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Inferno

von Stilzkin
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteTragödie / P12 / Gen
Kuja
12.03.2015
12.03.2015
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Diese Welt sollte brennen. Zu Asche zerfallen, wie sie es vor langer Zeit hätte tun sollen. Doch war sie in einen Zustand des Stillstandes versetzt, weder Tod noch lebendig, und wartete auf den Tag des Auferstehens. Das Aufbegehren eines Planeten und seiner Existenzen, die ihr unausweichliches Ende nicht akzeptieren konnten. Ja, sie sollte brennen, diese hässliche Welt, deren Bestreben dem seinen so ähnelte.

Von schier unbändigen Mächten durchströmt, schwebte Kuja dem künstlichen Himmel Terras empor, seine Augen geblendet von dem kalten Lebenslicht Gaias, das diesen transzendenten Ort erhellte. Um ihn herum begann die Luft zu flimmern, in Schwingung versetzt von einem Kraftfeld, das seinem Körper entströmte. Die immer kleiner werdende Erde unter ihm, deren kristallene Bäume die Oberfläche übersäten, spürte die nahe Katastrophe durch eine Energiewelle, ausgehend von jener einen Person, die wie eine feurige Abendsonne am Firmament erstrahlte, näher rücken.

Mit ausgebreiteten Armen und einem alles durchstoßenden Blick betrachtete er das Land tief unter ihm, über das sich eine angsterfüllte Stille gelegte hatte. Sein Herz pumpte das kochende Blut durch seine Adern, als sei sein fragiler Leib ein tosender Fluss aus Lava, und in seinem Innern schrien und tobten unzählige Seelen, die seine eigene auseinander zu reißen versuchten. Unkontrolliert wirbelten sie durch seinen Kopf und brachten seine Glieder zum Zittern, klagten und weinten so laut, dass er nichts anderes mehr vernahm, verletzten und verhöhnten seine Gedanken, um ihn endgültig um den Verstand zu bringen. Doch seine Verzweiflung war über ihn hinausgewachsen, die ihn stärker und unantastbarer anfühlen ließ wie niemals zuvor. Ganz gleich, was diese törichten Seelen versuchten, die in seinem heraufbeschworenen Krieg gefallen waren, um aus ihrem lebendigen Gefängnis auszubrechen, er zwang sie mit seinem eisernen Willen in die Knie. Ihr Weinen und Flehen bestärkte ihn nur weiter darin, sie so weit zu unterdrücken, bis sie zu einem kläglichen Winseln in seinem Innern zusammenschrumpften. Das einzige, was er von ihnen brauchte, waren ihre Emotionen und Erinnerungen, die ihm genug Kraft gaben, um den einzigartigen Zustand zu erreichen, der es ihm ermöglichte, sich in Wut und Schmerz über alles zu erheben, das ihn nicht existieren lassen wollte   ̶   der Trance.

So nahe. Sein Ziel schien zum greifen nahe. Sehnlichst hatte er seine Arme danach ausgestreckt, um es endlich wie einen kostbaren Schatz in seinen Händen zu halten. Seine Freiheit, seine Selbstbestimmtheit. All seine Energie, sein gesamtes Leben hatte er darauf ausgelegt, sich den Fesseln seines Schöpfers zu entwinden, der in ihm nur eine Figur auf dem Schachbrett des Schicksals sah, die man opferte, sobald sie ihren Nutzen erfüllt hatte. Garlant, ein Relikt Terras, dessen seniler Verstand ausschließlich um den Fortbestand längst verschiedener Seelen geisterte, die sich eigens in den Ruin getrieben hatten. 5.000 Jahre warteten sie nun auf ihre Auferstehung, verweilten in einem tiefen Schlummer, in dem sie unruhig und friedlos träumten. Dies war der Grund, warum Kuja eine Existenz erhalten hatte. Einen Körper, um mit der Welt interagieren zu können, und eine Seele, als ein Funken kosmischer Energie in ihn gepflanzt, die Emotionen in ihm aufkeimen ließ. Allein dieser Umstand vergegenwärtigte ihn, dass er anders war als die artifiziellen Lebewesen, die Garlant als seinesgleichen, als seine Brüder und Schwestern, schimpfte. Er war nicht wie sie, die Genome, würde nie wie sie sein. Sie waren nichts als leere Hüllen, die zwischen Raum und Zeit ihr Dasein fristeten, ohne einen Sinn in sich selbst zu sehen.

Diese erbärmlichen Gefäße, dieser närrische Greis, dieser sich hoffnungslos aufwindende Planet   ̶   er hasste sie. Hasste sie dafür, dass sie kein Verständnis dafür aufbrachten, wie viel ihm sein eigenes Leben bedeutete. Wie der Gedanke an sein unausweichliches Ende seinen Verstand auffraß und jegliche Vernunft in unzählige Splitter zerspringen ließ, die er in wenigen Augenblicken mit einer Mischung aus Zorn und Qual auf die Erde herabfallen lassen würde. Wenn er diese Welt nicht beherrschen konnte wie ein Gott, so würde er sie stattdessen vernichten wie ein Gott. Er würde sie in einem Fegefeuer aus leidenschaftlichem Hass verbrennen, diesen Ort, der dem Sterben so nahe stand wie er selbst. Die Parallelen zu Terra, aus dessen Schicksal er sich nicht befreien konnte, ganz gleich, was er auch versuchte, und der Schmerz der Seelen, die aus der Tiefe des Planeten, geweckt von seiner schier unbändigen Macht der Trance, an die Oberfläche sickerten und ein klagendes Heulen in den Himmel schickten, ließen sein Herz beinahe zerbersten.

Mit einer ausholenden Armbewegung beschwor Kuja Partikel aus Energie, die in den Farben eines schwachen Regenbogens erstrahlten und sich zu Kugeln aus gleißendem Leuchten verbanden. Wie winzige Kometen aus den Weiten des Universums ließ er sie auf die in blassblaues Licht gehüllte Erde niederregnen. Dröhnende Explosionen erhellten die Flächen weitläufig, wo die Energiekugeln auf dem Boden einschlugen und verbrannten das Areal in einem Feuersturm.

Terras Intention war es doch, den blauen Seelenstrom Gaias zu übernehmen und in seinen zu verwandeln, nicht wahr? Nun, diesem Wunsch wollte Kuja auf seine eigene Art gerne nachkommen und Terra mit seinen Seelen in ein tiefrotes Meer tauchen, so rot wie das Blut, das unsichtbar an seinen Händen klebte und sich niemals fortwaschen ließe.

In Raserei beschwor er mehr und mehr Lichtkugeln, die auf die Erde hinabstürzten und sie lautstark zerfetzten, die kristallenen Wälder fällten und die Flächen in ein loderndes Inferno verwandelten, eines, das auch in Kuja selbst wütete. Unter ihm versank die Welt in einem tosenden Chaos und er glaubte, entfernte Schreie unzähliger Stimmen zu vernehmen, schlafende Seelen, die in seinem Feuer zu Asche verbrannten. Genau so, wie sie es vor langer Zeit hätten tun sollen.

Gefangen in seinem eigenen Rausch lachte Kuja hysterisch über sein Werk, welches jene, die ihm sein Leben nicht gönnten, niemals vergessen würden. Niemand konnte ihm in diesem Moment etwas anhaben und er betete dafür, dass Garlants Geist, der noch eine Weile im Diesseits verweilen mochte, Kujas besonderen Triumph miterleben und sich unter Entsetzen winden würde. Der Gedanke an diese Genugtuung verstärkte sein Lachen zu einem schallenden Gelächter, in das er all seine Wut und Abscheu legte. Er war kein Fehlschlag, er war niemals ein Fehlschlag. Terras transzendente Erde zerfiel unter dem Feuer seines Zorns, Garlants Ablebend verfrachtete dessen Geist in seinen ach so verehrten Strom zurück, und die Genome erfuhren ein unrühmliches Ende, wie es zu ihnen als wertlose Gefäße passte. Jedoch...

All dies führte Kuja nur klar und deutlich vor Augen, dass er dennoch nicht verhindern könnte, sein finales Schicksal abzuwenden   ̶   seine eigene Seele zu verlieren und somit als der zu sterben, der er war. Größtmögliche Macht lag in seinen Händen, die Trance durchströmte seinen Körper, Garlant war aus dem Weg geschafft, Terra ging unmittelbar unter ihm in Flammen auf, doch das alles hatte an Bedeutung verloren, in dem Moment, in dem er erfuhr, nicht das unsterbliche, unübertreffliche Individuum zu sein, als das er sich selbst gesehen hatte. Die Erkenntnis erstickte seine Stimme und er bemerkte zum ersten Mal in seinem Leben, hoch oben schwebend über der brennenden Erde, wie traurig er war.

Im Würgegriff seiner eigenen Emotionen dachte er mit einem unsagbaren Empfinden von Schwere und Sehnsucht, wie wunderschön es doch gewesen war, auf Gaia zu leben. Diese zweite Welt mit seinen Wüsten und Wäldern, Bergen und Meeren, Städten und Kulturen. Den Menschen, die nichts von Terra oder einem Seelenkreislauf wussten, die naiv und unbesorgt in ihren Betten schliefen und sich über nichtige Angelegenheiten echauffierten. Warum wurde ihnen eine längere Lebenszeit geschenkt, als ihm, Kuja, der ihnen doch so überlegen war? Krampfhaft griff er sich an die Brust, als wollte er eine unsichtbare Blutung stillen, die durch seine porzellanfarbenen Finger pulsierte.

Es schmerzte, ja, es entzweite ihn regelrecht. Dass sie leben sollten und er sterben, wie eine unbedeutende Kreatur, an die sich nie jemand erinnerte, war nicht fair. Daher gab es nur eine folgerichtige Lösung. Diese, jene, alle Welten, sie sollten mit ihm zugrunde gehen, zum ewigen Vergessen werden, das ihm unausweichlich bevorstand. Er wollte leben, doch wenn er nicht Teil des Lebens sein durfte, sollte es für immer ins Nichts entschwinden.

Entschlossen blickte Kuja auf in das gleißende Licht des Himmels, das das Blau Gaias verloren hatte und in Orange-rote Farben getaucht war, wie der Boden unter seinen schwebenden Füßen. Terras Welt, die Jahrtausende im Kern des anderen Planeten überdauert hatte, verbrannte unter dem Klagelied seiner aufsteigenden Seelen immer weiter zu Staub, und er verwendete die brodelnde Energie in seinem Inneren darauf, einen mächtigen Zauber zu sprechen, um sich an den einen Ort zu begeben, an dem alles Sein seinen Anfang nahm. Die abgrundtiefe Verzweiflung in seinem gebrochenen Herzen ermöglichte es ihm zum Ursprungsort vorzudringen, der Alles miteinander verband, und je stärker er den Wunsch verspürte, jegliche Existenz ins absolute Nichts zu verbannen, realisierte er eines   ̶   dass er das Leben eigentlich nur unsagbar liebte.
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