Die Mustangs von Cimarron

GeschichteAbenteuer, Familie / P16
15.03.2015
24.08.2018
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Dieses Kapitel
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Hallo Fanfiction- und Spirit-Freunde. Wie ihr hoffentlich in der Kurzbeschreibung gelesen habt, handelt es sich hierbei um die Fortsetzung meiner ersten Spirit-FF, "Like Father, like Son". Im Normalfall würde ich die hier verlinken, aber ganz im ernst, hier gibt es so wenige FFs, die findet ihr auch selbst.
Ich würde euch auch empfehlen, diese zu lesen, sonst wird diese Geschichte wegen der Masse an OCs, die noch aus dem ersten Teil dabei sind, nicht viel Sinn machen. Wie auch der erste Teil fokussiert sich dieser hier großflächig auf meine eigenen Kreationen und die, die mir zur Verfügung gestellt wurden (anders als der erste Teil ist das hier aber, abgesehen von den damals angenommenen Charakteren, KEINE Mitmach-FF!). Aber auch Spirit und Rain sowie Esperanza werden diesmal ihre eigenen Schwierigkeiten zu meistern haben. Was das ist, werdet ihr nach diesem Kapitel wissen.

Eigentlich wollte ich vor dem Posten Kapitel vorschreiben, aber dann hab ich gedacht, dass ich euch schon lange genug hab warten lassen. Wie lang diese Geschichte wird, kann ich euch nicht sagen,aber tendenziell wird sie wohl ähnlich lang wie die erste. Genug Charaktere, Konflikte und Pläne habe ich.

Für alle, die das hier ohne den ersten Teil lesen oder solche Dinger einfach mögen, ist hier übrigens ein Stammbaum. Abgesehen von Suerte sind alle Charaktere über Spirits Generation Canon (aus diversen Büchern), die nachfolgende Generation sowie Snowey und Paw sind jedoch erfunden. Snowey und Paw werden übrigens in dieser Geschichte nicht vorkommen, sondern sind nur Teil von meinem privaten Headcanon. Die Vorlage für den Stammbaum stammt von einer Userin namens "blackhorsebeth" auf der Website AnimationSource.

Wie auch immer, genug gelabert, ich geh schon mal in den Schutzbunker. Viel...Spaß.

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Kapitel 1 [Rain]
Herausforderung angenommen


Sorge war ein scheußliches Gefühl.
Eigentlich musste sie das anders formulieren. Sorge um sie selbst war für Rain vollkommen in Ordnung, die Sorge um ihre eigene Zukunft, ihr Leben, ihre Gesundheit. Sorge um ihre Familie und die Herde war das Gefühl, das sie schon seit langem jeglicher Ruhe beraubte. Seit Spirits Verletzung war Sicherheit ein Gefühl geworden, das ihr fremder nicht sein konnte.
Warum, oh warum nur hatten sie Kachina erlauben müssen, sich mit ihren Spielgefährten herumzutreiben?
Die vergangenen Monate waren weder für sie noch für den Rest der Herde einfach gewesen. Es hatte mehr Todesfälle gegeben als gewöhnlich und Rain dankte dem Himmel am Abend jedes Tages, der ohne Begegnung mit einem fremden Hengst verging. Spirit konnte sie einfach, so schwer diese Tatsache auch zuzugeben war, nicht mehr angemessen verteidigen. Die Auswirkungen seiner Verletzung hatten sich reduziert, aber der Sommer neigte sich bereits seinem Ende zu und er lahmte immer noch leicht. Nicht genug, um ihn lebensunfähig zu machen, aber so sehr, dass es in einem Machtkampf für einen ernsthaften Nachteil sorgen würde. Ein Nachteil, der ihn leicht seine Herde kosten konnte. Rain fürchtete diesen Tag jetzt schon.
Mit den Nüstern im Wind stand sie auf einer Anhöhe und überblickte die Ebene. Keine Gefahr war zu sehen und auch der Wind kündigte nicht von Räubern jedweder Art. Ein wenig beruhigt ging sie den Hügel hinab, wo Spirit mit der Herde wartete, und schritt an ihren Platz an der Spitze der Herde, neben Esperanza. Die alte Stute hatte angeboten, sie bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, als sie gesehen hatte, wie kritisch die Situation wurde. Nun blickte sie Rain erwartungsvoll entgegen.
„Irgendetwas Neues?“
„Nein, glücklicherweise.“ Rain überblickte kurz die Herde. Alle Stuten und Fohlen sahen unruhig aus, erfüllt von einer gewissen Erwartung. Vermutlich lag es an  der Spannung, die schon seit dem Morgen in der Luft lag und ihre Ladung auf sie übertrug. Später würde ein Sturm aufziehen oder zumindest ein Gewitter, das sagte Rain ihr Gespür.
„Wir sollten Schutz suchen“, schlug sie vor, während ihr Blick an Kachina hängen blieb. Ihre Tochter ging mit Moon am Ende der langen Reihe der Herdenmitglieder, wie sie es schon immer getan hatte, seit Spirits Verletzung anhaltend geworden war. Rain schmerzt das Herz, als sie den gesenkten Kopf ihrer Tochter sah, aber sie zwang sich, wegzusehen. Momentan hatte sie eine gesamte Herde zu sichern. Kachina würde warten müssen.
Einen Moment lang ließ sie noch ihren Blick schweifen, dann hatte sie gefunden, was sie suchte.
„Rime!“, rief sie ihrem jüngsten Sohn zu, um diesen an ihre Seite zu rufen. Rime war sehr früh im Jahr auf die Welt gekommen, dank des langen Winters hatte am Morgen seiner Geburt sogar noch Raureif an den Gräsern gehangen, daher auch sein Name. Jedoch war er, obwohl er das älteste Fohlen dieses Jahres war, noch immer sehr klein und zierlich. Auch das graubraune Fell war bisher noch bei keinem ihrer Fohlen vorgekommen, aber Aalstrich und Streifen an den Beinen ließen kaum einen Zweifel an Spirits Vaterschaft.
Als Rime die Stimme seiner Mutter hörte, hob den Kopf von der Stelle, an der sie irgendetwas im Gras angestarrt hatte, und lief dann ohne ein weiteres Wort an ihre Seite. Sie musste ein bitteres Lächeln unterdrücken. Wenigstens dieses Fohlen bereitete zur Abwechslung einmal keine Probleme.
Mit ihrem Sohn an ihrer Flanke setzte sie sich in Bewegung und hörte mehr, als dass sie es sah, dass ihre Herde ihr folgte. Esperanza ging auf ihrer anderen Seite und blieb immer wieder kurz stehen, um die Nase in den Wind zu recken. Rain konnte sich immer wieder nur wundern, dass die alte Stute noch derart gesund und agil war. Viel würde sie für ein derart langes Leben geben. Sie selbst würde der Stress vermutlich eines Tages zugrunde richten.
Nur selten schaute Rain während ihrer Wanderung nach hinten, und wenn, dann ließen sie die angespannten Gesichter und der Anblick Spirits den Kopf meist schnell wieder nach vorne drehen. Die Herde war so viel kleiner geworden. Manch ein junger Hengst hatte es gewagt, eine Stute zu rauben und Spirit hatte sie so gut wie nie daran hindern können. Es war schwer zu begreifen, dass ein einziges verfluchtes Jahr so viel hatte verändern können.
Aber wenigstens war Alba nicht mehr da, das war von Vorteil. Die Stute hatte nur Probleme bereitet. Moon war vollkommen durch den Wind gewesen, aber seitdem verbrachte er nur noch mehr Zeit als schon zuvor mit Kachina. Der Junghengst tat Rain von ganzem Herzen leid, aber wie sie zuvor schon bemerkt hatte – sie hatte Wichtigeres im Kopf als einzelne Herdenmitglieder.
„Er ist nicht mehr er selbst“, seufzte Esperanza plötzlich mit einem Blick auf ihren Sohn, der langsam der Herde folgte. Rain konnte ihr nur zustimmen. Die Fehlschläge der vergangenen Monate hatten Spirit noch wesentlich mehr zugesetzt als ihr. Kurz warf sie einen prüfenden Blick auf ihren eigenen Jüngsten, aber Rime schien kaum Notiz von ihnen zu nehmen, sondern betrachtete mit großen Augen die Landschaft um sie herum.
Dennoch sprach sie mit gesenkter Stimme. „Erst dachte ich, es sei nur sein Stolz verletzt, aber das müsste doch allmählich nachlassen. Selbst zu Rime, Kachina und mir ist er so...kühl. So distanziert.“ Im Falle Kachinas konnte sie das beinahe verstehen, aber natürlich sagte sie das nicht laut. Sie schämte sich ja selbst für diesen Gedanken. Aber was sollte sie machen? Wäre ihre Tochter nicht so leichtsinnig und sie nicht so vertrauensselig gewesen, dann wäre jetzt noch immer alles in Ordnung. Dann müssten sie nicht ständig umherziehen, um sich zu schützen, was Spirits Zustand natürlich auch nicht unbedingt verbesserte.
Man konnte beinahe behaupten, ihre Situation sei hoffnungslos, aber Rain wollte nicht an hoffnungslose Situationen glauben. Noch nicht zumindest.
„Ich weiß“, brummte Esperanza und ihre großen, seelenvollen braunen Augen nahmen einen traurigen Ausdruck an. „Ich fürchte, all die Fehlschläge haben ihn letztendlich mürbe gemacht. Ich wünschte nur-“
Was genau Esperanza sich wünschte, sollte auf ewig ein Geheimnis bleiben, denn in diesem Moment schien die Stute irgendetwas wahrzunehmen, das sie urplötzlich den Kopf hochreißen ließ. Mit aufgestellten Ohren, geweiteten Augen und bebenden Nüstern blickte sie sich um. Rain bemühte sich nicht erst, zu fragen, was passiert war, sie tat es ihr einfach gleich. Auf Esperanzas feine Sinne hatte sie sich zu verlassen gelernt.
Und tatsächlich witterte sie schon bald den Grund für die Aufregung der alten Stute – und erstarrte prompt ebenso stark wie Esperanza. Stumm schauten sie einander an, klappten die Ohren nach hinten und blickten gleichzeitig in verschiedene Richtungen, Esperanza in Richtung der Herde, die ebenfalls stehen geblieben war und sie nervös beäugte, und Rain in die vor ihnen liegende Ebene.
Hengst.
Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut.
Präzise gesagt war es nicht einfach nur ein Hengst, sondern ein fremder Hengst. Ein fremder Hengst, der möglicherweise mehr war als nur ein Jungspund, der sich nicht traute, mehr als nur ein oder zwei Stuten zu erbeuten, sondern Spirit die ganze Herde streitig machen würde. Sofort schärfte ihre Sinne, dehnte sie in alle Richtungen aus. Die Spur war noch nicht alt, aber sie war unschlüssig, wohin es den Fremden gezogen hatte. Vielleicht war er nur auf der Durchreise. Aber wenn sie ihn gewittert hatten, war der gegenteilige Fall nicht unwahrscheinlich.
Rime, der sich, ihre Anspannung spürend, eng an ihre Flanke drückte, lenkte ihre Aufmerksamkeit schließlich wieder anderen Dingen zu, aber ihre Muskeln blieben einsatzbereit. Dennoch senkte sie den Kopf ein wenig und fuhr dem Fohlen beruhigend mit der Zunge über den Nasenrücken.
„Was ist los, Mama?“, wollte er dennoch wissen und blickte sich beinahe hecktisch um. Rain erzwang ein Lächeln.
„Gar nichts, Rime. Mach dir keine Sorgen“, versicherte sie ihr so überzeugend wie möglich, bevor sie den Kopf hob  und abermals die Herde anschaute. Je länger sie hier ausharrten, desto unruhiger wurden ihre Herdengenossen. Auch Spirit am Ende der Gruppe hatte den Kopf gehoben und versuchte herauszufinden, was ihr solche Sorgen bereitete.
Sein Blick traf ihren nur wenige Sekunden später, und sofort wusste sie, dass er es auch gewittert hatte. Sorge stand ihm eindeutig ins Gesicht geschrieben, aber er spannte keinen Muskeln an, um zu ihr nach vorne zu kommen. Scheinbar sollte sie selbst entscheiden.
Okay. Gut. Sie war eine Leitstute, sie konnte das, nichts Schlimmes würde passieren. Sie musste nur den richtigen Weg einschlagen und hoffen, dass sie der Spur des fremden Hengstes nicht noch einmal begegnete.
Kurz schaute sie noch hilfesuchend Esperanza an, doch die schien nicht minder ratlos zu sein als sie selbst. Äußerlich ruhig und innerlich seufzend schlug Rain die Richtung ein, aus der der fremde Hengst vermutlich gekommen war – die Wahrscheinlichkeit war immerhin groß, dass er sich nur auf der Durchreise befand. Hinter sich hörte sie Schnauben und Stampfen der restlichen Herde, aber keiner begehrte gegen ihre Entscheidung auf.
Gut so.
Proteste waren nichts, was sie jetzt gebrauchen konnte, denn obwohl sie weiterzogen, waren ihre Sinne immer noch geschärfter als sonst. Unablässig witterte und lauschte sie, hielt sogar hin und wieder an, um auch das kleinste Zeichen wahrnehmen zu können, dass sie dem Hengst näherkamen. Man mochte es Paranoia nennen, aber lieber gab Rain zu, paranoid zu werden, als dass sie irgendwelche unangenehmen Überraschungen erlebte.
Das Gefühl, dass das den unangenehmen Überraschungen vollkommen egal sein würde, wurde sie dennoch nicht los.

Wenn man ganz genau weiß, dass eine unangenehme Sache, sei es nun eine Aufgabe oder ein bestimmtes Ereignis, in der Zukunft liegen könnte, dann ist das meist schon unangenehm genug. Man sorgt sich, verstaut dieses Gefühl  aber im hintersten Winkel des eigenen Verstandes, immerhin muss man sich noch nicht damit beschäftigen, man hat noch Zeit, vielleicht tritt dieses Ereignis auch gar nicht ein. Dann will man schließlich nicht umsonst Energie in all die Sorge, den beschleunigten Herzschlag und die allgemeine Panik investiert haben.
Wenn diese Ereignisse oder Aufgaben dann jedoch in greifbare Nähe rücken oder gar einen festen Zeitpunkt bekommen, wenn sie nicht mehr fern und ignorierbar sind, dann schaltet der komplette Körper auf Alarmzustand. Das Herz rast, die Gedanken kreisen nur noch um dieses eine Thema und man hat das Gefühl, man müsse gleich zusammenbrechen, weil man diese fürchterliche Angst und Anspannung nicht mehr erträgt.
Genau so ging es Rain an eben diesem Nachmittag. Genau so. Sie konnte nicht genau sagen, ob sich die Spannung des Gewitters auf ihren Körper übertragen hatte oder diese Energie aus ihrem Inneren kam, aber ihre Muskeln schienen unter Strom zu stehen, so angespannt waren sie. Für den Rest der Herde musste es aussehen, als leide sie unter Verfolgungswahn.
Nicht, dass das Rain kümmerte. Solange sie irgendeinen Hengst rechtzeitig bemerkte und rechtzeitig den Kurs ändern konnte, durften die anderen gerne denken, was sie wollten. Es war nicht so, als ob sie je etwas auf Getuschel hinter ihrem Rücken gegeben hätte.
Den ganzen Tag lang ließ sie die Herde herumziehen, obwohl die Luft immer schwüler wurde und sich die Gewitterwolken immer schwärzer und deutlicher am Horizont abzeichneten. Sie hörte die Beschwerden der anderen Stuten, sie sah das von Schweiß verdunkelte Fell ihres Sohnes, sie spürte ihre eigene Erschöpfung, ihren Hunger, ihren Durst, aber sie konnte einfach nicht anhalten. Sie konnte nicht das Risiko eingehen, die Herde zu verlieren, nur weil sie nicht aufgepasst hatte. Es war wie ein innerer Zwang.
„Mama, müssen wir noch lange laufen? Ich bin müde, und es wird schon so dunkel“, jammerte Rime irgendwann. Rain schenkte dem Fohlen nicht mehr als einen kurzen Seitenblick. Der Kleine sah so erschöpft aus, er schien sich kaum noch auf den Beinen halten zu können und stolperte er an ihrer Seite daher, als dass er lief.
Aber sie konnten nicht anhalten. Sie mussten weiter, so lange, bis sie absolut sicher war, einen überschaubaren, sicheren Ort gefunden zu haben. Fern von Gefahren und vor allem fern von irgendwelchen fremden Hengsten.
„Rain, wir müssen anhalten. Wir haben den ganzen Tag über kaum gerastet, die Herde braucht eine Pause!“, schnaubte auch Esperanza, die wohl sah, zu welcher Antwort die eigentliche Leitstute tendierte. Rain legte die Ohren an.
„Wir müssen in Bewegung bleiben.“ Sie hatte schon so viele Herdenmitglieder verloren, diesmal würde sie nicht einfach aufgeben. Dafür musste man nun einmal Opfer bringen, als Leitstute musste man Entscheidungen treffen, die für die ganze Herde gut waren, auch, wenn das hart erscheinen mochte.
Sie würde nicht schon wieder versagen.
Stur drehte sie wieder ihren Kopf nach vorne und lief weiter, rechnete jedoch nicht damit, dass ihr plötzlich eine Wand aus hellem Fell den Weg versperrte. Sie schaffte es gerade noch, anzuhalten, bevor sie gegen Esperanza prallte, die ihr nicht minder streng entgegensah. Die alte Stute hatte die Ohren angelegt, ihre Maulwinkel waren richtig verkniffen und ihre Haltung war angespannt und aufgerichtet. Rain war von dem plötzlichen Verhaltenswechsel sogar so erstaunt, dass ihr auf die Schnelle kein einziges Wort einfiel.
„Die Fohlen können nicht mehr weiterlaufen, und Spirit auch nicht! Hast du dich mal umgesehen?“, fuhr Esperanza sie an. Automatisch presste Rain die Ohren in den Nacken und schlug mit dem Schweif, gab dann aber nach ein paar Sekunden doch nach und blickte nach hinten. Was sie sah, überraschte sie...auf die negative Art.
Die gesamte Herde war mit ihnen stehen geblieben und schaute zu ihnen nach vorne, abwartend, frustriert und, im Fall der meisten, dankbar für die kurze Pause. Sie sahen alle genervt aus, schließlich hatten sie beinahe den ganzen Tag lang nur in kurzen Zeitabständen gerastet, um zu grasen oder zu trinken. Pferde zogen zwar viel herum, aber so große Tiere wie sie brauchten einen gewissen Satz an Kalorien, den sie tagtäglich zu sich nahmen. Mustangs konnten zwar tagelang ohne Futter und Wasser auskommen, wenn es sein musste, das hieß jedoch nicht, dass es ihnen gefiel. Die ausgewachsenen Tiere wirkten auch noch sehr fit, nur entnervt, aber für die Fohlen sah das ganz anders aus. Manche von ihnen zitterten regelrecht und nutzten die Unterbrechung sofort, um zu trinken.
Und Spirit.
Oh, Spirit.
Rain wusste, dass er es niemals zugegeben hätte, aber seine Verletzung musste ihm schlimmere Schmerzen bereiten als zuvor. Erst jetzt schloss er zu den anderen Pferden auf, und niemand konnte ihr erzählen, dass er freiwillig so weit hinter ihnen gelaufen war. Dazu lahmte er zu stark – abgesehen davon begann er, das verletzte Bein zu entlasten, kaum, dass er stand.
Beschämt senkte sie den Kopf und ließ ihre Ohren hängen. Sie hatte nicht einmal daran gedacht, wie sehr ihm das gesteigerte Tempo schaden könnte.
In ihrem Wahn, das Wohl der Herde zu sichern, hatte sie keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, ob die jüngsten von ihnen das überhaupt durchhalten würden. Allerdings mussten sie immer noch vorsichtig sein, die Gefahr war noch lange nicht vorbei.
„Es könnte immer noch ein fremder Hengst in der Nähe sein“, merkte sie an und drehte ihren Kopf wieder in Esperanzas Richtung. Die ältere Stute hatte sich ein wenig entspannt, seufzte bei Rains Worten jedoch.
„Natürlich, aber irgendwann können wir einfach nicht mehr weglaufen. Außerdem wird das Gewitter bald anfangen. Hab keine Angst, es kommt schon alles in Ordnung.“
„Ich hab keine Angst“, murrte Rain, schlug noch ein letztes Mal mit dem Schweif und blickte sich dann um. Wenn es Gewittern würde, sollte die Herde nicht unbedingt der einzige erhöhte Punkt auf einer platten Ebene sein. Rain hatte schon vom Blitz erschlagene Pferde gesehen und eines wusste sie mit Sicherheit: so wollte sie nicht enden.
Mit dem Kopf schüttelnd dachte sie noch ein paar Sekunden lang nach, dann seufzte sie geschlagen. „Wir rasten, wenn wir die Bäume da hinten erreicht haben“, erklärte sie und ignorierte das erleichterte Schnauben, das den meisten ihrer Herdengenossen daraufhin entfuhr. Sollten die doch mal die Verantwortung für eine komplette Herde haben, dann würden sie wissen, was für eine Knochenarbeit sie leistete.

Wenn Rain vorher schon das nagende Gefühl leichter Schuldgefühle gespürt hatte, dann verwandelte sich das in das grausame Herausreißen von Fleisch, als sie Spirit langsam auf sich zu humpeln sah. Rime hatte sich eben erst zu ihren Hufen in das trockene Gras gelegt, die übrigen Pferde standen nah beieinander und warteten darauf, dass der Sturm vorüberzog. Der Wind war bereits stärker geworden und zerrte an ihrem Mähnen.
Die Zeichen standen auf Unruhe, und Rain wusste nicht, ob diese nur von den Naturgewalten herrühren würde.
Spirit musste ihre unruhig spielenden Ohren sofort bemerkt haben, denn als er vor ihr stehen bleib, betrachtete er sie zuerst für ein paar Sekunden aufmerksam, bevor er sie ansprach. „Was war heute mit dir los?“
Rain wusste nicht, was sie mehr überraschte – dass Spirit tatsächlich mit ihr sprach oder dass er direkt auf den Punkt kam. Einen Moment lang zögerte sie, dann schüttelte sie schnaufend den Kopf.
„Gar nichts.“
„Das kannst du Rime erzählen. Ich will sofort wissen, was los war.“
Ah, so war er also wieder drauf. Rain legte die Ohren an und wandte sich ab. Wenn Spirit meinte, dass er nach all den Jahren anfangen konnte, sie herumzukommandieren, dann irrte er sich. „Du hast den Hengst doch auch gewittert“, erklärte sie knapp.
„Und?“
„Wie, und? Spirit, du weißt genau, wie gefährlich uns ein fremder Hengst werden könnte!“, begehrte Rain auf. Dafür, dass sie in einer derart misslichen Situation waren, sah Spirit erstaunlich ruhig aus, nicht im Mindesten so besorgt, wie er sein sollte. Eher schien es noch, als sei er genervt von ihrem Verhalten, zumindest seinen nach hinten gedrehten Ohren nach zu urteilen.
„Hast du ihn heute irgendwann noch mal gewittert? Nein? Ich auch nicht. Also, kein Grund zur Sorge.“
Mehrere Sekunden lang starrte Rain ihren Gefährten nur an, hoffte, dass er zu lachen anfing und scherzte, doch auch nach mehreren Sekunden starrte er sie immer noch genauso gleichmütig an wie zuvor. Ungläubig schüttelte sie ihre Mähne. „Du bist verrückt.“
„Ich bin realistisch. Sinnlose Panik hat noch niemanden weitergebracht.“
„Realistisch wäre es, Gefahren auch wahrzunehmen. Ich dachte eigentlich, diesen Leichtsinn hättest du vor Jahren hinter dir gelassen“, schnaubte Rain und schaute sich prüfend um, ob auch niemand ihre Unterhaltung belauschte. Weit entfernt standen die anderen Herdenmitglieder nicht, schienen jedoch zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, um sich um die Streitereien ihrer Anführer zu kümmern. Gut. Eine Massenpanik oder Unruhe in der Herde war das letzte, was sie jetzt brauchten.
„Das ist kein Leichtsinn. Ich möchte nur nicht, dass meine Leitstute mit ihrer Panik die ganze Herde nervös macht“, entgegnete Spirit kühl und warf ebenfalls einen kurzen Blick auf die anderen Pferde. Rain verdrehte ihre Augen.
„Ja, die sehen alle wahnsinnig panisch aus.“
„Ich meine auch vorhin, als wir noch unterwegs waren. Du hast nicht auch nur eine Sekunde an irgendein Herdenmitglied gedacht! Selbst ich konnte sehen, dass die Fohlen eine Pause brauchten.“
„Das Leben ist hart, Spirit, du solltest das am besten wissen“, zischte Rain mit angelegten Ohren und starrte ihren Gefährten direkt an – unter Pferden eine deutliche Drohgebärde. Spirit machte ebenfalls die Ohren flach und setzte zu einer Antwort an, aber das Dröhnen eines Donnerhalls ertränkte seine Worte und ließ ihn zurückschrecken. Scharren und Schnauben verriet beiden Leittieren ohne einen Blick, dass auch der Rest der Herde sich erschrocken hatte.
„Mama?“ Rain blickte hinab, zu Rime, der verschlafen seinen Kopf hob. Als ein Blitz den dunklen Himmel sekundenlang erhellte, sprang er auf, wankte kurz und presste sich dann an ihre Seite. Sein ganzer Körper bebte. „Was ist das?“
„Keine Sorge, ganz ruhig“, gurrte Rain und leckte über den Nasenrücken ihres Fohlens. „Das ist nur ein Gewitter. Keine Sorge, das ist vorbei. Komm, lass uns näher zu den anderen gehen.“
Sie hob den Kopf und schaute direkt zu Spirit, der wiederrum ihren Sohn anschaute. Als er ihren Blick bemerkte, blähte er seine Nüstern auf und schlug mit dem Schweif. „Wir klären das ein andermal“, verkündete er und wandte sich ruckartig ab, um zu seiner Mutter zu humpeln. Rain schaute ihm nach und schüttelte ihre Mähne. Spirit war auch nicht mehr der, der er mal gewesen war.
Ein Stupsen an ihrer Seite ließ sie hinunterschauen, direkt in Rimes große, braune Augen. „Mama, was ist denn mit Vater los? Er sah so böse aus.“
Rain seufzte und setzte sich in Bewegung, um zu den anderen zu gehen. „Gar nichts, Rime. Gar nichts.“

Gar nichts war so ziemlich genau das, was an diesem Abend und in der Nacht passierte – sowohl mit der ganzen Herde als auch zwischen Spirit und Rain. Im Laufe ihres Lebens hatten die Stuten, Spirit und die Jungpferde der Gruppe schon mehrere Gewitter durchgemacht, und auch die Fohlen gewöhnten sich langsam daran. Natürlich herrschte Aufregung in der Herde und das ein oder andere nervöser veranlagte Pferd tänzelte oder scheute auch, aber abgesehen von nassem Fell und einer unruhigen Nacht erlitten sie keine Konsequenzen.
Allerdings machten weder Rain noch Spirit nach dem Gewitter einen Versuch, sich mit dem jeweils anderen zu versöhnen. Rain, für ihren Teil, sah nicht ein, in dieser Situation um Entschuldigung zu flehen. Ihr Verhalten war nicht perfekt gewesen, aber sie hatte dennoch versucht, das Beste für Spirit und die Herde zu tun. Wenn er das nicht einsah, war das nicht ihr Problem. Sie hatte andere Sorgen.
Früh am nächsten Morgen, kaum, dass die Sonne am Himmel emporzusteigen begann und rote Schatten auf ihn warf, machte Rain die Herde zum Aufbruch bereit. Während der ersten paar Minuten ertappte sie sich immer wieder dabei, wie sie nach hinten schaute, aber Spirit hielt ohne Probleme mit. Sie würde im Laufe des Tages einfach mehr Pausen einlegen, damit er auch nicht wieder Schmerzen bekam oder es ihm zu anstrengend wurde. Nicht, dass er das jemals zugeben würde, aber Rain kannte ihren Gefährten schon sehr lange.
Vielleicht war sie wütend auf ihn, aber das hieß nicht, dass sein Wohlergehen ihr egal war. Das war es nie gewesen. Das hier war nur ein kleines Tief in ihrer Beziehung, sicherlich würden sie sich irgendwann in naher Zukunft wieder vertragen können.
Dachte sie.
Aber wie hieß ein altes Sprichwort noch gleich? Leben war das, was passierte, während man selbst Pläne machte. Freilich war es in Rains Fall kein wirklicher Plan, sondern nur eine selbstverständliche Annahme, aber das machte die Situation im Endeffekt beinahe noch schlimmer. Schließlich wusste jeder, dass selbstverständliche Dinge oft genug die waren, auf die wir uns am meisten verließen – sonst wären sie schließlich nicht selbstverständlich.
Und selbstverständliche Dinge waren kostbar, aber gerade das würde Rain noch früh genug zu spüren bekommen.
Während der gesamten ersten Morgenstunden zogen sie nur dann weiter, wenn es notwendig war, um an Wasser und Nahrung zu gelangen, ansonsten ließ Rain die Herde grasen, hielt Ausschau und beachtete das Spiel der Fohlen und Jungpferde. Eine Weile lang graste sie auch neben Esperanza, aber an Spirit, der etwas abseits der Herde stand und diese im Auge behielt, sah sie sich nicht um. Es hatte erneut angefangen, ein wenig zu regnen, aber nach den vielen heißen Sommertagen wusste sie die reingewaschene Luft und die Kühle an ihrer Haut zu schätzen.
Dachte sie.
Allerdings verdrängte sie bei diesen Gedanken auch erfolgreich die Vorahnung, wenn nicht gar das Wissen, dass dieser beständig fallende Regenschleier auch das Wittern und Entdecken von Feinden erschweren würde – und das war ihr Fehler. Zwar schaute sie sich immer wieder um, aber die beiden Gestalten, die ein Stück abseits von der Herde dastanden und die Pferde genau beobachteten, sah sie nicht.
So traf es sie einigermaßen überraschend, als Spirit plötzlich ein wütendes Wiehern ausstieß und so alle Köpfe hochschnellen ließ. Rain starrte ihren Gefährten an, der mit angespanntem Körper, an den Nacken gepressten Ohren und hoch erhobenem Kopf dastand, mit einem Blick, der hätte töten können. Automatisch folgte sie dessen Richtung  - und hatte sofort das Gefühl, das Herz würde ihr stehen bleiben.
Nein.
Nein, alles, nur das nicht.
Nun, die gute Nachricht war, dass es sich zumindest nicht um ein gefährliches Raubtier handelte. Die schlechte? Die fremden Hengste hatten sie gefunden. Die Hengste, wohlgemerkt. Es waren zwei. Zwei Hengste, die jung und kräftig aussahen und mit Sicherheit längst das Verlangen nach einer eigenen Herde verspürten. Rain kante die beiden nicht und hatte auch nicht das Bedürfnis, diesen Fakt zu ändern, dafür jedoch das Gefühl, dass es trotzdem passieren würde.
Der kleinere, zierlichere der beiden war ein Mausfalbe mit einem großen weißen Keilstern zwischen den Augen, der andere war deutlich bulliger gebaut, dunkelbraun, mit helleren rotbraunen Fellpartien an Innenschenkeln, Bauch, Maul und Augen. Abzeichen hatte er keine.
Jetzt, da ihnen keine Chance mehr für einen Überraschungsangriff blieb, schienen die beiden jüngeren Hengste ganz nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ oder „einen Versuch ist es wert“ zu handeln, denn sie verloren keine weitere Zeit und setzten sich sofort in Bewegung, in Richtung der Herde.
Über den Köpfen der anderen Pferde hinweg trafen sich Rains und Spirits Blicke. Der Blickkontakt währte nur ein paar Sekunden lang, aber mehr brauchte Rain auch nicht, um Spirits Absicht zu verstehen. Sofort richtete sie sich hoch auf, wieherte und lief los, weg von den Angreifern. Spirit würde sich um den Rest kümmern – hoffentlich.
So  hatten sie in der Vergangenheit häufiger gehandelt. Rain übernahm stets die Verantwortung dafür, als Leitstute die Herde vom Kampf fortzuführen, Spirit wehrte wiederrum die diebisch gesinnten Hengste ab. In der Vergangenheit hatte diese Taktik immer funktioniert, aber in der Vergangenheit hatten sie sich auch immer nur gegen einen Hengst zur Wehr setzen müssen. Zweifel ließ Rain allerdings nicht zu, sie wollte das auch gar nicht. Spirit war ein erfahrener Hengst und Kämpfer, er würde das schon schaffen, trotz doppelten Nachteils.
Er musste es einfach schaffen.

Als plötzlich der Mausfalbe von zuvor zu ihrer Linken auftauchte, musste Rain einen erschrockenen Aufschrei unterdrücken. Das lag weniger an seiner Statur – eher war der Hengst klein und zierlich, zumindest im Vergleich zu anderen Hengsten – als eher daran, dass er wie aus dem Nichts erschien und sie sanft, aber bestimmt von ihrem eigentlichen Kurs abdrängte. Reflexartig schlug sie mit den Hinterläufen nach ihm, doch der Hengst wich den auf ihn zu schnellenden Hufen ebenso rasch aus und sprang vor, um sie in die Flanke zu kneifen.
Quietschend machte Rain einen Satz zur Seite, um den Zähnen des jungen Hengsts auszuweichen. Ihr blieb gar keine andere Wahl, als sich seinem Willen zu unterwerfen, wenn sie nicht konstant gebissen werden wollte. Die übrigen Stuten würden ihr sicherlich nicht helfen, entweder waren sie zu alt, um einen Kampf anzufangen, oder einfach zu jung und verwirrt.
Während ihrer gesamten Zeit als Leitstute hatte Rain hart dafür gearbeitet, unhinterfragt die Herde anführen zu können, und das süße Gefühl der Macht immer mehr genossen. Sie mochte es, diejenige zu sein, die die Jungstuten um Rat ersuchten, zu der sie aufsahen und von der sie sich Führung erhofften. Solche Entscheidungsfreiheit hatte sie damals bei den Zweibeinern nie gehabt.
Jetzt, zum ersten Mal in ihrer Zeit als Anführerin der Herde, wollte sie diese jungen Dinger anbrüllen, bis sie einen Angriff wagten, bis sie ihr nicht mehr folgten und dem Hengst das Leben schwer machten. Aber natürlich war das nur Wunschdenken – alle folgten ihr wie willenlose Ameisen, keine tanzte aus der Reihe.
Ein paar Mal versuchte sie selbst noch auszubrechen, aber so klein und zierlich der Mausfalbe auch war, er bot ihr mit erstaunlicher Beharrlichkeit Paroli. So, es aussah, würde er sie wirklich...
Nein.
Sie war kein verdammtes Fohlen, das gerettet werden musste. Diese dahergelaufenen Grübschnäbel würden Spirit nicht seine Herde raube, nicht, solange sie noch atmete und vier funktionstüchtige Beine sie trugen.
Ohne noch länger Zeit zu verschwenden, grub sie ihre Vorderhufe in die Erde, verlagerte ihr gesamtes Gewicht darauf und trat den überraschten Mausfalben schwungvoll gegen die Schulter, so kräftig sie nur konnte. Sie musste wohl Glück gehabt und einen unaufmerksamen Moment erwischt haben, denn keine zwei Sekunden später spürte sie tatsächlich einen sehr befriedigenden Widerstand, der Mausfalbe quietschte auf  und taumelte atemlos rückwärts.
„Was soll das?!“, keuchte er.
„Nach was sieht’s denn aus?“ Rain lächelte spöttisch und entblößte dabei, ganz zufällig, ein wenig ihre Zähne. Sie war weder wehrlos noch hatte sie Angst, ihre Hufe und Zähne zu benutzen. „Ich beschütze meine Familie.“ Damit brach sie zur Seite aus und galoppierte in ihre eigentliche Richtung. Ihr Herz machte einen Satz, als sie hörte, dass die übrigen Stuten und Jungpferde ihr tatsächlich folgten. Ganz hatte sie nicht damit gerechnet.
Eigentlich war ihre Sorge vollkommen unbegründet gewesen – immerhin war sie die Leitstute, ihr hatte man zu folgen. Warum, hatte die kleine Auseinandersetzung wohl gut genug gezeigt. Ha, fremde Hengste null Punkte, sie einen. Niemand legte sich mit den Mustangs von Cimarron an.
Dachte sie. Und, wie so oft in diesen Tagen, dachte sie falsch.
Mit einem erneuten Auftauchen des jungen Mausfalben hatte sie beinahe schon gerechnet. Damit, dass er nicht alleine sein würde, nicht. Als eine Gestalt sich an ihre linke Flanke schob, glaubte sie, gleich in das Gesicht des Mausfalben zu blicken – nur, um von seinem deutlich dunkleren Freund begrüßt zu werden.
Wobei „begrüßt“ allerdings nicht ganz das richtige Wort war, um die Situation zu beschreiben. Der dunkle Hengst sprang an ihre Seite, ließ ihr kaum die Zeit, den Anblick zu verarbeiten, und war dann mit wenigen schnellen Sätzen vor ihr, so wie Esperanza erst einen Tag zuvor. Ein Versuch, auszuweichen, war nutzlos, sie konnte nur ihre Hufe in den Erdboden stemmen und anhalten. Der dunkle Hengst blickte ihr mit einem dezenten Grinsen entgegen.
„ich muss sagen, du hast wohl fast so verbissen gekämpft wie euer Leithengst.“
„Ich wäre nicht die Leitstute, hätte ich es nicht getan“, grollte Rain und machte mit an den Nacken gepressten Ohren einen Schritt rückwärts, den Kopf hoch erhoben. Hinter sich hörte sie die anderen schnauben, scharren und unruhig umherlaufen, aber keiner lief weiter. Selbst schaute sie nicht nach hinten, sondern behielt den schwarzbraunen Hengst fest im Blick.
Ihr gefiel diese hämische Überlegenheit nicht, die der Junghengst ausstrahlte, die aus seinem Grinsen sprachen, aus seiner stolzen, selbstherrlichen Körperhaltung, aus der Art, wie er sie musterte – wie ein Hengst, der eine Stute sah, die ihm gefiel und bei der er überlegte, ob sie der Mühe wert war, sie sich zu Willen zu machen.
Spirits Verhalten war zu Anfang ganz ähnlich gewesen.  Das war die Art von jungen, unbedarften Hengsten, die mit ihrem Hochmut noch nicht oft genug auf die Schnauze geflogen war, die noch nicht gelernt hatte, dass sich nicht die ganze Welt um sie drehte.
Aber in seinem Blick war mehr als das. Es lag eine Selbstverständlichkeit darin, mit der er sie jetzt zu umkreisen begann, sie und die Herde. Rain ließ ihn nicht einen Augenblick lang aus den Augen.
„Ich bin übrigens Sage, und mein Freund da drüben heißt Don.“ Sage deutete mit den Nüstern auf einen Punkt auf der anderen Seite der Stutengruppe. Für Sekundenbruchteile schaute Rain den Junghengst an, der inzwischen ruhig dastand, die Stuten aber genau im Auge behielt.
Rain bleckte die Zähne. „Und was interessiert uns das?“
Sage wandte ihr seinen Kopf zu und Rain konnte schwören, dass sein Grinsen noch breiter wurde. „Es sollte euch interessieren, wir sind eure neuen Leithengste. Den Goldfalben werdet ihr nicht wiedersehen.“
Ein entgeistertes Schnauben ging durch die Herde, Stuten spielten mit den Ohren, starrten die Hengste aus großen Augen an. Dicht hinter Rain stieß Esperanza ein ersticktes Keuchen aus. Die gescheckte Stute achtete nicht darauf, sie schüttelte nur mehrmals die Mähne.
„Das ist nicht wahr“, brachte sie hervor. Spirit verlor nicht. Spirit konnte nicht verlieren. Das war einfach nicht möglich. Irgendwo in ihr regte sich die Befürchtung, dass diese ungeheuerliche Befürchtung stimmte, aber sie schlug diesen Teil erfolgreich nieder.
Unangenehme Dinge wollte man einfach nicht wahrhaben.
Ohne nachzudenken, drängte sie sich durch die Stuten und wollte vorwärts stürmen, zurück zu der Stelle, an der sie vor dem Angriff gegrast hatten. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass ihr Versuch vereitelt werden würde. Erst tauchte der Mausfalbe vor ihr auf, keine fünf Sekunden später folgte auch der Braune, diesmal ohne grinsen. Stattdessen hatte er die Ohren angelegt und zeigte ihr die Zähne.
„Zwing mich nicht, Gewalt anzuwenden. Er war schwach, er hätte euch ohnehin nicht mehr lange halten können.“
„Spirit war nicht schwach, Grünschnabel. Schon mal versucht, eine Stute zu halten, die weg will? Glaub mir, du wirst es nicht schaffen“, spie Rain, als auch zwei erneute Versuche, an ihm vorbeizukommen, fruchtlos blieben. Sie konnte treten und beißen, so viel sie wollte, gegen zwei Hengste hatte sie keine Chance. Immer wieder wurde sie zu der Herde zurückgedrängt.
Auf ihre Worte hin zuckten die Maulwinkel des Dunkelbraunen leicht.
„Herausforderung angenommen.“
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