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★Lυllαby ★

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / MaleSlash
Dr. Helen Magnus Nikola Tesla
12.03.2015
22.04.2015
26
67.876
6
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22.03.2015 1.588
 
Die Oxford-Absolventen sahen sich erschrocken an.
Prompt erhoben sie sich wie von der Tarantel gestochen und hechteten zusammen die Treppenstufen hoch.
Außer Puste und mit heftig klopfenden Herzen, erreichten die beiden schließlich Nikolas Schlafzimmer.
Ihre Augen richteten sich sofort, kaum hatten sie die Tür aufgestoßen, auf die Vierjährige, welche zusammengekauert auf dem Bett saß und merkwürdig abwesend in eine Ecke des Zimmers starrte.
Die kindliche Mimik war zu einer leibhaftigen Fratze des Schreckens verzogen.
Der Leib des Kleinkindes ruhte wie zur Salzsäule erstarrt auf der Bettdecke, während grotesk weit aufgerissene, fliederfarben Puppenaugen, von Tränen und einer schier unbeschreiblichen Furcht gezeichnet waren.
Sie hatte ihre rechte Hand ausgestreckt und griff scheinbar nach etwas.
Das Mädchen schien gar nicht zu bemerken, dass sie schrie.
Ihr Mund stand weiterhin offen und ließ Laute mit solch einer Kraft herauskommen, dass es den gestandenen Erwachsenen automatisch eiskalt den Rücken herunterlief.
Die Situation war bizarr.
Der Vampir schluckte schwer.
Bevor er letztlich die Initiative ergreifen konnte, stand Helen bereits neben der Heranwachsenden, setzte sich neben sie und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
Sie reagierte nicht.
Stattdessen wuchs der laute, qualvolle Schrei zu einem konstanten, ohrenbetäubenden Brüllen heran.
"NEIN! MOMMY! NEIN! GEH NICHT!" kreischte sie inzwischen fast heiser.
Die Waise wiederholte die Worte wie ein stetiges Mantra.
Dicke Krokodilstränen liefen ihr sturzbachartig über die blassen, vom Fieber geröteten Wangen.
"Hey, Liebes? ... Süße? Komm zu dir!" versuchte es die Brünette, welche sofort begriff und betroffen beobachtete, wie das Kind verzweifelt weiter nach einer imaginären Person griff.
"MOMMY!"
Die Ältere rüttelte die Schwarzhaarige mit dem starren Blick fester.
Doch sie zeigte weiterhin keine Reaktion.
Die Kleine machte nicht die leiseste Anstalt, sich zu ihr umzudrehen, ihre Augen von dem Punkt den sie fixierte abzuwenden oder ihr gar zu antworten.
Sie war wie in Trance...

Der Erfinder gesellte sich neben Magnus.
"Was tut sie da? Träumt sie?" wollte er verwirrt von ihr wissen.
"Ich denke ja. Möglicherweise ist das eine Art Fiebertraum! ... Nur dass das, was sie da gerade sieht, keine Einbildung ist!" sagte die 159-Jährige bestürzt und mit einem schweren Seufzen.
"Wie meinst du das?" kam es verwirrt von dem Herrn mit der abstehenden, pechschwarzen Haarpracht.
"Dakara ist zurzeit inaktiv. Sie hat die ganze Zeit über dafür gesorgt, dass sich die Kleine nicht an das was geschehen ist erinnert. Sie hat sie die schlimmen Dinge die passiert sind, einfach vergessen lassen. Doch jetzt reicht ihre Energie nicht mehr dafür aus! ... Das arme Ding hat mitansehen müssen, wie so viele Menschen und ihre eigene Mutter, vor ihren Augen erschossen wurden. Sie hat so viel Blut, Tod und Verderben gesehen, wie ich es nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschen würde! ... Nikola, ... das war das reinste Massaker! Sie ist doch noch so klein... Ich denke, das kommt jetzt alles wieder hoch!"
Fassungslos und zutiefst von Mitleid gepackt, stand das Physikgenie da und beäugte die wie Hypnotisierte.
"MOMMY! NEIN! NEIN! NEIN!" hallte es außer sich vor Angst und Panik.
Inzwischen verschmolz das lautstarke, verzweifelte Rufen, immer mehr zu einem beklagenden, aufgelösten Schluchzen.
"Scheiße! Das ist einfach alles nicht fair! Die Ärmste! ... Diese verdammten Mistschweine!"  schoss es Tesla wutentbrannt und ohnmächtig durch den Kopf.
"MOMMY! NEEEEEEIN! ... BITTE!" stieß die Jüngere flennend hervor und keuchte angestrengt.
Ihr Herz hämmerte so wild in ihrer Brust, dass es weh tat.

"Angst! ...Mommy, ... ich ... hab ... Angst!" flüsterte eine Kinderstimme gebrechlich und drehte sich plötzlich ohne jede Vorwarnung, zu der neben ihr sitzenden Teratologin um.
Augenblicklich erfasste die Britin ein unangenehmes Déjà-Vu.
Dieser Ausdruck in ihren Augen.
Der Klang ihrer Stimme und diese Worte...

Bilder und Erinnerungen längst vergangener Tage, brachen wie eine Flutwelle über sie herein.
Die Gefühle der einstigen Mutter fuhren jetzt Achterbahn.
Übelkeit überkam die Gelehrte abrupt.
Sie begann unweigerlich zu zittern.
Ihr ganzer Körper war nun von einer Gänsehaut bedeckt.
Helen schluckte schwer.
Ihr Innerstes schrie gepeinigt auf und die smaragdgrünen Augen füllten sich auf einmal mit transparenten, glasklaren Tropfen.
Magnus fühlte sich plötzlich, als wäre ihr Herz soeben in einem Stück zerfetzt worden.
Als hätte man ihr gerade den Boden unter den Füßen weggezogen...
Die ansonsten so unerschütterliche, starke und stets gefasste Frau, stand mit zugeschnürter Kehle vom Bett auf, rannte fluchtartig  und mit schnellen Schritten, an ihrem Freund vorbei und verschwand letztlich kommentarlos aus dem Raum.
Für den Bruchteil einer Sekunde, glaubte der Gleichaltrige Tränen, welche wie kleine Diamanten funkelten, auf ihrem Gesicht gesehen zu haben.
Reflexartig wollte er ihr nachgehen, doch die Kryptozoologin war leider nicht die einzige, die jetzt seine Zuwendung benötigte.
Der Nobelpreisträger hob die Vierjährige, welche weiterhin alles um sich herum auszublenden schien, hoch, nahm sie unter mürrischem, quengelnden Protest in die Arme und verließ entschlossen das Schlafzimmer.

Der Winzling schrie und wand sich zappelnd in seinem Griff.
Doch der durch das Ursprungsblut umgewandelte Abnorme war stärker.
Eisern hielt er sie weiterhin fest an die Brust gedrückt.
"Schhht. Ist doch gut, Schätzchen. Ich tu dir nichts! Du musst dich beruhigen!" redete er in sanftmütigem Tonfall auf den Schützling ein, welcher mit seinen kleinen Händen, für ihn kaum merklich, aufgekratzt und verängstigt gegen seinen Brustkorb hämmerte.
Kurze, wild strampelnde Beinchen, bewegten sich an der Nähe seiner Hüfte.
"Ich muss dich irgendwie aus diesem Zustand holen! Und ich weiß auch schon genau, wie ich das am besten anstelle...", überlegte sich der Serbe und setzte sich mit dem Mädchen zusammen, auf einem vor dem Piano stehenden Hocker.
Ein kraftloses, aber dennoch aufgeregtes Krächzen, entfuhr dem Kleinkind.
Zärtlich strich ihr der Ältere über den Rücken, bevor er näher an das Musikinstrument ranrutschte.
Er setzte den Wonneproppen auf seinem Schoß ab, sodass diese ihre Füße durch einen kleinen Spalt strecken und sich an ihn anlehnen konnte.
Ihr Bewegungsradius war durch den wenigen Platz und die dichte Nähe des Adamssohns, als auch die des Flügels, erheblich eingeschränkt worden.
Dann legte der Sanguine Vampir seine Arme rechts und links auf der Klaviatur ab und begann eine liebliche Melodie zu spielen.
Zuerst weiter mürrisch, bang und unwohl, murmelte das in einen mit Teddybären bestickten Schlafanzug gekleidete Geschöpf,  traumatisiert vor sich hin.
Doch als Nikola plötzlich anfing zu singen und seine Finger geschickt über die vielen Tasten gleiten ließ, verebbte das Gebrabbel schließlich nach und nach.

Fasziniert beobachtete die Miniaturausgabe, wie der Hausbesitzer weitere, zu dem serbischen Schlaflied, welches ihm damals schon seine Mutter vorgesungen hatte, passende Töne anschlug.

https://m.youtube.com/watch?v=7tgBrK8RxfE

Seine engelsgleich klingende Stimme, beruhigte sie allmählich und holte sie langsam aus den verstörenden Erlebnissen zurück.
Ausgelaugt, sowie mit tränennassen Wangen und einer jetzt ruhigeren, gleichmäßigen Atmung, lehnte sich die Kleine entspannt zurück.
Der Spielende bemerkte, wie sie sich müde an ihn anschmiegte und lächelte zufrieden.
Während er seine letzte Strophe sang, schloss die kleine Lady mit dem elfenbeinfarbenen Teint und dem ebenholzschwarzen, lockigen Haar, ihre inzwischen bleischweren Lider.
Väterlich legte sie sich der Erwachsene vorsichtig über die Schulter, schaukelte sie eine Weile lang hin und her, strich ihr  abermals behutsam über den so zerbrechlich wirkenden, kindlichen Leib und legte sich dann mit ihr auf die Couch, vor den Kamin.
Er nahm sich eine der weißen Flauschdecken und legte sie sorgsam um ihren Körper.
Die Vierjährige ruhte seelenruhig auf seiner Brust.
Sie lag auf dem Bauch und hatte sich mit einer Hand in Nikolas Hemd gekrallt, während ihr anderer Arm an der Seite des Serben herunter baumelte.
Gerührt und gleichermaßen stolz auf seine vollbrachte Leistung, sah er hingerissen dabei zu, wie sich ihr Brustkorb gleichmäßig hob und senkte.
Liebevoll strich er ihr ein paar der schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Freiwillig würde er das wohl nie zugeben, aber insgeheim hatte er das niedliche, kleine Mädchen bereits, seit er sie das erste Mal gesehen hatte und sie ihm um den Hals gefallen war, ins Herz geschlossen.
Der Unsterbliche genoss es, so mit dem hilflosen, schutzbedürftigen Winzling daliegen zu können.
Es versetzte ihm einen qualvollen Stich ins Herz, zu wissen, dass das arme, unschuldige Ding solch grauenhafte Erlebnisse zu verdauen hatte.
Sein Hass auf diejenigen, welche dafür verantwortlich waren, stieg von Minute zu Minute.  
Auf einmal hob sich der Kopf der Jüngeren kaum merklich an.
Lilafarbene, erschöpfte Augen, bohrten sich nervös in kobaltblaue.
Tesla schenkte ihr ein aufrichtiges, zuckersüßes Grinsen.
Seine Hand ruhte weiter auf ihrem Rücken.
Sie wollte etwas zu ihm sagen, bekam aber keinen Ton raus.
"Schlaf! Ich bleib hier und pass auf dich auf, okay? Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde da sein, wenn du aufwachst. Ich beschütz dich, Kleine! ... Versprochen." säuselte der Ursprungsblut-Träger und fuhr ihr tröstlich über die Wange.
Er verstand genau, was sie von ihm wollte.
Mit einem herzerwärmenden, kurzen, dankbaren Lächeln, welches eines der wenigen war, die der Physiker in den letzten Tagen bei ihr gesehen hatte, kuschelte sich das Kleinkind an seinen starken, sicheren Leib.

"Niko... lieb...", ertönte es in einem letzten, leisen, kaum hörbaren Seufzen, bevor sie letzten Endes in einen langen, tiefen Schlaf fiel.
Der über 150-Jahre alte Vampir, schmunzelte glücklich.

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→Keine Angst, was genau mit Helen los ist, kommt im nächsten Kapi vor!
SPOILER: Es wird romantisch & der Name der Kleinen wird dann auch endlich enthüllt! ;) ♡

Das Lied (was ich mir dabei vorgestellt hab, was er singen könnte), nennt sich "Nanina Uspavanka".
Ist ein altes, serbisches Wiegenlied.
[Wurde auch mal im Film "Savior {1998}" neu vertont & benutzt].
Ich persönlich finde es echt schön!
→Hier der Text mit Übersetzung:
https://worldlullaby.wordpress.com/lander/serbien/
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