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Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
35
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05.03.2015 1.988
 
Verwirrt starrte ich die beiden Hobbits an. Mein Gehirn setzte aus, mein Kopf war leer, nicht einmal Fragen schossen mir durch den Kopf. Nachdem ich wohl einige Sekunden so dagestanden hatte, spürte ich eine Berührung an meinem Oberarm.
Verwirrt drehte ich mich zu Faramir um, er bedeutete mir mich zu setzten. Immer noch mit leerem Kopf ließ ich mich zu dem einzigen Stuhl dirigieren. Frodo und Sam sahen mich scheu an, ihnen war die Situation wahrscheinlich so ungeheuer wie mir.
„Du kennst sie also?“, fragte Faramir mich schließlich, nachdem er mir noch einen Moment der Ruhe gegönnt hatte.
Ich nickte, zu keinem Wort fähig.
„Frodo, Sam, das ist Tinúviel. Sie ist…“ Ja, was war ich? Die Gespielin Saurons? Die Regentin von Barad-Dûr? Seine Schülerin? „… eine Freundin“, beendete er den Satz. Diese Worte rissen mich aus meinem Nebel der Verwirrung. Ich freute mich ungemein. Freundin? Er sah mich als Freundin, als Person, der man vertrauen konnte. Auch wenn wir uns gut verstanden, als Freundin hatte er mich noch nie bezeichnet.
Nun lächelte auch ich die Halblinge an: „Es ist mir eine Ehre, euch kennen zu lernen. Ich habe Großes von euch gehört.“
Sofort richteten die beiden sich ein Stück auf.
„Wie kommt ihr hierher?“, fragte ich.
„Faramir“, antwortete Frodo.
„Natürlich. Ich sollte meine Frage präzisieren: Von wo kommt ihr hier her? Und warum seid ihr hier?“
Nun blickten mich beide ungläubig an. Waren meine Fragen so offensichtlich gewesen?
„Wie weit kennst du die Geschichte, Tinúviel?“, mischte sich Faramir wieder ein.
Erst überlegte ich zu lügen, doch ich hatte schon einmal Andeutungen gemacht, mehr zu wissen, als ich hätte wissen dürfen. Ich entschied mich also für die Wahrheit, größtenteils zumindest.
„Ich weiß, dass die beiden zusammen mit sieben anderen Gefährten aufgebrochen sind, um den Einen zu zerstören. Ich weiß, dass sie sich trennen mussten und, dass sie Gollum getroffen hatten. Der hat sie über den Cirith Ungol nach Mordor geführt und ihr habt Kankra ganz schön verärgert.“ Der letzte Part war nur für die beiden Hobbits bestimmt gewesen. Eine Mischung aus Stolz und Schrecken machte sich auf ihren Gesichtern breit.
„Woher wisst Ihr das?“, fragte Frodo mich misstrauisch.
„Das ist meine Sache.“ Mit Mühe verkniff ich mir das ‚und es geht euch nichts an’.
„Du weißt also nicht, was hier in Mordor geschehen ist?“, kam Faramir wieder auf das eigentliche Thema zurück.
Ich zuckte zur Antwort nur mit den Schultern.
„Erzählt es ihr“, forderte er die Hobbits auf.
Beide versteiften sich und das Misstrauen kehrte in ihre Augen zurück.
„Dann erzähle ich es eben“, gab Faramir auf. Er fuhr fort: „Bei Kankra trennten sie sich vom Geschöpf Gollum, alleine schlugen sie sich zum Schicksalsberg vor. Sie erreichten ihn auch, aber konnten den Ring nicht hinein werfen. Die Nazgûl hielten sie auf, genau wie einige Orks, denn Gollum hatte dem dunklen Herrscher ihr Vorhaben verraten. So ging er nicht auf das Ablenkungsmanöver ein, das die freien Völker geplant hatten. Der Ring gelangt in seine Hände, er nahm wieder feste Gestalt an und unsere tapferen Hobbits hier wurden in die Kerker geworfen. Wo du sie dann unwissentlich befreit hast.“
„Oh“, machte ich. Tolkiens Handlungsverlauf hatte mir deutlich besser gefallen. Das hatte Faramir also auf den Listen gesehen, ich hatte neben Namen und Beruf auch das Volk eintragen lassen. Warum war mir das nicht selber aufgefallen? Andererseits hatte ich nur auf die Berufe geachtet, da mich anderes nicht interessiert hatte. Ich stutzte. Hätte da aber nicht trotzdem…
„Du bist Gärtner“, entfuhr es mir und ich zeigte auf Sam.
„Ähm, ja“, bestätigte er zögernd.
„Ist das jetzt…“, wollte Faramir einwerfen, doch ich unterbrach ihn.
„Ja, das ist jetzt wichtig. Also, Sam, ich soll mich um eine bessere Versorgung der Bevölkerung von Mordor kümmern. Dazu müssen wir anfangen, Felder zu bewirtschaften. Leider weiß ich nicht, wie man das macht. Hilfst du mir?“, endete ich aufgeregt.
„Ich weiß nicht, ob das hier möglich ist“, gab er zu Bedenken.
„Nein, nicht hier, es gibt eine fruchtbare Ebene in Mordor.“ Kurz erläuterte ich ihn meine Pläne und die Vorraussetzungen, auch den kleinen Probegarten sprach ich an. Sam schien seine Bedenken mir gegenüber vollkommen zu verlieren. Um sich herum alles vergessend, erläuterte er mir die Vorraussetzungen, die verschiedene Pflanzen benötigten.
„Also ist es machbar?“, hakte ich am Ende seines Monologes nach.
„Diese Ebene zu bewirtschaften sollte kein Problem sein. Das mit dem Garten wird schon schwieriger. Es wäre einfacher, könnte ich den Boden untersuchen. Ich bräuchte ein paar Bodenproben.“
„Die kann ich dir beschaffen.“ Ich hätte den stämmigen Hobbit umarmen können, so glücklich war ich. Endlich würde ich aus meinem Stillstand heraus kommen.
„Das ist ja alles schön und gut, aber was wird aus den beiden? Sie können nicht für ewig hier bleiben, wir müssen sie fortschaffen!“, klinkte Faramir sich wieder in das Gespräch ein.
„Ja, sie müssen Mordor so schnell, wie möglich verlassen. Aber weder du noch ich, können auch nur Barad-Dûr verlassen. Wie sollen wir da zwei Hobbits heraus schaffen?“
„Vielleicht könntet Ihr mit IHM reden“, warf Frodo ein.
„Ich fühle mich geehrt, Frodo, aber das ist unmöglich. Sauron lässt mir gewisse Freiheiten, aber die Macht, zwei wichtige Gefangene zu entlassen, habe nicht. Ich bezweifele, dass er weiß, dass ihr noch lebt. Ich kann euch vorerst nicht helfen.“
Betretenes Schweigen senkte sich über uns.
„Dann bleiben wir erst einmal hier und ich helfe Euch mit Eurem Garten“, brach Sam schließlich das Schweigen.


Ich durchschritt mein kleines Paradies im Herzen von Mordor. Es war keine blühende Landschaft, doch das erkaltete Magma und die Vulkanasche waren doch fruchtbar genug, um trockenes Gras und ein paar Büsche anzupflanzen. Hoffentlich würden die Dämpfe des Schicksalsberges nicht alles wieder vernichten.
Zufrieden ließ ich mich am Ufer meines kleinen Teiches nieder. Die Wasserpest hatte schon die ersten Blüten bekommen und ein paar kleine Fische tummelten sich zwischen den Algen. Der Teich ließ mich vergessen, wo ich war, doch er hatte auch noch einen anderen Zweck.

Wir saßen bei Tisch. Sauron nippte an seinem Wein, während ich mein Wild aß.
„Ich hörte dein Garten hätte Erfolg“, sagte Sauron.
Er eignet sich nicht, um Nutzpflanzen anzubauen, aber er zeigt die Fähigkeiten meines Gärtners.“
„Du hast ihn mir immer noch nicht vorgestellt.“
„Er weiß nicht, wofür ich seine Fähigkeiten brauche“, redete ich mich heraus. Es wurde immer schwieriger, die Wahrheit zu umschreiben. Direkt zu lügen, wagte ich nicht.
„Es sollte eine Ehre für ihn sein“, stellte Sauron kühl fest.
„Ein guter Diener zeichnet sich durch sein Schweigen aus. Er leistet beste Arbeit, ohne die Hintergründe zu kennen.“
„Es ist dein Vorhaben. Sage mir, wofür du den Teich anlegen lässt!“, forderte er mich nun auf.
„Für Sméagol.“
„Du hast also immer noch nicht von deinem sinnlosem Vorhaben abgelassen, sein Vertrauen zu gewinnen?“
„Nein.“ Was sollte ich mehr sagen? Die Idee kam mir, als wir über die Wasserversorgung des Gartens gesprochen hatten. Gollum fühlte sich am wohlsten im Schatten und im Wasser. Schatten gab es hier genug, doch nirgendwo Wasser. Der Teich würde ihn magisch anziehen, besonders, wenn ich seine Leibspeise in ihn hinein setzte.
„Du solltest kein Mitleid mit ihm haben. Mitleid ist eine Schwäche“, belehrte mich Sauron.
„Ich habe kein Mitleid.“
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie er nach meinem Handgelenk griff. Er packte so fest zu, dass ich mein Messer fallen ließ.
„Lüge mich nicht an“, sagte er mit kalter Stimme.
Sein Griff wurde noch fester, ich unterdrückte die Tränen, die mir in die Augen steigen wollten. Kurz sah er mir direkt ins Gesicht, ich biss die Zähne zusammen und versuchte ausdruckslos zu gucken. Da ließ er mein Handgelenk wieder los, ich zog es schnell zurück und riss mich erneut zusammen, um nicht daran zu reiben.
„Du lernst deine Schwächen zu unterdrücken, das ist gut“, stellte er fest.

Mit einem Kopfschütteln kehrte ich wieder in die Realität zurück. Schwächen unterdrücken… Ich musste es lernen, denn für jede Schwäche wurde mir wehgetan, nicht nur von Sauron, auch von anderen. War es da wirklich gut, wenn ich Gollum wieder zu Sméagol wandelte? Wenn ich ihn zu einer Kreatur wandelte, die ich mögen könnte, die mir wichtig wurde? Es würde eine weitere Schwachstelle bedeuten. Allerdings hatte ich auch recht gehabt, er konnte nützlich sein. Jahrelang hatte er im Verborgenen gelebt, wer wusste, was er sich da für Wissen angeeignet hatte, was ihm der Ring eingeflüstert hatte? Und selbst wenn nicht, inzwischen war es sowieso zu spät.
Ich beobachtete, wie Gollum sich dem Teich näherte. Er tat dies vorsichtig und geduckt. Heute wolle ich ihm endlich näher kommen, er hatte sich daran gewöhnt, dass ich da war, doch niemals war ich ihm näher als fünfzig Meter gekommen.
Gollum saß im seichten Wasser des Ufers, stierte hinein und griff dann blitzartig zu. In der Hand hielt er einen winzigen Karpfen, sie waren alle noch recht klein. Der Fisch zappelte, als Gollum seine sechs Zähne in ihm versenkte und ihn in zwei Happen hinunter schlang, davon konnte er nicht satt werden. Vorsichtig trat ich näher, bis ich direkt hinter ihm stand. Gollum rührte sich nicht, obwohl er mich sicherlich bemerkt hatte.
„Sméagol“, sprach ich ihn an „niemand wird dir ein Leid tun.“
Er drehte sich immer noch nicht um. Ich zog ein Stück rohes Wildfleisch aus meiner Tasche. Das würde ihn sättigen können. Gollum schnüffelte und riss mir das Wild aus der Hand.
„Wir wollen Fisch. Wir mögen Fisch, ja Fisch mögen wir. Behalte garstiges Fleisch.“ Es waren fast dieselben Worte, wie beim letzten Mal, als ich ihm Fleisch angeboten hatte.
„Du kannst nicht alle Fische aus dem Teich fangen, Sméagol. Dann sind bald keine mehr da, sie sind noch zu klein, um sich zu vermehren.“
Gollum hielt sich den Kopf: „Warum nennt es uns so? Warum? Gollum, Gollum, Gollum.“ Wieder die gleichen Worte. Dann floh er aus dem Garten. Seufzend hob ich das Stück Wild auf und machte mich auf den Weg in die Festung, morgen würde ich wiederkommen.

Die Tage vergingen, immer wieder sprach ich Gollum an, doch er antwortete mir nicht. Doch er floh auch nicht mehr, man könnte sagen, er ignorierte mich einfach.
Ich beobachtete ihn wieder einmal und hörte ihm zu: „Gollum, Gollum. Er ist weg! Der ganze leckere Fisch ist weg! Wo ist er hin?“ Er sah auf und blickte mich direkt mit seinen fahlen Augen an, die Pupillen waren ganz klein. „Er ist weg!“
Vorsichtig trat ich zu ihm hin: „Ich habe dir doch gesagt, dass er bald weg sein würde.“ Ich holte wieder ein Stück Fleisch aus meiner Tasche, diesmal war es Kaninchen. Ich gab es ihm, vorsichtig schnüffelte er daran. Dann biss er hinein und schlang es schmatzend hinunter. Dann lief er davon. So ging es weiter, ich brachte ihm jeden Tag Fleisch oder Fisch. Inzwischen blieb er sogar eine Weile sitzen.
„Sméagol, was hältst du davon, wenn ich wieder Fisch in den See tue? Du musst mir aber versprechen, dass du ihn nicht gleich aufisst. Du musst auch mein Essen nehmen.“
Seine Pupillen verengten sich. „Das ist ein Trick. Ein Trick. Gollum, Gollum.“
Doch dann weiteten seine Pupillen sich wieder und seine Augen nahmen ein tiefes blau an. „Nein, sie will uns nur helfen, mein Schatz. Und zu essen geben, für uns sorgen.“
„Es ist ein Trick! Ein dreckiger, fauler Trick.“
„Nein, sie ist gut, mein Schatz. Ganz gut!“
So ging es noch eine Weile weiter, bis er sich mit blauen Augen und normal großen Pupillen zu mir umwandte: „Wir versprechen es. Wir werden nicht alles fangen.“
„Gut, Sméagol. Ich werde veranlassen, dass der See wieder besetzt wird“, versprach ich und lächelte ihn traurig an. Wie sehr musste er gelitten haben, um so eine gespaltene Persönlichkeit zu bekommen?
Als Sméagol verschwunden war und ich mich auf den Rückweg machte, musste ich an Frodo denken. Wie hatte er es geschafft Gollum verschwinden zu lassen? Sein Selbstgespräch hatte mir gezeigt, dass Sméagol noch nicht verloren war. Doch Gollum überschattete ihn, ich musste ihn vom Einfluss des Ringes befreien. Vielleicht würde ein Gespräch mit Frodo mir Klarheit verschaffen.
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