Das Buch

von queenie
KurzgeschichteAllgemein / P6
15.03.2015
15.03.2015
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Das Buch

Eine der grandiosesten Erfindungen der Menschheit ist und war die Schrift. Erst mit ihr war der Beginn zum Aufstieg der Zivilisation gesichert und löste die mündliche Überlieferung ab, die mehr als freizügig auslegbar und durch ständige Wiedergabe in ihrer Echtheit mehr als zweifelhaft war. Erst durch die Schriftzeichen war es möglich zu lernen und aus Erlebtem seine Schlüsse zu ziehen und Fehler zu vermeiden, indem man Geschichten las die einen bildeten. Somit liegen Lesen, Schreiben und Schrift nah beieinander, aber um es allen zugänglich zu machen, war es ein weiter Weg.

Der Beginn lag weit zurück bei den Papyrusrollen der Ägypter, danach die Codexe der Griechen und Römer um dann endlich nach den teuren Pergamenten des Mittelalters das Papier zu liefern, um dann mit der revolutionären Idee des Buchdrucks das Buch auch für die breite Masse zu ermöglichen. Ab hier erlebte nun die Menschheit einen unglaublichen Aufschwung. Eine regelrechte Revolution des Wissens und der Wissenschaft für jedermann.

Wissen zusammengefasst in einem Buch! Jedes Buch enthielt sein ganz eigenes Mysterium, die geschriebene Sprache manifestiert sich schlussendlich in Texten. Aber am Anfang steht immer das Wort, der Gedanke, der Einfall. Ein faszinierender Vorgang, der mich stets in seinen Bann zog und erst langsam aber sicher entwickelt sich daraus dann das fertige Buch. Mittlerweile gab es sogar einen Welttag des Buches und ich war begeistert von den vielfältigen Geschichten, die mir dieses mannigfaltige Gebiet jeden Tag aufs Neue eröffnete.

„Hey du Träumer, aufgewacht, auf was wartest du?“, rief meine Schwester fröhlich, von der Terrasse zu mir und ich schüttelte mich um wieder aufzuwachen aus meiner Trance.

„Auf die Post!“, schrie ich wenig begeistert zurück, denn ich war der sogenannte „Künstler“ in unserer Familie oder auch schlicht als großer Träumer verschrien, aber was konnte ich dafür, wenn mir das geschriebene Wort so viel mehr bedeutete als ihnen und warum wartete ich derart sehnsüchtig auf die Post?

Ganz einfach, ich erwartete fieberhaft, den neuen Teil einer Buchserie. „Was waren Bücher?“ Heutzutage immer teurer werdende seltene Stücke, bei denen die Frage war, ob sie die Technologie der Tabletts, Hörbücher und e-Book-Reader überleben würden. Ein Umstand der mich jungen Menschen traurig stimmte, aber hier gehörte ich eher einer geringen und gar seltsamen Spezies an, denn selbst stoische Menschen wie meine Eltern, die nur schwer von ihren Gewohnheiten lassen konnten, schwenkten von ihrer täglichen Tageszeitung und ihrer wöchentlichen Zeitschrift um auf die elektronische Variante.

„Du solltest dich über die geretteten Bäume freuen, die nicht mehr für Bücherseiten und Zeitungen geopfert werden!“, war es eines Tages genervt von meiner Schwester gekommen, als ich ein Plädoyer für Bücher geschmettert hatte.

Gut, das Argument war wahrlich nicht von der Hand zu weisen aber ehrlich, kein flimmernder Bildschirm, kein kleines dünnen Plastikding konnte mir, das unglaubliche ergreifende Erlebnis eines echten Buches liefern. Wenn ich die Buchseiten aufgeklappt in Händen hielt sog es mich regelrecht in diese andere Welt, der Phantasie, in der es keine Grenzen und Gesetzt gab, in der der Geist und die Gedanken frei waren. Diese knisternden und raschelnden Seiten des Papiers unter meinen Fingern, die die Spannung erhöhten, wenn ich umblätterte. Der Geruch der gedruckten Tinte die in meine Nase stieg, dieser ganz eigene Duft, der meine Sinne anregte und die Vorfreude unterstrich. Die erhellenden Stunden in denen ich versinken würde, während ich lesen würde.

All diese Attribute machten das Lesen zu etwas ganz besonderem und intimen. Denn in dieser Zeit würde ich in dem geschriebenen Wort versinken, eintauchen in die Welt des Autors und die Geschichte erleben und alles um mich herum vergessen. Um nur noch in ihr zu leben, in der Welt des Buches! Ich würde das Buch ehren, denn alles Geschriebene egal zu welchem Thema ganz gleich in was für einem Buch, ob Belletristik, Trivialliteratur oder Fachbücher, verdiente Respekt. Ich liebte und genoss es durch alte aber auch neuere Bücherrein zu schlendern, die alten Bücher verströmten regelrecht Geschichte es roch nach Leim, Leder und Pergament, man erkannte die aufwendige Arbeit mit der diese erlesenen Dinge erstellt wurden, selbst heute noch war ein Buch für mich etwas ganz besonders. Doch gleichzeitig verschwanden immer mehr Bücher aus meinem Umfeld, eine Entwicklung die nicht aufzuhalten war und ich blickte durchaus mit Sorge in die Zukunft.

„Die neue Bibliothek von Babel!“, hatte ich meine Meinung vertreten, in Gedanken an eine Universallbibliothek in der alles unterging, dabei erinnerte ich mich an einen Artikel, den ich vor Jahren gelesen hatten und musste ihm durchwegs zustimmen, dieser Begriff war einfach hängengeblieben, da er wahrlich gut dem Thema passte, wie sich die Leselandschaft in unserer schnelllebigen Zeit entwickelte.

„Wenn ich heute schon höre, dass einige Hotels die Bibel durch einen e-Book-Reader ersetzten… wie ein Flächenbrand,wird diese Technologie unsere Bücher aus dem Regalen verbannen und damit auch ein Stück Kultur!“, warnte ich wehmütig, aber stieß bei meiner Familie damit auf wenig Gegenliebe, die dergleichen Themen nicht wirklich interessierten.

„Was ist schlecht daran!“, wagte meine Mutter sachte einzuwenden und ich machte mir meine Antwort wahrlich nicht leicht und wog genau ab.

„Ich weiß es nicht, aber ich denke, diese Welt auf einem Bildschirm ist nicht wirklich… nicht wirklich zu fassen! Das könnte eines Tages böse enden, wenn alles nur noch über Monitore läuft, der Beginn eines neuen Analphabetismus im Sinne, dass die Leute nicht mehr einen Stift werden führen können… wer schreibt heute noch von Hand? Wenn man nicht mal mehr ein richtiges Buch liest?“, wandte ich ein.

„Unsinn, ich lese sehr wohl…“, begehrte meine ältere Schwester auf, die nur noch auf Elektronik schwor und das wollte ich ihr nicht mal absprechen und doch bedeutete es ihr weniger als mir, was oder wie sie es las. Es war als würde man weniger involviert in das was man las, man war distanzierter und weniger emotionaler, oder empfand nur ich das so?

„Und außerdem meine Liebe, wer haut jeden Tag, wie blöde in die Tasten und schreibt und schreibt und schreibt?“, haute sie mir sichtbar zufrieden ein sehr schlagendes Argument entgegen und ich verzog leidlich meine Miene. Denn trotz all meiner ehernen Ansichten, war auch ich nur eine Geisel meiner Zeit, den Diktaten der Gesellschaft unterworfen und so schrieb auch ich tatsächlich meine eigene Story auf dem PC und stellte sie auf den Portalen des Netzes online.

Aber doch war mir gegenwärtig, ich war ein kleines Licht und nie würde es passieren, dass meine Worte gedruckt wurden. Niemand würde je meine Storys in Händen halten, um sie zu spüren und erst dann zu lesen. Ganz klar, diese Erkenntnis machte mich traurig, aber ich wusste, wo meine Grenzen lagen. Damit ging mein sehnsuchtsvoller Blick wieder zur Tür und ich hoffte, dass meine heißersehnte Geschichte doch noch käme und ich mich in sie flüchten könnte vor der Realität, aber wie es schein, sollte ich heute kein Glück haben und so gab ich frustriert auf und schlich wieder in die Küche um heute den Tisch zu decken, als meine Mutter frohgemut zusammen mit meiner Schwester die Küche betrat.

„Hier schau mal wer da kommt…“, präsentierte mir meine Mutter meinen Freund, der ein Packet in Händen hielt und ich starrte sie so überwältigt an, wie es nur die Vorfreude auf ein Buch es schaffte mir das strahlen ins Antlitz zu zaubern und so riss ich es ihm ungeduldig aus den Händen.

„Hallo mein Schatz… aber, bitte? Was ist das? Meine Serie?“, fragte ich aufgeregt und nervös meinen Freund, der leise über meine sprudelnde Art auflachte.

„Du bist immer zu ungeduldig, meine Süße. Genieße es!“, meinte er eindringlich und ich hörte seinen gespannten Ton, das etwas im Busch war und runzelte die Stirn aber schon lösten sich die Schlaufen unter meinen fahrigen Händen und gaben mir den Blick frei, auf ein Buch, aber ein ganz anders Buch als von mir erwartet.

Atemlos keuchte ich auf und vor Schreck hätte ich es fast fallen gelassen.
Denn da war es, das Buch, mein Buch!
Meine Geschichte, die ich geschrieben hatte, mit meinem Titel und meinem Namen. Das hier war mein Buch, mein ganz eigenes Buch, gedruckt, geleimt und gebunden!

Ich schluchzte ergriffen über dieses unerwartete Geschenk dankbar auf, ehrfürchtig strich ich unter den Augen meiner Familie und meines Freundes über den druckfrischen Bucheinband. Kein Schutzumschlag schützte das Hardcover, da ein extra für meine Geschichte gezeichnetes und entworfenes Bild das Buch stolz auf seiner Vorderseite zierte. Ich war viel zu fassungslos über dieses für mich so wertvolle Geschenk um groß Worte zu finden, während ich das Werk wie einen großen Schatz in meinen Händen anstarrte und zärtlich streichelte. Es dauerte bevor ich den Mut fand es aufzuschlagen und hier waren sie, die schwarzen Buchstaben, die einen Text ergaben, auf ewig gebannt auf Seiten blütenreinweißen Papiers, die schwarz und scharf hervortraten und meinen Epos erzählten, der bisher nur im WorldWideWeb stand aber nun auch in meinem Regal einen Ehrenplatz finden würde.

„Aber… aber… das kann nicht euer ernst sein…“, hauchte ich gerührt, als mein Freund gutmütig zu mir lächelte.

„Tja, das ist ein Geschenk deiner Community aus dem Netz an dich. Deine Story als Buch, alles ist von ihnen. Sowohl das entworfene Cover, als auch der Druck… nur die Wörter, die sind von dir…“, kam es leise von ihm und ich schluchzte auf, da mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen war.

„Nun Schwesterlein, da sag noch einmal was gegen das Internet! Nicht alles Neue muss schlecht sein!“, grinste meine Schwester leicht herablassend aber auch nachsichtig und ich erwiderte nichts, sondern starrte nur perplex auf das schönste Buch der Welt, da es meines war.

Aber was sollte ich auch groß sagen, denn ja, es stimmte schon was sie sagte. Alles Neue barg Gefahren des Unbekannten und Unerforschten aber solange man das Vergangene nicht vergaß und stehst im Geiste erhielt, konnte einem das Neue auch unerforschte Horizonte eröffnen. Denn ohne diese neuen Plattformen der Kommunikation untereinander würde ich nun nicht mein ganz eigenes Buch in Händen halten. Nie hätte ich den Mut gefunden mit meinen Ideen an einen Verlag zu gehen, aber der Weg ins Netz war viel leichter, aber wirklich gegenwärtig war mir nie, dass auch ich ein wirklicher Schriftsteller, ein echter Autor war. Aber jetzt und heute konnte ich es glauben, denn ich hielt den Bewiese soeben in der Hand.

Damit erfüllte sich für mich mein innigster Wunsch, der Wunsch nach einem eigenen gedruckten und gebundenen Buch!



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Dieser OS ist etwas ganz besonders für mich und ich hoffe, dass der ein oder andere Leser erkennt, auf was ich anspiele. Auch generell ein großes DANKE an die vielen Leser die mich auf unterschiedlichste Art und Weise unterstützen.

Es ist auch ein Dankeschön an Nira, Lilo, Z, Thajin, ULO und noch so erschreckend viele andere, die ich dank dem Schreiben kennenlernen durfte.
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