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GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Connor Kenway OC (Own Character) Robert Faulkner
22.02.2015
25.04.2018
115
626.287
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22.02.2015 4.154
 
Neues Leben und neue alte Probleme


April 1784

Die Frühlingssonne strahlte hell und warm von einem hellblauen Himmel herab und ein leichter Wind trug den Duft von Gräsern, Blumen und der See heran. Es war ein wunderschöner Tag und versonnen hielt ich in meiner Arbeit inne, stützte mich auf dem Besenstiel in meiner Hand ab und ließ meinen Blick über die Wege der Siedlung schweifen, die am Gasthaus vorbeiführten. Die Menschen die vorbei kamen trugen allesamt ein Lächeln auf den Lippen, grüßten freundlich und gingen voller Tatendrang ihrer Arbeit nach. In der Nähe konnte ich das Plätschern des Flusses hören, der durch die Siedlung floss. Ebenso wie das gleichmäßige Sagegeräusch von der Mühle der Holzfäller. Jeder war beschäftigt, aber es war gleichzeitig unheimlich friedlich und ich wusste wieder genau, warum ich mich so schnell wohlgefühlt und eingelebt hatte.
Es war jetzt drei Monate her, seit Maria und ich in Amerika angekommen waren und es wurde uns von Anfang an leicht gemacht, uns wie ein Teil der Gemeinschaft zu fühlen. Maria hatte inzwischen ein kleines Häuschen am Rande der Siedlung bezogen und half der Schneiderin Ellen in deren Schneiderei aus. Ich lebte zusammen mit Connor und dem Jungen Caleb im Herrenhaus, doch hatte ich mich anfangs noch schwergetan, mich zu beschäftigen. Ich hatte mich zwar um den Haushalt gekümmert, hatte aber schnell feststellen müssen, dass ich dafür nicht sonderlich begabt war. Als verwöhntes Kaufmannstöchterchen kannte ich den Begriff „Haushaltsführung“ nur als Herumkommandieren von Personal. Nie hatte ich auch nur einen Finger krumm machen müssen und als ich vor nicht allzu langer Zeit dem alten Noel auf Unst in seinem Haus geholfen hatte, war er eher mir eine Hilfe gewesen als anders herum. Jetzt war ich praktisch allein, was aber hauptsächlich daran lag, dass ich zu stolz war um Hilfe zu bitten. Ich hatte an mich selbst die Erwartung, den Haushalt als Frau allein stemmen zu können. Immerhin hatte Connor selbst genug zu tun und auch Caleb sollte sich um andere Dinge kümmern.
Dennoch hatte ich irgendwann eingesehen, dass ich als Hausfrau unbegabt war und mir helfen lassen sollte und so hatte Corrine, die Wirtin der Siedlung, mir angeboten, dass ich im Gasthaus aushelfen könnte und sie als Gegenleistung ihre Erfahrung mit mir teilte. So hatte ich auch zumindest das Gefühl, nicht vollkommen unnütz zu sein und gleichzeitig trat ich regelmäßig in Kontakt mit den Siedlern und den Seeleuten, die im Gasthaus vorbeischauten. Letztere waren hauptsächlich Crewmitglieder der Aquila, dem Schiff das unter Connors Kommando stand und hatten noch sehr gut in Erinnerung, wie ich mich einmal als Mann gekleidet an Bord geschlichen hatte. Sie hatten mir das mehr als übelgenommen, doch mittlerweile schienen sie diesen Groll vergessen zu haben. Sofern man ihnen genügend Bier ausschenkte, vergaßen sie ohnehin so einiges. Jedenfalls machte mir die Arbeit im Gasthaus Spaß, selbst wenn sie mit dem Fegen des Gastraumes und der Terrasse vor der Eingangstür zusammen hing, welchem ich mich nun widmete.
Ich löste mich aus meiner entspannten Haltung, zupfte das Tuch auf meinem Kopf zu Recht, das meine Haare in Zaum halten sollte und nahm den Besen zur Hand. Während ich den Dreck wegkehrte, der von all den Schuhen der Gäste herangetragen worden war, rumpelte ein Wagen auf den Hinterhof des Gasthauses. Es waren Oliver, Corrines Mann und Caleb, die Besorgungen in Boston gemacht hatten.
Als ich kurz den Kopf hob und zu ihnen hinüberblickte, sah ich wie der elfjährige Blonde von der Ladefläche sprang und eifrig wie immer dem älteren Wirt dabei half die Kisten und Fässer abzuladen. Er war ein guter Junge. Immer fleißig und gut gelaunt und man konnte fast vergessen, dass er erst vor wenigen Monaten seinen Großvater und damit den Rest seiner Familie verloren hatte. Doch er war glücklich hier zu sein und ich war es, dass wir ihn unter unsere Fittiche genommen hatten. Er war ein Sonnenschein und auch wenn ich nicht sagen konnte, dass ich direkt mütterliche Gefühle für ihn hegte, so war er mir sehr ans Herz gewachsen und das, obwohl wir uns nach unserer ersten Begegnung  beide nicht sonderlich leiden konnten. Doch solche Begegnungen hatte ich im letzten Jahr wohl mehr als einmal gehabt.

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen stellte ich den Besen beiseite und ging in den Gastraum zurück. Er war bis auf drei Seemänner, die in einer Ecke saßen, leer. Doch war es fast Mittagszeit und dann würden sicher mehr Leute ihren Weg hierher finden, um eine Pause von ihrem arbeitsreichen Alltag zu nehmen und Corrines Kochkünste zu genießen. Aus der Küche strömte bereits ein köstlicher Geruch in meine Nase, auf den ich zielstrebig zusteuerte. Corrine stand an ihrem großen Herd und briet eine große Menge an Fleisch in einer gusseisernen Pfanne. Das Fett zischte und es roch so gut, dass mir jetzt schon das Wasser im Mund zusammenlief. Ich stellte mich neben die Wirtin und warf einen neugierigen Blick in einen Topf, in dem sie augenscheinlich Kartoffeln kochte.
„Ist das Hase?“ Ich deutete auf die Pfanne und Corrine nickte.
„Die Biester vermehren sich in letzter Zeit unheimlich schnell. Warren hat schon oft darüber geklagt, dass sie sein Gemüse anknabbern und Connor bringt auch beinahe täglich welche mit, wenn er im Wald war.“
Ich nickte und lehnte mich mit der Hüfte an die Arbeitsplatte, während ich Corrine dabei beobachtete, wie sie das Fleisch in der Pfanne herum schob. „Kann ich dir irgendwie behilflich sein?“
„Du könntest die Kartoffeln abgießen, Schätzchen. Aber pass bitte auf deine Finger auf.“
Schmunzelnd ergriff ich ein Handtuch, wedelte damit demonstrativ vor ihrer Nase herum und ergriff damit den schweren Kochtopf, um ihn zu dem Ausguss zu tragen. Corinnes Bedenken waren leider nicht unnötig. Als ich das erste Mal mit ihr gekocht hatte, hatte ich beherzt und unbedacht nach einem heißen Henkel gefasst ohne meine Hände zu schützen. Das Ende vom Lied war, dass ich den gesamten Topf mit heißem Wasser beinahe verschüttet und mir selbst Brandblasen an beiden Händen zugezogen hatte. Wie gesagt: Ich war keine begnadete Hausfrau, aber mittlerweile gab es immerhin ein Licht am Ende des Tunnels.
Vollkommen unfallfrei goss ich die Kartoffeln ab, als ein blonder Wirbelwind durch die Tür gestürmt kam und schnuppernd im Rahmen stehen blieb.
„Gibt es schon etwas zu essen?“, fragte Caleb aufgeregt und hüpfte sogar leicht auf und ab. Leise lachend stellte ich den Topf beiseite, während Corinne den Kochlöffel erhob und damit in seine Richtung wedelte.
„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du hier nicht so herumrennen sollst. Irgendwann läufst du noch jemanden um, der gerade heißes Wasser umherträgt.“ Sie deutete auf die Tür. „Du bekommst gleich etwas. Setz dich an den Tresen und warte.“
Der Junge schob schmollend seine Unterlippe vor, trollte sich aber, während ich noch immer vor mich hin kicherte.
„Dieser Bursche ist schlimmer als ein Sack Flöhe“, brummte die Wirtin und schob die Pfanne von der heißen Kochstelle hinunter. „Ich habe ja großen Respekt, dass Connor und du euch ihm angenommen habt. Da habt ihr noch keine eigenen Kinder, aber sofort ein halbwüchsiges Energiebündel. Aber vielleicht ist er ja auch eine gute Übung.“
Sie schmunzelte und zwinkerte mir zu, was mich dazu veranlasste meinen Blick abzuwenden und stattdessen den Topf mit den Kartoffeln anzustarren. Diese Andeutung hatte ich bereits oft genug auch von anderen Siedlern gehört. Aber ich sah Caleb sicher nicht als Übung für eigene Kinder.  Gott, ich dachte noch nicht einmal darüber nach mit Connor irgendwann Kinder zu haben.  Immerhin lebten wir auch noch nicht allzu lange zusammen und bisher hatten wir auch nie Gespräche über die Zukunft geführt. Wir gingen all das langsam an und das in jeglicher Hinsicht. Um überhaupt Kinder zu bekommen, fehlte immerhin noch ein entscheidender Schritt, zu dem ich einfach noch nicht bereit war. Nicht zuletzt dank meiner strengen Erziehung. Ich war froh, dass ich das bisher Connor nicht hatte erklären müssen, denn er bedrängte mich glücklicherweise in keinerlei Hinsicht und das, obwohl wir gemeinsam in einem Bett schliefen. Ein Umstand, dessen Entstehen mir beim bloßen Gedanken die Röte in die Wangen trieb und über den ich aus Unbehagen mit niemandem sprach. Aus Angst verurteilt zu werden, obwohl ich mir längst nicht mehr vorstellen konnte, ohne Connor an meiner Seite einzuschlafen. Dabei hatte Connor mir in den ersten beiden Wochen nachdem ich zu ihm und Caleb in das große Herrenhaus gezogen war, das Schlafzimmer, das wir nun teilten, allein überlassen. Er selbst hatte im Zimmer gegenüber sein Lager aufgeschlagen und so waren wir Nacht für Nacht getrennt voneinander zu Bett gegangen und zumindest ich hatte aus Selbstverständlichkeit kein einziges Mal daran gedacht, diesen Umstand zu ändern. Bis zu der Nacht in der ein schweres Gewitter über Davenport gewütet hatte. Ängstlich wie ich war, hatte ich mich unruhig hin und hergeworfen, die Decke über meinen Kopf gezogen und mich einmal mehr für meine kindliche, tief verwurzelte Angst verflucht. Ich hatte das Öffnen der Zimmertür nicht gehört und nicht bemerkt, dass ich nicht mehr allein war, bis Connors leise Stimme an mein Ohr gedrungen war. Ich hatte mir die Decke vom Kopf gezogen und seine große Gestalt am Bett stehen sehen. Ohne einen Gedanken an Etikette zu verschwenden und ohne ein Wort zu sagen, hatte ich die Bettdecke angehoben. In der stillen Bitte, dass er sich neben mich legte, mich in den Armen hielt und mir die Geborgenheit schenkte, die ich mir in diesem Moment so sehr wünschte. Dieselbe Geborgenheit, die er mir schon in der Vergangenheit geschenkt hatte und die er mir auch in diesem Moment, während diesem simplen Gewitter, nicht verwehrte.
„Bleibst du hier, auch wenn das Gewitter vorbei ist?“, hatte ich ihn gefragt und er hatte geantwortet: „Solange du es willst.“ Und ich hatte ihn seitdem nicht mehr fortgeschickt. Doch fragte ich mich mit jedem Tag, wie lange wir noch ein Gespräch über unsere weiteren Zukunftsplanungen würden aufschieben können. Wie lange ich mir noch Gedanken machen musste, ob es sich nun schickte neben dem Mann zu schlafen den ich liebte.

Mir entfuhr ein Seufzen, was Corrine leider hörte und mich besorgt ansah. Als ich es bemerkte, setzte ich schnell ein Lächeln auf und fragte sie, ob ich Caleb schon etwas zu essen bringen könnte. Sie nickte, füllte einen Teller mit Kartoffeln und dem Hasenragout und ich war beinahe erleichtert, als ich die Küche verlassen und in den Gastraum zurückgehen konnte. Dort saß Caleb am Tresen und strahlte über beide Ohren, als ich den Teller vor ihm abstellte. Für einen Jungen seiner Körpergröße hatte er ohnehin einen sehr guten Appetit und ich schmunzelte, als ich ihn dabei beobachtete, wie er sich das Essen regelrecht in den Mund schaufelte.
„Willst du zwischendurch auch einmal kauen?“
Caleb hob kurz den Kopf bei meiner Frage und grinste mich mit vollem Mund an. Tadelnd hob ich eine Augenbraue, woraufhin er sich eines Besseren besann und sich wieder seinem Essen widmete. Ich griff unter den Tresen, zog einen Becher hervor, ging kurz in die Küche und stellte schließlich das mit Wasser gefüllte Gefäß vor dem Jungen ab. „Bist du mit deinen Aufgaben soweit fertig?“, fragte ich und Caleb nickte, noch immer vor sich hin kauend. Doch schluckte er zumindest das Essen hinunter, bevor er mich wieder ansah und fragte: „Ist es in Ordnung, wenn ich gleich mit John und Carl am Fluss spielen gehe?“
Kurz blinzelte ich ihn überrascht an, denn es war bisher so gut wie nie vorgekommen, dass er mich für irgendetwas um Erlaubnis gebeten hatte. Er wusste, dass er im Grunde alle Freiheiten hatte, solange er nichts Dummes anstellte und sich benahm.
„Wenn du zurück bist, bevor es dunkel wird und vorsichtig bist, habe ich nichts dagegen.“
Zufrieden nickte Caleb und ich kam mir in diesem Moment tatsächlich vor wie eine Mutter, die ihrem Spross klar machte, wann er Zuhause sein sollte. Aber irgendwie war ich auch froh darüber, dass der Elfjährige mich überhaupt um Erlaubnis gebeten hatte. Zeugte das nicht davon, dass er mich als Autorität akzeptierte? Immerhin könnte er mir genauso gut vorhalten, dass ich nicht seine Mutter war und er somit nicht auf mich hören musste. In einem Anflug zärtlicher Zuneigung streckte ich die Hand aus und wuschelte dem Jungen durch seinen blonden Schopf, was er protestierend zur Kenntnis nahm, ehe ich dafür sorgte, dass die nun dazukommenden Gäste ihre Mittagsmahlzeit bekamen.

*


Am Abend verabschiedete ich mich erschöpft, aber glücklich von Corrine und Oliver und machte mich auf den Weg Nachhause. Die Sonne hing bereits tief am Himmel und alles war in ein rötliches Dämmerlicht getaucht. Der Wind frischte auf, doch trotzdem ging ich gemächlich meines Weges, denn ich liebte diese abendliche Stimmung. Wenn die Siedlung allmählich zur Ruhe kam und nur noch Wenige draußen unterwegs waren. Sie saßen nun alle in ihren Häusern oder im Gasthaus und ließen den Tag in heimeliger Gemütlichkeit ausklingen. Als ich die Brücke überquerte, die über den Fluss führte, fiel mein Blick auf Caleb und die Söhne der Holzfäller. Lachend und barfuß standen sie im Wasser und spritzten sich gegenseitig nass. Kurz überlegte ich, sie dafür zurechtzuweisen, doch ich biss mir auf die Zunge und verkniff es mir. Es waren Kinder. Sie spielten und nur weil mir diese Ausgelassenheit nie erlaubt worden war, wollte ich sie ihnen sicher nicht nehmen. Also setzte ich meinen Weg fort.
Als ich Zuhause ankam, führte mich mein Weg direkt nach oben in den ersten Stock und ins Schlafzimmer. Ich legte meine Schürze und das Kopftuch ab, wusch mir Gesicht und Hände, löste den Dutt, zu dem ich meine Haare zusammengebunden hatte und begann dieses zu bürsten. Wiederholt rief ich mir ins Gedächtnis, dass ich es längst hätte kürzen sollen, denn es fiel mir mittlerweile bis über mein Gesäß. Doch erinnerte ich mich mit einem Schmunzeln an Connors beinahe entsetzten Gesichtsausdruck, als ich dieses Vorhaben ihm gegenüber erwähnte. Er liebte mein langes Haar, auch wenn ich dies angesichts der Tatsache, dass ich es meistens ohnehin zu einem Zopf geflochten trug, nicht ganz nachvollziehen konnte. Aber irgendwann würden wir wohl beide in diesen sauren Apfel beißen müssen und wenigstens ich würde froh darüber sein, mich nicht mehr Ewigkeiten damit aufhalten zu müssen meine Haarpracht zu frisieren. Auch jetzt flocht ich sie lediglich zu einem lockeren, seitlichen Zopf und ging wieder nach unten. In der Zwischenzeit war keiner der anderthalb Männer dieses Hauses zurückgekehrt und so beschloss ich, die noch herrschende Ruhe zu genießen. In der Küche setzte ich einen Tee auf, entfachte den Kamin im Kaminzimmer und ließ mich irgendwann mit einem Seufzen auf einen Sessel nieder. Die Hände um die Teetasse gelegt und die Beine angewinkelt unter meinen Körper gezogen, beobachtete ich das Flammenspiel und lauschte dem Knistern und Knacken der Holzscheite. Nach einem Tag im vielbesuchten Gasthaus, waren Abende wie dieser Gold wert, weshalb ich leise seufzte als ich hörte, wie die Haustüre sich öffnete und schloss. Anhand der bedachten Schritte, die kaum einen Laut auf dem Holzboden verursachten, musste ich nicht lange raten, wer da gerade zurückgekehrt war. Ich sah Connor nur kurz an der offenen Tür vorbeigehen, bevor er auch schon wieder aus meinem Blickfeld verschwand und ich hörte, wie die Geheimtür zum Trainingsraum im Keller geöffnet wurde. Danach herrschte eine ganze Zeit lang Stille, bis sich die Haustüre erneut öffnete und ich Caleb herein poltern hörte. Seine Schuhe landeten irgendwo im Flur in der Ecke, ehe er hereingestapft kam und sich schnaufend im Schneidersitz vor den Kamin setzte.
„Erschöpft?“, fragte ich und hob missbilligend eine Augenbraue, als ich sah wie er den Boden volltropfte. Er war klatschnass von seiner Wasserschlacht am Fluss und es bildete sich bereits eine kleine Pfütze wo er saß. Er nickte. „Dann kannst du ja direkt ins Bett gehen, nachdem du das da aufgewischt hast.“
Caleb sah an sich herunter, als sei ihm gar nicht bewusst gewesen, dass er vollkommen durchnässt war und verzog das Gesicht. „Das trocknet doch wieder“, murrte er, doch ich bedeutete ihm lediglich stumm sich aus der Küche einen Lappen zu holen, was er auch tat. Mit grimmiger Miene wischte er das Wasser auf, konnte es sich aber nicht nehmen lassen mich zu umarmen, als er mir eine gute Nacht wünschte. Ich lachte leise, zog ihn kurz an mich und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, den er sich sofort mit der Hand wegwischte. Trotzdem konnte er ein kleines Grinsen nicht verbergen, ehe er den Raum verließ und ich ihn die Treppe hinauf poltern hören konnte.
Noch immer schmunzelnd zog ich meine Beine unter meinem Körper hervor und mit einem leisen Ächzen streckte ich mich wie eine Katze in voller Länge aus. Die Beine durchgedrückt, die Arme nach oben gestreckt und den Kopf langsam durch den Nacken rollend. Automatisch entfuhr mir ein herzhaftes Gähnen, das amüsant zu sein schien, denn hinter mir ertönte ein leises Lachen und als ich mich umwandte, sah ich Connor im Türrahmen stehen. Den Mantel seiner Montur hatte er abgelegt, ebenso wie die Lederstulpen an den Beinen und seine Waffen. Nichts deutete mehr daraufhin, dass er den ganzen Tag außerhalb der Siedlung unterwegs gewesen war, um irgendwelchen assassinischen Tätigkeiten nachzugehen, nach denen ich gar nicht so genau fragen wollte. Er hätte genauso gut von der Arbeit auf einem Feld wiederkommen können.
„Bist du so müde?“ Seine Lippen zierte immer noch ein Schmunzeln, als er auf meinen Sessel zutrat, daneben in die Hocke ging und nach meiner Hand griff die auf der Armlehne ruhte. Wie von selbst verschränkten sich meine Finger mit seinen und ich musste innerlich schmunzeln, als ich daran dachte, dass diese simple Berührung vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre.
„Sehr müde, aber ich wollte noch mit dem Schlafengehen warten, bis du dich aus deinen Kellerräumen wieder nach oben bequemst. Ich wurde ja noch nicht einmal begrüßt.“ Ich schob gespielt schmollend die Unterlippe vor.
„Tut mir Leid“, Connor drückte sanft meine Hand. „Ich wollte einfach schnell die Sachen ablegen und zur Ruhe kommen.“
Besorgt musterte ich sein Gesicht, das im Schein des Feuers teilweise in tiefen Schatten lag. Er wirkte vollkommen erschöpft und auch irgendwie bedrückt. „Stimmt etwas nicht? Ist irgendetwas passiert?“
Connors Blick richtete sich auf das Kaminfeuer, während er den Kopf schüttelte. „Ein paar Unruhestifter in Lexington, aber ich denke die werden in Zukunft keine Probleme mehr machen.“
„Sind Unruhestifter in Lexington denn wirklich dein Belang? Haben die Leute nicht selbst irgendwelche…Wachposten die sich um so etwas kümmern?“
Auf meine Frage hin runzelte Connor die Stirn und sah mich wieder an. Ich ahnte schon die Antwort, noch bevor er sie ausgesprochen hatte.  „Wenn irgendwo Hilfe benötigt wird, ist es immer mein Belang.“
Es war für ihn selbstverständlich, sich für andere Menschen aufzuopfern. Ob er sie nun wirklich kannte oder nicht. Es war sein eigenes Bestreben nach Gerechtigkeit und Frieden und eigentlich bewunderte ich ihn dafür. Doch musste er sich dafür regelmäßig in gefährliche Situationen begeben? Seine Antwort würde sicher „Ja“ lauten und daran würde ich mich wohl oder übel gewöhnen müssen.
„Solange es dir dabei gut geht“, murmelte ich und streckte meine freie Hand aus, um damit an dem kleinen, geflochtenen Zopf an seiner Schläfe und den Holzperlen daran zu spielen. Sein Gesichtsausdruck wurde wieder sanfter und er führte für einen kurzen Moment meine Hand, die noch immer in seiner lag, an seine Lippen. „Du musst dir keine Sorgen machen. So schnell habe ich nicht vor, dich zu verlassen.“
Meine Augenbrauen schnippten in die Höhe. „Nicht so schnell also, ja? Das soll mich beruhigen?“
Connor schmunzelte und drückte sich an der Armlehne hoch, bis seine Augen auf der Höhe der meinen waren. „Ich habe es eigentlich gar nicht vor.“
„Also nie?“
„Wenn du mich solange erträgst…“
Ich lachte leise bei dieser Antwort, doch gleichzeitig begann mein Herz schneller zu schlagen. Ich dachte erneut daran, dass wir bisher nie über unsere Zukunft gesprochen haben. Doch offensichtlich hatte Connor für sich selbst schon einen Plan gefasst und diesen konnte ich nur zu gerne unterschreiben. Auch ich hatte nicht vor, mich jemals von ihm zu trennen. Aber wie sollte dieses „Nie“ aussehen?
Als mir diese Frage durch den Kopf ging, biss ich mir auf die Unterlippe. Eine typische Reaktion für mich, wenn ich mich in irgendeiner Weise innerlich unwohl fühlte und Connor kannte mich mittlerweile auch schon gut genug, um das zu wissen.
„Was ist?“, fragte er und stützte seine Arme auf der Lehne ab, brachte genug Abstand zwischen uns, um mir in die Augen sehen zu können. Das trug nicht gerade dazu bei, dass ich mich wohler fühlte.
„Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht…wie wir in Zukunft miteinander leben. Ich meine, momentan ist es ja eher…ungebunden.“
Ich schaffte es mal wieder nicht, meine Gedanken in klare Worte zu fassen. Es fiel mir einfach unglaublich schwer mit ihm darüber zu reden, obwohl ich Zeit meines Lebens immer eine strikte Vorstellung, oder eher Vorgabe hatte wie meine Zukunft auszusehen hatte. Mit Connor hatte sich all das geändert und ich wusste nicht, ob meine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft seiner auch nur ansatzweise ähnelte. Jedenfalls sah er mich kurz mit gerunzelter Stirn an, ehe so etwas wie Verstehen in seinen Augen aufleuchtete. „Du meinst, ob wir heiraten?“
Ich war überrascht, wie direkt er es aussprach, aber langsam nickte ich. Ja, das hatte ich wohl gemeint. Doch hatte ich das Gefühl, es weiter erklären zu müssen. „Also du darfst das nicht falsch verstehen. Ich finde es in Ordnung, so wie es ist. Aber es ist eben so, dass ich mit bestimmten Werten und Traditionen aufgewachsen bin und dazu gehört es auch, dass eine Frau und ein Mann heiraten, wenn sie schon zusammenleben und dann auch erst nach der Heirat zusammen…“, ich stockte und spürte, wie mir nun die Röte in die Wangen stieg. Ich konnte doch nicht ernsthaft auch noch anfangen,  darüber mit ihm zu reden. „Du weißt schon, was ich meine. Jedenfalls kenne ich es nur so, aber ich kann durchaus verstehen, wenn Heirat nicht zu deiner Kultur gehört.“
Connor zog eine Augenbraue hoch, nachdem ich mit meinem Wortschwall geendet hatte. „Wie kommst du denn darauf?“
„Naja ich dachte…“
„Dass die Männer und Frauen meines Volkes in offenen Partnerschaften leben?“
Der Assassine schmunzelte und schien wirklich amüsiert zu sein, was mich noch röter werden ließ. Mir wurde peinlich berührt bewusst, dass ich im Grunde gar nichts über sein Volk wusste und nur von den Geschichten und Vorurteilen zehrte, die man mir über die Jahre erzählt hatte. Ich hatte mich wohl direkt in ein Fettnäpfchen dirigiert.
„Auch wir heiraten, selbst wenn wir nicht direkt einen Gott haben, vor dem sich Mann und Frau einander versprechen. Auch gibt es bei uns keine wirkliche Hochzeitszeremonie wie bei euch. Ich war schon auf einer Hochzeit, die nach euren Traditionen und eurer Religion abgelaufen ist. Aber wir feiern wie ihr und auch bei uns ist die Ehe ein Versprechen und eine Verantwortung, die genährt und respektiert werden will und sie kann nur aufgehoben werden, wenn die Frau es aus irgendwelchen Gründen wünscht.“ Er machte eine Pause und drückte erneut sanft meine Hand. „Du siehst also, dass ich deine Gedanken nachvollziehen kann und wenn es nach mir ginge, würde ich dich heiraten. Ich habe es nur nie in Erwägung gezogen, weil ich nicht wusste, dass dir das wirklich so wichtig ist. Außerdem werde ich mich auch kaum vor einen Altar stellen und dir im Namen eures Gottes meine Treue versprechen können. Ich bin kein Anhänger eurer Religion und ich werde es auch nie sein.“
Er sprach diesen letzten Satz nicht mit Bedauern aus, sondern lediglich als eine unerschütterliche Tatsache. Connor hatte Recht. Er war kein Christ und ich hätte auch nie von ihm erwartet, dass er sich mir zuliebe taufen ließ und sich meinem eigenen Glauben anpasste. Es war nur die Frage, wie wichtig mir selbst meine Religion war. Die Ehe war immerhin etwas Heiliges und deswegen wollte ich eigentlich kaum auf einen göttlichen Segen verzichten. Aber wie sollte eine Hochzeit ablaufen, wenn Mann und Frau nicht denselben Glauben teilten? Ich seufzte tief. „Vielleicht sollten wir das Thema erst einmal ruhen lassen.“ Ich war einfach zu müde, um mir weiter den Kopf zu zerbrechen.
Connor legte den Kopf leicht schief, doch nickte er schließlich und stand auf, meine Hand immer noch in seiner haltend. Sanft zog er mich auf die Füße und legte die Arme um mich. „Ich danke dir, dass du so ehrlich warst. Ich hatte manchmal nämlich schon das Gefühl, dass du dich irgendwie unwohl gefühlt hast“, murmelte er, doch ich schüttelte den Kopf.
„Ich fühle mich nicht unwohl. Ich…du kennst mich doch. Ich kann einfach nicht aus meiner Haut. Mir wurde immer gesagt, was richtig ist und einiges davon kann ich nicht abschütteln. Aber ich glaube, wenn ich es versuche und mir Zeit lasse, dann…“
Connor legte eine Hand unter mein Kinn und sah mich aus ernsten Augen an. „Du musst dich nicht verbiegen. Du bist wie du bist. Du hast deine eigenen Werte und Vorstelllungen und das ist in Ordnung. Du darfst nicht denken, dass alles was dir beigebracht wurde falsch ist und du es ablegen musst, nur weil ich anders aufgewachsen bin als du. Es ist nicht falsch, solange du dich damit wohlfühlst.“
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