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Deliver me – keine zweite Chance

von jinkizu
GeschichteDrama / P12 / Gen
11.03.2015
11.03.2015
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Mein Name ist Marcus Wright und das ist meine Geschichte. In weniger als einer Stunde werden sie kommen um mich zu holen. Ich werde schon bald sterben, denn ich sitze im Todestrakt und warte auf die Vollstreckung meines Urteils. Mich erwartet das Gift der Todesspritze, aber das war nicht mein Ende, sondern erst der Anfang…

                                                            ~ ° ~

Dr. Serena Kogan huschte geschäftsmäßig über die weißen Korridore des Gefängnisses. Sie war auf der Suche nach einer Seele die sie für ihr Projekt gewinnen konnte. Marcus Wright hieß der Mann den sie heute ein letztes Mal besuchen wollte. Wie immer hatte sie ihr Klemmbrett unter den Arm gepresst, niemals war sie ohne dieses unterwegs. Ihr eifriges Bemühen galt den Todeskandidaten.


Sie wollte sie bitten ihren Körper nach ihrem Ableben der Forschung zu überlassen, was wenn man sie genauer betrachtete, mehr war als nur bloßes berufliches Engagement war. Serena litt an Leukämie im Endstadium. Doch nicht die Krankheit selbst machte ihr zu schaffen, sondern der Verlust ihrer Haare. Sie trug, seit sie ihr Büschelweise ausgefallen waren, immer ein Kopftuch um so das Unverbergliche zu verbergen.


Jeder der sie ansah wusste was mit ihr los war. Sah das der Tod längst seine knochigen Hände nach ihr ausgestreckt hatte und sie gezeichnet war. Ihr blieben nur noch wenige Wochen, wenn überhaupt. Vor der Zelle von Marcus Wright blieb sie stehen, rückte ihr schlecht sitzendes graues Kostüm noch mal zurecht und wartet bis die automatischen Gittertüren sich öffneten. Unwillkürlich dachte sie an den Mann dahinter. Er war ein faszinierender Mann und sie musste sich in seiner Nähe immer in Erinnerung rufen, was er getan hatte. Warum er hier war. Warum er sterben musste. Leicht schüttelte Serena sich um diese Gedanken zu verdrängen, trat ein und nahm auf den extra für sie bereitgestellten Hocker Platz.

                                                             ~ ° ~

Ich beobachtet sie bereits seit sie über den Flur mit hastigen, kleinen Schritten näher kam. Wie immer trug sie eines ihrer fürchterlichen Kostüme. Wie kam diese Frau nur auf den Gedanken dieses Mausgrau würde ihr stehen? Wie immer war sie mit ihrem Klemmbrett bewaffnet. Wie oft hatte sie mich in den letzten Wochen eigentlich besucht um meine Unterschrift zu bekommen?


Ich hätte sie ihr gleich beim ersten Mal geben können, aber das hätte mich meines einzigen Besuchers beraubt und irgendwie fand ich ihre Nähe anregend. Sie war für mich eine attraktive Frau und versuchte mich nicht wegen meiner Taten zu verurteilen, so wie es der Staat getan hatte. Wie ich es getan hatte. Umständlich zupfte sie an ihrem Rock herum, es war ihr letzter Besuch heute.


„Haben Sie es sich überlegt?“, fragte sie mich vorsichtig.  

Überlegt?  

„Sie hätten in San Francisco bleiben sollen.“, kam es barsch von mir. Irgendwie machte mir der Gedanke nie wieder mit ihr sprechen zu können schwer zu schaffen. Eigentlich war es mir egal was mit mir geschah.


„Sehen Sie es als ihre zweite Chance …“, versuchte sie mich zu ködern.


„Ich bin ein verurteilter Mörder. Ich habe meinen Bruder und zwei Polizisten getötet, ich verdiene keine zweite Chance.“,  erwiderte ich kalt. Serena erschrak über meine harten Worte. Das hatte ich nicht gewollt. Ich wollte nicht das sie Angst vor mir hatte. Fest presste ich meine Lippen aufeinander.  


„Aber ich unterschreibe ihre Liste …“


Unruhig huschte Serenas Blick durch die Zelle, sie konnte sehen, dass meine Unterschrift einen Preis hatte.


„Was verlangen Sie?“

„Einen Kuss“

Sie erschrak und wich eine Spur von mir zurück, damit hatte sie bestimmt nicht gerechnet. Ich weiß nicht, warum ich es gesagt habe, oder vielleicht doch. Ich werde nie wieder eine Frau küssen und war in meinen Träumen zum Sinnbild meiner Sehnsüchte geworden.


Vermutlich würde sie gleich, ohne ein weiteres Wort davonlaufen, doch zögernd nickte sie. In mir stieg erwartungsvolle Erregung auf und bevor sie es sich noch anders überlegen konnte, hatte ich bereits meine mit Handschellen gefesselten Hände um ihr Gesicht geschlungen und meine Lippen auf ihre gepresst. Weich, fest, warm, kalt, all das spürte ich und noch vieles mehr. So wie der erste Kuss, war auch der Letzte, sofern man sich dessen bewusst war, etwas ganz besonderes, einzigartiges.


Die Wachen gerieten automatisch in Alarmbereitschaft, zückten bereits ihre Stöcke, doch da ließ ich sie schon wieder los. Für eine Sekunde hatte sie, vielleicht ohne es zu wollen, den Kuss erwidert.


„So schmeckt also der Tod!“


Meine Worte trieben sie in die Höhe, sie hatte ihr Klemmbrett achtlos fallen gelassen. Scheinbar gleichgültig hob ich es auf und setzte ich meine Unterschrift darunter. Kaum hatte ich den Kugelschreiber los gelassen, packte sie ihr Klemmbrett und verließ hastig meine Zelle.


„Das war sehr nobel von Ihnen.“, meinte sie, als sie sich ein letztes Mal zu mir umwandte, doch ihre Augen sagten etwas ganz anderes und ich wünschte ich hätte noch etwas mehr Zeit.

„Ich habe es nur für Sie getan!“, sagte ich sanft zu ihr, bevor sie, wie ich dachte, für immer aus meinem Leben verschwand.

                                                                 ~ ° ~

Es war soweit. Sie kamen um mich abzuholen. Es ging durch einen von Licht durchtränkten Gang entlang bis zu dessen Ende. Dort war ich zuvor noch nie gewesen. Hierher kam man nur wenn man seinen letzten Weg im Leben beschritt. Meine gesamte Wahrnehmung hatte sich seit dem mich die beiden Wachbeamten, denen die unglückselige Aufgabe mich in die Todeskammer zu begleiten, zugefallen war, abgeholt hatten, vollkommen verschoben.


Es war als würde ich alles nur noch aus weiter Ferne wahrnehmen und doch war alles unglaublich nahe. Mein Gehör war für die ungewöhnlichsten Dinge extrem geschärft und auch meine Augen waren so empfindlich geworden, sodass sie beinahe unter den grellen Neonlampen zu tränen begannen.


Ich konnte das rhythmische Klappern der Schlüssel zu den Gefängniszellen, die Wärter am Bund der Hose befestigt hatten, überdeutlich laut hören, genauso wie das Quietschen ihrer glatten Schuhsohlen auf dem Linoleumboden. Auch als wir den Raum in dem ich mein Leben verlieren sollte betraten, war meine Wahrnehmung immer noch seltsam entrückt. Ich hörte das leise Rascheln von Stoff als sich Sheriff Aterton die Krawatte zurechtrückte, nahm aber seine Worte kaum wahr.


Teilnahmslos legte ich mich auf mein bereits auf mich wartende Totenbett. Ich wurde festgeschnallt und man legte mir einen venösen Zugang. Über diesen würde schon bald das Gift in meinen Körper laufen. Ein letztes Mal bekam ich die Gelegenheit mich zu erklären. Ein paar abschließende Worte zu sagen, aber ich hatte nichts mehr zu sagen. Ich bekam was ich verdient hatte. Kaum merklich schüttelte ich meinen Kopf und ließ so die letzte Möglichkeit auszudrücken was ich wirklich empfand verstreichen.


Es hätte niemanden geholfen, wenn ich zugegeben hätte, dass ich meine Taten bereute. Egal was ich sagte, die Schuld die ich auf mich geladen hatte, war durch nichts mehr wiedergutzumachen. Ich wurde wieder in liegende Position gebracht und auf ein Zeichen von Sheriff Aterton begann das Gift in meinen Körper zu fließen. Ich drehte meinen Kopf und suchte und fand Dr. Serena Kogans Augen. Sie war hier und sie sollte die Letzte sein die ich in der mir verbleibenden Zeit meines Lebens sehen wollte.


Ihr Blick war so sanft und sie gab mir das Gefühl vielleicht doch nicht so ein schlechter Mensch gewesen zu sein. Schmerzhaft drang der Tod in mein Bewusstsein, ehe die Dunkelheit mich mit sich riss.
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