Großvaters Wohnzimmer

von Earthling
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P6
18.03.2015
18.03.2015
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In einer recht neuen Gruppe auf deviantArt, bei den Schreiberlingen, läuft noch bis kurz vor Ende des Monats ein Schreibwettbewerb, bei dem die Teilnehmer zwischen einer Kurzgeschichte zum Stichwort "Kristall" und einem Drabble zum Stichwort "Schwertschmiede" wählen konnten. Ich habe mich für die erste Variante entschieden und ja, die Geschichte ist ein wenig autobiographisch.


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Auf dem Tisch bietet sich der immer gleiche Anblick: Das Holz wird von einer Spitzentischdecke vor Kratzern geschützt und es liegen die Tageszeitung, sowie ein oder zwei Bücher – meist Klassiker oder Biographien – und das Brillenetui darauf. Dazu noch ein Kugelschreiber und eine Packung Taschentücher. Und ziemlich weit rechts steht eine kleine Schale aus Kristallglas. Diese Schale steht dort schon, soweit M zurückdenken kann. Und sie ist immer mit irgendeiner Leckerei gefüllt. Mal sind es Marzipankartoffeln, mal Salzstangen oder Erdnüsse oder, wie heute, in glänzendes Papier gewickelte Schokokugeln, die wie kleine Juwelen in der Schale funkeln, da von der Seite Lichtstrahlen im Glas und auf der Schokolade tanzen und sich darin brechen.

Beim Zeitunglesen und manchmal auch beim Fernsehen wandert Großvaters Hand zu der Schale und er schiebt sich langsam ein oder zwei der Leckereien in den Mund. Wenn er die Tageszeitung studiert, dann gründlich und methodisch. Er liest jeden einzelnen Artikel, schüttelt manchmal über das sprachliche Unvermögen der Journaille den Kopf und streicht mit Kuli oder Bleistift interessante Artikel an, die er später noch einmal lesen oder an seine Kinder und Enkel weiter reichen möchte. Hin und wieder löst er auch ein Kreuzworträtsel oder markiert eine bestimmte Sendung im Programmteil.
Dabei sitzt er immer mit geradem Rücken in seinem Ledersessel und hat, je nach dem wo es gerade zwickt, ein Schaffell im Rücken oder auf den Knien.
Der Fernseher läuft meistens nur für die Tagesschau. Selten sieht er sich eine Natur- oder Geschichtsdoku an und noch seltener einen Film. Denn meistens hat Großvater keine Zeit.
Meistens ist Großvater vom Morgengrauen bis abends um Sieben auf den Beinen. Werkelt im Garten herum, kümmert sich um seine Bäume oder die anderer Leute, oder pflegt die Tiere im Stall. Dann sitzt er oft noch in seiner Gartenlaube, lauscht den Kanarienvögeln und dem Radio und bastelt neckische Dekorationen oder repariert kaputte Geräte. Die alte Katze leistet ihm dann oft Gesellschaft, darf manchmal sogar auf seinem Schoß sitzen. Hauptsache sie stört ihn nicht und erschreckt nicht die Vögel.

Wenn M Großvater besuchen will, und das tut M nach der Schule fast täglich, dann ist Großvater meist dort zu finden, oder eben im Garten.
Heute ist es spät geworden, weil M noch Hausaufgaben gemacht hat. Deswegen versucht M es gleich im Haus der Großeltern, drüben auf der anderen Straßenseite. Auf dem Weg durch den Keller – diese Tür steht tagsüber meistens offen – stolpert M fast über den großen Weinballon, der wie eine gefrorene Seifenblase im Raum steht. Schuldbewusstsein erfüllt M, denn Großvater hatte M gebeten, beim Reinigen des Ballons zu helfen, war aber offensichtlich allein an die Arbeit gegangen.  M ärgert sich etwas, schämt sich aber noch mehr. Versprechen gegenüber Großvater zu brechen oder nicht einhalten zu können fühlte sich immer ein bisschen wie Verrat an.

Auf Socken geht M die Treppe herauf. Großmutter ist in der Küche und hört die Begrüßung nicht, da das Radio läuft und sie gerade bei eingeschalteter Abzugshaube etwas brät. Um sie nicht zu erschrecken, geht M gleich ins Wohnzimmer. Die Deckenlampe spendet warmes Licht.
M holt das Mitbringsel aus der Tasche und legt es auf den Tisch. Es ist Dostojewskis „Traum eines lächerlichen Menschen“. Großvater sitzt in seinem Sessel, leicht vornübergebeugt, eine Hand auf dem aufgeschlagenen „Ruf der Wildnis“, die andere auf seinem Knie abgestützt. Seine Brille ist auf der Nasenspitze nach vorn gesunken und trotzt nur gerade so der Schwerkraft. Die alte Katze liegt zufrieden schnurrend auf Großvaters Schoß. Sie hat sich wohl heimlich ins Haus geschlichen. M bemerkt, dass der Plattenspieler noch läuft, obwohl die Platte zu Ende ist und hebt vorsichtig die Nadel ab, darauf achtend die Platte nicht zu berühren.
In dem Moment regt Großvater sich und gähnt. Dabei fällt ihm die Brille von der Nase, direkt auf die Katze, die überrascht das Weite sucht. Sie darf sowieso nur bei hohem Schnee ins Haus.
M schiebt die Platte zurück in den Schrank und dreht sich zu Großvater herum, der sich gerade streckt und seine Brille wieder aufhebt.

„Ich hab dir was mitgebracht.“, begrüßt M ihn.
Großvater dreht sich blinzelnd herum. „Ah, hallo. Ich habe den Ballon vorhin selber sauber gemacht. Jürgen ist vorbei gekommen und hat mir geholfen. Ich hatte doch letzte Woche seine Pflaumen verschnitten.“
„Ach so.“, entgegnet M, doch das Gefühl von Verrat und schlechtem Gewissen bleibt.
„Du sagst, du hast etwas für mich?“ Großvater lächelt und sieht M erwartungsvoll an.
„Ja, genau. Hier ist dein Dostojewski, den ich mir geliehen habe. Ich habe eine 1 auf den Vortrag bekommen und ein Lob von Frau C., dass ich mir so einen Klassiker ausgesucht habe.“ Für M fühlt sich das ein wenig prahlerisch an, aber gute Noten sind nun mal gute Noten und wer will die nicht?
„Das ist ja klasse!“, freut Großvater sich und sein Lächeln wird zu einem mit Stolz erfüllten Strahlen. „Ich habe gerade darüber nachgedacht, was wohl aus deiner Präsentation geworden ist, nachdem du so lange darauf warten musstest. Und unter uns – das Lesen hast du wohl von mir.“ Er grinst in sich hinein.
M deutet auf den Plattenspieler. „Du hast geschlafen, da habe ich deine Platte weggepackt. Sie war schon zu Ende.“ M ist ein wenig erleichtert, dass Großvater ein Nickerchen gemacht hat, denn er schlief einfach viel zu wenig. Der Arzt hatte ihm zwar nach der langen Krankheit, die Großvater letztes Jahr völlig hat ergrauen lassen, dringend empfohlen, mehr zu schlafen, aber Großvater konnte sich bisher kaum dazu zwingen, obwohl er manchmal wirklich müde aussah.

Jetzt ist allerdings sein Tatendrang geweckt. Er hält M die Schale mit den Schokokugeln hin.
„Hier, nimm dir eine zur Belohnung. Nach dem Abendessen zeige ich dir, was ich lächerlicher Mensch heute geträumt habe.“ Mit schalkhaften Zwinkern setzt er seine Brille wieder auf und M folgt ihm in die Küche.
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