Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
19.02.2015
27.05.2018
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Dieses Kapitel
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Between the Lines - The wonderful world of words

Kapitel 1 Keine Ruhe vor dem Sturm

Das energische Klopfen an der Tür ist selbst durch meine Kopfhörer zur hören. Dumpf, aber so gleichmäßig, dass es mir nach wenigen Minuten auf die Nerven geht. Ich atme tief ein. Mein Mitbewohner übernachtet auswärts und für einen Augenblick wähnte ich mir einen ruhigen Abend ganz mit mir allein. Ich habe mich getäuscht.
„Mach auf!“, kommt es von der anderen Seite der Tür, gefolgt von weiterem, mittlerweile heftigem Klopfen. Ich schließe meine Augen in der wahnwitzigen Vorstellung, dass die Geräusche damit weniger werden. Aussichtslos.
„Robin, ich weiß, dass du da drin bist.“ Nun drehe ich mich doch um und blicke zur geschlossenen Tür. Bevor er ein weiteres Mal zu hämmern beginnen kann, drücke ich die Kopfhörer von meinen Ohren und mache die Tür auf. Ich sehe direkt in verärgerte, braune Augen. Kain. Ein Kommilitone aus dem 6. Semester, der mit mir einige Vorlesungen besucht. Seine sonst gut frisierten, schwarzen Haare stehen wild um seinen Kopf herum.
„Was?“, frage ich genervt, lasse meinen Blick absichtlich offen über den anderen Mann wandern und sehe verwundert auf das Kissen in seiner Hand. Ich deute darauf und sehe dann wieder in sein grimmiges Gesicht.
“Kissenschlacht verloren?“, frage ich.
„Dein Mitbewohner fickt meinen!“, sagt er in einem Tonfall, an dem ich nicht gleich erkennen kann, ob es ein übler Scherz ist oder Ernst. Was, schallt es ungläubig durch meinen Kopf. Ich stocke und sehe in die funkelnden Augen des anderen Mannes. Er meint es ernst. Für einen Moment weiß ich nicht, was ich ihm entgegnen soll. Er muss übertreiben.
„Ja, und?“, frage ich erstaunlich ruhig, nachdem keine genauere Erklärung folgt. Noch immer dringt die Musik aus meinen Kopfhörern. Auch Kain hört sie. Zero 7 mit ´In The Waiting Line´. Der chillige Song passt in keiner Weise zur aufgebrachten Stimmung.
„Er ist doch dein Freund, oder?“ Kain redet von Jeff. Kumpel. Kommilitone und Kindheitsfreund. Ich bin mit Jeff zur Schule gegangen und dann haben wir uns an derselben Universität beworben. Ich studiere Biochemie im 4. Semester und habe außer Jeff keine Menschenseele, mit der ich über persönliche Dinge rede. Reden ist nicht meine Stärke. Das wir ein gemeinsames Zimmer bekamen und Mitbewohner wurden, war reiner Zufall. Ich finde es gut. Ihm gegenüber muss ich mich wenigstens nicht verstellen, denn er weiß, dass ich im Grunde ein eigenbrötlerischrer Einsiedler bin, der einfach nur seine Ruhe will.
„Ja, und?“, frage ich erneut weltmeisterlich ruhig. Nicht, dass ich es bereits gewusst habe. Im Gegenteil, es überrascht mich derartig, dass ich große Mühe habe, mich zusammenzureißen. Jeffs Neigung ist mir trotz der langen Zeit, die wir uns kennen, nie aufgefallen. Seltsam. Ich verstehe nicht, warum Kain mir das erzählt und was er damit bezweckt. Was sollte ich dagegen tun?  Die Musik aus meinem Kopfhörer ändert sich. Magic! mit Rude.
„Rede mit ihm, das muss aufhören.“ Mein Blick wird verstört. Das ist nicht sein Ernst? Kain schiebt mit seiner großen Hand die Tür auf. Bevor er unser Zimmer betrete kann, stelle ich mich ihm in den Weg.
„Was wird das?“, frage ich knurrend.
„Ich bleibe hier.“ Er beugt sich zu mir. Kain ist größer und um einiges breiter. Wahrscheinlich, weil er seine Freizeit damit verbringt, irgendwelche Gewichte sinnlos in die Luft zu heben. Er mustert mich unverhohlen und macht eindeutig klar, dass ich kein Hindernis bin. Das weiß ich selbst.
„Nein“, sage ich knapp und er sieht mich an. Nun wandert eine seiner Augenbraue nach oben.
„So lange dein Mitbewohner meinen gerade genüsslich von hinten nimmt, bleibe ich hier!“ Das Bild malt sich in meinem Kopf. Ich schüttele es davon. Daran will ich nicht denken.
„Nein.“
„Robin, ich mache keinen Spaß. Ich bin sogar ziemlich angefressen, weil ich mir die Szenerie mit ansehen musste und jetzt will ich einfach nur pennen. Ich will meine Ruhe.“ Unwillkürlich bildet sich erneut die Szenerie in meinem Kopf. Das Spiel von angespannten Muskeln, die durch den Schweißfilm der Lust nur noch deutlicher hervortreten. Ich wische es fort. Dass ich mir auch immer alles gleich vorstellen muss. Ich zucke, gebe eine knirschendes Geräusch von mir und Kain sieht mich verwundert an.
„Ich will auch einfach nur meine Ruhe und die habe ich nicht, wenn du dieses Zimmer betrittst. Außerdem ist es dein Problem, wenn dich das stört. Geh zu deiner Freundin oder zu einem Kumpel, aber lass mich in Frieden.“
„Nein“, kommt es nun retour von ihm. Kain streckt seinen Zeigefinger nach mir aus und tippt mir sachte gegen die Brust. Er trifft genau die verknöcherte Mitte zwischen meinen beiden Brustmuskeln.
„Ich werde es nämlich zu deinem Problem machen. Du redest mit ihm und treibst ihm das aus, weil wenn das öfter passieren wird, dann ziehe ich nämlich bei dir ein.“
„Du spinnst, ja. Das geht überhaupt nicht und wieso glaubst du, dass ich ihm das ausreden kann? Dein Mitbewohner scheint es doch genauso zu wollen, also warum redest du nicht mit ihm.“ Ich schubse seinen Finger davon. Ich weiß nicht, wer sein Mitbewohner ist und es ist mir im Grunde auch egal. Sein Problem, nicht meins.
„Weil ich meinen Mitbewohner nicht Freund schimpfe, sondern nur böses Übel.“ Zwei Mädels kommen an uns vorbei. Gertenschlank und aufgehübscht. Eine blond, die andere brünett. Ich sehe, wie sie uns mustern. Ich kenne sie nicht, aber anscheinend kennen sie Kain. Sie tuscheln. Kain reagiert nicht. Noch immer hat er sein Kissen in der Hand. Die Mädels bleiben stehen und reden aneinander gebeugt. Ich stelle mir vor, was sie sagen, wie sie es sagen. Ein Flüstern, welches warm über den Hals der Brünetten streicht, während die Blonde vor Verzückung Gänsehaut bekommt.  Kain sieht mir dabei zu, wie ich zu den zwei jungen Frauen sehe. Er hebt eine Braue und mustert sie. Ein kleines Winken der Blonden. Nichts Ungewöhnliches für Kain, das sagt mir sein Blick. Wahrscheinlich glaubt er, ich bin beim Anblick der Frauen vor Erfurcht und Scham erstarrt. Dass sich die Szene in meinem Kopf ausformuliert und in eine Geschichte verstrickt, das weiß er nicht. Kain tippt mir gegen die Stirn. Erneut fällt mir das Kissen auf, welches er im Arm hält.
„Robin. Darf ich nun rein, oder nicht?“ Aus meinem Kopfhörern erklingt Stroke 9 mit `Just can´t wait`.
„Nein. Du...Wie kommst du eigentlich an dein Kissen, wenn du die beiden erwischt hast?“, frage ich irritiert und sehe auf das weiße Ungetüm.
„Ich bin rein und hab es mir geholt“, sagt er lapidar und ich bin für einen Moment so überrascht, dass er es schafft, sich an mir vorbei zu schieben. Jetzt bekomme ich ihn garantiert nicht mehr raus.
„Obwohl sie da drin gerade bei der Sache waren?“
„Jup!“, kommentiert er und macht einen weiteren Schritt in das Zimmer. Ich sehe ihm fassungslos dabei zu. In meinem Kopf formt sich ein weiteres Bild. Wie schamlos kann man sein?
„Hey, geh wieder raus, los!“, versuche ich es, doch der Angesprochene sieht sich im Zimmer um. Er schaut zu meinem und dann zu Jeffs Bett. Das Kissen fliegt im hohen Bogen auf meins.
„Nö. Ich nehme deins.“ Woher weiß er, dass es mein Bett ist?
„Wie bitte? Nimm dein Schweißfang da weg.“ Ich schließe die Tür, damit von unseren Streitereien nicht noch mehr in den Flur dringt. Es bildete sich bereits jetzt ein kleiner schaulustiger Pulk. Die Tür fällt ins Schloss. Damit ist endgültig besiegelt, dass er die Nacht hier bleiben wird.
„Ich will nicht in Jeffs Bett. Wer weiß, was er da schon alles drin getrieben hat“ Er schüttelt sich übertrieben und legt sich dann nieder. Ich blicke zu dem unordentlichen Haufen Bettzeug des anderen Bettes. Das darf doch nicht wahr sein.
„Weißt du, was ich in meinem alles getrieben habe?“, frage ich reizend, doch Kain drückt tatsächlich seine Nase in mein Kissen, schließt die Augen und grinst.
„Riecht jungfräulich.“ So ein Idiot. Ich bleibe einen Moment im Raum stehen, höre die Musik, die leise aus meinen Kopfhörern dringt.
„Geht’s noch? Kain, hau ab. Was soll das?“ Langsam regt es mich richtig auf. Warum ausgerechnet mein Bett?
„Ich will doch nur pennen. Ich tue dir doch nichts!“, sagt er mit geschlossenen Augen und macht keine Anstalten, sich zu erheben. Im Gegenteil, er quetscht sich sein Kissen in Form und seufzt zufrieden.
„Ich muss noch arbeiten“, kommentiere ich wenig inhaltlich.
„Mach doch. Ich lasse mich von ein bisschen Getippe nicht stören.“
„Ich will in Ruhe allein arbeiten“, verdeutliche ich, doch Kain setzt sich nur auf und grinst.
„Machst du irgendwas Verdorbenes, Verbotenes oder Abartiges?“
„Was? Nein!“, entfährt es mir, fast peinlich berührt.
„Warum regst du dich dann so auf? Ich will wirklich nur pennen. Mich interessiert weder, was du an deinem Rechner machst, noch was du versteckst. Also, setzt dich einfach und mach mit dem weiter, was auch immer du machst.“ Er vollführt eine seltsame Handbewegung und sinkt zurück in sein Kissen.
„Ich will einfach nicht, dass du hier bist“, sage ich definitiv, ernte von Kain nur einen seltsamen Blick. Dann dreht er sich demonstrativ auf die Seite. Ich blicke auf seinen breiten Rücken und bin noch immer nicht damit einverstanden, dass er einfach in meinem Bett liegt. Ich fühle mich bedrängt, auch wenn er gar nichts macht. Allein seine plötzliche Anwesenheit beunruhigt mich. Ich bin kein Menschenfreund.
“Ich rufe gleich den Aufseher!“, drohe ich seltsam inhaltslos.
“Dann stecke ich ihm, dass dein Mitbewohner Sex hat und das obwohl es hier drin verboten ist“, murmelt Kain müde. Mist. Daran habe ich nicht gedacht. Seltsamerweise nehmen die Aufseher das wirklich ernst, was aber hauptsächlich daran liegt, dass es ein gemischtes Wohnheim ist. Ich würde Jeff nicht verraten. Ich brauche eine ganze Weile, um mich zurück an meinen Schreibtisch zusetzen. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich seine schlafende Gestalt. Ich brauche dringend mehr Durchsetzungsvermögen. Ich setze mir die Kopfhörer auf und stelle die Musik wieder lauter. Die Musik beruhigt mich, aber dennoch bin ich unkonzentriert. Jeff. Ich werde mit ihm reden. Schließlich ist er Schuld daran, dass ich mich mit diesem Idioten rumplagen muss. Erneut sehe ich auf den ruhigen und regungslosen Körper des anderen Mannes. Nach ein paar Minuten starren, wende ich mich meinen PC zu. Mein Finger streicht über die Leertaste. Ich beginne wieder zu tippen und nach den ersten paar Worten tauche ich wieder in meine stille Welt der Worte ein.

In meinem Kopf bilden sich Orte und Landschaften. Gesichter, Körper und Charaktere, die mit jedem Gedanken inhaltlicher und vollendeter werden. Das, was ich im wahren Leben nicht kann, bringe ich auf Papier. Dialoge und Situationen, in denen ich selbst wohl immer versagen würde, perlen in Form von geschriebenem Worten nur so über meine Lippen. Bereits in der Schule habe ich damit begonnen, die Fantasien, die sich in meinem Kopf manifestierten, niederzuschreiben. Seit 5 Jahren veröffentliche ich Romane in einem kleinen Verlag, der auf Jugend- und Kinderliteratur spezialisiert sind. Konventionelle und klischeehafte Liebesgeschichten und Abenteuer. Ich habe nie jemanden davon erzählt. Nicht einmal meinen Eltern.
Nach nur wenigen Zeilen stoppe ich mit dem Schreiben und lehne mich zurück. Jeff ist schwul. Ich starre auf die Tasten meiner bereits stark abgeriebenen Tastatur. Einige der Buchstaben sind kaum noch zuerkennen, doch das stört mich nicht. Ich kann nach all der Zeit blind tippen. Meine Fingerkuppe streicht über die Leertaste, fast streichelnd. Fast zärtlich. Die eigentlich raue Beschaffenheit der Oberfläche ist in der Mitte der Taste glatt. Allein der Anblick der Buchstaben lässt in meinem Kopf Worte entstehen, die zu Sätzen und Geschichten anschwellen. Jeff ist schwul, wiederholt sich ein weiteres Mal in meinem Kopf. Ich habe tatsächlich nichts davon mitbekommen. Warum hat er mir nie etwas gesagt? Vertraut er mir nicht? Jeff ist im Grunde der Einzige, den ich als Freund ansehe. Wahrscheinlich bin ich für ihn nur ein Bekannter, der keine Probleme macht, weil ich selbst nie viele Fragen stelle. Ich höre mir an, was er mir zusagen hat oder was er mir berichten will, aber selbst fragen liegt mir fern. Ich bin nicht der Typ für lauschige Männergespräche. Vielleicht hat er mir deshalb nichts erzählt. Er empfindet es nicht als wichtig, dass ich das weiß. Es bedrückt mich, auch wenn ich selbst daran schuld bin, dass ich für niemanden eine wichtige Ansprechperson bin. Dass mich Kain die ganze Zeit von der Seite beobachtet, bekomme ich nicht mit.
In Gedanken versunken bleibe ich sitzen, starre auf die Zeilen meines begonnen Skripts. Ich brauche nur noch drei abschließende Kapitel und wie jedes Mal muss ich mir ein überraschendes, rosarotes Happy End herauskitzeln. Es ist das, was diese Geschichten brauchen. So sagte man es mir. Ich gebe es ihnen. Mein Abgabetermin ist in zwei Wochen. Dennoch öffne ich ein neues Dokument.
Jeff schläft mit anderen Männern. Unwillkürlich schweifen meine Gedanken zu der weniger lautmalerischen Beschreibung von Kain, doch in meinem Kopf wird die Szenerie detaillierter. Es schreibt sich schnell von der Hand. Wort für Wort. Szene für Szene. Für mich fühlt es sich an, als könnte ich die warme Haut unter meinen eigenen Fingern spüren. Wie sich die Muskeln darunter bewegen, wie sich die Haut bei Erregung leicht hebt. Feine Härchen, die über meine Fingerkuppen streichen und sie sanft kitzeln. Die Bewegungen und die Berührungen. Warmer Atem, der meine Haut trifft. Die Vorstellung lässt mich leicht erschaudern. Ich habe das Gefühl, die erregten Stimmen in meinem Kopf zu hören, wie sie sich ihre Namen zu flüstern. Das Raunen und Keuchen. Ich merke die Lust, wie sie sich auf meinen Körper überträgt. Das salzige Aroma heißer Körper auf meiner Zunge. Die maskuline Süße herber Lippen. Woher kommen mit einem Mal diese Gedanken und Bilder? Beim letzten Wort lehne ich mich zurück. Mein Puls geht nach oben. Ich spüre, wie mein Herz heftig in meinem Brustkorb schlägt. Meine Hand zittert verräterisch. Woher kommen nur diese Gedanken? Ich bin in keiner Weise weltfremd, aber das erschreckt mich. Ich sehe zu Kain. Er rührt sich nicht, doch mittlerweile hat er sich zu gedeckt. Erst jetzt merke ich die Kühle im Raum. Nachdem ich meine Dateien gespeichert habe, stelle ich die Heizung an. Ich sehe auf Jeffs Bett und obwohl ich mir früher nie darüber Gedanken gemacht habe, widerstrebt es mir, mich dort hineinzulegen. Es gehört sich nicht. Auch, wenn ich weiß, dass Jeff es nicht als Problem ansehen wird. Noch nie habe ich in einem fremden Bett geschlafen. Es kommt mir falsch vor. Außerdem liegt er oft nackt drin und dieser Fakt arbeitet sich gerade durch meine Gehirnwindungen. Nein, ich kann es nicht.
Ein Blick auf die Uhr und ich gehe in die Waschräume, um mich kurz zu duschen. Das brauche ich jetzt. Dringend.
Als ich zurückkomme, schläft Kain noch immer. Warum auch nicht? Schließlich ist es mitten in der Nacht. Unsanft ziehe ich ihm mein Kissen unter dem Kopf hervor, ignoriere sein missmutiges Murren.
“Alter, geht's auch sanfter?“, murmelt er schlaftrunken.
“Verrecke doch“, knurre ich ihm entgegen. Der Angesprochene dreht sich auf die Seite, hält kurz seinem Arm hoch und zeigt mir seinen Mittelfinger. Ich sehe ihn nur schemenhaft. Missmutig krame ich mir eine Decke aus dem Schrank, breite sie als ein Nachtlager auf dem Boden aus und blicke noch einmal auf das Bett meines Mitbewohners. Dann zu Kain. Unruhig fahre ich mir mit der Hand über den flachen Bauch. Kains Anwesenheit macht mich nervöser, als ich geglaubt habe. Ich gehe zu meinem Schreibtisch zurück und krame eine Schachtel Zigaretten aus einer Schublade. Drei sind noch drin. Eine nehme ich heraus, ziehe mir einen Pullover über und verschwinde kurz vor das Wohnhaus. Ich genieße sie nicht, aber brauche das Kribbeln, welches sie durch meine Lunge jagt. Den Stummel schmeiße ich unachtsam weg. Das Räuspern des Aufsehers ignoriere ich, bis er mich zurückhält.
“Quinn, lass es mich nicht aussprechen...“ Ich wende mich zu ihm. Sein Name ist Michael. Er ist einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität. Er deutet auf den glimmenden Stummel und ich atme kurz tief ein. Jedes Mal das selbe. Micha erwischt immer mich. Augenverdrehend gehe ich zurück und lasse die Reste der Zigarette im mülleigenen Aschenbecher verschwinden.
“Das machst du jedes Mal. Fällt es dir so schwer, die dämliche Zigarette da rein zu hauen?“, kommt es spöttisch und mahnend.
“Fällt es dir schwer, derartig zu nerven?“, kommentiere ich Retour.
“Nein, eigentlich nicht. Es macht sogar ziemlichen Spaß!“ Micha grinst und deutet zur Tür. Ich mache zum Abschied eine winkende Bewegung und verschwinde zurück ins Zimmer. Kain hat sich gedreht. Sein ruhiges, schlafendes Gesicht blickt in meine Richtung.
Ich widerstehe dem Bedürfnis, ihm mein Kissen ins Gesicht zu werfen. Wie kann er so ruhig in einem fremden Bett pennen? Es regt mich immer noch auf. Bevor ich mich hinlege, schalte ich den Rechner ab und sehe noch einen Moment auf den schwarzen Bildschirm. In meinem Kopf arbeitet es derartig, dass ich nicht einschlafen kann.

Ich werde durch das Öffnen der Tür geweckt. Jeff steht im Raum und blickt verwundert auf mich und dann zu Kain, der leise schnarchend in meinem Bett liegt.
„Was ist denn hier los?“, fragt Jeff verwundert und stellt seinen Rucksack zur Seite. Ich richte mich müde auf. Mein Rücken ist steif und mein Hals auch.
„Du fickst seinen Mitbewohner“, sage ich gerade heraus. Jeff versteift sich augenblicklich. Es ist ihm unangenehm, aber er wird nicht wirklich unruhig.
„Was? Woher weißt du das?“, fragt er stattdessen und ich deute auf mein Bett. Jeff blickt zu Kain, der sich erwachend hin und her wälzt. Wahrscheinlich hat er ihn zuerst gar nicht als diesen erkannt.
„Er ist hier aufgetaucht, nachdem er euch erwischt hat und leider nicht wieder verschwunden“, versuche ich zu erklären, während sich Jeff perplex neben mir aufs Bett setzt. Mittlerweile ist auch Kain wach.
„Warum pennst du auf dem Boden, Robin?“, kommt es leise gemurmelt von Kain, der sich durch die wuscheligen Haare fährt und dann zu meinem Mitbewohner schaut. Völlige Unschuld.
„Weil du in meinem Bett liegst, du Vollpfeife.“ Diesmal schleudere ich ihm mein Kissen zu und treffe ihn direkt im Gesicht. Kain ist perplex.
„Geht`s noch? Du hättest doch in Jeffs gehen können“, bemerkt er aufgebracht und hat Recht.
„Ich lege mich aber nicht in fremde Betten“, kommentiere ich und ernte von beiden Männern einen seltsamen Blick. Kain richtet sich auf, legt mein Kissen zur Seite und greift nach seinem eigenen.
“Kann dir niemand helfen. Ich hau dann mal ab…Jeff…“ Scharf. Danach sieht er zu mir.
„Robin, sehr bequemes Bett. Nicht so ausgeleiert wie manch andere.“ Ein verschmitztes Grinsen. Ich will ihn erwürgen.
“Bläue ihm ein, dass das aufhören muss.“ Er deutet kurz mit dem Finger auf Jeff, dann auf mich und geht zur Tür. Ich hebe fassungslos meine Hände und sehe, wie der muskulöse, aber schlanke Körper aus dem Zimmer verschwindet.
„Wehe, du kommst wieder“, rufe ich ihm nach und sehe zu Jeff. Dieser schaut noch immer verwundert, aber im gleichen Maß amüsiert zur Tür. Ich finde es ganz und gar nicht witzig.
„Shit, ich wusste nicht, dass du ihn kennst. Tut mir Leid, ich hätte im Leben nicht gedacht, dass er hier herkommt.“ Es klingt entschuldigend, aber ich sehe Jeff verärgert an. Ich richte mich auf. Mein Nacken knackt. Es schmerzt.
„Ich wollte ihn gar nicht reinlassen, aber er hat das halbe Wohnheim niedergebrüllt.“ Ich lasse mich müde auf mein Bett nieder, doch bevor ich mich hinlege, blicke ich auf die Decke. Kain hat hier drin gelegen. Ich stehe prompt wieder auf und setze mich an meinen Schreibtisch. Jeff beobachtet mich argwöhnisch, sagt aber nichts. Wir schweigen uns einen Moment an. Jeff ist schwul, ertönt es in meinen Kopf und ich sehe zu ihm, wie er sich gerade aufs Bett fallen lässt.
„Warum hast du es mir nicht erzählt?“, frage ich nun und klinge seltsam beleidigt.
„Robin, ich…“ Jeff bricht ab und setzt sich wieder auf.
„Wir kennen uns schon so lange und du hast mir nicht erzählt, dass du auf Männer stehst. Warum?“ Ich werde nun deutlicher und sehe dabei zu, wie Jeff seufzt.
„Robin, es tut mir Leid. Ich weiß auch nicht, ich bin ehrlich gesagt nie auf die Idee gekommen, es dir zu erzählen. Wir reden nie über so was.“ Jeff hat Recht.
„Ich dachte es wäre dir egal“, fährt er fort. Das macht es nicht besser. Es ist mir nicht egal, aber ich habe fast damit gerechnet, dass er das sagen wird. Ich atme kurz durch und nicke.
„Ja, alles klar. Gut, es ist mir egal. Schlaf mit wem du willst.“ Ich gehe zu meinem Kleiderschrank und ziehe mir frische Klamotten heraus. Jeff seufzt. Für meinen Geschmack zu theatralisch. Er nimmt es nicht ernst.
„Robin. Ach komm, es tut mir Leid“, ruft er mir nach, als ich das Zimmer verlasse. Ich hebe meine Hand und strecke ihm meinen Mittelfinger entgegen, so wie es gestern Nacht Kain getan hat. Meine Reaktion ist übertrieben, aber es ärgert mich. Auf dem Flur kommen mir die beiden Mädchen vom gestrigen Abend entgegen. Sie sehen mich an und beginnen erneut zu tuscheln. Wie die Szene von gestern wohl auf sie gewirkt hat? Wahrscheinlich fragen sie sich nur, was einer wie ich mit Kain zu schaffen hat. Nichts.
„Macht ihr auch mal was sinnvolles?“, frage ich beim vorübergehen, ernte pikierte Gesichter und verschwinde im Gemeinschaftsbad.

Ohne noch einmal ins Zimmer zurückzugehen, wandere ich zu meiner ersten Vorlesung. Auch Kain besucht sie. Er studiert Biotechnologie und einige unserer Seminare und Vorlesungen überschneiden sich. Nur daher kenne ich ihn überhaupt. Im letzten Semester hatten wir einige Projekte zusammen. In Einigen waren wir in der selben Gruppe. Wir sind völlig verschiedene Charaktere. Unruhig tippe ich mit dem Finger auf dem Tisch umher. Ich brauche dringend neue Zigaretten. In meinem Hals beginnt es zu kribbeln. Der Seminarraum füllt sich. Ich leihe mir von einer Kommilitonin einen Stift und Papier, als ich plötzlich eine Hand an meiner Schulter spüre. Ich wende mich um und sehe direkt in Kains braune Augen. In seiner Hand hält er einen großen Kaffee. Ich rieche das Aroma gerösteter Bohnen. Jetzt will ich nur noch mehr eine Zigarette.
„Und hast du schon mit ihm geredet?“ Er setzt sich neben mich.
„Du nervst.“
„Hast du?“
„Kain, du nervst. Rede doch mit deinem Mitbewohner. Schließlich bringt er andere Männer mit in euer Zimmer.“ Mein Ausruf ist etwas zu laut, denn einige Kommilitonen sehen zu uns.
“Nee, der lag heute morgen noch nackt im Bett, da hatte ich einfach keine Lust, ihn auf Sex mit anderen Männern anzusprechen, falls du verstehst.“ Kain schüttelt sich angeekelt. Ich hebe meine Augenbraue. Wie echt ist diese Ablehnung wirklich?
“Dabei wäre es doch die Gelegenheit gewesen!“, kommentiere ich sarkastisch und beginne ausweichend auf meinen Zettel rumzukritzeln. Kains starrender Blick bohrt sich in meine Seite. Dadurch schweifen meine Gedanken nur noch mehr ab. Unbewusst kritzele ich immer weiter. Dass es Worte, gar Sätze sind, merke ich erst, als unsere Professorin den Raum betritt und das Licht angeht. Die Beschreibung eines beobachtenden Mannes. Schnell drehe ich das Blatt um und weiß nicht, ob Kain gesehen hat, was ich geschrieben habe. Mein Herz macht einen Satz und schlägt dann heftiger als vorher weiter. Ich spüre seinen Blick und ignoriere ihn. Nach einer Weile richtet er sich auf und verschwindet wieder zu seinen Platz. Unbewusst atme ich aus. Ich verstehe nicht, warum ihm das so wichtig ist. Wenn es ihn stört, dass sein Mitbewohner und Jeff miteinander zu tun haben, muss er sich allein darum kümmern. Mir ist es schließlich egal, äfft es Jeff in meinen Kopf nach. Ich seufze. Die beringte Hand, die in meinem Blickfeld auftaucht, lässt mich auf sehen. Meine Professorin steht vor mir. Sie lächelt.
“Mister Quinn, darf ich sie am Ende des Seminars kurz sprechen?“ Meine Antwort ist eine ungelenke Reaktion meines Körpers bestehend aus dämlichen Gesichtsausdruck, nicken und gleichzeitigem Zucken meiner Schultern. Sie lächelt weiter und geht dann wieder nach vorn.
Nach der Stunde bittet sie mich, ein Übungsseminar zu unterstützen, welches sie für die Erstsemester betreffender Studiengänge organisieren will. Ich verstehe nicht, warum sie gerade mich anspricht. Ich nenne ihr drei Kommilitonen, die besser dafür geeignet sind. Sie wiegelt es ab. Ich erkläre ihr mein enges Zeitmanagement. Sie beteuert, dass sie mich nicht damit allein lässt. Ich verweise auf meine fehlenden Kompetenzen in etlichen Bereichen. Sie versichert mir, dass es auch für meine akademischen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Vorteil sein wird. Kurz, meine mündliche Note ist mies. Ich will ihr sagen, dass ich der völlig Falsche dafür bin. Sie lächelt. Darauf kann ich ihr nichts erwidern. Reelle Dialoge waren noch nie meine Stärke.
Jeden Freitag. Ich soll es wenigstens probieren. Ich sehe ihr nach. Was für ein Scheißtag.

In der Mensa setzt Kain seine Attacke fort. Mit einem Mal sitzt er neben mir. Auf seinem Tablett ein Teller mit einem riesigen Berg Spaghetti. Mir wird schon beim Hinsehen schlecht.
„Was?“, frage ich genervt. Er schweigt und beginnt, seine Nudeln zu essen. Dabei sieht er mich immer wieder an. Ich widerstehe dem Drang, einfach auf zu stehen und zu gehen. Irgendwann schiebe ich aber missmutig meine Kartoffeln umher.
„Bist du von dem Bisschen wirklich satt?“, fragt er mich, nachdem ich die Kartoffel in 8 gleichmäßige Stücke zerteilt habe. Er lehnt sich zurück.
„Mir ist der Appetit vergangen“, kommentiere ich bissig. Daran ist nicht nur er Schuld. Kain sieht mich tatsächlich beleidigt an. Ich verspüre Genugtuung, schließlich habe ich wegen ihm die Nacht auf dem Boden geschlafen. Die Tatsache, dass es im Grunde meine eigene Schuld war, verdränge ich gekonnt.
„Wie habt ihr es überhaupt hingekriegt ein gemeinsames Zimmer zu bekommen?“
„Was?“, frage ich aus den Gedanken gerissen.
„Du und Jeff. Ihr kennt euch doch von früher, oder?“ Er lehnt sich wieder nach vorn und verschränkt seine Arme auf dem Tisch. Mir fällt auf, dass der Reißverschluss seiner Strickjacke diagonal über seine gesamte Brust verläuft. Interessant.
„Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen.“ Ich streiche mir die Haare zurück und sehe auf das zerteilte Gemüse auf meinem Teller.
„Und wie habt ihr das mit dem gemeinsamem Zimmer hinbekommen?“ Anscheinend vermutete er ein schwerwiegendes Komplott. Ich sehe den großen Kerl zweifelnd an.
„Zufall.“
„Kann ich mir nicht vorstellen. Mein bester Freund ist auch an dieser Uni und wir haben sogar darum gebettelt und nix. Jetzt hocke ich bei Abel.“ Ich sehe auf. Abel? Für einen Moment glaube ich, mich verhört zu haben.
„Sag das noch mal“, sage ich amüsiert und kann mir ein feines Lachen nicht verkneifen.
„Ja, ja. Mach dich nur lustig, aber es ist wirklich so.“
„Kain und Abel? So wie im Alten Testament? Da hatte aber einer viel Humor.“
„Ja, aber ich hüte keine Schafe. Die von der Wohnheimvermittlung betreuen eigentlich einen Zirkus und sie spielen die Clowns.“
„Bauer!“
„Was?“
„Kain war der Bauer. Abel der Hirte. Deswegen erschlug er ihn“, berichtige ich den anderen.
„Ich erschlag gleich dich“, kommentiert Kain mit genervtem Gesichtsausdruck. Dann kramt er in seiner Jacketasche nach einem Ingwerbonbon. Das erste Mal fiel mir seine Vorliebe während einer Projektarbeit auf. Fast im Viertelstundentakt hat er sich die Bonbons hinter geschoben, die andere nicht einmal bei extremer Erkältung aushielten. Scharfe Zitrone in Kombination mit Kaffee. Ich habe noch nie einen gegessen, aber so stelle ich es mir vor. Hinter Kain taucht eine junge Frau auf. Schmale Hände mit langen manikürten Fingernägeln legen sich auf seine Schulter. Kain blickt auf und eine dunkelrote Locke trifft seine Wange. Er pustet sie sofort weg, weil sie seine Haut kitzelt. Ein einzelnes Haar verfängt sich in seiner Augenbraue, streift seine Wimpern. Mein Blick haftet sich an diese Stelle ihrer Berührung. Erst Kains ruckartige Bewegung, in der er sich gänzlich zu ihr dreht, holt mich zurück.
„Merena! Ich dachte dein Seminar geht länger.“ Sie haucht ihm einen winzigen Kuss auf die Wange und blickt dabei zu mir. Ich bin ihr schon einmal während eines Projekts begegnet. Ich glaube, sie ist Kains Freundin.
„Ja, ging es auch, aber dann haben wie angefangen zu betteln, weil wir alle Hunger hatten.“ Ein Lächeln in ihrem ovalen Gesicht. Ihre roten Lippen werden schmal. Es wirkt falsch. Ihre langen Finger bewegen sich über seine Schultern, streichen zum Teil über seinen Nacken und dann zu seiner Brust. Meine Fingerkuppen beginnen zu kitzeln, als ich mir vorstelle, wie sich der Stoff seiner Strickjacke anfühlt.
„Okay, dann hol dir was, ich warte auf dich“, sagt Kain und blickt zu ihr hoch. Ich schiebe geräuschlos mein Besteck auf den Teller und stehe auf, als sie seinen Vorschlag bejaht. Beide blicken auf, doch ich greife nur nach meinen Tablett und gehe. Ich höre, wie Kain meinen Namen ruft. Ich reagiere nicht, denn ich habe keine Lust, ihrer Zweisamkeit beizuwohnen.

Als ich ins Zimmer zurückkommen, liegt Jeff auf seinem Bett. Er richtet sich sofort auf.
„Hey, können wir noch einmal reden. Bitte, Robin.“ Der Klang seiner Stimme ist seltsam. Irritiert, statt entschuldigend. Er hat nicht geglaubt, dass es mich stört, wenn er es mir nicht sagt.
„Wozu?.“ Meine Stimme hingegen ist vereisend. Jeff seufzt. Ich setze mich an den Schreibtisch und schiebe mir die Kopfhörer auf. Mein MP3-Player läuft noch nicht. Er zieht sie mir wieder runter und neigt mich samt Stuhl zurück. Ich blicke hoch und direkt in sein vertrautes Gesicht. Er beugt sich auf die Lehne und hält mich so zurückgeneigt. Ich verschränke die Arme vor der Brust, um ihm zu verdeutlichen, dass mir das nicht gefällt.
„Seit wann bist du so zickig?“, fragt er mich und ich hebe eine Augenbraue.
„Zickig?“
„Okay, sagen wir pissig.“ Ich schweige ihn an. Ich bin nicht pissig und schon gar nicht zickig. Zickig sind Mädchen. Ich bin höchstens verärgert.
„Ich musste es von Kain erfahren!“, gebe ich zu bedenken und blicke in die blauen Augen meines langjährigen Freundes. Jeff seufzt. Laut. Energisch. Für meinen Geschmack seufzt er heute zu viel. Sein warmer Atem streift meine Wange.
„Ich kann doch nicht ahnen, dass er gleich hier her reitet. Ich dachte, er verkriecht sich bei seiner Alten.“ Ich sehe ihn verärgert an.
„Es tut mir Leid, dass ich dir nichts gesagt habe, aber ich bin mir auch noch gar nicht lange darüber im Klaren.“ Ich sehe meinen Kindheitsfreund hat. Sein Gesicht ist mir so vertraut und doch habe ich einen Moment lang das Gefühl, in ein Fremdes zusehen. Wie lange hat er gebraucht, um sich sicher zu sein? Hat es ihm Probleme bereitet? Nichts, aber auch wirklich gar nichts habe ich mitbekommen.
„Stört es dich?“, flüstert er mir entgegen, nachdem er mein Gesicht eine Weile gemustert hat. Ob es mich stört? Ich weiß es nicht. Irgendwie schon. Eigentlich nicht. Nein, es stört mich nicht. Nur, dass er es mir nicht vorher anvertraut hat.
„Nein.“
„Gut. Das finde ich sehr beruhigend.“ Für einen kurzen Moment spüre ich seine Fingerkuppen, die sich leicht in meine Schulter drücken. Er lässt sich zurück auf sein Bett fallen und schließt seine Augen. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Diese Reaktion ärgert mich. Ich setze mir die Kopfhörer auf und sehe noch einen Moment auf den ruhenden Körper des anderen Mannes. Was weiß ich noch alles nicht? Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. An diesem Abend bringe ich kein Wort aufs Papier.

Nach drei Tagen beendet Kain seine nervenden, direkten Überzeugungsversuche. Ich sehe ihn nur in den Vorlesungen und in der Mensa. Ich spüre seinen Blick auf mir, wenn er glaubt, dass ich nicht hinsehe. Ich verstehe ihn noch immer nicht.
Ich denke an Jeff. 12 Jahre lang habe ich nicht bekommen, dass der Mensch, den ich am ehesten als Freund bezeichnen würde schwul ist. Nun stehe ich vor vollendeten Tatsachen und obwohl ich es nicht will, sehe ich Jeff mit anderen Augen. Nicht im ablehnenden Sinn, sondern eher im Zusammenhang mit der Intensität unserer langjährigen Bekanntschaft. Jeff verhält sich mir gegenüber nicht anders. Auch ihn verstehe ich nicht.
Im Grunde habe ich meine Ruhe wieder, aber dennoch gerate ich jedes Mal, wenn Jeff über Nacht nicht im Zimmer ist, innerlich in Aufregung. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihn ansehe, seine Bewegungen studiere und wie meine Gedanken immer wieder in eine ganze bestimmte Richtung gehen. Jeffs Körper dicht an den Körper eines anderen Mannes gepresst. Feuchte Haut, die übereinander gleitet. Erregende Reibung. In meinem Kopf hat sich einiges geändert und meine Gedanken wandern unbewusst immer wieder zu der Vorstellung zurück, einen männlichen Körper unter meinen Fingern zu spüren.
Ich weiß weder, wo es her kommt, noch weiß ich, wo ich mit diesen Gedanken hin soll. Alles ist durch diesen einen Fakt durcheinander geraten und noch ist mir nicht klar, wie ich es wieder geregelt bekomme. Ich will meine Blase der Ruhe zurück.
Aus meinen Kopfhörern dringt `It`s My Life` von Jon Bon Jovi.
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