Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
19.02.2015
02.10.2020
29
263.212
214
Alle Kapitel
262 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
23.07.2017 9.288
 
Kapitel 16 Die extra Portion Pfeffer und Sahne auf meinem Dopamin

Ruckartig drücke ich das Telefon gegen meine Brust und spüre, wie sich mein Puls verselbstständigt. Jeff Augenbraue wandert nach oben und er sieht neugierig auf das Handy, welches energisch mit meiner Brust kuschelt. Puls 150. Wie viel hat er gesehen? In meinem Kopf überwerfen sich die Gedanken. Puls 180. Irgendwer in den höheren Sphären kann mich nicht leiden. Und Kain sucht definitiv Ärger. Warum schickt er mir solche Sachen? Mein Herz macht einen Looping und platziert sich danach an einer völlig falschen Stelle. Nulllinie.
„Alles okay?“, fragt Jeff und mustert mich aufmerksam.
„Ja“, antworte ich zu schnell und auch einen Tick zu hoch. Warum winke ich nicht gleich mit einer Zielscheibe. Die feingezupfte Augenbraue meines Gegenübers schwebt immer noch weit über dem Normalstand und scheint sich mit jedem meiner peinlichen Reaktionen weiter an Ort und Stelle fest zu fressen.
„Sicher? Du guckst, wie damals als ich dich beim Pornos gucken ertappt habe.“ Jeff grinst wissend und auch ich denke an das sehr freizügige Asia-Spezial zurück. Die Damen in dem Filmchen waren derartig gelenkig, dass ich noch immer ungläubig den Kopf schütteln muss. Dennoch war es das erste und das letzte Mal, dass mir sowas peinlich gewesen ist. Damit kriegt er mich heute nicht. Mein Puls beruhigt sich.
„Was ist das eigentlich da an deinem Hals?“, fragt Jeff hinterher und wirft mich wieder aus der Bahn. Eingeschränkt durch Handy und Einkaufstüte kann ich nicht verhindern, dass mir mein Kindheitsfreund ungeniert gegen den Hals tippt. Jeff wiederholt den Angriff, berührt mich kurz unterhalb des Kiefers auf der linken Seite. Ich zucke zurück. Er lässt sich nicht beirren und stupst munter weiter. An mehreren Stellen fügt er murmelnd Hier und Da dazu, während ich versuche, ihm zu entkommen, indem ich mich mehrmals um meine eigene Achse drehe. Der Blonde bleibt erbarmungslos.
„Verdammt, lass das“, sage ich deutlich und stoße meinen Kindheitsfreund mit der Schulter weg. Jeff taumelt lachend auf den Grasstreifen, während ich weiterhin versuche, ihm sämtliche Blicke auf meinen Hals zu verwehren. Er lacht, schiebt seine Hände in die Hosentaschen und beginnt mehr oder wenig beschwingt neben mir her zu schlendern. Ich bin mir sicher, dass heute Morgen nichts zu sehen gewesen ist. Sehr sorgfältig habe ich jedoch nicht in den Spiegel geschaut. Mit dem Handrücken streiche ich mir über den Hals und lasse den Arm schnell wieder sinken, als ich merke, dass mein Handydisplay noch immer munter vor sich hin leuchtet. Ich werde Kain umbringen.
„Mit wem triffst du dich eigentlich?", fragt er mich nach einem Moment Ruhe, in dem ich meinen Drehwurm kuriere und außerdem meine Hand aus der zusammengedrehten Tüte befreie.
„Was meinst du?", frage ich und ertappe mich dabei, wie ich meine Schultern kaschierend nach oben ziehe.
„Na ja. Der ominöse Samstag. Knutschflecke“, kommentiert Jeff grinsend. Meine Schultern haben nun Kinnhöhe. Kain ist fällig. Definitiv.
„Und aus meine Nachtschrank fehlen Kondome.“ Mein Puls beschleunigt sich. Ich sehe zu Jeff, der seinen Kopf senkt und gegen einen Kiesel tritt. Das Steinchen landet ein paar Meter weiter im Gras. Damit sieht er auf und mich direkt an. In meinem Kopf beginnt es erneut zu arbeiten.
„Und? Kondome eignen sich nur perfekt für Wasserbomben. Das ist alles.“ Diesmal halte ich die Zielscheibe auch noch still.
„Du fickst wirklich jemanden!“ Aus Jeffs Frage wird eine freudige Feststellung. Die herbe Wortwahl meines Kindheitsfreundes irritiert mich. Abel ist eine schlechte Gesellschaft für ihn. In mehr als einem Bereich, echot es laut in meinem Kopf. Vielleicht auch ich, flüstert es hinterher. Jeff macht ungeniert weiter.
„Ich wusste es! Sina, oder?“, setzt er nach und schielt auffällig unauffällig zu mir rüber. Ein typischer Jeff. Erst unwissend tun und dann mit Verdächtigungen um sich werfen. Wie scheinheilig.
„Wie bitte? Wie kommst du auf Sina?“, frage ich verstört, denke an die künstliche Blondine und im nächsten Moment an den Schwarzhaarigen, wie er sich lächelnd zu ihr herabbeugte. Ihre intensiven Blicke und sein amüsiertes Lachen sorgen noch immer für ein seltsames Gefühl, wenn ich daran zurückdenke. Zu dem lenkt mich die Erinnerung an diese Situation so sehr ab, dass ich Jeff glatt vergesse und er sich mit seiner Annahme noch bestätigter fühlt.
„Sie steht auf dich und ist genau dein Typ.“
„Aha. Als ob du weißt, was mein Typ ist“, erwidere ich im selben Wortlaut, wie mein Mitbewohner zuvor und spüre, wie ich mich abwehrend immer mehr zurückziehe.
„Na ja, so schwer ist dein Typ nicht zu kategorisieren. Unkompliziert und leicht zu haben.“ Ich erwidere nichts. Jeff sucht sich ein weiteres Steinchen, das er munter über den Gehweg kullern lässt.
„Ficken ohne Verbindlichkeiten und bloß keine Beziehungen. Ganz klar.“ Gezielt. Geschossen. Getroffen. Dazu sieht mich er mit diesen intensiven blauen Augen an. Ich weiche seinen forschenden Blick unweigerlich aus.
„Du denkst auch, ich bin ein Arsch ohne Gewissen, oder?“, kommentiere ich mit zusammengebissenen Zähnen und ärgere mich darüber, dass mir Jeffs Ansicht nicht scheißegal ist. Ich lasse das Handy in die Einkaufstüte gleiten und taste unwillkürlich nach den Zigaretten in meiner Hosentasche. Es beginnt erneut zu nieseln. Nur ein kleiner kurzer Schauer, doch er kühlt mich zusätzlich ab.
„Liege ich denn falsch?“, fragt er nach. Ich schätze Jeffs Ehrlichkeit, aber selbst mir wird das manchmal zu viel. Mit nur einer Hand ziehe ich mir die Zigarettenschachtel hervor und nehme einen Stängel zwischen meine Lippen.
„Ja, denn ich steh nicht auf Blondinen“, knalle ich ihm bissig entgegen. Der ebenso blonde Mann bleibt stehen. Ich gehe unbeirrt weiter. Als ich am Wohnheim ankomme, ist die Zigarette aufgeraucht und auch jetzt wende ich mich nicht um, um zu sehen, ob mein Mitbewohner überhaupt noch hinter mir ist. Den Stummel schnipse ich ungerührt ins Blumenbeet. Micha begrüßt mich lauthals im Gang und ruft mich heran. Mein Gruß ist nur fahrig und ich sehe nicht einmal auf, als ich an ihm vorbeigehe und die Treppe hinauf ins Wohnheimzimmer verschwinde.

Die Tüte mit den Einkäufen stelle ich vor dem Kühlschrank ab. Einzig mein Handy und die Flasche Wasser ziehe ich heraus, bevor ich mich an den Schreibtisch setze und augenblicklich die abgelegten Kopfhörer über meine Ohren streife. Als ich die Playtaste betätige, ertönt ´Mad World´ von Gary Jules und noch bevor die ruhige Stimme des Sängers einsetzt, drücke ich den Song weg. Ich bin nicht in Stimmung. Dennoch ertönen in meinem Kopf die ersten Zeilen des nachdenklichen Liedes umso lauter.
Jeff hat Recht. Sex ohne Verbindlichkeiten. Keine Beziehungen. Keine Verantwortungen. Bloß kein gefühlsduseliges Zeug. Es ist dumm von mir, zu glauben, dass mein Handeln andere Meinungen hervorruft als die klischeehaften, die ihm inne wohnen. Warum also trifft es mich jedes Mal, wenn gerade Jeff derartig auf den Punkt kommt? Weil er es besser wissen sollte! Doch, wie sollte er? Ich halte Jeff, meinen Freund seit Kindheitstagen, genauso auf Abstand, wie alle anderen, die mir nahe stehen sollten.
Ich höre die Tür dumpf ins Schloss fallen und Schritte. Ein leises Rascheln und aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, wie Jeff neben mir stehen bleibt. Sekunden später tauchen mehrere Briefumschläge bei meiner Hand auf. Post, die mir wahrscheinlich Micha eben geben wollte. Jeffs Hand legt sich auf meine Schulter. Sein Daumen streicht über mein linkes Akromion, dem äußeren Endstück des Schlüsselbeins. Für einen Augenblick schließe ich meine Augen. Und obwohl ich deutlich sein Bedürfnis nach Versöhnung spüre, rühre ich mich nicht. Jeff würde sich bei mir entschuldigen, obwohl er nichts falsch gemacht hat. Doch auch das lasse ich nicht zu, um mir nicht eingestehen zu müssen, dass eigentlich ich etwas ändern muss. Ich sehe ihn an, ohne die Kopfhörer abzunehmen. Mein Handy meldet sich mit gleichmäßigen Vibrationen und das fahle Licht durchbricht diesen eigenartigen Moment, von denen wir in den letzten Jahren viel zu viele hatten. Ich sehe Lenas Namen auf dem Display und greife danach. Jeff zieht sich zurück, als ich ihre Nachricht öffne. Sie hat mir ein Bild zugeschickt, auf dem die Karten für das 5 seconds of summer- Konzert zu sehen sind. Darüber liegt mein kleines gehäkeltes Voodooich inklusive Miniatur-Fanshirt und Zuckerherzen. Meine Schwester ist beängstigend kreativ. Ich greife nach dem Püppchen, welches neben meinem Desktop lehnt und kann mir das Schmunzeln nicht mehr verkneifen. Mit dem Daumen streiche ich über den plüschigen Körper und stocke, als ich auf der Höhe der Brust etwas Hartes spüre. Mit dem kleinen Finger gleite ich unter das angedeutete Kleidungsstück und ziehe eines der Zuckerherzen hervor. Es bleibt auf der Spitze meines Fingers liegen. Rosafarben und glänzend. Mit Vorliebe hatte Lena damals auf jeden Kuchen diese Zuckerteile gekippt. Egal zu welchem Anlass. Egal, wie sehr ich mich darüber aufregte oder gerade deswegen. Diese Dinger sind der pure Kitsch. Nichts, was ich gut heißen kann. Voodoo und Zuckerherzen? Was hat sie sich nur dabei gedacht? Wie soll ich da noch nein sagen? Ich werde wirklich weich. Ich schiebe das Herzchen zurück in die Puppe und greife nach meinem Handy. Statt meiner Schwester zu antworten, wechsele ich unwillkürlich auf den Chatverlauf mit Kain. Das Foto seines gestählten Körpers springt mich förmlich an und ich spüre, wie meine Fingerspitzen zu kribbeln beginnen. Der oft betitelte Stein an der Stelle meines Herzens gibt seltsame Vibrationen von sich und ich werfe das Telefon in einem hohen Bogen aufs Bett. Jeffs Blick, der mir bescheinigt, dass ich womöglich den Verstand verliere, ignoriere ich gekonnt und ziehe mir das Grundlehrbuch für Biochemie heran. Für das Treffen mit Shari muss ich noch eine Kleinigkeit vorbereiten und vielleicht hilft mir der Gedanke an die rationale Wissenschaft dabei abzuschalten.
Jeff schläft bereits, als ich den Rechner ausmache. Im Waschraum überfällt mich die Neugier und kritisch betrachte ich meinen Hals, an dem Jeff vorhin verräterische Flecken gesehen haben will. Ich werde Kain umbringen. Ganz sicher.
Ich finde nichts Auffälliges. Nur eine einzige Stelle nahe meines Kiefers. Ich lasse meinen Zeigefinger darüber gleiten und spüre augenblicklich das feine Kitzeln ausgelöst durch die Erinnerung an Kains neckischen Liebkosen. Was macht er nur mit mir?
Zurück im Bett ziehe ich mir die Decke über den Kopf und schlafe mit der Hoffnung ein, in der Nacht friedlich zu ersticken. Nichts passiert.

Am Dienstag überbrücke ich die Zeit bis zum Treffen mit Shari, indem ich unentschlossen vor einem der Eisautomaten stehe. Hörnchen mit Nüssen und Vanilleeis? Zitrone und Buttermilch? Erdbeere? Meine Augen wandern über die anderen kalten Leckereien. Verschiedene Sorten Wassereis. Capri. Das Ding mit Cola-Geschmack. Mein Blick wandert weiter. Das Sandwich mit dreierlei Standardeis. Der Domino mit dem verlockenden Schokoladenmantel. Lecker sind sie alle. Ich bin mir uneins. Vermutlich liegt es daran, dass ich mich einfach nicht konzentrieren kann und das schon seit Wochen. Zudem stehen die Klausuren an und abgesehen von den Wiederholungen längst vergangener Semester habe ich noch keinen Millimeter in die Bücher geguckt. Der Aufenthaltsort einiger meiner Vorlesungsunterlagen gilt definitiv als Verschollen. Zum Verrücktwerden.
Irgendwann drücke ich einfach mit der flachen Hand auf das Tastenfeld und lasse mich überraschen. Was ist das Leben ohne Risiko. Mir fällt ein Wassereis mit dem Namen Pink Sherry Kiss entgegen. Ich atme tief ein und richte meinen Blick gen Himmel. Warum? Was habe ich nur getan, dass man mir so etwas antut? Die Kunststoffdecke schweigt.
Ich nehme das Eis heraus, trabe missmutig und mit der Welt im Zwiespalt Richtung verabredeten Lernzimmer. Shari ist noch nicht da. Ich ziehe mir wie gewohnt einen Stuhl in Position und hole das Eis aus der Verpackung. Ein länglicher, roter Zylinder. Mein Blick wandert erneut zur Decke. Weiterhin keine Antwort.
Immerhin schmeckt es. Ich schlage die Beine übereinander und lehne mich zurück. Ich genieße die Süße, die über meine Zunge kitzelt, gepaart mit leichter Säure, die ein prickelndes Gefühl auf den Seitensträngen hinterlässt. Der Geschmack von Kirsche schwelt im Hintergrund und erblüht, sobald die Flüssigkeit meine Speiseröhre hinabfließt. Es ist erfrischend. Doch es ist die Kühle auf meinen Lippen, die ich besonders mag. Als die Tür aufgeht, wende ich mich samt Eis im Mund um. Zu meiner Überraschung blickt mir ein dunkelhaariger Kerl entgegen. Er kommt mir bekannt vor und nach einer ausführlichen Musterung bin ich mir sicher, ihn schon mal gesehen zu haben. Auch er gehört zu der eher schlanken Männersorte und hat ungewöhnlich weiche Gesichtszüge. Er starrt mich apathisch an, während sich Sharis schmale Hände an seiner Seite vorbeischieben.
„Mark, steh nicht im Weg rum.“, murrt sie ihm liebevoll entgegen und drückt ihn zur Seite. Shari lächelt angestrengt, als sie sich an Mark vorbei in den Raum zwängt. Heute trägt sie eine schlichte dunkele Jeans und eine geblümte Bluse. Ich hätte sie gern noch einmal im Sari gesehen. Ich schlucke die Flüssigkeit in meinem Mund runter, lecke die Reste von meinen Lippen und hebe fragend meine Augenbraue, als ich merke, dass mich Sharis Freund noch immer anstarrt.
„Hat er einen Schlaganfall?“, frage ich verwundert und sehe dabei zu, wie die Inderin ihre Tasche auf den Tisch stellt.
„Wahrscheinlich hat sich nur sein Gehirn abgeschaltet. Na ja, vielleicht auch ein Schlaganfall. Hyvää päivää, Robin!“, flötet sie mir entgegen. Hüa was? Ich begrüße sie mit einem schlichten Hey und sehe wieder zu Mark, der sich langsam aus seiner Starre zu lösen scheint.
„Wie kann man bei diesen Temperaturen Eis essen?“, fragt er verwundert und mit einem stirnrunzelnden Blick auf mein zweites Frühstück.
„Mund auf. Eis rein… und schlucken“, erläutere ich lapidar und bemerke erst im nächsten Moment, wie eindeutig zweideutig das klang. Das war nicht beabsichtigt.
„Wie anschaulich, aber das meinte ich nicht.“ Mark lächelt genauso kopfkinolastig wie beim Eintreten. Shari lässt sich auf den Stuhl vor mir nieder und ihr Gesichtsausdruck bleibt beeindruckend naiv. Mein Diabeteslevel steigt und ich kann mir ein deutliches Grinsen nicht verkneifen. Ich sehe wieder zu Mark, der zwischen mir und seiner Freundin hin und her blickt. Anscheinend hat er ähnliche Gedanken bei Sharis Anblick wie ich. Sein Lächeln ist liebevoll im Gegensatz zu meinem.
„Es ist zu kalt für Eis“, sagt er dann.
„Für dich vielleicht. Ich möchte anmerken, dass es genaugenommen die perfekte Zeit für Eis ist, denn die unterdurchschnittlichen Temperaturen wirken sich positiv auf den Aggregatzustand aus. Außerdem ist die Verträglichkeit für den Körper im Sommer, wie auch im Winter vollkommen gewährleistet, weil das Eis, wenn es im Magen ankommen ist, bereits auf die durchschnittliche Körpertemperatur eines Menschen erwärmt ist“, kommentiere ich, lasse meine Zunge über die leicht geschmolzene Masse wandern und lecke mir Danebengetropftes vom Handballen. Ebenso könnte ich argumentieren, dass Eis bei den im Winter häufig auftretenden Erkrankungen, wie Angina oder Mandelentzündungen, als schwellungsreduzierendes Mittel im Hals wahre Wunder bewirkt. Ich lasse es.
„Meint er das ernst?“ Mark richtet seine Frage an Shari und nicht an mich. Sie nickt nach kurzem Überlegen und einem knappen fragenden Blick an mich.
„Auch Biochemisch ist Eisessen für die kühle Jahreszeit ein wahres Heilmittel. Endorphine. Serotonin. Lauter bunte Glücksgefühle. Übrigens der gleiche biochemische Cocktail, wie beim Verliebtsein. Funktioniert auch mit Erbsen“, fachsimple ich weiter und lecke genüsslich an meinem Eis rum.
„Jetzt bekommt das Märchen ´Die Prinzessin auf der Erbse´ eine ganz neue Bedeutung für mich. Wozu braucht man da noch andere Menschen“, folgt als sarkastische Antwort von Mark und ich schaffe es nicht, mir ein Grinsen zu verkneifen. Ich plädiere seit Jahren dafür, diesen ganzen Mist mit ‚der Mensch ist ein grundsoziales Wesen‘ zu überarbeiten. Mark schüttelt sein Haupt, beugt sich runter und haucht Shari einen Kuss auf die Wange.
„Okay, ich mache mich vom Acker. Lern fleißig, chisaii Hana! Nähdään, du seltsamer Biofritze!“ Er hebt die Hand zum Gruß. Vor der Tür bleibt er erschrocken stehen, weil er beinahe gegen Kain prallt. Der Schwarzhaarige lehnt im Türrahmen, lächelt Sharis Freund entgegen und lässt ihn vorbei. Kain hat mir gerade noch gefehlt. Wie lange steht er schon da? Ich will nicht drüber nachdenken und drehe ihm den Rücken zu. Ich beseitige die Tropfen, die sich am unteren Rand meines Eises gebildet haben.
„Und was passiert beim Küssen in unserem Körper?“, höre ich Kain fragen und sehe, wie Sharis Augen seinen Bewegungen folgen. Er erwartet keine Antwort auf die gestellte Frage und lehnt sich über meine Schulter. Ich spüre seine Wärme durch den Stoff meines Oberteils und umfasse den Stiel der kalten Süßigkeit fester.
„Als erstes wird die Produktion von Adenosintriphosphat, einem Zelltreibstoff kräftig angekurbelt. Energie setzt sich frei, die das Herz immer schneller schlagen lässt. Blut pumpt sich durch die Adern. Pulsierend. Heiß. Die Atemfrequenz steigt. Der Puls rast.“ Nur ein Flüstern, welches heiß gegen meinen Hals trifft. Ein Tropfen roter Flüssigkeit landet auf meinem Daumen.
„Langsam steigt die Körpertemperatur. Die Lippen beginnen zu prickeln und die Nervenenden werden mit jedem Pulsieren empfindlicher. Es folgt eine Berührung. Vielleicht nur kurz. Nur ein Hauch und dennoch beginnt die Hypophyse mit der Ausschüttung von Endorphinen. Unmengen an Dopamin breiten sich im Nervensystem aus und das Belohnungszentrum schreit nach mehr. Ein guter Kuss macht süchtig“, raunt er mir entgegen, so laut, dass auch Shari alles hört. Ein weiterer Tropfen des klebrigen Eises perlt über meine Haut und landet auf dem Tisch. Mein Griff um den Stiel ist so fest, dass sich mein Daumen weiß verfärbt. Ich rieche das zarte Aroma von Zitrone und bekomme Gänsehaut. Wie sehr ich Kain gerade dafür hasse.
„Wir benutzen beim Küssen übrigens 60 Muskeln. Hi, ich bin Kain.“
„Hi,… Shari.“ Ihr Name folgt verspätet, so als hätte sie ihn kurzzeitig vergessen. Kain lächelt und reicht der schönen Inderin die Hand, während sich die andere in meinen Nacken schiebt. Nun versteife ich mich vollends, spüre, wie die Wärme seines Körpers in mich eindringt. Ein lautes Knacken und der Stiel bricht. Im selben Augenblick landen die Reste des Wassereises auf der Tischplatte.
Shari kichert als erste munter drauf los, während ich mich schnellst möglich von Kain entferne. Der Schwarzhaarige verkneift sich jeglichen Kommentar und grinst mir nur hochamüsiert entgegen. Ich greife mir das Stück Eis und lasse es im Papierkorb verschwinden.
Shari reicht mir ein Taschentuch, mit dem ich versuche, die roten Flecke von meinen Händen zu rubbeln. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es wenigstens nicht in meinem Schoß gelandet ist und lasse das zusammengeknüllte Taschentuch meisterlich im Papierkorb verschwinden. Aus 4 Meter Entfernung. Wenigstens etwas. Kain und Shari setzen währenddessen ihre kennenlernende Unterhaltung fort. Ich richte meinen Blick ein weiteres Mal an diesem Tag gen Decke und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie auf mich runterstürzt. Nichts passiert. Shari fragt nach Kains Studiengang und er nach ihrem Semester. Kain lässt sich neben Shari auf einen Stuhl nieder. In meinem Kopf schreiben sich die ersten Zeilen einer herzzerreisenden Liebesgeschichte mit Dreiecksbeziehung und Unmengen an kultureller Missverständnisse. Vermutlich würde es Kain sogar schaffen, einen strengen indischen Vater von sich zu überzeugen. Kain ist der perfekte Schwiegersohn. Ich könnte kotzen.
„Kain, was willst du hier?“, unterbreche ich den Smalltalk, als ich meinen Würgereiz erfolgreich unterdrückt habe und lasse mich wieder auf den Stuhl fallen. Der Angesprochene zuckt nicht mal und bleibt bewusst zu Shari gewandt sitzen.
„Ich habe gehört, dass man hier etwas lernen kann.“
„Für dich etwas zu spät, oder?“ Der offensichtliche Angriff ist so plump, dass Kain ihn einfach weglächelt.
„Ihr habt doch auch große Schnittmengen mit der Biochemie, oder?“, fragt Shari interessiert und rammt mir damit das selbstherbeigerufene Messer in den Rücken. Tief. Sehr tief.
„Sehr große…“
„Nicht mal ansatzweise…“, beginne ich im selben Moment wie Kain zu antworten. Wir brechen beide ab und sehen uns an. Sein Blick ist so intensiv, dass ich einknicke und als Erster wegschaue.
„Er ist nur hier, um mir auf den Keks zu gehen“, sage ich seltsam quengelig und richte meinen Blick zum wiederholten Mal an die Decke. Ein Riss. Ein Bröckeln. Letztendlich nur eine Spinnenwebe. Ich gebe nicht auf.
„Ja, dich zu nerven habe ich mir zur Lebensaufgabe gemacht. Aber ehrlich gesagt, habe ich wirklich eine Frage.“ Er zieht das Buch für Pathobiochemie aus seiner Umhängetasche und schlägt es bei einem Lesezeichen auf. Ich sehe dabei zu, wie er auf eine Passage tippt. Wenn ich auf seine Hände sehe, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut.
„Du kannst doch selber lesen, oder?“
„Robin, komm schon.“ Kain hat Recht. Ich verhalte mich wie ein dummes kleines Kind. Aber es ist so schön einfach. Ich murre laut und überfliege den Abschnitt. Er kommt mir nicht bekannt vor. Bei diesem Kapitel bin ich entweder noch nicht angekommen oder es gehört zu den Passagen, die ich aus Mangel an Konzentrationsfähigkeit nur halbherzig gelesen habe.
„Und?“, fragt Kain nach einer Weile.
„Professor Willing. Vorlesung zur Biochemie mit klinischen Bezug. 5. Semester“, antworte ich ruhig und lehne mich mit verschränkten Armen zurück.
„Soll das heißen, dass du noch nicht so weit gekommen bist oder, dass du Schlautier mal keine Antwort parat hast?“, schlussfolgert Kain. Ich beiße die Zähne zusammen.
„Ich bin nicht google. Können wir jetzt mit den Übungen anfangen?“, sage ich ausweichend und ziehe die Arbeitsblätter hervor, die ich für die kleine Inderin ausgearbeitet habe. Ich gebe auch Kain eines davon, während mir Shari ihre Liste mit Fragen überreicht. Sie ist zwei Seiten lang. Ich resigniere und verfluche stillschweigend die Dozentin, die mir das eingebrockt hat. Vieles davon ist Zusatzwissen und hat für die Klausuren keine Relevanz. Ich notiere mir ein paar Stichpunkte und ergänze Lücken, indem ich die dazugehörige Passage im Buch nachschlage. Kain und Shari bearbeiten die Aufgaben. Zunächst allein, doch nach und nach wird es zu einer Partnerarbeitet. Anscheinend hat auch Kain deutliche Lücken. Ich bin erstaunt, dass er das Ganze mitmacht. Wahrscheinlich macht er sich daraus einen Spaß.

Abwechselnd gleitet mein Blick über die beiden Personen vor mir. Sharis schwarze Haare sind nach hinten gebunden, dennoch fallen einzelne Strähnen nach vorn. Sie schmiegen sich um ihre Schultern, wie ein zärtliches Streicheln mündend in ein feines Kitzeln. An den Spitzen bilden ihre sonst glatten Haare kleine Kringel. Die schöne Inderin ist für mich der Inbegriff einer begehrenswerten Frau. Genau mein Typ. Perfekte Rundungen. Weiblich. Ihre Blicke sind die Mischung aus Erotik und Unschuld. Perfekt. Lustvoll. Und dennoch sehe ich verstohlen zu Kain, der in einem vorangegangenen Moment die Strickjacke mit dem diagonalen Reißverschluss geöffnet hat. Darunter trägt er ein enganliegendes blaues Shirt. Ich kann sehen, wie sich seine Brustmuskeln unter dem Stoff hervorheben. Meine Augen haften an der Stelle seiner linken Brustwarze und ich bilde mir ein, zu erkennen, wie sie sich erhärtet. Das erregende Kitzeln erfasst mich schnell und unvorbereitet.
„...Hallo? Spatz? " Kains Hand legt sich auf meinen Unterarm und reißt mich aus den Gedanken.
„Was?“, antworte ich reichlich inhaltsleer. Kain hat mich kaputt gemacht. Ich sitze mit einer bezaubernden Schönheit in einem Raum, den Kopf voller Fantasien und denke an ihn. Nach so kurzer Zeit bin ich körperlich auf ihn konditioniert und ich befürchte, dass auch mein Restverstand demnächst baden geht. Herrlich.
„Spatz? stichelt der Schwarzhaarige weiter, weil ich noch immer nicht reagiere.
„Stirb“, entflieht es mir, als ich erneut die ornithologische Zuordnung erhalte und mein Gehirn halbwegs aus dem Nebel der Erinnerungen herausgefunden hat. Shari lächelt.
„Ist er immer so unaufmerksam?“, setzt Kain, ohne auf meine Verwünschung einzugehen, fort.
„Dauernd. Aber er guckt dann immer so süß“, springt Shari auf den Zug auf. Wie bitte? Das einzige Mal, bei dem ich süß gewesen bin, war zum Fasching vor 19 Jahren und das nur, weil mich meine Mutter in ein selbst genähtes Pilzkostüm gesteckt hat. Es war einfach erniedrigend und wenn man nach dem Großteil der Senioren unserer Partnerstätte ging herzallerliebst. Mir wird jetzt noch übel.
„Tatsächlich?“ Die braunen Augen des anderen Mannes mustern mich ausführlich und werden mit jeder Sekunde neckender. Ich werde genervter.
„Und jetzt guckt er absichtlich grimmig, um zu beweisen, dass er der Teufel in Person ist. Sehr furchterregend,… wenn wir Kleinkinder wären oder Kätzchen“, kommentiert Kain meinen Gesichtsausdruck. Shari kichert verzückt. Der Ärger über sie hält sich in Grenzen. Bevor ich etwas kontern kann, erhebt sich die Inderin von ihrem Platz, legt Kain eine Hand auf die Schulter und sieht mir lächelnd entgegen.
„Ich gehe kurz für kleine Wollknäule. Zerfleischt euch nicht.“ Ich sehe ihr nach, bis sie den Raum verlässt und sich die Tür hinter ihr schließt.

„Hör auf damit", sage ich energisch. Kain lehnt sich auf dem Tisch nach vorn, stützt sein Kinn auf seinen Händen ab und lächelt. Ohne jegliches überspitztes Amüsement. Ohne jegliche Tonation. Es ist einfach nur ein Lächeln. Ein Warmes. Ein Sanftes. Ich wende mich mit einem seltsamen Gefühl im Bauch ab und beginne im Lehrbuch für die Erstsemester zu blättern.
„Kann ich dich etwas fragen?“
„Kann ich dich daran hindern?“, motze ich zurück und sehe nicht einmal auf.
„Liegt es an mir mit dem Küssen oder ist diese ganze verrückte Ziererei so ein verqueres Robinding?“
„Was?“
„Antworte!“
„Wir sind Kerle, oder nicht?“
„Und Kerle küssen sich nicht?“
„Küssen hat unter Männern keinen nennenswerten biochemischen Effekt mehr. Wir schieben nur Testosteron hin und her.“ Kains Gesichtsausdruck ist eine amüsante Mischung aus Verwunderung und Verzweiflung, Was ist aus ´einfach nur ficken´ geworden? Das unkomplizierte und verantwortungsfreie Schäferstündchen. Kain war es, der es mir versicherte und nun will er küssen?
„Biochemischer Effekt?“, wiederholt Kain fragend. „Das ist dein Ernst, oder?“
„Woher kommt das auf einmal?", frage ich deutlich genervt und sehe einen Moment dabei zu, wie mich der Schwarzhaarige fassungslos ansieht. Muss ich wirklich deutlicher werden?
„Wir ficken! Schon vergessen?", äffe ich seinen vormaligen Ausspruch nach, den er mir mehrmals ungeniert vor den Latz geknallt hat. Ich erinnere mich gut an die Situationen zurück, in denen er mir großkotzig erklärte, dass er nur macht, was ihm beliebt und dass er sich nimmt, was er will. Es passte schon damals nicht wirklich zu dem Kain, den ich kannte und dennoch hat es die Inhalte unserer Zusammentreffen geprägt. Kains Augen rollen verstehenden zur Seite.
„Ich habe ja nie gesagt, dass ein reines Fickverhältnis für mich heißt, dass ich auf Küssen und Streicheleinheiten verzichten will", gibt Kain erklärend von sich und weicht meinem Blick aus. Er lehnt sich zurück, streicht mit den Fingern über den Rand des aufgeschlagenen Buches und dann durch sein Haar.
„Ach bitte, das kann nicht dein ernst sein! Such dir doch eine Freundin, wenn du unbedingt einen auf Kuscheltier machen willst... Ich brauche das nicht“, kommentiere ich kühl und genervt. Kain erfasst mich mit seinem tiefbraunen Iriden und schweigt. Seine Nichtreaktion irritiert mich wie immer. Er schiebt das Buch ein Stück zur Seite und beugt sich nach vorn. Mit den Händen stützt er sich auf dem Tisch ab und kommt mir mit einem Mal sehr nahe. Eine Hand greift in meinen Nacken. Hält mich fest. Minimal weiche ich zurück, doch da drückt er seine Lippen schon auf meine. Ich bin zu perplex, um mich zu wehren. Und bevor ich es begreife, schmecke ich das zitronige Aroma des Ingwers. Die Süße, die nicht nur vom Zucker stammt. Kains lockende Zunge fordert und ich folge. Nach einem Moment auch gierig. Mich überkommt dieses wohlige Gefühl, welches mich auch beim Sex jedes Mal zu überwältigen scheint. Er löst den Kuss und sieht mich an. Forsch. Intensiv. Danach greift er nach den Unterlagen und dem Buch.
„Du bist ein Lügner…“, flüstert Kain wissend und verlässt den Raum, ohne auch nur einen Kommentar meinerseits abzuwarten. Ich murre leise vor mich hin, während meine Fingerspitzen Kains Geschmack von meinen Lippen klauben.
„Und du eine Prinzessin“, murmele ich, “Oh bitte, Erschieß mich“, sage ich zusätzlich noch laut, mache eine entsprechende Geste gegen meinen Kopf und seufze schwer.
„Keine Chance, ich bin Buddhistin…“ Erschrocken sehe ich auf und blicke direkt in Sharis lächelndes Gesicht.
„Mach für mich eine Ausnahme…“
„Nein, ich habe keine Lust als Schnecke oder Stein wieder geboren zu werden.“ Shari wäre ein besonders schöner Stein. Vermutlich auch eine sehr attraktive Schnecke.
„Ich hätte nichts gegen dich als Nacktschn…Autsch.“ Der Schlag gegen meine Schulter ist hart und unterbricht meinen primitiven Rückfall augenblicklich. Die schöne Inderin lässt sich mit einem vernichtenden Blick auf ihren Stuhl nieder, fragt kurz nach dem schwarzhaarigen Mann und unterbricht meine mehrmaligen Ansätze für Entschuldigungen mit reinem Handzeichen. Ich habe es nicht anders verdient. Ihr schlanker Finger tippt auf das Arbeitsblatt und sie duldet keine weiteren Widerworte. Mit ihr als Erzieherin wäre ich garantiert ein stückweit humaner geraten.

Shari hat ganze Arbeit geleistet, denn auch nach einer Dreiviertelstunde intensivem Fragen beantworten und erklären schmerzt meine Schulter immer noch. Ich erkundige mich beim Gehen danach, ob man bei Boxkämpfen auf sie wetten könne und ernte ein amüsiertes, fast peinlich berührtes Kichern. Es wirkt, wie eine aus dem schlechten Gewissen resultierende Streicheleinheit für mich. Ich bin besänftigt und verabschiede mich mit dem Versprechen, dass ich die nächsten Male rücksichtsvoller bin. Ich werde es probieren, obwohl ich mir sicher bin, dass es nur bei dem Versuch bleiben wird. Rücksichtsvollsein gehört nicht zu meinen vorprogrammierten Eigenschaften. Davon können allerhand Leute ein Lied singen. Als mein Handy zu läuten beginnt, erscheint der Name einer dieser besagten Personen auf meinem Display. Der Anruf meiner überdrehten Lektorin ist die erwartete Konsequenz auf die Ignoranz ihrer Email.
„Wie geht es meinem liebsten Karamelltoffee?“, flötet Brigitta durch das Telefon.
„Besser, wenn du endlich damit aufhören würdest, mir chronische Zahnfäule zu bescheren.“
„Zuckerspatz, du bist zu empfindlich.“ Nicht sie auch noch. Ich stöhne genervt auf.
„Lass mich dir einen Vorschlag unterbreiten.“ Ich ahne wie immer böses, krame schon vorsorglich in meiner Jackentasche nach den umweltbelastenden Glimmstängeln und trabe missmutig nach draußen.
„Ich habe einen Vorschlag für dich“, wiederholt sie nach kurzer Stille.
„Sagtest du bereits. Wenn ich andauernde Wiederholungen hören will, besorge ich mir einen Anrufbeantworter!“, kommentiere ich. Brigitta faucht.
„Darf ich um mehr Trommelwirbel und Ahs und Ohs bitten!“ Ich verdrehe gekonnt und komplett ungesehen die Augen. Wieso kann sie nicht einfach damit herausrücken. Egal, wie viel Spannung und Neugier sie erzeugen will, ich sage sowieso nein. Ich ziehe mir den Rucksack über die Schulter und stecke mir die Zigarette zwischen die Lippen.
„Uh, ich bin ja so aufgeregt…“, nuschele ich trocken vor mich hin, bin mir sicher, dass Brigitta kaum etwas versteht und nun ihrerseits dramatisch die Augen verdreht. Solche Reaktionen kennt sie von mir zur Genüge. Ich zünde die Zigarette an.
„Okay, okay, ich sage nur vier Worte. Interaktive-themenbezogene Buchconvention für Fans.“
„Das sind 5.“ Dazu mache ich noch ein Falsche-Antwort-Geräusch, wie man es aus Quizshows kennt und ziehe eine Menge des giften Rauches in meine Lungen.
„Game over, wir hören uns“, sage ich, bin drauf und dran wirklich kurzen Prozess zu machen und aufzulegen. Doch ich werde weich. Der Sex ist schuld. Er macht mich umgänglich.
„Robin!“
„Brigitta“, gebe ich ihren Namen retour und klinge dabei deutlich weniger aufgeregt.
„Denk an deinen Bekanntheitsgrad!!“ Game over, die Zweite. Wie bitte? Ich bin fassungslos. Manchmal glaube ich, dass sie den Sinn eines Pseudonyms nicht versteht. Ich habe meinen nicht nur aus dem Grund, dass mir für die Glaubwürdigkeit von kitschigen Schnulzen der Vorbau fehlt, sondern weil ich keinerlei Interesse daran habe, dass mich jemand mit diesen Büchern in Verbindung bringt.
„Bekanntheitsgrad? Wenn ich Aufmerksamkeit möchte, hüpfe ich nackt durch die Mensa.“ Am anderen Ende der Leitung beginnt es hysterisch zu kichern und ich nehme einen weiteren tiefen Zug. Ich fühle mich nicht besser.
„Mein kleiner Bonbonadonis, wenn du das tust, dann bringe ich dich ganz groß raus.“ Sie quietscht nochmals und ich hadere ein weiteres Mal mit dem Wunsch, einfach aufzulegen.
„Ernsthaft Brigitta. Nein.“ Auf der anderen Seite höre ich sie seufzen.
„Es schadet nicht, wenn die Leser ein klein wenig mehr über den Autor erfahren. Die Leute interessiert, wer Quincey Bird eigentlich ist.“ In meinem Fall bin ich mir nicht sicher.
„Wie oft willst du diese Diskussion noch mit mir führen?“, frage ich nun langsam mit den Nerven am Ende.
„Schätzchen, du bist vertraglich dazu verpflichtet, dich an marketingwirksamen Strategien zu beteiligen“, schmettert sie mir auf ihre Weise ernst entgegen. Diesmal bin ich es der seufzt.
„Karsten will einige Spaten erweitern und dafür vor allem Jungautoren begeistern. Wir reden da bereits eine Weile drüber und du bist einer der Kandidaten, die er sich wünscht, um den Verlag zu repräsentieren.“ Das spricht nicht für den Verlag, hallt es in meinem Kopf umher. Ich schweige.
„Uns ist bewusst, dass dein Studium an erster Stelle steht und wir nehmen darauf natürlich Rücksicht. Die Integration von Ausbildung und Autorendasein ist ja ein Teil des Marketings“, erläutert sie den bereits vor der Vollendung stehenden Plan. Ich schweige weiter.
„Hör mal, Robin, deine Bücher laufen gut. Das sollte dich eigentlich freuen.“
„Ich tanze später“, kommentiere ich wenig begeistert und schnipse die halbe Zigarette ins Beet, statt ein weiteres Mal daran zu nuckeln. Der Gedanke mich mit derartigen Dingen auseinandersetzen zu müssen, bereitet mir Kopfschmerzen. Wenn nicht sogar Migräne.
„Ich will erst darüber nachdenken“, antworte ich zögerlich und warte nur noch auf den stechenden Blitz, der jeden Moment durch meinen Schädel fahren könnte. Nichts geschieht.
„Natürlich. Vielleicht solltest du in den nächsten Tagen einmal mit Karsten telefonieren.“
„Brigitta, ich habe für sowas keine Zeit. Die Klausuren stehen an und ich komme jetzt schon kaum zum Lernen.“
„Überhaupt kein Problem, Hase. Ich sage ihm, dass du dich meldest, sobald du wieder Luft hast.“ Mich erfasst ein kalter Schauer. Vielleicht sollte ich doch schnellstmöglich kündigen. Ich verabschiede mich mit einem neutralen Allgemeingruß und lasse sie damit spüren, wie wenig Begeisterung ich aufbringen kann. Brigitta ignoriert es, drückt mir eine weitere überschwängliche Zuckerbombe entgegen und erinnert mich daran, dass ich ihr noch immer das Essay schuldig bin. Im Moment fehlt mir die innere Ruhe um auch nur zwei zusammenhängende Sätze formulieren zu können. Mit Beendigung des Gespräches sehe ich auf die Uhr. Die reguläre Mittagszeit ist noch im vollen Gange und in meinem Magen fühlt sich die Leere sondergleichen Schwer an. Hunger habe ich keinen.

Ich sehe auf mein Handy und atme kurz auf. Es schweigt und damit es auch so bleibt, mache ich es komplett aus. Ich bewege mich gegen den Strom Richtung Bibliothek, verstaue alle unwichtigen Dinge im Spind und setze mich nur mit dem Laptop an meinen Stammtisch. Meine Stirn wandert auf die Tischplatte noch bevor der Rechner hochgefahren ist. Jetzt muss das mit der Ruhe nur noch mein Gehirn begreifen, doch dieses scheint mit dem restlichen Teil meines Körpers auf Kriegsfuß zu stehen. Am schlimmsten sind solche Momente, wenn man im Bett liegt. Die Zeit verrinnt und man will unbedingt einschlafen, doch je mehr man sich dazu zwingt, umso schwerer wird es. Meine Gedanken rasen und ich schaffe es nicht mich auf eine Sache zu konzentrieren. Diese Momente hasse ich. Es überfordert mich und es verbraucht Kapazitäten, die ich eindeutig für wichtigere Dinge verwenden könnte. Lernen zum Beispiel. Oder auch für den Roman, der in der letzten Zeit deutlich unter meiner Ignoranz und Sexdemenz gelitten hat.
Eine interaktive Buchconvention für Fans, wiederholt sich in meinem Kopf und ich seufze so laut, dass es garantiert einige Tische weit zu hören ist. Es beschwert sich niemand, also mache ich es gleich noch mal und lasse direkt danach meine Stirn für ein paar Intervalle aufs Holz prallen. Eine Convention zum Thema Jugendliebesromane! Mir wird wieder mulmig und ich bekomme Gänsehaut. Nicht die Gute. Was haben sie sich dabei gedacht? Es muss Brigittas Idee gewesen sein. Zu viel Wein und zu viele tränenreiche Stunden mit Kommentaren und Anmerkungen in einem Fanportal. Sie treibt mich noch mal in den Wahnsinn. Ich richte mich wieder auf, lehne mich zurück und starre auf meinen wenig kreativen Desktophintergrund.
Was würden Leser von mir wissen wollen?
Warum ich als Mann aus der Sicht von Frauen schreibe? Würde ich auch gern wissen, denn darauf habe ich keine konkrete Antwort. Ich könnte es damit erklären, dass 90% der Leserschaft von Liebesromanen weiblich sind und rein psychologisch kann man sich am besten in sein eigenes Geschlecht hineinversetzen. Romane mit einer Hauptfigur desselben Geschlechts, eines ähnlichen Alters oder mit einer gleichartigen Situation gehen einem als Leser einfach näher. Es ist dahingehend nur logisch, eine weibliche Protagonistin zu haben. Dennoch ist es keine wirkliche Antwort darauf, warum ich als Mann aus der Sicht von jungen Frauen schreibe.
Warum schreibe ich Liebesgeschichten? Eine weitere Frage auf die ich keine richtige Antwort habe und die offenbaren würde, wie wenig ich mit der rosaroten Thematik anfangen kann. Ich glaube nicht an die Liebe. Für mich ist sie im reinen Sinne des Wortes Fiction. Nichts weiter. Es fällt mir nur seltsam leicht, darüber zu schreiben. Mein Zeigefinger streicht über die glatten Tasten des Laptops. In meinem Kopf bilden sich weitere Fragen und ich schließe meine Augen, während ich den Fragen halbherzige Antworten zuordne.
Wie komme ich auf die Pairings für meine Romane? Klischees und Standards. Warum wählt sie ihn? In den meisten Romanen wählt sie stets das Neue. Viele gemeinsame Jahre einer Beziehung sind dann nichtig. Oder es ist oftmals einfach die logische Wahl, um dem Roman eine gewisse Note zu verleihen. Jedes Mädchen will letztendlich den kühlen, abweisendwirkenden Kerl bekehren oder mit Charme der Einfachheit den anspruchsvollen Prinzen gewinnen. Es ist immer das gleiche. Unrealistisch und absurd. Warum um alles in der Welt sollte man sich mit derartigen Widerständen rumplagen wollen? Sollte Liebe nicht einfach sein?
Ich denke an Kain und lasse meinen Kopf ein weiteres Mal auf den Tisch fallen. Wieso? Weshalb denke ich gerade jetzt wieder an ihn? Danach sehe ich wieder auf meinen Laptop und lasse meinen Finger über das Touchpad der Mouse wandert. Er gleitet über die zuletzt geöffneten Dokumente. Für einen Moment bleibt er bei der Geschichte, in der sich Kain wieder gefunden hat, stehen. Ich spüre, wie mein Herzschlag schneller wird. Wie sich das Pulsieren über meine Venen durch meinen Körper bewegt. Auf meinen Armen bereitet sich erneut Gänsehaut aus. Dieses Mal mit Gefallen. Ich öffne die Datei und lese die letzten Zeilen.
…es scheint unendlich. Es dringt tief in mich ein, während sich seine warmen, feuchten Lippen über die empfindliche Haut meines Halses küssen. Seine Hände scheinen überall. Sie sind mehr als nur ein Streicheln. Sie sind Glück. Sie sind Leben. Und obwohl das Prickeln immer durchdringender wird, fast unangenehm intensiv, recke ich mich ihm noch mehr entgegen. Meinen gesamten Körper biete ich ihm dar, wie ein Süchtiger…
Auch jetzt spüre ich es. Sogar noch deutlicher. Mein Herz flattert verräterisch. Ich lehne mich zurück und lasse meinen Blick über die Buchrücken des gegenüberliegenden Regals wandern. Oberflächennahe Geothermie. Bevölkerungsgeographie. Ich sitze am Übergang zur Geowissenschaft. Jeffs Fachgebiet. Mir wird klar, dass ich ihn noch nie hier angetroffen habe. Überhaupt sehe ich hier selten jemanden aus diesem Fachbereich. Vielleicht sollte ich meinen wuseligen Mitbewohner mal zur Bibliothekseinführung anmelden. Ein mögliches Geburtstagsgeschenk, echot es höchst amüsiert in meinem Kopf umher, während ich spüre, dass sich mein Puls noch immer nicht beruhigt hat.
Im Gegenteil, er rast weiter, weil sich in meinen Kopf weitere Sätze formulieren, die rein gar nichts mit dem Geburtstagsgeschenk meines Kindheitsfreundes zu tun haben. Ich setze den Mousezeiger hinter den letzten Punkt, atme tief durch und lasse meine Finger über die Tastatur wandern.
Wieder ist es die Bibliothekarin, die mich daraufhin weist, dass es bereits nach 21 Uhr ist. Ich klaube meine Sache zusammen und gehe zurück ins Wohnheim. Mein Magen knurrt und ich ziehe mir ein Päckchen mit Brotscheiben aus unserem Biomaten.
Jeff ist nicht da. Auch Kain nicht. Ich übertrage die Daten meines Laptops auf den Hauptrechner und lege mich ins Bett. Das Einschlafen fällt mir schwer, denn noch immer kribbelt es unruhig in meinem Inneren und meine Hände tippen weitere unsichtbare Worte in die Falten meiner Bettdecke.

Die restlichen Tage der Woche verlaufen erstaunlich ruhig. Ich verbringe meine Zeit überwiegend in der Bibliothek und habe dennoch das Gefühl, nichts zu schaffen, weil ich ständig mit meinen Gedanken woanders bin. Ich lese meine Vorlesungsnotizen bis ich sie auswendig kann und vervollständige meine Wissenslücken durch traniges Herumblättern in der Fachliteratur. Die Löcher scheinen so tief und endlos, dass ich nicht einmal mit den aufgestapelten Büchern über den Rand gucken könnte. Langsam bekomme ich die obligatorischen Beklemmungen und verfluche meine penetrante Semesterfaulheit.
Selbst Jeff hat Abel fürs Lernen bis zum Ende der Klausurphase kaltgestellt, jedoch nicht, ohne ihm zu versichern, dass er zu seinem Geburtstag eine Ausnahme machen wird. Ich will gar nicht darüber nachdenken. Trotzdem schaltet sich bei mir das Kopfkino ein und ich brauche den kompletten Abend, um die Gedanken an die beiden kopulierenden Männer wieder loszuwerden. Als ich im Bett liege, wähnt sich sogar für ein paar Sekunden Mitleid für Kain, weil dieser das in den letzten Monaten des Öfteren live und in Farbe miterleben musste.
Auch der Schwarzhaarige bleibt unserem Wohnheimzimmer fern und ich ertappe mich dabei, dass ich hin und wieder auf mein Telefon starre. Ein paar Mal verweile ich in unserem Chat und verschwinde scheinheilig, wenn ich sehe, dass Kain online kommt. Nach unserem letzten Gespräch erwartet er sicher eine Entschuldigung, doch darauf kann er lange warten.
Freitagabend besorge ich die Lebensmittel, die ich für den versprochenen Kuchen benötige und krame die Backform unter meinem Bett hervor. Sie ist extrem verstaubt, da ich sie nur einmal im Jahr benutze. Am frühen Samstagmorgen stelle ich mich in die Küche, während alle anderen noch schlafen. Schokoböden gefüllt mit Himbeeren und Frischkäse-Frosting. Das Ganze ummantelt mit einer Ganache aus Sahne und dunkler Schokolade. Ich brauche 4 Stunden und lege mich gegen 10 Uhr noch einmal ins Bett.
Bereits mittags beginnt mein Mitbewohner mit der quälenden Aufgabe, sich ein Outfit für den Abend herauszusuchen und scheitert an den Unmengen an Stoff, die sich alsbald auf seinem Bett türmen. Ich habe schon seit Jahren keinen Überblick mehr und Jeff wahrscheinlich auch nicht. Irgendwann fliegen mir mehrere Pullover entgegen, gefolgt von der Aufforderung sie anzuprobieren. Ich weigere mich wie ein kleines Kind beim Schuhkauf und kuschele mich stattdessen in meine flauschige Strickjacke, die ich mir ohne Probleme zweimal umwickeln könnte.
„Anziehen. Die könnten dir noch passen“, fordert er mich auf und ich schüttele verweigernd den Kopf.
„Was heißt denn hier noch?“, frage ich irritiert, nachdem ich mir seine Worte noch mal durch den Kopf gehen lasse. Mein Kindheitsfreund blickt mich einmal von oben bis unten an.
„Na ja, weiß ich, was du seit neusten unter diesem überdimensionalen Wollding versteckst. Vielleicht schlägt das dauernde Eisessen langsam zu Buche.“
„Hallo? Ich muss gar nichts verstecken…“, kommentiere ich diese lächerliche Anspielung empört.
„Na dann, hurry up and strip!“ Jeff wirft mir einen weiteren Pullover gegen den Kopf.
„Bin ich dein Anziehäffchen, oder was?“, murre ich und erhebe mich von meinem Schreibtischstuhl.
„Hab dich nicht so. Außerdem ist es schon eine ganze Weile her, dass ich dich entkleidet gesehen habe.“ Was für ein Kommentar. Jeff klingt besonders unschuldig, wäre da dieses verräterische Grinsen nicht. Ich streife mir die Strickjacke von den Schultern, werfe sie aufs Bett und ziehe mir die Oberbekleidung des Blonden über. Der Pullover sitzt locker und ist unheimlich angenehm auf der Haut. Jeff legt schon immer Wert auf hochwertige Kleidung. Zum Leidwesen seines Geldbeutels. Meine Finger gleiten über den weichen Stoff. Wirklich schön. Nur die Farbe stört mich, aber daran würde ich mich schon irgendwann gewöhnen. Jeff beobachtet mich und sieht zur Tür, als unser Schloss leise knackt. Sicher ist es Abel, der sich nach einer Stunde nicht mehr allein beschäftigen kann.
„Ist dir sogar etwas zu groß“, ergänzt er seine Analyse.
„Pah, dann sag noch mal, dass ich irgendwas verstecke…“ Ich ziehe den Pullover vorn hoch, zeige Jeff meinen fein definierten, flachen Bauch und spüre mit einem Mal zwei warme, vertraute Hände, die sich höher arbeiten und über meine Brust liegen bleiben.
„Verstecken musst du nichts, aber du könntest am Muskelaufbau arbeiten…“, kommentiert Kain, während er seine Hände wieder zu meinem Bauch gleiten lässt. Ich reagiere mit deutlicher Gänsehaut und enormer Steigerung meines Herzschlags.
„Sind wir hier im Streichelzoo? Nimm deine Hände weg…“, sage ich, als Kain keine Anstalten macht. Jeff beobachtet uns mit hochgezogener Augenbraue. Musternd. Fragend.
„Gibst du ihm endlich was Ordentliches zum Anziehen?“, fragt Kain und zieht den Pullover zurück in Position. Danach lässt er sich auf mein Bett fallen und schubst die Strickjacke beiseite, als wäre sie ein totes Tier.
„Er soll mich heute Abend nicht blamieren.“ Mein böser Blick soll ihn in Flammen aufgehen lassen, doch nichts passiert. Jeff zerrt ungerührt weiter Klamotten aus dem Schrank.
„Apropos Geburtstag! Wann bist du aus deinem Ei geschlüpft, Robin?“
„Ich wurde gebaut, schon vergessen!“, kommentiere ich trocken. Kains Braue wandert nach oben, damit wendet er sich an meinen Mitbewohner.
„Jeff, wann wurde Robin zusammengeschraubt?“
„Wenn ich dir darauf antworte, dann verscharrt er mich heute Nacht im Wald und ich bin zu jung und zu schön zum Sterben“, gibt Jeff keck von sich und ich kann mir ein ziemlich dämlich klingendes Lachen nicht verkneifen. Ich lasse mich auf meinen Stuhl nieder und vermeide es, zu dem Schwarzhaarigen zusehen.
„Hast du nicht auch bald, Kain?“, fragt Jeff und der Kitzel der Neugier regt sich in mir. Ich weiß nicht, wann er Geburtstag hat.
„Ja, im August.“
„Schon was geplant? Was willst du eigentlich hier?“, fragt Jeff verwundert.
„Abel hört seltsame Musik, weil er für deine Feier noch irgendwas zusammenstellen will und mir wäre der Schädel geplatzt, wenn ich noch eine Minute länger dageblieben wäre.“
„Besser wäre es, wenn er mal aufräumen würde.“
„Meine Rede!“ Kain lässt sich mit geschlossenen Augen zurückfallen und ich merke erst jetzt, dass ich meinen üblichen Einspruch zum Thema `Niemand Fremdes in meinem Bett´ vergesse habe. Ich sehe auf die Uhr.
„Ich bin noch mal weg.“ Ich greife nach meiner Tasche und Jacke und bin schon an der Tür, bevor mich Jeff zurückhält. Ein eindringlicher Blick und ich muss ihm versichern, dass ich nicht das Weite suche. Daran gedacht habe ich auch schon. Ich sehe kurz zum Bett. Kain hat sich wieder aufgerichtet und grinst mir amüsiert zu.
Danach besorge ich das überaus kreative Geschenk für Jeff. Das Parfüm von dem Lena gesprochen hat und bei dem Jeff jedes Mal so sehnsüchtig wimmert, dass man glauben könnte, er müsste mit seiner feinen Nase ununterbrochen im mittelalterlichen Paris leben. Es ist einfach nur teuer, aber eine andere Idee habe ich nicht. Jeff wird sich freuen und vielleicht erspart es mir für ein paar Wochen seine Meerschweinchengeräusche. Vorsorglich habe ich es mir neutral einpacken lassen. Er wird sofort wissen, was es ist und er wird mir Vorwürfe machen, weil es zu teuer ist.
Ich schinde so viel Zeit wie möglich. Mache noch einen Abstecher in die Bücherei und erinnere mich an den schwedischen Krimi, welchen ich vor ein paar Wochen gekauft, aber noch immer nicht aus der Einkaufstüte geholt habe. Auch meinen Ergüssen statte ich einen Besuch ab und ziehe mich schnell wieder zurück, als zwei plauschende Mädels direkt vor dem Regal stehen. Der Reiz, Mäuschen zu spielen ist da, aber die Scham zu groß, zu lange vor der Pupertierndenlektüre zu verweilen. Mit einem Snack mache ich mich auf den Rückweg.

Als ich ins Wohnheim zurückkomme, ist niemand mehr im Zimmer. Mein Bett ist gemacht und es ist keine Spur mehr von Kain zu erkennen. Ich setze mich an meinen PC und öffne das begonnene Essay für Brigitta. Ein grober Inhalt ist schnell verfasst und dann halte ich inne. Der Plot ist wenig aufbauend, fast schon tragisch. Ein Roman ohne kitschige Klischees. Ohne Rosa. Ohne Sahne und extra Streusel. Brigitta wird nicht sehr begeistert sein. Aber wer sagt, dass eine Dreiecks- Geschichte nicht mit dem Ursprungspaar enden darf? Niemand schreibt vor, dass es sich die Protagonistin immer für den neuen Mann entscheiden muss. Vielleicht lohnt es sich, manchmal zu kämpfen? Es gibt nur nicht sehr viele Menschen, die kämpfen. Unwillkürlich wandern meine Gedanken zu meinem Vater und mit ihnen kommen eine Menge schwere, unerwünschte Gefühle. Ich lehne mich zurück, streiche mir fahrig durch die Haare und merke erst jetzt die unüberhörbare Stimmung, die in der unteren Etage eingesetzt hat. Selbst hier kann ich die Musik hören. Den Beat, wie er sich durch die dünnen Wände presst. Die Vibrationen spüren, wenn ein besonders tanzfähiger Song einsetzt.
Ein Klopfen. Ich lehne mich zurück, als ich gleich darauf höre, wie sich die Tür öffnet. Kain bleibt neben dem Kühlschrank stehen, verschränkt seine Arme vor der Brust
„Dir ist schon klar, dass du mit jeder weiteren Minute fehlender Anwesenheit das Geburtstagskind verärgerst?“
„Er hat noch nicht Geburtstag“, erwidere ich knapp und sehe kurz auf die Uhr. Es ist halb 11 Uhr. Jeff feiert den Tag seiner Geburt, als wäre es ein schwer erarbeitetes Privileg. Doch im Grunde hat keiner von uns einen Anteil daran. Abgesehen von unseren Müttern.
„Haarspalterei. Na komm, nur auf einen Drink. Etwas Spaß…“
„Solche Veranstaltungen werden Spaßtechnisch ziemlich überbewertet.“
„Hast du Angst, dass Tanzen in deinen Schaltkreisen einen Kurzschluss verursacht?“ Wieder das Roboterklischee. Ich lächele müde und auch Kains Gesicht zeigt weniger spitzbübische Freude als beim letzten Schlagabtausch zu diesem Thema.
„Tanzen gehört nicht zu meinen Standardprogrammen“, kommentiere ich dennoch drauf eingehend und fahre meinen Rechner runter. Kain macht einen Schritt auf mich zu und stoppt damit meine Bewegung zum Kleiderschrank.
„Dann brauchst du dringend ein Update.“
Bevor ich etwas erwidern kann, dringt die Stimme einer Frau in das Zimmer.
„Kain? Kain, bist du hier?“ Es ist die Rothaarige, die an der offenen Zimmertür stehenbleibt. Im ersten Moment erwidert er nichts, sieht mir mit einem intensiven Blick entgegen. Ich verstehe ihn nicht. Erneut ertönt der Namen des Schwarzhaarigen.
„Bin gleich da“, erwidert er laut.
„Lauf, kleine Dorothy, die Hexe des Westens ruft“, flüstere ich und wende mich von ihm ab. Ich öffne die Tür des Schrankes, die in Kains Richtung aufgeht und weiß nicht mal, was ich darin suchen soll. Kain drückt sie wieder zu und ich spüre seinen Körper dicht hinter mir.
„Jawohl, Blechmann…“ Seine Lippen an meinem Ohr. Eine kurze Berührung und die Hitze seines Atems bleibt zurück, als er bereits aus dem Zimmer verschwunden ist.

Ich ziehe mir den ausrangierten Pullover von Jeff über und lasse mich wie beim letzten Mal auf eine der Sitzgelegenheiten nieder. Bereits im Flur nach unten sind mir Unmengen an Menschen entgegen gekommen. Das gesamte Wohnheim und auch die umliegenden scheinen mitzufeiern. Mein Blick wandert durch den Raum. Dem tristen Nichts der Einrichtung sind Ballons und ein paar Lichterketten auf dem Leib gerückt. Eine davon blinkt mit verschiedenen Farbe über den gesamten Küchentresen, malt bunte Effekte auf die dunklen und hellen Flaschen und Gläser. Eigentlich ganz hübsch. Jeff hat sich wirklich Mühe gegeben. Ein paar bekannte Gesichter verteilen sich im Raum. Es ist aber niemand dabei mit dem ich mich unterhalten möchte. Genauso, wie beim letzten Mal. Der Gedanke setzt sich fort, als plötzlich ein Glas vor mir auftaucht.
„Hier.“ Jeff drückt mir ein Getränk in die Hand. Diesmal ist es kein Bier, sondern eine orangefarbener Flüssigkeit mit einem dicken schwarzen Strohhalm.
„Ist das euer Ernst?“ Die darin schwimmenden Eiswürfel haben die Form von Penissen und ich verspüre den Drang, ihm das Glas augenblicklich wieder zurückzugeben.
„Die sind nicht auf meinem Mist gewachsen!“ Ich glaube ihm nicht.
„Ich schwöre!“ Jeff ist ein schlechter Schauspieler.
„Tu mir den Gefallen und lächele?“, setzt es nach und schenkt mir eines seiner lang erprobten Jeff Gesichter. Es hat bei mir keine Wirkung. Meine Erwiderung ist nur mit viel Fantasie ein Lächeln und es ist so schnell wieder verschwunden, dass man eine Zeitlupenaufnahme bräuchte, um es zu erkennen. Mehr kann ich nicht bieten. Jeff tätschelt mit kurz den Kopf und bleibt neben mir auf der Couchlehne sitzen, während er genüsslich seinen Drink süffelt. Seine Hand weilt an meiner Schulter, während er sich mit den Arm an der Rückenlehne abstützt. Ich möchte ihm sagen, dass er bei mir nicht Händchenhalten muss. Doch ich schweige.
Ich nippe an dem leicht bitteren Getränk, spüre, wie die Säure der Orange über meine Zunge tanzt und im nächsten Moment der Amaretto in voller Blüte steht. Das Aroma der Mandel ist angenehm, paart sich mit einer angenehmen Herbe und ich nicke es zufrieden gestellt ab.
„Hat Kain gemixt. Ich sag es dir, er hat ungeahnte Qualitäten.“
„Flüssigkeiten panschen! Er ist der nächste Dalai-Lama“, kommentiere ich und denke an einige andere seiner Begabungen.
Als die Musik lauter wir, packt auch Jeff das Tanzfieber. Er schnappt sich Abel, der bereits zappelnd bei ein paar Mädels aus der Erziehungswissenschaft steht. Ich schaue zu Bar, blicke direkt zu Kain, der sich mit ein paar seiner Fachkommilitonen unterhält und entspannt gegen die Arbeitsplatte lehnt. Sein Körper bewegt sich im Takt der Musik. Ein leichtes Wippen. Ein wiederkehrendes Nicken. Als ´Cheap Thrills´ von Sia einsetzt, blickt auch der Schwarzhaarige zu mir. Er winkt mich deutlich heran und ich lehne ebenso deutlich ab. Das kann nicht sein Ernst sein. Ich tanze nicht und schon gar nicht mit ihm. Er kommuniziert mir ein Füllhorn an kreativen Gesten und Mimiken, die mir alle mitteilen, dass ich ein feiges Huhn bin, bevor er von Sina und Kati weggezogen wird. Ich bleibe kopfschüttelnd und in einem hohen Grad amüsiert auf dem Sofa zurück.
Erst das Auftauchen Kaworus lockt mich aus der schweigsamen Katatonie der Partyunwilligkeit. Jedenfalls teilweise. Auch mein asiatischer Kommilitone hat heute einen schlechten Tag erwischt und wurde mehr oder weniger gezwungen, hier zu erscheinen. Er deutet auf eine hübsche Asiatin mit schulterlangen Haaren. Seine Schwester. Ihr Rock ist kurz und zeigt ihre ungewöhnlich tätowierten, langen Beine. Auf beiden Seiten zeigt sich ein aufwendig verziertes Strumpfband samt kleiner Schleifen. Ich sehe kurz zu Kaworu, der ermattet seinen Kopf nach vorn kippen lässt und sehe keinerlei Ähnlichkeiten zwischen den beiden Geschwistern. Ich fühle mit ihm. Dennoch rettet mir dieser Auftritt die Stimmung. Die Geschichten, die folgen, sind von Amüsement kaum zu treffen. Beide sind das perfekte Beispiel für die aufkommende Katastrophe, wenn die Pole ´enorm introvertiert´ und ´exponentiell extrovertiert´ aufeinanderprallen. Es ist wie ein böser Unfall, bei dem man weder hin-noch weggucken kann. Problematisch.
Irgendwann ist mein Glas leer. Aus dem Sammelsurium auf der Küchenzeile werde ich nicht schlau und suche hilflos nach meinem Mitbewohner. Er verweist mich an Kain und ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, ihm gegenüber einzugestehen, dass ich sein Getränk so gut fand, dass ich noch mal möchte. Er wird es garantiert als Aufhänger benutzen. Orangensaft und Rum reichen theoretisch auch. Ich hadere mit mir. Wie schon die ganze Zeit. Es schadet nicht, auf ihn zuzugehen. Kain macht es auch ständig, obwohl ich ihn jedes Mal wieder abblocke. Unbewusst sehe ich mich bereits nach ihm um.

Ich schlängele mich durch die tanzenden Massen und treffe auf zwei bekannte Gesichter. Sina und Kati. Sie tanzen eng beieinander. Bei ihnen war Kain zuletzt gewesen. Ich atme tief durch bevor ich auf sie zugehe.
„Hey, habt ihr Kain gesehen?“, frage ich und kann nicht verhindern, dass ich den beiden näher kommen muss. Kati blickt auf. Sie deutet Sina meine Anwesenheit an, die augenblicklich ihre Hand nach mir ausstreckt und mich dichter an sich heranzieht. Ich finde mich zwischen ihr und Kati wieder, spüre ihren Körper, der sich lasziv gegen meinen bewegt. Wenig später spüre ich auch Kati. Ein passender Song wäre jetzt ´Dirrty´ von Christina Aguilera, doch das Lied was einsetzt, ist ebenso bekannt, wie nervtötend. Rihannes Regenschirm- Lied verursacht mir Gänsehaut und erinnert mich zu gleich an die Person, die ich gerade suche. Ich wiederhole ein weiteres Mal meine Fragen und komme kaum gegen die Musik an. Es wird scheinbar immer lauter. Ein nächster Versuch. Sina reagiert nicht, sondern legte ihre Hände an meine Brust. Ich schiebe sie von mir weg, ernte ein beleidigtes Schmollen und frage mich zu wiederholten Mal, wo ihre seltsame Vorliebe für mich herkommt. Ich erwarte keine hilfreiche Antwort mehr, doch dann deutet sie in den Flur.
Auch hier dauert es einen Moment bis ich einen Überblick über die Gesichter bekomme. Es ist nicht Kain, den ich als erstes erkenne, sondern ihr rotes Haar. Sie trägt ein gelbes Kleid. Kurz und leicht. Ihre schmalen Hände streichen über seine Brust, während er seine linke Hand über ihren Rücken gleiten lässt. Sie flüstern. Er lächelt. Sie lacht. Ihre Blicke sind tief, zeigen die Vertrautheit zwischen ihnen.
Ich sehe, wie sich ihre Lippen gegen seine betten. Erst nur hauchzart. Unterschwellig fordernd bis er es erwidert. Er drückt sie näher an sich heran und ich drehe mich weg.


-------------------------------------------------------
PS: vom Autor: Ich danke euch allen von Herzen <3 Gebt mich nicht auf!!!!! Es geht wirklich alles weiter und ich arbeite an allen meinen Geschichen!
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast