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Between the Lines - The wonderful world of words

von DellarFar
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
19.02.2015
02.10.2020
29
263.212
233
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Dieses Kapitel
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19.02.2015 6.540
 
Between the Lines - The wonderful world of words

Kapitel 1 Keine Ruhe vor dem Sturm

Das energische Klopfen an der Tür ist selbst durch meine Kopfhörer zu hören. Dumpf, aber so gleichmäßig, dass es mir nach wenigen Minuten auf die Nerven geht. Ich atme tief ein. Mein Mitbewohner übernachtet auswärts und für einen Augenblick wähnte ich mir einen ruhigen Abend ganz mit mir allein. Ich habe mich getäuscht.
„Mach auf!", kommt es von der anderen Seite der Tür, gefolgt von weiterem, mittlerweile heftigem Klopfen. Ich schließe meine Augen mit der wahnwitzigen Vorstellung, dass die Geräusche damit weniger werden. Aussichtslos und reichlich naiv.
„Robin, ich weiß, dass du da drin bist." Nun drehe ich mich doch um und blicke zur geschlossenen Tür. Ich knurre und stehe auf. Bevor er ein weiteres Mal zu hämmern beginnen kann, drücke ich die Kopfhörer von meinen Ohren und mache die Tür auf. Ich sehe direkt in verärgerte, braune Augen. Kain. In all seiner gloriosen Erscheinung. Er ist ein Kommilitone aus dem 6. Semester, der mit mir einige Vorlesungen besucht. Seine sonst gutfrisierten, schwarzen Haare stehen wild um seinen Kopf herum und unterstreichen den Wahnsinn, den seine Aktion mit sich bringt.
„Was?", frage ich genervt, lasse meinen Blick absichtlich offen abschätzig über den anderen Mann wandern und sehe verwundert auf das Kissen in seiner Hand. Ich deute darauf und schaue dann wieder in sein grimmiges Gesicht.
"Kissenschlacht verloren?", frage ich.
„Dein Mitbewohner fickt meinen!", sagt er in einem Tonfall, an dem ich nicht gleich erkennen kann, ob es ein Scherz ist oder Ernst. Was, schallt es ungläubig durch meinen Kopf. Ich stocke und sehe in die funkelnden Augen des anderen Mannes. Er meint es ernst. Für einen Moment weiß ich nicht, was ich ihm entgegnen soll. Er muss fantasieren oder zu mindestens übertreiben.
„Ja, und?", frage ich bewusst ruhig, nachdem keine genauere Erklärung folgt. Noch immer dringt die Musik aus meinen Kopfhörern. Mit Sicherheit hört auch Kain sie. Zero 7 mit 'In The Waiting Line'. Der chillige Song passt in keiner Weise zur angespannten Stimmung.
„Er ist doch dein Freund, oder?" Kain spricht von Jeff. Kumpel, Kommilitone und Kindheitsfreund meinerseits. Ich bin mit Jeff zur Schule gegangen und wir haben uns an derselben Universität beworben. Ich studiere Biochemie im 4. Semester und habe außer Jeff keine Menschenseele, mit der ich über persönliche Dinge rede oder die ich ansatzweise einen Freund nennen könnte. Reden ist keine meiner Stärken. Dass wir ein gemeinsames Zimmer bekamen und Mitbewohner wurden, war reiner Zufall. Ich finde es okay. Ihm gegenüber muss ich mich wenigstens nicht andauernd verstellen, denn er weiß, dass ich im Grunde ein eigenbrötlerischer Einsiedler bin, der einfach nur seine Ruhe will.
„Ja, und?", frage ich erneut weltmeisterlich gelassen. Nicht, dass ich es bereits gewusst habe. Im Gegenteil, es überrascht mich derartig, dass ich große Mühe habe, mich zusammenzureißen. Jeffs Neigung ist mir trotz der langen Zeit, die wir uns kennen, nie aufgefallen. Seltsam und irgendwie auch nicht. Ich verstehe nicht, warum Kain mir das erzählt und was er damit bezweckt. Was soll ich dagegen tun? Die Musik aus meinem Kopfhörer ändert sich in Magic! mit 'Rude'.
„Rede mit ihm, denn das muss aufhören." Mein Blick wird verstört. Das ist nicht sein Ernst? Kain schiebt mit seiner großen Hand die Tür auf. Doch bevor er das Wohnheimzimmer betrete kann, stelle ich mich ihm in den Weg.
„Was wird das?", frage ich warnend, leicht knurrend.
„Ich bleibe hier.", folgt die schlichte Antwort. Er beugt sich zu mir. Kain ist um einiges größer und um  breiter als ich. Wahrscheinlich, weil er seine Freizeit damit verbringt Gewichte sinnlos in die Luft zu heben. Er mustert mich unverhohlen und macht eindeutig klar, dass ich ihm kein Hindernis bin. Das weiß ich selbst, aber meine Ruhe würde ich nun mal mit dem Leben verteidigen.
„Ganz sicher nicht", sage ich knapp und er fokussiert mich. Nun wandert eine seiner Augenbraue nach oben und ich bin mir nicht sicher, ob das ein gutes oder eher schlechtes Zeichen ist.
„So lange dein Mitbewohner meinen gerade genüsslich von hinten nimmt, bleibe ich hier!" Das Bild, welches sich in meinem Kopf malt, ist farbenfroh und detailgetreu. Ich schüttele es so schnell, wie möglich davon. Daran will ich nicht denken.
„Nein."
„Robin, ich mache keinen Spaß. Ich bin sogar ziemlich angefressen, weil ich mir diese Szenerie jetzt schon mehrere Mal mit ansehen musste. Ich will meine Ruhe, einfach nur pennen und ich werde es in einem eurer Betten tun." Unwillkürlich bildet sich erneut eine Art besprochener Film in meinem Kopf. Sie beschreibt das Spiel von angespannten Muskeln, die durch den Schweißfilm der Lust nur noch deutlicher hervortreten. Wieder wische ich es hinfort. Dass ich mir auch immer alles gleich vorstellen muss. Ich zucke, gebe ein knirschendes Geräusch von mir und Kain sieht mich fragend an.
„Na sowas, ich will auch einfach nur meine Ruhe und die habe ich nicht, wenn du dieses Zimmer betrittst. Außerdem ist es allein dein Problem, wenn dich das stört. Geh zu deiner Freundin oder zu einem Kumpel, aber lass mich in Frieden."
„Nein", kommt es nun retour von ihm. Es ist schlicht, einfach und effektiv. Kain streckt seinen Zeigefinger nach mir aus und tippt mir sachte gegen die Brust. Er trifft genau die verknöcherte Mitte zwischen meinen beiden Brustmuskeln. „Sei dir Gewiss, ich werde es nämlich zu deinem Problem machen. Du wirst mit ihm reden und du wirst es ihm austreiben, denn wenn das öfter passieren, dann werde ich bei dir einziehen."
„Du spinnst, ja. Das geht überhaupt nicht und wieso glaubst du, dass ich ihm das ausreden kann? Noch dazu scheint es dein Mitbewohner genauso zu wollen, also warum redest du nicht mit ihm?", erwidere ich auf seine haltlose Drohung. Ich schubse seinen Finger davon. Ich weiß nicht mal, wer sein Mitbewohner ist und es ist mir auch egal. Sein Problem, nicht meins.
„Ich schimpfe meinen Mitbewohner aber nicht Freund, sondern böses Übel und er gibt einen Scheiß auf meine Meinung." Zwei Mädels kommen an uns vorbei. Beide gertenschlank und aufgehübscht. Eine von ihnen ist blond, die andere brünett. Ich sehe, wie sie uns beim Vorübergehen mustern. Ich kenne sie nicht, aber scheinbar kennen sie Kain. Sie tuscheln und kichern einander zu gewandt. Kain reagiert nicht. Noch immer hält er das Kissen in der Hand. Die Mädels bleiben stehen und betrachten unverwandt die Szenerie, die wir ihnen bieten. Ich stelle mir vor, was sie sagen und wie sie es sagen. Ein Flüstern, welches warm über den Hals der Brünetten streicht, während die Blonde vor Verzückung Gänsehaut bekommt. Kain folgt meinem Blick als merkt, dass meine Aufmerksamkeit nicht mehr bei ihm liegt. Er hebt eine Braue und mustert die beiden Frauen bis ihm die Blonde zu winkt. Nichts Ungewöhnliches für Kain, das sagt mir sein Blick. Vermutlich glaubt er, ich bin beim Anblick der Frauen vor Ehrfurcht und Scham erstarrt. Keineswegs. Allerdings weiß er auch nicht, dass sich die Szene in meinem Kopf ausformuliert und in eine Geschichte wandelt. Kain tippt mir gegen die Stirn und umgreift mit der anderen das Kissen fester.
„Robin. Darf ich nun rein, oder nicht?" Aus meinem Kopfhörern erklingt Stroke 9 mit 'Just can't wait'.  I just can't wait for you to say. That you want me. Niemals.
„Nochmals. Nein! Du...Wie kommst du eigentlich an dein Kissen, wenn du die beiden erwischt hast?", frage ich irritiert und betrachte das weiße Ungetüm.
„Ich bin rein und hab es mir geholt", sagt er schlicht und ich bin für einen Moment so überrascht, dass er es schafft sich an mir vorbei zu schieben. Jetzt bekomme ich ihn garantiert nicht mehr raus. Seufzend kippt mein Kopf voran und ich schließe kurz die Augen.
„Obwohl sie da drin gerade bei der Sache waren?", hake ich nach.
„Jup!", kommentiert er und sieht sich entspannt im Zimmer um. Ich sehe ihm fassungslos dabei zu und in meinem Kopf formt sich unwillkürlich ein weiteres detailliertes Bild, welches ich nie haben wollte. Wie schamlos kann man sein?

„Geh wieder raus. Sofort!", sage ich mit Nachdruck. Doch der Angesprochene ignoriert mich, schaut zu meinem und dann zu Jeffs Bett. Das Kissen fliegt im hohen Bogen auf meins.
„Nö! Und ich nehme deins." Woher weiß er, dass es mein Bett ist?
„Wie bitte? Nimm dein Schweißfang da weg.", sage ich entsetzt und schließe abrupt die Tür, damit unsere Streitereien nicht in den Flur dringen. Mittlerweile hatte sich bereits ein kleiner schaulustiger Pulk gebildet. Die Tür fällt laut und deutlich ins Schloss. Damit ist leider auch endgültig besiegelt, dass er die Nacht über hier bleiben wird.
„Nö! Ich will nicht in Jeffs Bett. Wer weiß, was er da schon alles drin getrieben hat" Er schüttelt sich theatralisch und wirft sich aufs auserkorene Bett. Ich blicke wenig begeistert zu dem unordentlichen Haufen Bettzeug auf Jeffs Nachtlager. Das darf doch nicht wahr sein. Ich werde nicht aufgeben.
„Weißt du, was ich in meinem alles getrieben habe?", frage ich provokativ. Doch Kain drückt einfach seine Nase in mein Kissen, schließt die Augen und grinst.
„Riecht jungfräulich." So ein Idiot. Ich bleibe einen Moment im Raum stehen und lausche der Musik, die aus meinen Kopfhörern dringt um mich zu beruhigen. Es funktioniert nicht. Warum ausgerechnet mein Bett?
„Sag mal, geht's noch? Was soll das?"
„Ich will doch nur pennen. Ich tue dir doch nichts!", sagt er mit geschlossenen Augen und macht keinerlei Anstalten sich zu erheben. Im Gegenteil, er quetscht stattdessen sein Kissen in Form und seufzt zufrieden. Ich werde irre. Warum? Wieso? Was habe ich getan?
„Ich muss noch arbeiten", merke ich an und weiß nicht, was genau ich damit bezwecke.
„Mach doch. Ich lasse mich von ein bisschen Getippe nicht stören." Wie erwartet.
„Ich will in Ruhe allein arbeiten", verdeutliche ich mit zusammengebissenen Zähnen, doch Kain setzt sich nur auf und grinst. Seine wachsamen Augen erfassen mich. Sie sind seltsam einnehmend und intensiv.
„Machst du irgendwas Verdorbenes, Verbotenes oder Abartiges?", fragt er amüsiert.
„Was? Nein!", entfährt mir ein klein wenig zu schnell. Fast atemlos und so gar nicht verräterisch. Reiß dich endlich zusammen Robin.
„Warum regst du dich dann so auf? Ich will wirklich nur pennen. Mich interessiert weder, was du an deinem Rechner machst, noch was du versteckst. Also, setzt dich einfach und mach mit dem weiter, was auch immer du machst." Er vollführt eine seltsam ausladende Handbewegung und sinkt zurück in sein Kissen.
„Ich will einfach nicht, dass du hier bist", sage ich ungalant und ernte von Kain nur einen seltsamen Blick.
"Finde dich damit ab", antwortet er schlicht und dreht sich demonstrativ auf die Seite. Ich blicke auf seinen breiten Rücken und bin noch immer nicht damit einverstanden, dass er einfach in meinem Bett liegt. Ich fühle mich bedrängt und etwas überfordert von dieser penetranten Schamlosigkeit, auch wenn er gar nichts macht. Allein seine plötzliche Anwesenheit beunruhigt mich. Ich bin kein Menschenfreund.
"Ich rufe gleich den Aufseher!", drohe ich seltsam effektlos.
"Gut, dann stecke ich ihm, dass dein Mitbewohner Sex hat und das obwohl es untersagt ist", murmelt Kain müde und desinteressiert. Mist. An die unzeitgemäßen und nutzlosen Richtlinien unseres Wohnheimkomplexes habe ich nicht gedacht. Als ob Sex in einem gemischten Wohnheim verhindert werden könnte. Ich bin mir nicht mal sicher, wie ernst es die Aufseher nehmen würden. Vermutlich so ernst, wie bei jeder anderen Lärmbelästigung. Ich würde Jeff nicht verraten, aber vermutlich dafür sorgen, dass er seine sexuellen Kontakte woanders pflegt. Ich brauche eine ganze Weile, um mich zurück an meinen Schreibtisch zusetzen. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich seine schlafende Gestalt und merke, wie mein linkes Bein unstet zu vibrieren beginnt. Ich habe keine Ahnung, wieso mein sonst immenses Durchsetzungsvermögen an Kain abprallt, wie ein geworfenes Plüschtier. Ich ziehe mir die Kopfhörer zurück auf die Ohren und stelle die Musik lauter. Die Musik beruhigt mich, aber dennoch bin ich unkonzentriert und diesmal ist es nicht der schwarzhaarige Störenfried, der meine Gedanken füllt. Sondern Jeff. Mein Mitbewohner und Jugendfreund, der gerade mit einem anderen Mann das Bett teilt. In mir regt sich eine leichte Fassungslosigkeit. Ich werde mit ihm reden, aber nicht in Kains Sinne. Auch, wenn Jeff daran schuld ist, dass ich mich jetzt mit diesem Idioten rumplagen muss. Erneut sehe ich auf den ruhigen und regungslosen Körper des anderen Mannes. Nach ein paar Minuten nutzlosem Starren, wende ich mich meinen Bildschirm zu. Mein Finger streicht zaghaft über die Leertaste und ich beginne zu tippen. Schon nach den ersten paar Worten tauche ich wieder in meine stille Welt der Worte ein.

In meinem Kopf bilden sich Orte und Landschaften. Gesichter, Körper und Charaktere, die mit jedem Gedanken inhaltlicher und vollendeter werden. Das, was ich im wahren Leben nicht kann, bringe ich auf Papier. Dialoge und Situationen, in denen ich selbst wohl immer versagen würde, perlen in Form von geschriebenem Worten nur so über meine Lippen. Bereits in der Schule habe ich damit begonnen, die Fantasien, die sich in meinem Kopf manifestierten, niederzuschreiben. Seit ein paar Jahren veröffentliche ich in einem kleinen Verlag, der überwiegend auf Romane mit der Themenwelt rundum  Young-Adult und New-Adult, aber auch Jugend- und Kinderliteratur spezialisiert sind. Ein Unmenge an konventionellen und klischeehaften Liebesgeschichten und juvenilen Abenteuer. Ich habe noch nie jemanden erzählt. Nicht einmal meiner eigenen Familie.
Nach nur wenigen Zeilen stoppe ich mit dem Schreiben und lehne mich zurück. Jeff ist schwul oder auch bi. Und ich habe es nicht mitbekommen. Ich starre auf die Tasten meiner bereits stark abgenutzten Tastatur. Einige der Buchstaben sind kaum noch zuerkennen, doch das stört mich nicht. Ich kann nach all der Zeit quasi blind tippen. Erneut streichen meine Fingerkuppen über die Leertaste, fast streichelnd. Ungesehen zärtlich. Die eigentlich raue Beschaffenheit der Oberfläche ist in der Mitte der Taste bereits glatt. Allein der Anblick der Buchstaben lässt in meinem Kopf Worte entstehen, die zu Sätzen und Geschichten anschwellen. Jeff schläft mit anderen Männern, echot durch meinem Kopf. Ich habe tatsächlich nichts davon mitbekommen. Warum hat er mir nie etwas gesagt? Er vertraut mir nicht. Dabei ist Jeff im Grunde der Einzige, den ich als Freund ansehe. Aber ich gebe zu, dass ich nicht sehr viel für unsere Freundschaft tue. Ich höre mir an, was er mir zusagen hat oder was er mir berichten will, aber selbst fragen liegt mir fern. Ich bin nicht der Typ für lauschige Männergespräche. Vielleicht hat er mir deshalb nichts erzählt. Er denkt es wäre für mich nicht von Interesse. Er empfindet es nicht als wichtig, dass ich das weiß. Obwohl es nicht überraschend ist, bedrückt es mich, auch wenn ich selbst daran schuld bin, dass ich für niemanden eine derartige Rolle spiele. Dass mich Kain die ganze Zeit von der Seite beobachtet, bekomme ich nicht mit.
In Gedanken versunken bleibe ich sitzen, starre auf die Zeilen meines begonnen Skripts. Ich brauche nur noch drei abschließende Kapitel und wie jedes Mal muss ich mir ein überraschendes, rosarotes Happy End herauskitzeln. Es ist das, was diese Geschichten brauchen und was auf Hängen und Würgen gewollt wird. So sagte man es mir, bläute es mir förmlich ein. Ich gebe es ihnen. Mein nächster Abgabetermin ist bereits in zwei Wochen. Dennoch öffne ich ein neues Dokument.

Jeff schläft mit anderen Männern. Unwillkürlich schweifen meine Gedanken zu der weniger lautmalerischen Beschreibung von Kain. Doch auch in meinem Kopf wird die Szenerie detaillierter und weniger weichgemalt. Es schreibt sich schnell von der Hand. Wort für Wort. Szene für Szene. In diesem Moment fühlt es sich für mich an als könnte ich die warme Haut unter meinen eigenen Fingern spüren. Ich fühle, wie sich die Muskeln darunter bewegen, wie sich mir die feine Härchen entgegen schmiegen und meine Fingerkuppen sanft kitzeln. Die Bewegungen und die Berührungen. Warmer Atem, der meine Haut trifft. Die Vorstellung lässt mich erschaudern, zittern und sanft beben. Vor Aufregung. Vor Lust und Ekstase. Ich habe das Gefühl die erregten Stimmen in meinem Kopf zu hören, wie sie sich gegenseitig ihre Namen zu flüstern. Das Raunen und Keuchen. Ich merke, wie sie die Lust auf meinen Körper überträgt, schmecke das salzige Aroma heißer Körper auf meiner Zunge. Die maskuline Süße herber Lippen. Woher kommen mit einem Mal diese intensiven Gedanken und woher kommen die Bilder? Beim letzten getippten Wort lehne ich mich zurück. Mein Puls schwelt. Ich spüre den Schlag meines Herzens heftig in meinem Brustkorb. Meine Hände zittern verräterisch. Ich bin in keiner Weise weltfremd oder ignorant, aber das intensive Gefühl erschreckt mich.
Ich werfe einen Blick zu Kain. Er rührt sich nicht und hat sich mittlerweile zu gedeckt. Erst jetzt wird mir die Kühle im Raum ebenso bewusst. Nachdem ich die Dateien gespeichert habe, stelle ich die Heizung an und sehe aufs Handy. Es ist spät. Bereits dunkel. Ich sehe zu Jeffs Bett und obwohl ich mir früher nie darüber Gedanken gemacht habe, widerstrebt es mir, mich dort hineinzulegen. Es gehört sich nicht. Es ist fremd und falsch. Auch, wenn ich weiß, dass es für Jeff kein Problem wäre. Ich habe noch nie gern in fremden Betten geschlafen. Es fühlt sich immer komisch an. Es kommt mir falsch vor. Außerdem liegt Jeff oft nackt drin und dieser Fakt arbeitet sich gerade unaufhaltsam durch meine Gehirnwindungen. Nein, ich kann es nicht. Ich will nicht.
Ein weiterer Blick auf die Uhr. Ich gehe schnellen Schrittes in die Waschräume, um mich kurz zu duschen und um in irgendeiner Form Entspannung zu finden. Das brauche ich jetzt. Dringend.

Als ich zurückkomme, schläft Kain noch immer. Er wirkt ruhig und entspannt. Ich beneide ihn für diese Unbedarftheit. Unsanft ziehe ich ihm mein Kissen unter dem Kopf hervor, ignoriere sein missmutiges Murren.
"Geht's auch sanfter?", murmelt er schlaftrunken.
"Verrecke", knurre ich unfreundlich als Antwort. Der Angesprochene dreht sich auf die Seite, hält kurz seinem Arm hoch und zeigt mir seinen Mittelfinger. Ich sehe ihn nur schemenhaft. Missmutig krame ich mir eine Decke aus dem Schrank, breite sie als ein Nachtlager auf dem Boden aus und blicke noch einmal auf das Bett meines Mitbewohners. Danach zu Kain. Unruhig fahre ich mir mit der Hand über den flachen Bauch. Kains Anwesenheit macht mich nervöser als ich vermutet habe. Ich tapse zu meinem Schreibtisch zurück und krame eine Schachtel Zigaretten aus einer Schublade. Drei sind noch drin. Eine nehme ich heraus, ziehe mir einen Pullover über und verschwinde über den Seitenausgang nach Draußen. Ich genieße die Zigarette nicht, aber ich brauche das Kribbeln, welches sie durch meine Lunge jagt. Den Stummel schnipse ich unachtsam zur Seite. Auch das Räuspern des Wohnheimaufsehers ignoriere ich bis er mich zurückhält.
"Quinn, verlange nicht, dass ich es ausspreche...", sagt er barsch und warnend. Ich wende mich zu ihm. Sein Name ist Micha. Er ist einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität, der sich ein zu Brot als Wohnheimaufsicht verdient. Es gibt eindeutig bessere und vor allem dankbarere Scheißjobs. Er deutet auf den glimmenden Stummel im Beet. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Jedes Mal dasselbe. Micha erwischt immer mich. Augenverdrehend mache ich den Schritt auf die Zigarette zu und lasse die Reste im mülleigenen Aschenbecher verschwinden.
"Das machst du jedes Mal. Fällt es dir so schwer, die dämliche Zigarette da rein zu hauen?", kommt es spöttisch.
"Fällt es dir schwer, derartig zu nerven?", kommentiere ich retour.
"Eigentlich nicht. Es liegt mir im Blut und macht ziemlich viel Spaß!" Micha grinst und deutet zur Tür. Ich mache zum Abschied eine winkende Bewegung und verschwinde zurück ins Zimmer. Kain hat sich gedreht. Sein ruhiges, schlafendes Gesicht blickt in meine Richtung und für einen Moment wirkt er nicht mehr so gigantisch auf mich.
Ich widerstehe dem Bedürfnis ihm mein Kissen ins Gesicht zu werfen. Wie kann er so ruhig in einem fremden Bett pennen? In meinem! Es regt mich immer noch auf. Bevor ich mich hinlege, schalte ich den Rechner ab und sehe noch einen Moment auf den schwarzen Bildschirm. Danach versuche ich es mir auf dem Boden gemütlich zu machen. Ein sich ausschließender Prozess. In meinem Kopf arbeitet es weiter und verhindert, dass ich zeitnahe einschlafe.

Ich werde durch das Öffnen der Tür geweckt. Jeff steht im Raum und blickt verwundert auf mich und Kain, der leise schnarchend in meinem Bett liegt.
„Was ist denn hier los?", fragt Jeff verwundert und stellt seinen Rucksack neben seinem Schreibtisch ab. Ich richte mich müde auf. Mein Rücken ist steif und mein Hals auch.
„Du fickst seinen Mitbewohner", sage ich gerade heraus. Jeff versteift sich augenblicklich. Es ist ihm unangenehm, aber er wird nicht wirklich unruhig.
„Woher weißt du das?", fragt er dümmlich und ich deute schweigend auf mein Bett, in dem der Schwarzhaarige nächtigt. Jeff blickt zu Kain, der sich erwachend hin und her wälzt. Wahrscheinlich hat ihn Jeff gar nicht als diesen erkannt.
„Er stand vor der Tür, nachdem er euch erwischt hat und ist leider nicht wieder verschwunden", erkläre ich knirschend, während sich Jeff perplex neben mir aufs Bett setzt. Mittlerweile hat auch Kain seine Augen geöffnet und sich aus dem Gespräch herausgehalten.
„Warum hast du auf dem Boden gepennt?", fragt Kain verwundert, fährt sich durch die wuscheligen Haare und schaut zu meinem Mitbewohner. Ein Abbild völliger Unschuld. Bitte erschießt mich.
„Weil du in meinem Bett liegst, du Vollpfeife.", bluffe ich laut. Diesmal schleudere ich ihm mein Kissen wirklich zu und treffe ihn direkt im Gesicht. Kain ist perplex.
„Geht's noch? Du hättest doch Jeffs nehmen können", bemerkt er nörgelnd und hat Recht.
„Ich lege mich aber nicht in fremde Betten", kommentiere ich und ernte von beiden Männern einen seltsamen Blick.
"Wie absurd ist das denn?" Kain richtet sich auf, legt mein Kissen zur Seite und greift nach seinem eigenen. "Okay, wie auch immer. Ich hau wieder ab...Jeff..."  Mein Mitbewohner erwidert den Gruß mit einem lächelnden Nicken. Mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht und dem Kissen unter dem Arm bleibt er vor mir stehen.
„Äußerst bequem dein Bett. Nicht so ausgeleiert, wie manch andere." Ich will ihn erwürgen. "Bläue ihm ein, dass das aufhören muss.", hängt er noch mit ran, deutet auf Jeff und geht zur Tür. Ich hebe fassungslos meine Hände und sehe dabei zu, wie der muskulöse, aber schlanke Körper aus dem Zimmer verschwindet. Kain kann mich mal.

„Fick dich! Und wehe, du kommst wieder", rufe ich ihm nach und sehe zu Jeff. Dieser schaut noch immer verwundert, aber im gleichen Maß amüsiert zur Tür. Ich finde es ganz und gar nicht witzig.
„Ich wusste nicht, dass du ihn kennst. Tut mir leid, ich hätte im Leben nicht gedacht, dass er hier aufkreuzt.", bemerkt Jeff kichernd. Es klingt dennoch entschuldigend. Ich sehe Jeff unmissverständlich an und richte mich auf. Mein Nacken knackt. Danach mein Rücken und das Knie. Verdammt noch mal.
„Ich wollte ihn gar nicht reinlassen, aber er hat das halbe Wohnheim niedergebrüllt." Ich lasse mich müde auf mein Bett fallen, doch bevor ich mich hinlege, blicke ich auf die Decke. Kain hat hier drin gelegen. Die ganze Nacht. ich kriege Gänsehaut. Ich stehe prompt wieder auf und setze mich stattdessen an den Schreibtisch. Jeff beobachtet mich argwöhnisch, sagt aber nichts. Wir schweigen uns einen Moment an. Doch dann ploppen die Gedanken des gestrigen Abends wieder auf. In voller Blüte mit all den Details.
„Warum hast du es mir nicht erzählt?", frage ich ad hoc und klinge seltsam beleidigt. Ich drehe mich extra nicht zu ihm um, um nicht in sein Gesicht sehen zu müssen. Ich bin mir nicht sicher warum.
„Robin, ich... weiß nicht...", beginnt Jeff und bricht schnell wieder ab. Ich warte nicht ab bis er sich gesammelt hat oder Ausflüchte findet.
„Wir kennen uns schon so lange und du kommst nicht auf die Idee mir zu erzählen, dass du auf Männer stehst? Warum, Jeff?"
„Es tut mir Leid, okay?", gibt er seufzend von sich, "Ich weiß auch nicht, warum ich es nicht erzählt habe. Ehrlich gesagt, bin ich nie auf die Idee gekommen, es zu erwähnen. Wir reden so gut, wie nie über so was und wenn ist es nur dummes Gelaber ohne Bedeutung." Jeff hat Recht und dennoch reicht es mir nicht. „Ich dachte, es wäre dir einfach egal", fährt er fort und sagt das Erwartete. Das macht es nicht besser. Es ist mir nicht egal, aber ich verstehe sehr wohl, wieso er es denkt. Ich atme kurz durch und nicke.
„Ja, alles klar. Gut, es ist mir egal. Schlaf mit wem du willst", kommentiere ich schlicht und unaufgeregt. Ich gehe zu meinem Kleiderschrank und ziehe mir frische Klamotten heraus. Jeff seufzt. Für meinen Geschmack zu theatralisch. Er glaubt nicht, dass es mich wirklich getroffen hat.
„Ach komm, es tut mir echt Leid", ruft er mir nach als ich das Zimmer verlasse. Ich hebe meine Hand und strecke ihm zum Abschied meinen Mittelfinger entgegen, so wie es gestern Nacht Kain getan hat. Meine Reaktion ist eindeutig übertrieben, aber es ärgert mich. Enttäuscht mich sogar ein bisschen. Auf dem Flur kommen mir die beiden Mädchen vom gestrigen Abend entgegen. Sie sehen mich an und beginnen erneut zu tuscheln. Wie die Szene von gestern wohl auf sie gewirkt hat? Wahrscheinlich fragen sie sich nur, was einer wie ich mit Kain zu schaffen hat. Nichts. Nur Ärger.
„Macht ihr auch mal was Sinnvolles?", frage ich beim Vorübergehen, ernte pikierte Gesichter und verschwinde im gemeinschaftlichen Sanitärbereich.

Ohne noch einmal ins Zimmer zurückzugehen, wandere ich zu meiner ersten Vorlesung. Auch Kain besucht sie. Er studiert Biotechnologie und einige unserer Seminare und Vorlesungen überschneiden sich. Nur deswegen kenne ich ihn überhaupt. Im letzten Semester hatten wir einige Projekte zusammen. In zweien waren wir derselben Gruppe zugeteilt, da es der Dozent witzig fand Pärchen weise die Anwesenheitsliste durchzuarbeiten. Kain stand mit seinem Nachnamen ganz oben. Ich, mit meinem ganz unten. Wir sind völlig verschiedene Charaktere und das haben wir auch während der Diskussionen bemerken dürfen. Unruhig tippe ich mit dem Finger auf dem Tisch umher. Ich brauche dringend neue Zigaretten. In meinem Hals beginnt es zu kribbeln. Der Seminarraum füllt sich. Ich leihe mir von einer Kommilitonin einen Stift und Papier als ich plötzlich eine Hand an meiner Schulter spüre. Ich wende mich um und sehe direkt in Kains braune Augen. In seiner Hand hält er einen großen Kaffee. Ich rieche das Aroma gerösteter Bohnen und will ich nur noch mehr eine Zigarette rauchen. Kaffee trinke ich keinen.
„Und hast du schon mit ihm geredet?" Er setzt sich auf den Stuhl neben mich und streckt seine langen Beine aus.
„Du nervst."
„Hast du?"
„Kain, du nervst. Rede du doch mit deinem Mitbewohner, wenn es dir ss wichtig ist. Schließlich bringt er andere Männer mit in euer Zimmer ohne dich vorher zu warnen." Meine Stimme ist etwas zu laut, denn einige Kommilitonen sehen zu uns.
"Kein Bedarf- Außerdem lag er heute Morgen noch nackt im Bett, da hatte ich einfach keine Lust, ihn auf Sex anzusprechen, falls du verstehst." Kain schüttelt sich angeekelt. Ich hebe meine Augenbraue.
"Dabei wäre es doch die Gelegenheit gewesen!", kommentiere ich sarkastisch und beginne ausweichend auf meinen Zettel rum zu kritzeln. Kains Blick bohrt sich in meine Seite. Doch dadurch schweifen meine Gedanken nur noch mehr ab. Unbewusst kritzele ich immer weiter. Dass es Worte und sogar Sätze sind, merke ich erst als unsere Professorin den Raum betritt und das Licht angeht. Auf meinem Zettel stehen plötzlich die ausschweifende Beschreibung eines beobachtenden Mannes und nicht wenige von Kains Attributen. Schnell drehe ich das Blatt um und hoffe, das Kain es nicht gelesen hat. Ich spüre seinen Blick und ignoriere ihn. Nach einer Weile richtet er sich auf und verschwindet wieder zu seinen eigentlichen Platz. Unbewusst atme ich aus und merke zum Glück, wie sich mein heftiger Herzschlag beruhigt. Ich verstehe nicht, warum es ihm wichtig ist. Wenn es ihn stört, dass sein Mitbewohner und Jeff miteinander rumvögeln, muss er sich allein darum kümmern. Mir ist es schließlich egal, äfft es Jeff in meinen Kopf nach. Ich seufze. Eine beringte Hand, die in meinem Blickfeld auftaucht, lässt mich aufsehen. Meine Professorin steht vor mir. Sie lächelt.
"Mister Quinn, darf ich sie am Ende des Seminars kurz sprechen?" Meine Antwort ist eine ungelenke Reaktion bestehend aus dämlichen Gesichtsausdruck, nicken und gleichzeitigem Hochzucken meiner Schultern. Sie lächelt einfach weiter und geht mit einem  Nicken zurück nach vorn.
Nach der Stunde bittet sie mich darum ein Übungsseminar, ein sogenanntes Tutorium zu unterstützen, welches sie für die Erst- und Zweitsemester betreffender Studiengänge organisiert. Sie ist der Überzeugung, dass die Studenten eher aktiv werden, wenn sie mit anderen Studenten zu tun habe. Ich bezweifele es. Noch dazu verstehe ich nicht, warum sie gerade mich anspricht. Ich nenne ihr prompt drei Kommilitonen, die besser dafür geeignet sind. Sie wiegelt es ab. Ich erkläre ihr mein enges Zeitmanagement. Sie beteuert, dass sie mich nicht damit allein lässt. Ich verweise auf meine fehlenden Kompetenzen in etlichen Bereichen. Sie versichert mir, dass es auch für meine akademischen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Vorteil sein wird. Kurz, meine mündliche Note ist mies. Ich will ihr versichern, dass ich der völlig Falsche dafür bin. Sie lächelt. Darauf kann ich ihr nichts mehr erwidern. Reale Dialoge waren noch nie meine Stärke. Vor allem dann nicht, wenn ich doch einen gewissen Grad des Respekts verspüre. Was zu meinem Glück relativ selten zutrifft und ich damit ungeniert unfreundlich sein kann. Immerhin ist mir so viel egal. Ich soll es wenigstens probieren, sagt sie letztendlich und ich sehe ihr nach als sie geht. Was für ein Scheißtag.

In der Mensa setzt Kain seine Attacke fort. Plötzlich sitzt er neben mir. Auf seinem Tablett steht ein Teller mit einem riesigen Berg Spaghetti. Mir wird schon beim Hinsehen schlecht.
„Was willst du?", frage ich genervt. Er schweigt und beginnt seine Nudeln zu essen. Dabei sieht er mich immer wieder an und kaut. Ich widerstehe dem Drang einfach aufzustehen und zu gehen. Es fällt mir schwer. Irgendwann schiebe ich nur noch missmutig meine Kartoffeln rum.
„Bist du von dem Bisschen wirklich satt?", fragt er mich, nachdem ich die Kartoffel in acht gleichmäßige Stücke zerteilt habe und sie umfänglich mit der zähen Soße ummantele. Kain lehnt sich zurück und greift nach seinem Schälchen mit Nachtisch. Es ist rote Grütze mit Vanillesoße.
„Nein, aber mir ist der Appetit vergangen", kommentiere ich bissig. Daran ist nicht nur er Schuld, aber das sage ich ihm nicht. Kain sieht mich tatsächlich beleidigt an. Ich verspüre einen Kitzel von Genugtuung, schließlich habe ich wegen ihm die Nacht auf dem Boden geschlafen. Die Tatsache, dass es im Grunde meine eigene Schuld war, verdränge ich gekonnt. Mir fällt auf, dass der Reißverschluss seiner Strickjacke diagonal über seine gesamte Brust verläuft. Interessant.
„Wie haben du und Jeff es überhaupt hingekriegt ein gemeinsames Zimmer zu bekommen?"
„Was?", frage ich aus den Gedanken gerissen.
„Du und Jeff. Ihr kennt euch doch von früher, oder?" Er lehnt sich wieder nach vorn und löffelt den letzten Happen der Grütze aus der Schale.
„Ja, wir sind zusammen zur Schule gegangen." Ich streiche mir die Haare zurück und schiebe den Teller weg.
„Und wie habt ihr das mit dem gemeinsamem Zimmer hinbekommen?" Anscheinend vermutete er ein schwerwiegendes Komplott. Ich sehe meinen Gegenüber zweifelnd an.
„Zufall."
„Kann ich mir nicht vorstellen. Mein bester Freund studiert an der Nachbarhochschule und wir haben sogar darum gebettelt und nix. Jetzt hocke ich bei Abel.", erzählt er mir malerisch. Ich sehe auf. Abel? Für einen Moment glaube ich, mich verhört zu haben.
„Sag das noch mal", bitte ich amüsiert und kann mir ein Giggeln nicht verkneifen.
„Ja, ja. Mach dich nur lustig, aber es ist wirklich so."
„Kain und Abel? So wie im Alten Testament? Da hatte aber einer viel Humor."
„Ja, aber ich hüte keine Schafe  und bin mir sicher, dass die Typen von der Wohnheimvermittlung eigentlich aus einem Zirkus sind und sie spielen die Clowns."
„Bauer...", kommentiere ich und stochere doch noch mal in meinem Essen rum.
„Was?"
„Kain war der Bauer. Abel der Hirte. Deswegen erschlug er ihn", stelle ich richtig.
„Ich erschlag gleich dich", bellt Kain mit genervtem Gesichtsausdruck. Dann kramt er in seiner Jackentasche nach einem Ingwerbonbon. Das erste Mal fiel mir seine Vorliebe während einer dieser Projektarbeit im letzten Semester auf. Fast im Viertelstundentakt hat er sich die Bonbons hinter geschoben, die andere nicht einmal bei extremer Erkältung aushielten. Scharfe Zitrone in Kombination mit Kaffee. Das muss Kains Geschmack sein. Ich habe noch nie einen gegessen, aber so stelle ich es mir bei ihm vor. Hinter Kain taucht eine junge Frau auf. Schmale Hände mit langen manikürten Fingernägeln legen sich auf seine Schulter und er reagiert sofort. Kain blickt auf und eine dunkelrote Locke trifft seine Wange. Er pustet sie weg, weil sie seine Haut kitzelt. Ein einzelnes Haar verfängt sich in seiner Augenbraue, streift seine Wimpern und er blinzelt. Mein Blick haftet sich an diese Stelle ihrer Berührung. Erst Kains ruckartige Bewegung, in der er sich gänzlich zu ihr dreht, holt mich zurück.

„Merena! Ich dachte dein Seminar geht länger?" Sie haucht ihm einen winzigen Kuss auf die Wange und blickt dabei zu mir. Auch ihr bin ich schon während eines der Projekte begegnet. Ich glaube, sie ist Kains Freundin.
„Sollte es auch, aber dann haben wir angefangen zu betteln, weil wir alle Hunger hatten.", antwortet sie. Ein Lächeln blitzt über ihr ovales Gesicht. Dabei werden ihre roten Lippen schmal. Das Lächeln wirkt so falsch, wie ihre Fingernägel. Sie ist eines dieser Püppchen. Ihre langen Finger bewegen sich über seine Schultern, streichen zum Teil über seinen Nacken und zu seiner Brust. Meine Fingerkuppen beginnen zu kitzeln als ich mir vorstelle, wie sich die Reibung anfühlt.
„Dann hol dir auch was. Ich warte auf dich", sagt Kain und blickt zu ihr hoch. Ich lege geräuschlos mein Besteck auf den Teller und stehe auf als sie seinen Vorschlag enthusiastisch bejaht. Beide schauen mich an, doch ich greife nur nach meinen Tablett und gehe. Ich höre, wie Kain meinen Namen ruft. Ich reagiere nicht, denn ich habe keine Lust ihrer Zweisamkeit beizuwohnen.

Als ich ins Wohnheimzimmer zurückkommen, liegt Jeff auf seinem Bett und blättert in einer Zeitschrift, während neben ihm ein paar Fachbücher liegen. Er richtet sich sofort auf als er die Tür hört.
„Hey, können wir noch einmal reden. Bitte, Robin." Der Klang seiner Stimme ist seltsam. Irritiert, statt entschuldigend. Er hat wirklich nicht geglaubt, dass es mich stört, wenn er es mir nicht sagt.
„Wozu?" Meine Stimme hingegen ist eisig. Jeff seufzt. Ich setze mich an den Schreibtisch und schiebe mir die Kopfhörer auf. Mein Player läuft noch nicht und ich schalte ihn auch nicht an. Jeff zieht sie mir wieder runter und neigt mich samt Stuhllehne zurück. Ich blicke hoch und direkt in sein vertrautes Gesicht. Er beugt sich auf die Lehne und hält mich so zurück geneigt, dass ich kaum eine Wahl habe als ihn anzusehen. Ich verschränke die Arme vor der Brust, um ihm zu verdeutlichen, dass mir das nicht gefällt.
„Seit wann bist du so zickig?", fragt er mich und ich hebe eine Augenbraue.
„Wer bitte ist hier zickig?", gebe ich empört von mir und klinge zickig.
„Okay, nennen wir es eben pissig.", revidiert er lächelnd. Ich schweige ihn an. Ich bin nicht pissig und schon gar nicht zickig. Zickig sind Mädchen. Ich bin höchstens verstimmt. Nein, halt, es ist mir egal.  Der Sarkasmus in meinem Kopf trägt neue Blüten. Jeff lächelt weiter.
„Ich musste es von Kain erfahren!", entflieht mir mosernd und ich blicke in die blauen Augen meines langjährigen Freundes. Jeff seufzt. Laut. Energisch. Für meinen Geschmack seufzt er heute zu viel. Sein warmer Atem streift meine Wange und er macht keine Anstalten sich zu entfernen.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass er gleich hierher reitet. Ich dachte, er verkriecht sich bei seiner Alten.", rechtfertigt er sich. Ich sehe ihn ungerührt an. „Es tut mir Leid, dass ich dir nichts gesagt habe, aber ich bin mir auch noch gar nicht lange darüber im Klaren."  Sein Gesicht ist mir so vertraut und doch habe ich einen Moment lang das Gefühl in ein fremdes zusehen. Sowas merkt man nicht von heute auf morgen. Er muss darüber nachgedacht haben. Wieder und wieder. Doch er hat seine Gedanken niemals mit mir geteilt. Nichts, aber auch wirklich gar nichts habe ich mitbekommen.
„Stört es dich denn?", flüstert er mir entgegen, nachdem er mein Gesicht eine Weile ausgiebig musterte. Ob es mich stört? Ich weiß es nicht. Vielleicht schon. Nein, eigentlich nicht. Nein, es stört mich nicht. Nur, dass er mir vorher nichts anvertraut hat.
„Nein."
„Gut. Das finde ich sehr beruhigend und es ist mir sehr wichtig." Für einen kurzen Moment spüre ich seine Fingerkuppen, die sich leicht in meine Schulter drücken. Er lässt meinen Stuhl und meine Schulter los und fällt zurück auf sein Bett. Damit ist die Sache scheinbar für ihn erledigt. Diese Reaktion ärgert mich wieder. Ich setze mir die Kopfhörer auf und sehe noch einen Moment auf den ruhenden Körper des anderen Mannes. Unwillkürlich frage ich mich, was  ich noch alles nicht weiß? Und dieser Gedanke lässt mir keine Ruhe. Zwölf Jahre lang habe ich nicht mit bekommen, dass der Mensch, den ich am ehesten als Freund bezeichne, schwul ist. Nun stehe ich vor vollendeten Tatsachen und obwohl ich es nicht will, sehe ich Jeff mit anderen Augen. Keineswegs im ablehnenden Sinn, sondern eher im Zusammenhang mit der Intensität unserer langjährigen Bekanntschaft. Jeff verhält sich mir gegenüber nicht anders, sondern wie sonst auch. Als hätte sich nichts geändert. Doch das hat es. Irgendwie. Noch weiß ich nicht genau, was es ist. An diesem Abend bringe ich kein Wort aufs Papier.

Nach drei Tagen beendet Kain seine nervenden Aufforderungsversuche. Ich sehe ihn nur kurz in den gemeinsamen Vorlesungen und in der Mensa. Doch ich spüre seinen Blick auf mir, wenn er glaubt, dass ich nicht hinsehe. Ich werde aus ihm nicht schlau.
Im Grunde habe ich meine Ruhe wieder, aber dennoch gerate ich jedes Mal, wenn Jeff über Nacht nicht im Zimmer ist innerlich in Aufregung. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihn ansehe, seine Bewegungen studiere und wie meine Gedanken immer wieder in eine ganze bestimmte Richtung gehen. Jeffs Körper dicht an den Körper eines anderen Mannes gepresst. Feuchte Haut, die übereinander gleitet und erregende Reibung erzeugt. Meine Gedanken wandern unbewusst immer wieder zu der Vorstellung zurück einen männlichen Körper unter meinen Fingern zu spüren.
Ich weiß weder, wo es herkommt, noch weiß ich, wo ich mit diesen Gedanken hin soll. Es fühlt sich an, wie ein Kitzeln, welches sich tief unter meiner Haut befindet. Ich kann es allein nicht stillen und es ist stets präsent. Ich will meine Blase der Ruhe zurück.
Als ich von meinem Stuhl aufstehe und die Mensa verlasse, dringt 'It's My Life' von Bon Jovi aus meinen Kopfhörern.
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