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Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
35
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12.05.2015 1.141
 
Sauons Rechte streifte ungesehen mein Bein, sein Blick wurde eindringlicher. „Ich verzeihe dir“, sagte er. Er verzieh mir meinen Verrat, er glaubte an mich und so ich an ihn. Mit einer einzigen fließenden Bewegung, fuhr ich mit dem Dolch über Mairons Hals.

Ich ließ das Messer fallen, das Blut quoll hervor. Was hatte ich getan? Nein, schrie es in mir. Nein. Doch kein Ton drang nach außen. Verzweifelt drückte ich die Hände auf den Schnitt, doch es hörte nicht auf zu bluten. Meine Finger waren rot und es war meine Schuld, ich hatte ihn getötet, den Mann, den ich liebte.
Schluchzend beugte ich mich über ihn, sah dabei zu, wie das Feuer in Mairons Augen erlosch. Ich drückte meine Lippen auf die Seinen, ununterbrochen murmelte ich Entschuldigungen, doch er konnte mich nicht hören. Er tat seinen letzten Atemzug und endlich konnte ich schreien. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib, es tat mir so leid.
Ich hielt den leblosen Körper fest in den Armen, küsste immer wieder seine Lippen und die noch warme Stirn. Nie würde ich ihn loslassen, nie.
Ich spürte, wie mich Hände sanft bei der Schulter packten, ich sah hoch und direkt in Faramirs blaue Augen. Sanft versuchte er mich von Mairons Körper zu lösen, ich wollte ihn nicht loslassen. Doch der Bibliothekar war stärker als ich, ich ließ Mairon los, um Faramir wegzuschubsen. Dieser nutzte die Chance und riss mich hoch. Ich versuchte mich von ihm loszureißen, doch es gelang mir nicht. So gab ich auf und ließ mich in seine Arme sinken, ich hörte sein Herz schlagen und fühlte mich sicher.
Mein Kopf wurde wieder klarer, ich hatte Mairons Körper getötet, doch nicht ihn. Sein Geist war noch immer lebendig, ich musste ihn nur finden. Ich hatte aufgehört zu weinen und löste mich nun von Faramir.
Mit einem traurigen Blick sah er mich an. Auch ich sah ihm in die Augen. Ich liebte Sauron, aber auch Faramir war mir alles andere als egal. War es möglich, dass ich mich in zwei Männer verliebt hatte? So etwas gab es doch nur in Büchern, andererseits war ich in einem Buch…
„Du hast das richtige getan“, sagte Faramir sanft und strich mir über die Wange.
„Ich weiß“, antwortete ich. Und es war wirklich so, auch wenn Faramir seine Worte anders gemeint hatte. Ich achtete nun zum ersten Mal wieder richtig auf meine Umgebung. Die Soldaten waren damit beschäftigt, die letzten sich wehrenden Orks in Schach zu halten, während andere angefangen hatte, die Sterbenden zu erlösen.
Ich musste mich nun konzentrieren, ich hatte eine Aufgabe. Es kostete mich etwas Überwindung auf Mairons Körper zu blicken. Es war nur der Körper, redete ich mir ein. Mairon war fort, aber nicht für immer, wenn ich es richtig tat. Mein Blick wanderte zu seiner rechten Hand, er trug noch immer den Handschuh, auch wenn er blutverkrustet war.
Entsetzten packte mich, er trug nur den Handschuh, der Ring steckte nicht an seinem Finger. Ich wirbelte zu Faramir herum und schrie ihn an: „Wo ist er? Wo ist sein Ring?“
Faramir sah mich erstaunt an, doch er antwortete ruhig: „Sie bringen ihn zum Schicksalsberg, wo er zerstört werden soll.“
„Nein“, hauchte ich. Das konnte nicht sein, wenn der Ring zerstört werden würde, würde ich meinen Mairon niemals wieder sehen. Ich achtete nicht mehr auf Faramir, sondern sah hoch zum Himmel. Die Nazgûl ritten noch immer auf ihren Flugtieren, das hieß der Ring war noch nicht zerstört. Laut rief ich in der dunklen Sprache Mordors nach dem Fürsten der Nazgûl. Sogleich ging dieser in den Sinkflug und landete nur wenige Meter vor mir entfernt.
„Bring mich zum Orodruin!“, befahl ich noch immer in der Sprache Mordors sprechend. Es kümmerte mich nicht, dass Faramir bei dem Klang meiner Stimme zusammenzuckte. Ich hatte mich entschieden und das nicht für ihn.
Der Oberste der Ringgeister, ließ mich auf sein Flugtier steigen und schneller als jedes Pferd erreichten wir den Eingang des Schicksalsberges, die anderen Nazgûl waren uns gefolgt. Ich glitt vom Rücken des Tieres und stürmte hinein.

Es war heiß im Berg, immer wieder stoben Funken auf und Lava spritzte bis über den Rand der Plattform. Noch nie war ich hier gewesen, an dem Ort, der nicht nur Mairons, sondern auch mein Schicksal geprägt hatte.
Ich war zu spät, ich erkannte es. Frodo stand am Abgrund in seiner Hand glänzte der Ring. Ich schrie und stürzte auf ihn zu. Sam, Aragorn und die anderen bemerkte ich nicht einmal, als ich an ihnen vorüber stürzte. Éomer wollte mich packen, doch er war zu langsam, genau wie ich.
Frodo ließ den Ring los, er fiel. Einen Moment glänzte er und die Inschrift leuchtete ein letztes Mal auf. Entsetzt sah ich zu, wie er in Zeitlupe aus meinem Sichtfeld entschwand. Noch während ich zu dem Hobbit rannte, sah ich aus dem Augenwinkel eine andere Gestalt.
„NEEEIIIIIN!!!! MEIN SCHAAAATZ!“ Sméagol. Auch er war zum Abgrund gestürzt und warf sich nun dem Ring hinterher. Kein Schmerzensschrei oder Platschen war zu hören, ich sah wie er stumm in der glühenden Lava verschwand.
Das gab mir den Rest, zwei der Wesen, die ich in dieser Welt am meisten liebte, waren nun verloren. Für immer waren sie fort. Mairon würde ohne den Ring nicht wiederkehren können. Ich hatte versagt.
Am Abgrund sank ich in die Knie, Tränen wollten mir über die Wangen. Gleich würde der Vulkan ausbrechen und Mordor verschlingen, doch es war mir egal. Ich würde hier sitzen bleiben und bald bei meinem Mairon sein. Wenn wir schon nicht im Leben vereinigt werden konnten, so doch wenigstens im Tod.
„Du musst es tun, Tinúviel“, hörte ich Frodo neben mir schreien. Mit verschleiertem Blick sah ich zu ihm auf. Der Berg war in Aufruhr, doch er brach nicht aus. Ich sah hinter mich und das Herz blieb mir beinahe stehen, die Ringgeister hatten sich vor dem Eingang postiert, sie waren noch da. Aber warum?
Verwirrt sah ich noch einmal zu Frodo.
„Wirf ihn ins Feuer. Dein Ring trägt einen Teil von ihm in sich, solange nicht beide Ringe zerstört sind, wird Sauron weiterleben“, rief er voller Panik. Doch das, was ihm und den anderen so viel Angst machte, war meine Rettung. Es stimmte, ich trug einen Teil von Mairon an meinem Finger. Ich hatte seine Erinnerungen gesehen und ich würde den Einen neu schmieden können. Ich war dazu in der Lage, meinen Mairon zurück zu bekommen.
Aragorn und Éomer stürmten auf mich zu, ich sah zu den Nazgûl. „Haltet sie auf!“, befahl ich, sie gehorchten.
„Was soll das Tinúviel?“, schrie Sam mich nun an. „Du musst den Ring wegwerfen, sonst kommt er zurück. Alles wäre umsonst.“
Ich erhob mich, das Feuer beleuchtete mich von hinten und ich sah die Angst in den Augen der Hobbits. Sméagol war verloren, doch Mairon konnte ich retten.
Siegesgewiss öffnete ich den Mund und fiel.



ENDE DES ERSTEN TEILS
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