Doktor D und ihre Psychopathin

von NichtFee
GeschichteAngst, Suspense / P16
Cleo Sertori Emma Gilbert Rikki Chadwick
16.03.2015
16.03.2015
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Wie die Hauptstory wird dieser Schnipsel bald grob überarbeitet - vielleicht sogar dort eingebunden und hier komplett verschwinden.
lg,
-lg-




Doktor D und ihre Psychopathin



„Dr Denman?“ Die blonde Frau dreht sich mir zu. Ein verwirrtes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, die blauen Augen fragend, soweit ich es im Halbdunkel erkennen kann. Sie hat damit gerechnet allein zu sein. Sie hat sogar größten Wert darauf gelegt heute Abend allein zu sein. Leider kann ich nicht sagen, dass es mir leid täte, ihre sorgfältig gesuchte Einsamkeit zu zerstören.

Ich gehe beschwingten Schrittes auf sie zu und strecke eine Hand zur Begrüßung aus. „Janette Parker, obwohl mir Jay Parker mehr gefällt“, stelle ich mich vor. Natürlich kann sie mit meinem Namen nichts anfangen. „Ich bin erfreut, Sie tatsächlich anzutreffen.“

„Und wer sind Sie, Jay Parker?” Sie ist immer noch über meine plötzliche Anwesenheit verwirrt. So soll es auch sein. Eine Überraschung für den Anfang ist immer gut.

Neugierig sehe ich mich in dem offenen Krater um. Ein Ausläufer des Ozeans nimmt den größten Teil davon ein. Der Rest besteht aus kaltem, rohen Fels. Sie sind von dem rauen Wetter zerklüftet, bilden dennoch eine Art Ebene, aber ich würde es nicht darauf anlegen auf entsprechenden Absätzen hier gefahrenlos entlang zu stöckeln.

Sie hat auf dem mehr oder weniger unebenen Felsboden in der Höhle verschiedene Dinge aufgebaut. Einen schlichten, weißen und hässlichen Klappstuhl. Ich weiß jetzt schon, dass er unbequem ist. Auf einer großen Matte befinden mehrere hochwertigen Messgeräte, die ich – bevor sie von der Küste ablegte – auf ihrem Forschungsboot gefunden habe. Sie behält mich im Blick, als ich ihre Gerätschaften bewundere und mich auf den Stuhl setze. Er ist wirklich unbequem. „Ich bin an Ihren Forschungen rund um Mako Island interessiert“, gebe ich schließlich offen zu und sehe sie abschätzend an.

Sie weicht ein wenig zurück und verschränkt abwehrend die Arme vor der Brust. „Ach, wirklich? Ich habe sie beendet.“

„Schade, dabei fand ich Ihren Artikel zur Zellmutation sehr gut.“

Sie geht noch einige Schritte rückwärts. „Ich habe ihn nie veröffentlicht. Mittlerweile existiert er nicht mehr.“

„Nein?“, frage ich verwundert und gebe mich in Gedanken versunken, derweil ich die Zeit nutze, um den Krater zu betrachten. Das Wasser wirft das Licht der Flutleuchter in glitzernden Funken an den Innenkrater. „Stimmt. Da war ja ein Haken… Wissen Sie, wenn ich am Computer bin, vergesse ich schnell die Grenzen zwischen darf ich lesen und sollte ich nicht lesen. Aber ich fand ihn fantasievoll. Für eine trockene Wissenschaftlerin haben Sie das gut verpackt. Der ganze Meerjungfrauenkram in der Moderne. Ja, das war eine köstliche Abwechslung. Ich wollte Ihnen dafür danken.“

„Und woher wissen Sie, wo ich sein würde?“

Ich springe auf, als hätte sie mich auf eine hervorragende Idee gebracht und gehe auf sie zu. Sie weicht noch einen Schritt zurück, bis das Wasser ihr den Weg abschneidet. Letztendlich sind wir einen knappen Meter voneinander entfernt. Wir stehen an dem Ozeanausläufer, an einem Mondsee um genau zu sein. Vor der Südwestküste Islands. Die Sonne ist in ihren letzten Zügen, ohne Doktor Denmans Flutleuchter wäre es hier drin stockdunkel. Heute Nacht ist Vollmond. Es ist das zweite Mal, dass ich bei Vollmond hier bin. Nach beinahe sechs Jahren. Letztes Mal ist es Sommer gewesen, Ende  August und nicht Mitte Dezember. Es kann ja sein, dass dort wo sie her kommt, im Dezember und Januar die Sonne scheint, aber auf dem nördlichen Teil der Erdhalbkugel ist es in der „düsteren Jahreszeit“ nun einmal kalt, weil die Sonne im Süden ist. Vor allem in Island; daran kann auch etwas magisches wie ein Mondsee nichts ändern.

Mit beiden Händen in den Hosentaschen zucke ich teilnahmslos mit den Achseln. „Bei Ihren Studien war das offensichtlich. Ein leichter Sprung von Mako hier her.“

„Ich habe Monate gebraucht, diesen See ausfindig zu machen!“, faucht sie mich an. Und ich habe sie gelenkt. Sonst wäre sie noch auf Irland gestoßen. Dort wäre die Szenerie schöner und die Nacht vielleicht um ein Grad wärmer, aber ich wollte sie in einem komplett von Gestein umschlossenen Mondsee antreffen. Das verschafft mir mehr Sicherheit.

„Sind Sie darum allein?“, frage ich nach. „Wissen Sie, das ist nicht so gut. Allein. Hier. Heute.“

„Wie haben Sie mich gefunden?“, wiederholt sie ihre vorige Frage. Sie wird immer wütender. Wut ist gut, sie macht unvorsichtig.

Ich schalte in den Erzählermodus um: nachdenklich und verständnisvoll. „Sie sind wirklich nicht gut darin, Ihre Spuren zu verwischen. Sehen Sie!“ Ich hole einen USB Stick aus meiner Tasche und halte ihn hoch, mit einer Umdrehung stehe ich nur Millimeter von ihr entfernt. Sie erstarrt. „Das hier ist Ihr ganzes Leben. Alles, was Sie je erreicht haben, oder glücklicherweise auch nicht, gebündelt auf einem Stückchen Metall.“

Sie weicht noch mehr zurück. „Sie… Sie… sind…“

„Unterbrechen Sie mich nicht, Doktor. Ich bitte Sie, diesen Ort zu verlassen, bevor der Mond hoch genug steht und Sie in Versuchung geraten sollten, irgendetwas Dummes zu tun. Und in Zukunft derartige Seen zu meiden.“

„Drohen Sie mir?“, fährt sie auf und kommt auf mich zu. Es ist ein interessantes Spiel, wie Menschen Abstand zueinander gewinnen und ihn wieder verlieren. Besonders in stundenlangen Observationen ist es immer spannend zu beobachten.

Ich antworte nicht sofort. Machtdemonstration. Wirkt oft ohne große Anstrengung. „Nein, aber ich verspreche Ihnen, dass einige Ihrer Arbeiten unter anderem Namen erscheinen werden, sollten Sie je auf die Idee kommen, Ihre angeblich ergebnislosen Forschungen fortzusetzen oder sich selbst zum Forschungsobjekt zu machen.“

„Das ist eine Drohung!“ Ich würde beinahe soweit gehen und es Erpressung nennen. Etwas geringeres ist es jedenfalls nicht.

„Ein Versprechen“, korrigiere ich sie wieder im ruhigsten Tonfall. „Sie haben mein Wort.“

Sie kommt auf mich zu. Entweder wird sie versuchen mich - wenn verbal nicht wirkt - körperlich anzugreifen, oder ins Wasser werfen. Was auch immer sie vorhat, beides ist gleich zwecklos. Tatsächlich setzt sie zum Schlag an, doch ich blocke sie ab und ergreife ihre Hand. Mit der anderen halte ich den Stick über den Mondsee. „Linda, das ist die letzte Speicherung. All Ihre Festplatten sind geschmort, falls Ihnen das entgangen ist. Wenn ich Ihn ins Wasser werfe, haben Sie nie existiert.“ Natürlich ist das eine Lüge. Peter hat alles mehrfach abgespeichert, irgendwie müssten wir ja unsere Versprechungen wahr machen.

Die Anspannung in ihrem Arm flaut ab, ich lasse sie los und sie geht einen Schritt zurück. Nachdenklich. „Wie sind Sie daran gekommen?“

„Ich hatte Gelegenheit.“

„Sie sind eine Psychopathin!“

Ich gebe mich lehrerhaft. Bald muss ich es ein ganzes Jahr durchhalten so zu klingen. „Nun übertreiben Sie nicht, Doktor. Sie kennen sich vielleicht mit dem Meer aus, aber nicht mit mir. Wenn es Sie beruhigt, bin ich zwei oder drei Punkte am Label Psychopathisch vorbeigeschrammt. Schade eigentlich, das Leben wäre so viel leichter. Vielleicht sollte ich den Test nochmal machen. Jetzt, wo ich die Antworten kenne.“ Ich schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln und hebe den Stick noch einmal an, dann halte ich ihn ihr entgegen. „Hier. Entfernen Sie sich von dieser Insel.“

Zögerlich greift sie danach, doch in ihren Augen flackert etwas auf. „Ich habe sie gesehen! Ich weiß, dass sie existieren.“

Ich hebe kurz die Schultern. „Ja, das weiß ich auch. Aber Ihre Motive gefallen mir nicht. Wären Sie ein bisschen menschlicher, könnten Sie machen, was Ihnen beliebt.“

„Menschlich?“, wiederholt sie angeekelt. „Davon reden Sie?“

„Sie ganz offensichtlich nicht. Und jetzt gehen Sie, oder soll ich Sie eskortieren?“

Sie steckt ihren Stick ein und – was für eine Überraschung – katapultiert mich ins Wasser. Ich hätte mich wehren können, aber dann hätte ich ihr wahrscheinlich eine Rippe gebrochen. Und bei dem Sturm, der heute Nacht aufzieht, bin ich nicht gewillt mich um eine verletzte Meeresbiologin zu kümmern. Außerdem müsste sie dann ins Krankenhaus, und sowas wünsche ich keinem. Pitschnass tauche ich nach dreißig Sekunden wieder auf. „Sie haben Ihren Stick gerettet, Glückwunsch. Aber anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet.“

Misstrauisch sieht sie mich an. „Sie sind keine-?“

Mit zwei Kraulzügen bin ich am Rand und hieve mich aus dem eisigen Wasser. Sobald ich an der Luft bin, wird mir noch kälter, jeder Lufthauch sticht mit unzähligen Dornen und die Kleidung pappt sich an meine Haut. Meine Haare fühlen sich an wie Algen. Dieses Gefühl ist einfach nur widerlich. Als ich sie auswringe, um einige der kalten Tropfen loszuwerden, beschließe ich zum Friseur zu gehen und mir wieder einen kürzeren Haarschnitt zulegen zu lassen. Außerdem brauche ich dann nicht ganz so viel stinkende Chemie für den dunklen Ton, den ich seit Jahren einfärbe.

„Nein, bin ich nicht, Doktor Denman. Überrascht Sie das? Überraschen Sie mich auch mal, zur Abwechslung. Ab und zu halten mich Menschen für eine  Meerjungfrau und immer wieder sind Sie enttäuscht. Das ist langweilig.“ Chris hatte es in einem Anfall von Naivität auch versucht. Als Konsequenz zog er sich eine Erkältung zu, die ihn eine ganze Woche vollkommen außer Gefecht setzte. Selbst schuld, würde ich sagen. „Wir sind vor Island, im Winter. Es ist kalt. Und ich hasse es, wenn mir kalt ist. Sie haben nicht dazu beigetragen, meine Stimmung aufzuheitern.“ Ich streife mir meine Jacke von den Schultern und wringe sie über dem Mondsee aus. Dann falte ich den klammen Stoff zusammen und lege ihn mir über den Arm. Langsam wird mir schlecht.

Schweigend beobachtet sie mich. Wut und Entsetzten bringen ihr jetzt nicht mehr viel. Sie hat gemerkt, dass ich darauf nicht reagiere. Ich fragte mich, was als nächstes kommen würde: Verzweiflung oder Sturheit, Ignoranz ihrer misslichen Lage?

„Öffnen Sie die Dateien auf Ihren Stick. Sie werden merken, es fehlen einige Dateien. Nur zur Absicherung.“ Ich werfe einen Blick durch den Krater in den Nachthimmel. Eine dicke Wolkenschicht verdeckt die Sterne.  Perfekt. „Heute scheint hier kein Mond. Da können Sie die ganze Nacht warten.“ Ein Lächeln, dann Besorgnis. „Allerdings könnte es stürmisch werden. Auf bald.“ Ich wende mich zum Gehen.

„Bestimmt nicht.“

Wie zum Abschied wedle ich mit der Hand, die gerade nicht von meiner kaltnassen Jacke in einen Eisblock verwandelt wird.  „Geben Sie sich Mühe. Ich besuche Sie nur, wenn sie auf dumme Ideen kommen. Und vertrauen Sie darauf, für mich sind Ihre Pläne so klar wie Wasser.“ Auf dem Mondsee erscheinen kleine Ringe die sich im Wasser in konzentrischen Kreisen ausbreiten. „Oh, es beginnt zu regnen. Beeilen Sie sich. Solange es noch Regen und kein Hagel ist.“

„Nein!“


Ich drehe mich um und hebe fragend eine Augenbraue. „Wie bitte?“

„Diesmal nicht. Ich habe alles aufgenommen. Film und Ton. Ihre Worte. Ihre Drohung.“

Ich seufze. „Ein Versprechen, keine Drohung.“

„Sie können nichts tun! Sie schöpft wieder Hoffnung. Mal sehen, wie lange noch.

„Der Mond wird trotzdem nicht scheinen. Nicht heute.“

„Heute vielleicht nicht, aber in vier Wochen. In acht. Immer und immer wieder wird der Mond scheinen.“

Ich schüttele beinahe betrübt den Kopf. „Nicht für Sie. Denken Sie an Ihren Teil des Versprechens. Keine weiteren Experimente.“

„Sie hören nicht zu, Jay Parker. Falls das überhaupt Ihr richtiger Name ist. Ich habe Sie auf Band. Sie haben mir zugestimmt in der Existenz von Meerjungfrauen. Oha, nun wird sie richtiggehend euphorisch. „Und gerade Sie nehmen ihnen den harmlosen Schein.“

Ihre Aufzeichnungstechniken. Deswegen hatte ich mir schon seit meiner Ankunft auf der Halbinsel keine Gedanken mehr gemacht.

„Die Geräte! Ha, stimmt. Beinahe vergessen.“ Ich gehe die wenigen Meter zu ihr zurück. Noch einmal werfe ich einen kurzen Blick nach oben in den Krater. „Sie haben Sie gut versteckt, aber nicht gut genug. Da ist eine.“ Ich zeige auf die Kamera. „Nummer zwei. Und drei. Und vier. Die unter Wasser habe ich vorhin entdeckt, darum hat es mich so lange gebraucht, wieder an die Wasseroberfläche zu kommen.“ Noch ein Lächeln und ein Zwinkern. „Ich hoffe, sie waren nicht so teuer, wie sie aussahen.“

Sie greift meinen Tonfall auf. „Waren?“

„Es kann sein, dass sie, Sie wissen schon, funktionsunfähig sind. Ich habe eine natürliche Abneigung dagegen, auszugsweise zitiert zu werden.“ Ratlos sehe ich sie an. „Sie sind großartig, Doktor. Ich bewundere Sie. Aber nehmen Sie Ihre Finger von Dingen, die nicht für Sie geschaffen sind. Es wäre traurig, würden Sie sich verbrennen.“ Langsam macht mir die Kleidung wirklich zu schaffen. Diese elende Kälte, die bis auf die Knochen geht. „Entschuldigen Sie mich bitte, aber ich muss los. Sonst verpasse ich noch mein Date.“

Mit defekten Kameras und Wanzen lasse ich sie im beginnenden Sturm zurück, warte aber versteckt darauf, wann ihr Forschungsboot ablegt. Tatsächlich erscheint sie keine halbe Stunde später, in jeder Hand einen schweren Koffer, wahrscheinlich ihre verpackten Geräte. Sobald sie den Motor anlässt und außer Sichtweite verschwindet, eile ich durch die Mischung aus Eis und Regen zurück zum Krater um zu sehen, was sie zurückgelassen hatte und wenn, diese Spuren zu beseitigen.



Anmerkung zur Beruhigung:
Der Kommentar Loreleis zum Psychopathietest ist in dem Moment reine Erfindung. Es kann natürlich sein, dass sie diesen Test in der ein oder anderen Form gemacht hat, allerdings ist es kein einfacher Ankreuztest wie uns im Internet gern versprochen wird. Des Weiteren würde sie auf der Skala zwischen drei bis sechs Punkte erreichen - aus der Sicht eines Laien was Persönlichkeitseinschätzung, sowie die Anwendung und Auswertung von Persönlichkeitstests angeht - und damit liegt sie im ungefährlichen Durchschnitt.
Falls es euch genauer interessiert, kann ich euch ein hochinteressantes Buch dazu empfehlen ;)