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Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
35
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.04.2015 1.935
 
Hi^^
Nach meiner letzten Laune, mal wieder alles umzuschmeißen nun ein kleines Kapitel zum besseren Verständnis. Viel Spaß beim Lesen und Frohe Ostern an alle!
Ajnif

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Ich konnte ein dunkelgrünes Band in der Ferne erkennen, während ein Blaues neben mir glitzerte. Nun ja, geglitzert hätte, wenn die Wolken nicht jeglichen Sonnenstrahl abgehalten hätten. Wir ritten nun schon seit Tagen südlich des Entwasser, natürlich war das ein Umweg, da man viele Biegungen des Flusses auch hätte vermeiden können, doch ich genoss jede Sekunde meiner Freiheit. Die Nächte, die ich in der anderen Ebene mit Sauron verbrachte, riefen mir klar und deutlich ins Gedächtnis, wie bald ich wieder in meinem Gefängnis sitzen würde. Bis jetzt hatte er noch nichts gegen meinen Umweg gesagt und ich hoffte inständig, dass es auch so bleiben würde. Der Fangorn war nicht mehr weit, ich freute mich darauf ihn zu sehen, doch ich hatte auch Angst. Was, wenn die Ents mich nicht willkommen heißen würden? Ich war immerhin die Gefährtin des Mannes, auf dessen Befehl hin Saruman große Teile des Waldes abgeholzt hatte. Wie im Herrn der Ringe beschrieben, hatten die Ents mit Merry und Pippin den Zauberer zwar aufhalten können, aber danach hatte man nie wieder etwas von ihnen gehört, wie Aragorn mir erzählt hatte. Ich hoffte, es ginge ihnen gut.

Noch einen Tagesritt und wir würden den Wald betreten. Es war unsere letzte Rast unter dem offenen Sternenhimmel und zum ersten Mal seit Tagen ließen sie sich wieder blicken. Sméagol hockte am Ufer und starrte ins Wasser, welches hier nicht ganz so reißend war. Ich wusste, er versuchte sich ein paar Fische zu fangen, bis jetzt erfolglos. Mit wehmütigem Blick beobachtete ich ihn dabei. Er würde bald ebenso wieder ein Gefangener sein und auch wenn ihn die Dunkelheit Mordors nicht störte, so genoss er es doch mehr hier draußen in der Natur zu sein, als an dem Ort, wo er so viel Leid erfahren hatte. An dem Ort, wo das Objekt war, was für die Qual seines ganzen Lebens verantwortlich war.
Khamûl ragte hinter mir gegen den dunklen Nachthimmel auf. Er setzte sich nie, genauso wenig, wie er schlief. Er war ebenfalls froh über die Dunkelheit, doch ich wusste nicht, ob er auch diese Reise genoss. Er spürte, dass ich über ihn nachdachte, er sah mich an. Natürlich konnte er meine Gedanken nicht lesen, doch wenn ich als seine Herrin über ihn nachdachte, bemerkte er es. So konnte er schneller Befehlen folge leisten und erkannte seine Fehler besser. Eine nützliche und doch schreckliche Verbindung. „Fühlst du dich wohl?“, fragte ich den Nazgûl stumm.
Er antwortete ebenso lautlos: „Ich fühle nicht, Herrin.“
Ich seufzte. Falsche Frage. Ich dachte eine Weile nach, wie ich es anders formulieren konnte. Mir fiel nichts Passendes ein, dennoch versuchte ich es: „Bist du lieber in Mordor oder im Westen Mittelerdes?“
„Ich bin da, wo Ihr mich hin befiehlt, Herrin.“
Meine Fragerei würde nichts bringen. Zwar glaubte ich nicht daran, dass Khamûl oder die anderen Nazgûl vollkommen gefühllos waren, doch es musste einfacher für sie sein. Ich wusste jedenfalls, wenn ich solche Gräueltaten begangen hätte, würde ich keine Gefühle haben wollen. Aber du hast doch schon fast genauso schlimme Dinge getan, sagte eine kleine Stimme in meinem Kopf. Ich schüttelte den Gedanken ab. Ja, ich hatte Schlimmes getan und Reue quälte mich. Doch ich hatte immer einen guten Grund gehabt. Und was war mit dem Bauern? Hattest du einen Grund ihm die Zunge heraus zu reißen?, ertönte wieder die Stimme. Ich hatte mit der Bestrafung des Bauern sicher übertrieben, doch es war nicht anders gegangen. Ich hatte schließlich einen Ruf zu verlieren und niemand durfte die Gefährtin des dunklen Herrschers beleidigen. Auch jetzt verdrängte ich die Gedanken aus meinem Kopf, ich hatte Schreckliches getan, aber ich hatte auch Gutes getan. Ich hatte Sméagol gerettet und die Menschen aus den Kerkern befreit. Das hast du wirklich gut gemacht! Sméagol wurde von deinem Herzallerliebsten gefoltert und ist dazu verdammt in Mordor zu leben. Und die Menschen aus den Kerkern hast du wirklich toll befreit, statt in Zellen zu sitzen und Erlösung durch den Tod zu finden, müssen sie nun unter sengender Hitze auf den Feldern arbeiten. Als Gefangener gehört man immerhin noch sich selber, diese letzte Freiheit hast du ihnen als Sklaven genommen. Die Stimme schwoll in meinen Kopf zu einem lautem Crescendo an, ich versuchte sie zu ignorieren, doch es ging nicht. Sie schrie weiter: Wie viele Menschen sind wegen dir gestorben? Weißt du noch die Ratsmitglieder? Du hast Sauron wütend gemacht und sie sind dafür gestorben. Wegen ein paar dummer Bücher, sind Orks ermordet worden. Orks sind ebenso Lebewesen, wie alle anderen auch, sie können nichts für ihre Grausamkeit. Und vergiss Faramir nicht, du wolltest mit ihm befreundet sein und wie oft wurde er bestraft? Wie oft musste er leiden, nur weil du einen Freund wolltest?
Die Stimme wurde auf einmal ganz sanft und säuselte: Aber war es wirklich Freundschaft, was du wolltest? Du willst doch viel mehr als Freundschaft oder nicht? Du bist abscheulich! Eine Heuchlerin! Du hast dich mit dem grausamsten Mann Mittelerdes freiwillig vereinigt. Du hast seinen Ring angenommen, ihn quasi geheiratet! Du hast gemordet und gefoltert. Hat es dir nicht sogar Spaß gemacht, diese Orks abzuschlachten!? Da kannst du noch so große Reden vor Éomer und Aragorn schwingen. Du bist genauso ein Monster wie dein Angetrauter! Éomer hat es erkannt und er verurteilt dich dafür, du liebst ein Monster. Die liebst ein Ungeheuer aus grauer Vorzeit, das schrecklichste, was Mittelerde vielleicht je gesehen hast? Du hast dich in den verliebt, der höchstpersönlich vom Teufel gelernt hast. Und weißt du, was das Schlimmste daran ist? Nicht, dass du einen anderen begehrst. Oh, Nein! Das Schrecklichste an alledem ist, dass du es dir nicht eingestehst. Dass du trotz deiner Gräueltaten immer noch eine gute Meinung von dir hast und auch noch Entschuldigungen findest für das, was du getan hast! Gib endlich zu, dass du genauso Machtversessen bist, wie das Scheusal, welches du zu bekämpfen vorgibst. Gib endlich zu, dass du ihn nur stürzen willst, um selber seinen Platz einzunehmen, um seine Position zu erlangen!
Gequält schrie ich auf. Ich hielt mir die Ohren zu, wie ein kleines Kind und wiegte mich vor und zurück. Die Stimme sollte verschwinden, sie log. Diese Stimme log! Ich war nicht so, ich wollte keine Macht. Ich wollte nicht auf Saurons Thron. Ich wollte doch nur nach Hause!
Ich konnte mich nicht beruhigen, die Stimme nicht ausschließen. Erneut schrie ich, noch einmal wollte ich, doch ich kam nicht dazu. Eine Hand lag auf meiner Schulter. Nur einen kleinen Moment, doch ich spürte, wie die Heftigkeit meiner Gefühle abnahm. Wie die Stimme leiser wurde und ich meine Umgebung wieder wahrnahm. Sméagol hockte vor mir, eine Schwanzflosse hing noch aus seinem Mund und sah mich mit seinen großen Augen besorgt und auch ängstlich an. Doch nicht er hatte mich berührt.
Ich drehte mich im sitzen um, aufstehen konnte ich noch nicht. Ich blickte in das schwarze, nicht vorhandene Gesicht von Khamûl. Wie gerne hätte ich ihn jetzt in der anderen Ebene besucht, doch das ging nicht. Sauron hätte etwas bemerkt und niemals durfte er von meinem Anfall erfahren.
„Wie?“, fragte ich Khamûl tonlos.
„Gefühllosigkeit“, antwortete er.
Ich schwieg einen Moment, dann fragte ich ihn: „Woher wusstest du…?“
„Ring bleibt Ring“, sagte er und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich den Verdacht gehabt, dass er wehmütig lächelte.
Ring bleibt Ring. Hieß das, er hatte dasselbe durchgemacht, als er seinen Ring bekommen hatte? War er auch einmal ein guter Mensch gewesen, der durch den Einfluss Saurons erst böse geworden war? Kannte er auch diese Zwiespältigkeit von dem was man für richtig hielt und dem was man tat? Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken und legte mich ins feuchte Gras. Der Schlaf übermannte mich schnell, ebenso die Albträume.


Mit großen Augen betrat ich den Rand des Fangorn Waldes. Die Bäume waren alt und knorrig, manche schienen gar bedrohlich. Ich bedeute Sméagol dicht an meiner Seite zu bleiben. Lóme führte ich hinter mir hehr, genauso wie es Khamûl hielt. Die Geschehnisse der letzten Nacht wurden nicht noch einmal angesprochen. Ich wollte nur vergessen.
Ich wollte Baumbart finden. Doch wo sollte ich suchen? Ich hatte keine Ahnung, wo ich ihn suchen sollte. Also beschloss ich des erst einmal weiter dem Entwasser zu folgen. Die Sonne würde in wenigen Stunden untergehen und ich fürchtete mich ein wenig vor der Nacht, wer wusste schon genau, was des Nachts im Fangorn umher schlich. Umso tiefer wir in den Wald vordrangen, desto dunkler wurde es, nicht nur weil die Sonne versank, auch wurde das Blätterdach immer dichter. Als ich zum zweiten Mal über eine herausragende Baumwurzel gestolpert war, flüsterte ich ein paar elbische Worte. Meine Hände fingen an zu glühen und ich konnte zumindest die meisten Unebenheiten des Bodens erkennen. Und diese waren zahlreich. Der Pfad war wenig benutzt, was bei dieser drohenden Atmosphäre nicht verwunderlich war. Ich wusste, wenn die Bäume tatsächlich versuchen würden mich anzugreifen, war selbst Khamûl machtlos. Dieser Wald war älter, viel älter als der Nazgûl und das wusste er. Zum ersten Mal spürte ich so etwas wie Unbehagen seinerseits. Ich konnte nur hoffen, dass er das Schwert nicht ziehen würde, es konnte zu schnell falsch, oder noch schlimmer richtig, aufgefasst werden.
Bis tief in die Nacht, zumindest kam es mir so vor, wanderten wir weiter durch den Wald. Der Weg entfernte sich langsam vom Fluss, der ebenfalls immer schmaler wurde. Bald würde ich mich entscheiden müssen, Pfad oder Bach? Beides war nicht sehr verlockend. Andererseits, der Bach würde mich zu den Bergen im Westen führen und der Pfad? Er war sicherlich nicht sinnlos angelegt worden und musste irgendwohin führen, vielleicht sogar zu Baumbarts Berg. Ich wusste das war mehr Wunschdenken als alles andere, doch ich hatte mich freiwillig auf dieses Abenteuer eingelassen. Alleine mein Stolz verbot es mir, aufzugeben. Sméagol verschwand immer wieder zwischen den Bäumen, ich rief ihn zurück. Eine Zeit trottete er neben mir, doch dann blieb er erneut stehen. Ich hielt auch Lóme an und sah Sméagol fragend an. Eine Weile schnüffelte er, dann meinte ich so etwas wie „Fisch“ zu hören und er sprang los. Entsetzt rief ich ihm hinterher, er solle stehen bleiben, doch er rannte weiter. Ich drückte Khamûl die Zügel in die Hand und rannte dann Sméagol hinterher. Khamûl würde dort warten.
Nach wenigen Metern hatte ich Sméagol auch schon erreicht. Er schnüffelte mit glücklicher Miene an ein paar violetten Blumen. Sie sahen wie eine Mischung aus Lavendel und Disteln aus. Forsch schritt ich in das Feld hinein, wo diese Blumen zu Hauff wuchsen. „Sméagol, wir müssen auf dem Weg bleiben!“, mahnte ich ihn.
Er beachtete mich nicht, also ging ich weiter in das Feld, ein Geruch stieg mir in die Nase. Ich konnte ihn nicht richtig einordnen, meinte aber, den Duft von Büchern, von altem Papier wahrzunehmen. Doch das war nicht alles, ein herber Geruch, der mir ebenfalls vertraut war, war mir ein Rätsel. Ich schloss die Augen, was auch immer das für ein Duft war, es war das schönste, was ich je gerochen hatte. Ich spürte, wie ich schläfrig wurde. Der Boden erschien mir auf einmal wunderbar weich und kuschelig. Ich sank in die Knie, kurz bevor ich die Augen schloss, sah ich noch einmal zu Sméagol. Er hatte sich mit Ranken zugedeckt und schlief ebenfalls mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen. Auch ich nahm war, dass sich etwas um mich schlang. Wir zuvorkommend, eine Decke bereit zu stellen. Was für ein freundlicher Wald. Dann glitt ich in das Land der Träume so zufrieden, wie ich schon lange nicht mehr gewesen war.
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