Kämpfer auf verlorenem Posten

GeschichteKrimi, Freundschaft / P16
Charlie Schneider Elisabeth von Lahnstein Oliver Sabel
23.02.2015
04.05.2015
12
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Hallo!

Bei dieser FF handelt es sich sozusagen um meine persönliche Abschiedsgeschichte von VL. Ich habe bereits im Dezember 2013 mit dem Schreiben der FF begonnen und sie nun nach dem zehnten Kapitel abgeschlossen, sodass ich relativ zeitnah die komplette Geschichte hier posten werde, ohne unter Schreibdruck zu geraten. Sie hat mit 50.000 Wörtern zwar keinen Kurzgeschichtencharakter mehr, ist aber auch auf keinen Fall länger als ein 120-Seiten-Roman.

Wünsche viel Spaß beim Lesen! :)

Rating: P16

Kapitel: 10 plus Prolog/Epilog

Charaktere:
Charlie Schneider [HR], Bernd von Beyenbach [HR], Elisabeth von Lahnstein [HR], Vanessa von Beyenbach (HR), Oliver Sabel, Christian Mann, Felix von Beyenbach, Frank Helmke, Bella Jacob, Tanja von Lahnstein, Josie Zech u.v.a.

Schauplätze: Hamburg [Prolog], Düsseldorf, Santa Eulària [Ibiza]




Prolog

Prolog

Die Straßenlampen warfen ihren milchigen Lichtschein auf die dunkle Gegend und boten die einzige Lichtquelle neben dem entfernten Aufflackern des Mondes am Horizont, der von einer schweren Wolkendecke verdeckt wurde.

„Ich sag's euch, wir hätten schon vorne am Eingang reingemusst“, flüsterte Finn, der kleine Mann mit den zittrigen Händen, der ständig Kaugummi kaute. Nie hatte Bernd ihn ohne Kaugummi angetroffen, und nie waren seine Hände ruhig.

„Damit uns der Sicherheitsdienst gleich aufgreift und wir uns demnächst mit Zellenmauern und harten Pritschen unterhalten können? Vergiss es, irgendwo hier muss ein Seiteneingang sein“, zischte Kilian, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit kräftigen Oberarmen, der scheinbar nie Angst verspürte … oder sie zumindest nie ausstrahlte.

„Hört schon auf, euch zu streiten, sonst können wir denen doch gleich zurufen, dass wir in die Fabrik einbrechen wollen.“ Bernd hielt abrupt inne, als er unvermittelt ein Geräusch vernahm. „Was war das?“, flüsterte er und duckte sich unwillkürlich hinter dem Busch, wobei er sich mit seiner dunklen Jacke in den Dornen verfing. „Verdammt!“

„Sei schon still“, sagte Kilian und packte Bernd am Kragen seiner Jacke. „Wenn heute irgendetwas schief läuft und du uns in eine Falle gelockt hast, kannst du deine letzten Zeilen schreiben, bevor wir dich an die Ratten verfüttern, also würde ich an deiner Stelle alles tun, was dich noch davor retten könnte, deine gerechte Strafe zu kassieren. Und dazu gehört nicht, tatenlos in der Gegend rumzustehen und darauf zu warten, dass wir uns nach einem Eingang dämlich suchen.“

„Nicht so humorlos“, sagte Bernd und grinste den Mann an, „ihr wollt schließlich auch an das Geld kommen, was ihr ohne mich allerdings vergessen könnt.“

Kilian stieß ihn von sich, sodass Bernd rücklings im Gebüsch landete. „Du solltest deine Zunge hüten, es sei denn, du willst sie unbedingt verlieren. Du bist nicht in der Position, uns gegenüber aufmüpfig zu werden. Wir wollen an das Geld, aber für dich steht mehr auf dem Spiel als für uns.“

„Schon gut“, erwiderte Bernd und rappelte sich wieder auf, wischte sich dabei den Dreck von den Hosenbeinen. „Der Seiteneingang wird hier schon irgendwo sein, und dann schnappen wir uns die Beute und ihr habt euren Frieden.“

„Könntet ihr vielleicht etwas leiser sein?“, fragte Finn nervös und blickte sich um. „Wer weiß, ob die nicht schon längst Wind bekommen haben, dass sie nicht allein auf dem Gelände sind, und was, wenn die Bullen nur darauf warten, uns endlich dranzukriegen?“

„Was suchst du dann noch hier?“, entgegnete Kilian aufbrausend. „Ich nehme das Geld gerne auch allein, also mach schon, verschwinde, wenn du zu feige bist, mit uns zu kommen.“

Plötzlich verdunkelten sich Finns Augen, sofern Bernd dies im Schein der Lampen erkennen konnte, doch er sagte nichts. Er sagte nie etwas, wenn Kilian so wütend war, dass er jederzeit hätte zuschlagen können, und es bestätigte Bernd in seinem Glauben, dass er vor Finn nichts zu befürchten hatte.

„Dahinten sehe ich ein Tor“, sagte Bernd plötzlich in der Hoffnung, Kilians Wut damit zu mildern. „Vielleicht ist das schon einer der unbewachten Seiteneingänge, die wir suchen.“

„Dann hol die Karte raus, damit wir nachher auch in die Fabrik kommen. Und vergiss den Schlüssel nicht, sonst kannst du dir bald diese Fabrik hier von unten ansehen.“

Bernd schnaubte so leise, dass Kilian es nicht hätte hören können, dennoch schien Kilian es gespürt zu haben, denn er drehte sich um und blickte Bernd so finster an, dass dieser glaubte, gleich zusammengeschlagen zu werden. Stattdessen schob sich Finn an ihnen vorbei und lief zum Tor.

„Es ist das Richtige“, rief Finn mit einem dünnen Lächeln auf dem Gesicht, „und es ist völlig unbewacht.“

„Nicht mehr lange, wenn du so weiterschreist“, zischte Kilian. „Bin ich hier eigentlich nur von Idioten umgeben?“

„Das frage ich mich auch“, konnte Bernd es sich nicht verkneifen.

„Noch ein Ton und deine Zunge landet im nächsten Mülleimer, verstanden?“, drohte Kilian und griff in seine Hosentasche, um seine Warnung zu untermauern.

Bernd sagte nichts mehr, zückte den Schlüssel und drehte ihn so leise wie möglich in das Schloss des Gatters. Es klackte und das Tor schwang auf, woraufhin Finn leise jubilierte und sich anschließend eine unerwartete Ohrfeige von Kilian einfing, der augenscheinlich ebenfalls mit seiner Contenance zu kämpfen hatte.

„Nicht die Nerven verlieren“, flüsterte Finn besänftigend, woraufhin Kilian sich durch das Tor schob.

„Nie wieder werde ich mich auf solche Stümper einlassen.“ Bernd und Finn warfen sich einen vielsagenden Blick zu, und nun traten auch sie durch das Tor und schlossen es geräuschlos hinter sich.

Die Fabrik war ein riesiges Gebäude aus roten Backsteinen, das weitgehend im Dunkeln lag und durch verschachtelte Konstruktionen, Treppen und Nebenhäuser kaum vom Haupttor aus, an dem die Wachen postiert waren, sichtbar war. Zahlreiche Türen zierten die Fassade des Gebäudes, dessen oberer Abschnitt von großen Fensterfronten ausgeschmückt war. Bernd erinnerte sich noch gut an diese Fabrik. Hier war die alte Werft der Firma seines Bruders Martin beheimatet gewesen, in der Hubschrauber, wertvolle Oldtimer und sogar Yachten gebaut oder restauriert worden waren – bis Bernd mit einem Versicherungsbetrug die Firma in den Ruin getrieben hatte, mit dessen Hilfe er ursprünglich selbst an die Leitung des rentablen Unternehmens hatte kommen wollen, und nach dem Scheitern der Intrige nach Südamerika geflohen war, um sich zwanzig Jahre lang nicht bei seiner Familie blicken zu lassen und seine heißgeliebte Tochter Vanessa zu zeugen. Als er nach Deutschland zurückgekehrt war, wohnten Martin und seine zweite Ehefrau inzwischen nicht mehr hier in Hamburg, sondern in Düsseldorf, und Bernd war es erneut gelungen, ihr Leben zu zerstören und sogar kurzzeitig die Leitung des neuen Medienunternehmens der Beyenbachs, 'Beyenbach AllMedia', an sich zu reißen … doch mit schweren Folgen, denn beim Versuch, Rache an ihm zu nehmen, starben Beatrice und sein Bruder Martin bei der Explosion der eigenen Familienyacht. Bernd war unbehelligt davongekommen.

Heute war alles anders. Seit über fünfundzwanzig Jahren gehörte dieses Grundstück nicht mehr den Beyenbachs, stattdessen war es von der weltweit handelsführenden Ahlen Group aufgekauft worden, die die die Geschäftsidee der Beyenbachs fortführte. Und dieses Gebäude war ihr heutiges Ziel.

Es war ihm wie ein Wink des Schicksals vorgekommen, als er vor einigen Tagen zufällig gehört hatte, dass die Ahlen Group einen millionenschweren Geschäftsabschluss mit einem Scheich aus den Emiraten über die Bühne bringen würde, zu dessen Krönung ein neu gebauter Hubschrauber gemeinsam mit Diamanten im Wert von 400.000 Euro, die ein deutscher Geschäftspartner des Scheichs der Werft anvertraut hatte, in die Luft heben und vom Hamburger Flughafen aus anschließend nach Dubai transportiert werden würde.

Allerdings ohne die Diamanten, wenn alles glatt verlief.

Bernd erinnerte sich noch gut an seinen gescheiterten Helikopterüberfall vor über acht Jahren, bei welchem er beinahe im Gefängnis gelandet wäre und Gregor Mann in erhebliche Schwierigkeiten gebracht hatte. Doch damals war alles anders gewesen, denn heute war er erfahrener, hatte präzisere Vorbereitungen getroffen und war nicht allein. Nicht, dass seine 'Komplizen' ihm die Angelegenheit erleichtert hätten. Schließlich unternahm er diesen Überfall lediglich, um die beiden Halunken zufriedenzustellen und ihnen das zu geben, was sie verlangten: ihr Geld. Im Laufe der Jahre hatte er fast eine halbe Million Euro Schulden bei verschiedenen Kredithaien angehäuft, und Kilian Stein und sein Cousin Finn Martensen waren zwei von ihnen, denen er den größten Anteil schuldete. Kilian Stein hatte er schon von Beginn an als skrupellosen Geschäftsmann kennengelernt, der nicht davor zurückschreckte, seine Opfer um Körperteile zu erleichtern, wenn sie nicht zahlten, oder sie umzubringen, nachdem er endlich sein Geld erlangt hatte. Finn Martensen erwies sich als deutlich umgänglicher, wenngleich er bei Kilians Vorgehensweisen keinen Einspruch erhob und sich meist widerspruchslos daran beteiligte. Bernd fragte sich oft, womit Kilian Finn unter Druck setzte, sollte dieser aus ihren Geschäften aussteigen wollen.

Die heutige Nacht war seine letzte Chance, sein eigenes Leben zu retten und Finn und Kilian zufriedenzustellen, indem er ihnen das Geld übermittelte, das er ihnen schuldete. Die Fabrik war laut Zeitungsbericht streng bewacht, doch Bernd hatte sich erkundigt und bei seinen 'Besuchen' in den vergangenen Nächten nicht nur einen Schlüssel für den Seiteneingang ergattern können, sondern auch zufrieden festgestellt, dass nur am Haupteingang feste Wachen aufgestellt waren, während die Seiteneingänge zumeist unbewacht waren und nur stündlich von patrouillierenden Sicherheitsangestellten kontrolliert wurden. Die letzte Wache war vor fünfzehn Minuten vorbeigekommen. Ihnen blieben somit noch fünfundvierzig Minuten Zeit für ihren großen Coup, der die Ahlen Group in große Probleme stürzen würde … doch Bernd plante, zu diesem Zeitpunkt bereits über alle Berge zu sein. Wenn Finn und Kilian die Abmachung nicht doch vorzeitig brachen und ihm den Gang ins Jenseits erleichterten, woran er jedoch noch keinen Gedanken verschwenden wollte. Dazu blieb ihm noch genügend Zeit, falls er realisierte, dass Kilian tatsächlich plante, ihn verschwinden zu lassen und mit den Diamanten zu türmen.

Bernd und die beiden Gläubiger standen nun vor einer schwarzen Stahltür und blickten auf das Eingabefenster, das rechts davon angebracht war. Sie mussten einen Code eingeben, doch daran, diesen herauszufinden, hatte Bernd im Vorfeld nicht gedacht. Er versuchte, sich selbstsicher zu geben, doch Kilian packte ihn an der Schulter und drückte ihm seine kalten Finger in den Nacken.

„Du gibst jetzt den richtigen Code ein, ansonsten zeige ich dir, dass meine Finger noch viel kälter sein können …“

Der Schweiß rann ihm über die Stirn, während er das Eingabefenster betrachtete. Der Lichtschein war nur schwach, dennoch konnte er erkennen, dass vier Tasten deutlich abgenutzt waren. Er überlegte, welche Eingabe Sinn ergeben könnte. Und plötzlich fiel ihm ein, dass diese Fabrik im Jahre 1985 von den Ahlens übernommen worden war; die abgenutzten Tasten waren 1, 5, 8 und 9. Mit zitternden Händen wählte er die entsprechenden Tasten. Und als er danach gegen die Tür drückte, sprang sie auf.

Das war schon fast zu einfach, dachte er, während Kilian sich an ihm vorbeidrängte und die Taschenlampe anschaltete. Finn und Bernd folgten ihm und ließen die Tür vorsichtig wieder ins Schloss fallen. Der Raum, in den sie eintraten, war größtenteils von Werkzeugkästen und Waschutensilien geprägt und bot an seinem Ende einen Durchgang in einen weiteren, größeren Raum mit zahlreichen Akten, Ordnern und Mappen.

„Wer hat die Karte?“, fragte Finn kaugummikauend und spielte nervös mit seinen Fingern herum.

„Irgendwann hacke ich dir noch die Finger ab, wenn du sie nicht endlich still halten kannst“, knurrte Kilian, ging aber nicht weiter darauf ein, als Bernd die Lagekarte der Fabrik auf einem verstaubten Schreibtisch ausbreitete.

„Wir müssten jetzt in diesem Teil sein“, sagte Bernd und zeigte auf einen östlichen Teil des Geländeplans. „Das bedeutet, dass der Hangar für den Hubschrauber ganz in der Nähe ist, da er sich recht weit am Gebäuderand befindet, damit der Heli problemlos aus dem Hangar gebracht werden kann, wenn er morgen starten soll.“

„Dann los“, sagte Kilian und drückte Bernd wieder die Karte in die Hand. „Du gehst voran, und wenn du nur einen Fehler begehst, verspreche ich dir, dass du ein toter Mann bist.“ Er ließ sein Taschenmesser aufschnappen und hielt es in Bernds Richtung, nah genug, dass er ihn jederzeit mit einem gezielten Hieb hätte aufschlitzen können.

Bernd schnappte einen Moment lang nach Luft, ließ sich seine Anspannung jedoch nicht anmerken, faltete die Karte zusammen und ging durch die Tür in den nächsten Lagerraum. Ein langer Flur und eine leerstehende Mitarbeiterkantine folgten, ehe sie an einer schweren Tür mit der Aufschrift 'Helikopterhangar, Zutritt für Unbefugte strengstens untersagt!' vorbeikamen.

„Na bitte, da wären wir“, sagte Bernd bemüht gelassen und drückte die Klinke herunter. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Mit wachsender Panik rüttelte er am Türgriff, doch sie sprang nicht auf. Kilian zwängte sich an ihm vorbei, stieß Bernd zur Seite und versuchte selbst, die Tür zu öffnen, doch ergebnislos.

„Dann hast du wohl nur eine Chance, Bernd von Beyenbach“, raunte Kilian ihm mit heiserer Stimme entgegen. „Entweder findest du etwas, womit du diese Tür öffnen kannst, oder aber du überlegst dir, ob jemand aus deiner Familie bereit wäre, dir ein Grab zu finanzieren, wobei ich bezweifle, dass du dir darum noch Sorgen machen musst, wenn du erst im Wald vergraben vor dich hin moderst.“

Mit dem Messer in der Hand ging Kilian auf ihn zu, woraufhin Bernd instinktiv zurückwich. „Ich habe eine Idee“, sagte er plötzlich und hoffte, Kilian damit in Schach halten zu können. „Da hinten liegt ein Brecheisen, wir könnten damit unser Glück versuchen.“

„Das ist doch viel zu laut“, sagte Finn, „was, wenn uns jemand hört?“

„Dann gibt es wohl nur noch eines“, zischte Kilian ungeduldig seinem Komplizen entgegen. „Die Beine in die Hand nehmen und hoffen, dass die Wachhunde hier so müde sind, wie es sich für diese Uhrzeit gehört.“

„Schon verstanden.“ Mit gesenktem Kopf schluckte Finn seinen Ärger hinunter.

Bernd kam inzwischen mit der Brechstange in der Hand an den beiden vorbei und legte diese an den Türgriff, um die Tür damit zu öffnen. Doch so sehr er sich abmühte, sie bewegte sich keinen Millimeter. „Keine Chance“, sagte er keuchend. „Wir können sie auch nicht eintreten, dafür ist sie zu dick. Wir müssen einen anderen Eingang finden.“

„Dann beeile dich besser“, flüsterte Kilian, „sonst hast du bald ein Messer zwischen den Rippen.“

„Das hilft dir auch nicht weiter, wenn du an dein Geld kommen willst, denn dafür brauchst du mich lebend.“ Bernd war es leid, Kilians Morddrohungen anhören zu müssen, dennoch fragte er sich, weshalb er plötzlich so lebensmüde war, Kilian Paroli zu bieten. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Kilian ihn umbringen würde. Nicht, dass dies eine besonders schlaue Tat Kilians gewesen wäre, doch konnte Bernd auch nicht behaupten, jenen für sonderlich schau zu halten.

Als er die Stange auf dem Boden ablegte, vernahm er plötzlich Schritte. Mit entsetzt aufgerissenen Augen blickte Bernd zu Finn zurück, der kaugummikauend an der Wand lehnte.

„Da ist jemand“, flüsterte Finn.

„Hey“, vernahmen sie eine Stimme vom Ende des Ganges, etwa zwanzig Meter entfernt, und der Schein einer Taschenlampe strahlte ihnen entgegen. Entfernt knurrte ein Hund. „Was haben Sie hier verloren?“ Er pfiff laut und rief in sein Funkgerät, um weitere Wachen zu Hilfe zu holen, während Finn bereits die Flucht ergriffen hatte und durch die Tür verschwunden war. Bernd bemerkte erst jetzt, dass Kilian ihm folgte, und nun verschwand auch er durch die nächste Tür und schlug diese eilig zu, in der Hoffnung, den Verfolger aufzuhalten, doch er war kaum am Ende des Raumes angelangt, als der Wachmann die Tür bereits aufgestoßen hatte und ihm hinterherrannte. Bernd folgte den Spuren der Verwüstung, die Finn und Kilian bei ihrer Flucht hinterließen. Die beiden stießen einen Schreibtisch um und verloren kurzzeitig das Gleichgewicht, wobei sie einige Akten auf den Boden warfen. Bernd ließ einige Ordner folgen, um den Gegner in Schach zu halten, doch sprang dieser leichtfüßig darüber, schrie erneut „Stehen bleiben!“ und folgte Bernd, der schon mit der Puste zu kämpfen hatte.

Finn und Kilian waren inzwischen an der Tür des Lagerraums zum Ausgang angekommen und stießen diese auf, um ins Freie zu gelangen, doch Bernd stolperte in der Zwischenzeit über einen herumliegenden Werkzeugkasten und strauchelte, prallte im vollen Lauf gegen eine Kommode und bekam für einen Augenblick keine Luft mehr, als sich deren harter Rand in seine Bauchgrube bohrte. Plötzlich war der Mann bei ihm, packte ihn an den Handgelenken und drehte diese herum, und Bernd spürte eine feste Hand in seinem Nacken, die ihm beinahe die Luft nahm.

„Was wollen Sie hier?“, fragte die schneidende Stimme des Fremden, doch Bernd hatte nicht genug Luft, um zu antworten. Stattdessen schnellte er plötzlich zurück, riss sich los und rammte dem Mann sein Knie in den Magen, bis er keuchend nach Luft schnappte, und rannte weiter, schwang sich durch die Tür und ließ diese krachend zurück ins Schloss fallen, während er Finn und Kilian folgte, die bereits das Seiteneingangstor durchquert hatten und auf dem Weg in das Waldstück waren, in dem sie ihren Wagen abgestellt hatten.

Die beiden Männer ließen krachend die Autotüren zufallen und Kilian startete den Motor, woraufhin Bernd einen Moment lang befürchtete, dass die beiden ohne ihn losfahren wollten. Er warf einen panischen Blick zurück und erkannte, dass die Wachmänner gemeinsam mit einigen bellenden Hunden bereits hinter ihm her waren. Er beschleunigte sein eigenes Tempo nochmals, riss die Tür auf der Beifahrerseite auf und schwang sich in das Auto, gerade rechtzeitig, bevor Kilian Vollgas gab und über den schmalen Waldweg davonbrauste. Im Rückspiegel sah Bernd die fluchenden Männer, die nach einem Fahrzeug zur Verfolgungsaufnahme suchten, doch bis dahin wären Finn, Kilian und er hoffentlich bereits über beide Berge.

„Das war ja gerade rechtzeitig“, sagte Bernd und atmete tief durch. Finn saß auf der Rückbank, strich sich die Haarsträhnen glatt, die ihm wild ins Gesicht fielen, und kaute Kaugummi; Kilian dagegen schnaubte und riss das Lenkrad herum, als er auf die Landstraße abbog.

„Gerade rechtzeitig? Weißt du gerade eigentlich, dass dir die letzte Chance, deine Haut zu retten, durch die Lappen gegangen ist?“

Bernd schluckte, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. Er war froh über den pechschwarzen Nachthimmel; so konnte Kilian wenigstens nicht verfolgen, wie kreidebleich er vermutlich gerade geworden war. „Naja, wir können ja immer noch darüber reden, ob wir es nicht noch einmal versuchen könnten –"

„Vergiss es, oder haben sie dir in der Zwischenzeit das letzte Fünkchen deines kläglichen Hirns entnommen? Die werden jetzt die Wachen verstärken, kein Tor unbeobachtet lassen, rund um die Uhr das Gelände beobachten. Da kommen wir nicht mehr rein, nur weil du zu blöd warst, diese Tür zu öffnen.“ Er drückte aufs Gaspedal, schnaubte erneut und ließ den Wagen durch die dunkle Nacht rauschen.

„Aber ich konnte doch auch nichts dafür, dass plötzlich dieser Wachmann um die Ecke gekommen ist“, versuchte Bernd, sich zu erklären, doch Kilian schüttelte nur mit einem dünnen Lächeln den Kopf.

„An die Ecken kannst du dich schon mal gewöhnen, um die nächste werde ich dich nämlich bringen, wenn du dir nicht innerhalb der nächsten Minuten etwas einfallen lässt.“

„So schnell kann ich beim besten Willen keinen neuen Plan entwickeln“, sagte Bernd und wog kurzzeitig seine Chancen ab, einen Sprung aus dem fahrenden Auto zu überleben, ließ jedoch schnell von seinem Gedanken ab, als er auf die Geschwindigkeitsanzeige sah und erkannte, dass diese bereits bei annähernd 110 Kilometern pro Stunde angelangt war.

„Dann überlege dir schon mal, wie deine letzten Worte klingen sollen.“

Finn beugte sich über die Rückenlehne des Beifahrersitzes nach vorne. „Kilian, wollen wir ihn nicht einfach gehen lassen? Es bringt doch nichts, ihn …“

„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, fuhr Kilian seinen Komplizen mit kräftiger Stimme an. „Dieses Schwein schuldet uns fast eine halbe Million Euro, und weil er zu blank ist, uns die Kohle zurückzuzahlen, sollen wir ihn laufen lassen, oder was? Wenn dir die Sache zu heiß wird, schmeiß' ich dich gerne aus dem Auto und sacke das Geld allein ein, während du sehen kannst, wo du ohne meine Hilfe bleibst. Ohne mich wärst du doch schon vor Jahren auf der Straße gelandet.“

„Auf die solltest du besser schauen, bevor wir Bekanntschaft mit dem nächsten Graben machen“, warnte Bernd, als Kilian im letzten Augenblick das Lenkrad herumriss und den Wagen davor bewahrte, aus der Kurve zu fliegen.

„Ich bin selbst in der Lage, ein Auto zu kontrollieren.“

„Das habe ich nie bezweifelt“, sagte Bernd mit unsicherem Lächeln. Bloß nicht weiter unnötig provozieren, sonst bist du dein Leben schneller los, als es dir lieb sein kann …
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