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Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
19.02.2015
02.10.2020
29
263.212
214
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Dieses Kapitel
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14.09.2015 9.449
 
Kapitel 10 Die Leiden des alten J.R.R. Tolkien

Trotz dreier Zigaretten, die ich auf dem Weg rauche, besänftigen sich meine Gedanken einfach nicht. Die stille Wut ist alt und zäh. Sie ist schwer und tiefgehend. Sie schwelt in mir und ich spüre, wie sie langsam glühend mit jedem verschwiegenen Tag immer heißer wird. Auch, weil sie heftige Trauer in mir weckt, mit der ich noch schlechter umgehen kann.
Im Laufen ziehe ich mir eine vierte Zigarette aus der Schachtel. Es ist die Vorletzte. Ich drehe sie in meinem Fingern umher, stecke sie aber erst an als ich in der Straße zum Café ankomme. Die Lichter sind bereits aus. Doch erkenne ich eine Gestalt, die sich auf einer der gemauerten Baumscheiben niedergelassen hat. Lucrezia blickt auf, als ich näher komme und schiebt ihr zuvor genutztes Handy zurück in die Hosentasche.
„Werte Eismagd, ein Humpen ihres besten Stoffs! Eilt Euch!", rufe ich, wohlwissend, wie peinlich es ist. Gut, dass ich gegen sowas immun bin. Bei Luci hingegen, bin ich mir sicher, dass gerade eine ihrer Augenbrauen skeptisch nach oben gewandert ist. Auch, wenn ich es nicht genau sehen kann. Ich grinse trotzdem.
"Eismagd? Aus welchen Mittelalterroman bist du denn gestolpert?", begrüßt sie mich fragend. Lucis schlanker Körper steckt in einer gigantischen, roten Strickjacke, die ihr bis zu den Knien geht.
„Games of Thrones?", versuche ich mein Glück und weiß, dass sie eher an `die Ritter der Kokosnuss` denkt. Als ich vor ihr stehenbleibe, wandert ihr Blick direkt auf meine Zigarette und sie runzelt die Stirn. Mir wird klar, dass sie mich noch nie rauchen gesehen hat. Bei den Besuchen im Café verkneife ich es mir für gewöhnlich.
„Ja, ich rauche und ich stehe auf die Zeit des Folterns und des schwarzen Todes. Informativ, oder?", kommentiere ich scherzhaft, nehme einen Zug von dem verteufelten Glimmstängel und puste den Qualm in den Nachthimmel.
„Inquisition und Eis. Unser Themenspektrum wird immer breiter. Großartig", sagt sie trocken. Ich mag ihren Sarkasmus.
„Du hast die Pest vergessen...", werfe ich dazwischen.
„Eitrige Beulen, yeah... Folter, wuhu... Streckbänke, grandios. Ich frage mich, wie du überhaupt etwas schmecken kannst..." Der erste Teil klingt, als würde sie mir Teenagerlike von ihrer Lieblingsband berichten. Zum Ende hin deutet sie ein weiteres Mal skeptisch auf meine halbgerauchte Zigarette und ich verstehe die Kritik auch durch die Blume hindurch.
„Ein Tipp am Rande. Eiserne Jungfrauen sind die Besten, obwohl du es mit der Folter schon gut drauf hast. Ich sag nur Gorgonzola-Eis...", entgegne ich und lasse sie den eindeutigen Schauder sehen, der mich sogleich erfasst, "Es ist ein Segen, dass sich das Schmecken bei mir manchmal abschaltet." Schimmel und Käse haben in Eis einfach nichts verloren, auch wenn sie sich Edel schimpfen. Damit hatte sie wirklich den Vogel abgeschossen. Mich ebenso. Ich habe danach drei Tage unter üblen Magenschmerzen gelitten. Lucis Lippen pressen sich übereinander, dann zieht sie einen Flunsch und streicht sich die Haare zurück. Schuldbewusst sieht anders aus.
„Spricht von eisernen Jungfrauen und jammert wegen einer kleinen Magenverstimmung. Ich habe mich dafür entschuldigt... und bin immer noch der Überzeugung, dass du sie nicht von meinem Eis hattest." Drei Tage! Ich bin ein Kerl. Ich jammere auch bei einer Erkältung, als wäre es die Lungenpest. Gegenüber Jeff bin ich aber noch pflegeleicht. Luci greift nach der Zigarette und nimmt sie mir ab.
„Und im Übrigen bringt dich das wirklich um..." Oder auch nicht. Mein Großonkel mütterlicherseits ist 90 Jahre alt und raucht seit seinem 13. Lebensjahr jeden Tag eine halbe Schachtel Zigaretten. Er ist ein medizinisches Wunder. Bewunderung bekommt er trotzdem nicht. Nur jedes Jahr eine einfallslose Karte aus dem Supermarkt. Eine Ansprache von einer 16-Jährigen hat mir gerade noch gefehlt. Ich seufze theatralisch und stinke gegen Jeff definitiv ab. Zusätzlich krame ich einen meiner super genervten Blick hervor, doch Luci zuckt nur mit ihren schmalen Schultern und schmiegt sich etwas mehr in ihre übergroße Jacke. Das Lächeln auf ihren Lippen ist unschuldig und lieblich und lässt auch den letzten Rest an Antipathie absterben.  Sie ist zauberhaft.
„Okay, ich habe bereits eine Mutter, die mir wegen dem blauen Dunst auf die Nerven geht. Können wir das überspringen?" Jeff nicht mit eingerechnet, denn der nervt mich auch. Ich deute ihr an mir die Zigarette zurückzugeben und sie gehorcht.
„Wärst du brav und würdest hören, würden wir die Diskussion gar nicht führen müssen", schmettert sie ungerührt ab. Punkt für sie. Ich nehme einen letzten Zug von der Zigarette und schubse den Stummel davon. Nur das feine Glühen in der Dunkelheit lässt erahnen, wo genau sie gelandet ist. Auch Luci blickt in diese Richtung. Ich setze mich zu ihr auf die Mauer und stelle meinen Rucksack vor mir ab. Da ich nicht weiß, was ich nun mit meinen Händen machen soll, ziehe ich mein Feuerzeug hervor und drehe es in meinen Fingern umher, ehe ich sie auffordernd ansehe. In ihren Augen schimmert das warme Licht der Straßenlaternen, färbt das intensive Grün ihrer Iriden in ein sanftes Braun. Ein paar Strähnen lösen sich aus ihrem langen Zopf und streicheln vom Wind angeregt über ihre Wangen. Eine Szenerie, wie aus einem meiner Kitschromane. Der perfekte Moment für eine erste zarte Berührung zweier Liebenden mit der passenden peinlichen Stimmung. Bei uns bekäme das Märchen 'Die Schöne und das Biest' eine ganz neue Bedeutung. Auch, wenn ich nicht weiß, warum ich schon wieder auf Märchen komme. Luci wischt das Haar davon und seufzt laut.
„Ich möchte dich etwas fragen", sagt sie knapp und schweigt erneut. Diesen Informationsstand habe ich bereits durch ihre Nachricht. Also warte ich geduldig darauf, dass sie fortfährt, auch wenn ich äußerst schlecht darin bin. Erneut spielt der Wind mit Lucis langen Haare und diesmal ignoriert sie es. Es ist zu spät, denn meine Gedanken driften schon wieder ab und die Szene entsteht von ganz allein. Es ist dieser Moment der einvernehmlichen Stille in der ihr die Strähnen zärtlich aus dem Gesicht gestrichen werden. Das kurze Zögern bevor seine Hände die Bewegung ausführen und auf ihre zarte Haut treffen. Das Kitzeln der Berührungen, die sie sehnsüchtig in sich aufsaugen. Es folgt ein intensives Kribbeln, welches seinen Weg in die entlegensten Winkel ihres jungen Körpers findet, gefolgt von einem intensiven Pulsieren, welches unbekannte Bedürfnisse weckt. Der Blick trifft auf jungfräuliche Lippen, die beben und erzittern, weil auch ihr Körper vor nervösem Verlangen jede vergehende Sekunde zählt. Die Zeit steht still, während ihre Berührung anhält. Es zählt nur das Gefühl. Es ist der Geschmack der Unschuld, der besonders lieblich ist und gefährlich.

Ich merke erst nach einem Moment, dass ich sie anstarre. Lucis sonst so frecher und gefestigter Gesichtsausdruck ist seltsam beschämt. Das habe ich noch nie bei ihr gesehen. Ich wende mich ab, rücke unbewusst etwas von ihr weg. Für gewöhnlich begrenzt sich unser Kontakt auf schnippische Bemerkungen und harmloser Neckereien unter Aufsicht ihres Vaters. Absolut jugendfrei. Ich bin einzig der Typ, der massig Eis kauft und dumme Kommentare liefert. Nichts anderes. In diesem Moment verfluche ich meine Fantasie. Ich hebe ablenkend meine Augenbraue und verursache mit meinem skeptischen Blick noch mehr Röte in ihrem Gesicht. Sie wendet sich ab und besinnt sich auf den Grund unserer späten Zusammenkunft.
„Erinnerst du dich an unser erstes Treffen und die Diskussionen?" Wie sollte ich das vergessen? Wir haben uns gegenseitig verbal in den Boden gestampft und noch nie habe ich eine 14-Jährige erlebt, die das drauf hatte. Abgesehen von meiner Schwester. Ich hatte einen schlechten Tag und Luci ebenfalls. Zwei Luftströme, die zu einem Tornado heranwachsen und absolute Zerstörung anrichten. Es war großartig und schlichtweg befreiend.
„Ich habe eine Eissorte kreiert und bin damit unter die besten fünf Kandidaten eines regionalen Wettbewerbs gekommen." In ihrer Stimme schwingt Stolz, doch mir fehlt der Zusammenhang. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie mir von einem Wettbewerb erzählt hat.
„Das ist großartig." Wie platt.
„Ja. Jedenfalls wäre in zwei Wochen das Finale und da du maßgeblich an dem Rezept beteiligt gewesen bist, würde ich dich gern dabei haben. Das würde einfach nur heißen, dass du gratis Eis essen kannst und mir dabei ziehsiehst, wie ich untergehe", setzt sie fort und sieht erst auf, als sie endet. Ich sehe ihr überrascht entgegen. Anscheinend hat mein Gedächtnis Lücken, denn ich weiß nicht, inwiefern ich daran beteiligt gewesen sein kann. Ich versuche mich daran zu erinnern, worüber wir neben Tonkabohnen und schlechtem Wetter noch gesprochen haben, doch es fällt kein Groschen. Nicht mal ein Penny.
„Es ist eine Kreation aus Tonkabohne, Zitrone und Ingwer", ergänzt sie, weil ich wahrscheinlich genauso aussehen, wie ich mich fühle. Dämlich.
Bei der Erwähnung der Zutaten merke ich, wie sich die Stränge meines Halses zusammenziehen. Zitrone und Ingwer. Mein Puls beschleunigt sich, weil ich augenblicklich an das Aroma der Bonbons in Kombination mit dem schwarzhaarigen Biotechnologen denke. Meine Gedanken bleiben nicht bei der Süßigkeit, sondern wandern zu dem Gefühl seiner warmen Haut unter meinen Fingerspitzen und der Feuchte seiner fruchtgetränkten Lippen. Nun fällt ein ganzer Münzhaufen.

Unser erstes Zusammentreffen fand während einer dieser grausigen Projektwochen unserer Uni statt und war damit Grundlage für meine Negativlaune. Lauter Gruppenarbeiten und pausenloses Herumexperimentieren. Absprachen. Gemeinsame Konfliktlösungen. Und das Schlimmste, andere Meinungen akzeptieren. Nicht mein Ding.
Neben zwei dauernd quatschenden Mädels gehörten auch Kain und Kaworu in meine Gruppe. Für meinen Geschmack waren das vier Meinungen zu viel. Meine Laune war dementsprechend jeden Tag auf dem absoluten Nullpunkt. Kain übernahm dabei ganz selbstverständlich die Rolle des Schiedsrichters. Er war sehr darauf bedacht, dass sich alle im gleichen Maß an den Aufgaben beteiligen und wirklich jeder zu Wort kommt. Eine Idee, die mir schnell schlecht aufstieß, denn wenn es nach mir gegangen wäre, hätten sich die beiden Frauen weiter um ihre Fingernägel kümmern können. Ihre Beiträge waren lediglich Nagellackflecken auf den Notizen der anderen.  Es war das erste Mal, dass ich mit Kain aneinander geraten bin, denn die beiden Frauen präsentierten uns einen Tag vor dem Abgabetermin einen Lösungsvorschlag, mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden gewesen war. Er war lückenhaft und kurzsichtig. Das musste auch Kain einsehen, aber er plädierte weiter darauf, dass es eine verdammte Gruppenarbeit gewesen sei. Hurra oder Banzai, wie Kaworu sagen würde. Jedes Mal, wenn wir diskutierten, kamen Kain und ich uns so nahe, dass ich das Aroma der Bonbons wahrnahm. Es war die feine Säure, die meine Wut noch weiter entfachte. Die fruchtige Süße, die nichts linderte, sondern mehr und mehr dafür sorgte, dass ich mich über seine übertriebene Freundlichkeit echauffierte. Es ging schließlich um unsere Noten. Nichts, worüber ich einfach so hinweg sehen konnte. Ich habe geglaubt, dass es Kain genauso sieht, doch der Drang, allem und jedem zu gefallen, war anscheinend größer. Zu unserem Leidwesen.

Luci hatte einfach nur einen beschissenen Schultag. Auch sie kämpft mit nervigen Mitschülern und den Unverständnis des Lehrpersonals. Ich fühlte mit ihr. Auch, wenn es in dem Moment nicht zum Tragen kam. Im Laden versuchte sie mich damals freundlich von Tonkabohneneis statt herkömmlicher Vanille zu überzeugen, doch ich lehnte ab. Daraufhin nannte sie mich, radikal und recht gefühlsbefreit, einen typischen Joghurteis-Esser. Ich, ein Joghurteistyp? Mein sowieso schon spärliches Nervengerüst brach vollkommen zusammen. Ich bin nicht kritisch und wählerisch. Vor allem nicht, wenn es um Eis geht. In diesem Bereich bin ich der Omnivore schlechthin und vertilge im Grunde alles. Es entbrannte eine hitzige Diskussion, in der ich anscheinend die beiden Kain anhaftenden Aromen mit eingebracht habe. Daran erinnere ich mich nicht.
„Und kommst du?", fragt sie und holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Ihre Stimme zwingt sich zur Ruhe, doch ich kann den feinen Hauch der Nervosität heraushören, der darin mit schwimmt.
„Denkst du wirklich, dass ich der Richtige dafür bin?", erwidere ich ablehnender also beabsichtigt. Es ist nur ein kläglicher Versuch der Verweigerung. „Ich hab es nicht so mit Pompons wedeln und Anfeuerungsrufen...", setze ich nach, wackele zur Verdeutlichung mit den Armen, als würde ich die Papierbälle schwingen. Ich lasse dabei deutlich erkennen, dass ich für taktierte Bewegungen nicht geschaffen bin und mache es nicht besser. Luci mustert mich ohne deutliche Emotion.
„Ja, für einen Cheerleader bist du definitiv zu klein...", gibt sie mit hochgezogener Augenbraue wieder. Zu klein? Mein Blick zeigt das Entsetzen, welches ich empfinde. Sie kichert. Ich bin nicht der Größte, aber beleidigt bin ich dennoch. Ihre schlanken, langen Finger schließen sich an meinen Unterarm. Ich deute mit dem Feuerzeug auf die junge Italienerin, finde keine passende Erwiderung und lasse das Wegwerffeuer wieder sinken. „Hör zu, du sollst auch gar nichts von diesem peinlichen Zeug machen. Du sollst einfach nur dabei sein. Bitte, du bist der Einzige, den ich kenne, der ein gutes Eis zu schätzen weiß und im Grunde bist du doch ein netter Typ." Sie stupst mir sachte gegen die Schulter. Netter Typ? Ich? Niemals.
„Luci, wirklich... ich..."
„Lucrezia...", unterbricht uns die tiefe Stimme ihres Vaters und damit auch meinen schwachen Abschmetterungsversuch. Ich werfe einen Blick zur Ladentür, sehe die große Gestalt ihres Vaters als Schatten im Rahmen stehen und fühle mich trotz der Meter Abstand eingeschüchtert. Wie lange er wohl schon dort steht? Trotz Freundlichkeit bin ich ihm nicht koscher genug. Zu recht. Wäre Luci fünf Jahre älter und würde mich damit nicht so sehr an meine Schwestern erinnern, hätte ich sie bereits flachgelegt. Soviel zu dem netter Typ.
„Ja,... bin gleich da...", erwidert sie und richtet sich auf. Die hübsche Italienerin streicht sich die Strickjacke glatt und beugt sich mir dann entgegen. Ihre Arme legen sich kurz um meinen Hals und ich spüre die Wärme ihrer Haut an meinem Ohr. Sie riecht nach Zucker und Vanille. Ich bin normalerweise kein Fan von diesen vanilligen Düften, aber zu ihr passt es. Bevor ich sie darauf hinweisen kann, dass ihr Vater mich gleich lyncht, lässt sie mich wieder los.
„Samstag in zwei Wochen! Ich schreibe dir die Adresse." Damit diesen Worten ist sie auch schon verschwunden. So schnell, dass ich mein begonnene Weigerung nur noch in die dunkle Nacht pusten kann.

Ich bleibe ermattet sitzen und starre in die Dunkelheit. Luci. Ich wiederhole den Namen der kleinen Eismagd auch noch mal laut und streiche mir durch die Haare. Sie hat mich gerade übertölpelt. Auf ganzer Linie. Das passiert selten. Dabei bin ich weder ein Bruder-, noch Kumpeltyp und für gewöhnlich will man mich nirgendwo mit dabei haben. Ich bin überhaupt kein netter Typ. Lena würde Luci einiges erzählen können. Immerhin musste sie Jahre lang unter mir leiden. Ich weigerte mich strickt jeder ihrer Schulaufführungen beizuwohnen. Nicht einmal, als sie den weiblichen Part in Romeo und Julia spielte, habe ich mich bemüht. Hätte sie den Animationsfilm mit den Gartenzwergen gezeigt, wäre ich sicher gekommen, aber Theater? Nein, danke. Lena hatte die Bandbreite meiner brüderlichen Herzlosigkeit von Anbeginn ihrer Geburt zu spüren bekommen. Allerdings habe ich wenigstens nie versucht sie durch massig Spielzeug im Kinderbett zu ersticken. Nicht mein Stil. Ich bin ein scheußlicher Bruder und stehe dazu. Mittlerweile ist mir klar, dass sie meine Ignoranz nur noch stärker gemacht hat. 5 Seconds of Summer, echot mir durch den Kopf und danach schüttele ich ihn energisch. Ich kann es noch immer nicht fassen, seufze und mache mich auf den Rückweg zum Wohnheim.

Als ich dort ankomme, angele ich mir die letzte meiner Zigaretten aus der Schachtel und stecke sie mir zwischen die Lippen. Meine Hände tasten sich suchend an meiner Hose entlang, doch das, was ich suche, ist nicht zu finden. Ein weiteres Mal fahre ich die Taschen ab. Nichts. Das Feuerzeug bleibt verschwunden. Was um Himmelswillen habe ich der Welt nur heute getan?
Die Zigarette in meinem Mund wippt geduldig vor sich hin. Ich würde zehn Minuten brauchen um ins Zimmer hochzugehen und wieder runter zu eiern. Dabei müsste ich fast das komplette Wohnheim durchqueren, da sich unser Zimmer in der oberen Etage und am anderen Ende befindet. Ich könnte Jeff darum bitten, mir ein Feuerzeug aus dem Fenster zu werfen, das würde mir auf jeden Fall den Weg ersparen. Wahrscheinlich würde eine solche Aktion dazu führen, dass ich seiner Anti-Raucher-Kampagne ausgesetzt werde und wir wieder streiten. Ist es das wert? Sicher nicht. Streite ich gern? Schon irgendwie. Ist es noch mehr mieses Karma wert? Sicher nicht.
Jeff und ich haben schon immer unsere kleinen Dispute, aber in der letzten Zeit fahre ich wegen jeder Kleinigkeit komplett aus der Haut. Überhaupt liefen einige Dinge anders, als gewöhnlich.  Kain ist nur eines der Beispiele. Kain. Ich habe es schon wieder getan. Mit ihm. Was ist nur los mit mir? Ich nehme die Zigarette aus meinem Mund und schaue einen Moment sehnsüchtig auf den beinhalteten Tabak. Abgesehen von meiner eigenen unverständlichen Handlungsweise sind mir vor allem Kains Beweggründe ein absolutes Rätsel. Ist es wirklich nur Spaß an der Körperlichkeit? Abwechslung? Es beschäftigt mich mehr, als ich gedacht hätte. Selbst jemand wie ich wird nicht gern verarscht und danach riecht es. Meine Gedanken hin und herschaufelnd, wende ich mich zur Eingangstür.
„Huch,...", entfährt es mir erschrocken als ich plötzlich gestoppt werde. Die Zigarette fällt zu Boden. Das Gefühl eines Déjà-vu drängt sich mir auf als mir Kains braune Augen entgegenblicken. Seine Hand greift nach meiner Schulter und die andere sachte nach meinem Handgelenk. Sie halten mich fest, bevor ich wegen des Rucks zu Boden gehen kann. Es ist wirklich nicht mein Tag. Absolut nicht. Kains grinsendes Gesicht macht es alles nur noch schlimmer.
„Es ist so süß, wenn du das machst...", flötet mir der Schwarzhaarige verschmitzt entgegen. Mord, das ist mein einziger Gedanke. Ich weiche entrüstet zurück, während mich auch noch die Erinnerung an Ingwer und Zitrone kapert.
„Kannst du dir mal ein Warnsignal umhängen...", gebe ich knurrend von mir, "Irgendwas, was piept."
„Vielleicht solltest du dein City-Notbremssystem aktivieren oder du träumst nicht mehr in der Gegend rum... das hätte nämlich unschön enden können", kommt es gelassen von Kain. Folterung ist mein nächster Gedanke. Foltern und dann der Mord. Definitiv. Ich wäre ein guter Inquisitor gewesen. Murrend beuge ich mich zu der Zigarette und puste Schmutz vom Filter. Ich muss dabei ziemlich bedürftig aussehen.
„Leg dir lieber eine gesündere Sucht zu.", kommentiert er trocken. Noch so eine Mutti. Unfassbar.
„Klar, weil der ständige Verzehr von erhärteter Zuckerlösung so viel gesünder ist." Kains Augenbraue zuck ungerührt nach oben und es bildet sich eine kleine Wölbung an seiner rechten Wange. Auch jetzt hat er einen diese Bonbons im Mund. Ich denke, wir sind uns einig, dass weder mein noch sein Laster wirklich gesund ist. Wir werden es nur niemals zugeben.
„Ich bin im stetigen Kampf gegen die Hygroskopie. Außerdem kann es uns beide einen Fuß kosten, oder?", plaudert er grinsend. Wahre Worte und nicht erstrebenswert. Ich stecke seufzend die Zigarette in die Jackentasche und wende mich ab.
„Hey, warte kur. Was war das vorhin mit Jeff? Er sah aus als würde er jeden Moment anfangen zu weinen..." Geschieht ihm recht, dieser Plaudertasche von Freund. „Ehrlich gesagt, finde ich es nicht so geil, dass du wegen meiner dämlichen Kommentare ständig mit anderen aneinander gerätst. Erst Abel...jetzt Jeff... und von Me..." Ich unterbreche als er den Namen der Rothaarigen beginnt
„Stell dir vor, es hat rein gar nichts mit dir oder deinen albernen Äußerungen zu tun." Jeff kennt mich gut genug um zu wissen, dass bestimmte Thematiken ein Tabu sind. Auch, wenn ich in manchen Dingen übertreibe. Nur in dieser ganz sicher nicht.
„Was ist eigentlich dein Problem? Jeff nimmt dir gegenüber so viel Rücksicht, dass du sein Leben lang seine Füße küssen müsstest." Ich sehe ihn ungerührt an. Nichts sein ernst? "Wirklich! Jeff ist dein Sam und du merkst erst, was er Wert ist, wenn ihn der Schicksalsberg ganz verschluckt."
„Zu deiner Information, ich weiß, was ich an Jeff habe. Vielen Dank und hör auf, einen auf Gandalf zu machen, du Aragornverschnitt." Mein Jugendfreund und ich haben unseren eigenen Kosmos und da hat sich niemand einzumischen. Schon gar nicht so einer, wie Kain. Auch nicht der andere blonde Möchtegerngefährte von Feenhausen. „Und was machst du eigentlich schon wieder hier?", frage ich verstimmt, als mir einfällt, dass Kain vorhin aus meinem Wohnheim gekommen ist und nicht aus seinem.
„Ich habe mir von Jeff dein Handbuch geben lassen. Leider hat er die Deaktivierungsfrequenzen nicht mehr", antwortet er bissig. Schon wieder eine dieser dummen Anspielungen.
„Du bist nicht ansatzweise so witzig, wie du denkst", entgegne ich murrend und ohne  seine Erwiderung abzuwarten, mache ich einen Schritt zur Seite und versuche an ihm vorbei zur Tür zu schlüpfen. Er hält mich zurück.
„Okay, entschuldige. Bitte renn nicht gleich wieder weg."
„Lass mich raten, du willst reden. Ernsthaft, hörst du jemals damit auf?", belle ich. Kain quatscht mir den Mund fusselig. Wie ist das möglich? Ich bin genervt.
„Stell dir vor, mit reden wird manches wirklich besser und ich garantiere dir, dass ich wieder in der Dusche stehe, wenn du dich nicht ab und an dazu durchringst freiwillig ein paar Worte mit mir zu wechseln. So machen das erwachsene Menschen nämlich." Ich beiße mir unbewusst auf die Unterlippe, als das Bild von Kains feuchtem Körper aufblitzt. Die Erinnerung daran, wie sich der nasse Stoff transparent auf die feste Haut legte und den darunter liegenden definierten Körper preisgab, wird mich bis in die Hölle verfolgen.
„Und du redest ununterbrochen, selbst beim Sex. Was versprichst du dir davon und was, um Himmelswillen, willst du mit mir reden? Ich bin ein Kerl. Ich rede nicht.", äußere ich, nachdem ich den Gedanken an die gestrige Duschaktion mit aller Kraft aus meinen Kopf prügele.  Ich verstehe es nicht. Kain und ich haben nichts gemeinsam und wir können uns nicht mal leiden.
„Ja, mir ist klar, dass du ein Kerl bist. Das ist auch gut so... Hör zu, ich möchte einen Waffenstillstand.", erklärt er, "Einen intensiven Stellungskrieg nehme ich aber auch." In Kains Fall wird es wohl eher zum Zwei-Fronten-Krieg. Wie stellt er sich das Ganze eigentlich vor? Eine Woche sie, die andere ich. Bei dem Gedanken daran, dass er zuvor bei ihr, dieser rothaarigen Hexe, gewesen sein könnte, bekomme ich bereits jetzt heftige Emesis. Ich starre genau auf die Stelle, wo ihre Haut über den rauen Stoff des Pullovers glitt als sie in der Mensa das Rumgetatsche nicht lassen konnte. Ihr Geruch an seinem Körper. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich nur daran denke und sie arbeitet sich kalt und unangenehm über meinen angespannten Leib.
„Hast du nicht schon genug Schlachtfelder, auf denen du kämpfst?", frage ich nonchalant und verschränke die Arme vor der Brust.
„Wie bitte? Okay, warte! Liegt es an mir oder habe ich letzte Nacht etwas falsch verstanden? Warum diskutierst du schon wieder mit mir?" Warum ist er so hartnäckig?
„Tue ich gar nicht. Im Gegenteil. Ich versuche lediglich zu verhindern, dass du mich in einen Krieg involvierst. 'Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muß'", zitiere ich aus dem Buch 'Die Kunst des Krieges' von Sun Tsu und ernte einen kurzen verstörten Blick des schwarzhaarigen Mannes.
„Willst du, dass ich bettle?" In meinem Kopf ein lauter Peitschenschlag. „Das ist lächerlich. Niemand hat etwas gegen ausreichende Befriedigung", gibt er nonchalant und seltsam von sich überzeugt von sich.
„Wer sagt, dass es befriedigend war?", erwidere ich bissig, bewusst provozierend. Kains Mund öffnet sich. Dann perlt ein leises Knurren von seinen Lippen und er fixiert mich mit einem intensiven Blick. Der Bonbon in seinem Mund wandert von einer Seite zur anderen und er überbrückt die wenigen Zentimeter zwischen uns. Ich halte kurz die Luft an, weiche aber nicht zurück.
„Dir geht's zu gut, oder?", zischt er ruhig.
„Verträgst du keine Kritik? Dann konzentriere dich lieber nur auf eine Schlacht." Ich weiß wirklich nie, wann Schluss ist.
„Bleib du beim nächsten Mal einfach liegen. Nach der zweiten Runde wirst du dich garantiert nicht mehr beschweren können..."
„Nimm den Mund lieber nicht zu...", setze ich an und breche ab, als das Geräusch der aufgehenden Tür ertönt. Micha tritt heraus und ich weiche etwas von Kain zurück. Ich blicke absichtlich zu Boden um meine eigenen Gedanken zu ordnen. Auch das heftige Kribbeln in meiner Lendengegend hilft nicht dabei einen klaren Kopf zu behalten. Wir haben ein Talent uns gegenseitig aufzustacheln. Es ist Micha, der die schwere Stille bricht.

„Quinn, ich hab einen Brief für dich auf dem Tresen liegen. Nimm ihn dir beim Reingehen einfach. Ich mache jetzt meine Runde."
„Ja, danke.", antworte ich kurzangebunden. Ich hebe zum Abschluss meine Hand zum Gruß, schaue dabei zu, wie er um die Ecke biegt und sehe zurück Kain.
„Du..." Der Rest des Satzes verhallt, als Kain mich abrupt an sich heranzieht. Seine Hand greift fest an meine Hüfte und er drückt mich gegen seinen Körper. Unnachgiebig. Heiß. Ich spüre, wie sein Atem gegen mein Ohrläppchen trifft. Das Aroma von Ingwer und Zitrone streicht meinen Hals entlang und wird zu einen Kitzeln, das meinen bereits angeregten Körper in weitere Aufregung versetzt. Wie gebannt starre ich auf den Kragen seines Pullovers. Direkt auf den Übergang zum Schlüsselbein. Seine Atmung hebt und senkt diese Stelle, wie ein rhythmisch schaukelndes Windspiel. Ich fühle mich hypnotisiert, spüre, wie elektrische Funken meinen Körper durchwandern und sich meine Haut erregt nach außen perlt. Auch Kains Puls ist erhöht. Die Vene an seinem Hals hebt sich hervor, pulsiert im schnellen Takt seines schlagenden Herzens. Ich spüre die Wärme seines Körpers, obwohl wir uns kaum Haut berühre. Was macht er nur mit mir? Wie stellt er es an, dass ich so sehr auf ihn reagiere?
„So mein kleiner Motzspatz, jetzt will ich mal was klarstellen. Ich ficke dich, weil es mir Spaß macht und weil ich den Sex bisher sehr anregend fand. Ich weiß, dass es dir ebenso geht, denn dein Körper signalisiert mir deutlich, dass dich das mächtig anmacht." Er zieht mich noch ein Stück näher, so dass unsere Leiber regelrecht aneinander prallen. Seine Stimme ist ein festes Flüstern, welches sich heiß durch jede elendige Schicht meines Körpers arbeitet. Wie kann er mir das so schamlos ins Gesicht sagen? „Wenn du mich fragst, sollten wir so lange weitermachen bis es uns beiden kein Vergnügen mehr bereitet. Deutlich genug? Gut! Küss mich, wenn du es anders siehst.", fordert er schlussendlich und meine Reaktion auf die letzte Forderung ist gleich null. Zum einen, weil ich wirklich perplex bin und zum anderen, weil ich wirklich, wirklich perplex bin. Meine Reaktionszeit ist erschreckend schlecht. Das hat man davon, wenn die notwendige Blutversorgung nur partiell funktioniert. Ich ärgere mich prompt über Kains augenscheinlichen Erfolg durch meine mangelnde Schlagfertigkeit und brüskiere mich noch mehr, als mir nach etwaiger Grundversorgung noch immer nichts Gescheites zum Kontern einfällt.
„Dich sprachlos zu sehen, ist eine willkommene Abwechslung.", flötet er grinsend. Kains Hand streicht mir über den Kopf und verwuschelt dabei meine unfrisierten Haare.  Als sein Handballen über die Helix meines Ohres streicht, durchfährt mich prickelnde Erregung. Ich schubse seine Hand energisch weg, weiche zurück und murre.
„Gewöhn dich nicht daran. Ich hole nur Luft", kontere ich und ignoriere Kains Gesichtsausdruck.
„Gut, gönn deinen Lungen mal Abwechslung. Schreib mir was Nettes, wenn du genug Luft geholt hast und bereit für die nächste Runde bist.", erwidert er und beugt sich wieder vor, " Ach und übrigens, 'Chancen multiplizieren sich, wenn man sie ergreift'. Mach dir das mal bewusst", flüstert er mir entgegen und lässt seinen warmen Atem dabei gegen mein Ohr treffen. Er zitiert ebenfalls Sun Tsu. Geschlagen mit den eigenen Waffen. Dieser intelligente Mistsack.
„Fick dich."
„Oh ja, gib's mir. Das ist für mich nur ein weiterer Grund es fortzusetzen", zwinkert mir Kain entgegen, „Ich steh drauf..." Damit hebt er seine Hand, winkt und verschwindet in die Richtung seines eigenen Wohnheims. Meine Ohren pulsieren heiß und heftig. Der Gedanken an Kains Lippen an meinem Hals und wie sie nach meinem Ohrläppchen schnappen, lässt meinen Leib in Flammen stehen. Ein sanfter Biss. Meine Lenden zucken. Mein Körper macht mich fertig. Beim Hineingehen angele ich den Brief hinter dem Pförtnertresen hervor und möchte ihn beim Erblicken des Absenders eigentlich wieder zurücklegen. Er ist von dem Verlag, bei dem ich mein erstes Buch veröffentlicht habe. Ich muss ihn nicht öffnen, um zu wissen, was ich darin lesen werde. Statistiken. Aufforderungen. Die Höhe meiner Tantiemen. Die Erinnerung.

Die Tür zu unserem Wohnheimzimmer ist nur einen Spalt geöffnet, als mir bereits laute Musik entgegen schlägt. Bruno Mars mit 'The Lazy Song'. Ich denke an 'Count on me' und merke das flaue Gefühl in meinem Bauch deutlicher. Mein Mitbewohner hockt vor seinem Ficus, zupft ein paar welke Blätter davon und ich bin mir sicher, dass er liebevolle Worte spricht, die mit Genugtuung von dem empfindlichen Wesen aufgesogen werden. Sofern es sie durch die extrem laute Musik überhaupt hören kann. So viel Fürsorge für eine Grünpflanze. Ob das noch normal ist? Ich bezweifle es. Ich beobachte meinen Mitbewohner einen Moment lang und schiebe meine spottenden Gedanken beiseite. Jeff sorgt sich. Nicht nur um seine Pflanze, sondern schon immer um mich und ich bin nicht immer sehr dankbar dafür.
Die Tür fällt hinter mir ins Schloss und Jeff richtet sich auf. Ich werfe meine Tasche aufs Bett und auch der Brief landet auf der Bettdecke. Ich sehe, wie Jeff die Musik abstellt und wie sich seine Lippen bewegen, doch bevor er einen Laut von sich geben kann, unterbreche ich ihn.
„Schon gut, Samweis, der Beherzte...", gebe ich in Anlehnung an das Herr-der-Ringe-Thema wieder und ignoriere, dass mein blonder Mitbewohner gar nicht wissen kann, wie ich darauf komme. Ich ziehe meine Kopfhörer auf, obwohl keine Musik eingeschaltet ist und setze mich an meinen Rechner. Nach dem Hochfahren öffne ich ein leeres Dokument und bleibe einen Moment davor sitzen, ohne auch nur einen Finger zu bewegen. Die intensiven Gedanken von vorhin sind nicht mehr zu greifen. Erzähl mir mehr von Sam, beende ich das angefangene Filmzitat und wende mich zu meinem Hobbitfreund um, der sich mittlerweile mit einem Buch auf sein Bett zurückgezogen hat.
„Bei dir und Abel wieder alles in Ordnung?", frage ich nach kurzem Schweigen und entgegen meiner Gewohnheit. Der andere blonde Mann ist weder beim Mittag noch beim Abendbrot anwesend gewesen. Jeff nickt und erläutert ihre Aussprache in nur wenigen Sätzen. Abel hat sich entschuldigt und das war wohl das Wichtigste. Ich hake nicht nach und auch Jeff führt es nicht weiter aus. Ich bin eben wirklich nicht der Typ für lauschige Gespräche. Jeff weiß das, und Kain muss es ganz dringend lernen, sonst mache ich bald Schaschlik aus ihm.

Ich widme mich wieder meinem Computer. Zunächst öffne ich die Aufzeichnungen für die neue Story. Brigitta schien begeistert, doch sie hat nicht die Entscheidungsgewalt. Diese liegt bei Karsten, dem Verleger und ich bin mir nicht sicher, ob er sich wirklich für diese Idee aussprechen wird. Ehrlich gesagt, weiß ich noch immer nicht in welche Richtung das Ganze überhaupt gehen soll. Was sollen die Wendepunkte sein? Was ist der Höhepunkt? Welches Ende soll die Geschichte nehmen? In meinem Kopf erarbeiten sich Möglichkeiten. Zunächst die Rosaroten, die  erfüllt sind mit der Hoffnung auf Erwiderung. Auch, wenn sie nur einem Funken gleicht. Es folgen die realistischen Varianten. Die vor allem von Ablehnung und Wut sprechen, gespickt sind mit Unsicherheiten und Unberechenbarkeit. Unerfüllbarkeit. In der Wirklichkeit ist es fast unmöglich einzuschätzen, was passieren wird, wenn man jemanden seine Gefühle gesteht. Doch nicht nur in diesen Feld. Es gibt für alles so viele Variablen. Unendliche Möglichkeiten. Nur ein einziges Geschehnis kann hunderte Folgen lostreten und damit ein ganzen Leben beeinflussen. Der Gedanke daran macht mir Angst und erfüllt mich mit Traurigkeit, denn nichts, was man für immer wähnt, hat letztendlich garantierten Bestand. Ich lehne mich zurück, lasse meine Fingerspitzen über die Quadrate meiner Tastatur streichen. Unbewusst gleiten meine Finger zum R. Ich stoppe beim E. Genug jetzt. Ich hole mein Handy hervor und blicke auf das Display.
„Hey, wann planst du nach Hause zu fahren?", frage ich in die Stille unseres Zimmers hinein und drehe mich erst um, als Jeff antwortet.
„Wahrscheinlich in der zweiten Juli-Woche. Ich mache es von den Klausuren abhängig." Für gewöhnlich zogen sich die Klausuren nur bis in den Juni, aber bei einigen Dozenten weiß man nie. Und bei Jeff nicht, ob er irgendwas nachschreiben muss.
„Denkst du darüber nach mitzukommen?"
„Na ja, ich werde bereits zum Mitkommen terrorisiert und ich bin mir sicher, dass zumindest Lena schon bei dir Alarm gemacht hat", sage ich. Jeff lächelt wissend und nickt.
„Japp, gestern und deine Mutter schon seit letzter Woche", gibt er amüsiert von sich und ich verdrehe die Augen. Meine Familie ist wirklich peinlich. „Du solltest dich mehr bei ihnen melden."
„Sei du nicht immer so schrecklich vorbildlich, denn das wirft jedes Mal ein schlechtes Licht auf mich." Jeff ist eben wirklich der bessere Sohn. Er grinst wohlwissend und sieht wieder auf sein Buch. Ich widme mich meinem Eigenen.

Meine bisherigen Werke ertranken förmlich in der Suppe der konventionellen Träumerei. Vielleicht wird es wirklich Zeit, daran etwas zu ändern. Ich setze mich ordentlich hin und beginne ein paar Anmerkungen zusammen zu tippen. Danach verfasse ich einen grundlegenden Vorentwurf, der den groben Plot und die Charaktere vorstellt, sowie erste Passagen, die den Grundtenor des Inhalts widerspiegeln. Ich bleibe bei einer angefangenen Textpartie hängen. Vor ein paar Tagen bin ich schon einmal an dieser Stelle stecken geblieben und auch diesmal spukt mir diese gewisse Sache im Kopf herum. Eine erotische Szenerie.  Sie würde an dieser Stelle die perfekte Grundstimmung einleiten. Die Sehnsucht und die geschürte Hoffnung aufzeigen. Ich tippe ein Fragezeichen in die Zeile und bin mir sicher, dass ich diese Szene weiterschreiben möchte.
Unwillkürlich driften meine Gedanken wieder zu Kain. Er hat nicht Unrecht mit seinen Äußerungen. Ich fand es geil und ich will mehr. Meine körperlichen Reaktionen gegenüber den Schwarzhaarigen sind eindeutig, aber nervig.
Ich öffne die Geschichte des Anstoßes. Bereits nach den ersten Zeilen spüre ich die Neugier, die sich wie eine Essenz, ein Aroma, zwischen den Zeilen windet. Sie haucht sich beim Lesen auf meine Lippen, wie ein roter Faden, der sich von allein durch die Geschichte spinnt. Meine Finger zucken über die Tastatur. Sie hat keinen richtigen Anfang und noch kein Ende. Kains Wunsch, es bis zum Ende lesen zu wollen, hat mich überrascht. Ebenso, die Tatsache, dass ihn meine Worte derart im Gedächtnis geblieben sind. Ich will nicht mehr darüber nachdenken. Ich seufze laut und ignorierend, dass mich Jeff hören könnte geflissentlich.

Abrupt stehe ich auf, ziehe mir neue Schlafklamotten aus dem Schrank und verschwinde in die Duschräume. Als ich das Wasser anstelle, bekomme ich Gänsehaut. Das warme Nass weckt die Erinnerung an Kains Überfall und sie stört mich nicht so sehr, wie ich es gern hätte. Ich lasse meinen Kopf gegen die kühlen Kacheln fallen und verfluche den Schwarzhaarigen. Nie wieder werde ich duschen können, ohne darüber nachzudenken, wie verboten heiß er mit feuchtklebender Unterhose aussah. Ich bin schlimmer als jedes Teenagermädchen. Schlimmer, als Brigitta. Sie würde vor Freude quietschen. Jeff wahrscheinlich auch. Ich verspüre nur das Bedürfnis mir irgendwas durch die Brust zutreiben. Ich versuche es mit der Schampooflasche, aber die abgerundete Kappe verursacht nur eine kleine Delle. Tod durch Druckstelle. Wie poetisch. Leider lässt auch die Duschcreme als potenzielle Mordwaffe zu wünschen übrig. Meine Stirn prallt ein paar Mal zögernd gegen die harten Fliesen. Danach gebe ich es auf, dusche zu Ende und lege mich ins Bett. Trotz des von Minute zur Minute stärker werdenden Wunsches, den Tag endlich zu beenden, schlafe ich nicht ein. Ich ziehe mein Telefon unter dem Kopfkissen hervor und öffne den Chat mit Kains Nachrichten. Seine Worte hallen in meinem Kopf umher. Keine Verpflichtungen. Keine Verantwortungen. Ich beginne zu tippen.
-Schlaf beim nächsten Mal nicht gleich ein- Kains Antwort folgt prompt.
-Zu mir oder zu dir?- Ein amüsiertes Schnauben perlt von meinen Lippen, weil er wirklich meint mir etwas beweisen zu wollen. Ich lasse die Nachricht unbeantwortet, schiebe das Telefon unter das Kopfkissen und starte einen erneuten Versuch einzuschlafen. Er gelingt.

Am Sonntagmorgen werden wir durch das leise Klopfen des blonden Spielgefährten meines Mitbewohners geweckt. Ich ziehe mir mürrisch mein Kopfkissen über den Kopf, als die beiden mich davon überzeugen wollen mit ihnen Frühstücken zu gehen. Meinen Kommentar darüber, dass es für mich zu früh für Gesellschaft ist und sie mich gefesselt und geknebelt mitschleifen müssten, nehme sie lachend als Scherz hin. Ich meine es ernst. Beim Anblick der beiden turtelnden Kerle vergeht mir sowieso der Appetit. Als sie weg sind, plüsche ich mein Kissen wieder zu recht, schlafe für zwei Stunden wieder ein und widme mich den Rest des Tages dem Vortrag, der mich am Donnerstag erwartet. Jeff und Abel tauchen nicht wieder auf. Auch Kain nicht.

Auch die ersten Tage der Woche beschäftige ich mich vor allem mit dem Referat. Lesen. Notieren. Ordnen. Noch mal lesen und verzweifelt Seufzen. Zu meinem Glück neigt sich das Semester langsam dem Ende zu und die meisten Dozenten verbringen ihre Zeit damit, zu wiederholen oder etwaige Fragen zu beantworten. So kann ich mich ausschließlich auf meinen unvermeidbaren Vortrag konzentrieren, die Präsentation vorbereiten und bin bereits am Dienstag bei einer bedenklichen Vielfalt an Flüchen angelangt, die ich andauernd vor mich hin flüstere. Am Mittwoch verschanze ich mich in der Bibliothek und sorge für stimmungsvolle Abwechslung, indem ich die Fluchtiraden in alphabethischer Reihenfolge wiederhole. Auch Rückwärts. Ich wäre ein Meister im Spiel 'Stadt, Land, Fluch'. Aachen. Arno. Avarakavra. Wirklich weiterhelfen kann mir das nicht. Irgendwann gebe ich es auf und verschwinde in die Mensa. Istanbul. Indus. Imperio. Mit Kopfhörer und einem Buch lasse ich mich an einem der Fensterplätze nieder. Ich bin am Verzweifeln und hasse mich selbst dafür, dass ich wegen so eines verfluchten Referats die Muffe fliegen lasse. Fast nervös tippe ich mit dem Finger den Takt der Musik mit, während ich das Kapitel über Gewebeläsionen zum zweiten Mal beginne.
Ich registriere neben mir eine Bewegung, sehe aus dem Augenwinkel heraus, wie der Stuhl nach hinten geschoben wird und wie Jeff sein Tablett auf den Tisch stellt. Darauf befindet sich ein gigantischer Berg Kartoffelpüree mit Fischstäbchen. Dazu Rosenkohl. Rosenkohl? Ich sehe erst auf, nachdem ich eine Weile angewidert auf die runden, gruseligen Röschen gestarrt habe, die lustige auf seinem Teller rumkullern. Ich sehe von dem grünen Gift in das Profil meines Mitbewohners, kann nicht hören, was Jeff sagt, aber seine Lippen bewegen sich energisch. Er widmet seine volle Aufmerksamkeit Kain, der mit einem Mal vor mir sitzt und eben so enthusiastisch in das Gerede involviert scheint. Ruhe ade. Passend zu diesem Moment setzt das Lied 'Au Revoir' von Mark Foster ein und ich habe das Bedürfnis, den französischen Abschiedsgruß laut zu formulieren in der Hoffnung, dass die anderen beiden die Botschaft verstehen. Kain trägt die Strickjacke mit dem diagonal zur Brust verlaufenden Reißverschluss. Unbewusst haftet sich mein Blick auf das ineinander verhakende Verschlussteil. Bevor er anfängt zu essen, zieht er den Schließhaken etwas nach unten, lässt ein grünes T-Shirt hervor blitzen. Die Erinnerung daran, wie sich die festen Muskeln unter meinen Fingern anfühlen, lässt selbige pulsieren. Ich spüre augenblicklich, wie sich die Frequenz meines Herzschlags steigert, wie rauschendes Blut durch meine Adern strömt und die Vene an meinem Hals hervorperlt. Für mich fühlt es sich an, als würde sie schier hervorstechen, doch ich weiß, dass es nur für die deutlich ist, die genau hinsehen. Ich wende meinen Blick von Kain Strickjacke ab und stochere eine Weile still zeternd in meinem eigenen Kartoffelpamps herum.

Mit einem Mal spüre ich, wie mir Jeff gegen den Oberschenkel piekt. Ich mache keine Anstalten die Kopfhörer abzunehmen, sondern sehe nur gelangweilt auf. Seine Lippen bewegen sich. Ich verstehe ihn nicht. Er seufzt theatralisch. Das brauche ich nicht hören, denn ich erkenne es an seinem Gesichtsausdruck. Pure Verzweiflung. Resignation in Reinform. Jeff ist eine Dramaqueen. Er verdeutlicht mir ein weiteres Mal, dass ich die Kopfhörer abnehmen soll und diesmal bin ich es, der seufzt. Ich ziehe mir nur die linke Seite vom Ohr.
„Kannst du ihm bitte sagen, dass Tauriel nicht in den Büchern vorkommt." Ohne Umschweife und Erklärung. Jeffs schlanker Finger deutet auf Kain.
„Ja, Robin sag mir, dass Tauriel nicht in den Büchern vorkommt", äfft Kain meinen Mitbewohner nach. Ich verkneife mir ein dümmliches Hä und brauche einen Moment, bis ich den Namen zuordnen kann. Sie diskutieren über den Hobbit? Haben die beiden keine Hobbies? Sie erörtern bereits weitere Faktoren. Auch ohne meine Antwort, also widme ich mich wieder meinem Buch. Vielleicht finde ich darin doch eine ausreichende Möglichkeit, die beiden lautlos und spurlos kaltzustellen. Das mörderische Lachen in meinem Kopf ist laut und wahnsinnig. Trotz dieser Gedanken beginne ich unweigerlich zuzuhören.
„Sie haben sie als Quotenfrau eingeführt. Mehr nicht", gibt Jeff von sich und hat Recht.
„Ich finde es gut. Sie ist hübsch anzusehen und hat es voll drauf. Also ein Punkt für das Team Mann. Warum stört dich das?" Kain zwinkert. Sein grinsendes Gesicht spricht Bände. Sie ist eine Rothaarige. Mehr muss ich dazu nicht sagen.
„Na, weil es albern ist. Nur wegen dem Anspruch genügend Männer sexuell anzusprechend ein wunderbares Fantasieepos mit schönen Frauen auszustaffieren, ist dämlich." Jeff zerteilt seine Fischstäbchen jeweils in exakt 3 Teile. Bei der letzten Stück Presspappe wird er so energisch, dass er die Panade runterreißt.
„Frauen? Eine Elbin. Eine. Una", betont der Schwarzhaarige, hebt dabei erst den Daumen, danach den Zeigefinger und bei der spanischen Variante streckt er Jeff den Mittelfinger hin. Wie subtil. Ich unterdrücke mir das amüsierte Raunen nicht schnell genug und kassiere unter dem Tisch einen Tritt von meinem erstaunlich diskutierfreudigen Mitbewohner.
„Die nicht existiert. Es ist ein prekärer Eingriff in den Storyverlauf und gaukelt den Menschen etwas vor, was bei Tolkien so nicht vorgesehen war", gibt Jeff von der Unhöflichkeit unbeeindruckt von sich und ich reibe mir die schmerzende Stelle an meinem Bein. Elendiger Uruk hai.
„Aber gegen die vielen viel zu schönen, männlichen Zwerge hast du natürlich nichts...", merkt Kain an, stützt seinen Ellenbogen auf dem Tisch ab und seinen Kopf in seiner Hand. Damit hat auch er leider Recht.
„Du hörst mir gar nicht zu, oder? Die Zwerge gehören in den Film und das hat nichts mit meiner Gesinnung zu tun...Tolkien würde sich im Grabe umdrehen. Garantiert", erwidert mein Jugendfreund, während Kain mit seiner Gabel hin und herwackelt, weil Jeff gerade ein typisch weibliche Plattitüde missbraucht. Kain schiebt seine Gabel in den eigenen Kartoffelberg und führt sich eine gigantisch wirkende Menge zum Mund. Kain kaut, während Jeff weitere Argumente hervorbringt, weshalb attraktive Zwerge viel sinnvoller für den Filmverlauf sind, als schöne Elbenfrauen ohne literarischen Hintergrund. Wenn Kain den Mund jetzt öffnet, quillt der gelbe Brei garantiert wieder heraus. Ich beobachte eine Weile, wie seine Mahlvorrichtung unnütze Arbeit verrichtet und er sich daraufhin die gelben Reste aus den Mundwinkeln streicht.
„Dir ist, aber schon klar, dass die Zwerge, so wie sie im Film dargestellt werden, im Buch nicht mal annähernd aussehen?", mische ich mich nun doch ein und schiebe meinen halbleeren Teller weg, greife nach meinem Nachtisch. Pudding. Endlich. Oh, du diabetesfördernde Glückseligkeit.
„Ach du, misch dich nicht ein...", pampt mich Jeff an und ich schaue perplex dabei zu, wie er mir meine glücksbringende Milchspeise aus der Hand nimmt. Auch Kain ist überrascht, schafft es aber nicht, das schadenfrohe Grinsen auf seine Lippen zu unterdrücken.
„Jeff wird zum Kampfzwerg", kommentiert Kain die Szenerie. Ich versuche mir meinen Nachtisch zurückzuholen und treffe auf Widerstand.
„Wohl eher zum Gollum...", sage ich darauf hin und bekomme die Stelle des Films nicht aus dem Kopf, in der mir Jeff beim Entreißen der Puddingschale, wie Gollum, Frodo am Schicksalsberg einen Finger abbeißt. Ich kriege bei dem Vergleich einen weiteren vernichtenden Blick von meinem Kindheitsfreund und sehe dabei zu, wie er den Pudding noch weiter von mir weg hält. Ein weiterer Versuch und ich liege halb auf seinem Schoss.
„Gib mir meinen Pudding zurück...", knurre ich leise, sodass es nur er hört. Jeff drückt mein Gesicht zur Seite und klemmt meinen Arm unter seiner Achselhöhle ein. Wie erniedrigend. Es ist ja nicht so, dass ich nicht einfach aufstehen könnte, um mir die Süßigkeit zurückzuholen. Wieso einfach, wenn es auch schwer geht.
„Nein, du bist nicht in meinem Team, also gibt's auch keinen Pudding."
„Seltsam, dabei manövriert er sich doch gerade eindeutig ins Team Piepmatz", merkt Kain an als er unsere eigenartige Kampfpose begutachtet. Jeff hat mittlerweile meinen rechten Arm zwischen seine Beine einklemmt und den anderen gekonnt zwischen Arm und rechter Seite. Wenigstens riecht er immer sehr gut. Diesmal ist es sogar einer der Düfte, die ich ihm geschenkt habe. Ich vergesse es, mich weiterhin zu wehren, als ich endlich eine gute Idee für sein Geburtstagsgeschenk habe.
„Was genau macht ihr da?", kommt es verwundert aus dem Hintergrund. Ein weiterer Spieler betritt das Feld. Abel. In seinen Händen hält er ein gutgefülltes Tablett.
„Robin hat es gewagt sich in unseren Disput einzubringen", sagt Kain lachend, während mich Jeff freigibt. Ich richte mir meine Klamotten und bin voller erwartungsfroher Vorfreude, endlich meinen Nachtisch zurückzubekommen. Doch bevor Jeff mir meinen Pudding aushändigt, lässt er ein paar Stücke seiner Fischstäbchen durch die vanillige Substanz gleiten. Sein entsetzt formulierter Name perlt von meinen Lippen, lässt den Angesprochenen unschuldig gucken und die beiden anderen herzhaft lachen. Zurück bleiben orange-braune Krümel in hellgelber Konsistenz und mein Bedürfnis in Tränen auszubrechen.
„Diskutiert ihr noch immer über die Elbin? Das machen sie schon den ganzen Tag", sagt Abel, nachdem sich alle wieder etwas beruhigt haben.
„Jetzt, wo du nichts mehr zu verlieren hast, wie ist deine Meinung dazu?" Kain deutet auf die Schale in meinen Händen, während ich missmutig mit dem Finger Panade herausfische. Wie kommt Jeff nur auf diese grausigen kulinarischen Ideen? Mein schöner Pudding. Warum wundere ich mich eigentlich, schließlich isst er auch Schokolade zusammen mit Käsedip. Ein eiskalter Schauer erfasst mich sichtbar und aus meinen Kopfhörern dringt Maroon5 mit 'Payphone'.
„Robin?", wiederholt Kain und ich sehe fragend auf. Jeff zieht einen Müsliriegel aus der Tasche und legt ihn mir vor die Nase. Einer mit weißer Schokolade und Milchcreme. Ich hätte lieber einen neuen Pudding.
„Also, ich mag die angedeutete Liebesgeschichte...sonst wären es ja nur wildes Gemetzel und psychologische Spielerei", mischt sich Abel ein und gibt der Diskussion eine neue Tonation. Er macht eine seltsame Schlitzbewegung mit seinen Armen und greift  nach dem Messer und der Gabel. Damit gibt Abel genau das wieder, was mir an dieser Geschichte so arg widerstrebt. Ich habe nichts gegen hinzugedichtete Charaktere, so lange sie nicht diese stupiden Klischees erfüllen. Nicht jeder Film braucht eine an den Haaren herbeigezogene Liebesgeschichte. Im Gegenteil. Für gewöhnlich macht sie den Film eher kaputt.
„Willkommen im Team Piepmatz", sagt Kain trocken, obwohl sich Abel gar nicht gegen die rothaarige Elbin ausgesprochen hat. Ich packe den Müsliriegel in meine Jackentasche.
„Klar, da herrscht seit Jahrtausenden Twist zwischen Zwergen und Elfen, aber er verliebt sich in die nächste beste, dahergelaufene Waldelbe. Die grenzlose Macht der Liebe.", mische ich nun doch mit.
„Sowas ist möglich", merkt Abel an.
„Das wage ich zu bezweifeln. Diese erzwungenen Liebesgeschichten in Filmen sind zum Davonlaufen. Wer will schon eine minutenlange Kussszene in einem durch und durch aktiongeladenen Film sehen? In einem Horrorfilm auch nur dann, wenn danach das obligatorische Messer mitten ins Herz folgt, als Ironie für die Sinnlosigkeit." Meine Ansprache endet punktgenau mit dem Refrain des in meinen Kopfhörer dudelnden Liedes. 'One more fucking love song. I'll be sick'. Die Zeile spricht mir aus dem Herzen.
„Robins Wort zum Sonntag", erwidert Kain und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Wer bei dir Romantik sucht, ist total aufgeschmissen, oder?", gibt Abel lachend von sich. Ich starre ihn nur ausdruckslos an.
„Ach, der Herr Pantoffelheld quatscht doch nur...Niemand lässt eine Liebeserklärung kalt", entgegnet Jeff und schiebt sich ein Stück Fischstäbchen in den Mund, nachdem er es noch einmal durch meinen Pudding wandern lässt.
„Nur Han Solo antwortete auf die Liebeserklärung mit den richtigen Worten. 'Ich weiß'...", kontere ich darauf hin.
„Aber genau dieser lässt sich später ausgiebig von der Prinzessin küssen und das wüsstest du, wenn du die Filme mal vollständig gesehen hättest. Du schläfst ja immer ein", setzt mein blonder Zimmerpartner seine gefühlte Überlegenheit fort und zieht eine freche Grimasse. Leider hat er Recht. Ich schlafe tatsächlich des Öfteren bei unseren Filmeabende ein, was aber primär an Jeffs Filmrepertoire liegt und nicht an meiner mangelnden Aufmerksamkeitsspanne.
„Ich schlafe nur bei den Filmen ein, die du auswählst. Nichts gegen Jane Austin, aber ich muss keinen Film sehen, wo sie nur damit beschäftigt sind ihre Bücher komisch auszulegen." Im Abitur lasen wir 'Stolz und Vorurteil'. Danach war Jeff Feuer und Flamme. Ich muss Jahre lang riesige Scheuklappen auf gehabt haben, um nicht zu merken, wie klischeehaft schwul doch manche Vorkommnisse tatsächlich waren. Zudem habe ich durchaus einige Filme vollständig gesehen. Unter anderen alle drei Filme von Herr der Ringe in der Extended Version. Wenn das mal keine Leistung ist. Ich verkneife mir eine Anmerkung in diese Richtung. So oder so, die bewegten Bilder sind zugegebenermaßen einfach nicht mein Medium.
„Nichts gegen den 'Jane Austin- Club'. Der Film ergreift mich jedes Mal!", echauffiert sich Jeff über meine subtile Beleidigung.
„Oh ja, genauso wie Hannah Montana, Girls United und Bambi. Jeff, deine Filme laden förmlich zum Einschlafen ein." Ich bin so schrecklich unsensibel und zuhören kann ich meistens auch nicht. Er hat aber auch ein schweres Los mit mir. Ich setze noch einen drauf. „Und meine Schwester hätte gern ihre DVD-Sammlung zurück." Jeff steckt mir sofort die Zunge raus. Er weiß es besser. Lena steht auf Horrorfilme mit Blut und Gemetzel. Aber da sie sich im Moment nicht wehren kann, ist sie Mittel zum Zweck. Kain und Abel kichern. Ein seltsames Bild. Wahrscheinlich weiß Abel mittlerweile ganz genau, wie anstrengend Jeffs Filmvorlieben sind. Sein Geschmack ist zuweilen etwas eigenartig und schwankt beträchtlich zwischen allerhand Gegensätzen hin und her. Manhattan Lovestory und Saw. Alien und 10 Dinge, die ich an dir hasse. Highschool Musical und Scream. Am besten an einem Abend. Es ist verstörend. Vor allem, wenn man beim Liebesfilm nur darauf wartet, dass der Verrückte mit dem Messer die romantischen Szenen veredelt. Ein bisschen Blut hat noch keinem Film geschadet.
„Ihr seid alle samt Banausen. Allen voran du", wirft uns Jeff gespielt schmollend entgegen, deutet auf mich. Dreimaliges Schulterzucken. Jeffs beleidigte Haltung verstärkt sich. Abel startet einen Versuch seinen Freund zu beschwichtigen, während Kain leise lachend die Szene beobachtet und danach zu mir blickt. Aus meinen Kopfhörern dudelt mir James Blunts helle, weiche Stimme entgegen. 'He's waiting for the day when he gets me. But I won't be your concubine - I'm a puppet not a whore'. Sein Lachen wird zu einem Lächeln. Es ist ehrlich und intensiv. 'Hold my heart and see that it bleeds. I'm out of my mind.' Mein Herz schlägt heftiger und ich stehe unvermittelt auf.
„Guck mit ihm 'Das Haus am See', dann verzeiht er dir alles", rate ich ohne noch einmal aufzusehen und greife mein Tablett. Tatsächlich ist es einer von Jeffs Lieblingsfilmen. Jetzt soll noch mal jemand sagen, ich sei nicht aufmerksam. Ob er ihn wohl wegen Sandra Bullock oder Keanu Reeves mag? Ich schüttele den Gedanken davon.

Ich bringe alles zur Geschirrabgabe und spüre beim Wegstellen die Vibrationen meines Handys. Ich pfriemele es aus der Hosentasche und sehe Brigittas Namen auf dem Display. Meine untere Gebisshälfte beginnt zu pochen. Ich streiche mir über den Kiefer, blicke auf und sehe, dass Kain auf mich zukommt. Ein Zwiespalt. Ich will weder mit ihr, noch mit ihm reden. Spontan drücke ich den grünen Hörer. Kain bleibt stehen und sieht mir etwas beleidigt entgegen.
„Robin, mein liebster Lakritzstängel..." Hölle. Eine theatralische Pause und ich bete, dass niemand ihre Begrüßung für mich gehört hat. Ihr unerschöpflicher Vorrat an süßen Spitznamen macht mich fertig.
„Was ist 1,64 m groß, perfekt gestylt und verliert langsam die Geduld mit dir?"
„Brigitta...", setze ich seufzend an. Doch meine schrille Lektorin unterbricht mich. Mit mir kann man es machen, denke ich, nachdem ich akkurat in ihre Falle getappt bin. Auch Brigitta quatscht mir Fusseln an den Mund. Mein Blick richtet sich noch immer auf den Schwarzhaarigen, der mich keck mit dem Finger an sich heranwinkt. Ich hebe meine Augenbraue um ihm verdeutlichen, dass ich garantiert nicht hüpfe, wenn er es will. Vielleicht sollte Kain und Brigitta mal zusammensetzen. Sicher ein Spektakel und erspart mir die Fusselrollen.
„Toll, du weißt tatsächlich noch, wer ich bin! Wenn du dich jetzt noch daran erinnerst, wie man Worte zeitnahe in ein Telefon tippt, schmeiße ich ne Party."
„Entschuldige, aber ich habe nicht die Zeit, um dir jedes Mal das brave Autorenhündchen zu mimen. Ich bin ein schwer beschäftigter Mann...", erläutere ich ungerührt und sehe zu Kain, der in einiger Entfernung stehengeblieben ist.
„Einmal würde mir schon reichen, Sahnehase. Dann müsste ich nicht immer den Autorenschreck spielen." Augenblicklich stelle ich mir vor, wie sie mit einem riesigen Käscher durch die Straße fährt und uns entlaufenden Autoren einfängt. An sich keine schlimme Fantasie, aber leider trägt sie bei mir jedes Mal ein Dominakostüm. Verstörend. Überaus verstörend.
„Ich habe dir zwei Beispiele für das Cover geschickt, aber da du dich nicht gemeldet hast, habe ich es für dich entschieden. Du wirst es lieben..." Oh oh. Schon an ihrer Stimme vernehme ich, dass es das besonders schnulzige Motiv geworden ist. Die Strafe für meine Ignoranz. Ich habe es nicht anderes verdient. Für gewöhnlich bekomme ich einen relativ schlichten Vorschlag und einen mit einem typischen Nackenbeißermotiv. Ich glaube, ich muss nichts weiter zu meiner Auswahlkriterien sagen. Meine Zahnschmerzen werden schlimmer. Ich seufze und nehme mir vor, doch sorgsamer mit ihrer Anrufen umzugehen.
Abel hat sich mittlerweile zu Kain gesellt. Brigitta redet unbeirrt weiter, weil sie nicht weiß, wie abgelenkt ich bin. Ich beobachte die beiden vollkommen unterschiedlichen Männer. Sie tauschen irgendwas miteinander aus, doch ich kann nicht erkennen, was es ist. Kain wirft mir, bevor er geht eine Ich-hab-dich-im-Blick-Geste zu. Ich strecke ihm meinen Mittelfinger entgegen und seufze.
„...ist das okay, für dich?" Erst diese Frage holt mich zurück.
„Ja. Du, ich muss dringend mein Referat fertig bekommen. Ich schicke dir heute Abend den Vorentwurf für die Romanidee, von der wir das letzte Mal gesprochen haben..." Brigitta quietscht.
„Dank dir bekomme ich nicht nur Diabetes sondern auch noch einen Tinitus. Vielen Dank auch", merke ich an, als ich mir das Telefon wieder an das Ohr halten kann.
„Entschuldige. Ich bin nur so aufgeregt." Wenigstens eine ist es. Wir verabschieden uns und ich trabe in die Bibliothek zurück.
Eine halbe Stunde lang, starre ich auf meine Notizen. Die Unterbrechung hat mir nicht wirklich geholfen. Ich werde, wenn ich vor der versammelten Mannschaft stehe, garantiert anfangen Rumzustottern und damit total durcheinander kommen. Warum ich jedes Mal derartig aus dem Konzept gerate, ist mir ein Rätsel. Schon in der Schule lagen mir die Vorträge und Referate nicht. Ich reibe mir mit beiden Händen über die Wangen und seufze theatralisch. Fast so gut, wie Jeff. Aber nur fast.

"Hier versteckst du dich,...", ertönt eine vertraute Stimme. Ich sehe auf. Anscheinend muss ich mir beim nächsten Mal noch eine tiefere, verwinkeltere Ecke in der Bibliothek suchen. Kain lässt sich neben mir auf den Tisch nieder und setzt sich dabei direkt auf ein paar meiner Mitschriften.
Ohne eine Erwiderung von mir zugeben, ziehe ich an den Blätter und entferne sie vom Hinterteil des anderen Mannes. Cuxhaven. China. Cruzio, setze ich spontan meine Flucherei fort. Kain beobachtet mich beim Murmeln und ich kann sehen, wie sich einer der Bonbons in seinem Mund bewegt. Nur der Gedanke an das Aroma lässt etwas in mir erbeben. Bitte, erschießt mich. Ich zerre noch fester an den Papieren. Ich kriege ein paar der Blätter nicht unter Kains Hintern hervorgezogen, ohne sie zu zerreißen. Nun reagiere ich doch.
„Kann ich was für dich tun?", frage ich übertrieben freundlich und ringe mir eine lächelnähnliche Mimik ab.
„Ficken?", fragt er gerade heraus. Ich schaffe es nur mit Mühe und Not, dass meine Gesichtszüge nicht entgleisen.


Glossar:

Emesis: Erbrechen
Hygroskopie: Ist in der Chemie und der Physik die Eigenschaft Feuchtigkeit aus der Umgebung zu binden. (zB. Bonbons verkleben mit der Zeit mit dem Papier)
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