Alban Arthuan

KurzgeschichteHumor, Fantasy / P12 Slash
03.03.2015
09.03.2015
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Disclaimer: Die bekannten Charaktere gehören nicht mir sondern Bethesda, ich verdiene hiermit kein Geld, und so weiter und so fort.
Genaugenommen ist nicht einmal Gwyndu wirklich von mir, er ist der Charakter meines Brüderchens Child of the Moon, für den diese FF auch ist. Das, was ich hier mit ihm angestellt habe, entspringt allerdings meinem eigenen Hirn. Ach ja, und falls es jemanden interessiert: Der Titel ist der keltische Name für die Wintersonnenwende. ^^
So, jetzt aber genug der Worte und viel Spaß mit dieser kleinen (und nicht allzu ernstzunehmenden) „Weihnachts“-Geschichte.



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Die Wintersonnenwende stand vor der Tür. Nur noch ein Tag bis zu einem der wichtigsten Feste, die es in Himmelsrand gab, und Gwyndu war so beschäftigt damit gewesen, Leute hinterrücks zu ermorden, weil eine tote, vergammelte Frau, deren Stimme nur er hörte, es ihm befahl, dass er keine Ahnung hatte, wie man es richtig feierte. Er erinnerte sich zwar noch gut daran, dass das Jahresende auch in seiner Kindheit in Morrowind mit besonderen Ritualen begangen worden war, aber die hatten eher damit zu tun gehabt, den dort verehrten Daedra-Fürsten diverse Opfer darzubringen.

Letztendlich war genau das irgendwann der Grund gewesen, warum er sein Heimatland verlassen hatte; als es nämlich eines schönen Tages geheißen hatte, Hermaeus Mora verlange in diesem Jahr ein Blutopfer, und das ganze Dorf einhellig beschlossen hatte, dass er derjenige war, auf den man am ehesten verzichten konnte. Mit der wenig nachvollziehbaren Begründung, dass er 'intellektuell entbehrlich' sei, was immer das bedeuten mochte. Gwyndu hielt sich selbst zwar nicht für besonders eloquent oder wortgewandt und sicherlich auch nicht für den schlausten Elf im ganzen Land, aber ihn als intellektuell entbehrlich hinzustellen, wo es im Dorf sogar einen Dummen und einen Bescheuerten gegeben hatte, war trotzdem ganz schön hart gewesen.

Nichtsdestotrotz hatte er natürlich nicht gezögert, seine sieben Sachen zu packen und heimlich zu verschwinden, als er – glücklicherweise rechtzeitig – Wind von der gemeinen Verschwörung gegen ihn bekommen hatte. Er hatte seine Entscheidung nie bereut, auch wenn er seine Mutter manchmal noch vermisste und sich fragte, wie es ihr wohl ging, so ganz ohne ihren einzigen Sohn (dennoch verzichtete er darauf, ihr zu schreiben, um es herauszufinden, da er vor Jahren auf diese Weise auf dem rechten Auge erblindet war... aber das war eine andere Geschichte). Doch auf der anderen Seite war er seit seinem Abschied sehr viel herumgekommen und hatte die Welt gesehen, bis es ihn vor fast einem Jahr nach Himmelsrand verschlagen hatte.

Was zuerst keine echte Verbesserung gewesen war, da man ihn fälschlicherweise für ein Mitglied der Sturmmäntel gehalten hatte – trotz der Tatsache, dass er ein Dunmer war und auch nicht „Himmelsrand für die Nord!“-brüllend durch die Gegend lief – und im Zuge dessen beinahe hingerichtet hätte. Sein Kopf hatte bereits auf dem Richtblock gelegen, als urplötzlich ein riesiger schwarzer Drache aufgetaucht war, der die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt und Gwyndu somit eine unverhoffte, aber alles andere als unwillkommene Gelegenheit zur Flucht verschafft hatte. Kurz darauf hatte sich passenderweise herausgestellt, dass er ein „Dovahkiin“ war, der die Drachensprache instinktiv beherrschte, und ihm somit die Aufgabe zufiel, die wiedererwachten Drachen erneut zu vertreiben, bevor sie überall Unheil anrichteten und die Weltherrschaft an sich rissen.

Nur dass Gwyndu auf diesen Quatsch absolut keine Lust gehabt und sich stattdessen lieber der Dunklen Bruderschaft angeschlossen hatte, einer Gesellschaft von Meuchelmördern unter der Führung einer Nord-Frau namens Astrid.

Zugegebenermaßen war die allerdings inzwischen tot, ebenso wie der größte Teil der anderen Mitglieder, weil sie es nicht hatte verkraften können, dass er sich als der sogenannte „Zuhörer“ erwiesen hatte, der einzige, der in der Lage war, die Stimme der Mutter der Nacht zu vernehmen. Astrid war alles andere als begeistert von der Aussicht gewesen, ihre Position als Anführerin aufgeben und einer Leiche überlassen zu müssen, so dass sie Verrat vorgezogen hatte, der sich am Ende auch auf ihr eigenes Leben nicht sehr förderlich ausgewirkt hatte... aber nach einer Verlegung ihres Unterschlupfes in den Norden Himmelsrands bestand der Rest der Bruderschaft immerhin weiter. Nun gab es nur noch das kleine aber ziemlich untote Vampirmädchen Babette, den Rothwardonen Nazir, der für die Verwaltung der Aufträge zuständig war, und natürlich den Hofnarren Cicero, der in seiner Funktion als Bewahrer für die Mutter der Nacht sorgte... obgleich ab und an mit etwas zu viel Enthusiasmus.

Abgesehen davon verband ihn mit Cicero auch eine lockere Affäre, die sich zuerst dadurch ergeben hatte, dass der selbst gerne der Zuhörer gewesen wäre – vielleicht um seine Beziehung zur Mutter der Nacht noch intimer gestalten zu können, oder endlich mal aus erster Hand zu erfahren, welche ihrer schwer zu erreichenden Stellen am dringendsten regelmäßiger Einölung bedurften – und dementsprechend eifersüchtig auf ihn gewesen war. Gwyndu hatte sich mit ihm aussprechen wollen, um diesen Konflikt aus der Welt zu schaffen, war dann doch mit ihm in einen Streit geraten, Cicero hatte ihm gedroht, ihn zu „erstech-stech-stechen“, wenn er der Mutter der Nacht zu nahe kam, und schließlich hatten sie wilden, hemmungslosen Sex auf dem Boden vor dem Sarkophag gehabt.

Seither verstanden sie sich besser, auch wenn Gwyndu nicht so weit gegangen wäre zu sagen, sie seien 'Freunde', dafür war der wahnsinnige Narr auch zu unberechenbar. Zumindest aber befürchtete er nicht mehr jeden Abend, wenn er schlafen ging, dass er den nächsten Morgen nicht mehr erleben würde, weil Cicero sich mitten in der Nacht an ihn herangeschlichen und ihm seinen vergifteten Dolch in die Rippen gerammt hatte. Wenn er ihm schon nachts einen Überraschungsbesuch abstattete, dann eher, weil es ihn plötzlich nach Gwyndus unerreichten Fertigkeiten zwischen den Laken gelüstete. Intellektuelle Entbehrlichkeit hin oder her, aber dass er eine wahre Liebesmaschine war, hätte sicherlich niemand abzustreiten gewagt.

„Hallo Zuhörer.“ Babette, die sich wie üblich völlig lautlos durch die steinigen Korridore der Zuflucht bewegte, hatte sich Gwyndu unbemerkt von hinten genähert und schenkte ihm nun ein spitzzahniges Lächeln. „Was macht Ihr denn gerade Lustiges? Seid Ihr beschäftigt?“

„... Nein, nicht wirklich“, winkte Gwyndu ab und dachte, dass er genaugenommen schon nicht einmal mehr wusste, mit welcher Intention er vorhin sein Zimmer verlassen hatte. Nur dass er sich irgendwann dabei wiedergefunden hatte, wie er ziellos durch die Zuflucht wanderte.

„Das ist gut“, stellte Babette fest. „Cicero sucht nämlich nach Euch. Ich glaube, es geht um die Mutter der Nacht.“

Gwyndu seufzte tonlos in sich hinein. Natürlich ging es um die Mutter der Nacht, worum auch sonst. Er hatte schon unzählige Male versucht, Cicero begreiflich zu machen, dass es nicht in seiner Macht lag, die Mutter der Nacht nach irgendetwas zu fragen oder ihr Nachrichten zu übermitteln, sondern dass das Ganze bloß in eine Richtung funktionierte. Wäre es anders, wäre er vermutlich eher der Flüsterer als der Zuhörer. Aber da Cicero die meiste Zeit über in seiner eigenen kleinen Welt lebte, gingen diese Dinge bei ihm durch einen Zipfel seiner Narrenkappe herein und durch einen anderen wieder heraus, ohne dazwischen einen Effekt gehabt zu haben.

„Na gut“, sagte er dennoch, weil er ahnte, dass Cicero noch lange nicht aufgeben würde, selbst wenn er sich jetzt von Babette verleugnen ließ, „dann sehe ich mal, was er will. Ist er bei der Mutter der Nacht?“

„Habt Ihr ihn schon mal irgendwo anders gesehen, wenn er nicht gerade schläft?“

„Nein... auch wahr.“ Er wandte sich zum Gehen, um es wenigstens schnell hinter sich zu bringen, hielt dann aber noch einmal inne. „Ach, Babette? Ihr wisst nicht vielleicht, wie man die Wintersonnenwende in Himmelsrand feiert, oder?“

„Sehe ich für Euch wie jemand aus, der feiern würde, dass der Tag über die Nacht siegt? Ich bin ein Vampir, Zuhörer, oder ist Euch das etwa entgangen?“

„Nein... auch wahr“, entwich es Gwyndu wieder, ehe er es hätte verhindern können, und er hätte sich am liebsten dafür auf die Zunge gebissen. Egal wie oft er sich vornahm, an seiner Ausdrucksfähigkeit zu feilen und was für erstaunliche Fortschritte er zuweilen dabei machte – manchmal klang er noch immer wie das Produkt der Inzucht zweier tollwütiger Orks. „Ähm, ja, dann – dann gehe ich mal lieber“, fügte er betont beiläufig hinzu, ignorierte bestmöglich Babettes sehr unmädchenhaftes Grinsen und machte sich auf den Weg zum Eingangsbereich der Zuflucht, wo sich der Sarkophag der Mutter der Nacht befand.

Ebenso wie Cicero selbstverständlich, der wie üblich etwas vor dem offenen Sarg aufführte, das wie ein Fruchtbarkeitstanz aussah. Hätte Gwyndu nicht gewusst, dass es unmöglich war, er hätte geschworen, die verwesten Augen der Mutter der Nacht starrten ihn flehentlich an.

„Da seid Ihr ja endlich, mein Zuhörerlein“, begrüßte Cicero ihn fröhlich, als er ihn zufällig während einer einbeinigen Pirouette entdeckte, und hüpfte ein paar Schritte auf ihn zu. „Der arme Cicero hatte schon befürchtet, Ihr würdet Eure Pflicht vernachlässigen... Die Mutter der Nacht hat nämlich etwas Wichtiges zu sagen, Cicero spürt es ganz genau! Sie ist schon die ganze Zeit über so unruhig und nichts hilft! Cicero hat alles versucht, hat ihr sogar vorgesungen! Das Lied von den zwei Horkern und der Argonierin, Ihr wisst schon -“

„Ja, weiß ich“, unterbrach Gwyndu ihn schnell, bevor Cicero noch auf die Idee kam, es zu demonstrieren. Schließlich kannte er dessen etwas merkwürdige Vorliebe für Anekdoten und Witze, in denen Horker vorkamen, nur zu gut. „Und was, glaubt Ihr, ist es diesmal? Vermisst sie ihre Kinder? Hat sie Bedürfnisse? Ist sie einsam?“

„Aber Zuhörer! Unsere liebe Mutter hat doch den guten, aufopferungsvollen Cicero, der sich um all ihre Bedürfnisse kümmert!“, hielt Cicero empört dagegen. „Wie könnte sie da jemals einsam sein? Nein, nein, nein, es ist etwas anderes... aber leider spricht sie ja nicht mit Cicero, egal wie aufmerksam er ihren Worten lauschen würde...“

„Ja... aber nun bin ich ja hier und mit mir spricht sie auch nicht, also -“

„Zuuuuuuhöööööreeeer...“, flötete es auf einmal in Gwyndus Kopf, so dass er den Rest seines Satzes hastig verschluckte. Fragte sich jetzt nur noch, ob das Zufall war, oder ob er gerade allen Ernstes den Tag erlebte, an dem Cicero anfing, ein Gespür für die Mitteilungen der Mutter der Nacht zu entwickeln.

Oder vielleicht hatte die Mutter ihn auch einfach nur angesprochen, damit er Cicero gleich sagen konnte, dass tatsächlich etwas gewesen war, und wenn es nur war, dass sich ein Käfer in ihrem Becken verklemmt hatte, und er sie daraufhin endlich mit seinen Aufmunterungsversuchen in Ruhe ließ. War wohl auch eine Möglichkeit.

„Ein weiteres Kind hat zu seiner Mutter gebetet“, fuhr sie fort, und Gwyndu wäre beinahe vom Glauben abgefallen. Dann gab es also wirklich einen Auftrag... wer hätte das gedacht. „Sprecht mit Jorge Gunnarson im Alchemiebedarfsladen in Dämmerstern. Nehmt sein Gold und dann beseitigt das Ziel. So beginnt ein Kontrakt, mit Blut besiegelt...“

Die krächzige Stimme verebbte allmählich und die Mutter der Nacht kehrte in ihren gewöhnlichen, scheinbar teilnahmslosen Zustand zurück. Gwyndu dagegen war hin- und hergerissen zwischen der Überraschung darüber, dass er doch nicht umsonst hergekommen war, und einer unterschwelligen Enttäuschung, dass es ausgerechnet jetzt einen Auftrag geben musste, wo doch morgen der Tag der Wintersonnenwende war. Irgendein Mitglied ihrer kleinen 'Familie', wie Astrid es immer genannt hatte, würde also zwangsläufig nicht da sein können... und wie Gwyndu sein Glück kannte, würde es ihn vermutlich sogar selbst treffen.

„OOOooooOOOhhh, ich kenne diesen Blick!“, freute Cicero sich und schob sich so nah an Gwyndu heran, dass ihre Nasenspitzen sich beinahe berührten. „Die Mutter der Nacht hat zu Euch gesprochen, nicht wahr? Ja, ja, ja, Cicero kann es sehen! Was sagt sie? Braucht sie etwas? Soll Cicero vielleicht ihren Sarg auspolstern? Oder ihr eine neue Frisur machen?“

... Frisur?, dachte Gwyndu irritiert und schielte unauffällig zum verbeulten Kopf der Mutter der Nacht herüber, auf dem nur noch einige dunkle, knotige Strähnen, die eher wie Algen aussahen, davon zeugten, dass sie mal so etwas wie Haare gehabt hatte. Aber Cicero war ja prinzipiell alles zuzutrauen.

„Nein“, sagte er. „Es geht ihr gut, Cicero, keine Sorge. Aber wir haben einen Auftrag, die Kontaktperson befindet sich in Dämmerstern.“

„Jaaaaa, Cicero wusste es!“, frohlockte Cicero und begann erneut mit seinem fragwürdigen Tanz, der, für Gwyndus Geschmack, eindeutig zu viel Hüftschwung beinhaltete. „Ein Auftrag, sehr gut! Dann wird es bald ein weiteres Opfer geben, das dem Schreckensfürsten in der Leere dient.“

„Sieht so aus“, bestätigte Gwyndu und gestattete sich ein unzufriedenes Grummeln. „Ich hoffe nur, dass der Auftrag erst später stattfindet. Morgen ist ja die Wintersonnenwende und... ähm...“

Peinlich berührt hielt er inne, als Cicero den Kopf schieflegte und ein verständnisloses Gesicht machte. Warum, um alles in der Welt, konnte eigentlich niemand nachvollziehen, dass er dieses bedeutsame Fest gerne feiern würde? Gut, er war kein Nord, aber zumindest war er sehr traditionell und ehrte auch die Gebräuche anderer Völker und Kulturen. Schade nur, dass er damit, allem Anschein nach, der Einzige hier war.

„Warum interessiert Ihr Euch denn für so etwas, Zuhörer?“, wollte Cicero wissen. „Seid Ihr den profanen Vergnügungen verfallen, ja? Wie Cicero diese barbarischen Nord kennt, ist doch dieses Fest nichts anderes als ein Vorwand, um sich zu betrinken, lustige Pilze zu essen, die einen Farben sehen und Musik hören lassen und mit allem zu schlafen, was einen Puls hat. Aber wenn Ihr wirklich meint, dass eine solch orgienhafte Veranstaltung Eurer würdig ist...“

„... Ihr müsst das ja nicht verstehen“, verteidigte Gwyndu sich und war ein bisschen genervt davon, wie beleidigt es klang. „Aber jetzt müsst Ihr mich wohl entschuldigen, ich gehe die Kontaktperson suchen. Je schneller wir die Einzelheiten des Auftrags kennen, desto besser.“

Cicero grinste nur, als Gwyndu sich ohne weitere Erklärung abwandte und den Geheimausgang der Zuflucht anpeilte, der ihn ein Stück außerhalb von Dämmerstern absetzen würde. Da er nicht seine Bruderschafts-Rüstung sondern ganz gewöhnliche Straßenkleidung trug, würde er sich unerkannt unter den Einwohnern bewegen können, und wo der Alchemieladen sich befand, wusste er auch. Das Ganze dürfte also eine schnelle und einfache Angelegenheit werden.

Gemütlich schlenderte Gwyndu durch das verschneite Städtchen, beobachtete die Bergleute, die die beiden rivalisierenden Minen betrieben, und lauschte den diversen Beschwerden darüber, dass irgendwelche ominösen Alpträume die Stadt heimsuchten.

Nicht dass es ihn gekümmert hätte. Die Probleme Dämmersterns gingen ihn nichts an, ebenso wenig wie die von ganz Himmelsrand. Genau deshalb hatte er ja auch schon vor einem Jahr nicht eingesehen, dass es ihm hatte zufallen sollen, die Drachenbedrohung in den Griff zu bekommen, oder sich dem Willen dieser merkwürdigen alten Männer zu beugen, die sich „Graubärte“ nannten, nur weil angeblich Drachenblut durch seine Adern floss. Schließlich hatte er sich das nicht ausgesucht, war ja sogar mit einer ungerechtfertigten Verhaftung und beinahe einer Begegnung mit dem Henkersbeil in Himmelsrand begrüßt worden! Also weshalb sollte er sich für das Schicksal dieses wenig gastfreundlichen Landes verantwortlich fühlen? Die Drachen taten ja nicht einmal besonders viel, außer ab und an ein kleines Dorf niederzubrennen oder die Ernten und das Vieh zu vernichten. Kein Grund, deswegen gleich aus der Haut zu fahren.

Gwyndu blieb stehen, als ihm auffiel, dass er sein Ziel bereits in ein paar Metern Entfernung sehen konnte: der rustikale Alchemieladen mit dem äußerst passenden Namen „Mörser und Stößel“. Er selbst hatte sich nie für die Kunst der Alchemie begeistern können (vielleicht deshalb, weil er sich, als er als Kind mal mit dem Alchemietisch seiner Mutter herumgespielt hatte, um ein Haar mit einer selbstgemachten Brühe aus Suppulus und Aschenhüpfergelee tödlich vergiftet hätte), aber er respektierte die Leute, die es taten; nicht zuletzt, weil ein potentes Gift oder ein guter Unsichtbarkeitstrank ihm sein Leben als Assassine schon mehr als einmal erleichtert hatten. Wenn dieser Jorge Gunnarson Alchemist war, würde er ihm bestimmt eine Mixtur überlassen können, die den Auftrag unkomplizierter gestalten würde, auf welche Weise auch immer.

Gespannt betrat Gwyndu den Laden, erwiderte höflich den Gruß der alten Dame, die hinter dem Tresen stand, und sah sich so unauffällig wie möglich um, während er so tat, als begutachte er die Kräuter und Tränke in den Regalen.

Etwas anderes gab es allerdings in dem kleinen Raum auch nicht zu sehen, und jemanden, der der Auftraggeber hätte sein können, schon gar nicht. Gwyndu legte die Stirn in Falten. Soviel dazu, dass die Sache einfach werden würde.

„Entschuldigt bitte?“, machte er die ältere Frau, die er beim Hereinkommen lokalisiert hatte, auf sich aufmerksam. „Kennt Ihr vielleicht einen Jorge Gunnarson?“

„Jorge?“, wiederholte die Dame mit einem Hauch von Abfälligkeit und zog eine weiße, buschige Augenbraue in die Höhe. „Er ist mein Neffe. Hilft mir manchmal hier im Laden, aber die meiste Zeit über ist er ein Taugenichts. Sagt, was wollt Ihr von ihm? Er... schuldet Euch doch nicht etwa Gold, oder?“

„Nun, um ehrlich zu sein... doch“, log Gwyndu aus dem Stegreif. Je nachdem, wie man es auslegte, war es ja sogar gar keine echte Lüge; immerhin würde Gunnarson ihn ja wirklich bezahlen, auch wenn die Dienstleistung dafür noch nicht erbracht worden war. „Ich habe ihm einige Septim geliehen und sie noch immer nicht zurückbekommen, also... würdet Ihr mir wohl verraten, wo ich ihn finden kann?“

„Da er hier noch nicht aufgekreuzt ist, wird er entweder bei sich zu Hause sein und dort auf der faulen Haut liegen, oder er befindet sich in der Taverne und betrinkt sich am hellichten Tag“, vermutete die Alchemistin, auf eine Weise, die überdeutlich machte, was sie von ihrem Neffen hielt: nämlich gar nichts. „Das Haus gleich neben diesem unseligen Museum ist seines. Die Taverne findet Ihr bestimmt selbst, oder?“

„Ich denke schon. Vielen Dank für Eure Hilfe.“

Gwyndu nickte der alten Dame noch einmal zu und verließ das Geschäft dann wieder, um den zweiten Versuch zu starten, Gunnarson zu finden. Bei dem Museum, das sie erwähnt hatte, konnte es sich eigentlich nur um die kleine private Sammlung zur „Mythischen Morgenröte“ handeln, die sich ganz in der Nähe der Zuflucht befand, leicht zu erkennen an den riesigen roten Bannern, die außen am Gebäude hingen. Gwyndu war schon des Öfteren daran vorbeigekommen, hatte ihm aber noch nie besonders viel Beachtung geschenkt, da Mehrunes Dagon nicht gerade zu seinen liebsten Daedra-Fürsten gehörte, erst recht nicht mehr, seit er die Oblivion-Krise ausgelöst hatte. Er war nicht unbedingt ein Menschenfreund, und mit den meisten Mer sah es auch nicht besser aus, aber ganz Cyrodiil unterjochen und seine Bewohner von Horden aus dem Reich des Vergessens niedermetzeln lassen zu wollen, war dann doch etwas zu viel des Guten.

Natürlich war es um ihren Auftraggeber ebenfalls nicht so richtig gut bestellt. Aber nach der Warnung der alten Dame wäre es wohl auch optimistisch gewesen, etwas anderes anzunehmen.

Gwyndu hatte kaum an Gunnarsons Tür geklopft, als sie auch schon aufflog und er grob von jemandem ins Haus gezerrt wurde. Verärgert schüttelte er die Hand ab, die seinen Arm noch immer umklammert hielt, und warf einen ungehaltenen Blick auf seinen 'Angreifer'.

Es war ein Nord, schätzungsweise in mittleren Jahren, schmutzigblond und mit einem struppigen, ungepflegt aussehenden Bart. In seinen Augen lag ein gehetzter Ausdruck, fast etwas Paranoides... und Gwyndu konnte sich des dummen Gefühls nicht erwehren, dass es sich bei ihm um Jorge Gunnarson handeln musste.

„Seid Ihr... von der Dunklen Bruderschaft?“, fragte der Mann mit zittriger Stimme, ließ Gwyndu aber gar nicht erst zu einer Antwort ansetzen, sondern fuhr gleich fort: „Ja, das müsst Ihr sein, ich habe Euch beobachtet! Ihr habt nach mir gefragt, nicht wahr? Wurde mein Gebet erhört?“

„... Ja“, entgegnete Gwyndu, obwohl die Art dieses Kerls ihm jetzt schon zuwider war. „Ihr könnt Euch glücklich schätzen, Gunnarson. Sithis hat Euer Anliegen für würdig befunden.“

„Talos sei Dank!“, keuchte Gunnarson pathetisch, ließ sich auf einen Stuhl fallen und bot Gwyndu mit einer Geste an, bei ihm Platz zu nehmen. Als Gwyndu jedoch bloß ablehnend den Kopf schüttelte, schluckte er vernehmlich und setzte noch nervöser hinzu: „Nun, ähm... es ist auch wirklich dringend. Ich werde nämlich verfolgt und fühle mich meines Lebens nicht mehr sicher! Ihr müsst mir helfen, bevor sie mich kriegen!“

„Und wer verfolgt Euch? Ich brauche mehr Details, wenn wir Euren Auftrag erfolgreich ausführen sollen.“

„Oh, ja... sicher. Es geht um einen Khajiit – einer aus den Karawanen. Sein Name ist Ma'dran und ich... nun, sagen wir, wir hatten ein paar... Differenzen geschäftlicher Art. Er hat mir unzulängliche Ware verkauft und ich habe ihn... überzeugt, mir mein Geld zurückzuerstatten.“

Also mit anderen Worten: Ihr habt die Karawane bestohlen, dachte Gwyndu geringschätzig, war aber nicht überrascht. Gunnarson klang kein bisschen wie ein Geschäftsmann, mit so gewieften Händlern wie den Khajiit würde er auf ehrlichem Wege niemals mithalten können. Konnte schon sein, dass sie ihn tatsächlich über den Tisch gezogen hatten und er sich nicht anders zu helfen gewusst hatte.

„Und weiter?“, hakte er nach. „Was hat das mit dem Auftrag zu tun?“

„Ist das nicht offensichtlich?“ Gunnarson blinzelte irritiert. „Ihr müsst Ma'dran für mich aus dem Weg räumen, bevor er das Gleiche mit mir tun kann! Er trägt mir diesen Vorfall noch immer nach und jedes Mal, wenn die Karawane hier bei Dämmerstern Halt macht, versucht er, mich büßen zu lassen! Ich weiß es ganz genau, ich spüre seine Anwesenheit hinter jeder Ecke, er beobachtet mich, lauert mir auf! Ich habe solche Angst vor ihm, dass ich es tagsüber nur noch betrunken aushalte und nachts schlaflos in meinem Bett liege und an die Decke starre! Ihr müsst ihn töten, hört Ihr, Ihr müsst!“

Gwyndu schwieg. Er hatte schon alle möglichen haarsträubenden Gründe gehört, warum jemand eine andere Person tot sehen wollte, aber dieser war wirklich außergewöhnlich schlecht. Vermutlich wusste dieser bedauernswerte Khajiit in Wahrheit nicht einmal mehr, wer Gunnarson war, von so etwas wie Mordgelüsten ganz zu schweigen, und würde sterben müssen, nur weil ihr Auftraggeber ein absolutes Nervenbündel mit Wahnvorstellungen war. Gerecht war das nicht... aber natürlich war es auch nicht an ihm, das zu beurteilen. Es war die Aufgabe eines Assassinen zu töten – nicht, die Gründe für den Mord zu hinterfragen.

„... Gut, wenn Ihr es wünscht“, gab Gwyndu zurück, ohne sich seinen Unwillen anmerken zu lassen, und fuhr sich mit einer Hand durch die schulterlangen schwarzen Haare. „Kennt Ihr die Route der Karawane? Wo sie sich zur Zeit aufhalten und wann sie das nächste Mal hier sein werden?“

„Morgen“, kam es sofort von Gunnarson. „Sie haben einen festen Reiseplan. Wenn sie sich an den gehalten haben, werden sie im Laufe des morgigen Tages hier ankommen.“

„Und wie lange werden sie vor Ort sein?“

„Zwei Tage.“

„Hmm...“, brummte Gwyndu und fragte sich, warum er überhaupt so pessimistisch war. Der Auftrag mochte sich zwar mit dem Tag der Wintersonnenwende überschneiden, aber noch stand ja nicht fest, dass er selbst ihn würde übernehmen müssen. Er würde erst einmal abwarten, was passierte. „Nun gut, Gunnarson, die Zielperson ist schon so gut wie tot. Habt Ihr das Gold?“

„... Äh... im Voraus?“, fragte Gunnarson, in einem Tonfall, der Gwyndu ganz und gar nicht gefiel. „Wäre es nicht... angebrachter, mir erst einmal einen Beweis dafür zu liefern, dass der Auftrag ausgeführt wurde, bevor ich eine so beachtliche Summe Gold investiere?“

„Jetzt hört mir mal gut zu, Ihr windiger Schleimbeutel!“, knurrte Gwyndu zurück, leise aber nachdrücklich. „So langsam überstrapaziert Ihr meine Geduld! Die Dunkle Bruderschaft ist nicht Euer persönlicher Spielball, den Ihr herumschubsen könnt, wie es Euch beliebt! Wir haben feste Regeln, und dazu gehört auch, dass die Bezahlung vorher entrichtet wird! Entweder Ihr haltet Euch daran, oder Ihr könnt Euer Problem mit dem Khajiit selbst lösen!“

„... I-ist ja gut, ganz wie Ihr meint!“ stammelte Gunnarson, dem sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war, und verschwand eilig im Nebenzimmer, wo Gwyndu ihn nach etwas suchen hörte. Er schmunzelte flüchtig. Sein gefährlich anmutendes Äußeres und besonders sein blickloses rechtes Auge hatten ihm schon häufig gute Dienste dabei erwiesen, Leute einzuschüchtern. Wie gut, dachte er, dass man ihm nicht ansehen konnte, dass er sein Augenlicht nur deswegen verloren hatte, weil er sich versehentlich einen Federkiel ins Auge gerammt hatte. Das hätte die beeindruckende Wirkung möglicherweise etwas geschmälert.

„Hier ist es, seht Ihr?“ Mit einem ledernen Beutel in den Händen kehrte Gunnarson nach kurzer Zeit zurück und streckte ihn Gwyndu beinahe ehrfurchtsvoll entgegen. „Ihr könnt gerne nachzählen. 1500 Septim, wie es die Bruderschaft verlangt.“

„... Schon gut, ich glaube Euch auch so“, winkte Gwyndu ab. Hauptsächlich deshalb, weil das Rechnen nicht gerade zu seinen Talenten zählte und er seine Autorität nicht direkt wieder unterminieren wollte, indem er zehn Anläufe brauchte, um die richtige Summe zusammenzuzählen. „Und was die Zielperson angeht: Ihr werdet schon davon erfahren, wenn sie stirbt, verlasst Euch darauf. Die Bruderschaft hält sich an ihre Versprechen!“

„J-ja, selbstverständlich, ich... wollte Euch auch nichts Gegenteiliges unterstellen...“, murmelte Gunnarson kaum hörbar. Gwyndu schnaubte herablassend.

„Ist auch besser so für Euch“, sagte er bedeutungsschwer, ließ Gunnarson stehen und machte sich endlich auf den Weg zurück zur Zuflucht. Mit der unguten Vorahnung, dass ein Tag, der bereits so schlecht angefangen hatte, sich auch nicht mehr zum Besseren wenden würde.
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