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The Walking Dead - Carpe Diem

von Nayfe
GeschichteAbenteuer, Horror / P16 / Gen
Carol Peletier Daryl Dixon Glenn Rhee Maggie Greene Rick Grimes
20.03.2015
04.04.2021
122
581.745
91
Alle Kapitel
249 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
23.11.2015 6.107
 
Hallo meine lieben Leser,

vielen lieben Dank für die Reviews von Bibo, Riiiiesenfan, Finus und MissLin zu den vorherigen Kapiteln.
Es freut mich immer wieder, wenn ich derartige Rückmeldungen bekomme ;)

Mittlerweile darf ich mich ebenfalls über 24!!! Empfehlungen und 92!!! Favos freuen und bin immer noch sprachlos, wenn ich das sehe.
Dahingehend bin ich vermutlich bescheiden, wenn ich mich abermals wiederhole und sage, dass ich mit so etwas niemals gerechnet habe.
VIELEN DANK!!!

Ein weiteres Dankeschön geht hier an RikkuWinchester und iloveBungie, die mein geistiges Chaos beseitigen und mich vor Hängern bewahren!
Ihr seid einmalig!

Zu diesem Kapitel:
Es wurde sehr lange herbeigesehnt und einige von euch haben mich schon darauf hingewiesen, wie gespannt sie auf dieses Kapitel sind ;)
Showdonw Teil 3.
Zeitlich gesehen spielt es parallel zu den Woodbury-Kapiteln (das hatte ich noch vergessen zu erwähnen).
Ich hoffe, ich kann euren Anforderungen gerecht werden und die beiden Streithähne werden zum Großteil orignial bleiben. Darauf lege ich großen Wert, allerdings kann dies nicht immer gelingen - doch lest selbst ;)
Es hat Überlänge, was jedoch auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass es eine Schlüsselszene zwischen den beiden ist und ich ihnen hier viel Raum geben werde.

Viel Spaß beim Lesen,
eure Nayfe ;)
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Daryl Dixon und Jenna M. Walker

Sie sprachen kein Wort miteinander und jeder jagte für sich, obgleich sie abends zusammen lagerten, um die Gefahr möglichst gering zu halten, von Plünderern oder Beißern überrascht zu werden – eine wortlose Absprache.  
Ausgerechnet wegen dieser Prügelei hatten sie einander verdient und mussten nun gemeinsam hier draußen versauern.
Beide leckten ihre Wunden, die sie sich während der Prügelei gegenseitig zugefügt hatten und keiner wusste so recht, was sie hier draußen miteinander anfangen sollten. Rick hatte ihrer Ansicht nach vollkommen überreagiert, aber sie konnten es ihm nach Loris Tod nicht verübeln, sodass sie widerwillig seiner Anweisung gefolgt waren und sich nun im Wald aufhielten – eine schöne Bescherung.

Daryl hatte heute zwei seiner aufgestellten Fallen geleert und anschließend wieder gespannt, nur Jenna war bisher leer ausgegangen – keine Beute.
Seit einer Woche waren sie nun schon hier draußen und bislang hatte Jenna nur einen Hasen geschossen, ansonsten begnügte sie sich mit irgendwelchem Grünzeug, das sie unterwegs fand und es essbar schien. Daryl kannte sich mit der Jagd sehr gut aus und ihm waren einige Dinge bekannt, die die Soldatin sich einverleibte – Kräuterhexe – und wunderte sich darüber nicht sonderlich.  
Überlebenstraining.
Das gehörte bei der U.S Army wohl auch zur Grundausbildung und anscheinend hatte Jenna diesen Part ihres Berufs auch nie vernachlässigt.  
Ein wenig fand er das schon beeindruckend, doch das würde er ihr unter keinen Umständen zum jetzigen Zeitpunkt unter ihre Nase reiben – eher würde er sie ihr brechen.
Die Situation zwischen ihnen war angespannt, aber sie hatten sich wortlos auf Schweigen geeinigt. Daryl ging voraus, Jenna folgte ihm schweigend und wenn er rastete, tat sie es ihm gleich und nach einigen Lagern verlief das erstaunlich gut – damit hatte er nicht gerechnet.
Er dachte seit seinem Fund der Bilder daran, was sie wohl durchgemacht haben musste, bevor sie der Gruppe begegnet war – er konnte es nur grob erahnen.

Die Fotos bereiteten ihm Kopfzerbrechen.


Am heutigen Marschtag beschlich Jenna indes quälender Hunger, sodass sie einfach noch ein paar Blätter von der Minze aß, die das Hungergefühl abklingen lassen sollten, doch morgen würde sie eine richtige Mahlzeit brauchen, sonst konnte es ein wenig ungemütlich werden – sie hatte jetzt schon schlechte Laune.
Da der Jäger seine Beute nicht teilen würde, musste ihr bald etwas vor den Bogen laufen, denn sie konnte keine Fallen aufstellen.
Degataga hatte dafür zu kurz gelebt, um ihr das auch noch zu zeigen und mit Strategie kam man bei Hasen nicht unbedingt weit.
Es musste etwas Kleines sein, weil ein Reh zu schnell verderben würde und man verschwendete in solchen Zeiten kein Fleisch – zu kostbar.

Daryl war anfangs überrascht gewesen, wie gut Jenna seinem Tempo folgen konnte und es schien sie nicht zu erschöpfen.
Er wusste nicht viel über die Ausbildung bei den Special Forces – er würde den Teufel tun und Jenna danach fragen – und konnte anhand ihrer Zähigkeit nur erahnen, wie das Training ausgesehen haben musste, das sie absolviert hatte.
Zudem erschien ihm die Soldatin nicht der Typ, der leicht aufgab, denn das hatte er bereits seit ihrem Auftauchen bemerkt – sie suchte sich ihren Weg – doch Carols Warnung in Bezug auf ihre Erwartung, dass beide heil wieder zur Gruppe zurückkehrten, ließ ihn kurz darüber nachdenken, ob er ihr nicht etwas von seinem Abendessen abgeben sollte.
Diese Maßnahme sollte ihre Probleme miteinander lösen und er wusste, dass Rick nur ein Ergebnis in diese Richtung akzeptieren würde – sie waren in einer Zwickmühle gefangen.
Wie ging man so etwas überhaupt an?

Sie waren sich hier draußen derart fremd, dass keiner es im Geringsten wagte, dem anderen zu nahezutreten und das noch nicht einmal aus purer Rücksicht.  


Bei Einbruch der Abenddämmerung suchte Daryl wie üblich den Lagerplatz aus, während Jenna das Lagerfeuer entfachte und sich anschließend an einen Baum setzte, nachdem sie einen Pfeil in eine Astgabel mit einem Seil geschossen hatte – sie hatte nichts zu essen.
Daryl säuberte seine beiden Beutetiere, nahm sie aus und versteckte Kopf, Läufe, Schwanz, Fell und Innereien unter einem Haufen Blätter.
Das Fell hätte ihm vielleicht noch nützlich werden können, aber auf dieser Tour behinderte es ihn nur und der Geruch konnte womöglich Beißer anziehen. Mit seinem Jagdmesser zerlegte er beide Kaninchen, schnitzte sich anschließend einen Ast zu einem Spieß, den er auf zwei weitere Äste legte, die Jenna rechts und links des Feuers aufgestellt hatte, wodurch das Fleisch schön gleichmäßig gebraten werden konnte.
Die Soldatin musste sich dagegen mit ihren Minzblättern begnügen, wobei ihr der Geruch von gebratenem Fleisch nicht gerade behilflich war, ihren knurrenden Magen zum Schweigen zu bringen.
Daher trank sie an ihrer Wasserflasche, um auf diese Weise ihrem Hunger Einhalt zu gebieten – sie war schon mal eine kurze Zeit ohne Essen ausgekommen – und zückte anschließend ihr Feldmesser, um ein paar der gesammelten Äste zu neuen Pfeilen herzustellen, da mehr davon ihr noch nie geschadet hatten und Ablenkung bei einem knurrenden Magen auch hilfreich sein konnte.
Derweil brieten die Kaninchenstücke über dem Feuer, wobei Daryl angesichts seiner Begleiterin langsam ein schlechtes Gewissen bekam und nicht verstand, weshalb sie sich nicht einfach auch Fallen baute.
Carols mahnender Zeigefinger konnte er vor seinem Auge sehen, doch er ignorierte ihn – sollte sie sich doch selbst etwas zu essen besorgen!

Bei Einbruch der Nacht sicherte er den Lagerplatz ein wenig ab, lehnte sich wie Jenna gegen einen Baum und döste weg – er wusste, dass die Soldatin nicht richtig schlafen würde. In den letzten Lagern hatte sie selten ihre Augen geschlossen und wenn überhaupt schien sie nur gedöst zu haben.
Daryl vertraute nicht darauf, dass sie ihn bei Gefahr wecken würde, daher hatte er überall Stolperfallen mit Metallteilen errichtet, die in rechtzeitig warnen würden – nur zur Sicherheit.  
Auf dem Boden fiel es Jenna schwer, sich derart zu entspannen, dass sie wie Daryl hätte dösen können, obgleich es ruhig war – seine Sicherheitsvorkehrungen beruhigten sie jedoch keineswegs.
Sie waren einige Kilometer vom Gefängnis entfernt, bewegten sich aber nie weiter als drei Tagesmärsche davon weg – nur zur Vorsicht.
Da sie auch nicht abgesprochen hatten, ob sie sich gegenseitig hier draußen beschützten, galt für Jenna auf dem Boden weitaus mehr Wachsamkeit als wenn sie sich auf ihn verlassen hätte – nie im Leben!
Carols Worte über die Art und Weise ihrer Lebensrettung hallten in ihrem Kopf wieder und Jenna blickte unauffällig zu Daryl hinüber, während die Frage nach dem „Warum“ in ihr immer stärker wurde.
Er hatte ihr das Leben gerettet und es mit keinem einzigen Wort erwähnt – ähnlich wie sie bei Beth – und sie stand damit bei ihm tief in der Schuld. Die gesamten letzten Tage hatte Jenna darüber nachgedacht, aber war zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen ohne ihn direkt darauf anzusprechen, doch sie schuldete ihm ein Leben – wie bei Hershel.
Vielleicht würde sie die Entscheidung bereuen, doch sie beschloss, ein Auge für den Jäger offen zu halten und ihn zu beschützen – ihr Leben für seines, um diese Schuld zu begleichen, denn Rechnungen ließ sie ungerne offen.

Als die Morgendämmerung einsetzte, war Jenna bereits auf den Beinen und hatte nach Wasser gesucht, denn ohne Essen war Wasser das wichtigste und überhaupt stets ihr erstes Bestreben, wenn sie überleben wollte – sie füllte sogar Daryls Vorrat auf – und kehrte ins Lager zurück.
Dort kochte sie es ab und fügte ein wenig Jod hinzu, das Hershel ihnen mitgegeben hatte. Zudem hatte ihr kleiner morgendlicher Ausflug ihr auch ein Geschenk gemacht, das ihren Hunger stillen würde: Pfeilkraut.
Das einzig Gute und zugleich schlechte an dem Bundesstaat Georgia war, dass er viele Tümpel, Flüsse, stehende Gewässer, Seen oder Moore besaß, in denen man entweder Nahrung oder Mücken vorfand. Letztere waren in den Sommermonaten derart lästig, dass man noch nicht einmal eine Nacht ohne Stiche hätte draußen verbringen können – drinnen war es jedoch nicht unbedingt besser.
In der Nähe ihres Lagers befand sich ein kleiner See und sie hatte sich soeben wie ein Kleinkind gefreut, als sie diese Pflanze dort hatte wachsen sehen – Essen.
Die Knollen dieser Pflanze waren essbar und würden eine sättigende Mahlzeit abgeben, wenn sie diese im Wasser kochte – sie schmeckten ein wenig nach Kartoffeln – und brachten ihr zudem ausreichend Kohlenhydrate.
Es war besser als gar nichts, solange ihr noch kein Kaninchen vor den Bogen gelaufen war und die Knollen würden sie vor dem Hungertod bewahren.
Zum Glück lag überall in der Gegend irgendwelcher Müll herum, den andere Menschen in Eile und Panik liegen gelassen hatten, wodurch sie vor einigen Tagen einen kleinen Kochtopf hatten ergattern können und Jenna holte das Feldbesteckt aus ihrer Rucksackweste, um es zur Zubereitung zu verwenden.
Während Daryl sich noch nicht regte, erhitzte sie das Wasser, warf die Knollen rein und wartete hungrig auf ihre erste richtige Mahlzeit seit Tagen – blöde Kaninchen.

Daryl erwachte kurz bevor die Knollen fertig waren und wunderte sich, dass die Soldatin plötzlich relativ gute Laune zu haben schien, registrierte jedoch schnell den Grund: sie hatte wieder irgendwelche Pflanzen gefunden.
Allerdings kannte er diese auch und war ein wenig überrascht, dass sie Pfeilkraut gefunden hatte – sehr clever.
Kräuterhexe.

Er beobachtete, wie sie jede Knolle einzeln aus dem kochenden Wasser fischte, diese mit ihrem Feldbesteck schälte und gierig herunterschlang, sodass er mitansehen konnte, wie groß ihr Hunger gewesen sein musste und dennoch hatte sie sich kein einziges Mal beklagt – er hätte ihr etwas abgeben sollen.
Neben ihm standen zwei volle Wasserflaschen, was bedeutete, dass sie ihn wohl auch mit Trinkwasser versorgt hatte – wieso?
Hier draußen waren sie einander einerseits näher, doch andererseits keinen Schritt weiter als im Gefängnis und wussten nicht, was sie miteinander anfangen sollten – das war hier draußen noch deutlich als drinnen.
Hier waren Machtspiele nicht geboten, weil sie Gefahr bedeuteten und keiner das beabsichtigte, sodass letztendlich das Schweigen ein Ausdruck der Ratlosigkeit war, weil sich keiner traute, auch nur irgendetwas zu sagen und sie waren auch noch stur.
Doch Carols Worte begleiteten beide auch an diesem Tag durch den Wald und sie beobachteten sich gegenseitig.
Jennas Hunger war vorläufig gestillt, zudem hatte sie noch einige gekochte Knollen als Vorräte mitnehmen können und wenn sie noch ein Kaninchen schoss, würde sie eine gute Mahlzeit am Abend haben – ein Festessen.

Sie brachen das Lager danach rasch ab und marschierten alsbald entlang der Bahngleise hintereinander und Daryl spürte einen Schatten in seinem Rücken, der sich zwar bedrohlich anfühlte, doch auch ein Gefühl von Sicherheit aufkam. Er wusste nicht, ob sie ihn im Notfall verteidigen würde, daher war er selbst wachsam, doch er überlegte, ob es tatsächlich so schlimm wäre, wenn sie das Kriegsbeil begraben würden. Im Gefängnis hatten sie die Gruppe gemeinsam verteidigt und wussten, was jeder von ihnen im Stande war, zu leisten – war es so schlimm?
Jennas Jagdglück hatte sie anscheinend verlassen, denn auch an diesem Tag ging sie leer aus – Daryl hatte vier Eichhörnchen schießen können.
Eichhörnchen waren flink und nur ein guter Jäger konnte sie schießen – sie war Soldatin und froh, wenn sie auch nur ein Kaninchen erwischte.

Die kleinen Dinge des Lebens.


An diesem Abend lagerten sie neben den Gleisen und das übliche Ritual hatte bereits stattgefunden, sodass ein kleines Feuer brannte, in dem ein Kessel mit heißem Wasser stand und auf die Eichhörnchen wartete – Jenna hatte ihre Knollen.
Es musste ihr reichen, doch dann warf Daryl ihr unerwartet ein Eichhörnchen vor die Füße und sie blickte ihn sowohl zornig als auch verwundert an.
„Was soll der Scheiß?“, fauchte Jenna ihn grimmig an und fuhr ihre Krallen gerade soweit aus, wie sie sich unter diesen Umständen traute, worauf Daryl sofort reagierte. Seine Gesichtszüge verspannten sich, er biss sich auf die Lippen und verfluchte die Sekunde, in der er ihr das Eichhörnchen gegeben hatte.
Er hatte versucht, nett zu ihr zu sein – sie schien das jedoch wenig zu interessieren.
„Was willst du eigentlich?“, knurrte er sie mürrisch an, wobei es die ersten Worte waren, die sie überhaupt miteinander nach der Prügelei wechselten.
Die Soldatin antwortete ihm nicht, stattdessen blickten sie sich unentwegt an, als sie plötzlich ein Rascheln hörten und Jenna aufschreckte – sie hasste dieses Geräusch.
Manche Geräusche riefen zur sofortigen Alarmbereitschaft und dies hier klang eindeutig nicht nach Kaninchen oder einem anderen Wildtier – das war größer.
Zudem bedeutete jedes Rascheln in einer Hölle Gefahr und Jäger und Soldatin waren sich sicher – das war keine Ausnahme.

Sie zog umgehend ihre beiden Schwerter aus den Scheiden, Daryl ergriff seine Armbrust und sie stellten sich wortlos Rücken an Rücken, wodurch sie die Präsenz des anderen spürten – sollten diese Viecher nur kommen!
Es war gänzlich ungewohnt, den anderen so nah an sich zu haben, aber viel besser als hier draußen zu sterben und das auch nur wegen eines dämlichen Streits.
Dann hörten sie auch schon das vertraute Ächzen der Beißer und es dauerte gar nicht lange, bis der Jäger aus seiner Richtung – Bahngleise – diese erblickte und seine ersten Pfeile abschoss, aber es wurden stetig mehr – eine Herde?
Jenna trat an seine Seite und ließ die Mistdinger auf sie zukommen, köpfte sie oder rammte die Klingen in die Köpfe, während Daryl Pfeil um Pfeil verschoss, doch es war zwecklos – je mehr sie erledigten, desto mehr kamen nach.
Sie spürten, dass sie womöglich als deren Abendessen enden konnten und das wollten sie auf jeden Fall vermeiden.
„Daryl! Rauf auf den Baum! Das sind zu viele! Scheiß auf das Abendessen!“, brüllte sie ihm panisch zu und er erblickte in ihren Augen das erste Mal Furcht –er bewegte sich nicht.
Dieser Moment fesselte ihn, denn die Soldatin war Beißern bisher recht unerschrocken entgegengetreten, sodass er auch hier davon ausging, dass ihre Angst nicht der Herde galt – sehr ungewohnt.
Galt sie ihm?

„Jetzt beweg deinen Arsch da hoch, es werden noch mehr kommen! Mach schon! Ich will nicht noch einmal jemanden verlieren!“, schrie Jenna weiter, riss ihn aus seiner Starre und ihre Stimme wurde eindringlicher und der Blick in ihren Augen, ließ ihn sofort handeln.
Eilig packte er alles in seinen Rucksack, lief zu dem Seil, das in Jennas Richtung an einem Baum herunterhing und kletterte mit geschulterter Armbrust daran den Baum hoch – Jenna kurz hinter ihm.

Die Soldatin hatte ihre Schwerter fallen gelassen, schien im Klettern geübter, hatte ihn direkt eingeholt und stand nun auf dem Ast, wobei sie mit verächtlichem Blick nach unten sah – eine Herde.
In den Wintermonaten hatte sie oft auf Bäumen Wache gehalten oder übernachtet, um Schlaf zu bekommen, denn ihre Aufgabe konnte sie nur ausgeruht erfüllen – die Gruppe beschützen.
Mehr und mehr Beißer strömten von der anderen Gleisseite zu ihnen herüber und liefen durch ihr Lager.
Einige blieben stehen und schielten hungrig nach den beiden Delikatessen hoch oben im Baum – Frischfleisch
„Na, ihr Pisser, ist schön da unten, nicht wahr?“, keifte Jenna und streckte ihren Mittelfinger furchtlos den ächzenden Mistdingern entgegen und Daryl sah erneut diesen kalten Blick in den Augen – er mochte ihn immer noch nicht.
Eine Bestätigung für seine Theorie, dass dies nicht der Grund für die Furcht in ihrem Blick gewesen war – blieb nur noch er selbst, doch das war unmöglich.
Sie hasste ihn – oder etwa doch nicht?
Allgemein war es schon schwierig aus Frauen schlau zu werden, doch bei ihr grenzte das schon an Unmöglichkeit – er verstand sie einfach nicht.
Manchmal tat sie Dinge, die ihn durchaus beeindruckten und dann war sie wieder derart kalt, dass sie ihm unheimlich war.
Die Fotos, die er in ihrer Innentasche der Rucksackweste gefunden hatte, gingen ihm erneut durch den Kopf, doch er schüttelte die Bilder weg – nicht der richtige Zeitpunkt.
Zudem war sein männlicher Stolz immer noch ein wenig genknickt, weil sie ihm ein hübsches Veilchen verpasst hatte – er hatte sich noch nie mit einer Frau dieser Art geprügelt und generell noch nie mit einer Frau.
Er wusste nicht, wie der Kampf ausgegangen wäre, wenn Rick sie nicht voneinander getrennt und für „Ordnung“ gesorgt hätte.
Sie hatten sich gänzlich ineinander verkantet gehabt und keiner hätte wohl nachgegeben.

Jenna holte das Seil ein, wickelte es sich um ihren Körper, nachdem sie ihr den Bogen an einem Ast mit dem leeren Schwerthalfter festgezurrt hatte und ließ sich auf die Astgabel nieder.
So saßen sie sich bis zum Einbruch der Nacht schweigend gegenüber, während Jenna in ihrem Notizbuch blätterte und Daryl sie beobachtete, weil es gerade nichts Interessanteres gab.
Warten war nichts für schwache Nerven und er beobachtete sie, wie sie sanft jede Seite umblätterte und sich damit die Zeit vertrieb.
Jenna spürte wieder seine beobachtenden Blicke und ihr stellten sich die Nackenhaare hoch – was für ein Problem hatte er nun schon wieder mit ihr?
Sie verhielt sich ruhig, störte ihn nicht und machte auch sonst keine Anstalten eine Konversation zu beginnen – wieso starrte er sie also an?
Unerwartet hob Jenna den Blick und sah Daryl an.

„Ich schätze es überhaupt nicht, so von dir beobachtet zu werden“, knurrte sie leise, aber nicht böse, eher stark genervt, „das machst du immer, egal wo wir sind! Auf der Farm, während der Wintermonate draußen, im Gefängnis und nun auch hier! Was zur Hölle ist so interessant an mir?“
„Ich verstehe dich nicht“, entgegnete Daryl wortkarg und Jenna sah ihn an – das war eine wahre Aussage.
Sie wusste, dass der Jäger meistens alles auch genauso meinte wie er es sagte und daher war sie über seine Aussage ein wenig verwundert.
Eigentlich war dies eine Eigenschaft, die sie an Menschen immer geschätzt hatte – man wusste, woran man bei diesen Menschen war.
„Was meinst du damit?“, fragte Jenna neugierig und musterte den Jäger eingehend. So viele Worte hatten sie ohne Streit bisher noch nie miteinander gewechselt – das war unüblich.
„Dein Verhalten“, erwiderte Daryl ruhig, „nichts daran ergibt einen Sinn.“
Jenna schnaubte und zog ungläubig eine Augenbraue hoch: „Muss denn alles immer einen Sinn ergeben? Sieh dich doch einmal um, macht diese Hölle hier etwa Sinn?“ „
Du weißt, was ich meine, also verspotte mich nicht“, entgegnete er energisch, „du rettest Beth von der Farm, gehst mit Rick einen Deal ein, den du nicht nötig hast, bleibst den gesamten Winter und stellst dich uns zur Verfügung, würdest mich am liebsten tot sehen und dennoch rettest du mir eben das Leben, obgleich du mich auch hättest sterben lassen können! Wer zur Hölle bist du, Jenna?“

Wer war sie?

Diese Frage stellte sie sich auch schon seit dem Verlust ihrer Familien und bisher hatte sie noch keine hinreichende Antwort darauf gefunden, die ihr genügt hätte.
„Wir sind hier draußen doch füreinander verantwortlich oder etwa nicht? Und vielleicht bin ich es einfach nur Leid, andauernd Menschen zu verlieren, die um mich herum sind“, antwortete Jenna betrübt, blickte auf ihre Stiefel und scheute Daryls Blick – aus Angst, er könnte sie für schwach erachten.
Besonders vor Männern Schwäche zu zeigen, war beim Militär gleichbedeutend mit Spott, Aufgeben und einer Freikarte zur Vergewaltigung gewesen. Sie hatte die Konfrontation mit ihren männlichen Kollegen nie gescheut und vermutlich hatte es bisher deswegen nur einer gewagt, sie zu bedrängen und dabei den Kürzeren gezogen.
Eine harte Mauer um sich herum zu errichten, war nicht schwer gewesen, sie oben zu halten auch nicht, aber sie bei Menschen wieder fallen zu lassen, die ihr nahestanden, hatte mehr Kraft als Errichtung und Aufrechterhaltung gekostet.
Daryl legte den Kopf ein wenig schräg, weil er sie noch nie so gesehen hatte – verletzlich und menschlich.

„Wie viele Menschen hast du verloren, Jenna?“, fragte er vorsichtig, denn er erkannte, dass dies ein Moment war, in welchem er selbst von ihrer Aussage getroffen war.
Die Fotos.
Wenn alle Menschen auf Jennas Fotos tot waren, dann hatte sie vierzehn Menschen verloren und das war eine Zahl, die er niemandem wünschte und sie der Soldatin viel bedeutet haben mussten, denn umsonst trug man keine Fotos mit sich herum.
„Ich habe Menschen verloren, die sich auf mich und meine Entscheidungen verlassen haben, die mir blind überall und durch jedwede Hölle gefolgt sind, in die wir geschickt wurden und ich das Kommando bekam! Sie haben mir vertraut! Jeder einzelne von ihnen und sie wären mir sogar in den Tod gefolgt, denn ich war ihr Lieutenant und sie meine zweite Familie und wenn sich dein Sergeant vor deinen Augen in den Kopf schießt, weil er sein Leben für deines gegeben hat und nicht als eines von diesen Dingern enden wollte, vergisst du das niemals mehr in deinem Leben“, entgegnete sie zittrig, sah ihn jedoch nicht an, weil sich Tränen in ihren Augen bildeten und sie ihm diese absolut nicht zeigen wollte – eigentlich konnten sie sich doch nicht leiden, oder?
Ihr Innerstes zog sich zusammen, als sie sich an McKinney erinnerte und am liebsten hätte sie angefangen zu schreien, doch sie ließ es nicht zu – das würde sie schwach in seinen Augen wirken lassen.

Es war das erste Mal, dass sie jemandem von diesem Ereignis erzählte und diesbezüglich war es ihr auch gleich, dass es Daryl war.
Dessen Welt wurde plötzlich mit aller Härte von der Tatsache getroffen, dass diese Frau dort vor ihm alles verloren hatte und die Menschen, die er auf den Fotos gesehen hatte, ihrer Aussage nach nicht mehr am Leben waren – sie war ganz alleine.
Sie hatte Verantwortung für sie gehabt und wie er sie nun einschätzte, musste sie wohl alles getan haben, um diese Menschen zu beschützen und war daran gescheitert – er fühlte das erste Mal mit ihr.
Wenn diese Frau von Verlust sprach, dann wusste sie wovon sie redete – das ergriff ihn und warf ein anderes Licht auf sie.

„Das tut mir leid, Jenna“, sagte er leise, sie blickte ein wenig überrascht auf, nickte dann jedoch, womit sie ihm zu verstehen gab, dass sie seine Anteilnahme akzeptierte.
„Was ist mit den anderen drei Menschen? Den beiden Kindern“, fragte er weiter, „und diesem Mann? Sind sie auch…?“
„Ich wünschte, ich könnte von ihnen mit Gewissheit sagen, dass sie tot sind“, presste Jenna hervor, biss sich auf die Lippen, weil es so tief in ihr schmerzte, dass sie glaubte, gleich erneut losschreien zu müssen, „aber ich weiß es nicht. Als die Hölle ausbrach, war ich in Atlanta und sie bei Keith auf dem Stützpunkt. Er hat auf sie aufgepasst und nicht zu wissen, ob sie noch leben oder bereits tot sind, …ist ein Gefühl, das ich nicht beschreiben kann und mich jeden Tag aufs Neue begleitet. Sie sind meine Geschwister, Daryl, und ich bin als große Schwester doch für sie verantwortlich!“
Die letzten Worte gaben dem Jäger den Rest – sie waren ihre Geschwister – und die Frau dort vor ihm sorgte sich mehr um diese Kinder als um sich selbst. Dieser Mensch war alles andere als kalt, doch in ihrem Inneren war sie genauso einsam wie er sich ganz zu Beginn gefühlt hatte.
„Ich hatte auch mal einen Bruder, sein Name war Merle, doch wir haben uns auch verloren“, sagte Daryl und Jenna wusste, dass er ihr so sein Bedauern über ihren Verlust aussprach – sie wusste das zu schätzen.
„Das tut mir leid“, erwiderte Jenna und Daryl nickte – so lange und offen hatten sie noch nie ohne Streitereien miteinander gesprochen, doch es tat gut.

„Wieso hast du mir nie erzählt, dass du mir das Leben mit deinem Blut gerettet hast?“, fragte Jenna direkt, weil sie es nun unbedingt wissen wollte und wo sie gerade einmal dabei waren, sich zu unterhalten, musste auch dies endlich einmal geklärt werden.
„Carol hat es dir also gesagt?“, stellte Daryl fest.
„Ja, kurz bevor wir hier gelandet sind“, antwortete Jenna und machte mit ihrem Zeigefinger eine kreisende, abschätzige Bewegung, um auf die Umgebung hinzudeuten – das Exil.
„Mein Pfeil ist in dir gelandet, hatte sich dort verhakt und eine Arterie verletzt. Du hast so viel Blut verloren, dass du den Eingriff nicht überlebt hättest, aber niemand außer mir…“, erklärte Daryl abgehackt, denn die Ereignisse hatte er noch lange nicht vergessen und würde es auch nie, „und wir hatten gerade Sophia verloren…“
„Und danach waren wir einfach zu nett zueinander, verstehe…“, vervollständigte Jenna seinen Satz, „und was machen wir nun? Wir haben uns geprügelt und alles danach wäre töten und das will ich nicht. Die Gruppe braucht dich und ich bin diese Streitereien mit dir leid, weil sie mir viel Kraft rauben und ich müde bin, Daryl, und permanent auf diese Scheiße hier kotzen könnte.“
Diese Frage war berechtigt, denn nach einer Prügelei wäre nur noch der Tod gekommen und davon hatte Daryl selbst in seinen schlimmsten Alpträumen abgesehen – sie verdiente den Tod nicht.
Er wusste, wovon sie sprach und erinnerte sich, wie oft er auf die Scheiße in seinem Leben hatte kotzen wollen und erst recht auf diese hier.
So verschieden waren sie in dieser Hinsicht schon einmal nicht.
Es war zwar ein wenig ungewohnt, ihre innersten Gedanken derart offen zu hören, aber er begriff, dass sie ihn nun wissen ließ, wer sie war und es sich gut anfühlte, diese Art von Sicherheit zu haben.
„Vielleicht überleben“, schlug Daryl vor, „und dieses Mal gemeinsam?“ „Klingt nach einer guten Idee, Daryl“, stimmte Jenna ihm zu und beide sahen sich an – ein Wendepunkt in ihrer Fehde.

„Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du ziemlich hart zuschlagen kannst?“, wechselte Daryl das Thema, indem er auf sein Veilchen deutete und Jenna lächelte – es war das erste Lächeln, das er bei ihr sah, welches ihm gegenüber nicht mit Kälte versehen war.
Dieses Lächeln hatte etwas Friedvolles an sich und glitt direkt in ihre Augen über, die ihn in diesem Moment sogar ein wenig faszinierten – dort war viel Wärme zu sehen und das kühle Blau wirkte ungewohnt warm.
„Nicht direkt“, antwortete Jenna amüsiert, „aber vermutlich hatten sie dazu auch keine Gelegenheit, während der Kompanieführer sie zusammengestaucht hat und manchmal kann es durchaus von Vorteil sein, wenn man in der Army eine Frau ist. Ein Vorgesetzter würde niemals vermuten, dass eine Frau eine Schlägerei angezettelt hat. Wer würde seinem Captain zudem gerne erzählen, dass eine Frau ihn verprügelt hat? Tut mir leid, mit dem Veilchen.“
Daryl musste für sich ein wenig grinsen, denn das passte wiederum zu Jenna wie er sie kennen gelernt hatte.
„Habe ich wohl verdient“, brummte er, wobei er sich an den Auslöser für die Prügelei erinnerte, „tut mir leid wegen dem Chaos. Die Menschen auf den Fotos waren dir sehr wichtig.“
„Sie sind es immer noch, Daryl, nur weil sie tot sind, bedeuteten sie einem nicht plötzlich weniger“, meinte Jenna wieder ernster, „aber wäre es in Ordnung, wenn wir das Thema wechseln? Ich…“
Er nickte umgehend und verstand, dass es wohl noch zu früh war, um mit ihr über solche Dinge zu sprechen und respektierte das – diese Frau hatte sich gerade seinen Respekt verdient.
Sie mochte anders sein als die Frauen, die er bisher in seinem Leben vor dem Ausbruch kennen gelernt hatte, aber sie war kein schlechter Mensch und er spürte Reue über all die Dinge, die er ihr an den Kopf geworfen.

Sie war alles andere als eine Schlampe, Hure oder ein Miststück.  

Daryl begann langsam zu verstehen, wer Jenna eigentlich war – eine große Schwester auf der Suche nach ihrer Familie – und ein Lieutenant, der seine gesamte Einheit – Menschen, die ihr immer noch wichtig waren – an den wandelnden Tod verloren hatte.
Jemanden wie Jenna in seinem Leben zu haben, wäre für ihn vermutlich alles andere als schädlich und irgendwie wusste er, dass sie ihm die Geschichten erzählen würde, wenn ihr danach war – nur nicht jetzt.
„Wieso verpflichtet sich eine Frau zum Dienst bei der Army?“, wechselte Daryl das Thema, weil er glaubte, dass dies eine neutralere Ebene war, denn Jenna erzählte einiges aus ihrem Soldatenleben – die Frage nach dem Grund konnte doch da nicht schaden?
Mit dieser Frage hatte Jenna nicht gerechnet, obgleich Rick ihr diese einige Male gestellt hatte – was sollte sie antworten?
Sie wollte dem Jäger nicht ihre gesamte Lebensgeschichte offenbaren, denn sie wusste nicht, wohin dieses momentane Gespräch führen würde und sie ihn noch nicht gut genug dafür kannte, um ihm alles zu erzählen.
Es reichte, wenn er von ihrem Verlust wusste und sie hatte bemerkt, dass ihm dies durchaus auch irgendwie nahe gegangen war – sein Mitgefühl war echt gewesen.
Dieses Gespräch war mehr als sie jemals voneinander erfahren hatten und in gewisser Weise tat es gut, einmal mehr von sich zu erzählen als nur ihre Soldatenanekdoten, doch diese Sache ging ihn noch nichts an.
Daryl bemerkte, dass sie zu überlegen schien, was sie ihm antworten sollte und hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Lächeln, das ihre Mundwinkel bei seinem „Kompliment“ umspielt hatte, dabei wieder ersterben würde – es machte sie so warm und menschlich.
Hatte er etwas Falsches gefragt?

Er wurde zudem wieder ein wenig unsicher, als Jenna sich auf die Unterlippe biss und ihn ernster ansah: „Manchmal hat man im Leben nicht die Wahl, Daryl, und du musst dies einfach tun, weil es keine andere Möglichkeit mehr gibt, sondern nur diesen einen Weg, den du gehen kannst. Vielleicht ist dir das auch nicht so fremd.“

Sie saßen sich gegenüber und blickten sich an und erkannten, dass sie sich ebenbürtig waren – es brauchte nicht viele Worte, um das zu verstehen, was sie nun voneinander und übereinander dachten.
Womöglich verhielt es sich mit Menschen so, die einander ebenbürtig waren – sie konnten nichts miteinander anfangen.
Beide besaßen Fähigkeiten, die sie zum Überleben prädestinierten und ihnen die Möglichkeit einräumten, dem Grauen dieser Hölle erhobenen Hauptes, mit beiden Mittelfingern und ihren Waffen entgegen zu treten – sie waren bereits hiervor Überlebende gewesen und sie hatten es nicht erst lernen müssen.
Daryl glaubte zu wissen, wovon sie sprach und in diesem Punkt fühlte er sich das erste Mal nicht alleine, zumindest nicht bei Jenna – ungewöhnlich.
Beide hatten an ihren Fronten gelitten, doch sie hatten überlebt und es war dieser Funke in ihren Augen, diese feine Nuance, die sie von den anderen von Anfang an unterschieden hatte – ein Jäger und eine Soldatin.
Das war es wohl gewesen, dass beide dazu angestiftet hatte, die Grenzen des anderen kennen zu lernen – man musste den anderen Überlebenden kennen.

Aus ihrer Antwort hatte er heraushören können, dass Jenna der Army nicht derart freiwillig beigetreten war, wie er das bisher immer angenommen hatte – keine Wahl.
Was das bedeutete, musste sie ihm nicht erklären – früher hatte er das auch nie gehabt.
Hatte er das jetzt?  
Er wusste es nicht so recht.

Merle hatte viel über ihn verfügt, wenn er mal nicht in Haft gewesen war und er hatte sich treiben lassen, doch seitdem sein Bruder nicht mehr da war, hatte er angefangen, eigene Entscheidungen zu treffen und für sich selbst und andere Menschen verantwortlich zu sein – das wurde ihm in diesem Moment ein wenig bewusster.  

Sie schwiegen wieder und Daryl bemerkte, dass ihr Blick ein wenig betrübter wurde und sie ihre Gedanken abschweifen ließ, weit weg von ihm hinaus in die Weite von Georgia und sie fragte sich, wo ihre Familie wohl in diesem Augenblick war.
Ihm war dieser  Blick an ihr unangenehm, weil er glaubte, dass sie gleich vor seinen Augen zu schluchzen begann – hatte er etwas falsch gemacht?
Er wusste nicht, was er von ihrer derzeitigen Situation halten sollte, doch er wollte nicht, dass sie in irgendeiner Weise traurig war – sie hatte schon genug durchgemacht.
Jetzt, da er mehr von ihr wusste, kam sie ihm nicht mehr so kalt und unberechenbar vor und dieser Blick verbarg ihre Sehnsucht nicht.
Daher fasste er spontan – wie damals bei Andrea – einen recht seltsamen Entschluss und erzählte etwas von sich, da sie ihm einiges von sich eröffnet hatte und glaubte, ihr etwas schuldig zu sein: „Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, bin ich mal im Wald verloren gegangen und habe mich verlaufen. Tagelang bin ich dort draußen umhergeirrt, habe Beeren gegessen und mir den Hintern mit Giftefeu abgewischt. Das hat tagelang gejuckt wie Scheiße.“
Sofort fuhr Jennas Kopf herum, zunächst blickte sie ihn verwundert an, doch dann brach sie in schallendes Gelächter aus – einfach zu köstlich.
Der Schütze war verwirrt, denn er hatte sie noch nie lachen gesehen oder gehört.
Sie lachte über sein Missgeschick und das fand er gar nicht so lustig wie sie, doch ihr Lachen hatte etwas an sich, das er faszinierend und besser fand als die Kälte, die sie sonst umgeben hatte.
„Oh, Mann“, lachte Jenna aus vollem Herzen und ihr stiegen Tränen in die Augen, „wieso haben alle Männer, denen ich bisher begegnet bin, immer irgendetwas mit ihrem Hintern gehabt!“

Wie lange hatte sie nicht mehr so gelacht?

Es fühlte sich nach einer halben Ewigkeit an, doch es tat so verdammt gut und alles in ihr wurde plötzlich ruhiger – sie entspannte sich.
Die Zerrissenheit, die ihr Herz fest umklammert hatte, löste sich und ließ sie durchatmen, während ihr Lachen durch die Nacht erschallte.
Dann erinnerte sie sich an das, was sie einst mit ihrer Einheit nach harten Einsätzen getan und all die schlechten Erlebnisse verdrängt hatte – sie hatte gelacht.
Gerade hatte Daryl ihr etwas in Erinnerung gerufen, das sie lange vergessen hatte und sie wusste nicht, wie sie ihm dafür danken sollte, wenn gleich sie sehen konnte, dass es ihm nicht gefiel, wenn man über ihn lachte und er bei ihrer Aussage ein wenig verwundert dreinblickte.
„Schön“, knurrte er missmutig, „du lachst mich aus.“
Er wusste nicht, was er mit einer lachenden Jenna anfangen sollte, erst recht wenn sie ihm irgendetwas von anderen Männern und ihren Hintern erzählte, aber er mochte ihr Lachen trotz der Seltenheit – sie wirkte so unerwartet menschlich und entspannt.
„Ach, Daryl“, lachte Jenna und wischte sich mit ihrem Ärmel der Lederjacke die  Lachtränen weg, „ich habe lange nicht mehr so gelacht wie gerade, aber das hat nicht nur etwas mit dir zu tun. In meiner Einheit hatte ich einen Schotten, er war mein Sergeant und während eines Einsatzes hat er eine Kugel in seinen Hintern bekommen, geflucht wie ein Berserker, dass der Schütze sein blaues Wunder erleben könnte, weil er ihm in seinen „schönen schottischen Arsch“ geschossen hatte. Meine Einheit hat anschließend folglich auch dafür gesorgt, dass er diesen Moment nie wieder in seinem Leben vergessen hat und letztendlich wurde der „schottische Arsch“ eine Art Running Gag innerhalb der Einheit und zu McKinneys Markenzeichen. Er hat so viele Witze darüber gerissen und uns damit in unseren dunkelsten Momenten vor der Verzweiflung bewahrt. Deine Geschichte hat mich soeben an ihn erinnert.“
„Hört sich nach einem guten Mann an“, meinte Daryl durchaus fasziniert und die Soldatin nickte, kramte in ihrer Innentasche der Rucksackweste und reichte ihm die Fotos.
Er wusste nicht recht, wieso sie das tat, aber er nahm sie entgegen, denn sein feiner, gehegter Groll gegen die Soldatin verflüchtige sich allmählich – sie war gar nicht so schlimm wie er angenommen hatte.

Eigentlich sogar ganz nett und hatte etwas an sich, wenn sie lachte.


„Er ist der rothaarige Hüne direkt hinter mir und wollte mir auf diesem Bild  Hasenohren zeigen, doch unser Lt. Commander war darüber nicht erfreut. Mich haben meine Männer immer in die Mitte genommen, um mich allen stolz zu präsentieren und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich sie alle geliebt habe. Sie waren meine zweite Familie, meine Brüder, meine Männer und ohne diese Menschen in dieser beschissenen Hölle zu sein, ist…“
„So alleine bist du nun nicht mehr“, unterbrach Daryl sie, während er das Foto begutachtete und sie ansah, „das heißt, wenn du bei uns bleibst.“
„Du würdest mich also 24 Stunden am Tag ertragen können?“, feixte Jenna und wartete auf eine Antwort des Jägers, der sich an diese Diskussion erinnerte und kurz überlegte.
„Denke, dass ich damit klar komme“, entgegnete er trocken, „vorausgesetzt, du nennst mich nicht wieder Redneck.“
„Gut, damit kann ich leben“, lächelte Jenna, „wenn du die Hure weglässt. Frieden?“
Daryl nickte, dann reichte Jenna ihm die Hand und er schlug ein – das war wohl ein Neuanfang.
Der Händedruck war fest und sie blickten einander in die Augen, um ihren Pakt zu besiegeln, den sie nun miteinander schlossen.
Dies begründete etwas Neues, das sie nutzen und den schlechten Start vergessen wollten.
Sie brauchten einander, um zu überleben und würden es dieses Mal gemeinsam versuchen – nicht mehr alleine.
Miteinander und nicht gegeneinander.  
Ein Neuanfang.
Klang nach keiner sonderlich schelchten Idee.
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