Der Kopf des Keberos

von Siam
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
Alexander Cassander Cleitus Hephaestion Philipp
17.03.2015
17.03.2015
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Ich habe ja schon lange und immer wieder mit dem Gedanken gespielt Kleitos und Kassander mal in den Mittelpunkt einer Geschichte zu bringen. Das hier ist sie nun. Auf historische Korrektheiten kann man sich hier natürlich nicht verlassen, gerade die Sache mit Hephaestions Eltern ist viel von mir erfunden wurden, vielleicht sogar alles?
Ich überlasse euch jetzt diese Geschichte und versuche mal meiner Muse zu erklären, dass wir keine Jonathan Rhys Meyers/Gary Stretch-Slash-Story schreiben werden, auch wenn es noch so verlockend ist.

***



Kleitos seufzte, als er zu seinem neben ihm reitenden, jungen Gefährten schaute. Wenn er ehrlich sein sollte, dann würde er zugeben müssen, dass Kassander ganz sicher nicht seine erste Wahl gewesen wäre, ihn auf diesem Ritt nach Athen zu begleiten. Es ging ihm ohnehin schon gegen den Strich, dass er nach Athen musste und das nicht nur, weil die mehrtägige Reise gefährlich war, sondern einfach nur, weil er die Athener schlicht und ergreifend nicht leiden konnte. Sie waren eingebildet, jeder Makedone wusste, dass es ihnen nicht möglich war sich an getroffene Abmachungen zu halten und außerdem war es nicht immer gerade leicht sie zu verstehen, wenn sie mit einem sprachen. Man hätte ihm Hephaestion zur Seite stellen können, dessen Vater immerhin Athener war, aber nein, es musste Kassander sein.
Weil Antipater - Kassanders Vater - darauf bestanden hatte, dass sich sein ältester Sohn endlich zu bewähren hatte. Kleitos verdrehte die Augen, als er an die lang andauernde Diskussion mit ihm und Philipp dachte. Er hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er diese Reise eigentlich am liebsten alleine unternommen hätte; Schwierigkeiten waren ja nicht wirklich zu erwarten gewesen. Durch den Korinthischen Bund gab es eine relative Sicherheit, dass man zumindest mal auf dem Weg von einer Stadt zur nächsten nicht umgebracht wurde, weil man Makedone war. Vielleicht dann doch eher, weil man ein bisschen Geld bei sich hatte und selbst davon trug er nicht viel mit sich herum. Und gegen Strauchdiebe konnte Kleitos sich zur Wehr setzen. Es waren ja meist nicht mehr als verhungernde Bauern - oder was auch immer. Eigentlich war es Kleitos egal, was sie waren, denn wenn sie die schlechte Entscheidung trafen sich mit ihm anzulegen, waren sie am Ende immer tot. Sicher hatte auch er Mitleid mit ihnen, er selbst wusste zu gut wie es war, wenn man Hunger leiden musste, doch in dem Moment, in dem sich jemand entschied ihn anzugreifen, hielt sich sein Mitleid und Mitgefühl doch wieder sehr in Grenzen.
Nun ja, auf jeden Fall hatte er Hephaestion nicht an die Seite gestellt bekommen, weil Philipp wohl die Befürchtung hatte, dass Hephaestion, einmal in Athen angekommen, daran erinnern könnte wie schön es war bei seiner Familie zu sein. Auch wenn ihm das nicht viel genutzt hätte. Natürlich hätte Kleitos dafür Sorge getragen, dass Hephaestion wieder mit nach Pella kommen würde, doch das spielte ja nun keine Rolle mehr, denn er hatte Kassander an die Seite gestellt bekommen.
Kassander, der darauf brannte seinen ungeduldigen und herrschsüchtigen Vater zu beweisen, dass er etwas konnte. Kassander, der aus genau diesem Grund, unter hohem Druck stand. Kassander, der genau wegen dieses Druckes sicher dazu neigen würde eine Dummheit zu begehen.
Kleitos atmete tief durch und riskierte einen kurzen Blick auf ihn. Dem Kindesalter war Kassander langsam entwachsen und auch wenn sein Körper von Tag zu Tag immer männlicher wurde, konnte man an seinem Gesicht sehen, dass er eben doch noch jung war. An einer richtigen Schlacht hatte er noch nie Teil genommen und bisher hatte er immer nur mit seinem Übungsschwert gegen seine eigenen Kameraden gekämpft, aber noch nie in einem richtigen Kampf.
Kleitos hoffte inständig, dass er das nicht in den nächsten Tagen tun würde, auch wenn er Kassander ansehen konnte, dass dieser das genaue Gegenteil hoffte.
Er biss sich auf die Unterlippe, als er seinem Pferd die Füße gegen den Bauch drückte, um es daran zu erinnern ein schnelleres Schritttempo beizubehalten. Es war zu warm, um wirklich schnell zu reiten, es sei denn sie wollten ihre Pferde zu Tode schinden, aber dafür gab es keinen Grund. Die Nachricht, die er an Amyntor, Hephaestions Vater, zu übermitteln hatte, war lediglich eine Einladung zu einer Festivität und normalerweise hätte sich Kleitos geweigert einen solchen gewöhnlcihen Botengang zu unternehmen, doch er verstand, dass es ein Vertrauter von Philipp sein musste, der Amyntor die Einlaudung überlieferte und am besten ein Krieger, um den reichen Adeligen daran zu erinnern, dass er Philipp Geldmittel für weitere Feldzüge versprochen hatte.  
Kleitos konnte nicht gerade sagen, dass er etwas gegen Kassander hatte. Er war ihm deutlich lieber als Antipater und auch lieber als Hephaestion, denn der Junge war zu ernst, man konnte keine wirklich erbauliche Reise mit ihm unternehmen - davon war Kleitos überzeugt. Kassander indessen hatte einen spitzzüngigen Humor, der von vielen mit Arroganz verwechselt wurde, war ein guter Krieger und vertrat noch echte, makedonische Ansichten. Im Großen und Ganzen war Kassander also tatsächlich ein guter Reisegefährte. Wenn sich da eben nicht diese Anspannung auf seinen Schultern manifestiert hätte, die mit Sciherheit den strengen Abschiedsworten seines Vaters zu verdanken waren.

“Enttäusche mich nicht!”, hatte Antipater mit starren Blick gesagt und Kleitos hatte genau gesehen wie Kassander im ersten Moment einfach nur mit den Schultern zucken wollte und sich dann aber selbst eines besseren belehrte und respektvoll das Haupt geneigt hatte, so wie man es von einem guten, folgsamen Sohn erwarten würde.
Kleitos war sich sicher, dass Kassander ganz sicher kein schlechter Sohn war, aber als folgsam konnte man ihm im Allgemeinen nicht betrachten. Es war Kassanders Glück, dass er in einer der höheren Familien Makedoniens hinein geboren war, denn wenn er ein einfacher Soldat geworden wäre, dann hätte er mit seiner oftmals trotzigen Einstellung sicherlich viele Probleme bekommen. Kassander war sehr schlecht darin Befehle entgegen zu nehmen, wenn er der Meinung war, dass er es besser wusste und er war sehr oft der Meinung, dass er es besser wusste. Das hatte das Ausbildung mit ihm nicht immer leicht gemacht. Kleitos hatte ihn schon als Kassander noch ein Junge gewesen ist, immer wieder verflucht und so einige Male hatte er sich am Dickschädel des Jungen den eigenen Kopf angestoßen. Vielleicht mochte er Kassander deswegen so. Kassander war nicht zu brechen. Kassander war immer Kassander und Kassander wusste wo seine Stärken lagen und das zeigte er auch. Er war mit einem großen Selbstbewusstsein gesegnet, zumindest wenn sein Vater nicht um ihn herum war und deswegen wusste Kleitos ihn so sehr zu schätzen. Kassander war schon als Kind mehr Mann gewesen als es die meisten Erwachsenen je sein würden. Man kam einfach nicht darum herum Respekt dafür zu haben.

“Die Sonne geht bald unter. Wir werden uns einen Rastplatz suchen müssen, wenn wir nicht wollen, dass die Pferde sich die Beine brechen”, unterbrach Kleitos schließlich seine eigenen Gedanken mit einem kurzen Blick gen Himmel.

“Dachte ich auch eben”, murmelte Kassander, der die ganze Zeit über wohl auch in seinen eigenen Gedanken versunken gewesen war.

“Dort vorne in dem kleinen Wald befindet sich eine verborgene Lichtung, die habe ich schon des Öfteren als Lagerstätte genutzt, wenn ich alleine unterwegs gewesen bin.”

“Und das bist du oft.” Kassander schaute neugierig zu ihm hinüber und Kleitos zuckte lediglich mit den Schultern. Es war kein Geheimnis, das Kleitos sich hin und wieder vom Hof weg stahl und einige Tage alleine bei der Jagd zubrachte. Immerhin war er Soldat und kein verdammter Hofschönling, der sich all zu lange in einem Palast aufhalten wollte. Er freute sich auf jeden von Philipp neu geplanten Feldzug und das nicht, weil er es nicht erwarten konnte zu Töten oder Ähnliches, sondern weil er das Leben in einem Lager voller verschwitzter und lärmender Soldaten dem Leben im Palast doch um so einiges vorzog.

“Vielleicht solltest du das auch hin und wieder ausprobieren. Könnte dir nicht schaden.”

“Für mich ist das nicht so einfach wie für dich”, war die Antwort des Jüngeren und Kleitos nickte. Wer Antipater kannte, wusste, dass er niemanden aus seiner Familie so einfach ziehen lassen würde. Antipater war ehrgeizig und stets darauf aus im Ansehen von Philipp zu wachsen und er war besitzegreifend, wenn es um die eigene Familie ging. Manchmal, in seinen etwas nachdenklicheren Momenten, die es meistens dann gab, wenn Kleitos sich mit seiner Schwester Lanike unterhielt, kam er zu der Erkenntnis, dass es nur diesem Ehrgeiz zu verdanken war, dass Kassander eine so offensichtliche Abneigung gegenüber Alexander hatte. Es war purer Trotz dem eigenen Vater gegenüber. Eine stille Rebellion und Kleitos wusste, dass es manchmal gerade für diese Art von Rebellionen besonders viel Mut brauchte.

“Eines Tages wird es das auch für dich werden”, versicherte er Kassander, denn Antipater würde schließlich nicht ewig leben und auch nicht ewig stärker als der eigene Sohn sein. Die besten Jahre würde er bald hinter sich haben und dann würde Kassanders Zeit kommen. Es war ja nun nicht so, dass Kleitos das seinem Freund und Kampfgefährten wünschte… Oder vielleicht doch. Vielleicht wünschte er ihm das, aber wenn, dann nur um Kassanders Willen. “Da”, sagte er und deutete auf einen schmalen Pfad, der sich im dichten Gestrüpp hervor tat . Ein Wildwechsel, dem er vor einigen Jahren auf der Suche nach Nahrung in Form eines Rehes gefolgt war, um am Ende den perfekten Lagerplatz in Form einer geschützten Lichtung zu finden.

Kassander schwieg und Kleitos kam zu der Erkenntnis, das er sich wohl ein anderes Gesprächsthema als den Vater des Jungen aussuchen musste, wenn er wollte, dass Kassander zu seinem Humor und seiner Spitzzüngigkeit zurück fand.

“Bist du schon einmal in Athen gewesen?”, fragte Kleitos, nachdem sie eine Weile hintereinander her geritten waren. Der Pfad war zu schmal für beide Pferde nebeneinander, eigentlich war er schon fast zu schmal für ein einziges Pferd.

“Nein, aber Hephaestion ist uns allen mit Athen so sehr auf die Nerven gegangen, dass ich es schon hasse ohne je dort gewesen zu sein. Ich habe allerdings auch das Gefühl schon einmal dort gewesen zu sein und das ist auch Hephaestions Schuld.”

Kleitos nickte, auch wenn das Kassander, der vor ihm ritt, natürlich nicht sehen konnte. “Du weißt, dass wir auf dem Weg zu Hephaestions Vater sind?”, fragte er schließlich.

Kassander drehte sich auf seinem Pferd um, um Kleitos einen überraschten Blick zuzuwerfen. “Warum ist Hephaestion dann nicht bei dir sondern ich?”, fragte er. “Nicht, dass ich diese Art von Abwechslung nicht zu schätzen wüsste, aber würde Hephaestion da nicht viel besser geeignet sein als-”

Kassander verstummte, als Kleitos ihm mit einer hektischen Handbewegung zu verstehen gab, dass er schweigen sollte. Er hatte soeben ein Schnauben gehört, das definitiv nicht von ihm, Kassander oder den Pferden gestammt hatte. Ganz gewiss auch nicht von einem Reh. “Dort!”, sagte er und deutete auf das dichte Unterholz, das sich bewegte, als sich etwas hindurch zu bewegen schien. Etwas Großes. Ein Wildschwein? Die konnten um diese Jahrezeit gefährlich werden, da sie gerade Junge hatten. Oder vielleicht ein Mensch? Kleitos zog sein Schwert, Kassander tat es ihm im selben Moment gleich und sie beide schauten auf die Stelle, wo dieses… Etwas jeden Moment heraus kommen müsste. Doch es kam nicht. Es schien sich nicht weiter zu bewegen.
Kassander schaute fragend zu Kleitos, der mit den Schultern zuckte.

“Zeig dich!”, befahl Kassander schließlich mit lauter Stimme. Auf diesen Gedanken hätte Kleitos eigentlich auch kommen können, wurde ihm da bewusst.

Es raschelte wieder, Kleitos hob sein Schwet, bereit sich zu verteidigen und Kassander…

… lachte laut auf.

“Keberos?!”, rief er verdattert aus, als sein Blick auf den wohl hässlichsten, aber größten Hund fiel, den Kleitos jemals gesehen hatte.

“Keberos?”, fragte Kleitos, der natürlich sofort an den dreiköpfigen Hund des Hades denken musste. Und auch wenn dieser Hund mindestens so hässlich war wie es sich stets über Hades Hund erzählt wurde, so fehlten ihm doch zwei weitere Köpfe.

“Ja, das ist mein Hund. Vater wollte ihn vor einigen Jahren als Welpe ertränken, weil er so hässlich war und auf einem Auge blind. Er war der Meinung, dass er sich nicht als Jagdhund eignen würde”, erklärte Kassander. Er schnalzte mit der Zunge und der riesige Köter kam schwanzwedelnd auf ihn zu. Kassanders Pferd schnaubte unwillig, aber es schien den Hund zu kennen, denn es scheute nicht, als das riesige Tier sich auf seine Hinterbeine stellte, um sich mit den Vorderpfoten auf Kassanders Oberschenkel abstützen zu können. “Wir haben es uns in den letzten Wochen zur Gewohnheit gemacht morgens, bevor alle wach geworden sind, gemeinsam auszureiten. Er muss uns den ganzen Weg über gefolgt sein.”

Und sie hatten es nicht bemerkt. Kleitos biss sich auf die Unterlippe. Er war so tief in seinen Gedanken versunken gewesen, dass er nicht gemerkt hatte wie dieses Untier sie verfolgt hatte. Wann im Laufe dieses Tages war er denn lebensmüde geworden? Das würde ihm ganz sicher nicht noch einmal passieren! Er nickte schließlich, als ihm bewusst wurde, dass er auf Kassanders Worte noch keine Rekation gezeigt hatte.

“Ich wusste nicht, dass du einen Hund hast”, sagte er schließlich. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass es ihn einfach nicht interessierte. Es war gut möglich, dass der ganze Hof über Kassander und dessen hässlichen Hund sprach und er seine Ohren schlicht und ergreifend davor verschlossen hatte.

“Ab!”, sagte Kassander und gab dem Hund einen Schubs, um ihm zu verstehen zu geben, dass er sich von ihm zu entfernen hatte. Auf seinem Oberschenkel konnte man den Abdruck zweier Pfoten sehen und Kleitos ahnte, dass dieser Abdruck in einigen Tagen wohl blau werden würde. Das Tier musste unwahrscheinlich viel Kraft haben. Wie eine Bedorhung sah es - abgesehen von der Größe - jedoch nicht wirklich aus. Man konnte es Antipater wohl nicht übel nehmen, dass er damals den missglückten Welpen hatte töten wollen, genauso wenig wie man es Kassander übel nehmen konnte, dass er sich seiner erbarmt hatte.

“Und ich wusste nicht, dass du ein weiches Herz hast”, setzte er er hinterher und grinste kurz.

Kassander schnaubte. “Er ist ein treuer Hund und mittlerweile ist Keberos sogar der beste Jagdhund in Vaters Zwinger. Und das habe ich schon als Kind erkannt.” Er klang dabei fast trotzig und Kleitos erkannte sich instinktiv, dass er sich dafür schämte vor einigen Jahren bewiesen zu haben, dass er eben doch ein weiches Herz hatte.

“So wie Alexander mit seinem Bukephalos?”, fragte Kleitos und konnte sich dabei den neckenden Unterton nicht ganz verkneifen.

“Ja, nur dass ein Jagdhund um einiges nützlicher ist als ein bockiger Hengst”, erwiderte Kassander.

“Da muss ich dir zweifellos Recht geben.” Kleitos hatte keine Lust sich zu streiten und schon gar nicht wegen eines Hundes. “Da du ihn kaum zurück schicken kannst, wird er mit uns nach Athen mit müssen. Denkst du er wird einen so langen Marsch aushalten?”

“Das wird er wohl müssen”, erwiderte Kassander stur und gab mit einem weiteren Schnalzen seiner Zunge seinem Pferd zu verstehen, dass es sich vorwärts zu  bewegen hatte.
Nun war es Keberos, der an erster Stelle lief und Kassander und Kleitos folgten dem Hund einfach.


Die Lichtung hatte sich nicht verändert seit Kleitos das letzte Mal hier gewesen war. Der kleine Bach, der am Rande der Lichtung entlang floss, war vielleicht ein wenig schmaler geworden, aber das konnte nur an der andauernden Hitze liegen und war nicht wirklich etwas Beunruhigendes. Vor allem da der Bach noch mehr als genug Wasser mit sich führte, um den starken Durst der Pferde, der beiden Männer und des Hundes zu stillen.
“Ich werde jagen gehen”, beschloss Kassander, nachdem sie die Pferde abgesattelt und ihre Beine aneinander gebunden hatten, damit sie weglaufen konnten. “Mit Keberos an der Seite werde ich schnell etwas finden. Du kannst ja Holz sammeln.”
Kleitos war geneigt ihm für diese Frechheit einen durchaus verdienten Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen, aber da Kassander Recht hatte und er mit dem Köter an der Seite ganz sicher schnellen Erfolg erzielen würde, sagte er schließlich doch nichts dagegen.
“Nur damit du es weißt, wenn dieser Sack voll Flöhe nicht an deiner Seite wäre, dann wärst du derjenige, der das Holz sammeln würde”, sagte er schließlich, weil er das Ganze natürlich nicht unkommentiert lassen konnte.
“Dessen bin ich mir durchaus bewusst”, sagte Kassander, ehe er sich Pfeil und Bogen schnappte und mit dem Hund an der Seite im Unterholz verschwand.

Kleitos hatte gerade genug Holz zusammen, damit man damit man ein Tier braten könnte, als Kassander mit Keberos zurück kam. Er hatte einen Hasen erlegt und ließ sich neben Kleitos, der nun, da er wusste, dass sie sich nicht vom mitgebrachten Brot und getrocknetem Fleisch ernähren mussten, daran machte das Feuer in den Gang zu setzen.
Kassander begann mit seinem Dolch das Tier zu häuten, er war geübt darin und Kleitos wusste, dass man das auch seiner Ausbildung zuschreiben durfte.
“Ich verstehe nicht, warum ich mit dir komme und nicht Hephaestion, der sich mit den athenischen Gepflogenheiten doch viel besser auskennt als du oder ich”, sagte er, nachdem er dem Kaninchen den Bauch aufgeschnitten und Keberos die Innereien zugeworfen hatte, über die er sich laut schmatzend hermachte.
“Dein Vater wollte, dass du mit kommst und Philipp hatte wohl seine Zweifel, ob Hephaestion vielleicht bei seiner Fam-” Er brach ab, denn eigentlich war das nichts, was Kassander wissen musste.
Kassander schaute ihn an. Er biss sich kurz auf die Unterlippe, während er nachdachte und schließlich mit den Schultern zuckte. “Hephaestion wäre in jedem Fall wieder zurück nach Pella gekommen. Er würde Alexander nicht alleine lassen mit seinen Eltern und…” Nun brach auch Kassander ab, weil wohl auch er Dinge wusste, von denen er glaubte, dass sie nichts für Kleitos Ohren waren. Doch wie auch Kassander zuvor wusste Kleitos bereits was Kassander hatte sagen wollen.
“Das ist das Problem an Hepahestion. Er ist Alexander treu, aber nicht seinem derzeitigen König. Nicht Alexander ist König. Philipp ist es.” Natürlich würde Alexander eines Tages in die großen Fußstapfen seines Vaters treten und wenn man dem wirren Gerede von Olympias Glauben schenken konnte, dann würde Alexander sie mehr als nur gut ausfüllen. Kleitos und sogar auch Philipp, auch wenn er das niemals zu seinem Sohn sagen würden, glaubten dies mittlerweile auch. Alexander strahlte etwas aus, das man nicht erklären konnte. Es war als hätten die Götter ihn für etwas Besonderes vorgesehen und vielleicht spürte Hephaestion das auch und möglicherweise war das der Grund, warum er Alexander so treu ergeben war und nicht dem langsam alt werdenden Philipp. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war es tatsächlich einfach nur Freundschaft und starke Liebe zwischen zwei Heranwachsenden, die miteinander einige Schindereien überstanden hatten.
Kleitos überlegte einen Moment, ob es jemanden in Kassanders Leben gab, der ihm so nah war wie das bei Alexander und Hephaestion der Fall war, doch ihm wollte niemand einfallen.
“Er hat mir einen Brief für Amyntor mitgegeben.” Kassander schaute fragend zu Kleitos und einen Moment lang war Kleitos irritiert, denn er verstand nicht, was für eine Frage Kassander hier wortlos stellte.
“Willst du wissen, ob es legitim ist Amyntor diesen Brief zu geben?”, fragte er schließlich.
Kassander nickte.
“Es ist der Brief eines Sohnes, der seinen Vater seit Jahren nicht mehr gesehen hat und vielleicht auch nie wieder in seinem Leben sehen wird”, sagte Kleitos schließlich. Natürlich hatte er die Einladung zu diesem Fest bei sich, aber wie immer würde Amyntor die Einladung nicht annehmen und Geldgeschenke als Entschädigung für seine Abwesenheit an Philipp schicken. Kleitos wusste nicht genau was zwischen Amyntor und Philipp - einst gute Freunde  - vorgefallen war, dass sie jetzt einander nicht mehr in die Augen schauen wollten, aber es war ihm eigentlich auch egal. Schließlich ging es ihn auch nichts an. “Es ist also nur richtig von dir diesen Brief angenommen zu haben. Er wird seinen Vater darin wohl kaum zum Verrat auffordern? Ich nehme an du hast ihn gelesen.”
“Natürlich nicht!” Die Entrüstung kam ein bisschen zu stark über Kassanders Lippen.
“Du hast schon besser gelogen”, erkärte Kleitos ihm und Kassander blickte ertappt auf den toten Hasen, den er gerade versuchte auf einem Spieß aufzudrücken.
“Es sind lediglich die langweiligen Worte eines liebenden Sohnes, der sich nach dem Wohlbefinden seiner gesamten Familie erkundigt und ein bisschen von seinem Leben berichtet. Und bei den Göttern, Hephaestions Leben ist noch langweiliger als mein eigenes!”
Kleitos lachte. “Genieße die Langeweile, solange du sie noch hast. Du weißt was dieser Besuch bei Amyntor bedeutet?”
“Ein kommender Feldzug”, erwiderte Kassander sofort.
Kleitos nickte. “Mit der Langeweile wird es bald vorbei sein.”
“Und dann kann ich mich endlich beweisen… Wir alle, meine ich”, sagte er und Kleitos nickte einfach nur.
“Auf so etwas sollte man sich nicht freuen”, gab er schließlich zu bedenken.
“Warum? Du brennst doch auch darauf endlich wieder in eine Schlacht zu ziehen. Man merkt dir deine stetige Unruhe an. Und gereizter als sonst bist du auch. Als Jungen haben wir gelernt, dass das die Momente sind, in denen man auf jeden Fall immer zu perfekt das erledigen sollte, was du einem aufgetragen hast, wenn man keine Bekanntschaft mit dem Stock machen wollte.” Er lächelte, gefangen wahrscheinlch in irgendwelchen mehr oder weniger seligen Erinnerungen, in denen sie alle zusammen als Einheit Mist gebaut hatten und Kleitos als Lehrer den Ärger damit gehabt hatte. Kleitos stutzte. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er so gut zu durchschauen gewesen war und er musste zugeben, dass ein Umstand war, der ihm ein wenig missfiel.
“Ich glaube ich muss ein wenig an meiner Autorität arbeiten”, brummte er schließlich in sich hinein und als Kassander leise lachte wurde ihm bewusst, dass er das wirklich tun musste. Aber nicht jetzt, nicht bei Kassander, den er von all seinen Schülern eigentlich sogar am meisten zu schätzen wusste.


Als die letzten Sonnenstrahlen über die Lichtung strichen, legte sich Kassander nieder, um etwas Schlaf zu finden. Kleitos wollte die erste Hälfte der Nacht über sie wachen und später Kassander wecken, damit auch er noch zu etwas Schlaf kommen würde. Es war zwar nicht unbedingt zu erwarten, dass sie angegriffen wurden, aber es war durchaus im Bereich des Möglichen. Und ganz davon abgesehen wollte Kleitos nicht bei der erstbesten Gelegenheit alle Lehren über den Haufen werfen, die er Kassander als Kind eingetrichtert hatte. Und zu steter Vorsicht hatte er immer und immer wieder ermahnt.

Doch die Nacht war, wie er es erwartet hatte, ruhig gewesen. Nur ein paar Mäuse, die im Unterholz raschelten und Keberos, der hin und wieder die Ohren spitzte oder im Schlaf knurrte. Es gab nicht viel zu tun und Kleitos reinigte sein Schwert, obwohl es nicht nötig war, weil er es schon lange nicht mehr benutzt hatte. Er schnitzte sogar aus einem Stück Holz ein kleines Pferd, das er einem von Lanikes Kindern geben würde, wenn er wieder in Pella ankommen würde. Es gab wirklich nichts zu tun, aber die Schnitzarbeiten hielten ihn davon ab einzuschlafen und sich vor Kassander zu blamieren, sollte dieser dann vor ihm wach werden.
Doch er wurde nicht wach oder besser gesagt erst dann, als Kleitos ihn mit einem unsanften Stoß gegen die Schultern weckte.
“Du bist an der Reihe!”, verkündete er und legte sich auf sein Fell, als Kassander noch dabei war sich die Müdigkeit aus seinen Augen zu wischen.
Es dauerte nicht lange bis Kleitos in das Reich des Hypnos übertrat, immerhin wusste er, dass er sich auf Kassander verlassen konnte und es war wirklich nicht davon auszugehen, dass etwas passieren würde.

Mit den ersten Sonnenstrahlen und der dadurch ansteigenden Hitze, saßen Kassander und Kleitos bereits wieder auf ihren Pferden und setzten ihren Weg fort. Sie hatten noch eine zweitägige Reise vor sich und in stiller Übereinkunft waren sie zu der Erkenntnis gekommen, dass sie diesen Auftrag so schnell wie möglich hinter sich bringen wollten.

Es war am frühen Abend des zweiten Tages, als sie endlich an der Villa des Amyntor angekommen und auch wenn die beiden fremden Krieger von den Sklaven auf den umliegenden Feldern misstrauisch begutachtet wurde, stand Amyntor bereits am Tor, als sie es durchritten und begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln.
Amyntor und Kleitos kannten sich, nicht wirklich gut, aber doch gut genug, um sich von Weitem zu erkennen.
“Ich habe dich fast schon erwartet”, sagte Amyntor und gab einem jungen Burschen ein Zeichen, das er sich um die Pferde kümmern sollte. Der Junge wollte seiner Aufgabe eifrig nachgehen, doch ein laut vernehmliches Knurren ließ ihn zurück weichen und Kassander seufzen.
“Ich komme mit. Keberos sucht sich die Menschen aus, denen er vertraut”, sagte Kassander und mit einem abschätzigen Blick in Richtung des Jungen machte er deutlich, dass Keberos dem Jungen nicht vertraute und dass er dadurch in Kassanders Ansehen weit nach unten gerutscht war.
“Nimm ihn mit ins Haus”, sagte Amyntor. “Wir hatten früher immer Hunde. Die Kinder…”, er zuckte mit den Schultern und Kleitos nickte. Er war schon immer der Meinung gewesen, dass Amyntor ein viel zu weiches Herz hatte und wahrscheinlich war es das beste, was Hephaestion passieren konnte, dass er schon in jungen Jahren nach Makedonien gebracht worden war, um dort in den Genuss einer richtigen Erziehung zu kommen.
“Ich will erst schauen, dass die Pferde gut versorgt sind”, murrte Kassander.
“Kassander! Sei nicht so-”
“Was? Wir müssen mit ihnen ja auch noch wieder zurück kommen, oder?”, fragte Kassander fast schon trotzig an Kleitos gewandt und folgte anschließend schlurfend dem Jungen, der eindeutig eingschüchtert die Pferde in Richtung der Stallungen führte. Kleitos schaute Kassander kopfschüttelnd hinterher und schaffte es gerade noch so ein lautes Seufzen zu unterdrücken.
“Hast du dieses Mal einen Brief oder eine mündliche Nachricht von Phillip?”, fragte Amyntor, als sie sich zusammen auf den Weg ins Haus machten.
“Einen Brief”, erwiderte Kleitos. Amyntor schnaubte. Sie beide wussten, dass all das eigentlich unnötig war. Er würde Philipp das zugesicherte Gold schicken, schon allein um das Leben seines Sohnes zu schützen. Es war nicht nötig ihm mit der geheuechelten Freundlichkeit in diesen Briefen vor den Kopf zu stoßen. Kleitos verstand es nicht, aber genau deswegen war er auch kein Politiker, sondern vor allen Dingen Soldat. Er war sich sicher, dass Phillip schon seine Gründe für sein Handeln hatte und wenn es nur zu seinem eigenen Vergnügen wäre.

“Anthea, wir haben Besuch!”, verkündete Amyntor laut als sie die Villa betraten und es dauerte nicht lange bis seine Frau, Hephaestions Mutter, zu ihnen trat. Kleitos war immer wieder aufs Neue überrascht, dass eine Frau ihres Alters und nach der Geburt mehrerer Kinder noch ein solches Aussehen haben konnte. Es war eindeutig klar, woher Hephaestion seine Ausstrahlung und sein Äußeres hatte. Ein Aussehen, das ihn zugleich fragil und stark wirken ließ. Ein Widerspruch in sich und wenn er Hephaestion nicht selbst kennen würde, dann würde er jeden einen Idioten schimpfen, weil er solche Dinge von sich gab. Aber es war klar, dass Hephaestion dieses Aussehen nicht von seinem  etwas grobschlächtig wirkenden Vater haben konnte.

“Kleitos”, sagte sie lächelnd, auch wenn Kleitos merkte, dass es kein echtes Lächeln war, aber das konnte er ihr nicht verübeln, immerhin bedeutete sein Auftauchen oft, dass die Familie einen erheblichen Teil ihres erwirtschafteten Eigentums wieder verlieren würden. Von daher konnte man es ihr hoch anrechnen, dass sie sich bemühte immer freundlich zu sein und sogleich einer Dienerin der Auftrag zu Teil wurde Essen und Wein zu bringen.

Es dauerte nicht lange bis auch Kassander sich mit seinem Hund zu ihnen gesellte. Wo andere Frauen einen solchen Hund im Haus sicher nicht akzeptieren würden, schien sie ihn noch nicht einmal wahr zu nehmen und wenn dann nicht als Gefahr, denn der große Hund kam direkt auf sie zu und legte seinen riesigen Schädel auf ihren Schoß und sie fing automatisch an ihn zu streicheln als wäre das das Normalste auf der Welt.

Als Kassander sah wie sein Hund auf die Frau reagierte, lächelte er ein kurzes und seltenes ehrliches Lächeln und überreichte ihr schließlich den Brief, den er von Hephastion bekommen hatte. Er sagt dabei nichts, wirkte kurz nach dem Lächeln so mürrisch, dass Kleitos ihm am liebsten einen Schlag auf den Hinterkopf verpasst hätte. Doch dummerweise war Kassander nicht mehr sein Schüler und es wäre zu beschämend für den jungen Mann gewesen von ihm vor Anthea und Amyntor zurecht gewiesen zu werden. Und das hätte wiederum dazu geführt, dass Kassander auf ihrer Rückreise durchweg unleidig werden würde und das galt es dann doch zu verhindern.


Sie aßen schweigend. Kleitos hatte Amyntor den Brief schon längst gegeben, aber der Händler hatte ihn zur Seite gelegt und Kleitos konnte noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob er ihn auch öffnen würde. Aber das war nichts, was ihn kümmern sollte. An diesem Abend wollte er den hervorragenden athenischen Wein genießen und so viel essen wie er konnte, immerhin würde der Rückweg eine Weile dauern und gegen gutes Essen und Trinken hatte er sicher noch nie etwas einzuwenden gehabt.

“Wie macht sich Hephaestion? Ich habe seinen Brief zwar gelesen, aber natürlich berichtet er nur, dass alles gut ist. Er will nicht, dass ich mir Sorgen mache.” Anthea schaute ihn fragend an. Das Essen war schon längst abgeräumt worden, aber es war noch genügend Wein vorhanden, dem sich die Männer schweigend hingegeben hatten. Nur hin und wieder hatten Kleitos oder Amyntor etwas von sich gegeben, das die anderen stets nur abgenickt hatten. Man konnte nicht gerade behaupten, dass es zu einer richtigen Unterhaltung gekommen war, aber keiner der Anwesenden hatte wirkliches Interesse daran gehabt. Zumindest bis zu dem Moment, in dem Anthea das ausgesprochen hatte, was ihr vermutlich schon den ganzen Abend durch den Kopf ging.
“Er ist sehr gut mit dem Prinzen befreundet. Nicht nur sehr gut, er ist sein bester Freund und engster Vertrauter”, erklärte Kleitos schließlich.
Anthea erbleichte. “Das wird ihm in seinem späteren Leben gewiss noch viel Ärger einbringen.”
Kleitos zog es vor darauf nicht zu antworten, denn das einzige, was er sagen konnte war, dass Hephaestion sich deswegen bereits jetzt immer wieder Ärger einbrachte, aber das musste man einer sich sorgenden Mutter nicht erzählen.

“Während seiner Ausbildung ist er immer im vorderen Drittel gewesen - “

“Er ist der einzige, der Alexander je im Nahkampf besiegt hat”, warf Kassander ein.

“Und er ist ein sehr guter Stratege”, fügte Kleitos hinzu.

“Er schreibt am besten von uns allen, Verwaltungsaufgaben fallen ihm leicht. Ich bekomme schon zu viel, wenn mein Vater mit solchen Dingen in meine Nähe bekommt, aber Hephaestion wächst dabei immer wieder über sich hinaus. Und er hat auch ein hervorragendes Gedächtnis. Er kann sich Karten so gut einprägen wie kein anderer.”

Anthea lächelte in sich hinein. Sie schien zufrieden und froh zu sein. “Kennst du ihn gut?”Sie schaute zu Kassander.

“Ich bin mit ihm ausgebildet worden”, erklärt Kassander und schaute dabei kurz zu Kleitos.

“Wer ist dein Vater?”, fragte Amyntor.

“Antipatros”, erwiderte Kassander.

“Man hätte es direkt sehen können. Du siehst ihm ähnlich.”Amyntor musterte Kassander kurz.

“Aber die Wangenknochen hat er von seiner Mutter”, warf seine Frau ein. “Wie geht es ihr? Wir sind einst gute Freunde gewesen.”

“Sie ist bei der Geburt meines letzten Bruders gestorben.”

Kleitos rechnete es Kassander hoch an, dass er versuchte zu verbergen wie sehr ihn der Verlust seiner Mutter eben doch bekümmerte. Wahrscheinlich fiel es ihm gerade jetzt, wenn er mit einer liebenden und fürsorglichen Mutter sprach, besonders schwer das zu tun. Kleitos verurteilte ihn deswegen nicht. Er kannte dieses Problem selbst nur zu gut. Über den zu frühen Verlust seiner Eltern kam man nur schwer hinweg, auch wenn das natürlich niemals jemand zugeben würde.

“Oh, das tut mir wirklich leid… Auch, dass ich dich nun daran erinnert habe”, erwiderte sie.

“Schon in Ordnung, es ist bereits sechs Jahre her.”

“Dennoch ein schrecklicher Verlust”, sagte sie und sah wirklich bekümmert aus. Kassander wich ihrem Blick aus, man konnte ihm zu deutlich ansehen, dass er sich in seiner Haut gerade nicht mehr wohl fühlte.

“Ich denke es ist das beste, wenn wir uns jetzt hinlegen. Wir haben morgen einen langen Rückweg vor uns und es ist bereits spät geworden.” Kleitos hatte einfach das Gefühl, dass er seinen jungen Freund aus dieser Situation retten musste und als er Kassanders dankbarem Blick Gewahr wurde, wusste er, dass er richtig gehandelt hatte.


“Also man könnte es Hephaestion wirkich nicht übel nehmen, wenn er zu der Erkenntnis kommen würde, dass es ihm im Haus seiner Eltern besser ergehen würde”, sagte Kassander, als er am nächsten Morgen mit Kleitos bereits wieder auf dem Rückweg war. In seinem Lederbeutel befand sich ein Brief von Anthea an Hephaestion und Kleitos war sich sicher, dass Kassander diesen Brief ungeöffnet an Hephaestion weitergeben würde.

“Ja, aber er ist der älteste Sohn, er wurde an Philipps Hof geschickt und dort wird er bleiben. Das hat nicht viel mit freier Entscheidung zu tun. Es ist einfach so”, gab Kleitos zu bedenken, auch wenn er Kassanders Einwurf theoretisch sogar verstehen konnte.

“Wo sind seine Geschwister? Ich habe keine gesehen”, sagte Kassander und drehte sich kurz auf seinem Pferd ein wenig, um sich davon zu überzeugen, dass Keberos immer noch hinter ihnen hertrottete.

“Alles Mädchen. Sie sind vermutlich schon verheiratet.” Kleitos zuckte mit den Schultern und einen Moment kam ihm der Gedanke, dass doch eigentlich Kassander derjenige sein müsste, der solche Dinge über Hephaestion wissen sollte. Immerhin waren die beiden gemeinsam aufgewachsen.

“Er wird viel Gold schicken, oder?”

“So viel er entbehren kann und wahrscheinlich mehr. Ebenso wie Getreide. Feldzüge sind teuer.”

“Und das Leben seines Sohnes ist ihm wichtig.” Kassander biss sich auf die Unterlippe und sagte nichts mehr, auch wenn Kleitos glaubte ihm ansehen zu können, dass ihm noch etwas auf der Zunge brannte. “Ein Gewitter zieht auf”, stellte er sehr richtig nach einer Weile fest und Kleitos nickte bestätigend. Der dunkler werdende Himmel und der aufkommende Wind sprachen für sich.

“Wenn ich mich Recht erinnere, dann ist nicht weit von hier entfernt eine Höhle, in der wir Unterschlupf suchen können. Selbst die Pferde finden dort Platz”, sagte er schließlich. Er war dankbar, dass er die Gegend hier gut kannte, denn er konnte sich wirklich schöneres vorstellen als vollkommen durchnässt auf dem Rücken eines panischen Pferdes die nächsten Stunden zubringen zu müssen. So würde sich ihre Rückreise zwar um eingies verlängern, aber das würden sie schon aushalten.

Sie erreichten die Höhle, die sich ganz in der Nähe eines kleinen Baches befand, gerade noch im letzten Augenblick. Als Kleitos vom Rücken seines Pferdes rutschte, bekam er den ersten Wassertropfen ab und als er es kurze Zeit später in die Höhle geführt hatte, schüttete es schon so sehr, dass man kaum bis zu dem Felsvorsprung schauen konnte, der sich nur wenige Schritte vom Höhleneingang entfernt, befand.

“Das war verdammt knapp”, murrte Kassander.

Kleitos nickte, während er den nervösen Pferden etwas Getreide aus seinem Beutel fütterte. “Wir sollten sie lieber anbinden. Nicht, dass sie Panik bekommen und uns davon laufen”, sagte er schließlich, was Kassander dazu veranlasste genau das zu tun.

“Weißt du, was ich denke?”, fragte Kassander nach einer Weile.

“Meistens nicht besonders viel”, war Kleitos neckende Antwort, was ihm einen abschätzigen Blick von Kassander einbrachte. “Ich denke, dass Philipp gut daran tut Amyntor auf diese Art und Weise an sich zu binden.”

“Man kann Athener nur mit Druck an ihre Versprechen binden. Jeder weiß das. Sie sind in der Vergangenheit immer und immer wieder wortbrüchig gewesen.”

Kassander nickte. Er legte sein Fell auf den Boden und ließ sich darauf fallen. “Man kann ja so wenig von Hephaestion halten wie man will, aber wie ein Athener verhält er sich nicht gerade. Zumindest nicht immer.”

“Das hat er wiederum nicht seinen Eltern zu verdanken”, sagte Kleitos mit einem etwas grimmigen Grinsen und auch er setzte sich auf sein Fell.

“Wenn hier doch nur Holz wäre und wir uns ein Feuer machen könnten”, murmelte Kassander nach einer Weile und als Kleitos zu ihm schaute, konnte er sehen, dass sich eine Gänsehaut auf seinen Unterarmen gebildet hatte. Mit dem aufkommenden Gewitter wurde es merklich kälter und Kleitos ahnte, dass diese Nacht alles andere als angenehm werden würde.

“Aber immerhin ist es trocken.”

“Bringt einem nur nichts, wenn man erfrier-”

Kleitos hob plötzlich die Hand, um Kassander zu zeigen, dass er ruhig sein sollte. Ihm war so als hätte er durch das beständige Rauschen des Regens Fußschritte und Stimmen gehört. Wie von selbst wanderte Kleitos Hand zu seinem Schwert und legte sich um den Griff und als kurz darauf tatsächlich zwei große Schatten sah, die sich auf den Höhleneingang zubewegten standen er und Kassander in einer fließenden Bewegung auf und warteten ab.
Es traten drei Männer ein, die allesamt selbst Kleitos um einen Kopf überragten. Als ihre Blicke auf Kleitos, Kassander und den knurrenden Keberos fielen, blieben sie abrupt stehen.
“Ganz ruhig. Wir wollten euch nicht erschrecken. Wir suchen nur Schutz vor dem Unwetter, wie ihr auch”, meldete sich einer der Männer schließlich  zu Wort.
Kleitos Blick wanderte an den Körpern der Männer herab. Sie waren bewaffnet, aber sie hatten ihre Waffen nicht gezogen. Sie alle lächelten recht freundlich, auch wenn Kleitos zugeben musste, dass sich etwas in ihm dagegen wehrte diese Männer in die Höhle zu lassen. Er senkte sein Schwert nicht und mit einem zufriedenen Blick in Richtung Kassander bemerkte er, dass dieser es ihm gleich tat.
“Wir werden nichts tun. Wir sind Händler, die Schutz vor dem Unwetter suchen. Wenn es euch beruhigt werden wir uns dort in die Ecke setzen”, sprach der Mann, der eben schon das Wort an sich gerissen hatte.
“Händler? Wo ist eure Ware?”, fragte Kleitos, was ihm einen verwunderten Blick von den Männern einbrachte.
“Wir sind ausgeraubt worden”, sagte der Wortführer schließlich und die anderen beeilten sich nickend seine Aussage zu bestätigen.
“Ausgeraubt?” Kleitos glaubte ihnen kein Wort. Sie sahen nicht gerade so aus als wären sie ausgeraubt worden. “Wann?”
“Das ist schon ein paar Tage her.”
“Wohin seid ihr unterwegs?”
“Salmydessa”, erwiderte der Wortführer und Kleitos runzelte die Stirn. Sie waren Thraker. Gemeinsam mit Philipp und einem großen Heer hatte er vor einigen Jahren die Thraker wieder auf ihren Platz verwiesen, aber dennoch oder gerade deswegen waren sie mit Vorsicht zu genießen. “Sobald es aufhört zu regnen, werden wir weiterziehen. Wir haben nicht vor die Nacht hier zu verbringen”, sprach der Mann schließlich und das war es, was Kleito dazu brachte sein Schwert wieder herunter zu nehmen und langsam zu nicken, obwohl er bereits jetzt schon das Gefühl hatte, dass dies eine Entscheidung war, die er bereuen würde.
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