Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Überleben im Schatten

von Ajnif
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Aragorn Eomer Faramir Frodo Gollum / Sméagol Sauron
16.02.2015
12.05.2015
53
100.257
35
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
16.02.2015 1.525
 
Da stand ich nun auf diesem Berg. Um mich herum nur wüstes Land, alles war schwarz, verkohlt und nicht ein bisschen Leben war zu sehen. Genau so stellte ich mir die Landschaft nach einem verheerenden Krieg vor. Nicht ein Krieg mit Gewehren, Bomben oder Flugzeugen. Nein, diese Landschaft sah aus wie nach einem Krieg in meinen Büchern, wie Kriegsschauplätze in Westeros oder in Alagäsia.
Ich betrachtete weiterhin die Landschaft, während meine Gedanken nur um eine Frage kreisten: Wie zur Hölle war ich hierher gekommen? Ich erinnerte mich nicht mehr an viel.

Ich lag in meinem Bett zu Hause unter meiner Bettdecke, die Nachttischlampe war noch eingeschaltet und die heiße Zitrone neben mir, verbreitete einen wohligen Geruch. Es war spät gewesen, ich haderte mit mir, noch ein Kapitel, nur noch ein Kapitel, dann machst du das Licht aus. Habe ich es getan? Ich weiß es nicht mehr, vermutlich. Denn dann ist das hier nur ein Traum. Ich habe von einer Schlacht gelesen, es ist logisch, dass ich auch dann von einem Kriegsschauplatz träumte.

Wieder sah ich mich um, in Büchern heißt es immer, man muss die Logiklücke in einem Traum finden, dann wacht man auf. Bis auf das offensichtliche, das ich nicht einfach so an diesen Ort gebeamt worden sein konnte, konnte ich jedoch nichts entdecken. Die Schatten stimmten überein, die Berge in weiter Ferne sahen leicht verschwommen aus, unter ihrer Wolkendecke und soweit mein Auge reichte, sah ich diese verbrannte Landschaft. Es war nichts zu hören außer dem leichten Säuseln des Windes und das Rascheln meiner Kleider.
Frustriert setzte ich mich auf den Boden und starrte meine Kunstledertasche an, es war eine schwarze relativ kleine Laptoptasche, sie sah hier so fehl aus, wie ein Mûmakil in meiner Schule. Es war kein Laptop in der Tasche, nicht einmal ein Handy hatte ich dabei, aber was sollte mir das auch schon in einem Traum nützen? Die Tasche hatte ich noch gepackt, bevor ich ins Bett gegangen war, sie war für den nächsten Tag gewesen. Der Tag auf den ich mich seit langem gefreut hatte, der Tag der mich endlich weg bringen sollte. Ich dachte noch weiter über meine Tasche und die geplante Reise nach, als mich Getrampel und Stimmen aufschrecken ließen.
Mein erster Gedanke war sich zu verstecken, doch wo? Hier gab es nichts, nicht einmal einen verkohlten Strauch. Also blieb ich sitzen wo ich war, es war ein Traum oder? In einem Traum konnte man nicht sterben.
Die Stimmen kamen näher, sie klangen rau und ihre Sprache war kehlig. Sie sprachen in einer fremden Sprache, die keiner Sprache ähnelte, die ich kannte. Es war keine schönen Laute, die in mein Ohr drangen, sie ließen mich erschauern und das Gefühl sich zu verstecken oder weg zu laufen wurde immer stärker. Doch wo sollte ich hin? Ich konnte nicht einordnen woher die Stimmen kamen, hier still sitzend, würden die Sprecher mich vielleicht nicht bemerken.
Ich trug schwarze Sachen, meine Jogginghose und ein schwarzes Sweatshirt. Hätte mein Traum-Ich mir nicht zumindest einen Kapuzenpulli geben können, damit ich meine roten Haare darunter schieben könnte? Vielleicht leuchteten sie in der Dämmerung nicht allzu weit.
Während ich noch am Boden kauerte, schoben sich die ersten Gestalten in mein Blickfeld, es schien eine größere Gruppe zu sein, doch ich konnte von meinem Hügel aus nicht viel erkennen. Die Gestalten sahen leicht grotesk aus, sie liefen zwar auf zwei Beinen und hatten Arme, aber dennoch wirkten sie anders, nicht menschlich.
„Nein, oh nein!“, dachte ich mir, es sah so aus, als würde eine Gestalt in meine Richtung deuten. Vielleicht wollten sie ja nur… Sie fingen an zu grölen und die Gruppe lief auf mich zu, es waren etwa fünfzehn Gestalten, die viel zu schnell auf mich zukamen. Ich sprang auf, schnappte meine Tasche, die erstaunlich schwer für ihre Größe war und versuchte zu fliehen. Die Betonung sollte auf versuchte liegen, denn ich kam nicht einmal zwanzig Meter weit, da schlang sich eine Kette um meine Füße und ich fiel der Länge nach hin, meine Tasche konnte ich noch umklammern.
Ein Grunzen ertönte und ich wurde gewaltsam auf den Rücken gedreht. Ich sah den Gestalten nun mitten ins Gesicht. Nein, das konnte nicht sein, alles nur nicht das. Ich blickte in das verschlagene, groteske und widerwärtige Gesicht eines Orks. Ja, eines echten Orks. Wie die in Peter Jacksons „Herr der Ringe“, wie die, die Tolkien so meisterhaft mit Worten skizziert hat. Das war der Beweis, ich musste Träumen, ein Schlachtfeld, Orks ich war in Mittelerde, na ja zumindest mein Traum-Ich war in Mittelerde und zwar nicht im freundlichen Teil, im Auenland oder Lothlórien, dort wo ich gerne wäre.
Der Ork grunzte mir ins Gesicht, ein anderer sprach in der kehligen Sprache, welche wohl die Orksprache war. Ein Tritt, weitere Worte. Ich verstand nichts. Zwar liebte ich Fantasyfilme und Serien, noch mehr liebte ich die entsprechenden Bücher, aber ich gehörte nicht zu denen, die Fantasysprachen erlernten. Ich meine ich bewunderte diese Menschen, die es konnten, sich die Mühe gemacht hatten es zu lernen. Aber ich kam ja nicht einmal mit Englisch klar, wie sollte ich da eine so schwierige Sprache wie Sindarin erlernen?!
Ein weiterer Tritt, dann ein Reißen an meiner Schulter. Das sollte wohl aufstehen heißen. Mühsam rappelte ich mich auf, nicht nur das mir alles weh tat, meine Füße waren immer noch fest zusammen gebunden.
Nun wedelte einer der Orks mit seinem Harken bedrohlich vor meiner Nase herum und grunzte, das sollte wohl nicht weglaufen heißen. Denn ein anderer Ork nestelte dabei an der Kette um meine Knöchel herum, er löste die Kette und band stattdessen meine Hände zusammen. Das andere Ende der Kette drückte er einem großen Ork in die Hand, es war kein Uruk-hai, aber dennoch nicht weniger Furcht einflößend. Der große Ork brüllte etwas und zerrte mich dann hinter sich her, ein anderer Ork packte die Tasche.

Langsam wurde ich müde, wir liefen nun schon mehrer Tage und Nächten durch. Die Orks legten ein forsches Tempo an den Tag. Ja richtig: Tag! Immer hieß es Orks scheuten das Tageslicht, sogar diese Dämmerung hier würde ihnen zu schaffen machen, doch sie wurden nicht wesentlich langsamer. Erneut dankte ich meinem Traum-Ich. Das mussten Saurons Orks sein, die denen die Sonne nichts anhaben konnte. Nun wusste ich wenigstens, dass ich, beziehungsweise mein Traum-Ich, im dritten Zeitalter war. Das Gebirge musste das Ered Lithui sein, das Aschengebirge.
Der Marsch war anstrengend und wenig abwechslungsreich. Die Orks brüllten sich in ihrer kehligen Sprache an, anfangs hatten sie auch mich angebrüllt, aber schnell begriffen, dass ich sie nicht verstand und sicher nicht antworten würde. Auch die Landschaft änderte sich nicht, immer das gleiche verkohlte Land. Irgendwann tauchte ein roter Schimmer am Horizont auf, umso mehr Zeit verstrich, desto greller und näher schien er zu kommen. Ich weiß nicht, wie viele Tage verstrichen waren, aber es waren genug um meine Füße blutig zu laufen, was allerdings kein Wunder war, da ich nur Socken trug.
Es ging immer weiter und weiter, ich starrte die ganze Zeit auf den Boden. Doch schließlich hielten die Orks an, das taten sie sonst nie. Einzelne vielleicht, um sich zu schlagen oder sonst was zu tun, aber die ganze Gruppe hatte ich noch nie anhalten sehen. Ich schwankte kurz und sah dann auf.
Der Anblick ließ meinen Atem stocken. Ein riesiges Tor war vor uns, dahinter stand ein noch höherer Turm mit einer Art Gabel oben darauf. Wieder erinnerte mich die Szenerie an Mittelerde, es sah aus wie Mordor mit Saurons Turm Barad-Dûr, nur das Auge fehlte.
Ein Ziehen an meinen Handgelenken lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Orks, ein kleines Tor hatte sich im Großen geöffnet. Klein hieß immer noch, dass vier Orks gleichzeitig dadurch passten, aber im Gesamttor sah es wie ein kleines Guckloch aus. Ich folgte den Orks gezwungenermaßen und erblickte Mordor. Es war genauso verkohlt und verbrannt wie die Landschaft vorher, jedoch war es hier laut, sehr laut. Überall wo man hinsah sah man Orks, einige schlugen sich, andere schleppten Waffen und ähnliches hin und her, doch die meisten bauten. Sie bauten an einer riesigen Festung, deren Zentrum der Turm von Barad-Dûr war.
Ich konnte keine weiteren Blicke erhaschen, denn der Ork, der mich hielt, zerrte mich nun wieder hinter sich her auf eines der halbfertigen Gebäude zu.
Es war dunkel und stickig, bis auf ein paar rußende Fackeln gab es keine Lichtquellen und so konnte ich nicht viel erkennen. Noch während sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, wer hätte gedachte, dass es so viele Grade zwischen Hell und Stockfinster gab, spürte ich, wie meine Füße ins Leere traten. Ich fiel nach vorne, doch mein Geiselnehmer verhinderte einen Sturz. Er packte mich und stellte mich wieder auf die Füße, die ganze Prozedur begleitete er mit Kniffen und, wie ich vermutete, Beleidigungen.
Die Treppe schien kein Ende zu nehmen, ich konnte inzwischen zwar wieder Umrisse sehen, doch einen Boden sah ich nicht. Dafür hörte ich. Ich hörte Schreie, Stöhnen und klatschende Geräusche. Ich brauchte nicht mehr den Gang mit den Zellen zu sehen, um zu wissen wo ich war. Ich befand mich in einem Gefängnis, einem Orkgefängnis in Barad-Dûr, Mordor, Mittelerde.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast