Himmelsaugen

von Nairalin
DrabbleFreundschaft / P6
25.02.2015
25.02.2015
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Huhu,

hier ist mein Wichtelgeschenk für Avarantis zum Wichteln Frühlings-Drabbles von mir, Nairalin.

Ich hoffe, es gefällt dir!

Vorgabe:

Drabbleform: um die 300 Worte
Max. erwünschtes Rating: P12 (ich reiße aber niemandem ein Bein bei P16 aus)
Fandom: am Liebsten das Silmarillion oder der Herr der Ringe
Sonstiges: Das Wort Blümchen. Bitte. Das mausert sich gerade zu meinem Lieblingswort und man verwendet es so selten.  


EDIT: Nachdem mir das Ende so gar nicht gefallen hat, kommt hier nun die Extended Edition sozusagen :D. Avarantis hat sofort zugestimmt (Wortlimit war ja 300)!

Mein Dank übrigens an DeepSilence und meine liebste, wahnsinnige Avarantis! Ernsthaft so ein Monsterreview für vormals 300 Wörte ist der Hammer schlechthin!

Weiters ist der Begriff Erinnermichs ein Versprecher meinerseits gewesen, weil ich - welch Ironie - den Namen der Vergissmeinnichts vergessen hatte. Wer die versteckten Hinweise entdeckt, bekommt einen Keks xD

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Erestor blickte andächtig auf die Blumen vor ihm und strich beinahe schon liebevoll über die zarten Blüten, die in weiß und blau ihm entgegen leuchteten. Mit Wehmut dachte er an seine Familie, die sich geweigert hatte, hierher nach Gondolin mitzukommen.

"Ich wusste nicht, dass du Blümchen magst?", wurde er angesprochen und setzte sich ruckartig gerade auf. Ecthelion stand neben ihm, die steingrauen Augen ernst, wenn Erestor nicht das schelmische Funkeln erkennen würde.

"Es sind keine Blümchen, sondern Blumen!", erwiderte er trotzig und musterte die Vergissmeinnicht eingehend. Das Lächeln auf Ecthelions Lippen trug nicht dazu bei, dass er sich besser fühlte. Er fühlte sich lächerlich und kindisch, obwohl er keinen Grund dazu hatte. Unwillig verzog er den Mund und versuchte sich wieder zu fassen, auch wenn es ihm schwer fiel. Ecthelion schwieg und ließ keine dummen Kommentare ab, die ihn aufheitern sollten.

Sie hatten sich vor Jahrhunderten kennen gelernt und die Arbeit hier und der Weg von Vinyamar bis nach Gondolin hatte eine Freundschaft erblühen lassen, auch wenn erst zaghaft und gegen Erestors Willen. Aber es wäre nicht Ecthelion gewesen, wenn er ihn nicht geduldig und zielstrebig bearbeitet hätte, bis Erestor nachgegeben hatte. Sturheit war es und oft genug hatte er Ecthelion an den Kopf geworfen, dass er so stumpfsinnig und taub wie Stein sei. Ein feines Lächeln hob seine Lippen bei dem Gedanken.

Ein Freund, ja, das war der Fürst vom Haus der Quellen für ihn und vieles mehr.

"Sie sind zu klein um Blumen zu sein, also sind es Blümchen", lachte dieser nun und Erestor funkelte ihn wütend an. Doch eine Hand legte sich nur beschwichtigend auf seine Schulter und drückte leicht zu. Doch Erestor ignorierte es vorerst und verharrte in der knieenden Position vor Ecthelions sogenannten Blümchen. "Ich habe von Quellen vernommen, dass du momentan recht gestresst bist."



Das stimmte und er konnte es nicht leugnen. Fürst Lómion war teilweise anstrengend mit seinen Forderungen, auch wenn er wusste, wie eingesperrt sich sein Fürst hier fühlte. Erestor erinnerte sich zu genau daran, wie er den jungen Prinzen gesehen hatte, gebrochen und mit tränenverschmiertem Gesicht an einer Wand lehnend, eine Hand über seine Augen gelegt, die nur notdürftig die Zeichen des Gefühlsausbruches verdeckten.

Er hatte nicht den erwachsenen Mann gesehen, der seine Mutter nach Gondolin gebracht hatte, in Sicherheit wähnend und auf eine bessere, freiere Zukunft hoffend. Er hatte das Kind gesehen, welches Momente zuvor noch seine Mutter verloren hatte. Getötet vom eigenen Vater, dessen Speer für Lómion bestimmt gewesen war. Er hatte die Verlorenheit gesehen und es hatte sein Herz schier zerrissen. Jeglicher Stolz war für diesen Augenblick zu Asche zerfallen und Erestor hatte den Jungen, der Jahrhunderte jünger war, in seine Arme gezogen und wortlos gehalten.

Kein Wort der Welt vermochte Trost zu spenden, wenn einen die Schuld, die eigentlich nicht die seine gewesen war, zerfraß. Kein Wort ließ vergessen, was passiert war. Gondolin war sicher, aber es hatte sich in einen Käfig verwandelt, eingesperrt mit den Gräbern seiner Eltern, ausgesperrt vom Leben. Damals hatte Erestor sich entschlossen dem Jungen zu dienen und ihm den Weg zu ebnen, da sie ähnlichen Schmerz mit sich trugen, einzig dass Erestors Familie lebte, aber ebenso endgültig von ihm getrennt war.

Lómions Jugend war dem Fürsten hinderlich und er stand sich oft genug selbst im Weg. Zu rasch waren sein Verstand und seine Zunge. Direktheit das Schwert, dass die Wahrheit in die Herzen jener schnitt, die ihm zuhörten. Ebenso wie seine tiefe Zuneigung zu Prinzessin Itarillë, deren freundliche Gesten anfangs das Licht aus dem Tal der Verzweiflung waren, welches in Finsternis ertrank. Sein Fürst hatte sich daran geklammert und nicht mehr losgelassen.



Das hatte natürlich auch dazu geführt, dass Erestor oft genug Schwierigkeiten hatte, alles gerade zu biegen. Die Zurückweisung der Prinzessin, die für jemanden wie Lómion, der nicht einmal das Prinzip der Nähe verstanden hatte - seinen Onkel siezte er, doch Itarillë duzte er, weil sie es nach dem Tod Irissës verlangt hatte - und sich für sie geöffnet hatte, war ein Schlag in das Gesicht des Jungen gewesen. Oft genug hatte der Fürst Wutausbrüche, wenn er von einem Treffen mit Turucános Tochter kam.

So ruhig und rationell Fürst Lómion war, so schnell wurde er emotional, wenn es sie betraf. Er wurde kühler und schärfer und es lag nur zu oft an Erestor, den anderen Fürsten in seinem Namen Entschuldigungen zu schreiben, wenn er zu direkt Fehler aufdeckte.

"Es geht", murmelte Erestor, um nicht die ganze Zeit zu schweigen, und der Stich der Sehnsucht nach seiner Familie war wieder da. Lómion erinnerte in mancher Hinsicht an seinen kleinen Neffen, den er in Vinyamar zurückgelassen hatte und der Halbwaise nach dem Tod seines Vaters war. Und die dunklen, blauen Augen seines Fürsten waren seinen eigenen dunklen, veilchenblauen nicht unähnlich.

Ein Schnauben erklang und aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Ecthelion seine Arme verschränkte.

"Natürlich, und du kannst ohne Probleme so weitermachen, wie bisher", erwiderte sein Freund sarkastisch.

"Ich werde mit Lóm… Fürst Lómion sprechen", sagte Erestor leise und straffte sich etwas. Ein frustriertes Stöhnen erklang und strafend sah er zu dem hochgewachsenen Noldo.

"Glaubst du, ich wüsste nicht, wie ihr zwei Geheimniskrämer zueinandersteht?"

Manchmal war es ihm unverständlich, wie gut Ecthelion ihn kannte. Doch der Themenwechsel, der nun folgte, ließ ihn erst perplex zurück.

"Ich habe gehört, dass einst Aran Feanáro als Kind diese Blumen Erinnermichs genannt hat", sagte Ecthelion plötzlich und Erestor erstarrte. "Er hat es beibehalten für seine Mutter."



Ein verstehendes Lächeln begann, sich über Erestors Gesicht auszubreiten. Erinnermichs, wie passend. Ein positiverer Name für die Blumen vor ihm.

"Eine bezaubernde Bezeichnung."

Seine Finger berührten die Blüten erneut und er seufzte. Es war etwas, was den verblichenen König überaus sympathisch wirken ließ, egal was er auch in der Vergangenheit getan hatte. Erestor war immer noch der Meinung, dass die Lindar die Hauptschuld in Alqualondë traf. Er war in der Nähe gewesen, als Feanáro Olwë zitiert hatte, um seine Söhne zu überzeugen.

Er schnaubte und schüttelte nur den Kopf bei dem Gedanken.

Die Schiffe wären den Lindar so viel wert, wie die Gemmen den Noldor, Arbeiten gemacht mit Herzblut, welche nicht mehr so geschaffen werden könnten. Natürlich hatte Olwë die Schiffe weder verleihen noch hergeben wollen, doch der Kommentar war ein Witz gewesen. Die Noldor hatten alle Gemmen verschenkt, Aman reich gemacht und die Lindar hatten die Geschenke mit Füßen getreten und in Tümpeln und ins Meer geworfen, wie auch an Stränden verteilt. Schön anzusehen fürwahr.

Doch Erestor hätte diese Narren jedes Juwel aus dem Sand sieben, aus dem Meer tauchen und den Tümpeln fischen lassen, nach diesem Kommentar. Erestor wäre höchstpersönlich daneben gestanden und hätte diese Arbeiten beaufsichtigt. Allein das Zusehen wäre es wert gewesen.

Dass Aran Feanáro danach die Schiffe nahm, war zu erwarten gewesen. Es war blanker Hohn. Und die Teleri hatten das Blutvergießen begonnen…

"Du denkst zu düster, Erestor", wurde er in seinen Gedanken unterbrochen. Eine Hand wurde ihm gereicht, die er ergriff. Er klopfte seine Robe ab und richtete seine Brosche, die den Überwurf zusammenhielt. "Immer tadellos!" Sanfter Spott lag in Ecthelions Stimme und er holte aus der blauvioletten Umhängetasche, die er mitführte, die silberne Flöte, für die der Fürst des Hauses der Quellen berühmt war.

Finger berührten das Instrument. Die Leidenschaft war deutlich erkennbar.



"Du weißt, dass du jederzeit in mein Haus kannst?"

Erestor nickte nur. Immer wieder wurde ihm das Angebot unterbreitet, ins Haus der Quellen zu wechseln, damit er nicht mehr Lómions Düsternis ausgesetzt war. Gleichzeitig natürlich auch eine Einladung in Ecthelions Haus zu kommen, um gemeinsam zu essen und trinken.

Doch er würde sich nicht gegen Lómion stellen. Erestor mochte keine Familie mehr haben, aber er hatte sein Herz anderen geöffnet und er würde niemanden fallen lassen, nur weil es einfacher wäre. Und er wusste, das Haus des Maulwurfs würde ins Chaos stürzen, bevor der Frühling vorbei war, der gerade Einzug hielt. Er war der Dreh- und Angelpunkt. Und egal wie sehr Lómion, wenn sie alleine waren, seinem unterdrückten Temperament freien Lauf ließ, er würde ihn nicht im Stich lassen. Er wusste, wie es war, wenn die Familie nicht denselben Weg gehen wollte, wie man selbst. Es wäre Verrat.

Mit einem Seufzen schaute er hoch in den wolkig-blauen Himmel und auf die Blume in seiner linken Hand. Seine Augen wurden für einen Moment dunkel, bevor er sich Ecthelion zuwandte. Noch ehe dieser reagieren konnte, hatte er den schwarzen Zopf gepackt und steckte, die feinblütige Pflanze dekorativ hinein.

"Ich habe sie immer Himmelsaugen genannt, weil sie in den Himmel sehen und seine Farben angenommen haben", meinte er schließlich und ging auf Abstand. Ein überraschter, aber leicht erheiterter Blick wurde ihm zugeworfen, bevor Ecthelion vorsichtig nach dem Flechtwerk griff.

"Es gibt Mittagessen, begleitest du mich?", wurde Erestor gefragt und berührte vorsichtig seine Schulter. Erestor lächelte nur dankbar und folgte.

Ein letzter Blick zu den Himmelsaugen und er beschloss, dass er später eine kleine Vase auf Lómions Schreibtisch platzieren würde. Sein Blick wanderte zu Ecthelion, der die Sonne genoss.

Für einen Moment nur blitzten die sonst steingrauen Augen, bläulich im Licht der Sonne auf.
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