Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
19.02.2015
02.10.2020
29
252.850
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Dieses Kapitel
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25.02.2015 5.763
 
Kapitel 2  Das Für und Wider von Geselligkeit

Ein Woche vergeht ohne neue, gravierende Enthüllungen. Es hilft mir dennoch nicht weiter. Ich habe das Gefühl, mein Gehirn läuft aus dem Ruder und ich werde diese seltsamen Empfindungen und Gedanken einfach nicht mehr los. Sie begleiten mich seit neusten unentwegt. Ich beobachte Jeff, aber nicht nur ihn, sondern mittlerweile auch andere Männer. Wie viele andere bin ich ein Ästhet. Schöne Körper sind etwas Herrliches. Aber das, was sich hin und wieder in meinem Kopf abspielt, ist furchteinflößend. Ich beginne Körper miteinander zu vergleichen. Jeffs schlanker, aber größer Körper. Definitiv männlich. Kains muskulöser.  Absolut männlich. Kaworus dünner, fast femininer Körperbau. Wer drauf steht. Er ist ein Kommilitone meines eigenen Studiengangs und Japaner. Die Tatsache, dass ich Jeffs Körper ständig studiere, irritiert mich am meisten. Er steht irgendwie auch ständig halbnackt vor mir. Ich bin mir nicht sicher, ob es schon immer so war oder ob ich es nur mittlerweile einfach deutlicher wahrnehme. Wenn ich ihn mit Abel sehe, stelle ich mir sofort vor, wie sie es mit einander treiben. Augenblicklich. So was sollte man sich nicht bei seinem Freund vorstellen. Es irritiert mich zusehends. Jeffs Verhalten mir gegenüber ist genauso wie vorher und dennoch nimmt seine Homosexualität einen größeren thematischen Stellenwert ein. Erst habe ich es mir nicht wirklich eingestehen wollen, doch es hat mich sehr enttäuscht, dass Jeff anscheinend nicht das Vertrauen in mich hat, etwas Derartiges zu erwähnen. Seine Versuche um tiefere Gespräche über diese Thematik blocke ich ab. Unbewusst bestätige ich damit seine vorige Aussage, dass es mir egal sei. Mir ist nicht klar, warum ich es mache. Schließlich würde ich durch ein wenig Aufmerksamkeit zeigen können, dass er falsch liegt mit seine grandiosen Einschätzung über mich. Auf jeden Fall bekomme ich den Mund nicht auf, so ist es fast immer, egal, wie sehr mich etwas stört. Bin ich vielleicht wirklich zickig? Nein, pissig. Ach was, ich bin noch immer verärgert, dass er es mir nicht erzählt hat und ich es von Kain erfahren musste. Kain. Der schwarzhaarige Mann scheint seither auch überall zu sein. Jedenfalls fällt er mir unentwegt auf. Nicht zuletzt weil er der Mitbewohner von Jeffs Gespielen ist.
Mittlerweile habe ich Abel kennengelernt. Durch und durch Durchschnitt. Anders lässt es sich nicht sagen. Er muss gut im Bett sein, denn ansonsten kann ich mir nicht erklären, was Jeff an ihm findet. Abels mattblaue Augen sind der Inbegriff der Belanglosigkeit, aber am Schlimmsten ist seine ruhige, monotone Stimme, wenn er etwas erzählt. Einschläfernd und desinteressiert. Nun verstehe ich auch, warum Kain ihn sein Übel nennt. Zudem hat Abel eine Vorliebe für schlechte Witze und obwohl wirklich niemand lacht, lässt er ständig welche von der Stange. Krusty der Clown trifft auf Paris Hilton. Er nervt und garantiert nicht nur mich. Nur ab und an bemüht sich Jeff um ein aufmunterndes Quieken. Mehr ein Laut des Fremdschämens. Abel muss wirklich verdammt gut im Bett sein. Ich schüttle den Gedanken von mir.

Ich speichere ein letztes Mal mein Skript und kopiere die Datei dann auf meinen USB-Stick. Gekonnt ignoriere ich das blinkende Fenster von Outlook, welches mir erklärt, dass ich schon vor zwei Tagen hatte fertig sein müssen. Ich habe nur noch heute für die notwenigen Korrekturen. Bereits jetzt spüre ich den mahnenden Schatten meiner Lektorin, der in meine Knochen kriecht und zu nagen beginnt. Ein leichtes Zittern durchfährt mich und die feinen Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Heute ist schon Freitag. Das unangenehme Schaudern wird noch stärker. Donnerstag. Das Tutorium startet heute. Bei dem Gedanken wird mir ganz mulmig. Der Stick gleitet in meiner Hosetasche und ich schalte den Rechner aus. Ein Blick auf meine Uhr. Der Minutenzeiger verschwindet hinter einem dicken Kratzer im Glas und das Lederband offenbart an bereits vielen Stellen sein naturfarbendes Inneres. In 10 Minuten geht meine Vorlesung los. Ich raffe alles zusammen und lasse mich auch von Jeffs Stimme nicht irritieren. Er schlägt seine Decke auf und hat tatsächlich sein Bett gemacht. Eine Seltenheit.
„Ich bin heute Abend mit Abel verabredet, aber ich denke nicht, dass du dir um Kain Sorgen machen brauchst. Der ist zurzeit mit einem Projekt beschäftigt und bis spät in die Nacht unterwegs. Aber für alle Fälle hab ich ihm das Bett neu bezogen und du lässt ihn rein, ja?... Robin, hast du gehört?“, fragt mich Jeff, während ich hektisch meine Bücher im Rucksack verstaue.
„Ja, ja.“ Nein, ich habe nichts mitbekommen. Ich bin mit meinen Gedanken vollkommen woanders. Mein Handy vibriert. Eine Nachricht meiner Lektorin. Sie bleibt ungeöffnet, denn ich weiß, was drin steht. Ich verdrehe die Augen. Sie nervt mich schon jetzt. Herrlich.
„Robin?“, fragt Jeff und bleibt in der Tür stehen.
„Was?“, fahre ich ihn an und ich sehe nur noch, wie er die Schultern abwehrend nach oben zieht. Jeff verschwindet. Mein Handy ertönt erneut. Diesmal ist es ein Anruf.
„Quinn?“, melde ich mich mit meinem Nachnamen, weil ich die Nummer nicht kenne. Ein fataler Fehler. Einen Moment nicht nachgedacht.
„Robin, du lebst! Wie erfreulich. Du bist zwei Tage im Verzug.“ Die hohe Stimme am anderen Ende des Telefons gehört zu meiner Lektorin Brigitta. Ich verdrehe automatisch die Augen und widerstehe dem Drang, sofort wieder aufzulegen. Sie ist ein ziemlicher Fuchs. Ich wäre nie ran gegangen, wenn ich ihre Nummer erkannt hätte.
„Ich habe jetzt keine Zeit für dich.“
„Ich kriege nicht mal eine Begrüßung? Schäm dich! Zwei Tage, Robin!!!!“ Eindringlich.
„Du bist Schlimmeres gewöhnt, also beruhige dich.“ Ich greife meinen Rucksack und verlasse das Wohnheimzimmer. Prompt stoße ich mit jemand zusammen. Es ist die Blondine, die auch letztens die Diskussion mit Kain miterlebt hat. Sie sieht mich erschrocken an. Ich reiche ihr ihre runter gefallene Tasche, entschuldige mich nicht und laufe nach einem kurzen Blick weiter.
„Ich beruhige mich erst, wenn du mir sagst, dass du es fertig hast. Ansonsten. Zwei Tage. Zwei Tage….“, wiederholt Brigitta in einer Tour und ich drücke mir genervt den Hörer vom Ohr.
„Ich lege jetzt auf. Ich hab gleich Vorlesungen.“
„Robin, wehe, wenn du…“ Den Rest ihres panisch gebrüllten Satzes bekomme ich nicht mehr mit. Im Laufen schalte ich mein Handy aus, um weiteren, störenden Anrufen auszuweichen und schüttele den Kopf. Brigitta entspricht dem klischeehaften Stereotyp einer Lektorin. Nervig und penetrant. Sie wird bissig, so bald ich nicht rechtzeitig abliefere oder erzwingt Themen, die ich zu gern umschiffe. Ohne sie würde es nicht funktionieren, das weiß ich mittlerweile.

Die Vorlesung verbringe ich notgedrungen damit, das Skript zu korrigieren und Änderungen vorzunehmen. Meine Leserinnen mögen Happy-Ends und dank Brigitta bekommen sie sie auch. Laut einer eingehenden Analyse des Verlages liegen die Beliebtheit meiner Romane und damit meine Zielgruppe bei den 11- bis 17-jährigen Mädchen am Höchsten. Jippie, schallt es sarkastisch in meinem Kopf, während ich meiner Protagonistin ein tränenersticktes und heilfrohes Finale spendiere. Tief versunken in den Armen ihres Liebsten, um den sie in sage und schreibe 250 Seiten wie verrückt kämpfen musste. Gegen intrigante Mitschülerinnen, Eltern und verräterischen Freunden. So wollen es meine Leserinnen. Ein Hoch auf die Twilight-Generation. Sie sichert mir mein Einkommen. Meine Bücher finanzieren mir mein Studium und in meiner feinen, kleinen Zielgruppe bin ich ein unbekannter Star, denn ich veröffentliche unter anderen Namen. Einem Weiblichen. Quincey Bird. Die Idee meiner Lektorin. Sie war der Überzeugung, dass sich Liebesgeschichten besser als Frau verkaufen ließen. Wahrscheinlich hat sie Recht. So wie immer. Mir ist es egal. Ich würde die Romane auch anonym veröffentlich, aber das funktioniert nicht.
Ich setze den letzten Punkt und schicke ich es ab. Nun wird mich Brigitta hoffentlich erstmal in Ruhe lassen. Mein Handy lasse ich vorsorglich aus.

Von der Vorlesung bekomme ich nur noch wenig mit. Mein Blick wandert durch die gut besetzten Reihen. Ich bleibe an einem roten Haarschopf hängen. Als sie ihren Kopf zur Seite neigt und mit ihrer Nachbarin quatscht, erkenne ich sie als Kains Bekannte oder auch Freundin. Ich weiß es nicht genau. Meinem Wissen nach studiert sie reine Biologie. Auch im dritten Semester so wie ich. Biologie. Ein Mädchenstudiengang. Im ersten Semester bin ich einmal mit ihr aneinander geraten. Ich kann sie nicht leiden.
Der Dozent beendet die Vorlesung und ich packe meinen Kram zusammen. Als ich aufsehe, blickt sie mich an. Ihre blauen Augen mustern mich. Sie hat für mich nichts Attraktives und wenn Kain auf so was steht, spricht das nicht für ihn. Ich erwidere ihren seltsamen Blick bis sie sich abwendet und mit ihrer Nachbarin den Hörsaal verlässt.
Die restlichen Seminare verlaufen erstaunlich ruhig und ereignislos. Kein Kain. Kein Jeff und keine schlechten Witze in Form von Abel. Nicht einmal beim Mittagessen. Ich verlasse das letzte Seminar ein paar Minuten früher, weil ich noch bei meiner Professorin vorbeischauen muss. Sie gibt mir einige Instruktionen wegen dem Tutoring und ich versuche ein letztes Mal es ihr auszureden. Keine Chance. Wenige Minuten später stehe ich vor dem notierten Seminarraum.

Wie habe ich mich nur dazu breitschlagen lassen können? Reden ist nicht meine Stärke und erklären schon gar nicht. Außerdem vertrete ich die Ansicht, dass sich jeder selbst der Nächste ist, also wer es nicht schnallt, hat Pech. Ganz einfach. Noch immer stehe ich vor der Tür und werde langsam unruhiger. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, eine Zigarette zu rauchen. Meine Fingerspitzen kribbeln bereits. Wenn ich Glück habe, würde es niemand wahrnehmen und ich kann in Ruhe meinen Laptop anmachen. Ich habe extra keine Werbung gemacht, so wie es die Professorin von mir verlangt hat. Werbung! Sehe ich aus, wie ein Marktschreier? Werbung machen, absurd. Entweder die Studenten nutzen ihre Möglichkeiten oder sie lassen es sein. Noch immer starre ich auf die Tür. Durch die milchige Scheibe dringt ein wenig Licht, doch ich kann nicht ausmachen, ob sich im Raum jemand befindet. Ich kann so was nicht. Frustriert lasse ich meinen Kopf gegen die Scheibe fallen und seufze.
Unvermittelt geht die Tür auf und schrecke zurück. Ich verziehe keine Mine. Vor mir steht eine junge Frau. Ihre Haut hat den feinen, fast schmelzenden Ton von Karamell. Ich glaube sie ist Inderin. Sie lächelt.
„Oh, entschuldige. Ich habe ein Geräusch gehört und wollte sehen, ob sich vielleicht jemand nicht reintraut.“ Wie Recht sie hat. Sie tritt zur Seite und ich schaue einen Moment in den sonst leeren Raum.
„Bist du allein?“, frage ich trotzdem und muss mich erst einmal räuspern. Mein Hals ist trocken.
„Ja, bisher schon.“ Sie folgt mir in den Raum und setzt sich zurück an einen der vorderen Tische. Ein paar Bücher liegen vor ihr. Einige erkenne ich. Grundlektüre der Biologie und der Biochemie. Sie gehört zu der fleißigen Sorte. Vorbildlich. Ihre dunklen Augen ruhen auf mir, während ich sinnfrei im Raum stehen bleibe und nicht weiß, wie ich fortfahren soll.
„Setz dich doch. Ich bin übrigens Shari.“ Sie deutet aus Höflichkeit nicht direkt neben sich, aber in ihre Nähe. Ein paar Strähnen ihres langen, schwarzen Haares umstreicheln ihre Schultern, genauso wie es die roten Locken von Kains Freundin getan haben, doch bei Shari scheinen sie wie Seide über ihren Körper zu fließen. Beeindruckend. Nach weiterem, kurzem Zögern stelle ich meinen Rucksack neben ihr auf dem Tisch ab und ziehe mir dann einen Stuhl heran. Ich platziere mich vor ihr, aber ihr nicht direkt gegenüber. Sie sieht mir dabei zu. Für einen Moment verwundert, dann verstehend. Ihr Lächeln wird weicher.
„Robin“, sage ich letztendlich und Shari reicht mir ihre Hand.
„Hi. Dich darf ich also mit meinen Fragen drangsalieren?“
„Sieht so aus.“ Ich versuche diese Worte nicht allzu furchtvoll klingen zu lassen. Sharis Lächeln wird breiter, während ich mir wünsche, energischer gegenüber Lehrpersonal Nein sagen zu können. Ich solle es wenigstens versuchen, hallt es in meinem Kopf und ich bin mir bereits jetzt sicher, dass ich meiner Professorin am Montag erklären werde, dass der Versuch gescheitert ist. Ich bitte Shari, mir ihr letztes Thema herauszusuchen und atme unbemerkt durch, als die schöne Inderin beginnt, das Buch zu durchblättern. Sie lächelt mich an und deutet mit einem schlanken Finger auf einen Absatz mit Oxidations- und Reduktionsfermenten. Aminosäuren. Ich beginne in meinem Kopf zu kramen.

Ich ziehe mir das Buch heran und lasse meine Augen über die schwarzen Lettern wandern.
„Prinzessin“, murmele ich leise vor mich hin, während ich angestrengt in das Buch schaue und versuche sinnvoll zu sinnieren, was es mit der nächsten Passage auf sich hat. Komplizierte Formeln und Gleichungen. Für mich ergibt es alles einen Sinn, aber wie erkläre ich es ihr?
„Was?“ Shari sieht mich verwundert an. Erst jetzt wird mir klar, dass ich es laut gesagt habe. Für einen Moment streichen meine Finger über meine Lippen. Ich presse sie etwas zusammen.
„Dein Name. Er bedeutet Prinzessin, oder?“ Sie sieht mich mit ihren braunen Augen erstaunt an. Danach folgt ein feines Lachen, welches von ihren Lippen perlt.
„Ja, woher weißt du das? Das ist ja tiefstes Hindi.“
„Irgendwo in einem Wörterbuch gelesen, wahrscheinlich.“ Ich zucke mit den Schultern. Gelogen. Eine meiner Kitschromanfiguren trägt genau diesen Namen. Sie ist eine zickige Kuh, die sich klischeehaft mit der Zeit in den Klassennerd verknallt. Ja, so was wollen die jungen Mädchen heute lesen. Ein Zeichen für die umfangreichen Wege der wahren Liebe. Zitiert nach Brigitta. Ich bin der Überzeugung, dass diese Mädchen nur lesen wollen, wie das schüchternde Pardon an den heißesten Typen der Klasse kommt. Wahre Liebe im Zeichen der Unwahrscheinlichkeit. Zitiert nach mir.
„In einem Hindi-Wörterbuch? Seltsame Lesegewohnheit.“ Shari stützt ihren Kopf auf ihrer Hand ab.
„Beurteile niemand an der Wahl seiner Lektüre.“ Ich deute auf das Exemplar von J.R. Rowlings Harry Potter und der Gefangene von Askaban in ihrer Tasche. Sie lächelt mir entgegen und ich kann nicht verhindern, dass auch meine Mundwinkel etwas nach oben zucken. Sie hat etwas Einnehmendes. In einer leichten Bewegung wirft sie ein paar der schwarzen Haarsträhnen über ihre Schulter, doch sie gleiten gleich wieder nach vorn. Als würden sie wie Schmetterlinge über ihre Haut streichen, sanft küssend und liebkosend.
„Eine verlorene Wette. Ich schlage mich gut und man sagte mir, dass sie mit jedem Band erträglicher werden“, kommentiert sie meinen Hinweis ohne offensichtliche Gefühlsregung. Ich zucke absichtlich nur mit den Schultern um ihr nicht zu verraten, dass ich sie selbst gelesen habe. Sie scheint mich zu durchschauen. Ihr Blick ist wissend und ich lenke ihre Aufmerksamkeit wieder auf die angesprochene Passage im Lehrbuch zurück.

Nach einer Stunde sehe ich dabei zu, wie sie sich zurücklehnt und seufzend an die Decke sieht. Sie fährt sich durch die dunklen Haare und blickt mich dann an. Aus ihren Augen spricht pure Verzweiflung.
„Ich verstehe es nicht“, sagt sie ehrlich und ich komme nicht umher, schief zu lächeln.
„Wärst du eine Blondine, würde ich jetzt was Blödes sagen.“ Shari schlägt mir empört gegen den Oberarm.
„Reiß dich zusammen, ich kenne dich noch zu wenig, um Gnade walten zu lassen“, kontert die schöne Inderin. Ihre Reaktion ist angenehm. Kein zickiges Wundern. Kein schmollendes Schniefen. Sie versteht den Scherz. Mein Magen beginnt zu knurren. Ich lege beruhigend die Hand auf meinen flachen Bauch. Shari deutet auf mein geräuscheverursachendes Körperteil.
“Das macht mein Kopf auch gerade.“
“Damit würde ich aber mal zum Arzt gehen!“, kommentiere ich und merke, wie sie mir ihre beschriebenen Blätter gegen den Kopf haut. Ja, ich mag sie. Ich blicke noch einmal auf das Buch, lese kurz die erste Passage und gebe es dann selbst auf. Ich bekomme es nicht besser erklärt. Meine Lehrerqualitäten sind eindeutig zu wenig ausgeprägt. Schon in der Schule habe ich es gehasst, Vorträge halten zu müssen. Meine mündlichen Noten und auch die Mitarbeitsnoten hatten Kellerniveau. Ich verstehe mich auf das textliche Formulieren und das wird letztendlich auch das gewesen sein, was meine Professorin dazu verleitet hat, mich um diese Stunden zu bitten. Meine Texte sind gut, aber verbal fabriziere ich nur Müll. Schlechte Wahl. Ein Blick auf die Uhr.
„Okay, ich mache dir einen Vorschlag. Ich schreibe dir zu nächsten Woche das Wichtigste dazu auf. Vielleicht hilft das.“
„Ja, gern, wenn es dir keine Umstände macht.“ Wieder dieses bezaubernde Lächeln. Ich schüttele den Kopf. Umstände sind es wirklich keine. Ich schreibe sowieso.
„Heißt das, du erwägst tatsächlich, dich nächste Woche wieder mit mir hinzusetzen? Und vielleicht auch mit ein paar Leuten mehr?“ Erst ihre Worte machen mir deutlich, dass sie damit Recht hat. Was wenn es beim nächsten Mal doch mehr sind. Mir wird mulmig. Ich will eine Zigarette.
„Oh, ich habe dich aus der Fassung gebracht?“, fragt sie weiter und wundert sich über mein Schweigen.
„Du erwägst es, tatsächlich dich noch mal hierher zu bemühen, obwohl ich dir nicht helfen konnte, trifft es eher, oder?“ Ich packe meine Zettelwirtschaft zusammen.
“Na, na. Du unterschätzt dich. Du hast mir geholfen.“
“Wann habt ihr euren BC-Kurs?“, frage ich sie, ohne auf ihre vorige Aussage einzugehen.
„Was?“
„Euer Kurs für Biochemie.“
„Oh, Mittwoch.“ Ich nicke es ab und packe meine Sache in den Rucksack zurück. Ich reiße den Teil eines Blattes ab und schreibe Shari meine Handynummer auf.
„Schreib mir Mittwoch oder Donnerstag die Themen, dann werde ich was zusammenfassen und bringe es dir später mit.“ Sie nimmt mir den Zettel aus der Hand und nickt. Ich greife meine Tasche und verschwinde zur Tür. Ihre Stimme hält mich zurück.
„Robin? Danke!“ Ich blicke kurz zu ihr und nicke.

In der Mensa besorge ich mir eine Kleinigkeit zu Essen und beruhige damit das nervende Grummeln meines Magens. Ein Mozzarella-Tomaten-Sandwich mit Pesto. Lecker.
Ich nehme einen Biss meines belegten Brotes und sehe Abel und Jeff im Flur auf mich zu kommen. Die beiden blonden Männer wirken erstaunlich vertraut miteinander. Sie lachen. Abels Hand an Jeffs Arm. Es ist nur eine winzige Berührung, doch irgendwie scheint sie bedeutend. So eine Vertrautheit in der Öffentlichkeit ist mir neu. Aber warum auch nicht? Jeff lächelt, als er mich sieht. Ich lecke mir einen Rest Pesto von den Lippen. Das Aroma von Basilikum. Es kitzelt meine Geschmacksknospen. Feine Süße. Abels Blick auf mir. Er mustert mich. In seinem Gesicht ein seltsamer Ausdruck. Irgendwie ist er mir nicht ganz geheuer.
“Hey“, grüße ich die beiden, sehe dabei zu, wie Abel seinen Arm um Jeff legt und wie ihn Jeff neckisch wieder runter streicht.
“Und bist du wieder besser drauf?“, fragt mich Jeff und ich ziehe verwundert meine Augenbraue nach oben.
“Ich bin die gute Laune in Reinform“, kommentiere ich und mache ein besonders begeistert sarkastisches Gesicht.
“Ja, wie ein Clown aufm Friedhof“, sagt Abel, kichert und schaut dann verblüfft auf sein Handy, weil es klingelt. Ich schicke ein stilles Danke gen Himmel und erspare mir damit die freundschaftliche Scheinreaktion. Meine lächelnd wirkenden Mundzuckungen sind dank Shari heute sowieso schon aufgebraucht. Abel wendet sich zum Telefonieren von uns ab. Ich beiße erneut von meinem Sandwich ab, schmecke Tomate und die harzige Note von Pinienkernen.
“Wir wollen heute Abend in ein Improvisationskabarett. Du kannst mitkommen.“ Kabarett? Improvisation? Niemals. Jeff lehnt sich zu mir an die Wand. Tomatensaft läuft über meine Finger. Ich lecke ihn ab, bevor ich meinem Mitbewohner antworte. Die Säure lässt meine Muskeln arbeiten. Ein zartes Beben meines Kiefers. Gänsehaut auf meinem Hals, die sich über meinen Oberkörper arbeitet.
“Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich der Einzige war, der in der Schule nie bei den Theateraufführungen war?“, frage ich, während ich verhindere, dass mir Saft aufs T-Shirt tropft. Meine Zunge gleitet über die Fingerbeere meines Zeigefingers. Es folgen zwei weitere. Jeff sieht mir dabei zu.
“Ja.“
“Dann kennst du die Antwort auf deine Frage“, sage ich und beiße ein weiteres Mal demonstrativ von meinem Essen ab.
“Ach komm schon. Es wird witzig. Außerdem schadet es dir nicht, auch mal raus zukommen. Du mottest mir noch ein.“ Jeff entfernt mir imaginäre Spinnweben vom Kopf und streicht mir etwas von der grünen Paste von der Wange. Ich sehe zum telefonierenden Abel. Er gestikuliert wild. Das Gespräch scheint nicht sehr positiv zu sein. Ich unterdrücke das Bedürfnis hämisch zu lachen. Ich will nicht mit Jeff und dem Kerl mit dem er ins Bett geht, irgendwohin gehen. Dann werde ich meine seltsamen Fantasien ja nie wieder los.
“Nein.“ Ich wische mir mit dem Ärmel noch einmal selbst über den Mund und schiebe mir den letzten Happen zwischen die Lippen, zerknülle das Papier. Erneut schmiere ich mir irgendwas Feuchtes in die Hände, doch es ist mir egal. Vorbildlich, weil ich hinter irgendeiner Ecke Michael vermute, bringe ich das Verpackungspapier zum Mülleimer. Wer das als Lerneffekt bezeichnet, irrt. Reine Ablenkung und Verzögerungstaktik in der Hoffnung, dass Jeff nach meiner Rückkehr nicht weiter nervt.
“Warum nicht?“, fragt Jeff, als ich wieder zurückkomme. Ein Fehlschlag. Mein Mitbewohner ist unerbittlich. Erneut sehe ich zu Abel und dann zu ihm.
“Laienhaftes Schauspiel ist nicht mein Ding und das fünfte Rad am Wagen sein auch nicht.“ Unbewusst taste ich meinen Körper nach einer Zigarette ab. Nichts. Jeff beobachtet meine Bewegungen und verzieht das Gesicht.
“Dabei kannst du das so gut“, kommentiert er sarkastisch. Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu und seufze schwer, als mir bewusst wird, dass ich keine Zigarette finden werde.
„Ach komm, wir sind ein paar mehr Leute und Robin, hör auf damit! Deine Mama killt mich sonst.“ Mit seiner letzten Aussage meint er meine Raucherei. Ich lasse meine Hände sinken.
“Oh ja. ein garantiert schmerzhafter Tod. Und nein!“ Mit meiner Mutter ist bei einigen Sachen nicht zu spaßen. Die Geschichte mit meinem Zigarettenkonsum zählt dazu. Sie erwischte mich und Jeff ganz klischeehaft im Schuppen. Ihr Gebrüll hatte mich das Trommelfell gekostet und Jeff durfte einen Monat lang unser Haus nicht betreten. Ich konnte mich dafür Wochen lang mit der Ausrede herauswinden, dass ich einfach nicht gehört habe, wenn jemand rief. Ich war praktisch auf einem Ohr taub. Auch Jeff scheint an diese Geschichte zu denken, denn es bildet sich ein feines, belustigtes Lächeln auf seinen Lippen. Es war kurios. Leider habe ich bis heute manchmal das Gefühl, auf dem linken Ohr nicht richtig hören zu können. Doch das, habe ich bisher niemanden auf die Nase gebunden oder sollte ich sagen hinter die Ohren geschrieben? Ein schlechter Scherz ganz im Sinne des telefonierenden Mannes.
“Ach komm, sei kein Frosch, Robin!“ Lächelnd hängt sich mein Kindheitsfreund auf meine Schultern. Seine warme Wange an meiner. Damals in unserer Heimat und zu unserer Schulzeit hat er das Öfter getan. Hier ist es das erste Mal.
Der dezente Geruch irgendeines seiner Parfüms. Jeff besitzt etliche davon. Dieses hat einen Hauch von Moschus. Seine Körper dicht an meinem. Ein seltsames Gefühl, ihm so nah zu sein. Ich lege meine Hand gegen seinen Arm, klopfe leicht dagegen. Abel kommt wieder auf uns zu. Er wirkt nicht gerade amüsiert.
“Nein“, sage ich erneut, merke, wie mich Jeff kurz fester drückt und dann loslässt. Ein feiner Seufzer, den nur ich höre, als seine Lippen mein Ohr streifen.
“Gut, mit dir zu diskutieren ist mir zu stressig. Du lässt dich sowieso nicht zu deinem Glück zwingen.“ Damit hat er Recht, denn er hat es oft genug versucht und ist kläglich gescheitert. Mit einer Wand zu reden ist einfacher und wahrscheinlich auch unterhaltsamer.
“Ich wünsche euch viel Spaß!“, klinge reichlich ironisch, ernte von Abel einen seltsamen Blick und von meinem Mitbewohner eine herausgestreckte Zunge. Danach folgt ein eindeutiges Grinsen.
“Spaß haben wir auf jeden Fall... Reichlich“, kommentiert Jeff letztendlich und ich verziehe angewidert das Gesicht. Die Vorstellung in meinem Kopf. Ich will sie verdrängen. Es funktioniert nicht. Die Stelle an meinem Ohr, die Jeff eben berührt hat, kribbelt. Ich hebe zum Abschied meine Hand zum Gruß und blicke auf die Uhr.

Jetzt brauche ich dringend ein paar Zigaretten. Ich mache einen Abstecher in die Stadt, hole Geld, esse ein Eis in meinem Lieblingscafe und besorge mir die ungesunden Glimmstängel. Eigentlich habe ich meinen Konsum schon drastisch reduziert, aber Dank Jeff artet es wieder mehr aus. Er war auch daran schuld, dass ich mit dem Rauchen angefangen habe. Auf dem Weg zurück ins Wohnheim rauche ich gleich drei hintereinander. Es geht mir danach nicht mal besser, aber zu wissen, dass ich wieder welche habe, reicht mir schon. Dafür wird Jeff büßen. Ich schnipse den letzten Stummel ins Beet und laufe plötzlich gegen etwas Menschliches.
„Robin, sie machen es schon wieder.“ Kain packt mein Handgelenk, als ich abwehrend die Hände hochziehe und ausweichend zurücktrete. Das wäre in einem Sturz geendet. Garantiert. Trotz seiner Größe ist Kain ziemlich lautlos. Ich brauche einen Augenblick, um mich zu beruhigen. Ich hasse es. Er kann doch nicht einfach so vor mir auftauchen.
“Robin, schon wieder!“, wiederholt er und lässt dann endlich meine Handgelenke los.
„Wieder? Es ist zwei Wochen her, oder?“, kommentiere ich und versuche, mich an der Gestalt vorbei zu schieben. In meinem Kopf gehe ich schon meine Möglichkeiten durch, ihn irgendwie abzuschütteln, doch da er weiß, wo mein Zimmer ist, ist es alles aussichtslos. Zu dem greift er mir erneut an den Arm und hält mich zurück. Kain hebt nach meinem Kommentar seine Augenbraue und sieht mich an, als hätte ich gerade etwas völlig Absurdes von mir gegeben.
„Du wolltest, doch mit ihm reden!“, sagt er fast mitleidig.
„Habe ich nie gesagt“, wehre ich ab und sehe nicht ein, mich schon wieder auf eine Diskussion einzulassen. Davon hatten wir in den letzten Wochen einige. Kurze. Lange. Aber vor allem Nervtötende. Er hat ein Problem damit, also muss er es auch selbst lösen.
„Ach komm, warum können sie es denn nicht bei euch tun? Du setzt dir einfach deine Kopfhörer auf und drehst die Musik laut. Tadaa.“ Bei den letzten Worten fällt die Erregung seiner Stimme deutlich ab, so dass es fast gemurmelt klingt. Kurz deutet er mit dem Finger auf jene Kopfhörer, die still um meinen Hals liegen. Nun hebe ich meine Braue und sehe ihn seltsam an, weil er definitiv etwas Abwegiges gesagt hat. Ich setze zu einem dämlichen Kommentar an, doch ich breche ab. Kain wirkt abwesend. Seine Augen blicken mir müde entgegen. In seinen Händen hält er zwei Ordner. Jetzt fällt mir ein, warum er so fertig aussieht. In seinem Studiengang gibt es in jedem Semester ein anderes großes Projekt, welches drei-stufig über die gesamte Vorlesungszeit verteilt ist. Die Erste der Wochen war anscheinend schon vorüber. Aus Erzählungen heraus weiß ich, dass es unheimlich anstrengend sein muss.
„Rede du doch mit Abel.“ Ich lasse ihn mit diesem Ausspruch stehen, doch nach nur wenigen Metern ist er wieder dicht hinter mir.
„Aber der will es nicht verstehen.“ Er hatte also schon mit ihm geredet.
„Verpacke es in einen dämlichen Witz, dann versteht er es schon“, kommentiere ich. Kains Mundwinkel zucken nach oben.
„Komm schon. Ich bin echt müde und will pennen.“
„Kaffee soll helfen.“
„Schon zwei Liter gehabt. Hilft nicht mehr.“
„Such dir doch eine Parkbank“, schlage ich vor.
„Draußen ist kalt.“ Mitleidig. Ich seufze und sehe auf die Uhr. Es ist halb 9. Abel und Jeff werden reichlich spät zu ihrem Improvisationsding kommen. Vielleicht haben sie auch vor lauter Sex vergessen, dass sie dorthin wollten. Der Sex muss wirklich gut sein. Irgendwie regt sich in mir langsam der Neid. Schon wieder diese Bilder. Ich versuche sie zu verdrängen und sehe wieder in Kains müde Augen.
„Geh doch zu Merino oder wie auch immer die Rothaarige heißt.“
„Merena und sie ist kein Schaf.“
„Was?“, frage ich nun doch fast dümmlich, da mich das Schafkommentar etwas aus der Bahn wirft. Ich bleibe vor meiner Zimmertür stehen und sehe dem größeren Mann genervt an.
„Merinos sind Schafe, die besonders feine Wolle produzieren. Ich hab einen Pullover davon. Schön kuschelig.“ Kains Stimme klingt fast kindlich. Als beschriebe er mir sein Lieblingsplüschtier. Unbewusst hebt sich meine linke Augenbraue.
„Na dann vergrab dich doch in diesem.“ Ich tippe den Code für die Tür ein und verhindere, dass Kain mir ins Zimmer folgt. Seine Hand drückt sich gegen die Tür.  
„Aber die treiben es gerade schon wieder in meinem Zimmer. Fast in meinem Bett. Diesmal im Stehen und vor dem Schreibtisch, Robin. Hab doch etwas Mitleid.“ Das Bild in meinem Kopf. Ich werde es garantiert nie wieder los.
„Nein!“ Ich schlage ihm die Tür vor der Nase zu.
Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass er genügend andere Ausweichmöglichkeiten findet. Ich verstehe nicht, warum er diese nicht nutzt. Er will mich nerven. Ganz bestimmt. Warum sonst kommt er freiwillig zu mir? Wir kennen uns kaum. Wir mögen uns eigentlich nicht. Jedenfalls ist mir nichts anderes bekannt. Also was ist der Grund weshalb er mich einfach nicht in Frieden lässt? Ich höre ein dumpfes Geräusch an der Tür. Es ist kein Klopfen und es folgt auch kein weiteres. Ich sehe kurz zu der Stelle und dann wieder ins Zimmer. Mein Blick fällt auf Jeffs Bett. Er hat es neu bezogen. Warum hat er es neu bezogen? Es dauert einen Moment, doch dann fallen mir die Worte wieder ein, die er am Morgen an mich gerichtet hat. Es sind nur Bruchstücke, aber sie enthalten die Begriff Verabredung, Abel, Bett, Kain und reinlassen. Wahrscheinlich hat Jeff Kain den Floh ins Ohr gesetzt, dass es okay ist, wenn er hier schläft.
Das wird er mir büßen. Er vergnügt sich und ich muss mich mit dem Quälgeist rumplagen. Garantiert kann ich mich wieder die ganze Nacht nicht konzentrieren. Noch während ich das denke, gehe ich zurück zur Tür und öffne sie. Kain fällt mir vor die Füße. Er hat das dumpfe Geräusch eben verursacht, als er sich hingesetzt hat. Nun sieht er mich am Boden liegend an. Ich steige über ihm rüber und gehe zu meinem Schreibtisch. Kain regt sich nicht, sondern sieht mir nach.
„Was ist? Steh auf! Ich schleif dich nicht ins Bett. Mit dir hole ich mir einen Bruch.“ Ich lasse mich auf meinen Stuhl fallen, verschränke die Arme vor der Brust und schlage die Beine übereinander.
„Das steinerne Ding in deiner Brust funktioniert. Es ist ein Wunder!“, sagt Kain amüsiert und ich bereue bereits jetzt den winzigen Augenblick Freundlichkeit. Kain rappelt sich auf.
„Ich schmeiß dich gleich wieder raus“, erwidere ich seinen Kommentar und schalte meinen Rechner an.
„Das beweise mir.“ Touché, denn dabei würde ich mir auch einen Bruch heben. Statt zu antworten, deute ich auf Jeffs frischbezogenes Bett. Diesmal wird er sich nicht in meins legen. Das werde ich zu verhindern wissen. Auch Kain bemerkt den frischen Überzug und startet nicht einmal den Ansatz, in mein Bett zu gehen. Immerhin. Kain legt seine Ordner auf Jeffs Schreibtisch und ich schaue dabei zu, wie er sich das Shirt über den Kopf zieht. Ich zucke zurück, doch wende ich meinen Blick nicht ab. Wie erwartet ist sein Oberkörper muskulös und definiert. Ich sehe, wie bei der Bewegung seiner Arme die Muskeln seines Rückens hervortreten. Ein feines Spiel unter gebräunter Haut. Ein Tattoo auf der Innenseite seines rechten Oberarms. Ich kann nicht erkennen, was es ist. Wahrscheinlich ein Schriftzug. Als er beginnt, seine Hose zu öffnen, wende ich mich nun doch von ihm ab. Schlimm genug, dass ich mittlerweile Jeff anstarre. In meinen Fingerspitzen beginnt es zu kitzeln. Ich schiebe mir die Kopfhörer auf die Ohren. Noch während sich Kain bettfertig macht, beginnen sich in meinem Kopf erste Worte zu formulieren. Soviel zum Thema Konzentration.

Kain schläft schnell und tief. Er muss wirklich müde gewesen sein. Keine Decke. Sein Oberkörper liegt frei und auch sein Unterleib. Nur seine schlanken Beine sind bedeckt. Ich kann deutlich die definierten Muskeln seines Bauches erkennen. Es ist nicht übertrieben, aber er steckt mitnichten Mühe hinein. Seine Brust hebt und senkt sich sachte. Die gleichmäßige Bewegung hat etwas Hypnotisches. Ich starre ihn an, bis sich sein Kopf plötzlich in meine Richtung dreht. Automatisch weiche ich aus, doch dann merke ich, dass er noch immer schläft. Strähnen seines schwarzen Haares fallen über seine Stirn. Er sieht um einiges jünger aus, wenn er keines dieser übertriebenen Lächeln in seinem Gesicht hat. Mein Finger tippt gegen die Leertaste. Irgendwann bin ich in der Mitte der Seite des geöffneten, leeren Dokuments angelangt. Kains ruhiger Atem, der den Raum erfüllt. Ich bekomme Gänsehaut, als ich mir vorstelle, wie sein warmer Atem auf Haut trifft. Kitzelnd. Streichelnd. Ich beginne zu tippen.
Nach einer Weile wird Kains Atembewegung schneller und damit lauter. Ich stoppe mit dem Schreiben und drehe mich zu dem schlafenden Körper. Seine Lippen öffnen sich. Er träumt. Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, vernehme das leise Quietschen der alten Scharniere und Schrauben. Kains Bauch spannt sich an. Ich folge der Muskelbewegung. Die leichte Abzeichnung seiner Rippen. Seine Brustwarzen sind hart. Ich frage mich, wie es sich anfühlt, darüber zu streichen. Ein feines Kribbeln, welches sich über meine eigene Brust arbeitet. Ich bekomme Gänsehaut.
Ein feines Keuchen entflieht Kains Lippen. Er neigt seinen Kopf wieder in die andere Richtung. Was er wohl träumt?
Bilder in meinem Kopf. Sie erschrecken mich. Ich muss unbedingt damit aufhören.
Ich brauche einen Moment, um mich von dem schlafenden Körper abzuwenden. Ich zwinge mich letztendlich dazu, in dem ich mit beiden Händen an die Tischkante fasse und meinen Stuhl zum Bildschirm drehe. Erst als ich auf den Text starre, merke ich, wie heftig mein Herz schlägt und was ich geschrieben habe. Ein seltsames Geräusch entflieht meinen Lippen. Ein fast erschrockenes Quietschen. Im Moment verstehe ich mich selbst nicht mehr. Wie kann mich so ein einfacher und trivialer Fakt derart aus der Bahn werfen? Jeff ist schwul! Und? Was tangiert mich das? Ich höre doch nicht zum ersten Mal von Homosexualität? Es ist nur zum ersten Mal, dass ich damit in Berührung komme. Ich kann mich nicht entsinnen, dass sich irgendjemand in unserer Schule geoutet hat. Wahrscheinlich lag das an der elendigen Kleinstadtmentalität. Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen. Ich verfluche meine Ignoranz. Nein, es liegt vor allem an Jeff und an der Tatsache, dass ich im Leben nicht damit gerechnet habe. Es ist wie das plötzliche Auftreten des eigentlichen Drahtziehers als Höhepunkt des letzten Aktes eines Krimis, obwohl man sich die ganze Zeit sicher war, dass es nur der Butler gewesen sein kann. Jeffs Homosexualität versteckt im Schein des bügelfeinen heterosexuellen Anzugs eines Butlers. Ich brauche dringend mehr Schlaf.
Es gab nie Anzeichen oder habe ich sie einfach nur nicht gemerkt? In der Schule hatte Jeff eine Freundin. Auf Parties hat er Mädchen geküsst. Vielleicht auch Jungs? Ich weiß es nicht mehr. Noch immer umfassen meine Hände die Tischkante. Ich fasse sie fester bis meine Knöchel weiß hervortreten. Einen Mann hat Jeff geküsst. Mich.

Meine Nackenhaare richten sich auf. Es ist nur eine Ahnung, doch mit einem Mal taucht Kains Gesicht neben mir auf. Obwohl er mich nicht berührt, spüre ich Wärme, die sich auf mich überträgt. Er sieht direkt auf meinen Bildschirm. Geradewegs auf mein Geschriebenes. Erneut dieses seltsame, erschreckende Geräusch aus meiner Kehle. Aus meinen Kopfhörer dringt Stroke 9 mit ´Do it again`. Ich bekomme Gänsehaut, während der Sänger fröhlich ´You're a freak. You're alone in your bed with graphic images in your head´ in meine Ohren haucht.
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