● THE END

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Azezel Banshee / Sean Cassidy Havok / Alexander Summers Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier
06.03.2015
26.03.2015
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Charles war sechs Jahre alt, als er sich das letzte Mal von seinem Vater verabschiedete. Ihn in seine dicken, kleinen Arme nahm, und ihm einen Kuss auf die Wange drückte. Er hatte nicht angenommen, dass er ihn nie wieder sehen würde, wie auch? Man nahm immer an, dass der eigene Vater wieder wie immer um 17 Uhr durch die Türe treten würde, in die Hocke gehen würde, und seinen kleinen Jungen hochheben würde, ihn durch die Luft wirbeln würde, bevor er ihn schwer atmend absetzen würde. Ihm durch die braunen Locken strich. Ihn fragte, wie denn sein Tag gewesen war. Lachte, auch wenn er müde war.

So war es immer.

Also, das immer, das Charles kannte. Was nicht lange war, aber es war sein immer. Und darum stand er am Abend des 23. Aprils vor der Türe, die Haare noch nass und etwas kalt von seinem Bad, und er starrte die Türe an. Wartete.

Die blauen Augen zuckten immer wieder und wieder zu der hohen Standuhr, wartete.

17 Uhr. Kein Papa.
17.15 Uhr. Kein Papa, nicht ein Mal das Licht der Scheinwerfer.

Wartete.

Wartete vergebens.

Anstelle von seinem Papa kamen Polizisten. Männer in Uniformen, die mit leisen Stimmen mit Charles Mutter im Wohnzimmer redeten. Er konnte sie nicht verstehen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem seine Mutter laut aufschluchzte.  

Charles hörte eine Vase zerbrechen. Aber das brachte seinen Papa auch nicht wieder.

Es war ein leerer Sarg, den sie später in die Erde ließen. Seinen Vater hatte man nach der Explosion nicht mehr bergen können, sein Körper war wahrscheinlich nicht ein Mal mehr existent. Charles war vieles, nur kein dummer Junge, und doch wollte es nicht in seinen Kopf gehen, dass er gerade einzig auf einem Stück Dreck lag und sich die Augen aus dem Kopf weinte, schrie bis er meinte Blut in seiner Kehle zu schmecken. Ein Haufen Dreck, mit einem Hohlraum darunter, in dem keine Erinnerung mehr lebte.

Sharon war es egal.

Sie hatte aufgehört sich zu kümmern, an dem Tag, an dem sie die Vase zerstört hatte.

Vielleicht, vielleicht auch nicht – Charles wusste es nicht – war auch etwas in ihr kaputt gegangen, und egal, was er tat, wie sehr er versuchte sie wieder zusammen zu kleben, es gelang ihm nicht.

Scherben blieben Scherben.


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Charles Xavier war sieben Jahre alt, als er nicht mehr zu dem Grab von seinem Vater gehen konnte. Als seine Mutter ihn gepackt hatte, und nach Amerika mit ihm geflogen war. Es tat ihm weh, mehr als weh, war der Besuch zu dem kleinen Haufen Dreck mit Hohlraum etwas wie sein Tagesgeschäft geworden. Aber jetzt wurde er weggebracht. In die Villa der Xaviers, in Westchester. Charles hatte sie angefleht bleiben zu dürfen, hatte gebittet und gebettelt, weil er nicht das Grab von seinem Vater zurück lassen wollte. Er brauchte das, er musste jeden Tag dort hin gehen, eine kleine, neue Blume pflanzen, die er auf dem Weg ausgegraben hatte.

Eine Ohrfeige,  und die niederschmetternden Worte, dass dort nicht sein Vater lag, hatten zwar seine Stimme zum schweigen gebracht, aber sicherlich nicht seine Tränen zum Stoppen.

Er war alleine in Amerika, selbst mit dem Personal, dass in der Villa herum wuselte wie Ameisen... Und den Markos. Er war alleine. Charles verstand nicht, was seine Mutter an Kurt  fand. Vielleicht war es auch der Alkohol, der den ehemaligen Kollegen ihres Mannes so attraktiv werden ließ, vielleicht war es ihr drang, dass sich jemand um sie kümmerte, Charles wusste es nicht... Alles, was er wusste, war... dass er die Markos hasste, und er sie hier weg haben wollte.

Und doch blieben sie.


● ● ●



Charles Xavier war acht Jahre alt, als er beschloss, dass er nicht länger zu Hause unterrichtet werden wollte. Natürlich lernte er so sehr viel, keine Frage. Seine Lehrer sicherten ihm sogar zu, dass er über alle Maßen intelligent sei. Er war jetzt schon zwei Stufen höher, als vergleichbare Kinder in seinem Alter, aber ihm fehlte jeder soziale Kontakt, wenn man von dem Spärlichen zu den Bediensteten ein Mal absah. Er war immer alleine.

Seit zwei Jahren war er alleine.

Seit zwei Jahren weinte er sich Nachts die Augen aus dem Kopf, um am Tag der Sohn zu sein, den man erwartete, damit niemand wütend auf ihn wurde. Denn ehrlich... Seine Mutter wurde in letzter Zeit sehr schnell sauer, von Kurt und Cain musste man gar nicht erst anfangen. Er weinte Nachts, um am Tag ein guter Junge sein zu können. Damit er vielleicht endlich ein Mal ein Lob bekam, eine Umarmung, irgendwas... Aber man ließ ihn verdursten, keine körperliche Zuwendung nichts.

Charles war alleine.

Und er wollte es ändern.

Sofort.


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Charles war neun Jahre alt, als er das erste Mal einen Fuß in eine Schule setze. In eine richtige. Mit Kindern, und Lehrern, und den ekelhaft stinkenden Sportumkleiden.

Natürlich hatte Charles angenommen, dass alles besser auf einer öffentlichen Schule werden würde. Auf einer Schule, wo er Freunde finden würde, Leute, bei denen er übernachten konnte, um seiner Familie zu entkommen, irgendwas... aber... es war leider nie so gut, wie man es sich erhoffte, oder? Er war jünger als die Meisten. War schlauer als die Meisten. Aber er schaffte es dem Haus zumindest für einige Stunden zu entkommen, und das war es wert.

Bestimmt, war es das wert, sagte er sich, wenn die anderen Kinder ihn packten, und ihn kopfüber in die Mülltonne steckten. Niemand mochte intelligente Kinder, niemand wollte mit ihnen zusammen sein, außer man konnte die Hausaufgaben von ihnen abschreiben. Charles wusste, dass er ein Außenseiter war, aber... so schlimm? War er wirklich so absolut beschissen schlimm, dass niemand mit ihm befreundet sein wollte?

Es hatte vollkommen den Anschein.


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Charles war zehn, als er wieder zurück nach England ging. Kurt Marko war nur dankbar gewesen diesen kleinen Störenfried endlich aus dem Haus zu haben, hatte ihm einen Platz in einem Internat besorgt, und Charles war wieder zurück geflogen. Er hatte Angst in dem großen Flugzeug gehabt, hatte sich ganz klein auf seinem Sitz zusammen gerollt, und einfach nur nach draußen gestarrt. Einfach wieder nach England. Er hatte sich nicht ein Mal Hoffnung gemacht, dass es dort besser werden würde.

Nur anders, mehr verlangte er gar nicht.

Seine Heimat hatte sich nicht verändert, aber er hatte sich verändert, war stiller geworden, war... war unsicherer geworden. Wenn dein Leben lang dir jeder irgendwie sagt, dass du es nicht wert bist Freunde zu haben, dann fing man irgendwann an es zu glauben. Und Charles war an diesem Punkt angekommen, er glaubte, dass er einfach keine Freunde verdiente.

Er verbrachte sehr viel Zeit mit sich selbst. Hatte nicht versucht neue Kontakte zu knüpfen, und tat einfach weiter alles, um die besten Noten zu bekommen. Ging den anderen Kindern aus dem Weg, versuchte nicht zu offensichtlich es raus hängen zu lassen, dass er ein wenig schlauer als sie war.

Manchmal, da besuchte Charles das Grab von seinem Vater. Setzte sich in den Bus, fuhr gut zwei Stunden, und kniete sich einfach an das Grab, Rücken an den Stein gelehnt, und starrte hoch in den Himmel. Erzählte der leeren Kiste unter dem Dreck, was bei ihm passierte. Das er keine Freunde hatte, dass er kein wirkliches zu Hause mehr hatte, und von seiner Angst, dass er niemals irgendwen haben würde, der ihn mögen würde.

Geschweige denn lieben würde.

Wie zu erwarten schwieg die leere Kiste.

Aber das war nichts Neues.


● ● ●



Charles war zwölf, beinahe dreizehn Jahre alt, als er wieder nach Amerika flog, und zum ersten Mal sah, was aus seinem zweiten zu Hause geworden war. All die Jahre hatte er nur nach Hause geschrieben, nie Antworten bekommen. Doch, wobei... zu Weihnachten, und seinem Geburtstag gab es immer Briefe mit etwas Geld. Ansonsten hatte er nie von seiner Mutter gehört. Oder Kurt, und seinem ekelhaften Sohn.

Und als er mit seinen Taschen wieder die alte Villa betrat, da wurde dem Jungen auch klar, wieso. Seine Mutter war ein versoffenes Loch, die Markos hatten einen Großteil der Villa für sich in Anspruch genommen, und... die Bibliothek war mehr ein Rattennest als sonst etwas. Es war nicht schön, es war nicht gut... Und Charles wusste nicht, ob er nicht doch lieber zurück zu der leeren Kiste unter der Erde sollte. Aber er konnte nicht. So sehr der Drang auch in ihm war umzudrehen, und weg zu laufen, er konnte nicht.

Er musste auf seine Mutter aufpassen.

Und er wollte eine amerikanische High School besuchen, um am Ende leichter in eine der Elite-Unis rein zu kommen. Nicht, dass am Ende der Schulabschluss in England nicht anerkannt wurde, und, und, und... Nein.

Er war wieder hier, und er würde hier zur Schule gehen.

Nur noch ein paar einsame Jahre, das konnte er auch verkraften. Zumindest sagte er sich das, wenn er Nachts alleine in seinem Bett lag, und sich beinahe schon die Augen aus dem Kopf weinte. Nicht mehr lange, und er konnte jemand sein.


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Charles war dreizehn Jahre alt, als er in seinem ersten Kurs an der High School saß. Die Anderen waren alle älter, als er selbst, und keiner schien so wirklich den blassen, kleinen, braunhaarigen Jungen in der Ecke beachten zu wollen. Das Schuljahr hatte angefangen, die meisten kannten sich noch von den Jahren davor, und Charles war... alleine. Natürlich, er hatte nicht die Schuljahre davor mit ihnen abgesessen, er hatte in England gesessen, in einem Internat, und hatte die Stunden in der Nacht gezählt, bis er wieder aufstehen musste.

Er war alleine...

Aber er war es gewohnt.

Wenigstens steckte ihn her keiner in Mülltonnen, weil sie sehr schnell verstanden hatten, das Charles es egal war, was mit ihm hier passierte. Er hatte nur das Ziel so gut wie möglich zu sein, in der Hoffnung, dass irgendjemand zu Hause ihm auf die Schulter klopfen würde, ihm sagen würde, dass er es gut gemacht hatte, bis hier her. Auch ohne die Hilfe von irgendwem.

Aber das machte keiner.

Und er brauchte ihre Hilfe nicht.

Er war alleine, war es immer schon gewesen, und er konnte es weiter sein. Einfach durchhalten, das war das, was er sich jeden Abend selbst sagte. Irgendwann würde es besser werden.


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Charles Xavier war dreizehn Jahre alt, als sich eines Morgens nach dem ersten Halbjahr ein Junge neben ihn setzte, und ihn anlächelte. Er sah ein wenig älter aus, war etwas größer, und hatte stechend graue Augen. Was war das? Hatten sie jetzt doch beschlossen, dass es an der Zeit war den kleinen Charles Xavier fertig zu machen?  Das hatte ihm noch gefehlt. Gestern war Cain in sein Zimmer gekommen, und hatte ihn ohne Grund geschlagen, einfach mit der Faust in den Magen und war gegangen. Aber sein Stiefbruder brauchte keinen Grund um ihm weh zu tun.

Genau wie sein Vater.

„Hei.“, sagte der Junge unsicher, und Charles merkte, wie er in einer Art Trance da gesessen hatte den Fremden nur angesehen. Was kam jetzt? Wie wollte er ihm weh tun, erniedrigen? Kaugummi in die Haare? Bei Charles dicken, dichte Haaren bot es sich doch an? Aber gut, so lange er freundlich spielte, konnte Charles das auch tun.

„Ehm... Hei. Ich bin Charles Xavier... Ich... habe dich noch in keinem der Kurse gesehen, bist du neu?“ Der Junge hatte auf Charles Lippen gestarrt, als würde ihm das irgendwas bringen. War er taub? Nein, als einer der anderen Schüler weiter vorne, einen Stuhl vom Tisch riss, zuckte er zusammen. Nicht taub.

„Ich... ich bin Erik Lehnsherr...“ Sehr starker Akzent. Harte Aussprache. Charles überlegte. Osteuropäisch? Nein, eher nicht. Deutsch? Deutsch, das konnte sehr gut sein. „Ich... bin an diese Schule gewechselt und... mein Englisch ist etwas schlecht, glaube ich.“, sagte er verlegen, und ein schiefes Grinsen, das viel, viel zu viele Zähne offenbarte schlich sich auf das kantige Gesicht. Charles lief ein kleiner Schauer über den Rücken. So viele Zähne, Gott. Das war nicht normal.

„Echt? Woher kommst du denn?“

„Deutschland. Bin vor einem Monat mit meiner Mutter nach hier gezogen... Wegen der Arbeit. Leider waren Sprachen nie mein Ding in der Schule, und... naja... Englisch auch nicht.“ Er wirkte unsicher, aber nur wegen der Sprache, nicht unsicher über die eigene Person, und Charles spürte, wie zum ersten Mal ein wenig sein Herzchen brach. Der Junge hatte genau so wenig Anschluss wie Charles, und dadurch, dass er nicht so gut Englisch konnte, würde es vielleicht auch etwas dauern. Gott, Charles musste ihn waren.

„Du... solltest dich vielleicht besser zu jemand anderem setzten, Erik. Ich... bin nicht gerade das, was man beliebt nennen kann, und... du willst sicher nicht mit mir gesehen werden, also... Es wäre besser, wenn du vielleicht woanders hin gehst?“  Es war nur fair. Charles Leben war verkackt. Klar, er war reich, und er hatte noch einen Teil seiner Familie, aber sein Leben war nicht schön. Und... er wollte Erik da raus halten. Der Junge wirkte nett, und... Er wollte ihn einfach aus seinem Scheiß raus halten, war das zu viel verlangt?

Erik hob überrascht die Augenbrauen, sah sich kurz in dem Klassenraum um, in dem die Horde Kinder beinahe Amok lief, bevor er den Kopf schüttelte. „Ich würde gerne bleiben, wenn du... magst?“

„Nein, du verstehst nicht. Die... machen dich sicher fertig, oder ignorieren dich, oder...“

Erik zuckte mit den Schultern. Eine Geste, die nicht entspannter hätte wirken können. „Und? Sollen sie? Wenn du willst, dass ich gehe, dann gehe ich, ansonsten...“ Er griff in seine Tasche, und holte zwei Schokoriegel heraus, hielt einen Charles hin, wieder dieses breite Haifischlächeln auf den Lippen.

“Schokolade?“

Und Gott, Charles wollte Schokolade.


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Charles war dreizehn Jahre alt, und er war nicht mehr alleine.

Charles war dreizehn Jahre alt, und sein Leben fing endlich an aufzuhören wie eine Aufzählung dunkler Momente sich anzuhören, und wurde zu einer Erzählung, die wirklich und wahrhaftig die eines Jungen sein konnte.

Und nicht von einem trauernden, alten Mann.

Erik Lehnsherr wurde schneller sein Freund, als er es angenommen hatte, und es war verdammt schön.


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Das Leben wurde besser. Erik war vielleicht keine absolut positive Energie, aber er ließ es nicht zu, dass Charles sich weiter, und weiter in seiner Einsamkeit vergrub. Und wenn er ihn mit Gewalt aus seinem Loch reißen musste, Erik tat es. Zwar nicht immer mit einem Lächeln, aber mit einer Zuversicht, die nur jemand haben konnte, den man Freund nannte.

Er nahm ihn mit zum Sport. Sie lernten zusammen. Fanden Lerngruppen, und schlossen sich denen an. Sie entdeckten zusammen ihre Liebe für Filme, besonders die schlechten Filme, die es nicht ein Mal bis ins Kino schafften. Sie verbrachten ganze Nächte damit DVDs zu sehen, und sich mit Popcorn und Chips vollzufressen. Im Sommer gingen sie zusammen schwimmen, und mit jedem Tag, den Charles in Eriks Nähe verbrachte, konnte man sagen, dass er wie eine Blume weiter und weiter aufging. Erik war so was wie seine Sonne geworden. So unglaublich es auch schien, zumal Erik wirklich keine Frohnatur war...

Aber er machte Charles Leben ein wenig besser.
Ein wenig sehr.

Besonders an dem Tag, an dem er eine Bestnote in Biologie bekam, und Erik ihm auf die Schulter klopfte, und sagte: „Fuck, Charles... Das hast du gut gemacht.“ Noch nie hatte ihn jemand gelobt... Und jetzt das. Charles erinnerte sich, wie er rot bis über beide Ohren geworden war, und Erik ihn aufgezogen hatte, aber er hatte nicht verstanden, wie viel ihm das bedeutet hatte. Und immer noch bedeutete.

Sie beide waren wirklich beste Freunde, und man konnte sie selten alleine sehen. Wenn sie etwas machten, dann machten sie es gemeinsam, und wenn einer Scheiße baute, dann versuchten sie sich gemeinsam daraus zu winden, so einfach war das.

Und Charles?

Charles wusste nicht genau wieso, aber immer, wenn er Erik ansah, dann spürte er, wie das dumme Herz in seiner Brust sich dazu entschloss wie wild zu schlagen. Einfach so. Er  selbst wusste nicht den Grund, bestimmt nur, weil ihn seit Jahren endlich das erste Mal jemand mochte, aber... Irgendetwas in Charles sagte ihm, dass das nicht stimmte. Aber seit wann hörte er auch schon auf sich selbst?


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„Was ziehst du zum Abschlussball an?“

„Anzug.“

„Wow, bist du kreativ.“ Charles lachte, und streckte sich ein wenig weiter auf Eriks Bett aus, während er auf dem Boden saß, und wie wild auf seiner alten Playstation auf die Knöpfe drückte, in der Hoffnung den Zombie noch töten zu können, bevor er ihn erreichte. Das Geräusch der Schüsse, und der dramatischen Musik war alles, was Eriks kleines Zimmer erfüllte, wenn man von dem Tappen der Regentropfen gegen das Fenster absah.  Träge sah Charles zum Bildschirm des kleinen Fernsehers, ein müdes Lächeln auf den Lippen.

Er war oft bei Erik. Sehr oft sogar. Um genau zu sein, hatte Eriks Mutter Edie ihm eine Luftmatratze besorgt, die das Bisschen freien Platz in der Mitte des Zimmers komplett einnahm, und eigentlich nicht mehr weggeräumt wurde. Charles war hier eingezogen, und das vor knapp einem Jahr.

Ein Ereignis, über das er nicht gerne nachdachte, noch redete.

Er hatte um zwei Uhr morgens verzweifelt bei den Lehnsherrs geklingelt, der Abend vor seinem fünfzehnten Geburtstag, während schwere Regentropfen die Straße und einfach alles in einen gigantischen See  verwandelt hatte. Ähnlich wie heute, nur das es damals keinen behaglichen Effekt gehabt hatte, sondern Charles bis auf die Knochen durchnässt hatte. Edie hatte ihm aufgemacht, und hatte... einige Sekunden wie in Schock da gestanden, bevor sie Charles in das warme Innere der Wohnung gezerrt hatte.

Charles wusste noch, wie er damals ausgesehen hatte, als er sein Spiegelbild in einer Scheibe gesehen hatte. Ein blaues Auge, die Lippe blutig und um seinen Hals hatten sich die dichten Würgemale von größeren und auch stärkeren Händen abgezeichnet. Sein Oberteil war ein wenig eingerissen gewesen, genau wie seine Jeans, und er hatte erbärmlich am ganzen Leib gezittert.

Sie hatte sich um ihn gekümmert, immer wieder angeboten die Polizei zu rufen, aber Charles hatte verneint. Immer wieder matt und schluchzend den Kopf geschüttelt. Er wusste, dass es besser wäre, wenn er die Markos anzeigen würde, für das, was sie ihm antaten, aber... Er hatte es nicht gekonnt. Sie wären aus der Villa geholt worden, und seine Mutter wäre wahnsinnig geworden. Mehr als jetzt schon. Nein. Nein, das konnte Charles nicht verantworten, hatte sich nur stumm weiter verarzten lassen, bis Edie schließlich angeboten hatte, dass er bei ihnen einziehen konnte. In die kleine Wohnung, die die Frau kaum halten konnte.

Inoffiziell, natürlich.

Und Charles war so dankbar gewesen, dass er in Tränen ausgebrochen war, hatte ihr Versprochen, dass er für seinen eigenen Unterhalt aufkommen würde, aber sie hatte nur gesagt, das alles gut sei...

Und er hatte ihr geglaubt.

Hatte ihr geglaubt, dass alles gut war, und gut werden würde.

In der Nacht hatte er bei Erik geschlafen, der nichts gesagt hatte, die ganze Zeit nicht, in der seine Mutter Charles versorgt hatte... Erst jetzt, als sie beide dicht an dicht gedrückt in der Dunkelheit gelegen hatten, hatte er Charles vorsichtig – als habe er Angst ihn zu zerbrechen – in die Arme genommen, und mit leiser, aber bestimmter Stimme gesagt:

„Ich werde sie umbringen, wenn sie dich noch ein Mal anfassen.“

Sie hatten ihn nicht noch ein mal angefasst, und darum war Erik immer noch kein Mörder... Aber ein verdammt schlechter Schütze, wenn es darum ging Zombies zu töten.

„Und mit wem gehst du zum Abschlussball?“, fragte Charles vorsichtig, und unterdrückte das Bedürfnis durch Eriks Haare zu streichen. Dunkelblond, und in dem warmen Licht der Lampen im Zimmer wirkte es... nur noch weicher. Das war vielleicht das Einzige, was an Erik weich war. Die Jahre hatten ihm gut getan, er war zu einem recht großen Mann heran gewachsen, größer als andere 18 Jährige, und... der Sport hatte ihn etwas sehniger werden lassen. Es war immer schön das Muskelspiel unter seiner Haut zu beobachten, die an den meisten Tagen leicht gebräunt war.

Er sah gut aus.

Das wussten alle.

Auch Charles.

Auch wenn es Charles egal sein konnte, aber dennoch. Er biss sich auf die roten Lippen, ballte die Hände neben dem Körper, und versuchte nicht zu nervös über die Antwort zu sein.

„Niemanden.“

„Niemanden?“ Charles hob eine Augenbraue, und wusste nicht so genau, was er dazu sagen sollten. Bestimmt hatten Erik tausend Mädchen eingeladen mit ihm die letzte Nacht der High School zu verbringen. Im Allgemeinen war Erik immer sehr begehrt gewesen, aber er hatte nie sonderliches Interesse gezeigt. Klar, hier und da hatte er eine Freundin gehabt, aber es war nie etwas sehr festes gewesen. Aber jetzt?

„Ja. Ich wollte keine von denen, die mich gefragt haben, und darum niemand. Du?“

„Auch niemand. Und mich haben tatsächlich drei Mädchen gefragt.“, lachte Charles heiser, versuchte nicht zu erleichtert zu klingen. Ja, er war ein wenig beliebter geworden. Wie auch Erik hatte der Sport ihm gut getan, aber er war natürlich nicht so beliebt wie Erik... Das ging einfach nicht.

„Sollen wir zusammen hingehen?“

Fuck.

Es war Charles einfach so raus gerutscht, und er wusste nicht ein mal wieso, biss sich auf die Unterlippe, und starrte einfach weiter Eriks Hinterkopf an, in der Hoffnung, dass er irgendwie die Worte, wieder aus seinem Kopf ziehen konnte. Er hatte es nicht sagen wollen, er... scheiße. Die Panik musste quer über sein Gesicht geschrieben stehen, egal, wie sehr er sich bemühte eine neutrale Miene wieder aufzusetzen, als Erik sich zu ihm umdrehte.

Eines dieser kehligen, leisen Lachen kam über seine Lippen, die er amüsiert hochgezogen hatte, als Erik den Kleineren betrachtete. Es war wirklich beeindruckend, damals, als sie sich kennen gelernt hatten, war Charles so groß wie Erik gewesen, trotz der zwei Jahre, die zwischen ihnen lagen, und dann? Dann war Erik in die Höhe geschossen, überragte ihn um einen guten Kopf.

„Das wäre ziemlich schwul, oder Charles?“

Ein Schnauben folgte.

Ja.

Das wäre es. Und ekelhaft. Weil... Schwule waren ekelhaft, oder wie war das? Charles selbst war sich da nicht so sicher. Er selbst... er war zu Frauen hingezogen, bestimmt. Er wusste, dass er an Frauen interessiert war, aber...

„Quatsch. Nur, wenn du mir eines von diesen Blumen-Armbändern kaufst, und mit mir zu einem kitschigen Song tanzt.“, lachte er nervös, und versuchte irgendwie zu überspielen, dass zumindest das Tanzen sich gar nicht so schlecht anhörte.  „Ich meine einfach als Läster-Duo. Erik. Ich bitte dich, nicht als ein Date.“ Charles rollte mit den Augen, setzte sich auf der alten, durch gelegenen Matratze etwas aufrechter hin.

Erik war eine Sekunde still, bevor er nickte, grinste. Wieder diese spitzen Zähnchen, und davon viel zu viele.

„Mh. Ja, klingt gut. Wenn ich niemanden zum rummachen finde, können wir auf jeden Fall lästern...“

Oh. Toll.

Charles schluckte schwer.

Das waren ja schöne Aussichten.


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Sie lästerten etwas, das stimmte schon. Bis Erik an den Lippen von irgendeinem Mädchen klebte, und ihr so was wie die Seele stahl. Konnte Erik bestimmt. Sie waren eng umschlugen irgendwo etwas Abseits von der überfüllten Tanzfläche, und so wie es aussah, war Erik verdammt gut, in dem was er tat. Das musste Charles sich nicht ansehen, und beschloss, dass er sich mit der gestreckten Bowle einfach ausschalten würde. Er vertrug eh nicht viel Alkohol, schob es immer auf seine nicht enorme Körpergröße. Er war nicht neidisch. Worauf denn? Erik konnte Zeit verbringen, mit wem er wollte, und doch...

Er fühlte sich nicht sonderlich gut, während bunte Lichter seine ehemaligen, tanzenden Schulkollegen beleuchteten. Er fühlte sich einfach nicht gut, und endete am Abend damit, dass er mit Ororo tanzte, krampfhaft versucht nicht immer wieder zu Erik und seiner Eroberung zu sehen.

Er war nicht eifersüchtig.

Nur betrunken.


● ● ●



Sie gingen auf die selbe Uni. Sie hatten es sich geschworen, und sie beide waren gut genug gewesen, als das sie sich aus den drei Unis die sie angenommen hatten, die Beste raus suchen konnten. Sie zogen zusammen in eine kleine Studentenwohnung, und auch wenn es nicht die beste Wohnung der Welt war...

Es war ihre.

Erik, der Maschinenbau studierte, Charles der in die Biologie ging... Sie beide hatten es geschafft. Irgendwie.

Zwei beste Freunde, die sich zusammen einer neuen, unbekannten Welt stellten, aber das machte Charles nichts aus. Schließlich waren sie zusammen, und... Er wusste, das Erik auf ihn aufpassen würde, genau wie er auf Erik aufpasste. So gehörte es sich für Freunde, und als sie beide das Sofa im kleinen Wohnzimmer aufgebaut hatten, sich darauf hatten fallen gelassen, da wusste Charles:

Er verdankte Erik sein Leben.

Und vielleicht ein wenig mehr.


● ● ●



Charles Xaviers Leben war bis da hin nicht schön gewesen.

Aber Erik hatte es schön gemacht.

Würde es schön machen... Bestimmt. Aber das würden die folgenden Jahre erst zeigen müssen, aber so wie es im Moment aussah... Er konnte sich nicht beschweren. Dachte er. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Erik Lehnsherr Charles Kommilitonin Emma Frost kennen lernte. Und sein Lächeln, als er sie sah, das sagte eigentlich alles.

Charles wusste nicht, woher diese bohrende Eifersucht kam, aber sie war da. Sie war da, als die beiden sich das erste Mal trafen, sie war da, als er sie das erste Mal ansprach, und sie war da, als ihm aufging, dass er nicht eifersüchtig war, weil Emma an Erik Gefallen fand.

Sondern weil Erik an ihr Gefallen fand.

Fuck.




ヾ(。・ω・。)

     Dieser ThreeShot ist für Nove entstanden, weil sie so ziemlich die Beste ist, die es wo gibt :'D Nein, ehrlich. Nove ist klasse! Bäm. Da habt ihr es.

Ich hoffe sehr, dass es gefallen hat, ich bin nicht sonderlich gut mit solchen Plots, und ja... Ich wünsche euch eine schöne Woche, und hoffe natürlich, dass ihr sehr, sehr viel Spaß beim Lesen hattet.

Das ganze wird sich in drei Parts aufgliedern:
● Charles Kindheit.
● Uni Zeit.
● Erwachsene Zeit.

Also noch zwei Teile to go, der nächste kommt bald :) Dann kommt auch ein wenig mehr Action rein :D
Hochachtungsvoll,
Wir.
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