Des Leidens Sinn

OneshotFantasy, Schmerz/Trost / P12
16.02.2015
16.02.2015
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Das mittelgroße Gewölbe war in den mattroten Schein getaucht den das flackernde, schwach  von den Wänden reflektierte Feuer verursachte. Große schwere Tische aus mit Eisen beschlagenen schwarzem Holz waren in einem Kreis um eine Esse aus grob behauenen, an der Oberseite  rußgeschwärzten Steinen angeordnet. Das Licht der kirschrot glühenden Kohlen wirft ein tanzendes Spiel aus Licht & Schatten über die dutzenden Folterwerkzeuge die sorgfältig auf den Tischen aufgereiht sind. Zangen, Klingen, Abhäutemesser, gezahnte & gezackte Dolche, mit Gift bestrichene Messer, Säurebehälter, Brandeisen, Daumenschrauben, Peitschen und noch mehr. Neben der Esse führen starke Ketten aus pechschwarzem glanzlos stumpfen Stahl der Brennenden Höllen zu in den roten Fels geschlagenen Verankerungen.

Eine leichte Bewegung lässt die uralten Kettenglieder leise Klirren, neben dem leisen Knistern und Knacken der Kohlen das einzige Geräusch in dem Gewölbe. Die zwischen den Ketten hängende Gestalt erschauert leicht und wieder klirren die Glieder. Kurz dreht der Gefangene die Handgelenke in den Innen mit Stacheln versehenen Handschellen, er spürt den Schmerz nach all der Zeit gar nicht mehr, ehe er wieder in Regungslosigkeit verfällt. Früher trug er einen Stirnreif aus Gold in Form von Lorbeer über einer rein weißen Kapuze, heute trägt er ein grausames Zerrbild dessen. Eine zerfurchte, stachelige und vernarbte Kapuze aus Stahl, von Mephisto, dem Herr der Hasses selbst auf den Kopf gegossen. An ihr befestigt ein Stirnreif aus Blei, eine Darmschlinge darstellend. Anstelle seiner himmlischen kupferfarbenen Rüstung trug er nun eine aus stumpfen eingedelltem Blei und seine einst strahlend weißen Robe ein halb zerfallenes Flickwerk aus schmutzigen Lumpen. Zwischen den Schulterblättern ragten vor langer Zeit mehrere Triebe aus weißblauer Energie hervor, seine Flügel. Doch Mephisto riss sie ihm Einen nach dem Anderen aus und ersetzte sie durch grausige mit Dornen besetzte Haken. Vor ihm hängt an einer weiteren Kette ein mannhoher Spiegel aufdass der Gefangene ständig das grauenvolle Zerrbild des Engels sieht das er einst war.

Viel Zeit ist seit seiner Einkerkerung und dem Beginn seiner Folter vergangen, seine Schreie ließen das Gewölbe erbeben doch im Laufe der Jahrhunderte wurden sie leiser und leiser bis sie schließlich ganz verstummten sodass nur die Geschäftigkeit seiner Foltermeister zu hören war doch jetzt, ist es still. Zuerst war es Mephisto der ihn methodisch folterterte, nach und nach ließ er dies niedere Dämonen tun und begnügte sich nach mehreren Jahrhunderten mit hämischem Zusehen. Dann eines Tages erschien der Herr des Hasses nicht mehr um sich an der Qual seines Gefangenen zu weiden, ohne die Befehle des Herren wurde seine Folter zunehmend planloser aber nicht minder effektiv. Schließlich wurde sie weniger und weniger je mehr von seinen Foltermeistern verschwanden bis er allein war. Und zum ersten Mal seit ungezählten Jahren hat er Zeit über seine Fehler nachzudenken.

Er schluckt schwer als er sich an jenen Streit erinnert der nun, wenn er so zurückdenkt, den Anfang seines Sturzes in diese Höhle darstellt. Der Streit mit seiner einst geliebten nun gehassten Lilith und die bald darauffolgende Trennung. Seine Manipulierung des Weltensteins um die Kräfte der Nephalem zu unterdrücken, sein Leben als Prophet der Kathedrale des Lichts, seine Gefangenahme durch den Angiris-Rat, jene Erzengel die er einst Brüder und Schwestern nannte. Seine Überreichung an Mephisto zur Besiegelung eines Waffenstillstands zwischen den Hohen Himmeln und den Brennenden Höllen. Es beginnt mit einem leichten Zittern des Körpers das stärker wird bis die Schultern des Gefangenen beben als ihn etwas lautlos schüttelt. Dann fallen silberne und doch farblose Tropfen aus der Dunkelheit unter der Kapuze hervor und landen mit leisem Plitschen auf dem rauen Stein des Bodens. Der Engel... weint.

Während ihn sein lautloses Schluchzen schüttelt und die Ketten rasseln lässt hebt der gefallene Engel den Kopf zur Decke als könne er durch die vielen Gesteinssichten und Ebenen hindurch bis in die Hohen Himmel sehen. Dann schreit er. Sein Schrei lässt das Gewölbe erzittern und zerschmettert die Stille, schleudert ihre Scherben hinfort. Ein Schrei abgrundtiefer Qual und des Selbsthasses, aber auch der tiefsten Reue und des Flehens, des Flehens um etwas das es in den Brennenden Höllen nicht gibt.

In der großen Bibliothek ist es still. Sachte streicht Itherael über die Schriftrolle „Talus'ar". Oftmals sitzt er hier an einem der kleinen Tische und liest in ihr das Schicksal. Sein Blick gleitet über die Regale in denen sich abertausende Schriftrollen stapeln und Bücher aneinander reihen, in ihnen verzeichnet das Schicksal jedes einzelnen Engels & Dämons. Einzig die Schicksale der Menschen sind nicht verzeichnet, sind sie doch beides. Engel und Dämon. Sein Blick hält bei der großen Vitrine im Zentrum des Saales an, ein schweres Schloss sichert die Türen, den Schlüssel trägt er immer bei sich. Dort befinden sich die Schicksale der Erzengel und der Großen wie der Niederen Übel. Schon oft stand er mit ausgebreiteten Flügeln vor dieser, neben im Malthael der Erzengel der Weisheit, und hielt Imperius den Erzengel des Heldenmuts davon ab die Schicksale der Übel zu lesen, denn es gibt Gesetze an die sich selbst die Erzengel und Übel zu halten haben.

Er hebt den Kopf als ein fernes Echo an seine Ohren dringt, in der Vitrine glüht eine der Schriftrollen auf. Er kennt sie gut, denn als einzige der Schicksale der Erzengel las er sie mit Schmerz und Trauer im Herzen, es gibt Strafen, mögen sie auch vom Schicksal festgeschrieben sein, die selbst dem Neutralsten an die Nieren gehen. Wie von selbst kommt der Schlüssel in seine Hand als er zur Vitrine schreitet und diese aufschließt. Langsam entrollt er die glühende Schriftrolle, alle außer ihm sehen das Schicksal in goldenen Buchstaben niedergeschrieben. Er jedoch durchlebt es als wäre es sein eigenes. Für einige Minuten steht er reglos da ehe er die Schriftrolle wieder zurücklegt und abschließt. Dann geht er zum Ausgang. Mit jedem Schritt wird er schneller bis der Erzengel des Schicksals rennt.

Leise Musik erfüllt die Gärten des Lichts, die sanften Klänge gehen von einer goldenen Harfe mit silbernen Seiten aus. Der blau gewandete Engel, Auriel zupft sachte die Seiten und genießt die Schönheit des Gartens. Sie unterbricht ihr Spiel und senkt lauschend den Kopf um den kaum wahrnehmbaren Echo zu nachzulauschen. Langsam stellt sie die Harfe beiseite und erhebt sich. In einer Ecke des Gartens, vor einer kleinen Statue bleibt sie stehen und betrachtet den Dargestellten. Mit vor das Gesicht gelegten Händen vergießt der Erzengel der Hoffnung Freudentränen.

In dem Gewölbe schreit der gefangene Engel seine Gefühle heraus und fleht wortlos, fleht nach etwas was dem Reumütigen in allen Welten zuteil wird wenn er aufrichtig und von ganzem Herzen bereut. Gnade und Vergebung. Ein Knall lässt Staub von der Decke rieseln als die Ketten zu Splittern zerspringen. Goldenes Licht umhüllt und verzehrt den zu Boden stürzenden Gefangenen. Langsam verblasst das Licht und offenbart die veränderte Gestalt des Engels. Wieder trägt er seinen Stirnreif aus goldenem Lorbeer, doch diesmal über einer grauen Kapuze, von grau ist auch der Rest seiner Robe und kontrastiert mit dem Kupfer seiner Rüstung. Um den Hals hängt an einer Silberkette ein lilaner violetter Kristall und eine bronzene Kette führt schräg über seine linke Schulter und hält ein dickes mit bronzenen Einschlägen versehenes Buch an seiner rechten Hüfte. Die gepanzerten Finger der linken Hand umschließen den dicken Schaft einer großen Axt mit gewaltigem langgezogenen Kopf, im Volksmund nur als Henkersaxt bezeichnet. Weiße Triebe bewegten sich sachte durch die Luft als er die Flügel bewegt. Langsam erhebt sich der ehemalige Gefangene und schreitet zur Tür seines Kerkers. Mit wuchtigen Schlägen zertrümmert der neu geborene Erzengel Inarius das Hindernis.
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