Nightingale, Peter und der liebe Haushalt

KurzgeschichteHumor, Fantasy / P12
17.02.2015
17.02.2015
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Es war ein kühler Morgen. Nightingale und ich saßen im Frühstückszimmer und warteten darauf, dass Molly uns das Frühstück servierte. Nach weiteren fünf Minuten des Wartens fragte ich Nightingale: „Haben Sie Molly denn schon heute morgen gesehen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein ich habe sie heute noch nicht gesehen, meistens sehe ich sie auch erst beim Frühstück. Frei genommen hat sie sich auch nicht, die Zeit wird heute nicht umgestellt.“ Nach weiteren fünf Minuten beschlossen wir nachzusehen wo Molly war. Wir schlenderten in die Küche und fanden Molly, auf dem Boden liegend. Nightingale war sofort in heller Aufruhr.
„Peter rufen Sie schnell Dr. Walid an“, befahl er mir und kniete sich neben Molly, um den Puls zu fühlen und zu überprüfen ob Molly Fieber hatte. Ich blieb lieber auf einem gewissen Abstand. Vielleicht hatte Molly sich auch nur ohnmächtig gestellt und wartete darauf, dass sie uns heute zum Frühstück verspeisen konnte, ich traute dem Braten jedenfalls nicht. Brav rief ich Dr. Walid an und berichtete ihm, dass Molly ohnmächtig war. Er sagte, dass er sofort vorbei käme. Nightingale sah mich hilfesuchend an.
„Sie hat Fieber.“
„Dr. Walid kommt sofort Sir. Molly hat vielleicht eine Grippe oder eine Erkältung“, mutmaßte ich.
Nightingale runzelte die Stirn. „Molly hatte noch nie eine Grippe oder Erkältung, sie war noch nie krank.“
Dr. Walid kam und begutachtete Molly, die inzwischen immerhin schon wieder bei Verstand war. Sie hatte sofort aufspringen wollen, knickte aber wieder ein. Dr. Walid untersuchte sie und ich konnte sehen, dass Molly die Untersuchung überhaupt nicht gefiel, die Augen hatte sie zu Schlitzen verengt und funkelte, wie immer, mich böse an.
„Ich schätze sie hat eine Grippe, ich verordne eine strenge Bettruhe.“ Nightingale nickte eifrig. Mir schwante Böses vor, wenn Molly krank war, wer würde dann den ganzen Haushalt hier schmeißen? Das Essen war vielleicht gar nicht das Problem, das konnten wir uns aus einer Pizzeria oder vom Chinesen holen, ich bezweifelte allerdings, dass Nightingale so etwas länger als eine Woche aß und ich bezweifelte erst recht, dass Molly ständig so etwas essen würde, schließlich mussten wir uns jetzt auch um sie kümmern. Dr. Walid reichte Molly ein paar fiebersenkende Mittel. Sie hatte über 40° Fieber, aber es war klar, dass sie unter gar keinen Umständen das Folly verlassen wollte. Die Medikamente schluckte sie auch erst, nachdem Nightingale geschlagene fünf Minuten auf sie eingeredet hatte. Danach halfen wir Molly in ihr Zimmer. Ich wusste in etwa wo es lag, hatte aber immer einen großen Bogen darum gemacht. Ich fragte mich gerade, ob sie als Dekoration im Zimmer Messer und Hackebeile an den Wänden hängen hatte, wurde aber eines Besseren belehrt. Ihr Zimmer war absolut schlicht und sah genauso wenig einladend wie das Meinige aus. Alles war natürlich ordentlich und nichts lag herum.
Nachdem wir das Zimmer verlassen hatten informierte Walid uns, dass wir uns um sie kümmern müssten. Nightingale nickte wieder eifrig, ich nicht. Wer wusste schon was Molly alles im Fiebertraum anstellen würde? Dazu kam noch, wir wussten überhaupt nicht was Molly aß, ich hatte sie eine Nacht erwischt, wie sie sich rohe Fleischklumpen rein gezogen hatte, auf der anderen Seite hatte sie auch schon mal von einer Pizza in der Remise gekostet.
Nach drei Tagen Pizza und anderem Fertigessen verweigerte Molly weiteres Essen, das wir herholten. Die Küche war inzwischen ein Chaos geworden, da weder ich noch Nightingale abspülten, in der Waschküche stapelte sich die Wäsche und alle Vorräte waren aufgegessen, aber Molly war noch nicht wieder gesund. Deswegen entschlossen Nightingale und ich uns dazu einkaufen zu gehen. Im Nachhinein hatte ich es bereut, dies mit Nigthingale zusammen gemacht zu haben. Es fing schon damit an, dass ich Nightingale beauftragt hatte einen Wagen zu besorgen. Verwirrt stand er vor der Reihung der Wagen und wusste offensichtlich nicht, dass man lediglich ein Geldstück einstecken musste, um den Wagen zu lösen. Ich traute meinen Augen nicht, als er plötzlich einen Feuerball heraufbeschwor und die Kette zum anderen Wagen durch schmolz.
„Peter, man konnte die Wagen gar nicht einfach lösen, sie waren versperrt.“ Ich erklärte ihm die Mechanik und er sagte nur vergnügt: „Oh, egal ich hatte sowieso kein Münzgeld.“
Im Laden brauchten wir dann, dank Nightingale, zwei Stunden. Er blieb vor jedem Regal stehen und begutachtet die Waren, in regelmäßigen Abständen informierte er mich immer wieder darüber, dass er nicht gewusst habe, was es heutzutage für eine riesige Auswahl an Nahrung gab, in nur einem Laden.
„Haben Sie denn noch nie einen Supermarkt von innen gesehen?“, fragte ich.
„Früher gab es so etwas nicht, zumindest nicht in diesem Ausmaß und ich musste nie einkaufen gehen, weder in Casterbrook noch im Folly“, gab er unbekümmert zu und stürzte sich wieder auf das nächste Regal. An der Kasse erwartete mich dann das nächste Highlight, anstatt mir zu helfen die ganzen Sachen wieder in den Wagen zu packen, nachdem die Frau es kassiert hatte, starrte er die Kasse an und murmelte „Faszinierend“ und versuchte das Prinzip des Barcodes zu verstehen. Die Kassiererin gab mir mit einem Blick zu verstehen, dass sie Nightingale für völlig durchgeknallt hielt. Wenigstens zahlte er den ganzen Plunder.
Am Abend kam es dann zum großen Showdown in der Küche. Nachdem wir einigermaßen klar Schiff gemacht hatten und wir uns endlich auf ein Essen geeinigt hatten (Nightingale wollte etwas kochen, das Molly auch zu bereitete, ich musste ihn davon überzeugen, dass wir dazu nicht fähig waren). Nightingale band sich die Schürze um und ich musste laut lachen. Er sah absolut bescheuert aus, da es sich im eine Schürze von Molly handelte, erstens war sie zu klein und zweitens waren überall Rüschen dran. Er sah mich verdattert an und runzelte die Stirn.
Nightingale war noch nie einkaufen gewesen und es stellte sich heraus, dass er auch noch nie gekocht hatte. Bevor er überhaupt erst mal irgendetwas zu schneiden begann, begutachtet er es und las nach, wie man es genau zu bereitete. Meine Mum hätte mich umgebracht, wenn ich immer so langsam gewesen wäre. Er brachte es fertig sich zwei mal in den Finger zu schneiden, jammerte allerdings nicht herum. Ich glaube, wenn einem zwei mal die Lunge durchgeschossen wurde, macht es einem überhaupt nichts aus, wenn man sich in den Finger schneidet. Ich fand es trotzdem nicht appetitlich, dass er dann mit blutverschmierten Händen weiter seine Karotte malträtierte, aber Molly würde die Nuance von Blut mit Sicherheit köstlich finden. Das Essen musste jetzt nur noch vor sich hin köcheln, dennoch schaffte ich es irgendwie, dass es in die Luft flog. Ich schwöre, ich habe nicht gezaubert, aber vielleicht war ja der altmodische Gasherd verzaubert.
„Peter es ist unglaublich, dass sie es sogar schaffen, das Essen in die Luft zu sprengen“, kommentierte Nightingale das ganze Geschehen. Nightingale und ich verständigten uns dann darauf, dass wir uns doch was vom Chinesen holten, Molly servierten wir unsere Kreation. Sie aß einen Happen und kaute kurz darauf herum. Nightingale strahlte Molly an und betonte immer wieder, wie viel Mühe wir uns gegeben hatten. Ich konnte mir das Grinsen kaum verkneifen.
Als wir gingen drehte ich mich noch schnell zu Molly um und konnte sehen wie sie das Essen wieder auf den Teller ausspuckte.
Am nächsten Tag erwartete uns noch der ganze Haufen an Wäsche im Keller. Nachdem ich gesehen hatte, dass es im Folly nur ein Waschbrett mit einer Art Kurbel gab, schlug ich Nightingale vor, eine Waschmaschine zu kaufen.
„Wir haben doch eine Waschmaschine“, sagte er.
„Nein Sir, dass ist ein Waschbrett mit einer Kurbel“, widersprach ich.
„Zu meiner Zeit nannte man das eine Waschmaschine.“ Ich erklärte ihn was ich unter einer Waschmaschine verstand und er fand, dass es eine gute Investition sei. Leider hatte ich schon wieder verdrängt, was es hieß mit Nightingale einkaufen zu gehen, obendrein auch noch in einen Elektronikmarkt. Fasziniert stand er vor all den großen 'Fernsehgeräten' und fragte mich verblüfft, wo denn der Unterschied zwischen all diesen Geräten läge. Ich konnte es ihm so genau auch nicht sagen, drängte aber zu den Waschmaschinen, da ich keine Lust hatte den ganzen Tag hier zu verplempern. Auf dem Weg zu den Waschmaschinen entdeckte er noch Wasserkocher, Kaffevollautomaten („Oh solche habe ich auch schon im Restaurant und im Café gesehen“) und viele andere Sachen. Zu meinem Unglück fand uns ein Verkäufer und mein Boss ließ sich jeden Unterschied erklären. Nach drei Stunden war es vollbracht und ein Top-Exemplar ausgewählt, inklusive Lieferung, denn eine Waschmaschine packt man nicht einfach so in einen Mark II. Die Lieferung erfolgte noch am selben Tag und ich konnte den Lieferanten ansehen, dass sie sich fragten: „Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?“ Sie warfen mir einen zusätzlich entsetzten Blick zu, als sie die alte 'Waschmaschine' sahen und eilten wieder von dannen.
Am nächsten Tag war Molly dann, Gott sei Dank, wieder auf den Beinen und zum Einsatz bereit. Nightingale erklärte ihr die Waschmaschine und Molly schien ehrlich entzückt zu sein.
Am Abend sagte Nightngale dann zu mir: „Peter, ich muss wirklich sagen, es war eine interessante Woche, ich habe so viel gelernt und gesehen, ich hätte das Folly wirklich eher verlassen sollen. Aber wer weiß vielleicht wird Molly ja irgendwann wieder krank?“ Ich betete ab jetzt jeden Abend, dass Molly nie wieder krank werden würde.
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