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★Lυllαby ★

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / MaleSlash
Dr. Helen Magnus Nikola Tesla
12.03.2015
22.04.2015
26
67.876
6
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12.03.2015 2.172
 
Langsam schlug Helen die Augen auf.
Das Erste, was die alterlose, mutige Biologin mit der nussbraunen, leicht gelockten Haarpracht wahrnahm, war die ihr nur allzu vertraute, sichere und überaus willkommene, warme Umgebung.
Sie ließ ihren Blick neugierig herum schweifen.
In dem dunkel gehaltenen, jedoch mit vielen Glasfronten und futuristischen Elementen versehenen, edlen Zimmer, befand sich neben einem exorbitanten Kleiderschrank, einem schwarzen Ledersessel, einem Nachtschränkchen, etlichen, mit Bücher und allerlei Krimskrams penibel staubfrei gehaltene Regale und einem an der Wand hängenden Plasmafernseher (nicht dass der Serbe darauf Wert legen würde, er benutzte das Gerät eher selten), auch ein gigantisches, schickes Doppelbett, indem die auf Mitte dreißig wirkende Frau lag.
Sein Schlafgemach und der individuelle Einrichtungsstil des Physikgenies, welcher auf neu und modern getrimmt war, jedoch auch vereinzelte, uralte Mobiliarstücke aus den früheren Epochen enthielt, gefiel ihr schon immer sehr gut.
Für manche Leute mochte die Inneneinrichtung lieblos, kalt oder gar steril wirken, doch die Teratologin wusste es besser.
Eine ganze Zeit lang, hatte sie in diesem so idyllisch gelegenen Domizil ihre Zeit verbracht.
Wenn der vielbeschäftigte, wohlhabende Nobelpreisträger wieder einmal auf Reisen war, oder sie sich eine kleine Auszeit, von ihrem stressigen Job als globale Leiterin einer weltweit vertretenen Zufluchtsstätte nehmen wollte, stellte er ihr das große Anwesen selbstlos und wie selbstverständlich, zur uneingeschränkten Verfügung.
Sie hatte sogar einen Zweitschlüssel, welcher in ihrem Büro, im Sanctuary, in Old-City lag.
Die hochangesehene, weltbewanderte, außergewöhnliche Lady, besaß zwar selbst ein paar Ferienhäuser und Eigentumswohnungen rund um den Globus, doch keine davon waren so anziehend und mit diesem speziellen Charme ausgestattet, wie eben dieses Exemplar.

Vereinzelte, hellgelbe Sonnenstrahlen, fielen durch die zu ihrer rechten befindlichen, gänzlich verglaste Front herein.
Für einen kurzen Moment, genoss Magnus den Ausblick auf den sich unter ihr erstreckenden, farbenfrohen Herbstwald und den marineblauen, kleinen See.
Sie beobachtete, wie sich ein ganzer Schwarm von Zugvögeln von den meterhohen Nadelbäumen erhob und lautstark durch die Lüfte, in Richtung Süden verschwand.
Verträumt und überrascht zugleich, bemerkte die Brünette schließlich, wie sehr sie diesen friedlichen Ort  und die damit verbundenen Aspekte vermisst hatte.
Erinnerungen an längst vergangene, harmonische, unbeschwerte Zeiten, überfluteten die Ursprungsblut-Trägerin sogleich.
Ein kurzes Lächeln huschte ihr übers Gesicht.
Plötzlich überkam sie ein schmerzhaftes Ziehen im unteren Bauchraum.
Gequält und auf einmal aus allen Wolken fallend, starrte die Schönheit mit der ausgeprägten Wangenpartie und den smaragdgrünen Augen auf sich hinab.
Vorsichtig schlug sie die dicke, schneeweiße, mit verschnörkelten Ornamenten bestickte Bettdecke beiseite.
Die Engländerin stellte verblüfft fest, dass sie einen ihrer alten, hier vor Jahren deponierten, cremefarbenen Seidenschlafanzüge trug.
Sie schob das Hemd ein Stückchen höher, um ihren flachen Bauch und die dort stechende, schmerzvolle Stelle freizulegen.
Doch auf ihrer gebräunten, makellosen Haut, befand sich unterhalb ihres Bauchnabels, ein großflächig und allem Anschein nach professionell angebrachter Verband, welcher sich bis kurz unter ihrem Hosenbund erstreckte.
Konsterniert begutachtete die Xenobiologin die verarztete Körperpartie.
Erst jetzt registrierte die ausgebildete Ärztin, dass ihr Kopf wehtat.
Es schmerzte nicht zu sehr, aber ein leichtes, unangenehmes Pochen, machte sich trotzdem oberhalb ihrer Stirn bemerkbar.
Instinktiv, griff sich die zähe Evastochter an den Schädel.
Ein weiteres, unter dem langen Pony verlaufendes Pflaster, war dort ebenfalls über ihre genähte  und sorgsam gesäuberte Kopfplatzwunde geklebt worden.
Zudem fühlte sie, wie ihr inzwischen schon wieder abgeschwollenes, blaugeschlagenes Jochbein, beim Blinzeln wehtat.
Fiberhaft, versuchte sich die Verletzte an die Geschehnisse vor ihrem Erwachen zu erinnern.
Doch so ganz wollte es ihr einfach nicht gelingen.
Es war wie im Nebel.
Da war nichts, nur drückende Schwärze.

Urplötzlich wurde die Britin von dem Geräusch einer leise öffnenden, quietschenden Tür unterbrochen.
Der mondän gekleidete Herr, welcher in ein weißes, langes Hemd gekleidet war, welches er sich in die mit einem hellbraunen Gürtel fixierte, schwarze Hose gesteckt hatte, betrat mit ernster Mimik den Raum.
Abwesend und mit vor Sorge getrübtem, nachdenklichen Gemüt, ließ er sich in dem neben dem Bett stehenden Sessel nieder.
Auf seiner Hüfte sitzend und eng an seine Brust gekuschelt, hielt er ein kleines, schlafendes Mädchen.
Das Kind hatte seine Arme um ihn gelegt, die klitzekleinen Finger in sein Kleidungsstück gekrallt und den immer schwerer werdenden Kopf schließlich müde auf seiner Schulter abgelegt.
Seelenruhig, geborgen und zufrieden, schlummerte sie in den  starken Armen des Mannes, welcher mit einem flüchtigen, stolzen Schmunzeln dabei zusah, wie sich der in einen trockenen, rosafarbenen Pullover, einer dazu passenden Hose und mit dicken, flauschigen Socken versehene Leib, vertraut an den seinen schmiegte.
Tesla war zunächst so mit seinen Gedanken und dem sich regelmäßig hebend und senkenden Brustkorb der Kleinen beschäftigt, dass ihm gar nicht auffiel, dass Helen wach war.
Sie setzte sich mit zusammengebissenen Zähnen auf, seufzte und grinste den ehemaligen Oxford-Absolventen anschließend zuckersüß an.
"Helen! Du bist ja wach!" stellte der Erfinder erschrocken fest.
Er erhob sich vorsichtig mit dem Kind, legte es behutsam neben sie auf die andere Seite des Bettes und deckte die kleine, noch immer tief Schlafende, sorgsam mit einer zweiten Decke zu.
Gerührt und mit einem weiteren Lächeln, beobachtete die Zufluchtsleiterin, wie der ansonsten eher reservierte, teils unnahbare Vampir, sanft die Kinderfinger von seinem Oberteil löste und dem Mädchen liebevoll ein paar der pechschwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht strich.
Dann nahm er neben seiner Freundin Platz.

Eisblaue Augen bohrten sich in grün-braune.
Mehr als nur freundschaftlich und aus einem automatischen Reflex heraus, ergriff er ihre Hand und strich zärtlich darüber.
Die Unsterbliche ließ es errötend geschehen.
Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch diese, für Außenstehende so unbedeutende, oberflächliche, selbstverständliche Geste, brachte sie fast um den Verstand.
Helen genoss die Berührung des Unsterblichen.
Sehr sogar...
Sie hatten sich beide seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen.
Einzig über E-Mail oder seltene, kurze Telefonate, standen sie noch in Kontakt.
Sich jetzt wieder in Fleisch und Blut gegenüber zu stehen, sich anzusehen oder gar zu berühren, war irgendwie seltsam.
Es fühlte sich nämlich nicht wie erwartend fremd, sondern eher vertraut, wie in alten Zeiten an.
Eine längst vergessene, sinnliche Erinnerung, welche mit Rom und dem neunzehnten Jahrhundert zutun hatte, kam ihr erneut in den Sinn zurück.
Damals verbrachten sie viel Zeit miteinander und standen sich unglaublich nahe.
Doch dann machte ihnen das Schicksal eines Tages, einen üblen Strich durch die Rechnung...

"Hey, ... wie fühlst du dich, Liebes?" begann er empathisch.
Unsicher stoppte der sich nun seiner Taten bewusst werdende Erwachsene.
Nervös zog er seine Hand weg und bemühte sich, sich neutral und auf einer freundschaftlichen Basis zu verhalten.
Er durfte seine unwiderruflichen, tiefen, all die Jahre überdauernden Gefühle, jetzt nicht die Oberhand gewinnen lassen.
Schließlich ging es hier um etwas wichtiges, ausserdem waren sie nicht mehr zusammen.
"Mir geht's gut. Hab nur ein bisschen Bauchschmerzen und mein linkes Auge tut weh. Was ist passiert, Nikola? Ich kann mich kaum noch an was erinnern... Wer ist die süße Kleine?" fragte sie ihn in gedämpfter Lautstärke und drehte sich nocheinmal zu dem dösenden Kind um, welches wie ein kleiner Engel neben ihr ruhte.
Der Serbe musterte sie mitfühlend und seufzte hörbar schwer.
Anschließend reichte er ihr ein auf dem Nachttisch stehendes Wasserglas und eine Schmerztablette.
"Nimm die, dann wirst du dich besser fühlen!" forderte er sie auf.
Helen tat, wie ihr aufgetragen wurde.
Mit einer vampirischen Geschwindigkeit, hechtete Tesla aus dem Raum, nur um zwei Sekunden später wieder mit einem Eisbeutel in der Hand zu erscheinen.
"Hier, für dein Auge. Sieht nicht mehr so schlimm aus! Die Schwellung ist schon etwas zurück gegangen, aber schaden kann's nicht!"
Er zwinkerte ihr auf gewohnt freche Art zu.
"Danke."
Das taffe Sanctuary-Oberhaupt drückte den Beutel auf ihr verletztes, blaues Auge, welches Gott sei Dank nicht ihre Sehfähigkeit beeinträchtigte.
"Keine Ursache, Liebes! ... Also, um genau zu sein, bist du vorgestern Nacht, blutüberströmt und leichenblass, vor meiner Tür aufgetaucht. Du hast eine heftige Kopfverletzung erlitten. Laut dem Doktor, den ich hab kommen lassen und der dich verarztet hat, hast du aller Wahrscheinlichkeit nach, einen üblen Schlag auf den Kopf abgekriegt. Er hat was von Gehirnerschütterung geredet und mich schon vorgewarnt, dass du womöglich Lücken im Kurzzeitgedächtnis haben könntest. Noch dazu, hat man dir aus deinem Bauchraum zwei Pistolenkugeln entfernt. Du hattest großes Glück, dass diese die inneren Organe, wie durch ein Wunder verfehlt haben. Schätzchen, ... irgendjemand hatte es da wohl ziemlich auf dich abgesehen, wie es aussieht! Wenn ich rausbekomme, welches dämliche Arschloch das war, sollte der lieber schon mal sein Testament machen!" erzählte ihr Nikola.

Wie zur Bestätigung, ballte er wütend seine Hände zu Fäusten, stand auf und stieß mit zur Fensterseite geneigtem Haupt, ein animalisches, bedrohliches Knurren aus.
Seine kobaltblauen, grau gesprenkelten Sehorgane, veränderten sich hasserfüllt.
Eine gänzlich nachtschwarze Iris, rasiermesserscharfe, lange Fingernägel, welche tückischen Krallen ähnelten und vampirische, spitze Fangzähne, traten hervor.
Schnell dachte der Abnorme an etwas anderes, um sich wieder zu beruhigen und die emotionsgesteuerten, einschüchternden Charakteristika verschwinden zu lassen.
Er atmete tief ein und aus und fixierte den beruhigend auf ihn wirkenden, kristallklaren, azurblauen See, welcher sich mit einem kleinen Holzsteg versehen, unter ihm, zum Wald hin erstreckte.
Als er wieder Herr der Lage war und die Bestie in ihm erneut verstummte, sowie die vampirischen Merkmale verschwanden, setzte sich der Weinkenner schnell wieder neben seinen weiblichen, besorgt und fassungslos dreinblickenden Gast.
"Nikola, alles okay?" drang das so lieblich klingende Organ an seine Ohren.
Gleichzeitig spürte der Nobelpreisträger, wie sich eine zarte Hand unmittelbar auf die seine legte.
Sein Herz klopfte wild in einem verräterischen Rhythmus.
Auch das Atmen, fiel ihm sogleich schwerer.
Er genoss diese intime Geste, welche nun von ihrer Seite aus, seinen Anfang nahm.
Es gab ihm Halt und ließ ihn alles Unwichtige um ihn herum vergessen.
Nikola verlor sich in ihren Augen und in dem milden, hinreißenden Lächeln, welches sie ihm augenblicklich schenkte.
"Ja, entschuldige bitte, Helen..."
"Schon gut. Ich kenn dich doch... Also, ich stand quasi ziemlich mitgenommen vor deiner Tür. Hab ich was gesagt?" wollte Magnus verwirrt wissen und versuchte sich angestrengt zu erinnern.
"Nein, nicht direkt. Du hast meinen Namen gesagt und bist dann auch schon umgekippt. Die Kleine hier, war bei dir. Du hast sie unter deinem Mantel versteckt... Das arme Ding hat ziemlich schlimm geweint und hatte entsetzliche Angst. Ich habe ihr erklärt, dass ich ein Freund bin und euch helfen will. Sie scheint clever zu sein. Denn nach einer Weile hat sie aufgehört und ist mir verstört um den Hals gefallen. Ich hab sie beruhigen können und dann habe ich auch schon den Arzt verständigt. Du hast echt Glück, dass ich so gute Beziehungen habe und er gleich vorbei gekommen ist. Da ich weiß, wie sehr du Krankenhäuser verabscheust und ich nicht wusste, ob ihr verfolgt werdet, habe ich darauf bestanden, dass er dich hier behandelt. Damit er das Ganze für sich behält, hab ich einiges für ihn springen lassen... Aber egal. Hauptsache ist, dass es dir gut geht! Weißt du denn wenigstens noch, wie ihr hergekommen seid? Ich hab nämlich kein Auto gesehen... Nebenbei erwähnt, die Kleine ist übrigens unverletzt. Versteh mich jetzt bitte nicht falsch, ich mag sie unheimlich... Nur irgendwie, scheint sie mir kein normales Kind zu sein, Helen!" teilte ihr der lyrikbegeisterte Mann mit todernster Stimme mit und warf einen nachdenklichen Blick zu der kindlichen, schlummernden Gestalt.

"Tut mir leid, ich kann mich leider nicht an die Widersacher, die mir das angetan haben erinnern, noch weiß ich, wie wir hergekommen sind. Sie war also bei mir? Aber warum bloß? ... Und was meinst du damit, Nikola?"entgegnete die Brünette mit zusammegezogenen Augenbrauen.
Die hübsche, intelligente Evastochter nahm den Eisbeutel von ihrem Jochbein, dann beäugte sie den kleinen, schwarzhaarigen, so friedlich daliegenden Engel.
Sie konnte sich unmöglich vorstellen, was denn jetzt so seltsam an dem unschuldigen Mädchen schien.
Doch warum sie ausgerechnet bei ihr war und weshalb, das wollte Magnus nur zu gerne wissen.
"Sie hat bisher noch kein einziges Wort gesprochen. Ich dachte zunächst, dass sie einfach nur unter Schock stünde, aber das ist es nicht. Das merkwürdige an dieser Sache ist ausserdem, dass sie sogut wie alles versteht, was ich sage. Sie nickt für ein "Ja" oder schüttelt den Kopf für ein "Nein". Ich bin auf dem Gebiet kein Experte, aber normalerweise können Kinder meines Erachtens nach, in ihrem Alter schon sprechen oder ein paar Sätze sagen. Aber die Kleine tut das nicht! Sie teilt sich nur auf diesem Wege mit. Und trotzdem versteht sie scheinbar jedes noch so schwere Wort, was ich von mir gebe. Das ist verdammt strange, wenn du mich fragst! ... Sie ist ungewöhnlich still aber gleichzeitig auch sehr anhänglich. Ausserdem wäre da noch die Sache mit ihren Augen..." erwiderte der Schwarzhaarige grüblerisch.
"Was soll denn damit sein?" hakte die Sanctuary-Leiterin skeptisch nach.
Doch noch ehe Nikola zu einer Antwort ansetzen konnte, bewegte sich die Heranwachsende, setzte sich kerzengerade auf, gähnte müde, streckte sich kurz und musterte anschließend fröhlich die beiden Ursprungsblut-Träger.
Ihre amethystfarbenen Augen funkelten, bevor sich die Kleine der neben ihr befindenden Frau näherte und freudig ihre Arme um sie schlang.
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