discrepancy {Hatsumomo&Nobu}

KurzgeschichteHumor, Romanze / P12
Hatsumomo Nobu
15.03.2015
15.03.2015
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Hatsumomo x Nobu



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Sie hatte ihn schon eine ganze Weile mit ihrem giftigen Blick fixiert.
Diese vielen Narben auf seiner linken Gesichtshälfte – einfach widerlich. Warum gaben sich Frauen überhaupt mit dieser Bestie ab? Würde Hässlichkeit einen Namen tragen würde er ihn zieren. Hatsumomo konnte nur erahnen, wie weit seine Verletzungen hinunter reichten, denn er trug nie sehr kurze Klamotten. Immer eine lange Hose und ein Hemd – wie ein Gentleman eben, könnte man meinen.
Die ehemalige Geisha rümpfte angewidert die Nase und zündete sich die bestimmt schon sechste Zigarette, an diesem Abend an.

Warum tummelten sich so viele weibliche Figuren um ihn? Wie sie ihn an lechzten, als ob er der Märchenprinz schlecht hin wäre. Wie lachhaft. Waren diese naiven Mädchen alle blind? So musste es einfach sein. Keine halbwegs hübsche Frau würde sich mit einem Biest abgeben, da konnte er noch so vermögend sein und das war Nobu nach ihrem Wissen nicht übermäßig, eher durchschnittlich. Zumindest war es so gekommen mit der Zeit. Der Krieg hatte seine Wunden regelrecht verteilt. Selbst sie war nicht mehr das was sie einst war, die Königin aller Geishas.
In welchem ruhmreichen Glanz sie damals nur gestrahlt hatte, sie war einzigartig gewesen. Jeder hatte sie gewollt, jeder hatte mehr als genug für ihre Gesellschaft gezahlt. Jeder, bis auf einer.
Wieder richtete sich ihr Blick auf den älteren Herren mit dem gezeichneten Gesicht.

Natürlich hatte sie immer behauptet er wäre ihr zu wider gewesen, was teils wohl auch stimmte, aber anderseits hatte sie auch niemals ein Angebot von ihm erhalten. In ihrem Selbstwertgefühl war sie geknickt. So ein Mann wie Nobu, vom Leben gezeichnet, wollte die Anwesenheit einer so schönen Frau nicht genießen? So hohe Ansprüche durfte er eigentlich nicht haben. Sayuri wollte er stets ausführen, damals. Sie war definitiv jünger als Hatsumomo gewesen, aber auch ziemlich dümmlich. Außerdem hatte ihr Herz sowieso immer jemand anderem gehört. Zu aller Missgunst hatte sie diesen auch bekommen. Den Direktor. Sie wusste noch genau, wie sie damals das Taschentuch mit seinen Inizialien darauf gefunden hatte, in ihrem Zimmer – sie hatte geweint, sie hatte geschrien, sie hatte sich mit ihr sogar darum geprügelt, nur um es wieder zu bekommen. Sie war besessen von ihm gewesen, all die Jahre. Und ihr Herz hatte nun endlich Ruhe gefunden, in seinen Armen. Warum war ihr dieses Glück gegönnt? Purer Neid zierten die Gedanken der ehemaligen Königin. War das Leben nur zu ihr so ungerecht?

Nobu hatte nach dem Krieg die Chance, gehabt einer der reichsten Männer in ganz Osaka zu werden, doch private Ereignisse hatte ihn wohl zurückgeworfen, auch die enge Freundschaft mit dem Direktor hatte zunehmend abgenommen. Natürlich alles nur Gemurmel, dennoch musste etwas Wahres dahinter stecken. In den Zeitungen waren die beiden ehemaligen Freunde oft gemeinsam abgebildet, doch dies grenzte fast an ein Mythos, den es heut Zu Tage nicht mehr gab. Ob es an Sayuri gelegen hatte? Würde sie nicht wundern, wenn dieses Flittchen alles kaputt gemacht hätte. Sayuri, oder eher Chiyo das Hausmädchen, hatte auch ihr einst alles genommen. Ihre erste Liebe, ihr Ansehen bei den reichen Geschäftsmännern und auch die Gewalt über das Geishahaus. Selbst Kürbisköpfchen hatte sich nie wieder bei ihr gemeldet, sie hatte sich sogar weggedreht als sie ihr zufällig begegnet war. Dieses dumme kleine Mädchen von früher, das solche Angst vor ihr hatte… selbst sie hatte keinen Respekt mehr vor ihr. Welches fatale Schicksal sie doch angenommen hatte. Kürbisköpfchen war mehr denn je erblüht, aber zu welchem Preis? Als gewöhnliche Hure. Das Freudenmädchen der Amerikaner. Sie wollte eine Menge Asche verdienen, doch wer wollte seine Höhle schon für einen Haufen verbrauchter alter Schwänze verkaufen? Wie abartig.

Zwei Dinge, die man über Nobu sagte, gefielen ihr jedoch. Er war nicht dafür bekannt zu vergeben, in diesem Punkt war er genau wie sie. Sie hatte weder Mutter vergeben, die Chiyo ihr vorgezogen hatte, noch jedem anderen, der sie als Geisha entehrt hatte. Ebenfalls ließ Nobu sich nicht mit irgendwelchen käuflichen Huren ein, egal wie sehr sie ihn bezirzten. Er blieb standhaft. Selbst Geishas hatte er eine sehr lange Zeit gehasst. Bis Sayuri aufgetaucht war. Ein seltsames Gefühl durchzog ihre Magengegend. Warum war Sayuri immer der Sonnenschein am Horizont gewesen? Selbst so ein kaltes Herz wie Nobus hatte sie erweichen können. Hatsumomo zog heftig an ihrem Glimmstängel und inhalierte das tödliche Gas. Hätte sie Nobu auch dazu bekommen können sich zu öffnen? Gefühle zu zulassen? War ihr Wesen dazu im Stande, solch eine Kaltherzigkeit zu durchbrechen? Manchmal wünschte sie sich, sie hätte es einst versucht. Er wäre die perfekte Herausforderung gewesen. Er war anders als alle Männer die sie kannte, und gekannt hatte. Er besaß ein Herz, ganz tief unter einer Schale voller Selbstschutz und Selbsthass. Natürlich, wie konnte man sich mit diesen Narben auch nicht selbst hassen? Zumindest sein Spiegelbild. Die ehemalige Geisha wusste nicht so recht, ob sie Nobu für seinen Einsatz im Krieg, bei der er sich diese Narben wohl zugezogen hatte, bewundern oder weiter verabscheuen sollte.

Er hatte damals angeblich den Direktor beschützt und sich selbst dabei vergessen. Ein wahrer Kriegsheld. Dennoch konnte Hatsumomo nicht wirklich verstehen, wie man sich für jemand anderen so aufgeben konnte. Er hätte dabei sterben können. Er hatte es in Kauf genommen, ohne zu Zögern – so stand es jedenfalls in den Zeitungen, in einem Interview vom Direktor. Er hatte Nobu stets gelobt, immer wieder und wieder.
Der Kellner streifte schon zum vierten oder fünften Mal an ihr vorbei, sie musste etwas bestellen. Etwas gereizt nahm sie die Speisekarte in die Hände und blätterte darin herum. Nicht besonders viel Auswahl hatte der Laden hier, und dafür überteuerte Preise. Die Schwarzhaarige schüttelte leicht den Kopf und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette bis sie schließlich einen Sake bestellte. Nach einer Viertelstunde des Wartens nippte sie etwas unzufrieden daran. Abwechselnd zog sie immer wieder an ihrem Glimmstängel.

Du ziehst dich an - drehst dich nicht um
kein Wort von dir - ich glaub kaum dran
denn alles was ich einst getan
macht mich krank - ich weiß bei Dir sieht’s anders aus
und alles was ich einst begann
war den Tag nicht wert
doch nun sieht's anders aus
Die Zigarette danach und der Sekt davor
und der Kuss mittendrin
das kann nicht alles sein
die Zigarette danach und was man halt so sagt
der Rauch zerstört das Spiel

„Da wird man fast neidisch auf den kleinen Glimmstängel in ihrem Mund.“, eine männliche Stimme ließ ihren Körper erbeben. Erschrocken blickte sie nach oben, genau in sein Gesicht - sein widerwertiges und dennoch weiches Gesicht. Hatte er etwa bemerkt, dass sie ihn beobachtet hatte? Erkannte er sie wirklich wieder? Und wieso sprach er sie an? Das war nicht seine Art . Tausend Fragen die in ihrem Kopf umherzogen während sie versuchte, ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Wieso schlug es nur so heftig gegen ihre Brust? Eine Frage die sie nebenbei auch bemerkte. Ihr Gesicht musste bleich angelaufen gewesen sein, so überraschte er sie mit diesem Überfall.

Hatsumomo versuchte sich halbwegs wieder zu fangen und wendete ihr Gesicht kurz von ihm ab, immerhin hatte sie ihn angestarrt, etwas was sie sonst nie tat. Schon gar nicht bei ihm. Sein Narbengesicht hatte sie immer gemieden.
Doch jetzt musste sie sich selbst innerlich zwingen ihn nicht wieder anzugaffen. Sie biss sich auf die Unterlippe, zuckte nervös mit den Fingern umher, bis ihr sein Satz wieder einfiel. Sie hielt ihm so desinteressiert wie sie es nur vorspielen konnte, die Zigarettenpackung entgegen. „Sie müssen nicht neidisch sein, nehmen sie einfach eine und lassen sie mich dann in Ruhe.“, auch wenn ihr Herz deutlich wollte, dass er blieb. Warum auch immer. Würde er trotz ihrer Unfreundlichkeit ihre Geste annehmen?

Nobu zog leicht eine Lippe empor, war das ein Versuch zu lächeln? Es schien tatsächlich so. Er winkte ab. „Ich rauche nicht mehr.“, gab er zum Besten und fokussierte dann nochmal ihre Lippen, was sie noch mehr irritierte. „Ich war nie gut in solchen Flirtspielchen und werde es vermutlich auch nie sein.“
Was meinte er jetzt wieder? Hatsumomo hob eine Augenbraue und sah ihn fragend an. Nobu strich sich verlegen durchs Haar. Wieder so untypisch. War er mit den Jahren mutiger geworden oder war das ein kläglicher Versuch ein Witzbold zu sein?!
„Man sollte eifersüchtig auf die Zigarette sein, weil sie ihren Mund berührt.“, just als er diesen Satz von sich gegeben hatte, errötete die ehemalige Geisha. Was hatte er eben gesagt? Hatte sie sich verhört? Sie war alt geworden, sie war verbraucht, der Krieg hatte ihr Gesicht gezeichnet, und dennoch machte er ihr so ein derartiges Kompliment?
Aber natürlich musste er ihr ein Kompliment machen, im Gegensatz zu ihm war sie eine Blüte der Schönheit, wenn auch eine Reife. Hatsumomo schüttele sich kurz, immer dieser Zwiespalt in ihren Gedanken. Fast wusste sie nicht mehr, was sie eigentlich denken sollte. Warum fühlte sie sich nur so seltsam in seiner Nähe? Es war zum verrückt werden, am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt.
Als sie sah, wie er sich umdrehen wollte, atmete sie tief ein und aus. Sie konnte es einmal wagen freundlich zu ihm zu sein – ausnahmsweise.

„Sie dürfen sich auch setzen, wenn sie weiter meine Lippen bewundern wollen.“



Du fährst dir durch's Gesicht - lachst kurz zu lang
sagst noch ein Wort - trau ich dir oder nicht
denn alles was du auch nur tust
weckt meinen Mut auf's neu
mit dir sieht's anders aus
ich will nicht dass du jetzt so gehst
das wär' die Nacht nicht wert
für mich sieht's anders aus
Ich weiss du kennst mich nicht
doch du kannst es lernen
dein Lachen macht mich einsam - wenn du jetzt gehst und
ist es zuviel geträumt
wenn deine Hand in meiner Hand
den Abgrund uns ertragen lässt