wir fünf Fragmente von menschlichen Seelen rüde zur Urne geprügelt, die schmucklos auf einem Tisch stand. Der Ami-Captain, der das zu verantworten hatte, saß wie üblich in seinem Jeep und führte akribisch Buch. An diesem Tag war sogar noch ein Britischer Offizier dabei und beäugte die perfide Prozedur skeptisch. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die beiden Offiziere eine diabolische Wette abgeschlossen hatten.

Ich war der Letzte in der Reihe und hatte somit keine Wahl, was für eine Kugel ich zog. Wie durch einen Schleier der Ohnmacht nahm ich alles wahr, denn eigentlich war ich schon tot. Der Erste griff in die Urne und zog eine schwarze Kugel. Der Zweite zog eine weiße Kugel und der Dritte zog eine schwarze Kugel. Ich hatte inzwischen rasende Angst und ahnte, dass kein Mensch so viel Glück haben könnte, um diesem satanischen Spiel zu entrinnen. Neben mir der Leutnant stupste mich an. „Zieh beide Kugeln, die schwarze ist für mich. Du bist jung und ich bin schon seit Jahren tot. Nimm diesen Brief und gebe ihn meinen Eltern.“ Ich zog zwei Kugeln und der Leutnant nahm die schwarze Kugel. Es gab lautes Geschrei, und Gewehrkolben malträtierten unsere Rücken. Der Ami und der Brite kamen auf uns zugelaufen. Ich hörte den US - Offizier. „It’s impossible!“ Doch der Brite lachte nur. „Pure Boy, where is my money and the bottle Whiskey!“ Die beiden Herren stritten noch eine Zeit lang, bis sie sich geeinigt hatten. Der Leutnant betete ein letztes Mal und wurde dann fort getrieben. Ich bekam eine Schaufel ins Gesicht geschlagen und wurde auch in das Tal neben den zwölf Aposteln getrieben. Als ich die Bäume sah, liefen mir Tränen aus den Augen, nicht weil ich Angst hatte, sondern weil sich ein fremder Mensch für mich opferte. Auf halbem Weg hörte ich das Erschießungskommando. Es waren zig Schüsse. Im Tal angelangt mussten wir die erschossenen Kameraden aufsammeln und auf Lkw laden. Ich kniete mich neben den Leutnant und schloss ihm die Augen. Bei dem Versuch, ihm die Arme auf dem Oberkörper zu legen, scheiterte ich. Ich heulte, denn nicht einmal das gelang mir. Wir verluden die Toten rasch auf den Lkw und kurz darauf wurde ich dem Briten übergeben. Erst bei diesen Tränen merkte ich, dass ich ein Mensch war, der immer noch Gefühle in sich trug. Jahre später erfuhr ich zufällig, dass ich einer von nur drei Überlebenden von diesem systematischen Massenmord war. Der Ami wurde Chefstatistiker für eine Versicherungsfirma, der sich einzig mit dem Ableben von Menschen bei Flugzeugabstürzen auseinandersetzte.

Nach der Kriegsgefangenschaft versuchte ich, den Brief an die Eltern zu übergeben, aber es gelang mir nicht. Die Eltern von dem Leutnant waren ausgebombt worden, und die Schwester hatte ein noch schlimmeres Schicksal ereilt. Ich erfuhr immerhin, dass der Leutnant der Sohn eines Pastors war und genauso wie sein Vater Pastor werden wollte. Ich öffnete daher den Brief und erkannte, dass der Brief an Gott gerichtet war. Der Leutnant hatte nur geschrieben. „Herrgott vergib mir meine Schuld und vergebe auch meinen Peinigern.“ Der Rest in dem Brief war scheinbar an mich gerichtet. Ich befolgte die Ratschläge. Immerhin wusste ich nun, wohin ich mich wenden sollte. Als Waisenkind hatte ich keine Heimat, also ging ich zum Priesterseminar, um das zu lernen, was dem Leutnant verwehrt blieb. Erst später erkannte ich, dass Gott um jede Seele weint, die geschunden bei ihm erscheint. Erst viele Jahre später fand ich meinen Frieden. Und immer, wenn ich Schneeflocken vom Himmel fallen sehe, dann bete ich still für mich alleine, denn jede Schneeflocke verkörpert für mich die Seele eines Menschen, der während des Krieges unschuldig starb und als Schneeflocke noch einmal auf eine friedliche Welt schauen darf.

Fragt nicht, ob ich mich als Täter fühle und meine Taten bereue. Ich kann darauf keine Antwort geben, weil ich niemals eine Wahl hatte. Ich weiß nur, dass ich im Krieg jederzeit wie ein dressierter Hund handelte - und schoss, weil feindliche Soldaten auf mich schossen. Schossen wir nicht auf die Gegner, so schossen unsere Vorgesetzten auf uns, da wir angeblich Feiglinge waren. Wäre ich mutiger gewesen, dann wäre ich früher zu einem Mann mit einem Gewissen geworden, der mutig gehandelt hätte. Und noch ein Gedanke: Bei der Erschießung wusste ich nicht einmal mehr, ob ich ein Mensch mit einer Seele war. Heute weiß ich, dass die Amis und Russen keine besseren Menschen waren, sondern nur Sieger eines blutigen und unnötigen Krieges.
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