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Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
19.02.2015
02.10.2020
29
263.212
214
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26.06.2015 9.241
 
Kapitel 8 Die existenziellen Mechanismen von Vermeidungsverhalten bei Regenschirmen

Im Zimmer schmeiße ich den PC als auch den Laptop an. Währenddessen werfe ich einen kurzen Blick auf Jeffs Bett und ich sehe, dass die Tüte mit dem Pullover verschwunden ist. Ein Fortschritt an der Entschuldigungsfront.
Ich nehme mir die Liste mit den Anmerkungen von Brigitta vor und schätze nach nur wenigen Seiten ein, dass ich dafür heute keinen Nerv habe. Die Szene, bei der das Liebespaar erneut zueinander findet, soll intensiver werden. Brigitta nannte es herzzerreißender und meint kitschiger. Ihr Wunsch ist mir Befehl. Herzzerreißend, wiederhole ich still. Ziemlich blutige Angelegenheit, wenn man mich fragt. Ob ich gute Horrorgeschichten schreiben könnte? Ich sollte es mal ausprobieren.
Ich versuche ein letztes Mal mich zusammen zu reißen, um wenigstens den Absatz zu beenden. Doch es fällt mir weiterhin schwer. Denk rosa, mahne ich mich an. Rosa. Rosa. Pink. Pink. Die beiden Farben murmele ich eine Weile vor mich hin und es wird zu einem Ohrwurm. Meine Augen schließen sich und ich denke an die Umgebungs- und Personenbeschreibung, die die Szene färben.

Ein weißes Auto, dessen Scheinwerfer die Straße in ein kühles Licht hüllt. Der laue Wind, der über erhitzte Wangen streicht. Ihr blondes Haar, was an diesem Abend durch Wind und Eile geformt ist. Sanft geschwungene Strähnen, die über ihre tränenbenetzte Wange streichen und dort haften bleiben. Die Lippen einen Hauch geöffnet, so, als würden sie jeden Moment die Worte formulieren, die sie schon so lange brennend und verzweifelt im Herzen trägt. Ihre feuchten Augen blicken zu dem Mann, den sie seit Kindheitstagen liebte und der sich nun anschickte für immer aus ihrem Leben zu scheiden. Sein letzter Blick gefüllt mit Trauer und Enttäuschung als die Worte einfach nicht von ihren Lippen perlen und so seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten. Obwohl es Hoffnung war, die durch seinen Körper pulsierte als sich ihre bebenden Lippen sanft übereinander bewegen. Keine weiteren Worte und er wendet sich von ihr ab. Ihr Puls steigt als sie beobachtet, wie sich die samtbraunen Haare im Wind bewegen. Welch schweres Gefühl füllt ihr Leib als sie erkennt, dass nun die letzte Gelegenheit heran gebrochen ist. Sie durften die Chance ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen nicht verstreichen lassen. Zittrig, aber stark ist ihr Griff. Ihre schmalen Finger vergraben sich dem rauen Stoff seiner Jeansjacke. Flehend und bittend. Befreiend und beglückend, als er sich zu ihr umwand. Erst, als die blauen Augen des jungen Mannes von ihren Händen zu ihrem Gesicht wandern, beginnen die Worte aus ihrem Mund zu fliehen. Die unglaubliche Pein über seinen so ungeschickten Betrugsversuch. Die blinde Wut, die so grässlich Worte hervorgerufen hat. Das selbsthassende Gefühl als sie verstand, dass sie alleinige Schuld daran hatte, dass er fort gegangen ist. Die bittersüße Liebe, die sich in jeder ihrer Körperzellen sammelt und sich mit jeder einsamen Sekunde zu schmerzhaften Vermissen wandelt. Es erfüllt ihr Leib und es umwindet ihre Seele wie tonnenschwere Ketten aus Stahl. Ohne ihn ist sie nicht frei. Das weiß sie nun.

Solche Worte zu formulieren, sorgt jedes Mal dafür, dass ich selbst ein reißendes Gefühl verspüre. Eine andere Person vermissen, egal mit welchem Hintergrund ist schwer. Unbewusst tastet meine Hand nach dem Portmonee in meiner Hosentasche und dann habe ich sie auch schon in der Hand. Ich weiß genau, was ich suche und blicke einen Augenblick später auf das zerknitterte Foto, welches hinter meinem Personalausweis versteckt ist. René. Das brennende Gefühl in meiner Brust wird zu einem Flächenbrand. Meine Brust pulsiert schmerzhaft und ich schiebe das Bild schnell wieder zurück, ohne es wirklich angesehen zu haben.
Ich tippe noch das letzte rührende Liebesflehen und greife nach der Flasche Wasser vor meinem Bett, weil ich das Gefühl habe, dass mir in den letzten Minuten und mit den letzten Worten ein flauschig, rosafarbener Pelz auf der Zunge gewachsen ist. Fürchterlich. Ich überspiele den wahren Grund für das Verlangen aufzuhören. Ich habe normalerweise eine gut funktionierende Realitätsabwehr. Doch diesmal klappt es nicht hundertprozentig.
Vermissen ist kein schönes Gefühl. Von jemand abhängig zu sein und ohne diese Person keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können, ist auch kein gutes Gefühl. Was also war daran so schön, von jemand zu hören, dass man ihm diese Art der Gefühle verursacht? Ich würde es nicht wollen. Niemals möchte ich diese Form der Gefühle wecken, denn ich sehe darin keinerlei positiven Effekt.

Ich nehme einen weiteren Schluck Wasser und lasse mich auf mein Bett fallen. Im ersten Moment bleibe ich auf dem Rücken liegen, doch nachdem sich meine Gedanken einfach nicht von diesem Thema abwenden, drehe ich mich auf die Seite und rolle mich zusammen, wie ein pelziges Nagetier.
`Jetzt werde ich dich verschlingen, Rotkehlchen.` Es ist nicht mehr als ein heiseres Raunen in meinem Kopf. Ein Flüstern, welches sich durch meine Gehörgänge arbeitet. So nah. So intensiv. Die Erinnerung an seine Lippen an meinem Hals. Jeder einzelne Kuss schickte tausende kleine Stromschläge durch meinen Körper und nur der Gedanken daran lässt mich spüren, wie meine Haut zu pulsieren beginnt. Kains Körper über mir. Stark und unnachgiebig. Seine Wärme. Sein Geruch. Ich denke an seine Hände, die meinen Körper wissend und verstehend erkundeten. Es ist als würde ich sie noch immer auf meinem Leib spüren. Heiß und klar. Mit einem Mal sind sie verschwunden. Diesmal folgt ein helles Flüstern. Protanopie. Kains Lippen, die sich auf ihren feuchtglänzenden Mund legen. Ich schrecke zusammen, richte mich auf, streiche mir ein paar Haarsträhnen zur Seite und seufze schwer. Soweit ist es mit mir schon gekommen.
Kain und das rothaariges Flittchen. Was findet er nur an ihr? Ich überlege lange. Sex. Er ist das Einzige, was mir einfällt. Aber nur weil er einfach zu haben ist, muss man sich doch nicht unter Niveau verkaufen. Automatisch fantasiere ich mir zusammen, wie die beiden sich kennen gelernt haben könnte, wie sie zusammengekommen sind und was sie wohl für eine Beziehung geführt haben. Ob Kain ein Beziehungsmensch ist? Ob er zum Vorzeigeteddybär wird? Er behauptet das Gegenteil, aber dem kann man wohl kaum Glauben schenken.
Es hat nichts zu bedeuten, hallen Kains Worte in meinem Kopf wieder. Klar, äffe ich den Schwarzhaarigen weiter nach. Ich verziehe, während ich das Gespräch wiederhole das Gesicht und ärgere mich noch mehr darüber, dass es mich so aufregt. Wieso denkt er, dass es mir etwas bedeutet hat? Es war Sex. Nur Sex aus Neugier. Reiner Wissensdrang. Guter Sex aus akademischem Interesse. Eine der billigsten Phrasen überhaupt und wer es glaubt, wird selig. Diese Begründung ist selbst für einen gut trainierten Leugner wie mich abwegig. Ich war geil und betrunken. Schlicht und einfach. Eine denkbar schlechte Kombination. Alkohol ist noch nie mein Freund gewesen und die Geschichte mit Kain bestätigt mich nur noch mehr darin.
Mein Problem mit der ganzen Geschichte ist im Grunde auch ein ganz anderes. Eines, was ich mir ungern eingestehe, aber kaum weiter leugnen kann. Ich fand es gut. Sehr gut sogar und das durfte nicht sein, schon gar nicht mit so einer Luftblase wie Kain. Missmutig robbe ich aus dem Bett, mache einen Abstecher zum Klo und danach einen Ausflug zur Mensa. Ich besorge mir eine Kleinigkeit zu essen und rauche unterwegs ein paar Zigaretten, um den Kopf frei zubekommen. Mit Tee und einem belegten Brötchen setze ich mich wieder an den PC.

Jeff ist noch immer nicht zurück, dabei sind seine Vorlesungen längst vorbei. Vielleicht reicht diesmal der Pullover  nicht aus? Quatsch. Es ist ein teurer Pullover und Jeff ist schon bei weniger eingeknickt. Manchmal reicht eine Packung Gummibärchen und er wird zum Mochi mit Eiscremefüllung. Aus meinem Kopfhörer dringt in diesem Moment Aloe Blacc mit 'I need a dollar'. In unserer langjährigen Freundschaftslaufbahn ist es schon des Öfteren vorgekommen, dass ich Jeff etwas gekauft habe, weil ich zu stolz und auch ein klein wenig zu unfähig bin, um mich schlicht zu entschuldigen. Es läuft immer nach demselben Schema ab. Ich bin ein Idiot. Jeff ist sauer. Ich kaufe ihm etwas. Jeff ist sichtbar happy und erfreut, will es aber aus Vernunft heraus nicht annehmen. Als nächstes sage ich ihm, dass ich die Quittung nicht mehr habe und dass er es auch wegwerfen kann, wenn er das will. Es ist, wie ein einstudiertes Theaterstück zwischen uns, mit nur wenig Improvisationsspielraum. Jeff nimmt meine Entschuldigung eigentlich immer an, weil er die hilflose Geste dahin erkennt. Mein Kindheitsfreund ist unfassbar berechenbar, aber genau das beruhigt mich jedes Mal aufs Neue. Ich weiß, dass es nicht die Lösung aller Probleme ist, aber zwischen mir und Jeff funktioniert es. Geistesabwesend schlürfe ich an meinem Tee und starre eine Weile auf das Bett meines Mitbewohners.

Ich vertilge den Rest meines Abendbrotes und öffne den Entwurf für den neuen Roman. Noch immer klafft eine riesige Lücke an der Stelle des Titels. Ich notiere mir ein paar Ideen. Niemals nicht. Liebe lieber aktuell. Blutendes Herz. Der letzte Titel verspricht pure Theatralik. Das wird Brigitta sicher gefallen. Ich unterstreiche die Vorschläge, die mir am meisten zusagen und lege das Blatt beiseite. Nachdem ich weitere Details für die Personen und die einzelnen Akten herausgearbeitet habe, lege ich noch einen Beziehungsstammbaum der Charaktere an. Beziehungstypen. Verwandtschaften. Feindschaften. Ich muss erneut ein paar Dinge in dem vorigen Roman nachlesen als ich merke, dass ich mir bei einigen Personen hinsichtlich des Status nicht mehr sicher bin. Ich wende das Buch ein paar Mal in meinen Händen und fahre dann, wie ich es bereits in der Buchhandlung getan habe, den Buchrücken entlang. Danach lege ich es in meinem Schoß ab.
Ich lehne mich zurück als mein MP3-Player ein neues Lied beginnt. Mein linker Arm hängt an der Seite hinab, während der andere über der Rückenlehne liegt. Es gibt nur wenige Lieder, die tatsächlich dafür sorgen, dass ich mich im Rhythmus dazu bewege und 'Dirrty' von Christina Aguilera ist eines davon. Mit den Fingern klopfe ich den Takt des Liedes gegen die schwarze Plastikverkleidung des Stuhls. Mein Knie lehnt gegen die schmale Tischkante und mein Kopf beginnt sich nickend auf und ab zu bewegen.
„It's about time that I came to start the party. Sweat dripping over my body...", flüstere ich den Text mit und lasse meine Augen geschlossen. Mein Becken hebt sich im Beat des Liedes. Uralt, aber der Song beflügelt mich. Nicht zuletzt, weil sich in meinem Kopf gleichzeitig das Musikvideo abspielt. Leider nicht nur dieses. Ein feines Erschaudern erfasst mich und arbeitet sich in Sekundenschnelle durch meinen Körper. Die damit einhergehenden bösen Erinnerungen verdränge ich gekonnt. Mit einem Mal spüre ich, wie sich Arme um meinen Hals legen. Ich schiele zur linken Seite und sehe Jeffs glatte Wange in Nahaufnahme. Für einen Moment drückt er seinen Kopf gegen meine Kopfhörer. Er lauscht und atmet mir dabei in die Halsbeuge. Die linke Seite ist hochgradig empfindlich. Ich schiebe die Musikspender auf der anderen Seite von meinem Ohr und Jeff macht genau das, was ich damit bezwecke. Er wechselt die Seite. Ich atme erleichtert aus. Mein Mitbewohner summt kurz mit und legt sein Kinn auf meine Schulter fallen.
„Du bringst ihn wieder zurück, verstanden?" Jeff meint den Pullover und sieht mich mit einem Blick an, der mir deutlich sagt, dass er dann aber in Tränen ausbricht. Nachher muss ich ihm noch mehr kaufen, damit er aufhört zu heulen. Wie konnte ich nur all die Jahre nicht schnallen, dass er vom anderen Ufer ist? Meine Fantasie malt ihm einen regenbogenfarbigen Heiligenschein. Um den lästigen Diskussionen zu entgegen, mache ich es ihm leicht. Im Grunde so wie immer „Ich hab die Quittung nicht mehr. Verkauf ihn, wenn du ihn nicht willst oder wirf ihn weg." Damit wende ich mich wieder meinem Rechner zu. Jeff rührt sich nicht. Wahrscheinlich hat er ein Déjà-vu.
„Mach einen Abgang, Koch", setze ich nach. Ich benutze absichtlich seinen Nachnamen, weil ich weiß, dass er es nicht mag. Er grunzt theatralisch mit einem Hauch Verzweiflung. Wirklich nur eine Nuance.
„Jetzt behalte ich den Pullover aus Trotz." Tanz, Püppchen tanz. Ich verkneife mir ein zufriedenes Lachen. Jeff ist glücklich und ich spüre, wie das schlechte Gewissen endlich in die Tiefen meiner Gefühlsschlucht zurück sickert. Wenigstens Geschenke machen kann ich oder eher bestechen. Jeffs nett gemeinter Würgegriff wird kurz fester und lockert sich dann.
„Wir müssen mal wieder tanzen gehen", schlägt Jeff prompt vor und summt das Lied einfach weiter.
„Träum weiter, Satansjünger. Nein. No. Net. Non. Iié. Nahi.", erwidere ich diesen wahnwitzigen Vorschlag. Das letzte Nein in Hindi ist neu. Shari sei Dank. Jedoch verhindert der Gedanke an die schöne Inderin nicht, dass sich die bösen Erinnerungen erneut hervorpellen.
„Ach komm. Du schlägst dich doch immer gut und ich fand, es hat beim letzten Mal viel Spaß gemacht." Sein Lächeln ist lieblich mit einer tiefgründigen Diabolik. Er geht auch nicht auf meine Nein-Tirade ein und greift über meine Schulter hinweg zu meinem Roman. Bevor er etwas erkennen kann, nehme ich ihm diesen aus der Hand und werfe das Buch blitzschnell aufs Bett.
„Weiche von mir, Teufel!", fluche ich lautstark, "Du musstest nicht unter Schmerzen aus dem Bett kriechen oder die Treppe runtergehen. Ich habe zwei Stunden in der Badewanne festgesessen, weil ich nicht mehr rausgekommen bin und...und versuch mal etwas zu essen, wenn man seine Arme nicht mehr heben kann." Ich höre, wie Jeff während meiner Erzählung vergnügt kichert. Die Erinnerungen an das Tanzdesaster im letzten Schuljahr sind wieder vollkommen da und ich spüre, wie der Hass auf meine damalige Sportlehrerin wieder aufflammt. Es war das erste Mal, dass ich meine eigenbrötlerische Art verflucht habe, denn sie hatte mich nicht nur aus Basketball-AG, sondern auch aus der normalen Unterrichtsgruppe getrieben und das direkt in die Arme der einzigen, noch suchenden Teamsportart. Tanzen. Jeffs Favorit. Er ist wirklich talentiert und hat all das Rhythmusgefühl und die Eleganz, die mir fehlt. Trotz flehen und betteln hatte mir unsere schadenfrohe Lehrerin erklärt, dass ich keine andere Wahl habe, weil sonst meine Sportnote flöten ginge. Insgeheim spekulierte sie darauf, dass ich während des geplanten Auftritts am Ende des Schuljahres gnadenlos untergehe. Was nur nicht passiert ist, weil Jeff mich wochenlang brutal quälte. Highschool Musical trifft Nightmare on Elmstreet. Hinter Jeffs harmloser und freundlicher Schweinchen-Babe-Fassade steckt nämlich ein Sadist. Es einen Drill zu nennen, wäre zu harmlos. Pein zu milde. Tortur zu lieblich. Folter zu rosa. Er bereitete mir die Hölle auf Erden und ich bin mir sicher, dass er Spaß daran hatte. Ich spürte monatelang Muskelgruppen, die garantiert kein normaler Mensch braucht. Jedenfalls für nichts Sinnvolles oder Existenzielles. Jeff war wortwörtlich ein tanzender Freddie Krüger für mich, der mich bis in meine Träume verfolgte. Dennoch habe ich den Auftritt gemeistert. Die damals entstandene Aufnahme habe ich bis heute nicht gesehen und ich garantierte Jeff einen schmerzvollen Tod, sollte er es jemals jemand zeigen.
„Oh, armes Tweety... Du lebst doch noch, also beschwere dich nicht." Mein blonder Mitbewohner pattet mir den Kopf als wäre ich ein kleines Kind, dem er erklärt, dass es spinnt. Erbaulich.
„Das habe ich nicht dir zu verdanken, Beelzebub", funkele ich ihm entgegen und möchte ihm die Hand abbeißen. Ein Versuch misslingt. Ich bin zu langsam. In der Savanne würde ich gnadenlos verhungern. Vermutlich auch im Zoo.
„Sondern?", fragt Jeff kichernd.
„Tabea... Sie hatte heilende Hände", säusele ich schwelgend. Sie war meine zugewiesene Tanzpartnerin und unglaublich ausdauernd und biegsam. Nicht nur beim Tanzen.
„Ernsthaft?", fragt er überrascht, "Du Filou! Sie hatte so wunderschöne Augen. Sie hat sogar mir gefallen", sagt Jeff, wirkt weiterhin total verblüfft, so als würde er nicht glauben, dass sie mich rangelassen hat. Aber sie hat. Es war mein Badboy-Charme. Und ja, ihre Augen waren der Wahnsinn. Seegrün und tief. Sie waren wie sonnengeküsstes Meer an einem lauen Sommertag. Ein echtes Highlight. Wenn sie sogar Jeff aufgefallen ist, muss das etwas heißen.
„Ja, da warst du noch nicht schwul", entflieht es mir trocken und ohne wirklich darüber nachzudenken.
„Dir ist schon klar, dass ich bereits damals schwul gewesen bin und es nur nicht gesagt habe?" Er drückt säuerlich mit der flachen Hand mein Gesicht weg und wieder mal ist bestätigt, dass ich niemals den Oscar für einfühlsames Verhalten bekommen werde. Eher eine goldene Himbeere für den schlechtesten Freund aller Zeiten. Was mir aber wiederum einen Akademie Award für den fiesesten Bösewicht einbringen könnte. Ein echter Zwiespalt. Jeff mustert mein abwesendes Gesicht. Will er noch eine Antwort?
„Du, Chamäleon, du", plappere ich drauflos, aber mit einer Verzögerung. Wie sinnreich.
„Du, Elefant, du!", gibt er mir aufgebracht retour und verdeutlicht mir damit das imaginäre Glashaus, welches ich in Begriff bin zu zerlegen.
„Entschuldige, ich bin nun mal ein Stein. Was soll ich dagegen machen?"
„Stein? Du bist ein ganzer Talus." Geologen-Talk. Ich kann mithalten.
„Mit Findling wäre ich noch einverstanden."
„Pah, ein Felsblock mit gigantischen Ausmaßen", schmettert er mir entgegen. Ich wäre lieber ein handlicher Stein geblieben, aber Jeff hat Recht. Mein empfindsames Gefühlsspektrum schlägt nicht nur eine Scheibe ein, sondern verursacht gleich einen ganzen Scherbenhaufen. Ich gestehe meine Niederlage ein. Was diskutiere ich auch mit einem Geologen über Steinvariationen?
„Das liebst du doch so an mir...", kommentiere ich trocken und wenig ernst gemeint. Jeffs Gesichtsfarbe wechselt von aufgebrachtem Rot zu beschämten Rosé. Er macht mir gegenüber eine Kopfnuss-Geste und ich spüre seine Fingerknöchel, die aber nur hauchzart über meinen Kopf gleiten. Kurz bleibt seine Hand in meinem Nacken liegen und dann entfernt sich mein Mitbewohner von meinem Schreibtisch. Ich sehe ihm nach.

„Was ist eigentlich schon wieder mit dir und Kain los?", fragt Jeff und lässt sich auf sein Bett plumpsen.
„Wer?", frage ich ungerührt, während mir der Gedanke an den anderen Mann ein Füllhorn an Gefühlsregungen durch den Körper jagt. Nicht nur die zuckersüß-teuflischen, wie Wut und Verärgerung. Sondern auch die Absonderlichen, wie Geilheit und Aufregung. Grässlich.  Es macht mich verrückt. Ich drehe mich schnell wieder zu meinem Rechner, damit sich nicht irgendeine verräterische Gefühlsregung in meinem Gesicht widerspiegelt.
„Du weißt schon. Kain. Groß. Gutaussehend. Er hat diesen perfekt gestählten Hintern, ein Sixpack und diese schönen dunkelbraunen Bambiaugen." Noch während seiner malerischen Aufzählung drehe ich meinen Stuhl in seine Richtung und runzele die Stirn. Ich schelte mich selbst, weil ich mir bei der Erwähnung seines Hinterns in Erinnerung rufe, wie er sich angefühlt hat. Ich sollte das mit dem Avada kedavra noch mal üben.
„Kriegst du auch eine weniger schwule Beschreibung hin?" Jeff setzt sich in den Schneidersitz, tippt sich gegen das Kinn und grinst.
„Groß, laut und studiert Biotechnologie?" Ich frage mich unwillkürlich, wie wohl meine Beschreibung bei ihm aussieht. Mittelgroßer Typ mit braunen Haaren, der Biochemie studiert? Irgendwie erbärmlich. Gar traurig.
„Nein, sagt mir nichts.", gebe ich verarschend von mir. Damit wende ich mich wieder meinem PC zu.
„Ach komm. Habt ihr euch nach der Wohnheimparty in die Haare bekommen? Normalerweise bist du betrunken doch sehr friedvoll." Und ich war übermäßig friedvoll! Friedvoller geht es nicht. Fast gefügig. Warum geht er eigentlich davon aus, dass ich Schuld habe? Ich bin beleidigt.
„Komm schon, was ist los? Elefanten sind doch Herdentiere und eigentlich sehr sozial", kommentiert Jeff und legt sich hin. Haha.
„Seit wann bin ich sozial?", antworte ich mit meinem berechtigten Einwand. Jeff seufzt.
„Ich habe eigentlich gesagt und ich verstehe dich nicht.  Kain ist ein toller Typ, intelligent und echt nett." Nett? Ich erinnere mich an Kains Robotervergleich und definiere nett anders. „Was ist dein Problem mit ihm?"
„Jeff!", gebe ich mahnend von mir. Zur Verdeutlichung werfe ich ihm meinen Kugelschreiber entgegen. Er landet neben Jeff auf der Bettdecke. Es gibt genügend Gründe, die meine mürrische Zurückhaltung dem Schwarzhaarigen gegenüber bekräftigen, aber Jeff muss sie nicht alle erfahren. Kain missachtet meine Privatsphäre und liest einfach meine Texte. Das allein begründet lebenslange Isolationshaft. Und dann noch diese rothaarige Mistkuh.  Außerdem nervt er mich und er sorgt dafür, dass ich manchmal nicht Herr der Lage bin. Das geht mir am Meisten gegen den Strich. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mit ihm geschlafen habe. Seltsamerweise bildet sich in meinem Kopf diesmal das Bild eines mit Schellen schlagenden Äffchens. In Fernsehserien käme jetzt eines dieser Dadomm-Geräusche. Ich lege meinen Kopf etwas schief und sehe zu meinem Mitbewohner. Jeff wartet noch immer auf eine Antwort. Er wird sie nicht bekommen.
„Hast du dich jemals länger als zwei Minuten mit ihm unterhalten?" Jeff gibt keine Ruhe. Ich gebe ein genervtes Geräusch von mir und werfe diesmal den Bleistift nach hinten. Ich höre, wie er gegen die Wand prallt. Viel zu weit. Physik ist scheiße.
„Habe ich", antworte ich, ohne näher auf unsere Gespräch einzugehen. So ist es besser. Jeff muss nichts davon erfahren. Ich spüre, wie die Frequenz meines Herzschlags zunimmt, höre Kains Stimme, die mir Passagen meines Textes ins Ohr raunt. Lass mich noch ein bisschen den bösen Wolf spielen, wiederholt sich in meinem Kopf. Mein Ohrläppchen beginnt zu kitzeln, weil ich das Gefühl habe, ich würde erneut Kains Lippen dort spüren. Der federleichte Kuss und der kribbelnde Schmerz, verursacht durch den erregenden Biss. Unwirsch rubbele ich mir über das Ohr. Auch meine Fingerspitzen beginnen zu kitzeln. Ich will es aufschreiben. Jeffs Stimme reißt mich aus den Gedanken.
„Gib ihm doch eine Chance."
„Kannst du bitte aufhören. Ich habe keine Lust dir noch einen Pullover kaufen zu müssen", gebe ich warnend von mir, weil Jeff langsam meinen Nervtoleranzpunkt erreicht. Augenblicklich hält er den Mund. Sieg. Ich schüttele imaginäre Pompons. Oh weh. Ich darf mich nicht mehr so oft mit Brigitta treffen. Leise seufzend nehme ich mir den skizzierten Personenbaum hervor.
„Du könntest...", ertönt leise hinter mir. Ich werfe meinen Radiergummi in die Richtung. Jeff muss diesmal ausweichen.
„Ich warne dich..." Es folgt noch ein kurzes Zucken seiner Mundwinkel. Ich deute an, dass ich gleich noch etwas nach ihm werfe und diesmal wird es größer und schwerer. Er lehnt sich an die Wand.
„In Blau gefiel er mir aber auch.", sagt er schelmisch und presst die Lippen aufeinander. Ich knülle eines der Blätter der Korrektur zusammen und werfe es Jeff zu. Einen halben Meter vor seinen Füßen geht der Papierball zu Boden. Mein Wildtierlevel erreicht heute gerade so das eines Stubentigers. Miau. Jeff lacht erheitert auf.

Jeff schafft es den restlichen Abend das Thema Kain kein weiteres Mal an zu sprechen. Dafür kriegt er es fertig eine halbe Stunde mit seinem Ficus zu reden und meine dummen Kommentare dazu vollkommen zu ignorieren.  Während ich meinen Mitbewohner dabei beobachte, wie er vertrocknete Blätter von der Pflanze zupft, denke ich ein paar Mal darüber nach, dass ich sehr froh sein kann, dass Ben ihm nicht antworten kann oder ihm irgendwelche Dinge erzählt. Das wäre für mich eine ziemlich peinliche Nummer. Ich bin manchmal wirklich unfreundlich zu dem grünen Teil. Und er hat Dinge gesehen, die ich selbst lieber vergessen möchte. Nackte Dinge. Kain Dinge. Vermutlich hat Ben längst ein Traum davon getragen und wartet nur darauf, die Welt von den Menschen zu befreien. Mein vibrierendes Handy reißt mich aus der Fantasie, in der menschenfressende Pflanzen, allem voran Ben, den Campus terrorisieren. Es ist eine Nachricht von Kain und ich schiebe das Fenster weg, ohne sie zu lesen.

Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass die einzige Vorlesung des Tages ausfällt. Mitgeteilt wird es den Studierenden durch einen kleinen, weißen Zettel, der an der Tür des Hörsaales klebt. Ein Hoch auf die Digitalisierung. Alle Mitarbeiter und Studenten haben E-Mailadressen. Es gibt ein Lern- und Informationsportal, aber warum sollte man das nutzen? Ich bin genervt. Ich sehe auf die Uhr und sie zeigt mir das, was ich befürchte. Zu spät um wieder ins Bett zugehen. Zu früh für Mittagessen. Ich trabe missmutig zurück ins Wohnheim, bleibe einen Moment ratlos an meinem Schreibtisch sitzen. Ich angele meinen Terminkalender aus der Tasche und stelle fest, dass ich in ein paar Wochen ein Referat halten muss. Das Thema habe ich auch schon. Signaltransduktion. Gemeint sind damit die Signalübertragungsprozesse, mit denen Zellen auf äußere Reize reagieren, diese dann umwandeln und in die inneren Bereiche der Zelle weiterleiten. Meine Magen beginnt schon jetzt zu rumoren und das nicht, weil ich freudig das Mittagessen erwarte. Auch nicht wegen der Komplexität des Themas, sondern wegen der alleinigen Vorstellung vor dem Seminarteilnehmer zu stehen und zu reden. Leider sind Referate in vielen Seminaren und in einigen Vorlesungen obligatorisch für den erfolgreichen Abschluss. Missmutig öffne ich die Internetseite unserer Bibliothek und beginne nach Material zu recherchieren. Ich finde ein paar Bücher und interessant klingende Artikel. Ich notiere mir die Signaturen auf einen Zettel und nehme mir erneut Brigittas Anmerkungen zum neuen Buch vor. Diesmal erledige ich sie mehr oder weniger zufriedenstellend und wechsele danach zur neuen Romanidee. Seit dem in der Buchhandlung angelesenen Roman bekomme ich den Wunsch nach einer Sexszene nicht mehr aus dem Kopf. Gut, vielleicht hat auch die Katastrophe mit Kain und Jeff daran schuld. Es juckt mir in den Fingern. Ohne länger darüber nach zudenken, öffne ich eine neues Dokument und beginne zu tippen. Ich bin so in Gedanken, dass ich nicht einmal Jeff bemerke, der am Nachmittag ins Zimmer kommt.

Ich schrecke zusammen als mit einem Mal meine Stuhllehne runtergedrückt wird und der Kopf meines Mitbewohners über mir auftaucht. Auch Jeff starrt direkt auf meinen Bildschirm, sowie es Kain beim ersten Mal getan hat. Nur kurz und sieht daraufhin zu mir runter. Ich sehe direkt in die blaugrauen Augen meines Kindheitsfreundes. Er lächelt und macht zu seinem Glück keine Anstalten weiterzulesen.
„Was ist das da in deinem Gesicht?", frage ich mit gerunzelter Stirn und pieke ihm in die Wange. Jeffs Augenbrauen runzeln sich ebenfalls und er fährt sich mit der Hand über seine Wange, so als hätte er ein Krümel im Gesicht.
„Was meinst du?"
„Dieses... na... die seltsame Verformung da..." Jeff seufzt, als er versteht, dass ich das Lächeln meine.
„Ein Lächeln. Ein Ausdruck für Freude, Glück und des guten Willens. Kannst du auch mal versuchen. So lernt man Menschen kennen", kommentiert Jeff und ich machen noch während er spricht ein angeekeltes Gesicht.
„Iieh, Menschen.", erwidere ich. Jeff patscht mir mit der flachen Hand einmal über das komplette Gesicht und lässt meinen Stuhl wieder los. „Und wieso lächelst du?", setze ich nach und bin wirklich interessiert.
„Ich hab ein Date!", flötet mein Mitbewohner enthusiastisch, "Also was ziehe ich an?" Eine rhetorische Frage.
„Hose und Oberteil? Alles andere ist optional!", sage ich trocken und ernte einen unaussprechlichen Blick. Ich bin ihm, wie erwartet keine Hilfe. Als ob er es nicht vorher gewusst hat.
"Im Ernst? Daran merkt man, dass du echt noch keine Freundin und kein Date hattest."
"Pah, das hat nichts damit zu tun. Ich mache mir über sowas einfach keine Gedanken. Das Geheimnis für meine Tiefenentspanntheit."
„Natürlich hat es damit zu tun. Dein Mangel an Dates sorgt ja auch dafür, dass du dir keinen Gedanken machen musst.", motzt er und versucht mich ein klein wenig provozieren. Wir bewegen uns im Kreis, weil jeder von uns beiden einen anderen Ausgangspunkt hat.
„Aber jetzt weißt du, wieso ich so zufrieden bin."
„Ich weiß ja nicht, wie man ohne Sex zufrieden sein kann. Ich wäre an deiner Stelle schon verrückt geworden. Eingegangen...verdorrt... krepiert...verrottet", kommentiert Jeff, macht eine Erschießungsgeste und danach gleich eine, die eventuell eine Strangulationsgeste, aber auch eine seltsame SM-Praxis darstellen könnte. Wie anschaulich. Wenn er wüsste.  Automatisch denke ich an Kain und den gar nicht so sexlosen Sex, den wir hatten. ich muss damit aufhören dauernd an ihn und den Vorfall zu denken. Dringend. Jeff macht währenddessen ungerührt weiter mit seinen lautmalerischen Aussagen. Wieder schleicht sich Kain in meinen Kopf und diesmal mit der Äußerung über das kaninchenhafte Verhalten der beiden Männer.
„Okay, es reicht. Ich hab's verstanden.", watsche ich ihn endlich ab, "Erst einmal braucht man für Sex keine Freundin und Zweitens verfolgt nicht jeder die Taktik von r-Strategen." Qualität statt Quantität ist die Devise. Nur bei den beiden Blonden nicht. Dass ich im Grunde über die Qualität ihre Geschlechtsaktes nichts aussagen kann, verdränge ich gekonnt und frage mich sofort, wieso ich darüber nachdenke.
"r-Was?"
„Kain meinte, du und Abel seid wie Kaninchen! In der Biologie nennt sich das fortpflanzungstechnische r-Strategen", erläutere ich und mache nebenbei ein Häschengesicht. Ich wackele mit der Nase und nutze meine Hände noch als Ohren. Jeff beginnt bei der ungewohnten Vorstellung zu lachen. Ich höre Jeff gern lachen, denn es ist wirklich ansteckend.
„Ow, mach das niemals in Kains Gegenwart. Ich weiß von Merena, dass er ein Faible für  Spitznamen hat.", gibt Jeff lachend von sich. Leider lenkt die Erwähnung der Rothaarigen sofort den Grad meiner Stimmung ans Nullende des Koordinatensystems und tiefer. Nicht proportional sondern gradlinig gen minus unendlich.
„Für die fällt mir auch der ein oder andere Spitzname ein.", gebe ich bissig von. Nur sind das keine Netten.
„Sie ist buchstäblich dein rotes Tuch oder?", bemerkt Jeff und greift nach seiner Tasche.
„Buchstäblich oder wortwörtlich würde voraussetzen, dass sie tatsächlich ein rotes Tuch ist. Du meinst metaphorisch", berichtige ich ihn. Jeff äfft mich in Gedanken nach, das erkenne ich an der typischen Kopfbewegung, die er macht. Ich bedenke ihn mit einem Blick, der deutlich nach seinem Alter fragt und ernte eine herausgestreckte Zunge. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal von Jeffs Mutter Betreuungsgeld verlangen.
„Das tangiert mich in keinster Weise und ich meine buchstäblich", kommt es daraufhin von Jeff. Er deutet auf seinen Kopf, meint ihren roten Haarschopf und bei mir richten sich die Nackenhaare auf. Einer der populärsten Fehler. Klar, dass Jeff genau das mitnimmt. Noch dazu macht er es mit purer Absicht, weil er genau weiß, wie sehr es mich aufregt. Im Gegensatz zu mir hatte Jeff einen Englisch-Leistungskurs in der Oberstufe und bereits in der 10. Klasse eingeschätzt, dass ihm seine eigene Mutter nicht liegt. Zu viele Wörter und so seltsame Beugungen. Aha. Klar, das ist als Muttersprachler entsetzlich schwierig. Böse Wörter. Teuflische Konjugationen und dann noch die vier grausamen Fälle. Im Russischen gibt es sechs. Wahrscheinlich wäre er nach jeder Stunde heulend aus dem Klassenzimmer gelaufen. Gerade die Vielfältigkeit und die Variabilität unserer Sprache macht sie für mich so attraktiv. Denn dank ihr lässt sich die Welt so wunderbar beschreiben und deuten.
„In keiner Weise. Verdammt noch mal", pfeffere ich ihm berichtigend entgegen.
„Ich weiß, aber wenn du mich ärgerst, nerve ich dich eben. Du bist schließlich nicht der einzigste Schlaue hier!" Schon wieder. Jetzt wird das kratzige Gefühl unter meiner Haut akut. Es ist wie ätzende Flüssigkeiten, die sich durch die Schichten meiner Epidermis fressen.
„Einzige. Einzige!", pfeffere ich ihn entgegen und halte mir die Ohren zu. Ich stehe von meinem Rechner auf, greife nach meinem Laptop und dem Zettel mit den notierten Kennziffern für die Bücherstandorte. Jeff höre ich nur noch zufrieden lachen als ich zur Tür gehe und die Flucht antrete.
„Ich werde mich jetzt mit richtiger Grammatik umgeben. Viel Spaß bei deinem Date.", wünsche ich meinem Jugendfreund und setze mir die Kopfhörer auf.
„Viel Spaß in der Bibliothek", höre ich ihn trotzdem sagen und ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn Jeff das letzte Wort hat. Das passiert nicht allzu oft.

Draußen stecke ich mir eine Zigarette an, spüre das kitzelnde Gefühl in meiner Lunge und bevor ich es genießen kann, sehe ich Abel auf mich zu schlendern. Vor mir bleibt er stehen und ich verfluche die höheren Mächte, dass sie mir nicht mal die Gelegenheit zur Flucht gegeben haben. Ich ziehe mir sogar aus der Gewohnheit heraus die Kopfhörer vom Kopf. Glanzleistung. Mir entgeht nicht, dass Abel mich unauffällig mustert, was ich auf meine Klamottenwahl schiebe.
„Hey.", begrüßt er mich und grinst.
"Jeff ist im Zimmer und veranstaltet ein Klamottenchaos.", erwidere ich so neutral, wie möglich. Abel lacht monoton auf. Seine Stimme ist echt zum Einschlafen. Ich sehe an ihm vorbei und versuche ihm anzudeuten, dass ich weiter muss. Ich schaffe einen Schritt, ehe mich seine Stimme wieder zurückhält.
"Und wo willst du hin?"
„In die Bibliothek", erwidere ich. Unwillkürlich hole ich eine neue Zigarette hervor, stecke sie mir zwischen die Lippen und suche nach dem Feuerzeug. Alles nur Ablenkung und der Versuch aus der Situation zu fliehen.
„Brauchst du Feuer?", fragt Abel und zieht ohne Umschweife und Antwort ein Feuerzeug aus seiner Jackentasche. Er reicht es mir nicht, sondern betätigt das Rädchen und die Flamme entzündet sich. Ich beuge mich etwas widerwillig vor und lasse mir von ihm die Zigarette anzünden.
„Wieso hast du ein Feuerzeug in der Tasche? Du rauchst doch gar nicht, oder?", frage ich  und ignoriere das seltsame Gefühl in meinem Nacken, welche seines Nähe bei mir verursacht. Irgendwas an ihm lässt meine Armglocken klingeln, auch wenn ich, abgesehen von seiner akkuraten Dummheit und der Angewohnheit für schlechte Witze, nicht sagen kann, was es ist. Es ist einfach so ein Gefühl.
„Ist für Kerzen", antwortet er ruhig, steckt das Feuerzeug zurück in seine Jackentasche und lächelt.
„Kerzen?"
„Ja, Jeff steht auf diesen Romantikkram und manchmal, wenn er getrunken hat, will er auch mal eine Zigarette."
„Ach!", kommentiere ich überrascht. Jeff, dieser miese kleine Heuchler.
„Verrate ihm nicht, dass ich dir das erzählt habe, sonst dreht er sich aus mir einen Jahresvorrat." Abel lacht und ich ringe mir ein gekünsteltes Lächeln ab. Wahrscheinlich wirke ich in diesem Moment auf Außenstehende als hätte ich einen Schlaganfall. Abel merkt es nicht. „Apropos Romantikkram." In Abels Gesicht bildet sich ein sonderbares Grinsen und er deutet in die Richtung Wohnheim. Ich will keine weiteren Informationen und wende mich zum Gehen.
„Hey Robin", ruft er plötzlich und ich wende mich zögerlich um, "Mal so unter uns, dass mit dem Rauchen ist ein Abtörner beim Küssen." Auch Abel wartet keine Antwort ab und verschwimmt nach ein paar Metern mit der Dunkelheit. Ich brauche noch einen Moment bis ich weitergehe.

Bis ich bei der Bibliothek angekommen bin, habe ich die zweite Zigarette aufgeraucht und komme noch immer noch nicht über diesen Kommentar hinweg. Was sollte das? Abtörner beim Küssen. Wieso interessierte ihn das überhaupt? Ich knurre unverhohlen und schüttele den Kopf. So ein Vollidiot.
Trotz voranschreitender Uhrzeit ist in der Bibliothek noch Einiges los.  Überall sitzen fleißig arbeitende Studenten vor Bücherstapeln oder bewegen sich durch die Gänge. Darunter sind sogar ein paar Gesichter, die ich kenne. Marie sitzt mit einem Stapel Bücher an einem Tisch in der Nähe der Fachabteilung für Biologie und hat den Handapparat geplündert. Sie ist, wie ich, im vierten Semester, aber für reine Biologie. Ich habe bereits ein paar Gruppenaufgaben mit ihr zusammen durch gestanden und wir haben uns im letzten Jahr erfolgreich gegen Kains Rothaarige verbündet. Allein das macht Marie zur Heiligen für mich. Als ich an ihr vorbeikomme, klopfe ich kurz auf ihren Tisch. Als sie aufblickt und mich erkennt, schiebt sie ihre Brille zurecht und lächelt. Ohne ein Wort mit ihr zu wechseln, mache ich mich auf die Suche nach meinen Signaturen.

Die Bücher finde ich sofort, aber die Magazine bleiben auch nach einer Viertelstunde suchen unauffindbar. Mir scheint als wäre mir etwas Wichtiges entfallen. Bei der obligatorischen Führung im ersten Semester durch die Bibliothek, bei der uns alles erklärt wurde, habe ich gefehlt. Ich lege die bereits gefundenen Wälzer auf eine der Ablagen und bleibe vor einem Übersichtsplan stehen. Eine Auflistung der Abteilung und deren Signaturbestandteile. Nur werde ich werde daraus nicht schlau. Ich lege meinen Kopf schief um die Perspektive zu ändern, aber auch das hilft nicht. Bis ich merke, wie auf der linken Seite mein Kopfhörer vom Ohr gehoben wird.
„Du hast nicht auf meine Nachrichten geantwortet.", flüstert eine bekannte männliche Stimme. Kain. Er lässt meinen Kopfhörer wieder los und der Bügel rutscht mir auf den Hals. Ein Seufzen verkneife ich mir ebenfalls nicht.
„Hab sie nicht mal gelesen.", erwidere ich, sehe nicht zu dem Schwarzhaarigen, sondern fahre mit den Augen erneut die Liste ab. Danach blicke ich auf meinen Zettel und beiße mir sachte auf de, Wangeninneren herum. Ich kann die Signaturen einfach nicht zu ordnen.
„Hab ich gesehen", entfährt es ihm laut. Für ein paar Sekunden warte ich auf einen klischeehaften Psch-Laut, aber er bleibt aus. Die Bibliothek ist so groß, dass es hier einige Ecken gibt, in denen man sich lauthals anschreien könnte, ohne, dass es jemand merkt. Gerüchten zur Folge werden diese Ecke auch gern für Stelldicheins benutzt. Ich suche mir gern solche Plätze, um von niemanden angetroffen zu werden. Kain lehnt sich neben die Liste an das Regal, verdeckt die komplette linke Seite und damit die Hälfte der Regalnummern. Seine Arme verschränkt er vor der Brust und sieht mich unverwandt an.
„Was willst du?", frage ich genervt.
„Wenn du meine Nachrichten gelesen hättest, wüsstest du es.", kontert er. Ich versuche mein Gesicht noch ein Stück genervter aussehen zu lassen und bin mir nicht sicher, wie wirkungsvoll es ist. Kain zeigt keine Regung, also wende ich mich ab um eine Mitarbeiterin zu suchen, die mir helfen kann. Kain lässt es nicht zu. Seine Hand gleitet widerstandslos zwischen meinen Arm und Oberkörper und packt zu. Der Ruck lässt mich etwas taumeln und ich pralle gegen ihn. Das ist nicht effektlos. Das ewig Körperliche macht mir zu schaffen und ich suche automatisch den Abstand. Kain hält mich eisern fest und nun sehe in sein grimmiges Gesicht.
„Du tippst aus dem Stand tausend Worte Erotikkram, aber schaffst es nicht eine Kurzmitteilung zu verfassen?", bellt er leise, aber mit Nachdruck.
„Verklag mich! Ich hatte keine Lust dir zu antworten. Klar?" Boden öffne dich. Ein Blitz wäre auch gut. Das Einzige, was mich trifft, ist die Stille und Kains verstehender Blick. Noch deutlicher hätte ich es ihm nicht machen können. Das Klar. Ich hab es gefressen und nun weiß er es. Ich sehne mich nach einer plötzlichen Feuersbrunst. Bitte. Noch immer nur Stille. Ich versuche meinen Arm aus seinem Griff zu befreien, doch es klapp erst, als Kain mich freiwillig loslässt. „Sicher wartet doch irgendwo dein Rotflittchen.", spucke ich hinterher, setze mir demonstrativ die Kopfhörer auf und schalte die Lautstärke höher. Ich wende mich ab. Unser Gespräch oder was auch immer das war, ist beendet.

Ein paar Meter weiter bleibe ich wieder stehen und sehe mich um. Der Song wechselt und es erklingt Rihanna mit 'Umbrella'. Klasse, das garantiert mir für den restlichen Tag einen Ohrwurm. 'Ella ella, ay ay ay. Under my umbrella'. Prima, es geht schon los. Die feinen Härchen in meinem Nacken richten sich auf als ich den warmen Körper des anderen Mannes plötzlich hinter mir spüre. Er zieht mir die Kopfhörer von den Ohren. 'When the war has took its part. When the world has dealt its cards', schallt es leise aus meinen Musikgerät. Auch Kain hört es. Sein Arm greift an mir vorbei und ich halte still. Seine Hand schiebt sich zwischen meinem Händen, die meine Notiz halten und meinem Bauch nach oben, ohne mich weiter zu berühren.
„Die musst du bestellen", flüstert mir Kain zu, "Das ist Magazinware und die ist nicht zugänglich." Sein Zeigefinger tippt auf die zwei Signaturen auf meinem Zettel. Gut zu wissen. „Das kannst du alles in den Anmerkungen nachlesen. Solltest du nachholen." Ich höre deutlich die Ironie in seiner Stimme. 'Ella ella, ay ay'. Die Hitze an meinem Rücken verschwindet. Die leisen Schritte des großen Mannes verstummen schnell. 'Under my umbrella'. Erst, nachdem ich glaube, dass er es nicht mehr merkt, sehe ich ihm nach. Weit gefehlt. Kain hat bei einer Kommilitonin gestoppt und sieht in diesem Moment zu mir. Blitzartig biege ich in den nächstbesten Regalgang ein und halte die Luft an. Ich greife blind nach einem und atme aus. Verräterisch hoch fünf. Ich bin reflexartig geflohen und Kain hat es definitiv gesehen. Ich sehe auf das Buch in meiner Hand und lese den Titel. Quantentheorie. Gegen ein schwarzes Loch hätte ich in diesem Moment überhaupt nichts und ich überlege auch, es als Strafe zu lesen. Doch stattdessen schiebe ich es zurück ins Regal, greife mir meine Bücher und lasse mich auf einen der freien Arbeitsplätze nieder. Mein Laptop fährt hoch und ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Ich versuche es beiläufig aussehen zu lassen, aber ich scrolle direkt zu Kains Nachrichten. Es ist eine Entschuldigung. Er hat sich von mir angegriffen gefühlt und er war verwirrt. Er möchte mit mir reden. Reden. Was erhofft er sich davon? Wir reden und damit ist es vergessen? Sicher nicht. Ich schiebe das Handy missmutig zurück auf den Tisch, nehme mir das erste Buch vor und ertappe mich dabei, wie ich andauernd auf das dunkle Display des Telekommunikationsgeräts starre. Kommunikation, die Quintessenz jeder humangesellschaftlichen Beziehung und meine Nemesis.
Irgendwann tippt mir dir Bibliothekarin auf die Schultern und erinnert mich daran, dass sie schließen. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist kurz nach 9 Uhr und ich habe nicht einen nützlichen Stichpunkt gemacht.

Im Zimmer ist es dunkel und mir wird bewusst, dass Jeff nicht erzählt hat, wo die beiden heute hingehen. Irgendwas Romantisches vielleicht? Wieder kommt mir Abels seltsamer Kommentar in den Sinn und ich schüttle energisch den Kopf um ihn wieder loszuwerden. Ich brauche eine Dusche. Eine warme, ausgiebige Dusche. Dringend. Ich sehe auf die Uhr. Es ist reichlich spät. Laut unserer Wohnheimordnung müssen wir bis 22 Uhr die Duschräume verlassen haben. Der Grund ist die akute Gefahrenvermeidung bei unsachgemäßer Bedienung von Sanitäreinrichtungen. Kurz, Studenten sind unverantwortlich und dämlich. Leider gab es in den letzten Jahren tatsächlich mehrere Unfälle, bei denen eine nicht unbedeutende Menge an Alkohol und eine verschwenderische Bedienung der sanitären Einrichtungen eine Rolle spielten. Ich habe einen Deal mit dem Aufseher Micha, der mich bis halb 11 Uhr in Frieden lässt, sodass ich in aller Ruhe duschen kann, wenn niemand anderes mehr da ist. Vorausgesetzt ich betätige vor 22 Uhr den Wasserhahn und pflege einen sorgsamen Umgang mit den Resten meiner Zigaretten. Daran arbeite ich noch. Ich mache auf den Absatz kehrt und gehe zu den Duschräumen.

Im Flur vibriert mein Handy. Als ich auf das Display schaue, erkenne ich die Nummer meines Elternhauses. Bisher habe ich noch nicht mit Jeff gesprochen und weiß daher noch immer nicht, wann er genau er nach Hause fährt.
„Hm?" Nach kurzem Zögern gehe ich ran.

„Sag, haben sich deine Gliedmaßen zu zu kurzen Dinosaurierärmchen zurückentwickelt? Oder leidest du an Aphasie? Hm, vielleicht auch Analphabetismus, Bruderherz?", rasselt mir Lena augenblicklich entgegen und ich bekommen im ersten Moment nur einen mürrischen Brummton zur Stande. „Also doch das akute Verstummungssyndrom", kommentiert meine kleine Schwester weiter. Im Hintergrund höre ich meine Mutter, wie sie mahnend Lenas Namen sagt. Ich betrete den Umkleidebereich.
"Bist du fertig?", frage ich ruhig und höre sie glucksen, "Hat wieder jemand vergessen deine Zelle abzusperren?" Ich krame nebenbei meine Duschutensilien aus dem Spind.
„Wir hatten Tag der offenen Tür. Den Fehler machen sie jedes Mal", kichert sie mir übertrieben verrückt entgegen. Erneut höre ich meine Mutter etwas sagen, verstehe aber nicht, was es ist. „Ja, doch...Mama will endlich wissen, wann du hier aufschlägst und sie duldet keine weitere Ausrede."
„Dann sag ihr doch bitte, dass sie einfach Jeffs Mutter fragen soll."
„Na, ich weiß ja nicht, ob sie das hören will. Moment, ich gebe sie dir." Ich kann hören, wie sie sich vom Tisch wegbewegt und wie sie Mama ruft. Hilfe.
„Lena, nein!!" So laut ich kann. Ich habe keine Lust auf mehr von diesem verzehrenden Gefühl namens schlechtes Gewissen. Jeff hatte meinen Jahresvorrat in den letzten Tagen aufgebraucht. Solche Gefühle liegen mir ganz und gar nicht. Irgendwann wird davon mein Gehirn weich. Garantiert. ich widerhole ihren Namen und sie geht wieder ran. „Mit etwas anderem kann ich ihr nicht dienen. Ich habe Jeff noch nicht gefragt." Meine Schwester schweigt einen Moment. Schweigen ist nicht gut. Gar nicht gut. Ich stelle mir vor, wie sie eine Strähne ihres dunkelblonden Haares zwischen den Fingern eindreht und ein nachdenkliches Gesicht macht. Ich weiß, dass sie sich dabei auf die linke Hälfte der Unterlippe beißt und wenn ihr etwas eingefallen ist, tippt sie mit der Zungenspitze gegen ihre Oberlippen.
„Das kostet mich meinen Freigang, das weißt du? Was kriege ich von dir dafür?"
„Einen kostenlosen Grammatikgrundkurs." Ich denke an Jeff. Auch Lena steht ein wenig mit ihrer Muttersprache auf Kriegsfuß. Dafür ist sie ein Ass in Mathe, Physik und Sport. Mit den ersten beiden Fächern kann man mich jagen.
„Oh, ich weiß! Du begleitest mich und eine Freundin auf das Konzert von 5 Seconds of Summer."
„Haha. Eher lasse ich mich von dir lebendig in Säure auflösen.", entgegne ich daraufhin. Ich ziehe mir nebenbei die Strickjacke von den Schultern und streife die Schuhe ab.
„Ach komm schon, wenn du uns begleitest, sagt Mama bestimmt ja. Sonst denkt sie, wir werden dort an einen Mädchenhändlerring verschachert."
„Darüber braucht sie sich keine Sorgen machen, dich bringen die wieder zurück und lassen noch Geld da."
„Haha, du Traumbeere. Nicht witzig. Komm schon, du mir den Gefallen." Was haben nur alle mit diesen nervigen Kosenamen? Sehe ich aus, wie jemand, bei dem man niedliche Bezeichnungen anwenden kann? Zum Glück sieht niemand, dass ich kindisch mit dem Kopf wackele und dazu das Gesicht verziehe, während ich zu den Duschen laufe.
„Ich lege jetzt auf. Gruß an Mama", sage ich, warte keine Erwiderung ab und schiebe das Telefon in meine Hosentasche. Ich werfe meine Klamotten der Reihe nach auf die Bank in der Mitte des Raumes und blicke noch mal zur Tür, bevor ich mir als Letztes das Shirt über den Kopf ziehe. Danach husche ich in die Kabine.

Warmes Wasser trifft meinen Körper und ich schließe genießerisch die Augen. Es fühlt sich gut an und ich entspanne mich. Leider führt es dazu, dass auch meine Gedanken zu rotieren beginnen.
Kain hat sich tatsächlich entschuldigt. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich lasse mir  Wasser ins Gesicht prasseln und fahre mir mit den Händen den Hals, weiterhinab zur Brust. Unwillkürlich entsteht das Bild von Kains Oberkörper in meinem Kopf und ich erinnere mich daran, wie sich seine Haut unter meinen Fingern anfühlte. Sie war so warm und die Härte seine Muskeln so deutlich. Wie sie unter meiner Berührung arbeiteten. Mein Puls beschleunigt sich und das Kribbeln in meinem Bauch gleitet tief. Es war eine gute Erfahrung. Alles daran. Allen voran diese tiefgehende Befriedigung, die ich danach spürte. Auch wenn sie schnell in etwas Anderes übersprang.
Ich verstehe, warum Kain beim weiblichen Geschlecht so gut ankommt. Sein Körper ist ein Hingucker. Definiert und muskulös, aber in genau dem richtigen Maß. Ein Körper, über den ich auch in meinen Büchern schreibe. In meinem Kopf spulen sich automatisch die verzückten Ausrufe und das Staunen meiner weiblichen Protagonisten ab, wenn sie das erste Mal den Mann ihrer Träume oben ohne sehen. Beim Baden. Beim Sport. Beim zufälligen und komplett unerwarteten Regenschauer. Wieder so eine Phrase in den rosaroten Liebesroman-Himmel. Niemals ist es Sex, was sie als erstes verbindet. Dabei kann man meine Romane schon eher zu den Genre New Adult zählen, bei denen sexuelle Erfahrungen durchaus berechtigt wären. Noch dazu bin ich der Überzeugung, dass das durchaus das ist, was der Realität am Nächsten käme. Gerade bei so jungen Leuten, wie wir es sind.
Ein Treffen und man geht miteinander ins Bett. So mache ich es jedenfalls. Man kauft doch nicht die Kuh im Sack. Oder den Esel. Irgendetwas daran ist falsch, aber ich komme nicht auf die richtige Redewendung. In meinen Geschichten gibt es keinen Sex. Schließlich schreibe ich für einen Jugendverlag. Dennoch passiert es in meinem Kopf ständig, dass ich weiterdenke ohne es zu tippen. Dabei würden diese Szenen manchen meiner Bücher mindestens 50 Seiten mehr bescheren. Meiner Meinung nach fehlt es meinen Romanen oft an Tiefe. Zu meinem Glück verlangen die Teenager-Geschichten, die ich schreibe, keine Tiefe, denn sie stehen für ein unerreichbares Ideal, was es sowieso niemals geben wird. Es ist reine Fantasie, die hier bedient werden muss. Oft muss ich zu heftige Reaktionen abmildern oder rausstreichen. So was wollen die Leserinnen nicht hören. Am Anfang bat sie, mich niemals das aufzuschreiben, was ich denke. Mittlerweile weiß ich warum. Ich bin schlichtweg nicht verkaufsfördernd. Das hat mir Brigitta sogar mehrfach an den Kopf geworfen. Hart, aber ehrlich. Sie tut es heute noch.
Im Moment würde dabei auch nur übererotischer Kram rauskommen, was mein geschriebener Exkurs rundum Kain deutlich aufzeigt. Doch was soll ich machen? Ich kann einfach nicht abstreiten, dass sich die Worte, wie von allein formulieren, sobald ich an den schwarzhaarigen Mann denke. Obwohl ich selbst nicht der Typ dafür bin, gehört es dennoch dazu. Wenn man jemanden anziehend findet, will man ihn berühren. Ich würde diese Person spüren wollen, genauso, wie ich Kain gespürt habe.
Wieder durchbreche ich seufzend meine Gedankengänge. Es reicht. Ich muss damit aufhören. Sicherlich war es gut. Ja auch, besser, als in meiner Fantasie und wahrscheinlich auch besser, als ich es jemals beschreiben könnte. Eine Fantasie kann noch so gut sein und dennoch ersetzt sie niemals die eigene Erfahrung. Das eigene Erlebnis. Ich lasse meinen Kopf gegen die gekachelte Trennwand der Dusche fallen und schließe die Augen. Erneut brummt das tiefe Keuchen Kains in meinen Ohren nach. Meine Hand streicht fast automatisch über meinen Hals, meine Brust entlang und stoppt an meinem Unterbauch. Da ist es wieder dieses Gefühl, dass ich noch nicht genug habe. Ich wende mich um und lasse das warme Wasser direkt auf mein Gesicht treffen. Ich halte die Luft an, zähle bis 30 und atme wieder aus. Mein Körper hat sich wieder etwas beruhigt.

Ich greife nach dem Shampoo, streiche mir zu nächste die feuchten Haare zurück und lasse mir etwas der wohl duftenden Substanz in die Hand fließen. Ich schrecke leicht zusammen als ich die Tür höre.
„Gib mir noch zehn Minuten", rufe ich auf Verdacht. Für Micha ist es eigentlich noch zu früh. Doch wer sollte es sonst sein.
„Machst du mir dann den feuchtfröhlichen Ententanz?" Ich erstarre in mitten meiner Bewegung. Kain. Was macht er hier? Nur der dünne Vorhang trennt uns voneinander und ich spüre sofort eine leichte Unruhe. Was will er hier? Ich stelle das Shampoo weg und schiebe den Vorhang etwas zur Seite. Vielleicht habe ich mir seine Stimme nur eingebildet. Leider nicht. Der Schwarzhaarige lehnt mit verschränkten Armen an der Duschkabine gegenüber. Ganz unverhohlen mustert er die Stellen meines nackten Körpers, die hervorschauen. Ich hebe meine Augenbraue und starre zurück. Mehrere Sekunden lang ist es still.
„Du bist nackt", folgt danach seine äußerst intelligente Schlussfolgerung.
„Ich dusche. Danke für dieses Gespräch", kommentiere ich trocken und ziehe den Vorhang wieder zu. Ich verteile die noch übriggebliebenen Reste des Shampoos in meinen Haaren und schäume es auf. Vielleicht geht er wieder, wenn ich ihn ignoriere.
„Können wir kurz reden?" sagt Kain und ich höre, wie er sich auf die Bank niederlässt. Ignorieren funktioniert also nicht. Nur schwer kann ich mir das Seufzen verkneifen, welches sich geradezu drängend auf meine Lippen legt. Ich stelle mich zurück unter den Duschstrahl und entferne das Shampoo. „Robin?", hakt er nach, als ich nicht antworte.
„Muss es jetzt sein?" Ich stecke meinen Kopf erneut durch den Vorhang. Kain sitzt nach vorn gebeugt auf der Bank. Seine Finger verschränken sich in seinem Schoss ineinander.
„Ehrlich gesagt, gefällt es mir, dass du da in der Kabine fest sitzt und dass ich von hier einen Blick auf deine Kopfhörer habe", sagt Kain und ich folge seinem Blick zu meinen feinsäuberlich gestapelten Habseligkeiten. Perfide.
„Worüber willst du denn noch reden? Es ist doch alles geklärt. Es hatte nichts zu bedeuten...klar...", äffe ich seinen Kommentar vom Morgen danach nach und
„Dafür habe ich mich doch entschuldigt. Gott, ich wusste nicht, dass du derartig zickig bist...", murrt er und ich muss dem Drang widerstehen wütend auf ihn zu zustürmen.
„Geht's noch? Ich bin nicht zickig. Ich habe lediglich deine Worte wiederholt."
„Okay, dann bist du eben pissig."
„Pissig bin ich auch nicht. Ich bin allerhöchstens..." Ich stoppe als mir klar wird, dass ich diese Diskussionen schon mit Jeff durch habe. Es bringt für einen Moment aus dem Konzept. Bin ich vielleicht doch...Nein, unmöglich. „Wir hatten im betrunkenen Zustand Sex. Shit Happens. Das können wir nicht mehr ändern. Also lebe damit und geh mir nicht dauernd auf die Nerven", sage ich klipp und klar und versuche es weiterhin abzutun. Ich schüttele den Kopf und stelle mich wieder unter das warme, angenehme Wasser.
„Sex mit einem anderen Mann, falls du es nicht mitbekommen hast."
„Danke, ich habe in meiner Position sehr gut gemerkt, dass du ein Mann bist.", bekenne ich lapidar.
„Scheiße, lässt dich das wirklich völlig kalt?", fragt er mich und im Grunde müsste ich ihm antworten, dass es nicht so ist. Doch das tue ich nicht.
„Du hast selbst gesagt, dass es nichts zu bedeuten hatte, also, was willst du jetzt von mir hören? Wir waren betrunken. Es wird nicht wieder vorkommen. Neugier befriedigt. Jetzt lass mich in Ruhe duschen." Ich greife nach dem Duschgel und beginne mich einzuseifen. Kain antwortet nicht und ich schöpfe Hoffnung, dass er mich endlich in Ruhe lässt. Dann höre ich wirklich die Tür. Meine innere Ruhe ist trotzdem verschwunden. Ich verkneife mir das Nachsehen und schaue stattdessen dabei zu, wie mein Körper immer mehr Schaum hervorbringt. Der Geruch des Duschgels umnebelt mich. Ich stehe nicht auf die herben Männergerüche, deshalb ist es etwas Neutrales. Genauer gesagt eine Cremedusche, die ich beim letzten Besuch zu Hause von meiner Schwester mitgehen lassen habe. Ich mochte das Gefühl der weichen, cremigen Substanz auf der Haut. Außerdem zaubert das Zeug eine erstaunlich zarte Haut und egal, wie seltsam es klingt, weiche Haut ist auch bei Männern toll. Ein letztes Mal drehe ich die Flasche in meinen Händen umher und drücke mir noch eine weitere Ladung der weißen Substanz in die Handfläche.
Während meine Hände über meinen schlanken Körper gleiten, schließe ich meine Augen. Neugier befriedigt. Bei Weitem nicht. Es hat mir nicht gereicht, das weiß ich, das merke an ich an dem aufgeregten Kribbeln in meinem Körper. Aber das Kain nun so ein Drama darum macht, ernüchtert mich.

Ich spüre einen feinen Luftzug, der auch eingebildet sein kann. Trotzdem drehe mich um und sehe, wie Kain in diesem Moment seinen Kopf durch den Spalt vom Vorhang schiebt. Wasser trifft auf seine Kleidung als er mit einem Mal komplett in meiner Kabine steht. Sofort ist seine linke Körperhälfte komplett nass.
„Deine Neugier ist befriedigt, ja?", wiederholt er meine Worte. Ich weiche leicht Schritt zurück und treffe direkt auf die kühle Kachelwand. Mein Puls beschleunigt sich bei dem Anblick seines durch das feuchte Shirt scheinenden Körpers. Es sind nur schemenhafte Ausschnitte, wie seine dunkele Brustwarze, die sich hauchzart hervordrückt. Die Wellen seiner Bauchmuskeln, die dem T-Shirt ein unnatürliches Muster verleihen. Ein Tropfen Wasser, der an seinen Lippen haftet und dann sein Kinn hinabfließt. Ich sage nichts, aber lecke mir vielsagend über die Lippen. Mein Körper antwortet mit Gänsehaut und dem heftigen Ziehen in meiner Lendengegend. „Meine auch nicht.", flüstert er mit rauer Stimme.


Glossar:
Aphasie: ist ein teilweiser oder völliger Verlust der bereits erlernten Sprache, verursacht durch Läsionen in der linken Gehirnhälfte
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