Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
35
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.03.2015 1.631
 
Zufrieden machte ich mich auf den Weg zum Thronsaal, Sauron hatte eine Ratssitzung einberufen. Wie gewohnt, betrat ich als letzte den Thronsaal und folgte den anderen zu dem versteckten Raum, wo die Ratssitzungen stattfanden.
Inzwischen machte mir der Weg zu diesem Raum nichts mehr aus, ich spürte nur noch ein leichtes Kribbeln, welches von Gang zu Gang abnahm. Bald würde es ganz verschwunden sein. Die hasserfüllten Blicke, die ich zu Anfang bekommen hatte, waren auch abgeklungen. Niemand zweifelte mehr meinen Platz zu Saurons Rechten an.
„Berichtet!“, eröffnete Sauron die Ratssitzung.
Von links nach rechts berichteten nun allen von ihren letzten Errungenschaften, jeder hoffte darauf, nicht bestraft zu werden. Sauron zeigte keine Reaktion auf die einzelnen Berichte, selten stellte er Fragen. Ich war als Letzte an der Reihe, endlich konnte ich etwas vorweisen.
„Ich habe Fortschritte erzielt, was die Bewirtschaftung der Ebene von Nurn angeht“, fing ich an. „Die Saat wurde ausgewählt, die Felder von den Orks umgegraben, bald kann die erste Aussaat anfangen. Nur noch die Arbeiter aus den umliegenden Dörfern fehlen. Ich plane gerade, wie die Hütten aufgestellt werden müssen, wo sie am günstigsten stehen. Als nächstes folgt dann der Straßenbau, um einen schnellen Transport zu ermöglichen. Über den Lohn der Arbeiter…“
„Lohn?“, unterbrach Sauron mich.
„Ja, die Arbeiter kommen aus den umliegenden Dörfern“, erklärte ich verwirrt.
„Wie bezahlen sie nicht“, stellte Sauron klar.
„Aber…“
„Ich sagte Nein. Siehe zu, wie du an deine Bauern kommst, nutze von mir aus die Orks, aber wir werden niemanden bezahlen.“
„Die Orks können nicht schaffen, nur zerstören. Nicht eine Bohne würden wir durch sie bekommen.“ Ich bemühte mich, dass mir man meine Verzweiflung nicht anmerkte. Ich hatte viel Zeit investiert, den Plan aufzustellen. Die Dörfer zu kontaktieren und sie für meine Sache zu gewinnen. Ich hatte sie überzeugen können, dass sie Geld an ihre Familien schicken könnten, sie hätten Arbeit, die sie in ihrer Heimat nicht hatten.
„Dann finde einen anderen Weg.“ Sauron würde sich nicht erweichen lassen.
„Sklaven“, sagte da ein anderes Ratsmitglied.
„Was?“, stieß ich hervor.
„Sklaven“, wiederholte er, „Sie sind einfach in der Anschaffung, billig zu unterhalten und leisten mit dem richtigen Ansporn gute Arbeit.“
„Nein!“, lehnte ich kategorisch ab. Ich verabscheute Sklaverei, kein Mensch hatte es verdient, wie ein Gegenstand behandelt zu werden. Schlechter als ein Tier behandelt zu werden.
Sauron schwieg eine Weile, bevor er sagte: „Sklaven also. Kriegsgefangene gibt es genug. Nimm die Menschen aus den Kerkern!“
Ich sah ihn entsetzt an, dann wiederholte ich: „Nein! Keine Sklaven!“
„Du widersprichst mir?“, fragte Sauron in einem gefährlich kalten Ton.
„Sklaverei ist verabscheuungswürdig. Niemand sollte so leben müssen!“
„Sie werden keine Wahl haben.“
Ich sprang auf, die Wut hatte mich gepackt. Wie konnte er nur so etwas wollen? Wie konnte er Sklaverei, Leibeigenschaft gut heißen?! „Ich sagte Nein. Das sind meine Felder, meine Arbeiter und ich werde nicht zulassen, dass Ihr sie versklavt. Ich habe die Gefangenen nicht befreit, um ihnen neue Ketten anzulegen!“
Er stand auf. Feuer loderte in seinen Augen und die Luft um ihn herum flimmerte. Die Kerzen im Raum loderten ebenfalls höher und die flammenden Teppiche glühten gefährlich. Der ganze Raum sah so aus, als würde er in Flammen stehen. Ich hätte mich am liebsten in eine Ecke gekauert, so sehr fürchtete ich mich. Doch gleichzeitig pochte die Wut durch meine Adern. Ich blitzte ihn an.
„Widersprich mir nicht!“, sagte Sauron. So musste ein Vulkan klingen, bevor er ausbrach.
„Keine Sklaverei!“ Ich blieb unter größter Mühe standhaft.
Er hob seine Hand und ich flog quer durch den Raum gegen eine der Wände. Er hatte mich nicht berührt, er war mir nicht einmal nahe gekommen. Langsam ging er auf mich zu, ich schwebte ein paar Zentimeter über den Boden an die Wand gepresst. Ich spürte weder Schmerz noch Angst, nur unbändige Wut darüber, dass er mich so leicht in der Hand hatte.
„Du hast immer noch nicht dazu gelernt“, stellte er fest. Seine Stimme war erneut eiskalt und trotz der Hitze im Raum, zitterte ich. Trotzig sah ich ihm in die Augen, ich würde nicht nachgeben.
Ich wollte etwas sagen, doch er war schneller. Es fühlte sich an, als würde alle Luft aus meinem Körper gepresst werden, dann ließ das Gefühl ruckartig nach und die Schmerzen trafen mich. Es war als würden tausende Messer mich stechen. Immer tiefer drangen sie, obwohl äußerlich nichts zu sehen war, kein Blut oder auch nur eine Druckstelle. Einen Moment hielt ich es aus, biss die Zähne zusammen, doch der Schmerz wurde zu groß. Es fühlte sich an, als würde mein Kopf gespalten werden und ich schrie. Tränen liefen mir über mein Gesicht und ich versuchte mich von der Wand zu lösen. Ich konnte nicht, also schrie ich immer weiter, die einzige Möglichkeit meinem Schmerz Luft zu machen. Wie gerne wäre ich wieder in den Folterkammer der Orks, ihre Schläge und Schnitte hatten sich wie Streicheleinheiten angefühlt.
Plötzlich ließ er von mir ab. Die Schmerzen verschwanden und ich fiel zu Boden. Hart landete ich auf den Knien, sein Schatten ragte über mir auf. Ich wagte nicht zu ihm hoch zu sehen. Eine Hand packte mich an den Haaren und er zwang mich, ihn anzusehen. Verzweifelt versuchte ich den Blick abzuwenden, doch ich durfte nicht.
„Sieh mich an!“, befahl er emotionslos.
Ich sah ihn an.
„Hast du verstanden?“
Ich nickte unter Tränen, nie wieder würde ich ihm widersprechen. Seinew Ohrfeige traf mich hart.
„Hast du verstanden?“, fragte er erneut,
Mit krächzender Stimme antwortete ich: „Ja, Herr.“
„Zeige niemals wieder Mitleid“, flüsterte er so leise, dass nur ich es verstehen konnte. Mit einem Ruck stieß er mich wieder zu Boden, wo ich kraftlos liegen blieb.
„Die Ratssitzung ist beendet“, entschied er und ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, aus dem Raum. Mit ihm ging die Hitze und der Raum wirkte nun kalt und dunkel. Eilig folgten ihm die anderen Mitglieder seines Rates, die nichts zu raten hatten. Niemals würde er einem von ihnen anhören, es war eine leere, lose Gruppe von verängstigten Männern.
Eine Hand berührte mich an der Schulter, ich zuckte zusammen. Als ich aufblickte, sah ich den Himmel über mir. Ich spürte wie er mich hochhob. Warum fiel ich nicht in Ohnmacht? Ich bekam alles mit, den ganzen langen Weg zurück in den leeren Thronsaal, die Wendeltreppe hinab und dann noch weitere Stufen hinunter. Wir gingen zur Bibliothek. Das war gut! Die Bibliothek war sicher, keine Schmerzen würden mich hier erreichen.
Ich spürte, wie ich vorsichtig auf etwas Weichem abgelegt wurde, doch ich wandte mich nicht von den beiden kleinen Punkten Himmel ab. Sie hielten mich, ohne sie würde ich zerbrechen.
„Schlaf!“, forderte Faramir mich auf. Ich wollte nicht schlafen, wollte die Albträume nicht erleben. Doch mein Körper gehorchte mir nicht, meine Augen fielen zu und die selige Dunkelheit umfing mich.


Als ich aufwachte, wusste ich erst nicht, wo ich war, doch dann viel es mir wieder ein. Die Ratssitzung, die Schmerzen und wo ich mich befand. Langsam richtete ich mich auf, eine Decke fiel von meinen Schultern, ich trug noch das Kleid von gestern. Faramir war nicht zu sehen.
Vorsichtig stand ich auf, mein Rücken tat mir weh, das musste vom Aufprall sein, meine Wunde war längst verheilt. Ansonsten ging es mir gut. Ich verließ Faramirs Kammer und begab mich in den Vorraum der Bibliothek, keine Spur von ihm.
Als ich die eigentliche Bibliothek betrat, befiel mich sogleich ein Gefühl der Ruhe. Faramir saß mit dem Rücken zu mir an seinem Schreibtisch und brütete über irgendwelchen Aufzeichnungen. Ich räusperte mich kurz, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Er sah auf und als er mich ansah, wurde sein Blick gleich besorgt.
„Wie geht es dir?“, fragte er sanft.
„Besser.“
Er schwieg.
„Danke!“, sagte ich,
Er winkte ab. Dann fragte er: „Du weißt, warum er dich bestraft hat?“
„Ich habe ihm widersprochen.“
„Das hast du nicht zum ersten Mal.“, stellte er fest.
Nun war es an mir zu schweigen.
„Doch du warst zum ersten Mal nett“, fuhr er schließlich fort.
„Nett?“, fragte ich verdutzt.
„Immer, wenn du dich ihm widersetzt hast, hattest du einen guten Grund vorzuweisen. Du hast dich ihm nie aus einer Laune heraus widersetzt.“
„Ich hatte jetzt auch einen Grund“, sagte ich leicht trotzig.
„Ja, einen impulsiven Grund. Du wolltest keine Sklaverei wegen der Menschen. Du hattest keinen für ihn nachvollziehbaren Grund.“
Ich wollte den Mund öffnen, um zu widersprechen, doch er ließ mich nicht: „Nein, lass mich erklären. Ich stimme dir zu, dass kein Mensch die Leibeigenschaft verdient hat. Aber das sieht er nicht so. Sklaven sind billig und leicht zu halten, sie erfüllen ihren Zweck, egal, wie es ihnen dabei geht. Du wolltest Menschen vor einem schrecklichen Schicksal bewahren, doch du hast keinen logischen Grund vorgewiesen. Konntest du nicht. Also bist du wütend geworden. Ihm blieb keine andere Wahl, als dich zu bestrafen, zu belehren, wie er es nennt. Natürlich sollst du ihm nicht widersprechen, aber wenn du es doch tust, musst du einen guten Grund haben.“
„Ich habe ihm nicht widersprochen, weil ich es so wollte, sondern weil Sklavenhaltung falsch ist!“
„Aber das ist kein Grund. Jedes Mal, wenn du dich ihm widersetzt hast, hast du ihn trotzdem über alle anderen gestellt. Dass du dich für irgendwelche nichtswürdigen Menschen einsetzt, wie er es sieht, und seine Befehle dabei außer Acht lässt, heißt, du stellst das Wohl dieser Menschen über ihn.“
Ich wollte schon wieder widersprechen, doch Faramir hatte Recht. Ich hatte Sauron keinen logischen Grund geliefert und seine Autorität wegen anderen missachtet. Ich hatte meine wahren Absichten gezeigt, ich hatte gezeigt, dass ich nicht so gefühllos und böse war, wie ich vorgeben wollte. Ich musste das wieder gut machen, ich musste so kalt werden, wie er und nichts mehr an mich heran dringen lassen. Ich konnte nicht mehr so tun als ob. Ich musste ein Opfer bringen, ich musste meine Menschlichkeit wegschließen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast