Die Wilden Kerle - Live in the Sunshine

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
Blossom Düsentrieb Leon Markus Maxi Vanessa
24.02.2015
19.09.2020
14
41.610
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16.09.2020 4.201
 
Kapitel 12 - Pferdestärken

Verflixt! Die waren vielleicht schnell.
Ich schlug die Zweige zur Seite und hechtete über einen am Boden liegenden Stamm. Dann rutschte ich kurz auf dem schlammigen Boden aus, fing mich wieder und umrundete einen großen Findling mit drei Schritten. Mit voller Wucht kickte ich das schwarze Leder weiter. Ich blickte stur nach vorn, nur auf den Verlauf des Balles, während ich weiter lief. Ich spürte das Schlagen der Äste gegen meine Beine. Mein Atem ging flach und hechelnd und mein Rachen war knochentrocken.

Beim heiligen Dracul, ich lief schneller, als jemals zuvor in meinem Leben. Mein Herz pochte mir bis zum Hals. Ich spürte den Schweiß meine Stirn herunterlaufen und über meine Nase tropfen. Den Hang hinauf.

Als ich keuchend die Hügelkuppe erreicht hatte und mühsam nach Luft schnappte, kickte ich das Leder, das bereits wieder seinen Weg von der Unerschrocken zurück zu mir gefunden hatte, mit voller Wucht weiter. Raban tauchte neben mir auf, verpasste mir einen heftigen Stoß und taumelte die andere Seite des Hang hinunter. Ich hastete ihm hinterher. Meine Schuhsohlen glitten auf dem glatten Teppich aus Piniennadeln aus. Unten angekommen, stemmte ich mich vor Raban und in einer eleganten Drehung kickte ich das Leder wieder quer durch den Wald, zurück zu Vanessa. Dann ging es wieder bergauf.

Einige Meter vor mich erblickte ich zwei umgestürzte Baumstämme und davor Büsche und kleinere Felsbrocken. Ich griff nach einem der Büsche und zog mich daran hoch. Meine Füße rutschten auf dem feuchten Boden. Ich fiel, rappelte mich aber sofort wieder auf und griff erneut nach einigen Ästen, die sich mir entgegenstreckten. Dann erreichte ich den ersten Baumstamm. Ich umklammerte einen größeren Ast und zog mich über den Stamm. Meine Hose ratschte auf der Rinde, und es war mir, als wäre sie zerrissen. Aber es war keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich musste weiter. So schnell ich konnte.

Es war Gleichstand: Vier zu Vier.
Doch bisher sah es eher so aus, als würden die Jungs gewinnen.

Mit letzter Kraft wuchtete ich mich über den zweiten Baumstamm. Dahinter trat ich wieder auf feuchten Waldboden. Erneut geriet ich ins Straucheln, konnte mich aber gerade noch fangen. Deutlich hörte ich seine Schritte hinter mir. Gleich würde auch er über die Baumstämme kommen, mich erreichen und mir den Ball vor der Nase wegschnappten. Das durfte nicht passieren. Aber ich konnte nicht mehr. Mein Hals schmerzte, mein Atem war so flach, dass ich kaum Luft bekam. Es war zu heiß, einfach zu heiß. Meine Beine drohten wegzusacken, doch ich riss mich zusammen. Mit letzter Kraft setzte ich mich in Bewegung. Doch das war er schon direkt neben mir.

Leon, der Slalomdribbler, hastete im selben Tempo wie ich dem Ball hinterher und versuchte verbissen, an mir vorbei zu kommen. Doch diese Genugtuung würde ich ihm nicht geben. Dort vorne würde es vorbei sein - so oder so. Dort vorne kam nämlich ein Spalt, der von einem tiefen, reißenden Fluss gefüllt wurde.

Ich bemerkte, wie Leon zu mir herüber schielte. Auch auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet und er röchelte nach Luft. Doch seine Verbissenheit war im deutlich ins Gesicht geschrieben. Er wollte nicht verlieren - er hasste es - und schon gar nicht gegen zwei Mädchen. Das Rauschen des reißenden Flusses wurde immer lauter. Meine Lunge brannte, doch ich weigerte mich aufzugeben.

Zehn Meter. Das Leder flog über unsere Köpfe hinweg, über Sträucher, Steine und Geäst - unaufhaltsam.
Neun Meter. Ich stolperte über einen Stein, geriet ins Straucheln, aber fasste mich ungewöhnlich schnell wieder.
Acht Meter. Mein Herz hämmerte gegen meine Brust und meine Ohren glühten.
Sieben Meter. Hinter uns hörten wir Raban und Vanessa brüllen.
Sechs Meter. Leon griff nach meiner Schulter, versuchte, mich daran zurück zu zehren, mich am weiterlaufen zu hindern, doch ich griff ebenfalls nach ihm und wir begannen im Laufschritt zu rangeln.
Fünf Meter. „Leon!", hörten wir Raban hinter uns rufen, doch wir ignorierten ihn und liefen unbeirrt weiter.
Vier Meter. Das Wasser Spritze und schlug uns bereits  entgegen.
Drei Meter. „Schitte nochmal! Seid ihr völlig bekloppt? Bleibt endlich stehen!"
Zwei Meter. Leon stemmte die Füße in die Erde und bremste ab.
Ein Meter. Es war zu spät, ich hatte keine Chance mehr rechtzeitig stehen zu bleiben. Stattdessen streckte ich die Arme aus, bekam eine Liane zu fassen, die von einem Baum hing, und schwang mich weit über den reißenden Fluss. Ich klammerte mich fest, als hinge mein Leben davon ab, was es im Grunde auch tat. Doch da ich solche Höhen von Soccer Six 3D gewohnt war, behielt ich einen klaren Kopf und streckte mit letzter Kraft mein Bein aus und nach der schwarzen Pille zu treten.

Am anderen Ufer rutschte die Liane hinunter und schon hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Bei den ersten Schritten fühlten sich meine Beine ganz wabbelig an und ich hätte mich fast auf die Nase gelegt, wäre da nicht schon Vanessa auf mich zu gerannt. „Schitte nochmal, das war echt wild!“ Die Unerschrockene hielt mir die Hand zum High Five hin. Ich schlug ein und stieß einen Freudenschrei aus. Ich hatte das Gefühl, vor lauter Glück zu platzen. „Und ziemlich wagemutig", bemängelte Raban mein Kunststück, der nun ebenfalls bei uns angekommen war und seine Hände in die Seite gestemmt hatte.

Leon trat nun ebenfalls nach Luft schnappend zu uns und stütze seine Hände auf den Knien. „Kacke verdammte, du bist echt nicht ganz dicht!"
„Egal, trotzdem hast du gewonnen!“, rief Vanessa.
Mein Unterkiefer klappte auf. „Was? Bist du sicher?“
Vanessa lachte. „Definitiv. Du hast Leon besiegt. Darauf kannst du dir echt was einbilden.“

„Sie hat mich nicht besiegt“, widersprach Leon. „Ich habe das Match vorzeitig beendet, weil es zu gefährlich war.“ Und er hatte mich geschont, fügte er vermutlich in seinen Gedanken hinzu. Wäre ich ein Junge gewesen, würde das Ergebnis völlig anders aussehen. Denn dann hätte er mich geschubst und getreten, vermutlich. Auch wenn ich stark und schnell war, war ich trotzdem kein ernstzunehmender Gegner für ihn. Die Idee schien ihm offenbar völlig absurd zu sein.

Vanessa schien über Leons Arroganz nur amüsiert zu sein. „Machen wir uns nichts vor. Blossom hat dich geschlagen.“ „Weil ich sie gelassen habe“, schnappte er. Wie gütig von ihm. Vanessa grinste und versuchte nicht zu lachen. „Nimm es nicht persönlich, Leon“, sagte ich. Raban klaubte das schwarze Leder auf und wandte sich zum Gehen. „Ist doch nur ein Spiel. Glückwunsch, Mädels. Und jetzt kommt, lasst uns zurück gehen, vielleicht ist jemand von den anderen schon zurück.“

Leon schnaubte. Er war ganz eindeutig wütend und sauer wegen seiner Niederlage. Ich huschte an ihm vorbei und gesellte mich zu Raban. Der war eindeutig der bessere Verlierer. Als ich einen kurzen Blick über meine Schulter zurück warf, sah ich, wie Vanessa sich zu Leon gesellte und sich bei seinem Arm einhakte. Jetzt, wo die beiden allein waren, schien sie sich nicht mehr zurückhalten zu wollen.

„Und wie schmeckt dir deine Niederlage? Schön bitter, will ich hoffen", ärgerte Vanessa ihn, woraufhin Leon grummelnd das Gesicht verzog und sich ihrem Arm entriss. Heute wurde seine Selbstbeherrschung aber ganz schön unter Probe gestellt. „Gut“, sie verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihm einen harten Blick zu. „Dann frage ich einfach anders: Wie fühlt es sich an, von einem Mädchen in den Arsch getreten zu werden?“, fragte sie keck.

„Sie hat mir nicht in den Arsch getreten“, schnappte Leon. „Wir haben das Matsch nicht einmal beendet.“ „Du hast es nicht beendet.“ Er fuhr mit der Hand durch seine Haare und seufzte dann. „Du bist echt eingebildet.“ „Du bist einfach ein Arschloch.“ Sie schoss noch einen Blick auf ihn ab, bevor sie ihre Schritte beschleunigte und zu mir aufschloss.

Leon blieb stehen und schwitze immer noch. Er war wütend darüber, wie die Sache ausgegangen war. Aber es war nun einmal, wie es war, und das konnte auch der härteste Dickschädel, der auf diesem Planeten wandelte, nicht bestreiten: Ich hatte den Slalomdribbler besiegt und diese Niederlage schmeckte offenbar verdammt bitter. So bitter.


„Warte hier. Ich hol dir was zu trinken“, sagte Vanessa während sie mir im Vorbeigehen auf die Schulter klopfte und nur einen Moment später in der Werkstatt verschwand. Den Kopf zu Boden gerichtet betrachtete ich den Schmutz, der auf den schwarzen Stiefel von Klette klebte. Die Schuhe hatten wirklich schon bessere Zeiten erlebt. Vorne an der Kuppe war das Leder abgewetzt, einer der Schnürsenkel war abgerissen und die Sohlen waren abgelatscht. Nichts desto trotz fühlte ich mich in den klobigen Stiefeln einfach nur wohl.

„Und? Das Spiel gut überstanden?“, hörte ich seine Stimme hinter mir. Abrupt hob ich den Kopf und drehte ich mich um. Da stand er. Lässig lehnte er an der Hauswand und musterte mich. Ein paar Knöpfe an seinem dunkelblauen Langarmshirt geöffnet. Seit der Aktion nach dem See hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Ich brauchte eine Weile, bis ich meine Stimme wiederfand.
„Oh ja,... ziemlich gut sogar.“

Maxi stemmte sich von der Hauswand ab und lief mir entgegen. Im Sonnenlicht blieb er mir gegenüber stehen. Sein Blick war sanft und dieses warme Gefühl breitete sich wieder in meinem Körper aus. Wie schaffte er es nur immer wieder mich so in Verlegenheit zu bringen?
Ich nickte und kämpfte mit den Worten, die sich in meinem Kopf bildeten.

„So, hier trink das... Oh, Maxi!“ Vanessa kam gerade zu uns. Sie hielt mir eine Flasche Wünsch- Dir-Was-Du-Willst-Geschmack – Brause hin. „Und, was Neues von Ragnarök?“, fragte sie erwartungsvoll. Das Lächeln auf Maxis Gesicht erstarb. „Nein.“ „Schitte. Leon ist nach seiner Niederlage so schon übelst gelaunt. Ich hoffe Joschka hat mehr Erfolg.“ Die Unerschrockene rieb sich die Nasenwurzel. Maxi zuckte nur mit den Schultern und warf mir einen kurzen verstohlenen Blick zu, ehe er zu Boden sah.

Vanessa blickte zuerst ihren Teamkameraden an, dann mich, dann sah sie wieder zu Maxi und wieder zu mir zurück. Ein Grinsen bildete sich auf seinen Lippen. „Ups, ich wollte nicht stören.“ Sie zwinkerte Maxi noch einmal zu, ehe sie Schritt für Schritt langsam rückwärts ging und schließlich in der Werkstatt verschwand. Ich schüttelte belustigt den Kopf und schloss die Augen, während ich mit meinen schmalen Fingern zögerlich über das Etikett rubbelte. Als ich meine Augen wieder öffnete, hatte sich die durchsichtige Flüssigkeit in eine satte rotglänzende verwandelt.

„Himbeersaft“, meinte ich Schulterzuckend, als ich Maxis fragenden Blick bemerkte. „Was dachtest du denn?“ Er grinste. „Muss ich dir darauf wirklich eine Antwort geben?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann verrate mir wenigstens, wo du die letzten Tage gesteckt hast.“ „Wieso? Hast du mich etwa vermisst?“, fragte er und knuffte mich in die Seite. Ich zuckte zurück. „Wohl kaum“, sagte ich, bemüht gleichgültig zu klingen, während ich ihm gegen seine harte Brust boxte.

Dann trank ich einen Schluck von dem Getränk. Genüsslich seufzend setzte ich die Flasche wieder ab. „Raban hat mir vorhin erzählt, dass du Leon beim Fußball fertig gemacht hast“, raunte Maxi mit seiner tiefer Stimme, woraufhin sich eine Gänsehaut in meinem Nacken ausbreitete. „Da musst du was falsch verstanden haben“, gab ich unbeeindruckt zurück und gemeinsam gingen wir zurück zur Werkstatt. Verwirrt sah Maxi mich von der Seite an. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Ich habe ihm nämlich in den Arsch getreten“, sagte ich triumphierend und konnte den Hauch von Eigenlob in meiner Stimme nicht verhindern.

Der Mittelfeldspieler lachte leise. „Scheint sich gut anzufühlen, so ein Sieg.“ Diesmal war ich diejenige, die mit den Schultern zuckte, woraufhin ein leichter Schmerz durch meinen Nacken zog. „Mal abgesehen von den paar verkrampften Muskeln fühle ich mich großartig. Aber wenn ich heute nicht mehr durch den Wald rennen und an Lianen schwingen muss, was ich nicht vorhatte, dann wird das schon von allein wieder.“ Maxi hielt mir die Metalltür zur Werkstatt auf auf, damit ich eintreten konnte.

Marry und Nerv saßen an dem Holztisch und spielten Karten. Der Fernseher war an und es lief ein Fußballspiel. Es stand 0:2. Klette und der andere Zwilling saßen auf der Couch und verzogen keine Miene, auch nicht bei einer spannenden Torszene. Schienen wohl einfach nicht ihre Mannschaften zu sein. Von Düse bekam man nur die dreckigen Schuhsohlen zu sehen, da sie tief im Motorraum des Karts vergraben war und lediglich ihre Füße noch hervorragten.

„Wenn du sonst nichts vorhast, würde ich dich gerne auf einen kleinen Ausflug mitnehmen“, sagte Maxi, woraufhin er im Gehen einen Arm um mich legte. „Nur du und ich?“, fragte ich hastig und sah zu ihm auf. Er nickte grinsend, woraufhin ich die Augen zusammenkniff. „Hast du vor mich im Wald auszusetzten?“

Maxi fuhr sich grinsend durchs Haar, schüttelte dann aber den Kopf. „Klingt zwar verlockend, aber nein.“

Ich löste mich aus seinem Griff, blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn das eine blöde Racheaktion werden soll wegen den geklauten Klamotten unter am See, dann schwöre ich dir...“ Seine Hand wanderte in mein Gesicht und auf meinen Mund. „Kannst du einfach mal die Klappe halten?“ Er wandte sich schmunzelnd von mir ab und ging zu Markus, der vor einem schwarzen Motorrad saß. Maxi flüsterte ihm etwas zu, was Markus zwar nicht dazu veranlasste, den Blick von seiner Maschine zu nehmen, ihn dafür aber den ausgesteckten Daumen in die Höhe recken ließ.

Dann verschwand Maxi im Wohnbereich.

„Wenn du andere Klamotten brauchst, drüben im Schrank sind noch welche. Ich würde dir raten, was aus Leder anzuziehen“, sagte Markus geistesabwesend und versuchte mit dem Lötkolben das Leck zu flicken. Dabei fand seine Zungenspitze ihren Weg zwischen seine Lippen und es sah irgendwie niedlich aus, wie er versuchte, sich zu konzentrieren.

Ich kramte die alte, lange nicht mehr getragene Lederkombi von Vanessa aus den Tiefen des Schrankes. Nachdem ich mich oben in einem Zimmer verkrochen hatte, zog ich die schwarze Lederhose der Motorradkombi über und ein ebenfalls schwarzes T-Shirt an. Dazu streifte ich Klettes schwarze schwere Stiefel über die Füße. Derart für alles gerüstet, verließ ich das Zimmer und ging zurück in die Werkhalle. „Kann es losgehen?“, fragte Maxi vollkommen unbefangen. Woraufhin ich nickte und ihm nach draußen folgte.


Als wir vor einem nachtschwarzen Cross - Motorrad, das eindeutig schon einige Jahre auf dem Rücken hatte, angekommen waren, fuhr er langsam mit der Hand über das Metall und den glänzenden Lack. Ich unterdrückte das Kribbeln, das mich erfasst hatte. „Hier. Setzt ihn auf.“ Ohne Umschweife warf er mir einen Helm zu. Grinsend schüttelte ich den Kopf. „Ich dachte, ich hätte endlich ein paar Tage Pause davon.“ „Du bist jetzt ein Wilder Kerl. Also sei gefälligst ein bisschen abenteuerlustiger“, zog er mich auf und griff nach dem Helm in meinen Händen, um ihn mir in einer schnellen Bewegung auf meinen Kopf zu setzen, ehe ich erneut etwas sagen konnte. „Aber nur unter Protest“, erwiderte ich. „Wird im Protokoll vermerkt.“ Er schlüpfte in seine Motorradjacke.

„Bist du bereit?“, fragte er nachdem er den Zipp hochgezogen hatte. Als Antwort klopfte ich zweimal mit der Faust auf den Helm. Er grinste und setze sich auf sein Bike. Ich schwang mein Bein ebenfalls über die Maschine und warf ihm dann einen Blick über die Schulter zu.

Durch die Neigung der Sitzbank glitt ich sofort nach vorn, sodass ich seinen Po und seine Beine zwischen meinen Schenkeln spürte. Hastig rutschte ich ein Stück zurück.
Doch er gab mir einen leichten Klaps auf den Oberschenkel. „Hör auf, dich zu bewegen. Sonst bringst du die Maschine aus dem Gleichgewicht.“ Er drehte den Zündschlüssel um.

„Bist du soweit?“, rief er über das Röhren des Motors hinweg. Eifrig nickte ich.

Dann klappte er das Visier herunter und fuhr scharf an. Der Hinterreifen verlor für einen kurzen Moment den Griff und schlitterte seitlich weg, aber Maxi verlor keinen Augenblick die Kontrolle über die Höllenmaschine. Geschickt zog er sie wieder in die Bahn, schoss davon und wir verließen die abgelegene Schotterstraße zur Werkstatt.




„Worauf wartest du?“, schrie ich einige Zeit später über das Röcheln der Maschine hinweg. Maxi hatte mitten im Wald auf einem abgetragenen Forstweg angehalten und sich seither nicht mehr bewegt. „Weiter fahr ich nicht.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Ich dachte, du wolltest mir etwas zeigen?“
„Ja, schon. Aber ich fahr ab hier nicht mehr weiter.“ Er drehte den Zündschlüssel um und brachte die Maschine damit zum Schweigen. Ich schwang mich vom Sattel.

„Also gehen wir zu Fuß?“, fragte ich, während ich mir den Helm vom Kopf zog. „Nein.“ Er klappte den Ständer um, lehnte das Motorrad darauf und stieg ab.
Verständnislos sah ich ihn an. „Was?“
„Du fährst“, erläuterte er. Verblüfft zog ich die Augenbrauen hoch. Das konnte doch nur ein Scherz sein. Oder hatte ich mich einfach nur verhört?

Dann schluckte ich hart, denn sein Gesichtsausdruck teilte mir nämlich unmissverständlich mit, dass es ihm ernst war.

Dabei konnte ich doch nicht einmal Motorradfahren?!
Bis vor einer Woche war ich noch nicht einmal auf einem mitgefahren.

„Was?!“, fragte ich daher erneut – völlig verständnislos.

Maxi lächelte amüsiert, ergriff meinen Jackenärmel, ehe er mit einem Schritt direkt vor mir stand. Verstohlen blickte ich an ihm hoch. „Du brauchst keine Angst zu haben, Blossom. Ich zeige dir, wie es geht“, sagte er sanft und fuhr mit seinen rauen Fingern über meine Wange. Ich kniff die Augen zusammen und beugte mich noch ein Stück näher zu ihm. Meine Mundwinkel wanderten in die Höhe.

„Langsam, aber sicher glaube ich, du willst mich wirklich umbringen.“ „Wart’s ab“, erwiderte er nur und nahm mir den Helm ab. Ich widersprach nicht, was Maxi offenbar einen kurzen Augenblick lang verwundern schien, sondern lief einfach neben ihm her, zurück zum Motorrad, als hätten wir solche verrückten Dinge schon unzählige Male getan. Und genau so fühlte es sich auch an. Irgendwie vertraut. Wie der süße Geruch von heißer Schokolade, die man schon als Kind geliebt hatte.

Maxi sah das Motorrad noch einmal prüfend an, dann deutete er einladen auf den Sattel. Ich blies mir eine verirrte Locke aus der Stirn. „Und jetzt?“
„Hinsetzen.“
„Bist du immer so dominant?“
„Gefällt es dir?“

Ich schnaubte abfällig, aber das konnte nicht über mein Lachen hinwegtäuschen. Schließlich schwang ich mich seufzend auf den Sattel und umklammerte die Lenkstange so fest, dass mir bereits nach wenigen Sekunden meine Finger schmerzten. Ich hörte Maxi aufmerksam dabei zu, wie er mir die einzelnen Bestandteile erklärte.

Die Nervosität kroch in meine Glieder und ich begann ungewollt zu zittern. Als er sich sicher war, dass ich einen guten Stand hatte, ließ er den Ständer nach oben klappen und ich merkte erst jetzt, wie schwer diese Mördergeräte eigentlich waren. Sofort überkam mich eine ungemeine Angst das Motorrad umzuschmeißen und mich vor Maxi zu blamieren.
Panisch schüttelte ich den Kopf. „Maxi, ich kann das nicht!“

Beruhigend legte er die Hand auf meinen Rücken. „Natürlich kannst du das. Es ist ganz einfach. Du ziehst zuerst die Kupplung.“ Er deutete auf einen Hebel auf der linken Seite der Lenkung. „Dann mit der rechten Hand ein bisschen Gas geben.“ Er legte seine Hand sanft auf meine, drehte gemeinsam mit mir am Gas und ließ  die Höllenmaschine kurz aufheulen. „Und dann ganz gefühlvoll die Kupplung kommen lassen“, dabei betonte er das Wort ‚gefühlvoll’ ganz besonders.
Das klang ja gar nicht mal so schwer.

Ich nickte ihm zu, woraufhin er einen Schritt zurückwich und ich versuchte das zu tun, was Maxi mir gesagt hatte. Leider sah die Realität dann doch etwas anders aus. Der Motor schnurrte kurz, starb aber augenblicklich wieder ab. Und nach weiteren Versuchen sah das ganze auch nicht wirklich besser aus. Dieses Motorrad machte einfach nicht das, was ich wollte. Ich konnte Maxis lautloses Grinsen in meinem Nacken spüren und wurde immer röter um die Nasenspitze herum. Als ich die Maschine ein weiteres Mal klagend abgewürgt hatte, stiegen mir die Tränen in die Augen. Mist verdammter!

„Ich hab doch gesagt, ich kann das nicht.“ Protestierend verschränkte ich die Arme vor der Brust. Die ganze Technik unter mir reagierte auf jede meiner Regungen plötzlich und absolut unerwartet. Ich füllte mich als würde ich auf einem Pferd sitzen, die merken schließlich auch immer, wenn der Reiter keine Ahnung hat. Vielleicht kam daher der Begriff Pferdestärken? Bei Gelegenheit sollte ich Düsentrieb einfach mal danach fragen.

„Dir fehlt einfach die Übung.“ Maxi tauchte in meinem Sichtfeld auf und lehnte sich über die Lenkstange hinweg zu mir. Er legte zwei Finger an mein Kinn und zwang mich mit leichtem Druck zu ihm aufzusehen. Um seine Mundwinkel lag ein aufmunterndes Lächeln, aber ich konnte genau das amüsierte Funkeln in seinen Augen sehen.

„Ein letzter Versuch“, gab ich schließlich seufzend nach und Maxi nickte zustimmend.
Er ging um das Motorrad, bis er schließlich auf meiner linken Seite zu stehen kam. „Schließ deine Augen, konzentrier dich, atme tief ein“, befahl er. Ich konnte mir ein kurzes Augenrollen nicht verkneifen, tat dann aber, wie mir geheißen. Ich sog die Luft in meine Lungen. Fast wäre sie mir entwichen, als ich spürte, wie Maxi meine linke Hand nahm und vorsichtig an der Kupplung zog. Automatisch drehte ich mit der rechten am Gas. Maxi spielte mit der Kupplung, ließ sie so weit schleifen, bis die ganze Maschine unter mir wohlig schnurrte.
Strahlend öffnete ich meine Augen und Maxi ließ meine Hand los.

Sämtliche Luft wich aus meinen Lungen, als sich das Motorrad mit einem leichten Ruck nach vorne in Bewegung setzte. Es gelang mir sogar einige Meter zu fahren, umzudrehen und zurück zu Maxi zu düsen, bevor ich den Motor erneut elend hechelnd abwürgte. Dabei brachte ich die Maschine ins Wanken und verlor die Kontrolle. Ich hechtete über die Lenkstange und landete mit dem Gesicht voraus neben Maxi im Matsch.

Würgend richtete ich mich auf und spuckte den widerlichen Geschmack aus.
Sofort packte mich der Mittelfeldspieler unter den Armen und zog mich wieder auf die Beine. „Gar nicht mal so übel. Das Ende müssen wir noch üben“, sagte er grinsend und strich mir den Schlamm von der Wange. Eigentlich hätte ich ihn treten müssen, ihn vielleicht sogar kopfüber in den Matsch tauchen, oder ihm das amüsierte Grinsen aus dem Gesicht prügeln sollen, doch ich tat es nicht. Denn komischerweise zeichnete sich auch auf meinen Lippen ein deutlich zufriedenes Grinsen ab.

Mein Ehrgeiz war geweckt.
Sofort saß ich wieder auf der Höllenmaschine, versuchte es wieder und wieder, wobei es mir immer öfter gelang das Motorrad in Bewegung zu setzen. Manchmal flog ich samt Maschine um und landete auf dem weichen Waldboden. Das nasse Gras und der Matsch unter mir begleiteten meine Versuche mit schmatzenden Geräuschen. Zu allen Seiten spritze der Dreck hoch und verwandelte meine Kleidung sowie die Maschine in ein vor Schlamm triefendes braunes Etwas.

Zwischendurch gab es zwar immer wieder Momente, in denen ich dachte, dass ich es wohl nie lernen würde und spielte mit dem Gedanken aufzugeben, aber ich wollte es unbedingt schaffen. Nicht nur für mich, sondern auch für Maxi, der mit einer Engelsgeduld am Wegrand stand und nach jedem tiefen Fall sofort zur Stelle war, mir hoch half und dann die Maschine wieder in eine aufrechte Position brachte, damit ich weiter probieren konnte. Natürlich entging mir sein amüsiertes Grinsen dabei keinesfalls. Aber ich würde später noch genügend Zeit haben, um mich dafür bei ihm zu rächen.

Nach einigen weiteren Versuchen gelang es mir dann doch mich länger im Sattel zu halten. Ich fuhr eine kleine Runde durch den Wald, wobei man eigentlich sagen musste, dass das Motorrad mehr mit mir fuhr als umgekehrt, aber ich grinste trotzdem stolz wie ein Honigkuchenpferd, als ich direkt vor Maxi abbremste. Ich hatte das Rodeo gewonnen. Und auch Maxi wirkte mehr als zufrieden.
„Hast du das gesehen? Hast du es gesehen?“, strahlte ich, während ich von der Maschine rutschte.

Doch als meine Beine den Boden berührten, war die Euphorie schnell vorbei, denn meine Knie sackten einfach zusammen. Meine Füße schienen nicht mehr kräftig genug, um mich allein zu tragen, und so gaben sie einfach nach. Ich kniff die Augen zu, wie man es tut, wenn man weiß, dass man gleich hinknallt, doch bis zum Aufprall kam ich gar nicht. „Pass auf“, sagte er hastig, während er mich am Arm packte und mich wieder hoch zog. Er half mir auf die Beine und legte seine Hände auf meine Schultern.

„Das war echt wild“, schmunzelte er. Ich blickte zu ihm hoch und traf direkt auf seine ebenholzbraunen Augen. Erneut merkte ich, wie meine Knie nachgaben, diesmal aus einem anderen Grund. Das unbeschreibliche Kribbeln in meinem Bauch wollte gar nicht mehr aufhören. Und das wurde auch nicht besser, als er seinen Arm ausstreckte und mir behutsam eine Haarsträhne aus dem mit Schmutz gezierten Gesicht strich. „Glaub ja nicht, dass du mich jetzt küssen darfst“, sagte ich, doch meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er grinste amüsiert. „Wirklich?“, fragte er und sah mir tief in die Augen.

Doch ich kam nicht dazu darauf zu antworten, denn Maxi hatte seinen Blick bereits wieder von mir abgewandt und konzentrierte sich auf die Umgebung. Ein Rascheln irgendwo weiter entfernt hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. „Was ist los?“, fragte ich mit einem Flüstern.
„Psst“, zischte Maxi scharf. Ein dumpfer Schlag landete auf meiner Brust als er mir den Helm dagegen drückte. „Komm, wir fahren zurück zur Werkstatt.“ „Ich dachte, du wolltest mir noch etwas zeigen?“, fragte ich verwirrt, während ich ihm hastig folgte. Er ließ sich auf den Ledersitz fallen und ich sprang hinter ihm auf.

„Ein anderes mal“, versprach er und ehe ich etwas dazu sagen konnte, düste er los.  
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