Sailing on the Sea of Symphonies

von - Leela -
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Apparitia Floatzart Prime Evil
14.03.2015
14.03.2015
1
6728
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Diese Geschichte wurde inspiriert (und wenn ich sage »inspiriert«, dann meine ich in diesem Fall wirklich inspiriert ^^) von dem wundervollen Wettbewerb »Die Vorgabensammer« von Wortzauberin. Die Vorgaben für diese Geschichte stammen aus Runde 1 des Wettbewerbs.

Ich wünsche eine angenehme Lesezeit.


_.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._


Sailing on the Sea of Symphonies

In einer Zwischenebene zwischen Raum und Zeit, irgendwo in der Unendlichkeit nicht weit vom Palast des Dämonenfürsten Prime Evil entfernt, stand ein kleiner Geist an einem in samtenem schwarz schimmernden Meer und schaute gedankenversunken in die sanft wogenden Wellen. Er trug einen Frack und hatte zu Lebzeiten fuchsrotes Haar gehabt, das sich noch heute blaß auf seinem geisterhaften Abbild widerspiegelte. Die pupillenlosen, in Perlmutt schimmernden Augen schauten sehnsüchtig in die Weite.
      Schließlich nahm er eine Flöte zur Hand und spielte eine ruhige Melodie. Schwarze Noten stiegen aus der Flöte empor, wurden von einer sanften Brise über das Meer getragen und vereinigten sich mit ihren Brüdern und Schwestern, die dem Meer der Melodien seinen Namen und seine Farbe gaben.
      Das Meer der Melodien war unter vielen Namen bekannt. Die Variante, die Floatzart, der kleine Kapellmeistergeist, am liebsten mochte, war »die See der Symphonien«. Bis weit zum Horizont reichte das Meer aus Noten, und wahrscheinlich darüber hinaus in eine für die meisten unbekannte Welt.
      Die letzten Noten sanken herab, als der kleine Musiker aufhörte zu spielen. Floatzart seufzte tief. Hier konnte er Stunden verbringen, und doch war es nicht genug. Das Ufer vermochte seine Sehnsucht nicht zu stillen, im Meer der Symphonien zu versinken und eins mit ihm zu werden.
      Ein Schatten legte sich plötzlich über ihn, verschmolz mit der Schwärze des Meeres. Als er sich erschrocken umsah, erkannte er Apparitia. Die grüne Geisterfrau musterte ihn, fast ein wenig besorgt. „Du bist oft hier, in letzter Zeit.“
      Der Geist schwieg eine Weile, während er gedankenverloren über das Meer schaute. Dann erwiderte er bedächtig, ohne den Blick von den sanften Wellen zu nehmen, die mit einem leisen Rauschen an das Ufer schwappten: „Manchmal bin ich hin- und hergerissen zwischen neuen Ufern und alten Häfen.“
      Die Geisterlady mit dem langen, roten Cocktailkleid schwenkte den Blick über das Meer aus im frühen Abendlicht schimmernden Noten. „Bist du je auf dem Meer der Melodien gesegelt?“
      „Ja.“ erwiderte Floatzart, fast tonlos. „Es ist eine Sehnsucht, die einen Musiker nicht mehr losläßt. Wer einmal im Zentrum der Symphonien gesegelt ist, will immer wieder dorthin zurück.“
      Apparitia beobachtete die Noten, die an den Strand aus feinem, weißen Sand gespült wurden und dort zurückblieben, als sich die Wellen wieder zurückzogen. Eine besondere Algenart, die wie die Noten hier an Land geschwemmt worden war, zog feine schwarze Linien gleichmäßig in langen Bändern über den Sand, so daß Notenzeilen mit skurrilen kleinen Melodien vor ihr entstanden, die sicher schon für viele Musiker Inspiration gewesen sein mochten. Wie viele Lieder und Sonaten, Musicals und Jazzstücke, Popsongs oder auch Heavy Metal-Titel mochten auf diese Weise entstanden sein…?
      „Je mehr Musik man spielt, desto stürmischer wird die See!“ erklärte Floatzart. „Und es obliegt dem Spieler, ob es eine ruhige Fahrt auf wiegengleichen Wellen wird, oder eine imposante Achterbahnfahrt.“
      Die schlanke Geisterlady, die in ihrem irdischen Dasein selbst in vielen Clubs und Bars leidenschaftlich Jazz und Blues gesungen hatte, schauderte leicht, wonniglich. „Das klingt aufregend.“
      „Das ist aufregend! – Heute Abend hält ein Schiff an diesem Ufer. Ich bin geneigt, mitzufahren – nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um wieder auf dem Meer der Symphonien segeln zu können. Und dann werde ich schauen, wohin es mich führt.“
      Apparitia schaute sehnsuchtsvoll in den violetten Himmel, der den Ozean überspannte. „Ich wünschte, ich könnte mitkommen.“
      „Du kannst!“ Der kleine Dirigent machte eine Geste, mit der er das ganze Meer einschloß. „Jede Seele, die nur den Hauch einer Melodie in sich trägt, kann über das Meer der Melodien an seinen Wunschort gelangen.“
      Apparitia sah sich verunsichert um. „Aber er würde nach mir suchen!“ Gemeint war Prime Evil, der Dämonenfürst höchstpersönlich.
      „Wenn du der Musik in dir vertraust, wird sie dich stark machen.“ erklärte Floatzart energisch. „Probiere es aus, und du wirst dich selbst überraschen!“
      Die Geisterlady schaute zweifelhaft.
      Indes glitt der Blick des Kapellmeistergeistes über das Wasser, und seine Miene hellte sich auf. „Dort, sieh! Das Schiff kommt!“
      Apparitia sah genauer hin. Das kleine Gefährt war noch weit weg, und würde ein ganzes Stück von ihnen entfernt anlegen. „Es sieht aus wie eine Ukulele…“ wunderte sich die Geisterfrau. Noch während sie sprach, zog eine Bewegung von der felsigen Landseite her ihre Aufmerksamkeit auf sich, und sie erschrak. In der Ferne erkannte sie die Miniaturgestalt von Prime Evil, ihrem Herrn, und dem Meister allen Übels, – und er bewegte sich auf sie zu. Sein feurigroter Umhang wehte in dem leichten Wind um ihn herum, als würde er in Flammen stehen. Die kleine Gestalt wurde größer, je näher sie kam. Apparitia erstarrte in der Bewegung.
      Der Geist an ihrer Seite beobachtete den Herrn des Bösen ebenfalls, wandte dann den Blick auf das Ukulelenschiff, das gerade anlegte und überlegte.
      Prime Evil machte kurz auf einer Hügelkuppe Halt und fixierte die grüne Geisterlady, die wie paralysiert den Blick erwiderte.
      „Komm!“ Floatzart nahm die Lady an der Hand und zog sie mit sich zum Schiff.
      Überrascht leistete die blaßgrüne Sängerin zuerst Widerstand. Doch im gleichen Moment entbrannte in ihr bereits ein Kampf, sich wieder einmal nur in ihr Schicksal zu ergeben, oder es dieses Mal selbst in die Hand zu nehmen, und ihrem eigenen Ziel zu folgen. In ihrem Gefühlschaos schrieen ihre Sehnsucht und ihr Verlagen nach Freiheit um Beachtung, hier, am Ufer der See der Symphonien lauter denn je, und von einem zum anderen Moment erkannte sie, daß sie nur diese eine Gelegenheit hatte, um ihren eigenen Traum wahr werden zu lassen. Und so ergriff sie diese einzigartige Chance von einem zum nächsten Augenblick und folgte dem anderen Geist schnell.
      Der Herr des Bösen kochte vor Wut, als er dem gewahr wurde und setzte den beiden Geistern nach. Dampfwolken des Zornes stiegen aus seinem hochroten Kopf empor.
      Apparitia sah sich schnell um. Noch war ihr Herr und Meister weit entfernt, doch der Abstand schrumpfte. Sowohl der Kapellmeistergeist, wie die einstige Barsängerin zogen das Tempo an. Apparitia spürte Panik in sich aufsteigen. Sie wußte, die Flucht mußte ihr gelingen, wenn sie nicht schlimme Konsequenzen durch die Hand ihres Gebieters erwarten sollten. Angst und Hoffnung spornten sie zu Höchstleitungen an und ließen sie nicht eher ruhen, als bis sie ihr Ziel erreicht haben würde. Sie beeilte sich immer mehr, schätzte die Entfernung zu dem Schiff ab, die immer geringer wurde und trieb sich selbst dazu an, nicht jetzt, auf den letzten Metern, aufzugeben – und floh mit Floatzart zusammen schließlich auf das rettende Boot.
      An der Seite des Schiffes stand in großen schwarzen Buchstaben der Name: »Banjo«. Apparitia nahm es flüchtig wahr, als sie die Schutz verheißenden Planken betrat. Mittlerweile fiel der Geisterlady das Schweben schwer, und so ging sie hinter Floatzart an Bord, wobei sie aufpassen mußte, nicht über die Saiten zu stolpern, welche wie bei ihren kleinen Schwestern über den Steg der großen Ukulele gespannt waren.
      Der Steg führte sie schließlich auf das runde Deck des eigentümlichen Schiffes. Der Kapitän der Banjo erwartete sie und begrüßte seine Gäste. Er hatte die Statur einer Tuba, und wenn er sprach, klangen seine Worte wie das dumpfe Tuten, als würde jemand an dem Mundstück blasen.
      Apparitia schaute hektisch zurück zum Ufer. Es würde nicht mehr lange dauern, und der Herr des Bösen würde ihr Schiff erreichen.
      Der Tubakapitän reagierte bereits und gab das Zeichen zum Ablegen. Gerade rechtzeitig bevor ihr Verfolger an Deck gelangen konnte, legte die Banjo ab.
      Die beiden Geister beobachteten die kleiner werdende Silhouette Prime Evils am Ufer, die wetternd die Fäuste schwang. Apparitia fixierte ihren Herrn und Meister angespannt. „Kann er uns nicht folgen?“
      „Musik ist mächtiger als Geisterkräfte, weil Musik eine eigene Form von Spiritualität ist. Aus diesem Grund würden selbst wir Geister auf dem Meer der Symphonien untergehen, würden wir versuchen, es zu überschweben.“ erklärte Floatzart. „Deswegen brauchen wir hier ebenfalls ein Schiff, um die See zu übersegeln.“
      „Das ist der Grund, warum mir eben, als wir an Bord kamen, das Schweben so schwerfiel!“ erkannte die Geisterlady erstaunt.
      Floatzart nickte. „Nur ein Schiff kann uns über die See der Symphonien tragen. Und dies muß aus einem bestimmten Holz geschnitzt sein, damit es vom See der Noten getragen werden kann.“
      „Deswegen die Form der Ukulele.“ schlußfolgerte Apparitia.
      Floatzart bestätigte erneut durch ein Nicken.
      Indes trat der Kapitän an die beiden Neuankömmlinge heran. In seiner tutenden Stimme verkündete er, daß sie nun Kurs auf die andere Seite des Meeres setzen würden und in einigen Stunden im Hafen von Jazzopolitan anlegen würden.
      Apparitia mußte sich sehr konzentrieren, um zu verstehen, was er zu ihnen sagte, da die Laute, die aus dem Trichter kamen, der bei ihm den Kopf darstellte, mehr Klänge als Worte waren. Sie nickte höflich. Als er gegangen war, wandte sie sich zu Floatzart um, der in diesem unwirklichen Szenario ihre einzige richtige Bezugsperson war. „»Jazzopolitan«… Weißt du etwas darüber?“
      Der kleine Musikant ging voraus über das Deck des Schiffes. „Jazz ist nicht meine bevorzugte Musikrichtung. Es muß deiner Seele entsprungen sein.“
      „Aha…“ So ganz verstand Apparitia noch nicht, auch wenn sie langsam eine vage Ahnung hatte, wie die Dynamik funktionierte. Aufmerksam folgte sie ihrem Begleiter in den vorderen Teil des Schiffes, und staunte. Die Reling im Bug bestand aus Klaviertasten. Sie achtete darauf, nicht versehentlich auf die Tasten zu kommen und stützte sich daneben auf das Holz, um über das Meer zu sehen.
      Floatzart nahm wieder seine Flöte zur Hand und spielte. Das Meer wogte, kleine Wellen von Noten türmten sich auf. Apparitia sah genauer hin. Manchmal konnte sie unter der Oberfläche Meerestiere erkennen – große Leiber in Form von Tubaen, Violinen und Dudelsäcken, Flötenfische, Trommelkrebse und kleine Seepferdchen, die wie Saxophone aussahen. Schwärme von Trompetenfischen schwammen über ganze Notenzeilen, die sich wie Achterbahnen aus dem Meer erhoben. Die Geisterlady lehnte sich auf die Reling und sah dem Treiben zu, bis Floatzart die Flöte sinken ließ.
      Langsam glättete sich das Meer wieder und lag ruhig im warmroten Schein der am Horizont untergehenden Sonne. „Mit Musik kann man das Meer der Symphonien bewegen.“ führte Floatzart aus. „Man kann es formen, damit spielen, es seinem Willen unterwerfen. Man kann ganze Welten erschaffen, Luftschlösser bauen und Träume mit allen Farben der Welt ausmalen.“ Allein seiner Stimme konnte man bereits jetzt eine Ausgeglichenheit und Euphorie anmerken, die man lange nicht mehr bei dem Geist verspürt hatte.
      Apparitia starrte fasziniert in die Weite, und ein beseelter, sehnsüchtiger Ausdruck lag auf ihren Zügen. Jetzt wußte sie, warum Floatzart immer wieder hierher zurückwollte.
      Der kleine Virtuose ging an die Reling im Bug, die aus Klaviertasten bestand, drückte die Finger durch und begann zu spielen. Das Meer bewegte sich, und hob das Schiff auf sanften Wellen über das Meer. Noten wirbelten auf und nahmen immer wieder neue Formen an. Die begeisterte Barsängerin beobachtete, wie Bäume aus Noten aus der See wuchsen, schwarze Pusteblumen flogen über das Meer, Gesichter entstanden in dem wechselnden Spiel des Virtuosen und hoben sich wie Wellen plastisch aus der See. Sie sah Elvis Presley, Buddy Holly, Aretha Franklin und andere bekannte Gesichter. Apparitia fing eine schwarze Pusteblume ein und pustete. Kleine Noten lösten sich und flogen von musikalischen Winden getragen über das Meer davon.
      Ein Nebelhorn mischte sich in die stetig wechselnde Melodie und ließ das Schiff auf hohen Wellen friedlich über das Meer einem unbestimmten Horizont entgegengleiten. Die beiden Passagiere hörten die tutenden Kommandos des Kapitäns, die er den Violinenmatrosen zurief, welche daraufhin mit Saitenklängen reagierten und die Befehle ausführten.
      In Apparitia erwachte eine alte Leidenschaft. Es war lange her, daß sie in den Bars und Clubs von Chicago gesungen hatte, und die Sehnsucht danach hatte tief in ihr geschlummert. Doch jetzt zerriß es sie innerlich fast. Noch haderte sie mit sich. Nach einem Augenblick, als Floatzarts Spiel leiser wurde und sich dem Ende entgegenneigte, hielt sie es aber nicht mehr aus, ging an die Seite des Pianisten, lehnte sich dort, wo die Tasten aufhörten, an die Reling und sang.
      Als sie »They Can’t Take That Away From Me« anstimmte, verstummte sogar Floatzart kurzfristig überwältigt in seinem Spiel. Unvermittelt stürzte das Meer in sich zusammen. Für den Bruchteil eines Momentes war nur die melodische Stimme der geisterhaften Jazzsängerin zu hören, die die Atmosphäre erfüllte. Nach einem Moment der Überraschung stieg der Pianist mit ein und begleitete sie mit dem Klavier. Es war fast wie in alten Zeiten, wäre sie hier nicht in einer gänzlich anderen Umgebung gewesen, mit einer ganz anderen Dynamik.
      Das Meer bewegte sich, nahm die Stimme der hochgewachsenen Lady in sich auf und wandelte sie in visualisierte Musik um. Die Gesichter von Frank Sinatra, Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald, Lou Rawls, Rod Stewart und anderen großen Musikern wurden im Meer sichtbar. Die See war ruhig, und die Banjo wurde auf harmonischen Wellen dahingetragen, die sich dem Gesang der Geisterlady anpaßten.
      Plötzlich waren die Klänge einer Orgel zu vernehmen. Leise noch, und doch schon unerbittlich präsent, mischten sie sich von Moment zu Moment immer lauter und aufdringlicher in bestehende Melodie, bis sie zornig die gesamte Atmosphäre der Geistersphäre erfüllten.
      Apparitia sah erschrocken auf. „Prime Evil. Er ist wütend.“
      Die disharmonische Orgelmelodie wühlte die See auf. Immer lauter ertönte die dumpfe Orgelmusik, die ihren Ursprung in Hauntquarters, der mächtigen Festung des Dämonenfürsten einige Meilen entfernt hatte. Stürme zogen auf, das Wasser peitschte in hohen Wellen über die Reling des kleinen Ukulelenschiffes und ließ es wie eine Nußschale tanzen. Noten schwappten über das Deck und blieben auf dem Holz der Banjo liegen. Ein Gewitter brach herein, Blitze zuckten über den sich verdunkelnden Himmel, und Donnergrollen erschütterte die Umgebung.
      Das aufgeregte Tuten des Tubakapitäns mischte sich mit den schrägen Klängen hektischer Violinenmatrosen, so daß die See noch mehr aufgewühlt wurde als ohnehin schon. Strudel bildeten sich und drohten das Schiff in die Tiefe zu ziehen. Apparitia hielt sich bestürzt an der Reling fest und sah verunsichert vor sich in das sich zusammenbrauende Unwetter. Alarmierte Violinenmatrosen liefen über das Deck und trafen alle Vorkehrungen, um das Schiff durch den Sturm zu steuern.
      Floatzart reagierte indes sofort, stieg auf das Podest im Bug des Schiffes und zückte seinen Taktstock. Während der Kapitän sich bemühte, sein Schiff sicher über den wütenden Ozean zu bringen, versuchte der kleine Kapellmeistergeist, die See der Symphonien zu bezwingen.
      Der Tubakapitän tutete den Violinenmatrosen Befehle zu, die mit aufgeregten Saitenklängen erwidert wurden.
      Apparitia wurde aufmerksam, als der erste Offizier, ein größeres Violoncello, an den Tubakapitän herantrat. Sein Klang war dunkler als jener der hellen Violinen, und sehr bestimmt, in diesem Augenblick. Da die Instrumente weniger Stimmen, denn mehr Klänge hatten, mußte die Geisterlady genau hinhorchen, um zu verstehen, was sie sagten, und viel war mehr ihre eigene Interpretation, als daß sie den genauen Wortlaut wiedergeben konnte, trotzdem setzten sich mit ein wenig Übung die Töne der Instrumentencrew in ihrem Kopf zu Worten um, so daß es ihr immer leichter fiel, den Gesprächen zu folgen. Gerade drangen die Streicherklänge des Cellos eindringlich an ihr Ohr, die im wahrsten Sinne des Wortes klangvoll auf die Gefahr aufmerksam machen wollten. „Kapitän, wir müssen umkehren, solange wir noch können!“ schienen sie sagen zu wollen.
      Die Tuba setzte mit volltönendem Klang dagegen und untermalte das Streichinstrument dabei melodisch. Apparitia hörte heraus, wie sie entgegenhielt: „Wir sind bereits auf Kurs. Wir können nicht mehr umkehren!“
      Der Cello-Offizier ließ sich nicht beirren. „Noch können wir umkehren!“ vermittelten die Saiten. Die aufgeregten Klänge schienen eindringlich vermitteln zu wollen: „Und das sollten wir auch tun, solange wir noch die Gelegenheit haben!“
      Das dumpfe Tuten der Tuba ließ keinen Widerspruch zu. Es klang für die Geisterlady wie: „Wir sind bereits zu weit vom Ufer entfernt! Wir haben einen Terminplan einzuhalten! Wir werden nicht umkehren!“
      Apparitia war so fasziniert von dem für sie so sonderbaren Gespräch, daß sie fast das Unwetter darüber vergaß und lauschte den beiden Instrumenten angetan bei ihrer Diskussion, die so energisch wie eigentümlich war. Doch sie erschrak, als die Violoncelloklänge ihr plötzlich vermittelten: „Kapitän, Ihr seid verantwortungslos, wenn Ihr so handelt!“
      Die Tubaklänge wurden nun ein wenig vehementer. Apparitia war es, als brauchte sie nicht einmal mehr großartig das Gehörte umzuschlüsseln, um den Sinn zu verstehen: „Dies ist nicht die erste rauhe See, die die Banjo übersteht! Wir wären heute nicht, wo wir sind, würden wir jeden Sturm fürchten. Wir werden nicht umkehren!“
      Floatzart hatte derweil begonnen zu dirigieren, brachte die aufgewühlte See in seine Gewalt, ließ sie nach seiner Melodie spielen und versuchte, dem Effekt der Orgel entgegenzuwirken.
      „Dies ist die erste rauhe See, die von dem Meister des Bösen entfesselt wird!“ hörte Apparitia der Cello-Offizier indes dagegenhalten. „Seht Ihr denn nicht die zusätzliche Gefahr? Dies ist unberechenbar, und wir haben Passagiere an Bord! Wir können uns jetzt keine Höhenflüge erlauben!“ Die Geisterlady schauderte, erkannte sie doch nur zu gut die Wahrheit in den Worten.
      Die folgenden Tubaklänge setzten sich in Apparitias Bewußtsein zu einer scharfen tiefen Stimme zusammen, die sagte: „»Höhenflüge«? Zweifelt Ihr meine Kompetenz als Kapitän an?“
      „Sicher nicht, Kommandant!“ entgegnete die Melodie der Saiten des ersten Offiziers in dem Bewußtsein der Lady.
      Die folgenden Tubaklänge wirkten auf die Jazzsängerin trotz ihres melodischen Klanges ungehalten, und sie interpretierte sie als: „Dann überlaßt die Entscheidung, was ein Höhenflug ist und was nicht, mir!“
      Die Diskussion zwischen dem Schiffskommandanten und seinem ersten Offizier wurde immer hitziger und ließ die Laute zu einem dramatischen Crescendo anschwellen. Die Saitenklänge des Cellos sagten: „Ihr seid verrückt, wenn Ihr glaubt, ein Unwetter des Dämonenfürsten durchsegeln zu können! Ihr bringt uns alle in Gefahr! Wenn das in Kauf zu nehmen kein Höhenflug ist, was dann?“
      Streichlaute und Tubaklänge mischten sich bereits gleichzeitig in einem disharmonischen Klang, der in den Ohren der Geisterlady beim Zuhören schmerzte. Gerade drang die Tuba dominant hervor, deren aufgebrachte Tonfolge vermittelte: „Von einem Höhenflug kann nicht die Rede sein! Zumindest, solange wir unsere Energie darauf verwenden, das Schiff so sicher wie möglich durch den Sturm zu steuern, anstatt durch unsere Diskussion die See noch mehr aufzuwühlen!“
      Der verheißungsvolle Klang, der aus dem Trichter kam, ließ das Cello aufhorchen. Apparitia hörte eine verblüffte Pause heraus, bevor die Saiten in einem erstaunten Klang fragten: „Wollt Ihr etwa mir nun einen Vorwurf machen und meiner Vorsicht grobe Fahrlässigkeit unterstellen? Glaubt Ihr etwa, auf die Konsequenzen einer drohenden Gefahr hinzuweisen, sei ein Höhenflug?“
      Die verschiedenen Töne der Tuba setzten sich zu einer Entgegnung zusammen, die in Apparitias Bewußtsein verlauten ließ: „Wenn hier etwas für einen Höhenflug verantwortlich ist, dann ist es derjenige, der die Diskussion heraufbeschwört und damit die Katastrophe noch verschlimmert. Ihr vergeßt, daß nicht nur der Dämonenfürst durch seine Orgel die See aufwühlt!“
      Das Cello erwiderte etwas, was Apparitia für sich umsetzte wie: „Ich appelliere lediglich an Eure Vernunft, den sicheren Weg einzuschlagen und den Hafen anzusteuern, ehe wir auf hoher See kentern. Erst dann ist Sicherheit garantiert! Diese Diskussion ist nicht notwendig, wenn Ihr begreift, daß der Höhenflug nicht erst dort beginnt, wo unsere Diskussion die See zusätzlich zum Zorn des Dämonenfürsten aufbauscht, sondern schon dort, wo man glaubt, den Herrn des Bösen unterschätzen zu können! Nicht umsonst trägt er den Titel »Großbösemeister«, und weiß ihn wohl anzuwenden! Wenn diese Überfahrt also kein Höhenflug werden soll, weder im Großen, noch im Kleinen, dann kehrt um!“
      Die Geisterlady fröstelte. Selbst mit der Gefahr im Nacken, wollte sie nicht - um keinen Preis der Welt! - in den Hafen, und zu Prime Evil zurück. Dann wollte sie lieber durch den Sturm segeln.
      Der Kapitän tutete zu ihrer Erleichterung ihre eigenen Gedanken heraus, wenn auch aus ganz anderen Beweggründen, als er argumentierte: „Ein Schiff ist sicher wenn es im Hafen liegt, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte der Klang aus seinem Trichter: „Ich dulde jetzt keine weiteren Beeinflussungen des Meeres unsererseits mehr! Denn ich bin nicht an einem Höhenflug interessiert!“ Die Jazzsängerin konnte sogar die Betonung aus dem Tuten heraushören.
      Der Cello-Offizier wirkte nicht zufrieden, wandte sich aber um und ging, um den Anweisungen Folge zu leisten.
      Apparitia lehnte sich wieder auf die Reling und sah in den Himmel. Mit einem Höhenflug hätte sie das von Floatzart erwähnte Luftschloß erreichen können, hätte sie es sich vorher aus der See der Symphonie komponiert, schoß es ihr durch den Sinn, ohne daß sie wußte, woher dieser merkwürdige Gedanken gekommen war.
      Der violette Himmel verdunkelte sich, zog sich immer mehr zu. Grauschwarze Gewitterwolken aus Noten ballten sich über dem Schiff zusammen, und plötzlich brach ein Dornenregen über die Wasserwelt herein. Apparitia stockte. Der Herr des Bösen ließ seinen ganzen Zorn an ihnen aus. Je mehr der kleine Dirigent der wilden See entgegensteuerte, desto aggressiver wurden die Klänge der Orgel, ließen es für den Musikanten auf der Banjo immer schwerer werden, dem Sturm beizukommen.
      Der Kapitän trat an Apparitia heran und bedeutete ihr, in die Kabine des Schiffes zu gehen. Das dunkle melodische Tuten seiner Worte, das nun wesentlich freundlicher klang als in der hitzigen Diskussion noch Minuten zuvor, unterstrich seine Aufforderung, auch wenn die Geisterlady schon durch seine Gesten verstanden hatte. Zuerst sträubte sie sich etwas, ließ sich dann aber doch darauf ein.
      Als Apparitia in den Bauch des Schiffes hinabstieg und die Tür hinter ihr zuschlug, verstummten die Geräusche des Aufruhrs abrupt. Nur das leise Summen der Motoren begleitete sie wie eine Melodie im Herzen des Schiffes, als sie die Stiege hinabschritt und einen kurzen Korridor entlangging.
      Während sie aufmerksam einen Schritt vor den anderen setzte, registrierte sie leise Hintergrundmusik, wie die natürlichen Klänge aus der Natur vermischt mit harmonischer Flöte. Die Tapete der Wände war dunkel gehalten, und zeigte verschnörkelte und in sich verschlungene unzählige Titel musikalischer Werke. Apparitia begann zu lesen. Sie las Titel wie »Swing Down Sweet Chariot«, »Journey To Shambala«, »Great Balls of Fire«, »Tennessee Waltz« und »Passe Le Temps«. Das Muster wiederholte sich kein einziges Mal, und sie war sich sicher, daß kein Titel auf ihrem Weg doppelt vorkam. Hier mußte jeder Titel der Welt verzeichnet sein, und aus den Augenwinkeln meinte sie, an einigen Stellen sich neue Titel hinzufügen gesehen zu haben.
      Am Ende des Weges gelangte sie in eine weitläufige Besucherlounge. Der Raum mutete ihr viel größer an, als es von außen den Anschein gehabt hatte; sie mochte sich aber auch täuschen. Ab und zu mußte sie aufpassen, das Gleichgewicht zu wahren, als das Schiff durch das aufgewühlte Meer steuerte. Das Schaukeln löste ein mulmiges Gefühl in ihr aus, und sie hoffte, daß das Banjoschiff die Fahrt gut überstand.
      Sie lenkte sich ab, indem sie neugierig den holzvertäfelten Raum inspizierte. Bilder von großen Musikstars waren fest an den Wänden angebracht. Als sie an den Bildern vorbeiging, änderten sich diese mit jeder neuen Perspektive, zeigten aus jeder Blickrichtung einen anderen berühmten Musiker. Einige davon kannte sie sogar persönlich. Benny Goodman war dabei, Nina Simone und Al Jearrau, aber auch Tina Turner, Michael Jackson und die Beatles. Sie sah James Brown und Gloria Gaynor, ebenso wie Danny Kaye und Helmut Lotti, und nur ein Stück weiter weckten Mozart, Beethoven und Chopin ihre Aufmerksamkeit.
      Sie ließ den Blick über die braun vertäfelte Decke und die Seite mit den Fenstern bis zum Boden schweifen, der mit einem dicken Teppich ausstaffiert war, auf dem ein Muster wie das Podium eines Konzertsaals zu sehen war. Ansonsten war der Raum leer. Nicht einmal einen Stuhl gab es hier.
      Sie schritt bedächtig durch den eigentümlichen Raum, während sie sogar fast das Unwetter vergaß und sah sich um, als sie plötzlich etwas bemerkte. Es wirkte, als ließe sich die linke Wand überdies in der Mitte aufschieben. Die Sängerin fragte sich allerdings, wo der Platz noch herkommen mochte, um dahinter für irgend etwas Raum zu bieten. Eventuell waren es aber auch schmale Regale, mit weiteren Bildern möglicherweise.
      Sie haderte mit sich – eigentlich war sie viel zu neugierig, doch sie wagte es nicht, nachzusehen. Gerade als sie darüber nachdachte, wurde sie fast von den Füßen gerissen, als sich das Schiff gefährlich in Schräglage legte. Erst jetzt entsann sie sich wieder daran, daß Floatzart an Deck noch einen Kampf auszufechten hatte – einen Kampf, der ohne sie nicht entstanden wäre. Fast schämte sie sich, daß der Kapellmeistergeist und die Banjo unschuldig in die Sache involviert worden waren, und nun gegen einen Sturm kämpften, während sie sicher hier unten in der Kabine weilte. Eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, daß die Gefahr gebannt wurde. Doch sie hätte nicht einmal gewußt, was sie hätte ausrichten können.
      Sie konnte das Tuten des Kapitäns bis in den Aufenthaltsraum hören. Die Bewegungen des Schiffes zeugten immer noch von unruhiger See.
      Um sich abzulenken, trat sie nun doch an das Panel heran und besah es sich genauer. Tatsächlich ließ es sich ohne Komplikationen entriegeln und beiseite schieben. Ein leichter Handgriff von ihr genügte, und die beiden Flügel glitten auseinander. Dahinter befand sich tatsächlich nur ein schmaler Raum. Ein paar Drehtrommeln weckten ihre Aufmerksamkeit, die verschieden beschriftet waren und sich per Hand durch Drehen weiterstellen ließen. Auf der ersten Trommel wurde gerade der Begriff »Konzertsaal« angezeigt. Als sie vorsichtig weiterdrehte, kamen Begriffe wie »Jazzclub«, »Disko«, »Open Air« und andere zum Vorschein. Plötzlich bemerkte sie, daß sich mit jeder Drehung der Boden änderte. Mal glich das Muster in dem Teppich einer Tanzfläche, in der sich eine Diskokugel spiegelte, mal einer gigantischen Wiese, dann wieder einem Ballsaal.
      Gedankenvoll drehte sie die Trommel auf den Ausgangspunkt zurück und aktivierte den Schalter darunter. »Konzertsaal« wurde nun beleuchtet, und die nächste Trommel wurde freigegeben. Dort konnte sie jetzt eine Musikrichtung auswählen. Sie entschied sich für »klassisches Konzert«. Wieder mußte sie ihre Auswahl aktivieren, um zur nächsten Trommel zu gelangen. Hier hatte sie nun eine Auswahl an Interpreten. Sie konnte sich kaum zwischen Mozart, Tschaikowski und Brahms entscheiden. Sie wählte schließlich Brahms und gab damit die letzte Trommel frei. Nun wurde sie nach den Konzerten abgefragt. Ihre Wahl fiel auf das »Piano concerto No 2«. Zum Schluß drückte sie in gespannter Erwartung auf den zentralen viereckigen Knopf, der nun einladend grün aufleuchtete.
      Von einem zum anderen Moment änderte sich alles. Der Raum verwandelte sich in einen imposanten Konzertsaal, als würde das Muster im Teppich plötzlich plastische Formen annehmen, und wo eben noch die Wand mit den Trommeln gewesen war, transformierte sich der Raum jetzt in eine große Bühne, die für das Konzert hergerichtet war – beinahe so, als würden räumliche Grenzen keine Rolle in der Musik spielen.
      Apparitia hatte die Veränderungen noch gar nicht richtig realisiert, als schon das Licht wechselte, und sie sich beeilte, Platz zu nehmen – gerade rechtzeitig, bevor das Konzert begann. Sie war die einzige Zuschauerin, doch das registrierte sie nicht einmal mehr, als der Pianist auf die Bühne kam und sich verneigte, um kurz darauf mit seinem Spiel zu beginnen. In dem Augenblick waren der Sturm und der Kampf an Deck vergessen. Überwältigt ließ sie sich von der Atmosphäre, der atemberaubenden Akustik und der Musik einfangen…

An Deck stand Floatzart noch immer auf dem Podest, sah über die tosende See und dirigierte die musikalischen Seeungeheuer, um sie seinem Willen zu unterwerfen. Während die Luft von Orgelklängen erfüllt war, zog er mehr und mehr die Aufmerksamkeit von Orchesterfischen auf sich: Fagottfische, Klarinettenaale, Paukenkrebse, Trompetenmuränen, Posaunenlangusten, Violinenschollen, Kontrabaßwale…, bis er selbst ein Orchester zusammengestellt hatte, das nur auf die Anweisungen seines Taktstockes wartete. Er ließ dem neu zusammengefundenen Orchester nur einen Augenaufschlag lang Zeit zu einer kurzen Probe, bevor er ihnen alles abforderte. Bachs »Toccata and Fugue« in D-Moll. Er hatte bewußt dieses Stück gewählt, welches im Ursprung eigentlich tatsächlich für eine Orgel geschrieben worden war – und setzte mit einer kraftvollen Interpretation zusammen mit seinem Orchester alles gegen die Macht des Dämonenfürsten. Der Klang hallte über das Meer und übertönte die Orgel, zog die Dynamik der See an sich.
      Die Noten sammelten sich, ordneten sich und setzten sich automatisch zu dem richtigen Konzert zusammen, flossen in langen Notenbändern über die See an den Konzertfischen vorbei, während der Konzertmeister mit aller ihm zur Verfügung stehenden Energie um die Sicherheit der Banjo dirigierte. Das Wasser wurde noch mehr aufgewühlt, doch nun nicht mehr nur bedrohlich, sondern es lenkte die Banjo wie in einer großen Schiffschaukel über das Meer.
      Gerade als der kleine Virtuose dachte, gegen den Meister des Bösen bestehen zu können, wurden die Klänge der Orgel wieder lauter und verschluckten das Konzert der Orchesterfische beinahe. Verzweifelt dirigierte Floatzart die Musiker seines maritimen Orchesters, brachte das Konzert zu einem infernalen Crescendo. Doch er schaffte es knapp, ein Gleichgewicht der Kräfte herzustellen.
      Die Banjo drehte sich auf dem Wasser, als würde sie nicht mehr wissen, nach welcher Musik sie sich richten sollte und schlingerte durch die Wellen, so daß Floatzart bei einer Gelegenheit beinahe von dem Podest gefallen wäre. Er rang mit dem Gleichgewicht und bemühte sich, das Konzert nicht aus dem Takt geraten zu lassen. Er wußte, stoppte das Konzert, war die Banjo verloren!
      Gerade als er dachte, am Ende seiner Kräfte angekommen zu sein, stiegen plötzlich Noten aus dem Schornstein des kleinen Schiffes auf. Silberne und goldene Noten erfüllten den Himmel, und stoben zu allen Seiten davon.
      Floatzart sah in die Luft und erkannte die Melodie. Sofort schwenkte er um und stimmte mit seinem Orchester das »Piano concerto No 2« von Brahms an, stieg in die neue Komposition mit ein. Er wußte nicht genau, woher die neue Musik kam, doch eines war ihm deutlich bewußt: Dies war die einzige Chance, den Herrn des Bösen besiegen zu können. Nur in einem harmonischen Zusammenspiel, mit der Kraft aus beiden Quellen, bestand jetzt noch Chance auf Rettung.
      Das ganze Meer war plötzlich von dem Funkeln der Noten erfüllt, die in der letzten Abendsonne glitzerten. Sie wirkten fast wie ein Transmitter für die Musik, trugen sie weiter in jeden entfernten Winkel des Meeres. Latent konnte der kleine Kapellmeister hören, wie die Orgel versuchte, dagegenzusetzen, doch das Konzert war zu laut.
      Floatzart setzte immer mehr dagegen, ließ sein Orchester das Stück lauter, kraftvoller spielen als gewohnt. Über den dunkelgrauen Himmel breitete sich silbernes und goldenes Funkeln aus, bildete einen Schirm, der die Musik der Orgel nicht mehr durchließ, – im Gegenteil, die Kraft der Orgel wurde zurückgestrahlt, und transportierte die glänzenden Noten mit sich. Gegen die vielen Konzertfische, und die Noten, welche die Musik überall hin übertrugen, konnte sich die Orgel nicht länger behaupten. Plötzlich sah Floatzart am weit entfernten Ufer ein kleines Feuerwerk, in dem ein Stück der kleinen, dunklen Silhouette in sich zusammenstürzte, die einst Prime Evils Residenz gewesen war. Abrupt verstummten die aggressiven Klänge der dröhnenden Melodie ihres Widersachers. Er hatte es geschafft! Die Orgel hatte dem Druck nicht länger standgehalten und war explodiert.
      Als die unheilvolle Musik Prime Evils stoppte, entließ Floatzart sein Orchester ebenfalls aus seiner Obhut. In dem Augenblick, da er von dem Podest herunterstieg, kehrten die Orchester-Fische ins Meer zurück. Der kleine Geist atmete tief durch. Nie hatte ihn ein Konzert so viel Kraft gekostet wie heute.
      Aus dem Schornstein drangen noch immer goldene und silberne Noten, doch es wurden langsam weniger. Nachdenklich betrachtete er sie. Er fragte sich, woher sie kommen mochten.
      Als er das nächste Mal über die See schaute, lag sie ruhig. Die dunklen Gewitterwolken hatten sich verzogen, und die Banjo segelte in einen wunderschönen Abend hinein, der langsam bereits in die Nacht überging. Der Tubakapitän gab gerade Entwarnung, was die Violinenmatrosen mit Freuden zur Kenntnis nahmen. Die jubelnden Klänge ihrer Saiten ließen das Schiff in großen sanften Wellen ihrem Ziel entgegensteuern.
      Floatzart schirmte die Augen ab und kniff sie zusammen. Am Horizont konnte er bereits vage eine Skyline erkennen. Jazzopolitan.
      Er registrierte Apparitia erst, als sie direkt hinter ihm stand und, in Gedanken meilenweit entfernt, nach vorne sah. Nie hatte er die Geisterlady so verzaubert, mit einem Ausdruck erwartungsvoller Sehnsucht in den Augen gesehen. Er hatte sich nicht getäuscht. Jazzopolitan war ihr Ziel.
      Je näher sie kamen, desto imposanter wurde das Bild, das sie erwartete. Die große Stadt mit ihren Hochhäusern, die so unwirklich harmonisch wirkten, wie es eigentlich bei keiner Großstadt der Fall war, ließ selbst den kleinen Kapellmeistergeist beeindruckt innehalten.
      Apparitia ging wie hypnotisiert nach vorne, soweit es der Bug zuließ, und als sie noch näher herankamen, erkannte die Barsängerin so viele Einzelheiten, die ihr den Atem stocken ließen. Jazzclubs reihten sich dort aneinander, sie sah große Werbetafeln mit Bildern von Keith Haring, Bedard und klassischer Pop Art und Leuchtreklame mit stilisierten Trompeten, Pianotasten und Saxophonen und vieles mehr. Sie war kaum in der Lage, so schnell die vielen komplexen Eindrücke aufzunehmen, welche die Stadt ihr vermittelen wollte; jedes Detail, das sich an die anderen reihte, schien sie gefangenzunehmen. „»Jazzopolitan«…“ entfuhr es ihr ehrfürchtig.
      Floatzart schmunzelte. „Ich sagte, die See der Symphonien bringt jede Seele mit einer Melodie im Herzen zu ihrem Wunschort!“


_.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._.-*+*-._


Die Vorgaben:

Allgemein:

● Die Wörter »vielleicht«, »antworten/Antwort« und »lächeln/Lächeln« (egal in welcher Zeitform) sind verboten und dürfen nicht im Text vorkommen. (Synonyme und andere Worte, die zwar das Wort aber nicht die Bedeutung beinhalten, sind erlaubt.) ✔
● Einer eurer Charaktere muss folgenden Satz sagen: »Manchmal bin ich hin- und hergerissen zwischen neuen Ufern und alten Häfen.« → Floatzart ✔
● Ein anderer Charakter muss aus einem frei wählbaren Grund die Flucht ergreifen (z.B. wegen eines Streits, um einer gefährlichen Situation zu entkommen, etc.). → Apparitia ✔

Meine gesammelten Vorgaben:

Bei Nummer 1 werden euch drei Wörter vorgegeben, die ihr ohne Abwandlung in eurer Geschichte unterbringen müsst. → »Luftschloss«, »Dornenregen« und »Pusteblume« ✔
Bei Nummer 2 wählt ihr ein Zitat, welches einen Bezug zu eurer Geschichte haben muss (ob wörtlich übernommen im Text, als Leitmotiv etc. bleibt euch überlassen). → »Ein Schiff ist sicher wenn es im Hafen liegt, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut.« ✔
Bei Nummer 3 führen zwei Charaktere eine Diskussion über das von euch gewählte Thema. Diese Diskussion muss mindestens 300 Wörter lang sein. (Die 300 Wörter müssen am Stück sein und dürfen nicht geteilt werden, die Diskussion selbst darf aber später fortgesetzt werden.) → »Höhenflug« ✔


Platz 1 von 18 eingereichten Beiträgen
Review schreiben
 
 
'