Die Prophezeiung

KurzgeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
14.03.2015
14.03.2015
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Vorbemerkung: Ich habe nur die Serie (vor Jahren) gesehen und das erste Buch gelesen. Falls es zu Unstimmigkeiten bzgl. der Bücher kommt, tut es mir wahnsinnig leid.

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Wenn die Dunkelheit den Tag erobert, wird der Hüter den ersten Schleier zerreißen. Die erstgeborene Konfessor der Mutter wird über das Heil der Menschen entscheiden. Am siebten Tage, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet, wird es entschieden sein. Die Seele eines gegen das Leben aller.

In Aydindril war reges Treiben. Die Kleinen hörten fasziniert den Geschichten der Alten zu, manch eine Konfessor war in Aufbruchsstimmung und manche waren gerade vom Kräuter sammeln aus dem Wald zurück gekehrt.
Nur eines störte den Alltag in Aydindril. Der fremde Bote, der in mörderischem Tempo den Weg entlang galoppiert kam. Erst als er der Menschenmenge gefährlich nah kam verlangsamte er seine Geschwindigkeit. Er zügelte sein Pferd, blickte umher.
„Ich habe eine wichtige Nachricht zu übermitteln. Die Schwestern des Lichts schicken mich.“
Er schwang sich vom Pferd, blickte in die prüfenden Gesichter der Konfessoren.
„Folge mir.“ wies ihn eine schwarzhaarige Frau auf. Sie gingen durchs halbe Dorf, bis sie schließlich an einem größeren Haus mit weiter Eingangspforte ankamen. Mit einem Kopfnicken verstand der Bote, dass er eintreten soll.
Ein paar Stühle waren um den Holzofen gestellt. Eine Frau im weißen Gewand stand mit dem Rücken zu dem Neuankömmling. „Du hast eine Botschaft für mich?“
„Ja meine Herrin. Die Schwestern des Lichts schicken mich, es gibt eine neue Prophezeiung.“
„Und was sollte mich diese Prophezeiung interessieren?“ forderte die Frau zu wissen, während sie sich umdrehte und dem Boten tief in die Augen blickte.
Der Mann, kaum das zwanzigste Lebensjahr erreicht, schluckte schwer. Er wusste, die Frau konnte Lügen erkennen und doch war es seine Aufgabe, ihr von der Prophezeiung zu erzählen.
„Die Prophezeiung spricht von einem Riss im Schleier, vermutlich zwischen D’Hara und Midlands. Und sie spricht von der erstgeborenen Konfessor, die das Schicksal aller bestimmt.“ Mit zittrigen Händen holte er ein gefaltetes Stück Pergament hervor und überreichte es der Konfessor. „Hier ist der genaue Wortlaut. Mehr kann ich leider auch nicht sagen, ich wurde nur geschickt, um Euch zu informieren.“
Die Mutter Konfessor überflog kurz, was auf dem Pergament stand. Ihre Gesichtszüge wurden nachdenklich. Schließlich nickte sie ihm zu. „Vielen Dank. Aida soll dir Proviant für die Rückreise mitgeben. Hoffen wir, dass deine Bemühungen nicht umsonst waren.“
Der Bote neigte kurz sein Haupt, dann war er auch schon wieder zur Tür hinaus.
Die Frau blickte besorgt auf das Stück Pergament. Die Worte sprachen Unheilvolles und die Sonnenfinsternis war bereits morgen. Sie musste mit Laila sprechen, sie war der Schlüssel.
Es war spät abends, als Laila nach Hause zurückkehrte. Geschafft ließ sie sich auf den Boden vor dem Kamin nieder und hielt ihre Hände den wärmenden Flammen entgegen. Sie hörte hinter sich Schritte, unverkennbar die ihrer Mutter, der Mutter Konfessor.
„Wo warst du so lange?“ fragte sie mit strengen Ton. „Ich hab auf dich gewartet.“
Laila hob den Kopf, sie hatte dieselben braunen Haare wie ihre Mutter und auch die smaragdgrünen Augen hatte sie unverwechselbar von ihr geerbt.
„Ich war ausreiten, wollte einfach mal einen klaren Kopf bekommen.“ antwortete Laila. „Was ist los?“ Die Sorge, die in der Stimme ihrer Mutter mitschwang, blieb ihr nicht unbemerkt. „Etwas bedrückt dich.“
Sie hörte die Schritte hinter sich. Ihre Mutter ließ sich neben ihr auf den Boden nieder und reichte ihr ein Stück Pergament. Aufmerksam las Laila die Zeilen und schaute dann ihre Mutter an. „Bin ich damit gemeint?“ wollte Laila wissen, Unsicherheit schwang in ihrer Stimme mit. Man sah ihr kaum an, dass sie erst 15 war. Ihre Gesichtszüge waren bereits sehr erwachsen und auch ihr Verhalten zeugte selten von jugendlicher Natur.
Die Mutter Konfessor nickte. „Ich denke, die Prophezeiung spricht von dir. Unser aller Schicksal liegt wohl in deinen Händen.“ Sie nahm die Hände ihrer Tochter und drückte sie fest an sich. „Du wirst die richtige Entscheidung treffen. Du hast ein starkes Herz und ein reines Gewissen.“ Sie führte ihre Hände in Richtung des Herzens, ganz so als wolle sie fühlen, wie das Herz schlug.
„Aber ich bin doch noch so jung, ich kann das nicht!“
„Du musst. Du hast keine andere Wahl.“
Laila entriss sich den Händen ihrer Mutter und blickte sie mit glitzernden Augen an. „Und wenn ich mich falsch entscheide? Was wenn ich das Unheil über die Menschen bringe? Ich könnte mir das nie verzeihen!“
Die Mutter versuchte ihr Kind zu beruhigen. „Du schaffst das schon. Du bist eine starke Frau. Keiner wird dich verurteilen, dafür werde ich schon sorgen. Alles wird gut.“ Sie nahm ihre Tochter fest in die Arme und drückte sie. „Schlaf jetzt eine Runde, morgen sieht die Welt vielleicht wieder anders aus. Es ist nur eine Prophezeiung, ich bin mir sicher, wenn der Moment gekommen ist, wirst du dich richtig entscheiden.“
Laila bekam nur wenig Schlaf ab und selbst in den Träumen verfolgte sie die Prophezeiung. „Die Seele eines gegen das Leben aller.“ Was das wohl zu bedeuten hatte? Sie musste zum Schleier, sie musste sich selbst überzeugen, dass die Prophezeiung echt war, dass ein Riss im Schleier entstand.
Ihre Mutter war nicht im Haus, schnell sammelte sie ein bisschen Proviant und hinterließ der Mutter Konfessor eine Nachricht. „Ich muss mir den Schleier ansehen. Ich kann nicht anders. Es tut mir leid, wenn ich nicht die Konfessor geworden bin, die du dir gewünscht hast und ich die Prophezeiung nicht erfülle. Auf Wiedersehen.“
Sie schnappte sich den Beutel mit dem Proviant und machte sich auf dem Weg zum Stall. Ihre Schimmelstute Symphonie wartete bereits auf die morgendliche Karotte. Nach nur wenigen Minuten saß Laila schließlich auf ihrem Pferd und ritt dem Schleier entgegen. Kaum ein Bewohner Aydindrils hatte sie bemerkt. Es war noch früh, die meisten waren entweder noch im Haus oder bereits im Wald unterwegs.
Gegen Mittag machte die Konfessor eine Pause an einem Bach. Es wird noch ein weiter Weg, wenn sie sich beeilte, könnte sie in ein paar Tagen bereits am Schleier sein. Doch selbst dann musste sie erst einmal den Schleier entlang reiten, denn sie wusste ja nicht, wo der Riss entstehen würde.
Laila warf einen Apfel vor Symphonies Füße, welche sich gleich gierig daran machte, ihn zu verspeisen. Die Sonne verfinsterte sich langsam Stück für Stück. In dem Moment, als sie fast vollständig verdunkelt war, erfüllte ein tiefes Grollen den Tag. Ein grüner Blitz schlängelte sich über den gesamten Himmel in Richtung D’Hara. Das Grollen wurde immer lauter, bis es schließlich von einem Knall abrupt beendet wurde.
Langsam eroberte die Sonne den Tag wieder zurück. Laila schluckte schwer. Das Grollen, der Blitz, das alles sprach doch sehr für die Prophezeiung. Und damit auch die Verantwortung, die auf ihren Schultern lastete.
Sie packte ihre paar Sachen zusammen und schwang sich wieder aufs Pferd. Vorsichtig durchritt die Konfessor den Bach und machte sich auf dem Weg zum Schleier.
Nach vier Tagen war Laila endlich am Schleier angelangt. Vorsichtig begutachtete sie die Barriere. Noch nie war sie an der Grenze gewesen und auch von Erzählungen her, hatte sie sich die Grenze nicht so vorgestellt.
Die magische Barriere schimmerte grün und wirkte gar gefährlich. Vorsichtig hielt Laila ihre Hand entgegen, doch sie zu berühren traute sie sich nicht. Eine eisige Kälte umschlang ihre Finger und Laila glaubte Stimmen zu hören, tote Stimmen.
Das Mädchen riss ihre Hand zurück. Auch dem Pferd schien die Grenze Angst zu machen. Es scharte mit den Hufen, legte die Ohren an und wich immer wieder ein paar Tritte zurück.
Laila beruhigte ihr Pferd, ehe sie sich vorsichtig dem Schleier näherte. Wie sieht so ein Riss überhaupt aus? Laila suchte nach etwas, das sie nicht kannte.
Es war bereits abends, als sie sich eine Pause gönnte. Selbst wenn sie den Riss im Schleier fand, wusste sie immer noch nicht, was zu tun war. Wie sie den Hüter bekämpfen konnte, wie sie das drohende Unheil von den Menschen abhalten konnte.
Laila machte sich auf die Suche nach einem Ort, wo sie übernachten konnte. Eine Launenfichte oder ein anderer Unterschlupf würde ihr grad sehr zuvorkommen. Ein Rascheln ließ sie inne halten. Wie angewurzelt blieb sie stehen, griff vorsichtig nach dem kleinen Messer, dass sie immer bei sich hatte.
Sie atmete tief durch, nahm ihre Umgebung in sich auf. Das Rascheln kam vom Schleier. Vorsichtig drehte sie sich um. Versuchte in der nahenden Dunkelheit etwas zu erkennen. Schließlich konnte Laila zwei Gestalten ausmachen. Kaum so groß wie sie selbst und ganz zierlich.
Sie senkte das Messer und ging langsam auf die beiden Kinder zu. Es war ein dunkelhaariger Junge und ein ebenso dunkelhaariges Mädchen. Ihr Gesicht war verschmutzt, die Kleidung zerrissen.
„Kannst du uns helfen? Kannst du uns nach Hause bringen?“ fragte der Junge zaghaft. Er wirkte verunsichert.
Laila steckte ihr Messer wieder weg. „Ich bin Laila.“ Begrüßte sie die Kinder. „Woher kommt ihr und was macht ihr hier?“
Der Junge, Leander, erzählte ihre Geschichte. Er war mit seiner Schwester im Dorf spielen, als sie das Grollen und den grünen Blitz sahen. Sie waren neugierig und folgten den Blitz. Als sie am Schleier angekommen waren, sahen sie den Riss. Es war wie ein Schnitt. Sie konnten einfach hindurchgehen. Hörten Stimmen links und rechts von sich. Die Neugier ließ sie nicht los und sie gingen in den Riss hinein.
Tote Finger griffen nach ihnen, also liefen sie schneller und schneller. Konnten nicht mehr umkehren, als sie merkten, dass sie von toten Gestalten verfolgt wurden. Und schließlich waren sie zum ersten Mal in ihrem Leben in den Midlands. Doch der Riss verschob sich, der Schleier wanderte und sie fanden nicht mehr zurück.
Laila konnte die Angst der Kinder spüren, konnte fühlen, wie sie sich sorgten, wie sie ihre Eltern vermissten. Sie musste ihnen helfen, sie zurück nach D’Hara begleiten, zurück in ihre Heimat.
Gemeinsam suchten sie sich einen Unterschlupf. Es dauerte zwei Tage, bis die kleine Gruppe schließlich den Riss im Schleier gefunden hatte. Er war kaum zwei Meter breit. Man musste nacheinander hindurchgehen.
Laila hatte laut Prophezeiung nur noch einen Tag, um die Menschen zu retten, doch ihr Gefühl riet ihr, den Kindern zu helfen, wusste sie doch selbst gut genug, wie alleine man sich fühlt, wenn man alleine war.
Ihre Mutter war oft auf Reisen unterwegs und nur selten zuhause und sie selbst wurde selten mitgenommen. Laila sei noch zu jung, hieß es immer. Und jetzt war sie allein unterwegs und besiegelt das Schicksal der Menschen.
Sie blickte kurz zum Himmel, die Sonne hatte ihre Runde schon fast ganz hinter sich. Schon bald würde Dunkelheit über sie hereinbrechen. Laila blickte besorgt zum Schleier. Er wirkte mystisch und gefährlich. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich, bis morgen zu warten. Während der Nacht durch den Riss zu gehen gefiel ihr gar nicht.
Sie sammelten Brennholz, machten es sich unter einer Launenfichte gemütlich. Sie redeten noch ein wenig, bis sie schließlich einschliefen.
„Hilfe! Hilfe!“ Laila schrak aus dem Schlaf hoch. Hatte sie noch geträumt oder schrie wirklich wer um Hilfe? Sie blickte sich kurz um. Das Feuer war schon ausgegangen, nur eine kleine Glut zeugte noch davon. Neben ihr lag das Mädchen, Cora hieß sie. Von Leander war nirgends eine Spur.
Sie packte ihr Messer und kroch langsam unter der Launenfichte heraus. Die Sonne ging gerade eben auf. Sie blickte um sich, hielt nach Leander Ausschau, doch konnte ihn nicht sehen.
Vielleicht war er nur kurz in den Wald gegangen und sie hatte die Hilferufe nur geträumt.
Hinter ihr raschelte es, Cora krabbelte gerade ebenfalls aus der Launenfichte. „Wo ist Leander?“ wollte sie wissen, doch Laila zuckte nur mit den Schultern.
Sie blickte zum Schleier, doch der Riss war nicht mehr da. Sie drehte sich im Kreis. Nirgends konnte sie etwas Auffälliges sehen. Vorsichtig, immer noch kampfbereit, ging sie einige Schritte zwischen den Bäumen hindurch. „Hilfe! Hilfe!“ hörte sie wieder die Stimme. Sie war sich sicher, dass es Leander war.
Es kam vom Schleier. Laila ging wieder zurück, vorsichtig an die Grenze ran. Sie lief einige Schritte entlang, bis sie schließlich glaubte, den Riss zu sehen. Er war etwa hundert Meter weiter südlich als noch am Tag zuvor. Vorsichtig ging sie dem Schleier bis zum Riss entlang. Wenige Schritte noch entfernt kam plötzlich Leander ihr entgegengelaufen.
Er rumpelte sie an, atemlos krallte er sich an sie fest. Erschrocken blickte er sich um, entfernte sich immer weiter vom Schleier. „Das Monster…“ Leander rang nach Atem. „Da war ein Monster! Es hat mich verfolgt!“
Laila konnte förmlich die Angst spüren, die den Jungen begleitete. Nun war auch seine Schwester bei ihnen angelangt. Sofort umarmte sie in, drückte ihn fest, als wolle sie ihn nicht mehr loslassen.
„Was ist passiert, wo warst du?“ fragte sie besorgt.
„Ich war so früh wach und hab was gehört. Ich wollte nur mal nachschauen, was da war. Es war noch dunkel. Ich bin in den Riss und da stand plötzlich dieser Mann vor mir. Ich dachte zuerst, es wäre Vater, doch sein Gesicht war wie verfault, seine Hände waren kalt und plötzlich…“ Leander schluckte schwer und blickte besorgt zum Riss. „Und plötzlich sprang etwas an ihm vorbei. Ein Tier, ein Monster, keine Ahnung. Ich bin nur noch weggelaufen. So schnell ich konnte.“
Laila ging ein paar Schritte weiter, um in den Riss schauen zu können. Doch da war niemand. Sie packten ihre Sachen, gab Leander das Brotmesser, das sie beim Proviant trug. „Wenn wir durch den Schleier gehen und dich etwas anspringt, dann stich damit zu.“ Sie sattelte Symphonie.
Laila richtete sich an Cora. „Bist du schon mal geritten?“ wollte sie wissen.
Cora nickte.
„Setz dich auf Symphonie. Wenn uns etwas angreift, galoppierst du so schnell du kannst durch den Riss, hast du mich verstanden?“ Auch dieses Mal nickte Cora und schwang sich auf das Pferd.
Vorsichtig betraten sie den Riss. Sie konnten nur hintereinander gehen, so schmal war der Pfad. An manchen Stellen wurde er breiter, doch schon wenige Meter später verschmälerte sich der begehbare Weg wieder. Laila ging voran. Cora ritt in der Mitte und Leander machte das Schlusslicht.
Die Wände des Pfades wirkten bedrohlich. Das grüne Schimmern und das Gefühl, als würden tote kalte Hände nach einem greifen, machten Laila Angst. Und sie wusste nicht, wie lange der Riss war.
Umso tiefer sie kamen, umso finsterer wurde es. Die Sonne hatte kaum genug Kraft, sich durch den Schleier zu behaupten. Ein Geräusch ließ die Gruppe anhalten. Laila blickte in den Schleier, blickte nach hinten. Doch nirgends konnte sie erkennen, woher das Geräusch kam.
Sie hielt ihr Messer fest, gab Leander ein Zeichen, dass er sich vorsichtig umschauen soll. Laila ging ein paar Schritte nach vorne, ging leicht in die Hocke. Plötzlich sah sie aus dem Augenwinkel, wie eine Hand aus dem Schleier griff. Sofort stieß sie mit dem Messer hin, die Hand wich zurück.
Immer mehr Hände griffen aus dem Schleier heraus. Auch Leander stieß bereits mit dem Messer um sich.
Laila griff nach Symphonies Zügel, gab ihr einen Ruck. „Lauf! Schnell!“ Cora nickte. Blickte noch einmal besorgt zu ihrem Bruder zurück und galoppierte dann an Laila vorbei, die sich beim Ausweichen gefährlich nah dem Schleier näherte.
„Leander, komm. Wir müssen hier weg!“ Der Junge blickte auf, nickte.
Sie rannten los, versuchten den Händen auszuweichen. Die Hände verformten sich, wurden zu Pranken, die nach ihnen griffen. Plötzlich versperrte ein Tier ihnen den Weg. Laila hielt an, Leander stieß gegen sie. Erst jetzt merkte er, wieso sie bremste. Langsam ging er einige Schritte zurück. Ein riesiger Wolf versperrte ihnen den Weg. Fletschte die Zähne, knurrte bedrohlich. Und schon im nächsten Moment machte er einen Satz auf die beiden.
Leander stolperte zurück, fiel zu Boden. Die Planken packten ihn, zogen ihn zum Schleier.
Laila wich dem Biss vom Wolf aus, duckte sich unter dessen Pranke hindurch. Das Biest fletschte abermals seine Zähne, machte einen Satz. Laila sprang zur Seite, lies den Wolf vorbei springen. In dem Moment als der Wolf sich umdrehte, schlitzte sie ihm die Kehle auf.
Mit einem dumpfen Knall ging das Tier zu Boden. Erst jetzt bemerkte Laila, wie Leander in den Schleier gezogen wurde.
Mit wenigen Schritten war sie bei ihm, wehrte die Hände ab. Mit Lailas Hilfe konnte er sich schließlich von den Griffen befreien. Ein Blick nach hinten verriet, dass mittlerweile Tote aus dem Schleier traten und sie verfolgten.
„Schnell, lauf!“ Laila packte den Jungen am Handgelenk und zerrte ihn mit sich. Sie stolperten den Pfad entlang, immer den Hufspuren nach.
Plötzlich hörten die Spuren auf. Ganz so als wäre hier nie ein Pferd unterwegs gewesen. Leander lief weiter, Laila blickte kurz über ihre Schulter zurück. Die toten, bleichen Gestalten verfolgten sie immer noch. Schnell lief sie dem Jungen hinterher.
Das Licht der Sonne kam wieder stärker durch den Schleier, ganz so als würden sie sich dem Ausgang nähern. Plötzlich stürzte Leander, Laila konnte gerade noch so über ihn hinweg springen, um nicht auf ihn zu treten.
Schweren Atems rappelte sich der Junge auf. Laila konnte auf einmal die Freiheit sehen, sie stürzte hinaus, war geblendet von der grellen Sonne. Sie blickte sich um und ihr Herz stockte. Sie konnte Leander nirgends sehen.
Die Konfessor drehte sich um. Einige Meter weiter konnte sie ihre Schimmelstute erkennen und daneben stand Cora. Sie hatte es geschafft.
Laila nahm ihren gesamten Mut zusammen, hob das Messer in Kampfhöhe und ging wieder ein paar Schritte in den Riss zurück. Behutsam blickte sie sich um, achtete darauf, nicht zu nah an den Schleier zu geraten.
Auf einmal kam Leander von vorne auf sie zu. Seine Augen funkelten grün, genauso wie der Schleier. Er hob das Messer an und ging damit auf Laila los. Sie wich zurück, packte den Jungen am Handgelenk und zog ihn an sich vorbei.
Drehte den Arm hinter seinen Rücken und schupste ihn aus dem Riss hinaus. Cora blickte besorgt zu den beiden hinüber. Sie wollte schon dazwischen gehen, als sie Leanders Augen erblickte. Ihr Atem stockte, dieses grüne Funkeln bedeutete nichts Gutes. Sie wich ein paar Schritte zurück und versteckte sich hinter einem Busch.
Laila packte ihr Messer, hielt es fest umklammert und ging in Verteidigungsstellung. Der Junge kam ihr mit einem Brüllen entgegen. Stieß das Messer vor, versuchte mit Fäusten um sich zu schlagen.
„Beruhige dich, Leander komm schon!“ versuchte Laila ihn zu beruhigen, doch dies schien ihn noch wilder zu machen. Er schleuderte das Messer, Laila konnte sich gerade noch wegdrehen und schon im selben Moment verpasste er ihr einen Fausthieb in die Magengrube.
Die Konfessor keuchte, stolperte einige Schritte zurück, ehe sie sich wieder fing. Den nächsten Schlag konnte sie gerade noch parieren und sogleich den Gegenschlag ausführen.
Doch Leander wendete sich unter sie hindurch, packte ihr Handgelenk mit dem Messer und verdrehte es schmerzhaft.
Laila schrie auf und musste das Messer fallenlassen. Leander packte sie an der Gurgel und drückte sie gegen einen Baum. Die Konfessor versuchte sich aus seinen Fängen zu befreien, doch sein Griff war unerwartet stark.
Sie schnappte nach Luft, doch es half nichts. Sie bekam keine Luft mehr, ihre Lunge brannte. Mit letzter Kraft schleuderte sie ihr Knie in die Höhe und traf damit Leander in den Bauch. Abrupt ließ er los, funkelte sie böse an mit seinen leblosen grünen Augen.
Laila hatte Panik, er wollte sie töten, aus Reflex griff sie ihm an die Kehle. Sie wusste nicht, was es war, doch in diesem Moment konnte sie nicht anders, als ihre Kraft einzusetzen. Noch nie hatte sie jemanden gewandelt, doch nun konnte sie sich nicht zurückhalten.
Mit einem Ruck erlosch das grüne Leuchten in Leanders Augen, färbten sich schwarz. Der Junge sank zu Boden, lag fast leblos da.
Die Konfessor lies sich schweren Atems auf den Boden sinken, blickte Leander an.
Was hatte sie nur getan? Wieso hatte sie den armen Jungen gewandelt. Langsam kehrte Leben in den Körper des Jungen zurück. Er keuchte, blickte zu Laila auf. „Herrin.“ Flüsterte er ehrfurchtsvoll.
Hinter ihnen im Gebüsch raschelte es, Laila blickte sich träge um, sie war zu schwach für größere Bewegungen. Cora kam heraus. „Was hast du getan? Was hatte er? Dieses grüne Leuchten in seinen Augen. Was war das?“ kam es aus ihr herausgesprudelt.
„Ich weiß es nicht.“
Laila blickte kraftlos zum Himmel, die Sonne neigte sich bereits wieder der Erde zu, der Weg durch den Riss war länger als erwartet.
„Was war passiert?“ forderte Laila von Leander zu wissen.
„Ich bin gestolpert und die Hände zogen mich in den Schleier. Es war so kalt und der Hüter sprach zu mir. Und dann.“ Leander stockte. „Ich weiß nicht mehr, was dann geschah. Es war ganz so, als würde jemand anderes mich lenken. Vergebt mir Herrin, dass ich Euch angegriffen habe.“
Plötzlich schob sich eine Wolke vor die Sonne, ein Grollen erfüllte den Himmel. Ein roter Blitz schnellte zum Schleier und der Riss schloss sich.
Die Seele eines gegen das Leben aller.
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