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Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
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04.04.2015 2.487
 
Noch vor Sonnenaufgang hatte ich Minas Tirith verlassen. Die Straßen der Stadt waren leer und so waren Khamûl, Sméagol und ich unbemerkt bis zum Stadttor gekommen. Wir waren nur ein kleines Stück durch die Felder des Pelenor geritten. Dann hatten wir das Gebiet durch das nördliche Tor verlassen. Noch lange hatten man Rammas Echor hinter uns sehen können. Es war eine gewaltige Mauer, trotz dessen, dass sie im Norden nicht so gut befestigt war, wie im Osten, wo wir auf unserem Hinweg die Pelenorfelder betreten hatten.
Nun folgten wir der Großen Weststraße, sie war ein Teil der Alten Straße, die von Fornost Erain, welches weit im Nordwesten Mittelerdes lag, bis nach Minas Tirith verlief. Südlich von uns sahen wir die weißen Kalkberge des Ered Nimrais, manchmal sah man schimmernde Marmorbande in der Sonne glitzern. Die Straße war viel benutzt, denn trotz der Herrschaft Mordors war der Handel zwischen Gondor und Rohan noch immer rege.
Manchmal verlief die Straße durch kleine Wälder, die es in Massen an den Ausläufern des weißen Gebirges gab. Besonders Gollum gefiel es und auch Khamûl war froh, einige Stunden von der Sonne zu entkommen. Natürlich sagte keiner meiner, meist stummen, Begleiter auch nur ein Wort, doch ich spürte es. Durch meinen Ring hatte ich eine ständige Verbindung zu Khamûl und Sméagol merkte man es deutlich an seiner veränderten Mimik und der entspannteren Haltung an, die er hatte, wenn wir durch die Schatten eines Wäldchens ritten.
Mit Unbehagen dachte ich an meinen Ring, oft drehte ich ihn an meinem Finger. Es wurde Zeit die andere Ebene zu betreten, um Sauron Bericht zu erstatten. Er hatte es zwar nicht direkt befohlen, aber dennoch erwartete er es. Außerdem konnte ich so mehr über diese Ebene erfahren und vielleicht herausfinden, wie ich Sauron besuchen konnte. Er würde es mir sicherlich nicht von alleine verraten.

Gerade ritten wir einmal nicht durch einen der Haine. Während im Süden das Gebirge aufragte, war im Norden das Land von Anórien zu erkennen. Es ähnelte den Pelenorfeldern, denn es bestand hauptsächlich aus Ackerland und einigen kleinen Dörfern oder einzelnen Gehöften. Das Land war sehr fruchtbar und wurde nicht umsonst die Kornammer Gondors genannt.
Mein zweiter Sommer war inzwischen hier in Mittelerde angebrochen und die ersten Weizenfelder waren schon ausgesät. Noch waren die Ähren grün und die Halme kurz, doch schon in wenigen Monaten, würden sie goldgelb strahlen und die Ernte würde beginnen.
Wie gerne würde ich dieses Spektakel mit eigenen Augen sehen! Natürlich würde auch in der Ebene von Nurn geerntet werden, aber es würde bei weitem nicht so aufregend sein. Die Sklaven würden stumm vor sich hin schuften, hier dagegen würde vielleicht sogar das ein oder andere Lied angestimmt werden. Auch war die Ebene wie ein Gefängnis, man spürte immer den Schatten Barad-Dûrs als Wächter. Die Gebirge waren die Mauern, die keiner durchqueren konnte. In Anórien gab es zwar das weiße Gebirge als Grenze, doch es war hell und freundlich, Richtung Norden kam schließlich der Anduin. Das Land schien weit, offen und auf eine gewisse Art und Weise irgendwie unendlich, aber dennoch heimelig.
Ich lenkte meine Gedanken wieder auf die Straße vor mir, eine Gruppe von Menschen kam uns entgegen. Es schienen Bauern zu sein, denn sie hatten einen Ochsenkarren bei sich, auf dem Heu in dicken Ballen gestapelt war. Es ging von ihnen keine Gefahr aus, sonst hätte mein dunkler Begleiter mich gewarnt. Schnell kamen sie näher, was nicht an ihnen lag. Sowohl Lóme als auch das Pferd meines Begleiters waren schneller, als gewöhnliche Tiere und nun mussten wir keine Rücksicht mehr auf die Ponys der Hobbits nehmen. Nur Sméagol kam nicht immer mit, oft saß er hinter mir und klammerte sich an meinem Umhang fest. So auch jetzt.
Auch die kleine Gruppe hatte uns bemerkt, schnatterte aber fröhlich weiter. Sie mussten uns für gewöhnliche Reisende halten. Sie versperrten die gesamte Straße, obwohl diese hier sehr breit war. Sie waren in der Überzahl, wir sollten Platz machen. Bei so viel Unverschämtheit, öffnete sich die Sperre in meinem Magen und Wut stieg hoch. Hochmütig hob ich meinen Kopf, meine Kapuze hatte ich leicht zurück geschoben, sodass man meine kalte Miene erkennen konnte. Weder Khamûl noch ich machten Anstalten die Straße zu verlassen. Schließlich waren sowohl die Gruppe, als auch wir gezwungen Halt zu machen.
„Einen schönen Tag, wünschen wir!“, sagte ein Mann in Rohirisch, er hatte einen starken Dialekt, doch ich verstand ihn. „Ich fürchte so kommen wir nicht aneinander vorbei. Einer muss wohl oder übel von der Straße abweichen.“ Leichter Spott lag in seiner Stimme.
„Ja, einer muss wohl von der Straße weichen“, sagte ich kühl. Die Menschen hinter dem Sprecher beobachteten den Wortwechsel interessiert. Ich beachtete sie nicht, meine Aufmerksamkeit galt dem Sprecher.
„Ihr seid nicht von hier, deswegen verzeihe ich Euch. Es ist aber so, dass die kleinere Gruppe weichen muss. Und das seid nun einmal ihr“, behauptete der Mann.
Ein kaltes Lächeln legte sich auf meine Lippen, doch meine Stimme blieb kühl: „Ach ist dem so?“
„Vertraut den Einheimischen! Woher kommt Ihr nur, wenn Ihr solche einfachen Regeln nicht kennt“, spottete er. Mein Lächeln verschwand, diese Beleidigung konnte ich nicht einfach hinnehmen.
„Ich denke, du solltest nun Platz machen, wir haben es eilig“, sagte ich und meine Stimme war jetzt reines Eis. Die Hinteren in der Gruppe wanden sich unter meinem Blick, als ich alle scharf ansah. Die ersten machten schon Anstalten Platz zu schaffen, doch der Sprecher ließ sich nicht einschüchtern und hielt sie zurück. Nun, wenn er so dumm war, war er selber Schuld, oder nicht?
„Wer glaubst du, wer du bist?“, rief er wütend.
„Jemand, dem du schnell Platz machen solltest“, antwortete ich. Ich schob meine Kapuze nun vollends zurück, sodass mein kupferfarbenes Haar in der Sonne glänzte. Ein paar der Bauern wurden bleich und schielten dann zu meinem Begleiter, offenbar hatte man auch schon hier von mir gehört. Doch der Sprecher erkannte mich nicht, kühn sagte er: „Ich bin der Vorsteher der örtlichen Gemeinde, du solltest Platz machen.“
Eine junge Frau trat vor und flüsterte dem Mann etwas zu, während sie mir immer wieder ängstliche Blicke zuwarf. Der Mann erbleichte etwas, behielt jedoch seinen sturen Gesichtsausdruck. Aus zusammengekniffenen Augen musterte er mich, dann sagte er: „Meine Tochter sagt, Ihr seid die von der alle sprechen, die dunkle Königin und Gefährtin Saurons. Wollt Ihr sie wirklich darstellen? Als ob die Gefährtin des dunklen Herrschers Mordor verlassen würde und dann einfach so durch Gondor reiten würde.“
Erneut lächelte ich kalt: „Warum sollte sie es nicht tun?“
„Sie hat keinen Grund dazu, Gondor hat sich ergeben. Sie hat doch sicherlich genug damit zu tun ihren König zu bespaßen und keine Zeit sich die hübsche Landschaft Anóriens anzugucken.“
Die Energie schoss in meine Hand nach dieser erneuten Beleidigung. Ich richtete sie auf ihn, ohne die Hand zu heben. Der Mann heulte auf und hielt sich den Kopf. Blut tropfte aus seinen Ohren und seiner Nase. Er sank auf die Knie. Die junge Frau, die er als seine Tochter bezeichnet hatte, lief an seine Seite und stützte ihn. Flehend sah sie zu mir hoch: „Tötet ihn nicht! Er ist stolz und Euer hoher Gemahl hat uns Mutter genommen. Er vermisst sie und ist von seiner Trauer geblendet.“
Kalt musterte ich sie. „Du musst dich entscheiden, hat dein Vater aus Stolz gehandelt oder aus Trauer?“, fragte ich ungerührt.
Sie schwieg einen Moment, doch ehe sie den Mund aufmachte, um zu antworten, fügte ich hinzu: „Überlege gut, ob du mich belügen möchtest. Das Leben von euch allen hängt davon ab.“
Mit gesenktem Blick murmelte sie: „Stolz.“
Ich betrachtete sie noch einen Moment, dann hob ich um des Effekts willen meine Hand und sagte in der dunklen Sprache einen Zauber. Der Mann schrie erneut auf, das Blut aus Ohren und Nase versiegte, doch dafür, strömte es ihm nun aus dem Mund. Es tat mir nicht Leid, was ich getan hatte, er hatte es verdient.
„Was habt Ihr getan?“, keuchte die junge Frau.
„Er darf Leben“, sagte ich nur und trieb Lóme an. Angsterfüllt machte die Gruppe mir und Khamûl Platz. Der Mann hockte nun auf allen Vieren und versuchte zu begreifen, wie seine Zunge einfach so abfallen konnte. Ich hatte sie mit meinem Zauber herausgeschnitten, er würde nicht daran sterben, aber nie wieder ein Wort sagen können. Ich hätte durchaus Schlimmeres tun können, immerhin lebte er noch und war auch noch dazu fähig, zu arbeiten. Wen interessierte es schon, ob er sprechen konnte oder nicht?


Die Abenddämmerung war über uns herein gebrochen. Wir saßen in einem kleinen Wald, heute würden wir die Nacht nicht durchreiten. Seit dem Vorfall auf der Straße waren einige Tage vergangen, morgen würden wir die Straße verlassen und dem Mering-Strom bis zur Mündung des Entwasser folgen. Die Mündung war ein sumpfiges Flussdelta, wo der Entwasser selber in den Anduin mündete. Jedoch würden wir uns dann weiter nordwestlich halten, dem Entwasser, auch Onodló genannt, folgen und schließlich so zum Fangorn gelangen.
Mit einem Stock malte ich zwergische Runen in den weichen Waldboden. Im Nachhinein tat es mir Leid, was ich dem Bauern angetan hatte. Wie konnte ich in einem Moment so grausam sein? Gut, ich hatte ihn nicht umgebracht, aber ich hatte ihn bis an sein Lebensende verstümmelt und schreckliche Schmerzen hinzugefügt. Diese sengende Wut, die so oft in mir hochstieg, war wieder da gewesen. Immer wenn sie in mir hochkochte, tat ich so etwas, dann war ich grausam, konnte mich selten beherrschen und war ganz das Ebenbild Saurons. Widerwillig schüttelte ich den Kopf. Nein, das stimmte nicht. Ich war nicht das Ebenbild des dunklen Herrschers, ich war nicht so grausam wie er. Oft hatte ich mich beherrschen können und mich zurückhalten können, hatte meine Wut zurück gedrängt.
Nervös drehte ich meinen Ring am Finger. Ich wusste er war Zeit, Zeit sich wieder mit Sauron zu beschäftigen. Ich hatte zu lange gewartet und keine Ausrede, ich hatte ja nicht einmal eine, würde mir helfen können, mich vor seinem zu Zorn retten, den er sich nie bemühte einzudämmen.
Also konzentrierte ich mich ganz auf meinen Ring und versuchte meine Umgebung zu vergessen, Khamûl würde alles beobachten, er lebte immer in zwei Welten. Ein kalter Schauer durchlief mich und als ich die Augen wieder öffnete, war das Wäldchen um mich herum verschwommen. Ich erhob mich und sah kurz zu Khamûl, der mir unmerklich zunickte. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen, er war mir inzwischen treu ergeben und das nicht, weil er musste, sondern, weil er es wollte. Er hatte sich bewusst für mich entschieden und so gegen seinen ersten Herrn
Ich sah den Schemen von Sméagol ängstlich schnüffeln und sich umsehen. Er wusste, ich war noch da, nur konnte er mich nicht sehen oder berühren. Ich richtete meine Konzentration in mein Inneres und suchte nach Sauron. Mein Geist flog Richtung Osten, über Minas Tirith hinweg, durch das Ephel Dúath und schließlich über die Ebene von Gorgoroth. Ich ließ meinen Geist durch die Gänge Barad-Dûrs wandern und fand den dunklen Herrscher schließlich in seinen Gemächern. Er stand am Fenster seines Schlafzimmers und sah hinaus, doch ich spürte, dass er nicht wirklich hinaus sah. Seine Gedanken wanderten in weiter Ferne.
Mein Geist stand hinter ihm, ich wollte sprechen, doch es ging nicht. Das Gefühl des Erfolgs verflog, ich hatte Sauron gefunden, so wie ich auch jeden anderen Ringträger finden konnte, doch ich konnte nicht interagieren. Frustriert gab ich einen Laut von mir, der aber nur an Khamûls Ohren drang. Ich musste Sauron auf mich aufmerksam machen, ich bezweifelte, dass ich ihn berühren konnte, aber ich musste es versuchen.
Seinen Geist zu bewegen, war jedoch nicht so einfach, wie seinen Körper. Ich hatte vorgehabt nur ein paar Schritte nach vorne zu machen, jedoch hatte ich ja keine richtige Gestalt und rauschte wie eine Furie einmal mitten durch Sauron hindurch. Wütend zuckte er zusammen und mit einem gewaltigen Energiestoß warf er mich zurück in meinen Körper. Mein Kopf dröhnte und meine Zähne schmerzten. Wenn auch etwas anders als geplant, hatte es aber doch funktioniert. Khamûl war auf ein Knie gesunken und hatte sein Haupt gesenkt.
Erwartend blickte ich der Gestalt entgegen, die sich mir näherte. Es sah so aus, als würde Sauron durch die Bäume auf mich zuschreiten, als würde er gerade einmal aus dem nächsten Dorf kommen und nicht aus dem hunderte von Meilen entfernten Mordor. Er blieb dicht vor mir stehen und sah zu mir hinunter. Nur etwas wütend sagte er: „Tu das nie wieder!“
Ich sah ihn herausfordernd an, er war nicht so wütend, dass ich es nicht wagen konnte. Wenn ich immer kuschte, würde er mich bald wegwerfen, ich musste interessant bleiben, sodass er mich bei sich behielt.
„Hättest du mir gezeigt, wie ich dich besuchen kann, wäre das nicht passiert“, sagte ich gespielt schmollend.
„Ich habe es alleine herausgefunden, also wirst du es auch schaffen.“
Frustriert seufzte ich auf, wo ich ihn am liebsten doch zum Teufel schicken würde, andererseits wäre er da viel zu gut aufgehoben.
„Du hast die weiße Stadt also verlassen?“, fragte Sauron.
„Vor etwa zehn Tagen“, antwortete ich.
„Und doch suchst du mich erst jetzt auf.“ Auch diesmal klang er eher pikiert als wütend.
Ich schwieg, vielleicht würde meine Strafe nicht zu schwer ausfallen. Doch Sauron überraschte mich. Er nahm mich fest in den Arm und küsste mich dann. Ich erwiderte den Kuss so überrascht, dass ich sogar meinen Ekel vor ihm vergaß.
Er strich mir durchs Haar und sagte dann sehr sanft: „Du bist schon über einen Monat fort, wann wirst du wieder bei mir sein?“
Wer war dieser Mann und was hatte er mit dem dunklen Herrscher gemacht? Ich versuchte verliebt zu ihm hoch zulächeln. So manch einer hätte gemerkt, dass es nur Schauspielerei war. Doch Sauron war von meiner Liebe und Verehrung zu ihm überzeugt, also bemerkte er nichts. „Bald, vielleicht noch einen Monat“, säuselte ich. Mir wurde schlecht.
Noch einmal küsste Sauron mich, dann sagte er: „Ein Monat ist viel zu lang. Ich brauche meine Königin an meiner Seite. Meinen Schatten, meine Unterstützerin.“ Bei diesen Worten breitete sich Wärme in mir aus. Er war so wie früher. Er war so, wie er vor dem verhängnisvollen Ratstreffen war. Ich schlang meine Arme um ihn und legte meinen Kopf an seine Brust, er streichelte mir übers Haar.
Ich dachte an Éomer, an seine Worte. Er hatte gesagt, Sauron würde mich lieben oder mir zumindest vertrauen. Und mein Hass auf ihn würde ebenfalls auf tiefere Gefühle beruhen. Wo ich nun so in Mairons Armen lag, kamen mir diese Gefühle des Abscheus so weit entfernt vor.
Aus dem Augenwinkel sah ich Sméagol, wie er durch das Gehölz schlich. Mit einem Ruck befreite ich mich aus Sauron Armen und sah ihn an. Hatte ich das wirklich gerade gedacht? Hatte ich wirklich gedacht, ich würde Sauron lieben? Das Mairon existierte? Ich schüttelte mich innerlich. Das war Unsinn. Mairon gab es schon seit Jahrtausenden nicht mehr. Sauron war böse, er war DAS Böse und ich hatte nichts für ihn übrig, als abgrundtiefen Hass!
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