Der Traumfänger

GeschichteAllgemein / P12
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01.03.2015
02.05.2015
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Prolog
Es war dunkel. Der Wind rüttelte an den Blättern der Bäume, die gespenstische Schatten auf den Boden warfen und ein Dämon knabberte mit einem hämischen Grinsen an einer toten Amsel. Noch  nicht einmal die Sterne trauten sich diese Nacht hervorzukommen und das Land in silbernes Licht zu tauchen. Plötzlich- ein Gestalt huschte an dem Feuerwesen vorbei. Erschrocken ließ dieser von der Amsel ab. Was war das? Langsam ging er in Angriffsposition, die Augen suchend zusammengekniffen. Doch die Dunkelheit hatte die Gestalt scheinbar  völlig verschluckt. Langsam ließ sich der Dämon wieder auf seinem Ast nieder. Der ganz Tag war schon so gewesen: seltsame Wesen, die,  jedes mal wenn er sich nach ihnen umsah, scheinbar ins Nichts verschwanden. Es konnten keine Fabelwesen sein, er würde ihre Anwesenheit immerhin spüren. Ein leichtes Kitzeln hier, ein zwicken da, und schon wusste er, dass er nicht alleine war. Aber das hier war anders. Hier hatte er nichts gespürt, gar nichts, null. Von seinen Freunden ist er ausgelacht worden, als er ihnen von den schwarzen Wesen erzählt hatten, sie meinten, er hätte wohl zu viel Feuer gegessen. Einzig die kleine Eleanor, ein Wasserdämon Stufe drei, hatte ihm geglaubt. Aber das reichte ihm nicht.  Mit einem Grummeln machte er sich daran, weiter das Fleisch von den Knochen der toten Amsel zu schaben, doch es war ihm die Lust daran vergangen. Da draußen war etwas, jemand, der ihn- möglicherweise?- verfolgte. Aber der Feuerdämon war noch nie für seine überragende Aufmerksamkeit bekannt gewesen, sonst hätte er vielleicht bemerkt, dass "der Schatten" (wie er ihn insgeheim getauft hatte) immer den gleichen, ausgefransten schwarzen Mantel trug und ihm nicht nachspionierte, sondern anscheinend ein ganz bestimmtes Ziel verfolgte.
Das Haus der O'seans zählte  früher einmal zu den schönsten ganz Northheims. Die imposanten, weißen Marmorsäulen erreichten eine Größe von drei Metern und es brauchte drei Kinder, um sie zu "umarmen". Die riesige, schwarze Eichenholztür war mit aufwendigen, silbernen Blumenmustern bemalt worden und der Türklopfer hatte die Form eines perfekt ausgearbeitetem, goldenem Drachen, an dessen Zunge man ziehen musste, um die Klingel zu betätigen. Inzwischen war das Haus aber nur mehr ein Schatten seiner ehemaligen Schönheit. Die weiße Fassade bröckelte bereits ab und  darunter kam eine hässliche, graue Lehmwand zum Vorschein, das einst liebevoll zurechtgeschnittene Gras war nun lang und dünn, die zu kunstvoll zu Drachen und Elben drapierten Sträucher erinnerten nun allerhöchstens an unförmige Kartoffeln. Einzig der Klingel-Drache war noch halbwegs in Form, und abgesehen von dem ein oder anderem Rostfleck sah er auch noch tadellos aus. Mit einem Lächeln musterte Anabel den goldenen Schriftzug, denn man mit einem dicken Pinsel auf die Tür geschrieben hatte:  "Tamme O'sean" Darunter war ein Zeichen gemalt worden. Es sah aus wie ein verschlungener Kranz aus Sternen und Planten, in deren Mitte ein goldenes O war. Immer noch vor sich hin grinsend zog Anabel an der Zunge des Drachen. Augenblicklich ertönte ein melodisches Klingeln und jemand kam mit schlurfenden Schritten auf die Tür zu. "Anabel?", fragte eine kratzige Stimme. Sie rollte mit den Augen. Wer denn sonst? Trotzdem antwortete sie (fast schon ein wenig zögerlich): "Tamme?" Augenblicklich riss jemand die Tür auf und ein altes Gesicht strahlte die junge Frau an. Augenblicklich fiel ihr auf, dass Tamme sich verändert hatte- er war älter geworden. Die Haut war von Rissen und Furchen übersäht und war fleckig wie ein Pergament, auf das jemand ausversehen Kaffe getropft hatte. Aber war noch nie für seine Schönheit bekannt gewesen. Das zerknautschte Gesicht erinnerte fern an eine Bulldogge, die winzigen, grauen Auge wurden beinahe komplett von den speckigen Wangen bedeckt. "Anabel!", jauchzte der Alte und warf sich der Dame um den Hals. Nur mit Mühe konnte Anabel ein Seufzen unterdrücken: Tamme sah ein wenig aus, als wäre er gerade aus dem Bett gehüpft. Die blonden, bereits von grauen Strähnen durchzogenen Haare standen in alle Richtungen ab, als habe er in eine Steckdose  gegriffen, und er trug (soweit Anabel das eben beurteilen konnte)  immer noch seinen Pyjama. "Pass auf!", röchelte sie und versuchte, sich aus seiner Umarmung zu befreien. "Du zerquetscht sie noch!" Erstaunt ließ Tamme von ihr ab. "Sie?" Verärgert funkelte Anabel ihn an. "Tamme!" , es war kaum mehr als ein leises Zischen. Erschrocken fuhr der Alte sich mit der Hand übers Gesicht. "Was habe ich denn jetzt schon wieder falschgemacht?" Pfeifend atmete Anabel aus. "Hast du auch nur eines von den 15 TELEGRAMMEN gelesen, die ich dir geschickt habe?" Verwirrt strich Tamme sich den Staub vom Schlafanzug. "Ich habe von dir nichts zum lesen bekommen. Deswegen war ich ja auch so erstaunt, als du einfach so mir nichts dir nichts an meiner Tür geläutet hast, es ist immerhin schon einige Jahre her, seit du mich das letzte mal besucht hast!" Augenblicklich wich der wütende Gesichtsausdruck  einem Erschrockenen. Zischend atmete Anabel ein. "Tamme, besteht die Möglichkeit, dass jemand sie einfach abgefangen hat?" Tamme rollte mit den Augen. "Anabel! Warum sollte jemand Telegramme von einer x-beliebigen Northheimerin abfangen?" Anabel schüttelte nur den Kopf. "Ich habe so einiges mit dir zu besprechen!", flüsterte sie nur, dann glitt sie an ihm vorbei in die Küche.
Anabel war schon immer die klassische Schönheit gewesen. Honigblonde Haare wellten sich ihr bis zur Hüfte, die tiefschwarzen Augen waren meist skeptisch zusammengekniffen. Schon im Alter von drei Jahren hatte Anabel gelernt, alles und jedem gegenüber misstrauisch zu sein. "Soll ich deinen Mantel abnehmen? Er ist ziemlich dreckig!", bemerkte Tamme spitz  und beäugte das schwarze, ausgefranste Kleidungsstück, dass Anabel über ihre Stuhllehne gehängt hatte. "Es gibt Wichtigeres zu besprechen!", antwortete sie nur und er glaubte einen schnippischen Unterton aus ihrer Stimme herauszuhören. Dann griff sie in den alten Lederrucksack, den Tamme bis jetzt nur unbewusst wahrgenommen hatte, und  zog etwas hervor. Es war ein dreckiges, in Leinen gewickeltes- Ding. Tamme runzelte unbeeindruckt die Stirn. Was sollte das? In diesem Moment begann das Bündel zu schreien. "Ein Baby!", die Worte waren ausgesprochen, ehe er überhaupt darüber nachgedacht hatte. Langsam begann Anabel, die Leinen von dem Ding abzunehmen. Tamme hatte recht gehabt. Es handelte sich dabei tatsächlich um ein Baby. Die rotblonden Haare waren nicht mehr als ein dünner Flaum auf dem Kopf des Kindes, die riesigen, himmelblauen Augen beäugten Tamme nachdenklich. " Das ist meine Tochter! Sie heißt Eve!", bemerkte Anabel stolz, "Eve, die Glückliche!"
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