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Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
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13.04.2015 2.387
 
Hoch erhobenen Hauptes ritt ich auf Lómes Rücken durch das Schwarze Tor. Die Wächter hatten uns frühzeitig erkannt, weshalb wir nicht vor dem Tor warten mussten, bis es geöffnet wurde. Sie öffneten sogar das große Tor, nicht das Kleine, welches darin eingebettet war. Das große Tor wurde nur für das Heer, Sauron persönlich und, seit ich den Ring besaß, mich geöffnet. Eine seltene Ehre also.
Ich wartete nicht bis sich das Morannon schloss, ich war mir nicht sicher ob ich den Anblick meiner verlorenen Freiheit ertragen konnte. Wir ritten schweigend durch die Ebene von Udûn und auch als wir die Türme des Isenmaul durchquerten, gab nicht mal Sméagol einen Ton von sich. Wenn ich auch nicht wusste, was Khamûl fühlte, so wusste ich, dass zumindest Sméagol genauso unglücklich war, wieder in Mordor zu sein, wie ich.
Die Ebene von Gorgoroth schien mir noch trostloser, als damals. Ich hatte drei Monate voller Sonne und frischer Luft hinter mir, die stickige Hitze, dieses triste grau und die Leblosigkeit des Landes, machten mir deutlich, was ich außer meiner Freiheit noch verloren hatte. Nur der Gedanke, dass es nicht für immer war, dass ich spätestens in einem Jahr wieder draußen sein konnte, ließ mich mein Elend ertragen.
Barad-Dûr rückte nun immer dichter und umso dichter es kam, umso dichter wir kamen. Desto mehr versteifte ich mich, ich hatte unlängst meine Maske aus Kälte und Emotionslosigkeit wieder aufgesetzt, denn noch konnte ich meine Gefühle nicht beherrschen.

Unser doch recht merkwürdiges Gespann betrat den Vorplatz. Ich vorne, Sméagol zu den Hufen der Pferde und Khamûl rechts hinter mir. Nichts hatte sich verändert, schwarzer Stein, grauer Himmel.
Ich ließ meinen Blick über die Anwesenden gleiten, alle Ratsmitglieder waren anwesend, auch einige neue Gesichter, die die ersetzten, die nicht gut gearbeitet hatten. Auch einige ranghöhere Diener standen bereit, um Befehle entgegen zu nehmen, sowie Soldaten und Orks. Kurz streifte mein Blick über Faramirs Züge, mein Herz tat einen kleinen Hüpfer und ich wand mich schnell wieder ab.
Ich wollte erleichtert aufatmen, da er nicht hier zu sein schien. Doch, als ich mich von Lómes Rücken schwang, wurden die Portalflügel des Turmes aufgestoßen. Sauron schritt mit großen Schritten hindurch, nahm die Treppe in wenigen Schritten und kam neben meinem Pferd stehen. Dann nahm er mich fest bei den Hüften und hob mich vom Rücken der Stute. Ich wurde sogleich in seine Arme gerissen und in einen heftigen Kuss gezogen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass er sich die Mühe machen würde, mich schon auf dem Vorplatz zu begrüßen. Aber hatte er sich nicht auf der anderen Ebene schon so merkwürdig verhalten? So, als ob ihm wirklich etwas an mir läge? Ich würde mir später Gedanken darüber machen müssen, erst einmal kam das Hier und Jetzt. Wie die treue Gefährtin, die ich war, küsste ich Sauron stürmisch zurück und schlang meine Arme um seinen Hals, was ich nur tun konnte, da er mich noch immer hochgehoben hatte.
Ich fürchtete schon, nie wieder atmen zu können, als er den Kuss endlich löste. Er stellte mich für seine Verhältnisse sanft auf dem Boden ab und schon mich von sich, bevor er mich ausgiebig betrachtete. Er inspizierte seinen Besitz, ob auch alles heile zurückgekommen war. Zum Glück für jeden potentiellen Feind, war noch alles dran und in Ordnung. Mit einem leichten Nicken, entließ er mich aus seinem Blick und sprach die ersten Worte, die ich seit drei Monaten von ihm wahrhaftig hörte: „Du hast dich lange nicht gemeldet.“ Bei jedem anderen hätte das vielleicht süß geklungen. Bei Sauron war es jedoch ein Tadel, etwas, das er bestrafen würde, wenn ich keine gute Ausrede hatte.
„Du hast es doch gespürt“, sagte ich schnell, griff mit meiner linken nach seiner rechten Hand und blickte auf den Einen. Er folgte meinem Blick und betrachtete unsere beiden Hände mit den Ringen, die sich nun wieder so nahe waren, sich aber doch nicht berührten. Noch nie hatten sich unsere Ringe berührt, ich hatte das Gefühl, es würde etwas Schreckliches passieren, wenn dies jemals passierte.
„Das habe ich“, bestätigte er meine Aussage. Ich konnte diesen drei einfachen Wörtern entnehmen, dass ich keine Strafe befürchten musste.
Er ließ meine Hand los und ich folgte ihm in die Festung. Unsere Schritte machten keine Geräusche auf dem kalten Steinboden, doch umso deutlicher hörte man das Platschen von Sméagols Füßen.
Mit einem Blick, wie man Kaugummi unter seinem Schuh betrachtet, sagte Sauron: „Es ist immer noch bei dir.“
Ich unterdrückte die aufkommende Wut bei der Bezeichnung es und antwortete schlicht: „Ja.“
„Ich nehme an, du wirst ihn auch jetzt nicht wegschicken?“
„Nein.“
Abrupt blieb Sauron stehen und packte mich fest am Oberarm, er riss mich zu ihm herum. „Warum? Warum müssen wir uns immer wieder wegen dieses Wurmes streiten? Wegen dieses Ungeziefers für den es eine zu große Ehre ist, ihn auch nur anzusehen?“, sagte er wütend. Da war er wieder, da war der alte Sauron. Der Sauron, der mich gefoltert, Sméagol fast umgebracht und halb Mittelerde versklavt hatte.
Ich atmete trief durch, ehe ich möglichst ruhig und doch mit gepresster Stimme sagte: „Er ist nützlich.“
„Nützlich?“, wiederholte Sauron ungläubig, aber nicht minder zornig.
„Er hat mich im Fangornwald zu Baumbart geführt und mir Wege gezeigt, die sonst keiner kennt“. Es war beides nicht gelogen, wenn auch nur ein Teil der Wahrheit. Schließlich hätte ich Baumbart wahrscheinlich nie gefunden, beziehungsweise er mich, wenn Sméagol nicht in das Feld gelaufen wäre, auf welchem die Blumen wuchsen, die diesen betörenden Duft ausstrahlten.
„Wir werden jetzt nicht streiten“, beschloss Sauron. „Aber das Thema wird wieder zu Sprache kommen, solange, bis du zur Einsicht kommst, dass er sich bei deinem kleinen Haustier nur um Ungeziefer handelt, weniger wert, als ein Ork. Berichte mir von der letzten Etappe deiner Reise. Ich nehme an, du konntest die Ents überzeugen?“
Wir hatten uns wieder in Bewegung gesetzt, doch Sauron hatte meinen Oberarm nicht losgelassen. In seinen Gemächern angekommen, berichtete ich ihm von meinen Erlebnissen im Wald. Natürlich verschwieg ich die Hobbits, wie auch unser Abkommen, die Ents zu überreden, dass sie uns unterstützen sollten.
„Dir ist es also weder gelungen, die Ents für unsere Sache begeistern zu können, noch deinen lächerlichen Wunsch nach einem Baum erfüllen zu können? Du bist völlig grundlos drei Monate von deinen Aufgaben fern geblieben?“, fasste Sauron meinen Bericht zusammen. Er war dabei nicht einmal wütend, eher so etwas wie resigniert. Ich hatte seine Erwartungen nicht erfüllen können, ich hatte ihn enttäuscht.
„Ich habe Mittelerde entdeckt, muss eine Königin nicht ihr Herrschaftsgebiet kennen? Ich habe Minas Tirith gesehen, dem Volk gezeigt, dass ich mehr als nur deine Gespielin bin und, dass sie mir Respekt entgegenbringen zu haben. Außerdem habe ich die andere Ebene kennen gelernt und meine Magiefähigkeiten weiter perfektioniert. Ich habe endlich die andere Ebene gefunden und gelernt, sie zu nutzen. Nennst du das sinnlos?“ Die letzte Frage war eindeutig respektlos und ich kassierte auch gleich einen schmerzhaften Stich, hervorgerufen durch Saurons Magie, in meinem Kopf. Er war heute in einer wirklich gefährlichen Stimmung, dabei war er zuerst doch so anders gewesen. Andererseits, was erwartete ich eigentlich? Ich wusste, ich konnte nichts als Grausamkeit von ihm erwarten.
Der dunkle Herrscher trat ein paar Schritte auf mich zu, ich unterdrückte es, zurück zu weichen. Doch Sauron hob nur eine Hand und fuhr mir über die Wange, dann sagte er sanft: „Du hast dich wahrlich gebessert. Natürlich gibt es für dich noch viel zu lernen, aber du bist auf einem guten Weg dahin.“
Ich sagte nicht auf das unerwartete Lob, hatte ich eben nicht noch über seine sonderbaren Stimmungsschwankungen nachgedacht? Er kam noch etwas näher und küsste mich erneut, erst auf die Lippen, dann auf meinen Hals und dann wieder auf den Mund. Es war ein fordernder Kuss und ich wusste, was er jetzt von mir wollte…


Die ersten Nächte seit meiner Rückkehr nach Barad-Dûr waren vorüber und es war merkwürdig. Ich hatte mich daran gewöhnt, besonders im letzten Monat, alleine zu sein. Nun waren überall Bedienstete um mich, natürlich hatten sie mir auszuweichen und nicht ich ihnen und doch war es komisch. Nicht nur, dass Khamûl nicht mehr an meiner Seite war, ich musste auch meine Gefühle wieder verbergen. Ich hätte das nicht so vernachlässigen sollen, ich hätte meinte Maske öfter tragen sollen, dann wäre es jetzt einfacher.
Drei Tage. Drei Tage und endlich traute ich mich. Mein Herz schlug nervös, obwohl ich nicht einmal sagen konnte, wieso. Ich hatte die letzte Treppe erreicht, die mich in die Keller führen würde. Bedächtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, meine Finger zitterten leicht. Auf dem letzten Absatz blieb ich stehen, atmete tief durch und brachte Gestik und Mimik wieder unter Kontrolle. Dann nahm ich die letzten paar Stufen, durchschritt den Vorraum, öffnete die Eichentür und stutzte.
Ich hatte mich nur um meine eigenen Gefühle gekümmert, war so mit meiner ominösen Nervosität beschäftigt. Ich hatte nicht einmal in Betracht gezogen, dass er nicht da wäre. Denn die Bibliothek war verlassen, Faramir saß nicht an seinem üblichen Platz und eine Welle der Enttäuschung durchflutete mich. Aber ich war noch aus einem anderen Grund hier, erinnerte ich mich. Mein neues Ziel der vollkommenen Gefühllosigkeit und somit des Loswerdens meines Gewissens sollte mich nun vereinnahmen.
Also setzte ich mich in Bewegung und ging zur Tür, um den anderen Bibliotheksraum zu betreten und so in Saurons Privatbibliothek zu kommen. Wo sollte ich sonst fündig werden? Ich streckte die Hand nach dem Türgriff auf, da wurde sie kraftvoll ausgestoßen. Ich trat schnell einen Schritt zurück, damit die Tür mich nicht traf, doch ihm konnte ich nicht ausweichen. Faramir starrte nur auf die Pergamentrolle in seiner Hand, er kannte die Bibliothek wie seine Westentasche und musste nicht auf den Weg achten. Nur blöd, wenn da auf einmal jemand in seinem Weg stand, der da nichts zu suchen hatte.
Erschrocken prallte er zurück, als er den Widerstand, von mir dargestellt, spürte. Ich machte noch einen Schritt zurück, um nicht nach hinten zu fallen. Er griff mich sanft am Arm um mich zu stabilisieren. Wir waren uns ganz nahe und ich konnte seinen Geruch wahrnehmen. Sein Geruch und der Geruch der Bücher, es war… Ich stockte. Ich kannte diesen Geruch. Ein Wald blitzte vor meinem inneren Auge auf, diese Blumen. Ich riss meine Augen auf und trat ein paar Schritte von Faramir zurück. Es war eindeutig sein Geruch, den ich im Wald wahrgenommen hatte. Was hatte das zu bedeuten?
„Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte mich Faramir und betrachtete besorgt meine entsetzte Mimik. Schnell setzte ich ein falsches Lächeln auf, ehe ich antwortete: „Ja, alles ist gut. Wie geht es dir?“
Er sah mich noch kurz prüfend an, ehe er sich abwandte und die Tür hinter sich schloss. Mit dem Rücken zu mir sagte er: „Gut, soweit. Wie war deine Reise?“ Zusammen gingen wir nun zu unseren Arbeitstischen und setzten uns gegenüber voneinander hin.
„Aufschlussreich“, antwortete ich.
„Hast du…?“
Ich nickte. Und fragte ihn durch Blicke, ob wir offen sprechen konnten, er schüttelte den Kopf.
„Wir sollten spazieren gehen“, sagte ich. Es war schon lustig, dass ich als zweitmächtigste Person der Welt in meiner eigenen Festung indem Sinne befürchten musste, belauscht zu werden. Andererseits, war ich eben die zweitmächtigste Person, weshalb mindestens eine andere Person ein Interesse daran hatte mich zu bespitzeln. Von Faramir brauchte man gar nicht erst anfangen, schließlich stand er nur auf Saurons Seite, weil er musste.

Wir schlenderten nebeneinander auf einer der Außenmauern entlang, wir hatten über unwichtige Sachen, wie Verwaltung, die Bibliothek und manche Aspekte meiner Reise gesprochen. Nun, wo wir außer Hörweite waren, nicht einmal Jirab und Umar waren anwesend, konnten wir offen sprechen.
„Sind sie sicher angekommen?“, fragte Faramir mit gesenkter Stimme.
„Ja, sie sind in der weißen Stadt“, sagte ich ebenso leise.
„Bei meinem Vater?“, fragte Faramir entsetzt. Er wusste es also nicht.
„Dein Vater regiert nicht mehr. Minas Tirith ist der Mittelpunkt des Widerstandes. Aragorn herrscht dort im Verborgenen.“
„Aragorn?“
„Ja, er, Éomer, Legolas, Gimli, Glorfindel und viele andere planen den Sturz von Sauron…“ Ich erzählte Faramir ausführlich meine Reise, nur wenig ließ ich aus. Ich erzählte ihm auch von Merry und Pippin, den Ents und natürlich von dem Plan. Mit schon leicht rauer Stimme, da ich lange nicht so viel gesprochen hatte, fragte ich Faramir: „Und hilfst du uns?“
Faramir sah mich geschockt, entsetzt und auch etwas bewundernd an. „Es ist gefährlich“; sagte er.
Ich schnaubte und hielt es nicht für nötig zu antworten. Natürlich war es gefährlich!
„Ich unterstütze euch, wo ich kann. Auch, wenn ich nicht viel zu bieten habe, außer mein Schwert, das ich schon seit über einem Jahr nicht mehr in der Hand gehalten habe.“
Diesmal war mein Lächeln ehrlich und auch die Freude meiner Stimme war real: „Du hast mehr zu bieten, als dein Schwert. Du kennst Mordor besser, als Sauron. Du hast so viel Wissen darüber, wie wir die zahlenmäßige Unterlegenheit ausgleichen können und das wichtigste: Du regelst den Briefverkehr, du kannst am besten heimliche Nachrichten verschicken.“
Faramirs Gesicht verzog sich: „Sie halten mich doch sicher für einen Verräter. Was hast du zu ihnen gesagt?“
„Gar nichts. Ich habe dich nicht erwähnt. Wenn sie sich mit mir zusammenschließen, werden sie das mit dir erst recht tun.“
„Das mit dir ist etwas anderes“, meinte Faramir.
„Stimmt. Dich kennen sie, mich dagegen kannten sie nicht. Und dennoch vertrauen sie mir, zumindest vertrauen sie mir in dem Punkt, dass ich Sauron vernichten will. Nur Gimli traut mir nicht, aber das liegt wohl in der Natur der Zwerge.“
Wieder verzog Faramir sein Gesicht, als wäre er da nicht so ganz meiner Meinung. Er beließ es jedoch dabei und versprach mir noch einmal mir zu helfen.

Ich hatte Mühe auf dem Rückweg zum Hauptteil der Festung mein Lächeln zu verbergen. Ich war so zuversichtlich, das alles funktionieren würde, wie noch nie. Mit einiger Anstrengung setzte ich meine Maske auf und stieg mit Faramir die Treppe zum Tor hoch. Wir verabschiedeten uns, da er in die Bibliothek ging und ich zusammen mit Sauron speisen würde. Wie gerne würde ich Faramir in die Welt der Bücher folgen! Bei dem Gedanken schmunzelte ich doch. War ich ihm nicht schon längst gefolgt?
Die Türen zum Speisezimmer öffneten sich. Doch bei dem Anblick von dem zornigen, lodernden Feuer in Saurons Augen, stockte ich.



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Und damit endet das Kapitel. Liest hier eigentlich noch jemand? Haaaaaaallllllllooooooooo?
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