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Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
19.02.2015
02.10.2020
29
263.212
214
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262 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
09.04.2015 6.965
 
Kapitel 5 Asimov'sche Gesetze für Anfänger und Fantasiefiguren

Jeff lässt sich nur kurz am Abend blicken. Die restliche Zeit habe ich meine Ruhe und schaffe es ein gutes Stück des neuen Buches zu skizzieren. Grobe Züge des Plots und die Konfliktpunkte. Die Storylines der Hauptfiguren und ein paar Ansätze der Nebenfiguren. Es wird ein Drama vom Feinsten. Brigitta wird mich lieben und rösten. Und danach wieder lieben. Sie ist eine Dramaqueen. Ich lese noch einmal die Passagen des vorangegangenen Romans, in denen die beiden jetzigen Protagonisten als Nebenpersonen auftreten und verfeinere deren Charakterzüge. Ich liebe es meinen Charakteren seltsame Eigenarten anzuhängen und ihnen damit Menschlichkeit zu offerieren. Niemand ist unfehlbar und keine Romanfigur sollte es versuchen, denn nichts ist langweiliger als Perfektion. Das weiß ich nur zu gut.

Selbst solche Leute wie Kain, die scheinbar erhaben über Allem stehen, wissen das es unmöglich ist. Denke ich jedenfalls. Obwohl er vermutlich das Gegenteil behauptet. Kain. Schon wieder schummelt sich der Schwarzhaarige in meine Gedanken.  Wie kann er sich einbilden, dass ich ihn irgendwann meine Geschichten lesen lasse und vor allem, wie kann er sich dessen so überaus sicher sein? Murrend widme ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Roman in meinen Händen und lese ich noch ein weiteres Kapitel. Beim Lesen merke ich, wie sich das Gefühl wiederbelebt, welches ich damals beim Schreiben empfunden habe. Auch ich habe mich schon versehentlich und ungünstiger Weise in eine fremde Beziehung gedrängt. Genauso, wie es die Figur in meinem Roman tat. Ich möchte das Versehentlich betonen, da ich nach einem One-Night-Stand nicht damit gerechnet habe, dass sie weiterhin den Kontakt zu mir sucht. Für mich war es etwas Einmaliges und hatte rein gar nichts mit Gefühlen zu tun. Seither lasse ich die Finger von Mädels aus meiner unmittelbaren Umgebung. Das bringt nur Ärger. In meinem Roman baute ich daraus ein Intrigengespinst und muss mir eingestehen, dass ich mit dem wiederholten Lesen wieder Gefallen an einer der eher unscheinbaren Nebenfiguren finde. Ein rothaariges Miststück. Rena. Ein Wink des Schicksals? Kurz entschlossen entscheide ich mich dazu weitere Charaktere wieder aufzunehmen und entwerfe eine Prioritätenliste für ihr Auftauchen und Rolle im Skript.
Danach tippe ich die Zusammenfassung für Shari zusammen. Ich organisiere es als eine Art Arbeitsmaterial, welches am Ende die wichtigsten Fakten und Daten als zu beantwortende Aufgabenstellung zusammenfasst. Schließlich möchte sie etwas lernen und nicht alles vorgekaut bekommen. Sechs Seiten. Ich bin zufrieden. Die Nacht verbringe ich allein. Kein Jeff. Kein Kain. Kein gesprochenes Wort. Unsagbare Erholung.

Auch die nächsten Tage verlaufen erschreckend ruhig. Fast, wie früher. Jeff liegt am Abend brav in seinem Bett und Kain scheint mir aus dem Weg zu gehen. Womöglich hat mein liebreizender und schrecklich gutgelaunter Mitbewohner und Jugendkumpan wirklich mit ihm geredet. Seltsamer Weise bin ich mir nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finde. Am Dienstag fängt mich Jeff vor der Mensa ab. Das Funkeln in seinen Augen lässt mich Böses ahnen und ich habe Recht damit. Als Abel zu uns stößt, berichtet mir er gerade von den geplanten Wohnheimpartys. Anscheinend haben sich ein paar der weniger engagierten Studenten kreativ betätigt und einen Semesterpartyplan ausgearbeitet. Jede Woche eine Party. Jede Woche ein anderes Wohnheim. Simpel, aber effektiv und damit in seiner Einfachheit besonders grausam für die weniger Gesellschaftsaffinen Personenkreise. Wirklich jeder darf in den Genuss kommt, am nächsten Tag den Dreck anderer wegmachen zu müssen. Die beiden blonden Männer sind begeistert und für mich ist, wie immer Gegenteiltag. Obwohl ich es zum Ausdruck bringe, hindert es sie nicht daran, mich mit den Vorteilen einer solchen Veranstaltung zu bombardieren. Gespräche, Spaß und Abwechslung. Für mich eine Beschreibung der sieben Todsünden. Ich benutze seit etlichen Jahren das gleiche Shampoo, wenn ich Abwechslung möchte, wurde ich als erstes das verändern. Jeff nutzt sein Talent für das schnelle Plappern und versucht mich gedanklich abzuhängen. Ohne Punkt und Komma. Mein Gehirn schaltet sich unweigerlich langsam ab und das Gerede wird zur Geräuschuntermalung. Trotzdem habe ich das Gefühl, bald eine zentnerschwere Argumentationskette hinter mir her zu schleifen. Ziemlich hinderlich, wenn man dadurch nicht mehr in der Lage ist sich einen Nachtisch auszusehen. Bevor ich mich für einen Pudding entscheiden kann, zieht mich mein Freund schwadronierend zur Kasse.

Jeff schwafelt noch immer über die evolutionäre Entwicklung des Menschen und die damit einhergehende Notwendigkeit von gesellschaftlichen Zusammenschlüssen als wir bereits fünf Minuten am Tisch sitzen. Säugetiere bilden Gruppen und das schon seit Jahrtausenden. Schön für uns. Auch die Dinosaurier bildeten Herden. Toll! Ich bin nie Dino gewesen. Nicht einmal beim Kinderfasching. Trotzdem beginne ich mich in diesen Augenblick zu bemitleiden, weil ich noch nicht ausgestorben bin. Ich will Pudding.
Seine Argumente sind an und für sich gut, trotzdem habe ich keine große Lust mit ihm und seinem Anhang zu der Wohnheimparty zu gehen. Auch, wenn sie ausgerechnet in unserem Gebäudekomplex stattfindet. Jeffs Arm legt sich beschwichtigend auf meine Schultern. Dabei zieht er mich auf dem Stuhl zurück. Ein weiteres Mittel, um mir zu verdeutlichen, wie einnehmenden Jeff sein kann. ich ächze mürrisch und lasse genervt mein Besteck am Tellerrand liegen. Ich biete ihm entgegen meiner sonstigen Art, eine weitere Möglichkeit mich zu überzeugen und weiß, dass Jeff sie gut nutzen wird.
"Komm schon! Es wird dir nicht schaden mal unter Leute zukommen. Im schlimmsten Fall lernst du ein paar nette Menschen kennen." Ich werfe meinen Jugendfreund einen angewiderten Blick zu. Menschen? Mir sind schon die zu viel, mit denen ich gerade am Tisch sitze.
"Tja, das kann ihm sehr wohl schaden. Möglicherweise kommt es in seinen Schaltkreisen zu einem durch zu viel Freundlichkeit verursachten Kurzschluss. Nicht auszudenken!" Kain ernste Stimme durchbricht Jeffs Überzeugungstirade und sein Tablett landet lautstark auf dem Tisch als er sich auf den leeren Platz setzt. Er grinst. Seit Samstag treffen wir das erste Mal wieder aufeinander und er haut mir gleich so was um die Ohren? Das Spiel können zwei spielen. Doch ich halte mich erstmal zurück. Abel kichert und beginnt sein Mittagessen auf dem Teller zu ordnen.
"Willst du damit andeuten, dass Robin ein Roboter ist? Schwachsinn", kommentiert Jeff verteidigend.
"Bist du dir da sicher? Und meines Wissens nach bevorzugen sie den Begriff Androide.", spinnt Kain verschwörerisch weiter und lächelt mir ebenso entgegen. Es fehlt nur noch, dass er mir einen Finger in die Wange bohrt und sich über die Echtheit meine Haut echauffiert.
"Ich habe ihn schon bluten sehen!", merkt Jeff an und nimmt damit keinerlei Wind aus den Segeln dieser absurden Diskussion. Im Gegenteil.
"Die Humankybernetik und Robotik machen große Fortschritte!", kontert der Schwarzhaarige, "Es wird alles immer lebensechter."
„Kain muss wissen. Er ist schließlich der Biotec-Typ.", mischt nun auch Abel mit und klingt dabei vollkommen überzeugt.
„Kain begafft Hefe", berichtige ich abfällig und versuche nicht mal, es nicht lächerlich klingen zu lassen, "Biotechnologie hat nichts mit Bionik, Robotik oder biologischer Kybernetik zu tun." Trotzdem werfe ich danach einen kurzen Blick zu Kain und sehe zurück auf mein Essen als ich bemerke, dass er mich mustert.
„Egal, ob Hefe oder Androide, beides sind asexuelle Lebensformen", gibt Kain ebenso provozierend zum Besten. Ich hebe wenig amüsiert meine Augenbraue, während Abel heftig zu lachen beginnt und das Gespräch gleich darauf auf die Möglichkeit von Sexbots lenkt. Es gibt wohl einen großen Markt in Japan. Woher er das bloß weiß?
„Macht doch eine Massenbestellung, vielleicht bekommt ihr Rabatt", kommentiere ich deren Enthusiasmus als der sexuell angehauchte Schlagabtausch unangenehme Formen annimmt.
„Wozu? Für Tests haben wir doch dich...", sagt Abel. Auf seinen Lippen ein verräterisches Grinsen.
„Ein sehr echt wirkendes Exemplar", ergänzt Kain. Ich ziehe mir demonstrativ die Kopfhörer auf und verdeutliche dem scheinchristlichen Zimmerpärchen gestisch meine Ansicht dazu. Schon wieder ein dämlicher Kommentar über meine Sexualität. Was soll das? Es kann schließlich nicht jeder wie ein hormonverseuchter Lackaffe durch die Gegend vögeln und sich in Grund und Boden kopulieren. Sie diskutieren weiter. Ich erkenne es an ihren lachenden Gesichtern, aber muss es zum Glück nicht mehr hören. Schweigend und die Gruppe ignorierend vertilge ich die Reste meines Mittagessens. Ab und an sehe ich zu Abel, weil er mir direkt gegenüber sitzt und lächerlich auffällig mit seinem Essen kämpft.

Irgendwann legt sich ein weiteres Mal Jeffs Arm an meine Schulter. Seine Finger berühren meinen Nacken und mein Blick wandert zum Profil meines langjährigen Freundes. Jeff nimmt mich in Schutz, das macht er seit unserer Schulzeit. Mir ist nicht einmal bewusst, warum und er muss es auch nicht tun, denn ich kann mich gut allein wehren. Jedoch sehe ich nur selten die Notwendigkeit darin, weil es mir schlichtweg egal ist, was andere von mir denken. Dennoch merke ich, dass sich Jeff in all den Jahren verändert, auch wenn die Gesten und Handlungen  dieselben sind. Er hat sich weiterentwickelt und ich habe das Gefühl, dass ich irgendwie und irgendwo stehengeblieben bin. Und ich habe es nicht mal gemerkt. Jeff sieht zu mir, lächelt und ich wende meinen Blick ab, sehe direkt in Kains braune Augen, die mich erneut mustern. Auch von diesen wende ich mich schnell ab.
Stattdessen schaue ich zurück auf Abels Teller. Seit gut zehn Minuten versucht er eine gleichmäßige Verteilung aller Menübestandteile seines Tellers auf die Gabel zu bekommen. Anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit, da bei jedem Versuch das Arrangement zum Mund zuführen, mindestens ein Teil wieder herunter fällt. Es ist faszinierend mit anzusehen, dass er jedes Mal von neuem beginnt, statt den auf dem Besteck befindlichen Teil in den Mund zustecken oder die Menge zu verringern, die er verspeisen will. Mein Blick schweift über die anderen Teller. Jeffs und Kains. Bei ihm das gleiche Spiel, doch da sein Teller bereits leerer ist, scheint er im geringen Maß erfolgreicher zu sein als sein Mitbewohner.
Erneut purzelt Abel Fleisch von der Gabel. Nun knurrt er leicht, kommt aber nicht auf die Idee, seine Taktik zu ändern. Ein Hoch auf die Evolution. Ich komme nicht umher, darüber nachzudenken, dass es ganz gut ist, dass Abel sich höchstwahrscheinlich nicht fortpflanzen wird. Ein kleiner feiner Kniff der Evolution oder Gott mit einem perfiden Sinn für Humor, je nach Glaubenseinstellung. Was will Jeff nur mit so einen Vollpfosten? Ein weiteres Mal leert sich seine Gabel bevor er etwas in den Mund stecken kann. Unfassbar.
"Gut, dass wir es nicht mehr nötig haben unser Essen zu jagen", kommentiere ich nun doch. Abel blickt auf. Genauso, wie Kain und Jeff.
"Was?", stößt Jeff verwundert aus.
"Abel verhungert vor vollem Teller", ergänze ich trocken. Drei Augenpaare richten sich auf den Teller des blonden Mannes.
"Wenn sich mein Essen nun mal wehrt." Abel lacht unschuldig auf.
"Ja, mit Händen und Füßen! Pass auf, dass es nicht dich frisst", sage ich sarkastisch. Ich habe es lange genug mit angeschaut und sehe meine evolutionäre Notwendigkeit nach gesellschaftlichen Kontakten hiermit als erfüllt an. Möge der Stärkere gewinnen und Abel fressen. Ich greife mein Tablett und stehe auf.
„Viel Glück beim Überlebenskampf", kommentiere ich Abels erneuten Versuch.
„Äh, danke!", erwidert Abel dümmlich.
„Ich meinte dein Essen." Damit gehe ich.

An der Geschirrablage verstaue ich meine Essensreste im Müll und trabe schlecht gelaunt zum Eisautomaten. Seit dem letzten Sommer existieren diese herrlichen, glückbringenden Maschinen auf dem Campus und ich bin ihr bester Kunde. Sie nerven mich nicht, widersprechen nicht und geben mir was ich will. Eis. Ja, ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit dem aus Plastik und Elektronik bestehenden Kasten und ich schäme mich nicht es zu zugeben. Ich suche freudig erwartend nach meiner Mensakarte und finde sie schnell in meiner Jackentasche.
„Robin?", ruft jemand meinen Namen. Ich setze ungerührt meine Tätigkeit fort und ziehe mir ein Eis aus dem Automaten. Sicher bin nicht ich gemeint. Der einzige Vorteil eines Unisexnamen. Es könnten viele gemeint sein. Leider nicht in diesem Fall. "Können wie kurz reden?" Ich lasse mein Eis sinken als Kain neben mir stehen bleibt. Reden. Ich habe keine Lust mit ihm zu reden. Nun hätte ich doch gern einen Ausschalter, den keiner kennt. Die Finger meiner linken Hand betten sich gegen die Scheibe des Geräts und ich streiche kurz über das kühle Plastik.
„Es hätte so schön sein können mit uns", murmele ich leise dem Automaten entgegen und widerstehe dem Drang einfach meinen Kopf dagegen zuschlagen. Kain räuspert sich und ich atme sichtbar ein.
„Was sollte das eben?", fragt Kain. Ich atme aus.
„Bist du wirklich hier um Abels Kämpfe auszufechten?", frage ich bissig. Kain schnauft.
„Als würdest du deine Angelegenheiten selbst regeln. Du schickst auch Jeff vor..." Daher weht der Wind. Ich habe keine Lust auf weitere Gespräche. Noch einmal atme ich ein, doch ehe ich mich wehren kann, spricht er weiter. "Abel ist alt genug um sich allein zu wehren, aber ich habe mit dem Scheiß angefangen und nicht er." Doch er ist hemmungslos eingestiegen. Ich sehe Kain unbeeindruckt an und versuche dann mich an ihm vorbeizuschieben.
„Schon klar, denn bei Abel würde so ein Scherz eine monatelange Vorbereitung in Anspruch nehmen und dann müsste er ihn sich auch noch aufschreiben." Kain Mundwinkel zucken nach oben. Nur für einen kurzen Moment, aber dennoch deutlich. Danach entsinnt er sich seiner eigentliche Mission und hält mich zurück.
„Heißt nicht eines von Asimovs Gesetzen, dass kein menschliches Wesen wissentlich verletzt oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen darf? Das betrifft physischen, wie psychischen Schaden. Sei auf mich sauer."

„Kain, der heilige Samariter klingt besser als Kain, der tölpelige Bauer! Keine Sorge, ich bin auf dich sauer." Asimovs Gesetze? Sein ernst? Nicht zu fassen. Ich drücke mich deutlich an ihm vorbei und pfriemele endlich mein Eis aus der Verpackung.
„Verdammt noch mal, was ist eigentlich dein Problem?"
„Menschen sind mein Problem! Trotz meiner gewieften Elektronik verstehe ich einfach ihre Verhaltensweisen nicht", kontere ich angeheizt und lote dabei absichtlich das Roboterthema aus. Ich schiebe mir das Eis zwischen die Lippen und gehe. Kain folgt mir nicht und das ist auch gut so. Im Grunde sind es nicht einmal die Menschen an sich, mit denen ich Probleme habe, sondern die Nähe, die sich zwangsweise entwickelt, wenn man längere Zeit mit denselben Menschen umgeben ist. Sie ist Nährboden für Verlust, Traurigkeit und Enttäuschung. Nichts womit ich gut umgehen kann. Bestes Beispiel dafür ist Jeff. Obwohl ich es mir nicht eingestehen will, bin ich enttäuscht über sein fehlendes Vertrauen und doch werde ich nicht dazu in der Lage sein es adäquat auszudrücken.

Am Abend finde ich mich trotz aller Widerstände zwischen einer Ansammlung anderer Menschen wieder. Meine Elektronik kocht, pfeift und schmorrt. Jetzt fange ich auch noch selbst damit an. Der Geruch von Bier und Schweiß ist überall. Zu viele Menschen sind auf zu kleinem Raum zu gegen. Musik dringt laut an mein Ohr. So laut, dass ich meinen Sitznachbarn nicht verstehen kann und das ist besser so. Als er beginnt über Geschöpfe der Nacht zu philosophieren, habe ich sofort ein Bild von Severus Snape aus Harry Potter im Kopf und das nicht nur, weil er eine ebenso gigantische Nase hat. Jeff setzt sich nach einer Weile auf die Lehne neben mir und drückt mir ein Bier in die Hand. Ich trinke es kommentarlos. Vorhin im Zimmer versprach er mir unter Benutzung all seiner Gliedmaßen, dass auch ich Spaß haben werde. Ich mag kein Bier. Bisher ist der Spaßfaktor gleich null.
Ich erkenne nur wenige Gesichter. Jeff und Abel. Die Brünette und die Blonde, die ich öfter im Flur begegne und noch immer nicht weiß, wie sie eigentlich heißen. In einer Ecke sehe ich Kaworu. Ein Kommilitone aus meinem Fachbereich. Er ist Japaner und unweigerlich wandern meine Gedanken zurück zu den Sexpuppen. Ich habe erst letztens eine Reportage gesehen und die Bilder  breiten sich gerade in meinem Gehirn aus. Ich nehme einen weiteren großen Schluck aus der Flasche und sehe mich wieder um. Die meisten Anwesenden sind aus unserem Wohnheim und trotzdem kenne ich kaum einen Namen. Ich begegne ihnen nur mal im Flur oder zufällig in den Duschräumen.
Jeff erhebt sich und ich folge seinem Blick zum Eingang der Gemeinschaftsküche. Kain steht samt einem Rothaarigen im Türrahmen. Beide wirken im ersten Moment wie das Klischeepaar schlechthin. Barbie und Ken. Nur, dass sie nicht blond ist und keinerlei Vorbau hat. Sie flüstern kichernd. Ihre Lippen berühren dabei sein Ohr und ich erinnere mich an das Gefühl, wie sein warmer Atem gegen meinen Hals trifft. Das Lächeln auf Kains Lippen wird zu einem Grinsen, als sie sich ein weiteres Mal zu seinem Ohr beugt. Was sie ihm wohl erzählt hat? Ich schüttele unbewusst meinen Kopf. Wen interessiert’s. Als Jeff bei den beiden ankommt, weicht Kain etwas von ihr ab. Der Snapetyp neben mir säuselt 'Vampir' in mein Ohr und ich rieche deutlich seine Knoblauchfahne. Er ist definitiv keiner. Ich lasse mich zurück ins Polster der Couch sinken und seufze lauthals. Der Abend wird eine Katastrophe. Ich bin mir ganz sicher. Ich leere mein Bier ohne abzusetzen und bevor ich es wegstellen kann, drückt mir Snape ein Glas mit einer rötlich-braunen Flüssigkeit in die freie Hand. Er nennt es Bloody Bambi, wiederholt das Wort Bambi mehrere Mal enthusiastisch und schafft es geschlagene fünf Minuten am Stück zu lachen. Während ich ihm dabei zusehe, fällt mir zum ersten Mal auf, dass er Eyeliner trägt. Es ist seltsam passend.
Ich schnuppere an dem Gebräu. Es riecht süßlich und etwas nach Medizin. Meine Augenbraue hebt sich verwundert und dann trinke ich es ohne weiter darüber nachzudenken. Der Drink besteht aus Kirschsaft, Kirschlikör und Jägermeister, wie mir Snape wenig später erklärt. Bloody Bambi passt. Ich habe mich schneller an den Geschmack gewöhnt als ich glaubte. Es ist besser als Bier. Gut, alles ist besser als Bier, wenn man mich fragt.

Ein warmer Hauch trifft  meinen Hals und im selben Atemzug taucht Jeffs Gesicht neben mir auf.
„Lektion Nummer eins, trink nicht alles, was man dir in die Hand drückt.", säuselt er, drückt mir gleich darauf ein neues Bier in die Hand und setzt sich zurück an seinen vorigen Platz.
„Sir, es tut mir Leid, aber mein Papa hat gerade gesagt, dass ich nichts von Fremden annehmen darf."
„Fein!", erwidert er meine kindliche Ausführung und streichelt mir den Kopf. Gut, dass ich mir nicht die Mühe gemacht habe, mir die Haare zu stylen. Ich streiche mir die Strähnen von der Stirn und sehe zu meinem perfekt frisierten Mitbewohner. Wenn ich gegen seine Mähne tippe, wird sie wahrscheinlich in einem Stück vor sich hin vibrieren. Ich widerstehe dem Drang es auszuprobieren. Zumal ich keine freie Hand mehr habe.
„Auch einen Schluck?" Ich halte ihm sowohl Bier als auch den Mix hin und grinse blöd. Mein Mitbewohner verzieht angewidert das Gesicht.
„Nein, danke...Was ist das?", beäugt er meinen Drink kritisch.
„Ein blutiges Rehkitz. Es schmeckt, wie diese roten Hustenbonbons... gar nicht so übel.", schätze ich ein und nicke übertrieben. Ich nehme einen weiteren Schluck. Jeff rutscht weiter auf die Sitzfläche des Sofas und verdrängt mich damit. Murrend mache ich ihm etwas mehr Platz. Seine schlanken Beine schlagen sich übereinander und er nippt an seinem Bier. Jeff trinkt schon immer das Hopfen-Malz-Gemisch. Bereits damals auf unseren Schulpartys war es stets sein Favorit gewesen und er verträgt viel. Ich kann mir nicht erklären, wo das herkommt und genauso wenig kann ich verstehen, was man an diesem herben Zeug mag. Noch dazu ist Jeff nicht mal der Typ für Bier, da er sonst eher auf süße und fruchtige Sachen steht.

Auch Abel folgt Jeff auf die Couch und quetscht sich zu meinem Leidwesen zwischen uns. Missmutig rücke ich zur Seite und damit noch dichter an die Knoblauchfahne heran. Wenigsten muss ich in seiner Nähe keine Übergriffe von Vampiren fürchten. Da soll man mal behaupten, dass mir nichts Gutes passiert. Hinter Abel tauchen auch Kain und die Rothaarige auf. Es wird immer besser. Das Sarkasmusgetier in meinem Kopf schmeißt eine Runde Freibier und wiehert. Wie potenziert sich eigentlich Katastrophe?
„Sieh mal an. Anscheinend hat Jeff wirklich irgendwas gegen dich in der Hand oder ist es der Tatsache geschuldet, dass du, den von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen musst?", startet Kain das Gespräch als er mich auf der Couch sieht. Er setzt sich zu Snape auf die Sofalehne und grinst. Er hält ein Glas mit hellbrauner Flüssigkeit in der Hand. Vielleicht ist es Whiskey oder Scotch. Ich habe vorhin Jameson und Jack Daniels gesehen. Hartes Zeug und nicht sehr Studenten-like. Ich hätte nicht gedacht, dass Kain auf sowas steht.
„Ehrlich gesagt, habe ich gute Kontakt zu seiner Mama und ich besitze etliche prekäre...", setzt Jeff an und ich unterbreche ihn schnell, in dem ich an Abel vorbei meine Hand auf seinen Mund presse. Automatisch ziehe ich meinen Kindheitsfreund damit in meine Richtung, so dass er sich über Abel lehnen muss. Jeff kichert und das folgende Gemurmel hinterlässt feuchte Spuren auf meiner Handfläche. Mit Händen und Füßen gestikuliert er, zu meinem Erstaunen, Kinderfotos und entkommt letztlich meinem Griff.
„Robin war wirklich ein...", setzt er gleich darauf an und ich stürze mich ohne nachzudenken auf ihn. Jeff flieht kichernd zur Seite und ich lande größtenteils auf Abel. Ich kriege nur Jeffs Beine zufassen, während dieser versucht über die Lehne der Couch zu entkommen. Meine Finger verfangen sich eisern in den Schlaufen seiner Jeans. Er windet sich lachend.
„Na warte,...", sage ich, schaffe es aber nicht ihn zurück auf das Sofa zuziehen. Er entkommt und es dauert einen Augenblick bis ich endlich von Abels Schoss wegrücke. Ich lasse mich schweratmend auf Jeffs Platz fallen und starre meinen giggelnden Mitbewohner scharf an. Unser Blickekrieg wird erst unterbrochen als sich der blonde Puffer schlagartig auf richtet.
„Will noch jemand einen Drink?", fragt Abel hastig und stolpert fast über meine Beine. Kain hebt sein volles Glas in die Höhe und auch Jeff und Kains Freundin verneinen. Auf meine Antwort wartet er gar nicht und verschwindet.
„Ich meine ja nur, dass deine Kinderfotos großartig sind." Noch immer ist Jeff erheitert am Giggeln. Er richtet sich auf und setzt sich wieder neben mich. Ich lasse ihn gewähren. Auch als er mir seinen Arm um die Schultern legt und lächelnd seinen Kopf gegen meinen tippt.
„Robin war sicher ein ganz Süßer.", bestätigt Kain perfide lächelnd, "Schade, dass sich so was verwächst" Die kleine Spitze konnte er sich natürlich nicht verkneifen. Nun kichert auch die Rothaarige und ich schenke ihr  einen kurzen bösen Blick, denn sie mit einem abfälligen Schnaufen kommentiert. Kains Name schallt durch den Raum und all unsere Köpfe drehen sich zur Tür, in der ein großer, muskulöser Typ steht. Ein Muskelberg, wie er im Buche steht mit blondierten, gegeltem Haar. Sogar die obligatorische Sonnenbrille klemmt in seinem T-Shirtkragen. Ein wandelndes Klischee. Auf Kains Lippen bildet sich ein ungewöhnlich breites Grinsen. Er springt von der Armlehne und überbrückt die Distanz mit nur wenigen langen Schritten. Die beiden Kerle werfen sich regelrecht in eine Umarmung und unweigerlich blitzt in meinem Kopf die Szene aus der Hobbit auf, als sich Balin und Dwalin freudig mit einem Kopfstoß begrüßen. Ich bin fast enttäuscht als keiner folgt.

Während ich die Szenerie beobachte, setzt sich die Rothaarige auf Kains vorigen Platz. Auch sie schlägt ihre schlanken Beine übereinander und schiebt ihren Arm auf die Rückenlehne, so dass er hinter dem Snape-Typ liegt. Ihre langen Fingernägel streichen kratzend über den alten Stoffbezug der Sitzgelegenheit. Ihr Blick wandert von Jeff zu mir. Sie ist stark geschminkt und hinterlässt rote Lippenstiftspuren am Glas als sie einen Schluck von ihrem zuckersüßen Drink nimmt.
„Ich habe gehört, dass du das Tutorium für die Zweitsemester über geholfen bekommen hast...  und dass es niemand besucht." Sie streicht sich durch die lockige Haarpracht, als sie ihre Stichelei formuliert. Einzelne Haare verfangen sich in dem üppigen Ring ihrer Hand. Sie nimmt einen weiteren Schluck und leckt sich über die roten Lippen. Ich lehne mich entspannt zurück.
„Vielleicht solltest du mal vorbeischauen. Ich habe nämlich gehört, dass du letztes Semester durch die Biochemieklausur gerasselt bist." Ich gehe nicht unbewaffnet in diesen Kampf und das soll sie wissen.
„Ich wüsste nicht, was du mir beibringen könntest", spottet sie mir verächtlich entgegen, wischt sich mit dem Daumen über die Lippen und verschmiert dabei etwas von ihrem Lippenstift. Danach betrachtet sie kurz ihre manikürten Fingernägel.
„Mit den Dingen, die du nicht weißt, kann man den Grand Canyon füllen.", kommentiere ich trocken und bin diesem Gespräch bereits müde.
„Oder den Marianengraben", mischt sich Abel lachend ein. Ich habe nicht gemerkt, dass er zurückgekommen ist. Statt Gelächter erntet er einen Ellenbogenhieb von Jeff.
„Mach was du willst.", ergänze ich Abel ignorierend. "Vermutlich lebst du die Taktik ´Weniger ist mehr`. Allerdings solltest du bei deinem Make up beginnen und nicht bei der Bildung. Rot steht Rothaarigen einfach nicht.", lege ich nach, höre, wie Jeff neben mir zischend die Luft einzieht und Abel zu kichern beginnt. Selbst Snape deutet ein seltenes schiefes Lächeln an. Auch an ihn habe ich nicht mehr gedacht. Kain taucht hinter ihr auf. Er schmunzelt fröhlich, also hat er nichts von unserem Gespräch mitbekommen. Bevor er etwas sagen kann, wird er von ihr mitgerissen. Ich habe fast etwas Mitleid. Sie verschwinden beide in der Menschenmenge und die Musik wechselt von chillige Smooth-Jazz zu einem Techno-Remix. Das Hochgefühl des kleinen Sieges hält nur kurz an.
„Alter, das war böse. Du magst sie nicht, oder?", fragt Abel, nachdem sich alle etwas beruhigt haben.
„Sie ist zu empfindlich", sage ich lapidar und ignoriere die Blicke meines Kindheitsfreundes, die mich mahnend durchbohren. In meinem Kopf spulen sich ein paar der Ansprachen ab, die mir Jeff im Lauf der Jahre zukommen lassen hat. Ich kann sie auswendig. Sei nicht immer so unfreundlich. Sei aufgeschlossen, denn so kommst du nicht weiter. Niemand will ein grimmiges Gesicht sehen. Bla bla bla. Bevor er mit einer weiteren Modifikation anfangen kann, stehe ich auf und fliehe. Ich schnappe mir mein halbleeres Bambiglas und verschwinde zur „Bar". Bei der Küchenzeile treffe ich auf Kaworu. Der zierliche Japaner lädt mich prompt in die Diskussion ein, die er mit weiteren Fachgebietskommilitonen hat. Ein junger schlaksiger Mann mit sackartigen Ökoklamotten. Ich würde die Tantiemen meines nächsten Romans darauf verwetten, dass die bräunlich schäumende Flüssigkeit in seinem Glas kein Bier ist, sondern eines dieser Modegesöffe. Mate? Ich habe keine Ahnung, denn ich war noch nie sehr trendy. Ihre Diskussion befasst sich mit einer Forschungsarbeit  über evolutionärer konservierter Abwehrmechanismen gegen Viren aus dem Max-Planck-Institut. Auch ich habe den Artikel überflogen, habe aber keine vertretbare Meinung dazu. Gerade als ich beschließe, mich nicht weiter in die Diskussion einzubringen und mich davonzustehlen, werde ich dazu gezwungen. Kaworu hält mich eisern zurück und ich verschütte etwas Kirschlikör. Ich lecke mir die fruchtige Flüssigkeit von den Fingern, als ich erneut angestoßen werde. Diesmal von hinten. Kains Kumpel steht neben mir und vergnügt sich mit der Whiskeyflasche. Meine Augen richten sich auf seinen massiven Arm, der mich gerade angerempelt hat. Garantiert ist nicht alles so groß an ihm und ihm das zusagen, liegt mir gerade auf der Zunge. Ich bin dankbar als mich Kaworu zurück in die Debatte zieht und mir damit vermutlich ein blaues Auge erspart.

Es ist nicht gut direkt neben dem Alkohol zustehen. Nach einer oder vielleicht auch zwei Stunden habe ich den Überblick über die Anzahl meiner Getränke verloren und ich merke es deutlich. Mein Kopf ist schwer. Mein Gehirn weich und meine Antworten kommen verzögert oder zu schnell. Ich bin mir nicht sicher.  Auch die sticke Luft trägt dazu bei, dass mein Gehirn immer langsamer läuft. Mittlerweile sind wir von wissenschaftlichen Themen zu Klatsch und Tratsch gewechselt. Ich kann kaum mitreden und zu dem verärgert mich die Tatsache, dass ich dank meines Betrunkenseins viele der Informationen interessant und witzig finde. Ich ertappe mich dabei zu lachen als Kawuro erzählt, dass er Professor Wellers dabei erwischte, wie er sich mit einem anderen Kollegen angeregt über Brustwaxing unterhielt und meinte, dass das erste Mal eine Offenbarung gewesen sei. Es wird Zeit für mich zu gehen.
Kurz sehe ich mich nach Jeff um, da ich wenigstens ihm Bescheid sagen will oder eher muss. Irgendwann war ich von einer Feier verschwunden und musste mir am nächsten Tag einen zweistündigen Vortrag von ihm anhören, dass ich mich abzumelden habe, weil er sonst der Vorstellung erliegt, dass ich totgefahren irgendwo im Graben liege. Er ist schrecklich theatralisch und meine Kommentare darüber, dass ich kein Wildtier bin, habe wenig geholfen. So viel zum blutigen Rehkitz.
Ich entdecke ihn zusammen mit Abel an einem der aufgestellten Stehtische. Abel flüstert Jeff etwas ins Ohr. Sicher könnte ich sehen, wie sich Gänsehaut an seinem Hals bildet, wenn ich näher wäre. Kitzelnd. Kribbelnd. Es wäre ein Prickeln, welches sich über seine Haut zieht, wie Sekt, der auf der Zunge tanzt. Jeff nickt enthusiastisch und dann treffen sich ihre Lippen. Es ist das erste Mal, dass ich sehe, wie sie sich küssen. Jeffs Augen sind geschlossen und er scheint es wirklich zu genießen. Seine Finger berühren Abels Nacken, streichen über den Ansatz seiner Haare und gleiten vollends in dessen dichte Haarpracht. Er lächelt in den Kuss, während ihn Abel dicht an sich heranzieht. Die Bewegung ihrer Münder wird stetig leidenschaftlicher. Sie ertasten und erschmecken einander. Ich kann die Hitze förmlich sehen, die sich zwischen ihnen entwickelt und fühle mich zusehends unbehaglich. Für mich sind Küsse intimer als Sex und ich habe es noch nie gern in der Öffentlichkeit gemacht.
Ich fühle mich unwohl, weil ich sie so schamlos dabei beobachte und wende meinen Blick ab. Meinen heftig vibrierenden Puls kann ich nicht so leicht ignorieren und zu meinem Leidwesen wirkt es sich langsam auf meinen gesamten Körper aus. Wieder atme ich auffällig tief ein und sehe mich im Raum um. Meine Augen bleiben bei Kain und seine Rothaarige hängen. Auch sie stehen in einer Ecke, dicht beieinander. Doch sie scheinen zu diskutieren. Ihre Körperhaltung spricht Bände. Merenas ist offensiv und aufgebracht. Kains hingegen defensiv, aber dennoch nicht zurückhaltend. Wieder habe ich fast etwas Mitleid mit Kain, weil er sich dieser Furien ausgesetzt sieht. Aber nur fast und dank meines Alkoholpegels auch nur wenige Sekunden lang.

Mit einem Mal dringt '1000 Kisses' von Will Smith an mein Ohr und das nehme ich als endgültiges Stichwort um wirklich zu gehen. Scheiß auf das Bescheid sagen. Diesmal kann mir Jeff nicht mit dem Grabenbild kommen, denn ich muss nicht mal das Haus verlassen, sondern lediglich heil die Treppe überwinden.
Ich meistere es erstaunlich gut. Nur zweimal mache ich stoppe und kralle mich am Handlauf fest. Die Architekten haben definitiv Wellen eingebaut, die mir jetzt zum Verhängnis werden. Es ist eine Weile her, dass ich derartig viel getrunken habe. Ich bin nichts mehr gewöhnt und laufe daher sehr langsam den Gang entlang. Ich greife mehrere Male demonstrativ an den Lichtschaltern vorbei als ich das Licht anschalten will. Doch geht es plötzlich an. Huch! Ich drehe mich verwundert im Kreis und schätze sofort ein, dass das eine sehr dumme Idee war. Ich taumele gegen die nahliegende Wand, bleibe einen Moment stehen und schließe die Augen. Die Wand kichert. Seit wann können Wände kichern? Ich drücke mein Ohr dicht ran. Das Kichern wird lauter und kommt näher. Ich blicke mit nur einem geöffneten Auge auf und sehe wie zwei Mädels auf mich zu kommen. Als sie vor mir stehen bleiben, erkenne ich sie. Die Brünette hat ihre Haare hochgebunden, so dass ihr schmales, aber durchaus hübsches Gesicht besser zur Geltung kommt. Sie beugt sich zu mir und mustert mich. Ich versuche halbwegs klar auszusehen und mich nebenbei zu sammeln. Keine leichte Aufgabe. Ein verschwörerisches Lächeln legt sich auf ihre Lippen und wieder ertönt das helle Kichern. Ich sehe von ihr zu ihrer Freundin. Die Blonde trägt große Locken, die perfekt zu ihrem puppenhaften Gesicht passen und ihre wimperngerahmten Augen betonen. Ob die Wimpern echt sind? Automatisch hebt sich meine Augenbraue.
"Hi. Du bist Biologe, oder?", fragt mich die Blonde und lächelt.
"Biochemiker", korrigiere ich automatisch.
"Noch besser", kommentiert die Braunhaarige klatscht in die Hände und macht einen auffälligen Schritt auf mich zu. Nun steht sie direkt vor mir. Ihre Augen sind grün. Dann legt sie mit einem Mal ihre Lippen auf meine. Meine Hand liegt noch immer an der Wand und ich balle perplex zur Faust. Was passiert hier? Sie löst den Kuss mit einem lauten Schmatz und lächelt.
"Danke sehr.", flötet sie und streicht mir mit ihren manikürten Fingern  über die Haare. Nun rege ich mich doch.
"Was soll das?", frage ich überrumpelt und stelle entsetzt fest, dass ich doch lalle, weil das S ein bisschen wie ein F klingt.
"Wir sammeln nur ein paar Punkte", antwortet die Blonde zuckersüß und klingt dabei so als würde es alles erklären. Sammeln? Punkte? Ehe ich etwas erwidern kann, steht auch sie vor mir und ich spüre ihre Hand an meiner Schulter. Sie drückt mir ihre Lippen auf. Ich kurz sehe in malerisches Blau, dann schließen sich ihre Lider und ich schmecke den Lipgloss, den sie trägt. Als sie sich entfernt, streiche mir automatisch das klebrige Zeug von den Lippen und lasse ein angeekeltes Ächzen folgen. Lipgloss ist  blöd. Ich starre entrüstet auf den glänzenden Rückstand auf meinem Zeigefinger und dann zu der Blondine vor mir. Das leise Klicken neben mir bekomme ich gar nicht wirklich mit. Das Blut in meinen Venen ist zu laut und dröhnend.
"Weißt du, dass ich dich echt süß finde", flüstert sie mir neckend entgegen und schlingt ihre Arme um meinen Hals. In meinem Kopf dreht sich alles. Es ist dem Alkohol geschuldet, dass ich reagiere, wie ein Faultier. Ich greife mit entsetzlicher Langsamkeit nach ihren nackten Oberarmen. Ihre Haut fühlt heiß und weich an. „Selbst dieser grimmige Blick ist sehr süß", flüstert sie und ich hadere mit der Realität.
"Lass das...Was soll das Ganze?", frage ich erneut, doch diesmal klingt meine Stimme etwas gefestigt.
"Sagte ich doch", antwortet sie keck. Sie lehnt sich selbst gegen die Wand, zieht mich mit und küsst mich erneut. Diesmal ist es kein lapidarer Kuss. Kein Schmatzer. Ich spüre ihre warme Zunge, schmecke die faden Reste süßen Likörs. Ihre Zunge ist flink und einnehmend. Mein Körper reagiert, auch wenn ich es gar nicht will. Mein Gehirn ist so langsam, doch ich fange an mich zu wehren. Ich versuche mich von ihr wegzudrücken, in dem ich meine Hände gegen die Wand stemme, doch sie hält mich eisern umschlungen.
"Sina, was machst du da?", vernehme ich eine bekannte männliche Stimme und das trotz des Rauschens in meinen Ohren, "Ihr habt schon mitbekommen, dass er das nicht will" Ich merke, wie sie mich loslässt, doch weil ich mich noch immer aktiv von der Wand wegdrücke, wirkt die Schwerkraft und ich gehe zu Boden. Physik ist scheiße.
"Au!", entflieht mir murmelnd als sich Schmerz über mein Steißbein arbeitet. Ich höre Schritte und dann erkenne ich Schuhe neben mir, die ich meinem Mitbewohner zuordnen kann. Als ich endlich aufsehe, erkenne ich auch Kain. Jeff hilft mir auf und die beiden Mädels beginnen unbeeindruckt zu kichern.
"Wir sammeln doch nur ein paar Punkte", sagt Sina beschwichtigend. Kati nickt.  Sammeln? Ich schnalle es noch immer nicht und schaue dementsprechend bedröppelt drein.
"Soweit ich weiß, reicht dafür ein herkömmlicher Kuss. Also, warum reißt du ihm fast die Kleider vom Leib und das im Flur?", fragt Kain weiter und wirkt irgendwie verstimmt.
„Aber echt, nehmt euch das nächste Mal ein Zimmer", witzelt die Brünette kichernd und erntet einen mahnen Blick von Kain und ein Glucksen ihrer Freundin. Jeff seufzt. Ich versuche nicht wieder umzufallen.
"Nicht hilfreich, Kati", mischt sich nun auch Jeff ein. Sina beißt sich auf die Unterlippe und lächelt verschmitzt.
„Herrje Jungs, beruhigt euch. Es war doch nur ein Kuss und es ist ein harmloses Spiel. Ich bin ihm ja nicht an die Hose gegangen." Unwillkürlich schaue ich runter zu meinem geschlossenen Hosenknopf.
"Ihr habt es, aber übertrieben und das ist nicht Sinn des Spiels. Also wenn ihr das noch mal macht, verpetze ich euch.", gibt Kain ernst von sich und schaue ihn verwundert an.
"Spielverderber", kommentiert Sina diese Erziehungsmaßnahme und schaut im nächsten Moment bereits zu Jeff.
"Du bist Geologe, oder?" Der Angesprochene nickt verwirrt. Nach nur wenigen Sekunden hat auch er zwei fremde Münder im Gesicht. Danach schießt Kati ein Bild von Jeff. Das war das Klicken. Die beiden Frauen nehmen sich bei der Hand und ziehen davon. Kain haben sie nicht geküsst und das ist für einen Augenblick lang, dass einzige, was wiederholt durch meinen Kopf schwirrt. Wieso nicht? Kain sieht den beiden Frauen nach und beißt sich auf die Unterlippe, ehe er sich eine Strähne seines dunklen Haares zurück streicht. Wahrscheinlich haben sie ihn längst geküsst und damit ihre Punkte gesammelt.
"Immer dieser Ärger mit diesen verrückten Weibern", murmelt Kain und verdreht die Augen. Nicht so gekonnt, wie Jeff, aber nah dran.
"Ich kann mich übrigens allein wehren", lalle ich daraufhin. Etwas Sinnvolleres fällt mir gerade nicht ein.
"Hat man eindrucksvoll gesehen.", kommentiert er trocken, "Nach Asimov solltest du doch in der Lage sein deine Existenz schützen können, oder?" Schon wieder der Robotermist. Ich wackele als Antwort mit meinem Kopf, äffe ihn nach und bereue die schnelle Bewegung sofort. Jeff murmelt Kains Namen und hakt sich dann bei mir unter.
"Was ist das für ein Spiel?", will ich wissen, während sie mich zu unserem Zimmer ziehen.
"Ach, das ist so ein schwachsinniges Verbindungsding. Die Mädchen müssen in einer Woche so viele Studiengänge, wie möglich küssen", erklärt Jeff, "Und mit dir haben sie gleich dreifache Punkte. Bio, Chemie und Biochemie", giggelt Jeff weiter und ich sehe ihn dämlich an.
"Aber das stimmt nicht", sage ich und verschlucke dabei die Hälfte der Endungen.
"Die nehmen das nicht so genau und machen sich einfach nur einen Spaß daraus. Dämlicher Scheiß", motzt Kain und nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche, die er in den Händen hält. Langsam frage ich mich, warum er hier ist und nicht bei der Party oder bei seiner Freundin. Er sieht unzufrieden aus.
„Was hat ihm die Laune verhagelt?", flüstere ich Jeff zu, bin dabei aber so laut, dass sich Kain im Laufen zu uns umdreht, finster guckt und weiter geht.
„Du hast Merena die Laune verhagelt und sie ihm", erklärt Jeff lapidar und ohne ins Detail zugehen.
„Wem habe ich...was? Oh." Jeff meint die Rothaarige. Ich spüre schon jetzt, wie ihr Name aus meinen Gehirnwindungen entgleitet. Nichts zu machen. Ich merke mir das nicht. Wahrscheinlich hat sie sich direkt bei Kain darüber beschwert, wie fies und gemein ich gewesen bin. Aber das erklärt nicht, warum er hier ist? Ich merke gar nicht, dass ich stehen geblieben bin bis ich Jeffs Hände in meinem Rücken spüre und er mich angestrengt weiterschiebt. Meine Schuhe habe so wenig Grip, das ich tatsächlich ein paar Meter nicht laufen muss und dann erst stolpere. Kain ist unbeirrt weiter gelaufen und wartet vor unserem Wohnheimzimmer.
„Lass Kain nicht warten, wegen dir hat er heute keinen Sex gekriegt. Sei ausnahmsweise mal lieb, ja?", murmelt Jeff in mein Ohr und drückt seine Hände fester in meinen Rücken.
„Wann bin ich nicht lieb?", entgegne ich empört und laut. Ich grinse meinem Mitbewohner betrunken entgegen und ignoriere Kains Blicke. Mittlerweile hat er die Arme vor der Brust verschränkt und Jeff stoppt erst als ich fast gegen ihn pralle.
"So, Kain pennt heute bei dir. Seid artig!" Jeff gibt mir einen Klaps auf die Schulter, der härter ist, als es aussieht und tippt unseren Türcode ein. Ich jammere empfindlich auf und frage mich, warum Kain sich nicht selbst reingelassen hat. Beim letzten Mal hat es ihm schließlich auch nichts ausgemacht.
„Ach wundere dich nicht, aber Robin quatscht beim Schlafen, wenn er besoffen ist." Mit diesem Hinweis dreht sich mein eigentlicher Mitbewohner um und verschwindet. seine Schritte verhallen in dem leeren Flur und ich sehe ihm nach. Ich bin zu müde, um zu reagieren oder in irgendeiner Weise zu protestieren. Kain hält mir die Tür auf und ich torkele zu meinem Schrank.
"Ich gehe eben... putzen", sage ich schwerfällig, greife nach ein paar frischen Klamotten und wanke aus dem Zimmer. Kains Blicke ignoriere ich geflissentlich. Auch seine Frage, ob ich wirklich dazu in der Lage bin. Auf dem Flur bleibe ich stehen und atme kurz durch. Zu meinem Glück sind die Waschräume nicht allzu weit entfernt und das kühle Wasser in meinem Gesicht tut mir seltsam gut. Auch, wenn es den Alkohol nicht aus meiner Blutbahn tilgt. Um dennoch etwas dagegen zu wirken, nehme ich ein paar große Schlucke direkt vom Hahn. Entgegen meines eigentlichen Vorhabens mich zu beeilen, lasse ich mir Zeit. Das kühle Wasser hilft. Langsam, aber stetig. Die pfefferminzige Zahnpasta zaubert mir etwas Zufriedenheit ins Gesicht und ich gehe zurück. Vor dem Zimmer bleibe ich noch mal kurz stehen und versuche mich zu wappnen. Schon wieder Kain. Ich winke der Chance auf eine geruhsame Nacht gedanklich hinterher und bin froh, dass niemand in der Nähe ist, der sieht, dass ich nicht nur gedanklich winke.

Als ich die Tür öffne, präsentiert sich mir das gleiche Bild, wie vor ein paar Tagen. Kain sitzt vor meinem Rechner. Der Bildschirm ist hell erleuchtet und Dokument geöffnet. Das feuchte Handtuch in meiner Hand fällt zu Boden. Ich spüre, wie mich ein Schauer erfasst, doch diesmal bin ich nicht so perplex, wie beim letzten Mal. Diesmal reiße ich ihn an der Schulter zurück. Scheiß auf Asimov. Jetzt gibt es Tote.
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