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Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
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11.05.2015 3.745
 
Voller Abscheu betrachtete ich Saurons Machenschaften während des dritten Zeitalters. Er war nun kein Mann mehr, nicht mehr der Gutaussehende Krieger, als den auch ich kennen gelernt hatte. Er war ein Geschöpf in einer grauenerregenden Rüstung mit schwarzer Haut und glühenden Augen. Oft hatte ich seine Augen in Flammen stehen gesehen, aber immer hatte ich einen Funken von seinem ehemaligen ich darin erkennen können, egal wie wütend er gewesen war. Der Wandel der Welt durch den Ilúvatar, der Untergang Númenors und der Verlust seines Körpers hatten Sauron geprägt und ihm vollkommen seine Menschlichkeit genommen, den Rest Güte, den er noch hatte. Mich schmerzte es, seinen Hass zu spüren, seine Verachtung für die Welt und vor allem dieser brennende Wunsch nach Macht.
Ich beobachtete all die Jahre, für ihn waren die mehr als einhundertfünfzig Jahre nur ein Wimpernschlag, so auch für mich. Und schließlich war es soweit. Das Ende des zweiten Zeitalters war gekommen, das letzte Bündnis von Menschen und Elben besiegelt.

Sieben Jahre lagerten sie nun schon vor seinem Turm, vor meiner zukünftigen Heimat. Viele waren auf ihrer Seite gestorben, doch auch viele starben auf der Seite des dunklen Herrschers. Es würde nicht mehr lange dauern, ich spürte, dass Sauron selber diese Erkenntnis hatte. Er würde handeln müssen, denn bald würde es zu schwach sein, seine Armee zu schwach sein, die Feinde zu bekämpfen. Es nagte an seinem Stolz, dass so ein paar lausige Elben und Menschen ihn, den großen Feldherrn von Melkor, gefährlich werden konnten. Andererseits hatte er selber noch nicht in diesen Kampf mit eingegriffen.
Sein Entschluss stand fest, er würde Barad-Dûr verlassen müssen, sie würden keine Chance gegen ihn selber haben, sollten diese widerlichen Kreaturen doch versagen, sollten alle seine Orks geschlagen werden, er selber war unbesiegbar, nicht einmal dem großen Ilúvatar war es gelungen, ihn zu besiegen.
Sein Schwert gezogen trat er vor das Portal, er sah das feindliche Heer vor sich und musste zugeben, dass sie doch ein würdiger Gegner waren.
Die Schlacht war hart, er wusste nicht wie viele er erschlug, aber ich spürte, dass es ihm wie alles andere auch egal war. Es interessierte ihn nicht, wie viele wegen ihm sterben mussten, nur der Sieg war wichtig, denn so würde er die vollkommene Herrschaft erlangen. Seine Feinde wichen Meter um Meter zurück, das Gelände stieg an und sie kamen dem Schicksalsberg immer näher. Was für ein passender Name, dachte ich einmal wieder, während ich neben Sauron herliefe oder schwebte? So viele Schicksale wurden auf diesem Berg entschieden, wären wir in meiner Welt hätte es mich nicht verwundert, hier einen Tempel der griechischen Schicksalsgöttinen, der Moiren, zu finden.
Ich spürte Saurons Siegeswillen in mir, doch mir bangte es. Ich wusste, wie es endete und auch wenn dieser sauron, nichts mit meinem Mairon mehr zu tun hatte, musste ich doch voller Schrecken mit ansehen, wie Gil-galad, Elendil, Elrond  Círdan und Isildur sich ihm näherten, sie alle waren ihm ebenbürtige Gegner, doch Gil-galad und Elendil fielen. Sauron war sich nun siegesgewiss, er zweifelte nicht mehr im Geringsten an seinem Sieg und das war sein Fehler, der Fehler, der ihn schon so oft zu Fall gebracht hatte und ihn in tausend Jahren immer und immer wieder unterlief. Siegesgewiss und voller Stolz achtete er nicht auf den Sohn des soeben Erschlagenen.
Ich spürte Saurons vollen Schmerz, einen Schmerz, den er zuvor niemals verspürt hatte, ich spürte, wie der Tod nach ihm griff, doch seine Lebensenergie war an den Ring gebunden, noch war er nicht tot. Isildur hatte ihm den Finger abgeschnitten, Sauron hatte den Ring verloren und war zusammengebrochen. Wieder tat er das einzige, was er tun konnte: er floh.

Noch lange währte der Schmerz, der ihn durch den Verlust des Einen beigefügt worden war. Viele Jahre brauchte er, um wieder zu erstarken. Er wanderte körperlos durch den Osten. Doch sein Wille hielt ihn aufrecht. Wie gerne würde ich Sauron mich zeigen. Er war immer noch Sauron, doch immer wieder blitzte mein Mairon hindurch, einfache Augenblicke, in denen er sich seinem Schmerz hingab, in dem er sich nach etwas sehnte, was er selber nicht zu benennen wusste oder wo er an die Zeiten bei Aule dachte, die Schönsten seines Lebens, wie er tief im Innern empfand. Wie gerne hätte ich ihm gesagt, dass alles gut werden würde, dass ich für ihn da war und ihn verstand. Doch ich war nur eine Beobachterin seiner Erinnerung, nichts weiter.

Sauron erstarkte wieder, er rief seine Ringgeister zu sich und wurde einer von ihnen. Eine schattenhafte Erscheinung, die nur auf einer anderen Ebene feste Formen hatte. Er erbaute Dol Guldur, der Grünwald wurde zum Düsterwald.
Viele Jahre lebte er unerkannt in seiner neuen Festung. Er empfand sie als armselig, doch zurück nach Mordor konnte er nicht. Sie hatten Barad-Dûr geschliffen, nur die Grundfesten standen noch, die Eingänge zum Land im Osten wurden bewacht, keiner hatte Zutritt, obwohl sich die meisten in Sicherheit wiegte, wenige glaubten, er hatte überlebt.
Unbemerkt suchten seine Diener Arda nach dem Einen ab. Ich spürte Saurons Besessenheit von dem Ring. Doch es war verständlich, er hatte einen Teil von ihm selbst in diesen Ring verschlossen, was sollte man anderes wollen, als sich selbst?
Fünfhundert Jahre versteckte Sauron sich in seiner Festung, bis der weiße Rat endlich auf ihn aufmerksam wurde.

Als Erinnerung folgte ich Sauron, der als Schatten durch die Festung wanderte, ich konnte seine wahre Gestalt sehen, denn er verbarg sich in der Schattenwelt. Ich beobachtete mit ihm, wie er die Ankunft Gandalfs sah, der restliche weiße rat würde bald folgen wie er sie belächelte, dass sie noch immer in ihrer Einfältigkeit dachten, ihn besiegen zu können. Selbst Saruman, der ihm vorzugaukeln versuchte, ihm treu zu sein, glaubte, dass er ihn besiegen könnte, wenn der Eine gefunden wäre. Dass Saruman den Ring an sich reißen könnte, was für ein Narr.
Ich spürte, wie Sauron es fühlte. Er wurde beobachtet, nicht durch den Zauberer, sondern durch eine ihm noch fremde Macht. Mit ihm sah ich mich um, ich konnte nichts auf dieser Ebene erkennen. Doch da war etwas in der anderen Ebene, etwas was vor dem Rest der Welt verborgen blieb, doch Sauron sah es, er sollte es sehen. Er hielt inne, als sich die Gestalt im Schatten festigte. Man konnte nur den Umriss erkennen, es schien eine Frau zu sein. Ich spürte Saurons Verwunderung, er wollte diese Frau angreifen. Ein paar Worte in der dunklen Sprache und ein qualvoller Fluch traf die Frau, doch diese wischte den Zauber einfach zur Seite, als sei er nichts. Wer war sie?
„Wer bist du?“, fragte Sauron.
„Jemand, der dir helfen will“, antwortete die Frau. Beim Klang ihrer Stimme wurde mir unwohl. Sie klang so vertraut und doch anders.
„Zeige dich!“, befahl Sauron.
Die Frau antwortete nicht. Ein leichtes Licht umgab sie nun, noch immer warf sie nicht mehr, als ein Schatten, doch nun konnte Sauron ihre Augen sehen. Er erkannte sie nicht, war wütend, dass sie sich seinem Befehl widersetzte. Doch ich erschrak, ich kannte diese Augen. Jedes Mal wenn ich mich im Spiegel betrachtete, blitzen sie mir entgegen. Ich war sie. Aber wie konnte das sein? Wie konnte ich in Saurons Erinnerungen sein? Ich war doch erst so viele Jahre nach diesem Ereignis in seine Welt getreten. Ich konnte unmöglich sie sein, ich musste mich irren, vielleicht hatte diese Frau nur so ähnliche Augen wie ich. Ich konnte jemanden doch nicht nur an den Augen erkennen wollen. Nein, das war ich nicht, das war irgendjemand, aber nicht ich.
„Wenn sie dich besiegen wird, ziehe dich zurück. Folge deinem Plan und gehe nach Mordor, dieses kleine Kraftspiel wird dir nichts bringen. Aber in Mordor wirst du alles erreichen können, alles
„Wer bist du, dass du wagst, mir Befehle erteilen zu können? Mir sagen zu wollen, ich solle fliehen und, dass Großes auf mich wart?“
„Eines Tages, werden deine Fragen beantwortet werden. Noch nicht jetzt. Ich bitte dich um deiner und um meiner Zukunft willen, ziehe dich zurück, verlasse Dol Guldur, sodass die glauben, sie hätten dich geschlagen, du hättest dich zurückgezogen. Lasse den Nekromanten sterben und werde wieder zum Herrscher.“
Saurons Widerwille gegen mi… gegen die Frau, spürte ich nur allzu deutlich. Doch er bekam keine Chance ihr zu antworten.
Ich achtete kaum auf den Kampf zwischen Sauron und dem weißen Rat. Ich wusste, wie es ausgehen würde und auch Sauron Gefühle beim Kämpfen waren mir nichts Neues mehr. Diese Frau fesselte meine Gedanken, wer war sie? Warum erinnerte sie mich an mich selber? Würde ich es irgendwann erfahren?
Ein schmerzhaftes Ziehen brachte mich wieder in die Gegenwart, nun ja, die Gegenwart die ich in Saurons Erinnerungen gerade erlebte. Galadriel und Sauron maßen ihre Kräfte, er war zu geschwächt, um ihr standhalten zu können. Doch ich merkte, dass er nicht seine gesamten Kräfte einsetzte, die ihn trotz seines geschwächten Zustandes zur Verfügung standen. Er dachte an die Worte der Fremden und entschied sich ihnen zu folgen. Natürlich sagte er sich, dass er nicht ihren Worten folgte, er hatte das von Anfang an geplant und es war nun einmal deutlich die beste und sinnvollste Entscheidung.

Es war erstaunlich zu sehen, wie Sauron aus dem Nichts erneut ein Heer aufstellte, wie er aus dem verfallenen Land Mordor erneut das Zentrum seiner Herrschaft machen würde. Diesmal kannte ich das Ende jedoch nicht.
Ich sah die zahlreichen Schlachten, die der Krieg mit sich brachte, wie Menschen, Elben und anderer immer mehr zurück gedrängt wurden, wie die Orks vorpreschten. Ich spürte Saurons Abscheu für Melkors Kreaturen, dennoch bediente er sich ihrer aus Mangel an Alternativen. Ich sah wie die Schlacht vor den Pforten des Morannon begann und wie die Orks ein vorerst letztes Mal gegen die freien Völker kämpften. Doch Sauron interessierte es nicht, sein Augenmerk lag auf dem Schicksalsberg. Ich beobachtete mit ihm die zwei kleinen Gestalten, die sich immer näher den offenen Feuern näherten und auch die andere Gestalt, die ihnen auf allen Vieren folgte.
Die Nazgûl griffen nicht in die Schlacht vor dem schwarzen Tor ein, sie kreisten über der Ebene von Gorgoroth, bereit einzugreifen. Ich sah nicht, was genau in den Feuern des Berges geschah, doch ich sah, wie der Hexenkönig von Angmar auf einmal mit seinem Flugwesen hinab stieß und ebenfalls den Berg betrat.
Es schein eine Ewigkeit zu dauern, doch er verließ den Vulkan schließlich wieder, Sauron war aufgeregt, eine spannungsvolle Vorfreude hatte ihn ergriffen und er sollte nicht enttäuscht werden.

Der Hexenkönig betrat die Schattenebene und ging vor seinem Herrn und Meister auf die Knie. War Sauron auch nur ein großes, feuriges Auge, hier auf der anderen Ebene war er wie eh und je ein Abbild seines früheren Körpers. Der Fürst der Nazgûl streckte mit gesenktem Haupt seine Hand aus, auf der der eine Ring lag. Sauron zögerte einen Moment, er wollte den Triumph bis ins letzte auskosten. Dann griff er nach dem Ring, sobald er ihn berührte, durchfloss ihn die Macht, die er so lange gemisst hatte. Er streifte sich den Ring über und nun durchströmte ihn seine ganze Macht. Er hatte seine Lebensenergie wieder gewonnen, ich sah auf der anderen Ebene, wie das Auge verschwand. Gespenstige Stille hatte sich über die Welt gelegt, die Schlacht der freien Völker war zum erliegen gekommen. Jeder fragte sich, was passiert sei. Wo war Sauron hin? War er zerstört worden?
Die schwarzen Stützen, zwischen denen Saurons Gestalt gehangen hatte, ragten bedrohlich in den Himmel, in ihrer Mitte kniete Sauron am Boden. Es war für ihn fremdartig, wieder in seinem ursprünglichen Körper zu sein, er war sich nicht sicher, warum er gerade diesen gewählt hatte. War seine Gestalt als Annatar doch viel prachtvoller gewesen. In der Kleidung, die er beim Untergang von Númenor getragen hatte, richtete er sich auf, sein Schwert glühte in dem Dämmerlicht Mordors. Als ich ihn so aufrecht auf der Spitze Barad-Dûrs stehen sah, durchströmte mich ein Gefühl der Macht und auch des Stolzes. Dieser Mann war meiner.

Ich dachte, es wäre nun zu Ende, dass ich wieder auf das Schlachtfeld zurück geschickt werden würde, doch zu meiner Verwunderung war es nicht so. Ich konnte weiterhin mit ansehen, wie Sauron seine Herrschaft weiter ausbaute.
Vieles davon kam mir bekannt vor, wenn der dunkle Herrscher selber oder Faramir davon berichtete hatten, auch von Aragorn oder einem der anderen der Gefährten, hatte ich so manches erfahren. Aber warum zeigte Mairon mir noch immer seine Erinnerungen? Worauf wollte er hinaus?

Sauron schritt mit festen Tritten durch die Gänge der Kerker, der Geruch und das Elend war erbärmlich. Er sollte sie alle hinrichten lassen, der Tod war besser als das leben in Elend, viele von diesen Kreaturen hatten nichts anderes verdient.
„Es sind zu viele, Meister. Wir haben keinen Platz mehr, wir müssen noch ein weiteres Stockwerk graben“, sagte der Oberste Kerkermeister.
Ich spürte Saurons Unwillen und seine Verachtung für diese Kreatur. Gereizt antwortete er: „Ihr habt nicht zu viele Gefangene, ihr habt zu viele Tote.“
„Aber, Meister, es sind immer noch zu viele. Wir haben nicht genug Platz für alle.“
„Dann tötet die, die ihr nicht mehr braucht. Ich habe einen Krieg zu führen, ich kann mich nicht noch um eure dreckigen Orkgeschäfte kümmern.“
„Aber Meister…“
„Fangt in dieser Zelle an, sie sehen alle sehr tot aus. Verbrennt die Körper!“ Sauron beobachtete, wie die Zelle aufgeschlossen wurde und die ersten Leichen herausgeschafft wurden. Wie erbärmlich sie doch waren, so viel mehr als Orks. Er wollte sich schon abwenden, als ihm eine der Leichen ins Auge fiel. Man konnte trotz des Drecks immer noch die rote Farbe ihres Haares erkennen, ihre Haut war bleich und sie war abgemagert. Das alles war nichts besonderes, doch ihre Augen waren es. Sie sahen sich hektisch um, als hoffte sie, noch gerettet werden zu können. Diese Augen, er würde sie stets wieder erkennen, das satte Grün und das Leben in ihnen, trotz ihrer Situation. Ich sah, was Sauron fühlte, als er mich wie ich damals dachte, zum ersten Mal sah. Endlich verstand ich, warum er mich gerettet hatte, er hatte das gesehen, was auch ich in Dol Guldur gemeint hatte, zu erkennen. Er dachte, ich wäre diese Person, die Fremde, die ihn gewarnt hatte, die er all die Jahre nicht hatte vergessen können. Ein dummer Irrtum hatte also mein Leben gerettet, nicht Vorhersehung oder Schicksal, sondern eine Fehler, eine Verwechslung.

Ich sah mich selber, wie Mairon mich das erste Mal küsste, wie er mich rettete und immer wieder verteidigte. Seine Gedanken waren fast immer von mir beherrscht und ein merkwürdiges Gefühl ergriff ihn, wenn er an mich dachte. Von Anfang an hatte Mairon also was für mich empfunden, nicht Liebe, aber dennoch etwas, was mich wichtiger gemacht hatte, als alle anderen Lebewesen Mittelerdes.
Es war nach dem Kampf im Süden, Mairon hatte erfahren, was geschehen war, was ich getan hatte. Und er war unglaublich wütend, nicht weil ich ihm nicht gehorcht hatte, sondern weil ich in Gefahr gewesen war. Seine Sorge um mich machte ihn verrückt, denn noch war ich bewusstlos in meinem Zelt. Nach außen hin versteckte er seine Gefühle, doch in seinem Inneren tobten sie.
Ich sah mich selber das Ratszelt betreten, zuckte zusammen, als ich sah, wie Mairon mich schlug. Ich spürte, wie Mairon es noch im selben Moment bereute. Wie gerne er mich geheilt hätte, es aber nicht konnte. So sehr es ihn selber schmerzte, er musste es mir beibringen, mir durfte nichts geschehen.
Dies war nur einer von vielen Momenten. Immer, wenn ich gedacht hatte, Mairon würde mich bestrafen und ein kaltherziger Bastard sein, sorgte er sich um mich. Jedes Mal, nachdem er mich verletzt hatte, bereute er es schon wieder. Er wollte mich küssen und beruhigen, tiefe Reue empfand er, doch nicht einmal gab er dem nach. Denn ich musste es lernen, ich musste lernen, ihm zu gehorchen, denn er wusste, was das Beste für mich war.

Die Arbeit im Schicksalsberg war aufwendig gewesen, lange hatte er mit sich gerungen und sich doch letztendlich entschieden. Er hatte den Ring für mich geschmiedet. Mit Sorgfalt hatte er über Form und Material nachgedacht, was zu mir passte und was mir gefallen würde. Wochenlang hatte er in seinen Gemächern gebrütet, welcher Spruch passen würde. Welcher Schwur auf mich zutraf, ihm meine Unterstützung gewährleistete und mich dennoch frei ließ. Denn der Spruch aus dem Ring war, wie ich schon immer vermutet hatte, nicht einfach nur Worte, sie waren ein bindendes Versprechen, was von beiden Seiten eingehalten werden musste.
Jetzt erst spürte ich, wie viel Macht Mairon meinem eigenen Ring gegeben hatte. Es war für ihn ein spürbarer Verlust und ich fühlte Reue darüber, wie wenig ich sein Geschenk beachtet hatte, wie wenig ich es zu schätzen gewusst hatte.
Ich empfand mit ihm das tiefe Gefühl der Verbundenheit, als ich das erste Mal den Ring am Finger trug, natürlich hatte ich damals ein ähnliches Gefühl verspürt. Doch bei ihm war es so viel intensiver, er war so lange alleine gewesen und endlich nach all den Jahrtausenden war wieder jemand bei ihm. Ich war ihm näher gekommen, als je jemand zuvor und dennoch empfand er mich nichts als Bedrohung. Hätte ich in Mairons Erinnerungen einen festen Körper gehabt, wären mir nun Tränen über die Wangen gelaufen, doch in meinem jetzigen Zustand war es mir nicht möglich.
Voller Sehnsucht betrachtete ich die ersten Monate, nachdem ich den Ring von Mairon erhalten hatte, wie er sich um mich sorgte und ich ihn liebte. Die tiefe Verbundenheit, die er für mich empfand und die Eifersucht, die er verspürte, wenn ich mit Faramir beisammen war. Es war merkwürdig zu sehen, dass Mairon eifersüchtig war. Er war sich so selbstsicher und hätte Faramir nie als Gefahr angesehen und dennoch konnte er das nagende Gefühl nicht abschalten, so irrational er es auch empfand. Er war sich meiner Liebe sicher und wusste, ich würde alles für ihn tun zu dieser Zeit, so wie es damals auch gewesen war. Er war ao unglaublich stolz auf mich.

Und dann kam der Moment, der alles zerstört hatte. Er war gereizt, furchtbar wütend an diesem Tag. Er war eifersüchtig auf Faramir und hasste Sméagol dafür, dass diese armselige Kreatur es schaffte und zu entzweien. Dass ich mich für ihn entschieden hatte und nicht für Mairon. Das Feuer brannte in ihm immer heiß, so sehr er auch mein Mairon war, ein Teil würde immer Sauron bleiben. Annatar, Nekromant und all die anderen Namen waren eine Fassade, doch Mairon und Sauron die waren real, sie waren der ständige Kampf, den er mit sich selber führte.
Ich beobachtete mich selber, wie ich den Ratssaal verließ, nachdem so verhängnisvollen Streit. Mairon spürte, dass etwas in mir zerbrochen war, dass er zu weit gegangen war. Und es diesmal mehr brauchen würde, damit ich ihm wieder verzieh. Er ahnte nicht, wie sehr er mich damals verletzt hatte, wie sehr ich ihn dafür hasste, was er Sméagol und auch mir angetan hatte. Ununterbrochen dachte er darüber nach, war am Abend besonders sanft zu mir und als ich mich ihm scheinbar normal gab, glaubte er mir, dass ich ihm verziehen hatte. Ich erkannte in seinen Erinnerungen, dass seine Selbstüberzeugung ihn erneut zu Fall gebracht hatte. Er war sich zu sicher gewesen, dass ich ihn liebte und ihn niemals verraten würde. Sein Wunsch, dass ich für immer bei ihm war, trübte seine Schärfe und schob den Argwohn zur Seite, den in jedem meiner Blicke sah. Er ließ das alles nicht an sich heran, egal wie offensichtlich mein Hass war.

Der Rest unseres Zusammenseins zog wie ein fremder Film an mir vorbei. Ich fühlte mich so sehr außen vor, wie nie. Mairon liebte mich, ich sah es bei jeder seiner Handlungen und ich hatte es damals einfach ignoriert. Nicht sehen wollen, wie tief seine Gefühle waren und mich in meinem Hass verstrickt. Der Spaziergang auf der Mauer mit Faramir, Meirons Eifersucht dabei und seine Sorge über meinen Zustand. Er wollte mir helfen, obwohl es ihn verletzte, dass ich nicht mehr fühlen wollte. Denn es bestand die Gefahr, dass er meine Liebe verlieren würde. Dennoch half er mir.
Und schließlich waren wir auf dem Feld. Wieder zurück in der Gegenwart. Noch immer war ich in Mairons Kopf, doch ich sah keine Erinnerungen mehr.

„Kannst du mir vergeben?“, fragte Mairons Stimme. Endlich konnte ich direkt zu ihm zu sprechen.
„Es gibt nicht zu vergeben. Aber kannst du meinen Verrat verzeihen?“ Wie sehr wünschte ich mir zu weinen.
„Du kennst nun meine Geschichte. Du weißt mehr über mich, als jemals jemand zuvor.“
„Warum hast du dich nur nicht geschützt? Warum hast du nicht wie bei mir, deine Rüstung mit einem Zauber belegt?“
„Stolz und Überheblichkeit“, ich hörte das Lächeln aus Mairons Stimme.
„Aber du bist nicht tot, ich kann dich retten, oder?“
„Mein Körper ist verloren, doch nicht mein Geist. Du musst meinem Körper ein Ende bereiten und dann mich erneut zurückholen.“
„Ich soll dich töten?“, fragte ich voller Grauen.
„Nein, nur meinen Körper. Mein Geist wird von hier fliehen, ich weiß nicht wohin. Suche mich und gebe mir den Ring, dann werde ich erneut zurückkommen. Denn solange auch nur ein kleiner Teil von mir existiert, kann ich nicht vergehen.“
Ich sagte nichts, doch Mairon spürte meine stumme Zustimmung. Was sollte ich auch anderes tun? So wie die Dinge standen, konnten wir nicht gewinnen. Wenn ich ihn jetzt ‚tötete’, würden die anderen noch immer glauben, ich wäre auf ihrer Seite, sie würden mir den Ring überlassen und ich konnte mich auf die Suche begeben. Mordor würde nicht untergehen, ich würde mich um Mairons Reich kümmern, wie ich es so oft zuvor getan hatte.
„Löse die Ringe“, sprach Mairon.
Ich tat wie geheißen und löste unsere verschränkten Finger voneinander. Mit einem Ruck war ich wieder auf dem realen Schlachtfeld. Um mich herum war es noch immer unnatürlich ruhig. Die gesamte Aufmerksamkeit lag auf uns. Endlich konnte ich weinen und die Tränen flossen, meine Sicht war verschwommen und es brauchte mehrere Anläufe bis ich endlich gefunden hatte, was ich suchte.
Mit zitternden Fingern löste ich den Dolch, den ich in Minas Tirith erworben hatte von meinem Oberschenkel und zog ihn aus der Scheide. Ich hielt ihn über Mairons Kehle, tat jedoch nichts. Er sah mir in die Augen und ich in seine, das Feuer war erloschen. Glut schwelte in ihnen, eine beruhigende, liebevolle Glut, die nur mir galt. Ich würde es nicht tun können, ich senkte den Dolch wieder.
Sauons Rechte streifte ungesehen mein Bein, sein Blick wurde eindringlicher. „Ich verzeihe dir“, sagte er.
Er verzieh mir meinen Verrat, er glaubte an mich und so ich an ihn. Mit einer einzigen fließenden Bewegung, fuhr ich mit dem Dolch über Mairons Hals.
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