Skandal & Intrige - Kabale und Liebe reloaded

von Didier
GeschichteDrama, Romanze / P12
Ferdinand von Walter Lady Emilie Milford Luise
15.02.2015
04.05.2015
11
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»Uuuuh baby, I love your way, everyday!« Peter Framptons Allzeit-Liebeslied flog aus den Lautspre­cherboxen in Fredos geöffnetem Ferrari-Cabrio hinauf zu den alten Linden der Allee, durch die er mit achtzig Sachen flitzte, verstärkt nicht nur durch seine 500-Watt-Hifi-Boxen, sondern auch durch ihn selbst. Fredos Stimme eignete sich zwar nicht für einen dieser Song-Contests, die jetzt überall in den Flimmerkisten liefen, aber ging es da nicht sowieso eher ums Aussehen? Dann hätte er, der nonchalant-charmante Deutschtürke vielleicht doch Chancen. »Wanna tell you I love your way, everyday! Wanna be with you night and day!« Allerdings gab es Schwierigkeiten mit der Textsicherheit: »Luisa appears to shine and light the sky«, begann bei ihm die zweite Strophe. Und als Peter Frampton wieder beim Refrain war, macht er aus baby Luisa. »Uuuuh Luisa, I love your way, everyday ...« Er bog von der Kieler Straße in die Wolffstraße ein und von der wieder rechts in den Fasanenweg, der seinem Namen alle Ehre machte. Die Gegend erinnerte mehr an einen Park mit Verweilpavillons als an ein Wohnviertel. Fasane, wenn sie sich denn noch hierher verirrten, hätten keinen Grund zur Klage. Man durfte hier eigentlich auch nur dreißig fahren. Fredo war das zu lahm. »Luisa, Luisa, Luisa!« Der schmale Weg führte auf einen von Linden beschatteten Platz, in dessen Mitte sich eine imposante, dreihundert Jahre alte Kirche mit ihrem schlanken Turm divenhaft in den blauen Himmel emporstreckte. »Uuuuh Luisa, I love your way, everyday!« Eine Treppe führte an Rasenflächen und einem Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege vorbei zum Portal, das sich soeben, es war elf Uhr dreißig am Sonntagmorgen, öffnete. Im selben Moment tauchte ein kräftiges Glockengeläut den Platz in ein frappierendes Innuendo und erstickte den ausklingenden Peter Frampton. Während Fredo auf dem Parkplatz vor dem Kirchengebäude in seinem Ferrari ausharrte und sich nervös noch einmal im Innenspiegel das glatte, schwarze Haar mit den dunkelroten Strähnchen zurechtstrich, strömten die ersten Kirchgänger aus dem Gottesdienst. Und – sie hatte versprochen, sich zu beeilen – da war auch schon sie: die Engelsgleiche, gehüllt in ein luftiges blau-weißes Sommerkleid, das braune Haar züchtig zu einem Zopf geflochten, der ihr einen halben Meter lang über den Rücken hing. Ihr Antlitz: strahlend. Sie sah ihn, löste sich von einem älteren Herrn, der beim Herausgehen ein Gespräch mit ihr begonnen hatte, lächelte, da sie seinen Wagen erblickt hatte, ihm entgegen. Er stieg aus, öffnete ihr die Beifahrertür, als sie noch zehn Meter entfernt auf den Treppenstufen war, und konnte sein klopfendes Herz nicht zur Ruhe bringen.
»Du solltest lieber selbst mal in einen Gottesdienst kommen anstatt mir hinterher aufzulauern«, lachte sie. »Würde dir gut tun.«
»Goldstück«, sagte er und ließ seine weißen Zähne blitzen, »du weißt doch, ich bin Moslem. Moslems gehören in Moschee, nicht in eure heiligen Kirchen.« Sie stand vor ihm, er nahm sie in den Arm. Seinem Kuss auf die Wange wich sie aus.
»Aber in die Moschee gehst du ja auch nicht«, erwiderte sie, während sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm und er die Tür zuwarf.
»Ich und Gott, das ist besondere Beziehung. Hier!« Er klopfte sich auf die Brust. »Gott ist tief hier drin. Und du bist gleich nebenan, ungefähr« – er tastete sich mit den Fingern auf seiner Brust nach links – »hier!«
»Trotzdem – was der Herr Pfarrer heute gepredigt hat, geht alle an. Das wäre für dich auch interessant gewesen. Es ging darum, dass es im Leben jedes Menschen Dämonen gibt, die ihn jagen. In der Bibel gibt es eine Geschichte, wo ein Mann von ganz vielen Dämonen, einer Legion von Dämonen, besessen ist und Jesus treibt sie aus und sie fahren in eine Herde von Säuen.«
»Das ist ganz einfach zu verstehen, Goldstück«, sagte Fredo und fuhr so rasant an, dass ein paar Steine von dem sandigen Parkplatz von seinen Hinterreifen gegen die Mauer flogen, die den Rasen des Kirchgrundstücks einfasste. »Jesus wollte zeigen: Der Typ da, das war’ne ganz arme Sau war das!«
»Wow, unser Laientheologe hat gesprochen! Aber irgendwo ist jeder Mensch eine arme Sau. Weil sein Dämon ihn drangsaliert und ohne dass er sich dagegen wehren kann, stürzt er ihn am Ende ins Unglück. Für die einen ist es, dass sie zu geldgierig sind ...«
»Mein Vater...«
»... ein anderer ist ständig hinter Frauen her und kann nie treu sein...«
»Kenn’ ich! Das Problem hatte ich früher auch mal, aber seit ich dich kenne, Goldstück, ist Dämon verschwunden, spurlos!«
»Oder jemand leidet an Depressionen, weil er mit irgendwas nicht fertig wird. Und das wird ihm am Ende zum Verhängnis und vielleicht nicht nur ihm ... Wusstest du, Fredo, dass der Teufel eigentlich ein Engel ist?«
»Was? Teufel, der Sauhund will ein Engel sein?«
»Der Teufel ist ein gefallener Engel.«
»Wie das?«
»Als er mit Gott konkurrieren wollte, hat Gott ihn fallen lassen.«
»Du meinst, der Scheitan hat da oben bei Gott Scheiß gebaut und dann hat der ihn rausgeschmissen?
»So ungefähr.«
»Wow. Mit Gott ist nicht gut Kirschen essen.«
»Und jetzt ist er ein böser Engel und geht hier auf Erden umher wie ein brüllender Löwe auf der Suche nach Leuten, die er verschlingen kann. Das heißt, er benutzt seine Macht und seine Dämonen-Legionen, um Menschen dazu zu bringen, dass sie werden wie er. In einer Zigeunerlegende sind es sogar zwölf Teufel, die aus dem Himmel auf die Erde geschleudert wurden, weil sie es gewagt hatten, Gott herauszufordern. Aber auf dem Weg zur Erde sind sie in den dürren Zweigen von Bäumen hängen geblieben und aus eigener Kraft können sie sich nicht mehr befreien. Sie müssen deshalb warten, bis eine Menschenseele vorbeikommt, die auf dem Weg zum Himmel ist. Und die müssen sie dann überreden, dass sie sie mit nach oben nimmt. Aber nachdem die Menschenseele ihnen geholfen und sie aus dem Baum befreit hat, hält der Teufel sie weiter fest und lässt sie nie wieder los. Er kann dann mit ihr machen, was er will. Und die Seele muss dem Teufel dienen bis in alle Ewigkeit.«
»Harte Nummer.«
»Ich glaube aber, das sind in Wahrheit keine Teufel, das sind Dämonen. In der Bibel ist jedenfalls nur von einem Teufel die Rede.«
»Klar, das andere sind die Djinns. Aus der Wüste.«
»Was ich eigentlich versuche zu sagen, Fredo, ist ... Manchmal kommst du mir auch so vor wie ...«
»Wie ein Engel? Oder wie eine arme Seele? Bin ich, Goldstück, bin ich. Bin ganz arm dran, wenn du ein Mal nicht ...«
»Wie ein Engel, der mit seinem Dämon kämpft«, würgte sie ihn ab. »Du kannst ein Engel sein, Fredo, das weiß ich. Aber ich glaube, es gibt da auch einen Dämon. Und ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Aber wenn man ihn nicht kennt, ist das gefährlich, weil man ihn dann nicht besiegen kann.«
»Das wird mir jetzt alles zu ernst hier.«
»Ja, typisch! Bloß nicht über was Ernstes reden.«
»Weißt du was, Goldstück?«, begann Fredo nach minutenlangem Schweigen neu. »Ich kenn' mein' Dämon. Das ist ganz klar, Baby: Du bist mein Dämon! Mein großes Problem ist, dass ich viel zu verliebt in dich bin und kaum noch einen Schritt ohne dich machen kann. Und wenn ich dich drei Stunden nicht gesehen habe, dann habe ich sie auch, diese... diese Depressionen, klar! Aber dann ist da noch anderer Dämon in mir, der knurrt immer – unheimlich manchmal, sag ich dir. Da! Hast du gehört?« Fredo wies mit der freien Hand dezent auf seinen Magen.
»Ach, du nimmst mich nicht ernst, Fredo. Immer musst du alles ins Lächerliche ziehen.«
»Nee, ganz im Ernst, Goldstück, da drin ist Dämon, der knurrt wie verrückt. Aber Fredo weiß, wie man mit solchen Biestern fertig wird. Dem werd’ ich’s zeigen! Einverstanden?«
»Womit?«
»Knurrenden Dämon austreiben. In der Pizzeria del Angelo. Müssen wir nicht mal bezahlen. Mein Alter liebt die Pizzas dort, deswegen hat er den Laden gekauft.«
»Aber ich habe meinen Eltern versprochen, dass ich heute Mittag bei ihnen esse. Seit ich bei ihnen ausgezogen bin, sehen wir uns nur noch einmal die Woche.«
»Luisa, du bist gute Christin, ja?«
»Hm.« Luisa zog die Lippen schmal und zuckte mit den Achseln. »Ich versuch’s.«
»Ich frage dich: Kann gute Christin zusehen, wie jemand von knurrendem Dämon belästigt wird, obwohl es ganz leicht wäre, das Vieh loszuwerden? Das müssen deine Eltern doch verstehen, das ist Christenpflicht, da helfen!«
Fredo musste an einer Ampel halten. Er beugte sich zum Beifahrersitz hinüber, legte seine Hand in Luisas Nacken und holte den Kuss nach, den sie ihm vor der Kirche verweigert hatte. Es wurde ein langer Kuss, an dessen Ende er in der bekannten Intonation erneut zu bekennen hatte: »Uuuuh, Baby, I love your way!«
 
 
2
 
Seine Frau hatte soeben aufgelegt. »Sie kommt nicht«, sagte sie mit leicht brüchiger Stimme. »Isst mit Fredo.«
Der alte Müller schlug mit der flachen Hand auf den frisch für drei Personen gedeckten Küchentisch, dass es knallte und das Geschirr nebst Besteck aufgeregt schepperte. »Meine Tochter, eine Mafiabraut!«, schimpfte der alte Müller. »Ich glaub', ich geh am Stock! Heute trifft sie den Kerl schon wieder!«
»Mafiabraut! Dass du immer gleich übertreiben musst! Man muss den Dingen ihren Lauf lassen. Die Liebe ist eine Himmelsmacht!«
»Ich würde vielmehr sagen: Die Liebe bedeutet ewige Nacht, wenn sie sich mit diesem Kerl einlässt.«
Seit dreiundzwanzig Jahren war Elisabeth Müller, geborene Greilich, mit Berthold Müller verheiratet. Sie kannte seine Launen und seine Entschlossenheit. Es war eine Entschlossenheit, die zum Problem werden konnte, wenn sie zum Starrsinn ausartete. Waren Entschlossenheit und Starrsinn nicht im Grunde sowieso dieselbe Sache, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln beäugt? »Wir müssen uns da raushalten, Berthold«, sagte sie um einen gemäßigten Ton bemüht und wandte sich wieder dem Herd zu, wo die Soße für den Sonntagsbraten vor sich hin köchelte. »Mit dem Herrn Aksam muss man sich gut stellen. Das ist ein Mann von Einfluss. Und Mafia, so was haben wir hier in Hamburg doch gar nicht!«
»Hast du 'ne Ahnung! Das pfeifen doch längst die Spatzen von den Dächern, dass dieser so genannte Reiseunternehmer seine Finger in allen möglichen schmutzigen Geschäften mit drin hat.«
»Wer Geld hat, hat auch viele Neider!«
»Man muss sich doch nur anschauen, wie der damals die halbe Belegschaft von Pigeon hat über die Klinge springen lassen. Spielt sich erst als der große Retter auf und betätigt sich wenig später als Leichenfledderer. Und zwischendurch hat er fleißig Geld vom Staat eingesackt. Das sind Mafia-Methoden und nichts anderes.« Berthold Müller erhob sich von seinem Küchenstuhl und begab sich schwerfällig an den Herd, wo seine Frau stand und im Kochtopf rührte. Er strich ihr über den Rücken und sagte etwas ruhiger: »Ich bin auch selber schuld. Ich hätte sie mir mal vor die Brust nehmen sollen, als sie diesen Fredo das erste Mal erwähnt hat, hätte mal genauer nachfragen sollen. Fredo? Was ist das denn für ein merkwürdiger Name? Ein Ausländer kommt mir sowieso nicht in die Tüte. Moslem dazu noch! Diese Türkischstämmigen, das sind doch alles Moslems. Geht jeden Sonntag in die Kirche, dass man sich selbst fast wie'n alter Heide vorkommt und kommt mit'm Moslem an.« Er schlug sich mit der Faust auf die Stirn und wandte sich ab. »Gott bewahre!« Was unausgesprochen blieb, war noch ein ganz anderes Unbehagen, das Berthold beschlich, wenn er an seine Tochter dachte: das Unbehagen darüber, dass er aus ihrem Leben herauswuchs, dass sie ihm entglitt und dass er nicht mehr diese durch nichts zu ersetzende Rolle in ihrem Leben spielte. Und das hatte gar nicht in erster Linie mit Fredo Aksam zu tun. Luisa war nach dem Auslandsjahr auf einem Konservatorium in England, das ihr musikalisches Talent fördern sollte, nicht in die elterliche Villa im provinziellen Hasloh zurückgekehrt, sondern in eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Eppendorfer Baums gezogen. Vordergründig war das mit dem kürzeren Schulweg erklärt worden: Luisa hatte sich für die Oberstufe des Johanneums entschieden, eines Hamburger Elite-Gymnasiums mit Schwerpunkt in der Förderung musisch begabter Kinder. Aber war das die ganze Wahrheit? Hatte das Auslandsjahr nicht vielmehr einen Ablösungsprozess beschleunigt, der nach Bertholds Geschmack viel zu früh eingesetzt hatte?
»Aber schreiben kann er, der Fredo. Ich hab' ihr neulich heimlich über die Schulter geschaut, als er eine von seinen romantischen E-Mails geschickt hat.«
»Süßholzraspeln, das können sie, diese Südländer.«
»Er ist aber doch wohl in Deutschland geboren. Sonst könnt' er ja nicht so gut schreiben.«
»Auf welchem Stern lebst du, Lieschen? So was kopieren die doch heute alles aus diesem Internetz.«
»Immerhin eines muss man Fredo lassen. Er ist 'ne gute Partie – mit dem Vater!«
»Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen! Dir scheint das gerade recht zu sein, unsere einzige Tochter mit so einem ... einem Türken-Mafioso zu verkuppeln! Eher wird fünf 'ne gerade Zahl, als dass ich auch nur einen Cent von diesem Billigflug-Hausierer anrühre.«
Ein Klingeln an der Haustür ließ den alten Müller innehalten. Die Eheleute sahen sich fragend an. »Na? Wer kann das denn sein?«
Der Mann, dem Elisabeth Müller die Tür ihres noblen Hasloher Eigenheims aufmachte, hatte etwas Finsteres an sich, etwas Finsteres und Kühles. Er trug einen silbrig glitzernden Anzug und silbrig glänzte im Sonnenlicht auch sein auffallend stark gegeltes schwarzes Haupthaar, in dessen Ansatz sich eine Ray-Ban verfangen hatte. »Guten Tag, mein Name ist Vermino, Alessandro Vermino.«
»Ja, womit...?«
»Sie erlauben, gnädige Frau, dass ich mich kurz vorstelle. Darf ich ...?«
»Bitte. Kommen Sie herein.«
»Es geht um Luisa.« Vermino sagte das in einem Tonfall, dass Elisabeth sofort an etwas Schlimmes denken musste. Sie erblasste leicht.
»Nichts Schlimmes, keine Sorge. Ich...«
Elisabeth hatte sich gefasst. »Mein Mann ist in der Küche. Moment...«
Sie geleitete den Fremden ins Wohnzimmer und ließ ihn auf einem der teuren Veloursledersessel Platz nehmen.. »Was darf ich Ihnen zu trinken ...?«
»Oh, bitte keine Umstände«, lächelte Vermino. »Wenn Sie ein Glas Mineralwasser hätten, das wäre vollauf genügend.«
Sie ließ Vermino allein zurück und war ganz froh in die Küche zurückkehren zu können. »Ein Vermino«, erklärte sie ihrem Mann, der gespannt wie ein Flitzbogen an der Tür lauerte. »Kennst du einen Vermino?«
»Kruzitürken! Noch so'n Ausländer! Was will er denn?«
»Wegen Luisa. Ich hab' da kein gutes Gefühl, Berthold. Rede du mal mit dem.«
Gemeinsam kehrten sie ins Wohnzimmer zurück, wo Vermino es sich sichtlich bequem gemacht hatte. Ein Bein übers andere geschlagen saß er mit dem Glas in der Hand auf dem edlen Sitzmöbel. Berthold Müller war kein Mann von Höflichkeiten, die Zeit verschlangen, die er nie zu haben vermeinte, und sagte: »Herr Vermino, was verschafft uns die Ehre dieses so unverhofften Besuchs zur Mittagszeit?«
»Oh, ich hoffe, nicht ungelegen zu kommen. Aber wenn es um die eigene Tochter geht, ich meine, um Ihre eigene Tochter, dann denke ich doch, dass es gar nicht ...«
»Luisa? Was ist mir ihr?«
»Ich weiß nicht, ob Sie es schon bemerkt haben, aber ihr hübsches Töchterlein ist in den falschen Mann – nun, nennen wir es mal: verschossen.«
Bertholds Züge entspannten sich. Sollte sich hier ein unverhoffter Verbündeter eingefunden haben? »Doch, ist mir schon aufgefallen.«
»Ich muss ein wenig weiter ausholen. Ich bin Geschäftsführer von Aksam-Tours. Das sagt Ihnen etwas? Ich darf annehmen, dass dieser Firmenname, der für Erfolg und Wachstum steht, Ihnen nicht gänzlich unbekannt ist.«
»Das Hamburger Touristikunternehmen, dessen Oberhaupt ein gewisser Herr Erol Aksam ist, der Vater von Fredo Aksam. Und Fredo Aksam ist der Freund meiner Tochter.«
»Ein Freund, der – so ist zu hören – Ihren Vorstellungen nicht so ganz entspricht.«
»Die Frage ist nur«, knurrte Berthold, »was Sie das Ganze angeht.«
»Nun, auf den ersten Blick ganz sicher nichts. Aber lassen Sie mich zunächst mal klarstellen, dass ich die Verbindung zwischen Ihrer Tochter und Herrn Fredo Aksam ebenfalls für eine ... sagen wir mal in bestem Hamburger Patrizierdeutsch: Mésalliance halte. Und nicht nur ich. Der von Ihnen schon passenderweise erwähnte Herr Aksam, Erol Aksam, ist derselben Meinung.«
»Und – nun, wir haben gewisse Möglichkeiten, die Verbindung zwischen Fredo und Ihrem Fräulein Töchterchen zu unterbinden. Ich muss da etwas weiter ausholen:Wie Sie wissen oder zumindest erahnen, ist Herr Erol Aksam ein ziemlich einflussreicher Mensch und sein Einfluss macht vor den Entscheidungen in Betreff seines Sohnes schlechterdings nicht halt.«
»Hört, hört!«
»Alles, was ich von Ihnen erwarte, lieber Herr Müller und liebe gnädige Frau Müller, ist ein gewisses Maß an Kooperation.«
Berthold Müller runzelte die Stirn und rieb sich die linke Schläfe. »Kooperation?«
»Nun, ich muss da etwas weiter ausholen.«
»Schon wieder.«
»Ganz recht. Auch mir persönlich ist Ihr wertes Fräulein Töchterchen nicht fremd. Wie sie vielleicht wissen, hat Fredo vor ein paar Wochen seinen siebenundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.«
»So alt ist der Kerl schon, Lieschen!«
»In kleinem Kreise, dafür in umso eindrucksvollerer Umgebung.«
»Ja, im Metropol, das hat sie uns dann schon verraten.«
»Zu dem kleinen Kreise gehörte auch ich. Schließlich bin ich mit Fredo seit seiner Kindheit, nun, wenn nicht befreundet, so doch zumindest bestens bekannt. Ich gehörte gewissermaßen schon immer zur Familie.«
»Wie kommt das? Sie hören sich eher italienisch an.«
»In dem Einwanderermilieu, zu dem die Familie Aksam dereinst vor vielen Jahren, Jahrzehnten gehörte, wie auch meine Familie, da musste man zusammenhalten. Herr Aksam hat meinem Vater manches zu verdanken, was hier im Detail auszubreiten mir jetzt nicht angezeigt erscheint, aber – um es kurz zu machen: Es war ein wunderbares Fest.«
»Meine Tochter hat doch nicht getrunken?«, warf Elisabeth mit einem Anflug von Empörung ein.
»Da dürfen Sie unbesorgt sein. Luisa ist ... Sie ist ein Wesen von besonderer Reinheit und Zartheit. Und genau deswegen kann auch ich nicht umhin zu gestehen, dass sie auch auf mich einen gewissen Eindruck gemacht hat.«
»Sie erzählen mir jetzt hier gerade, dass Sie in meine Tochter verliebt sind?«, unterbrach Berthold seinen merkwürdigen Gast, der daraufhin andächtig nickte und erwiderte: »Ja, so profan es klingt, man muss es wohl so nennen. Und der Wunsch, der hier zu äußern wäre...« Gebannt hingen die Eheleute an Verminos Lippen. Dem Italiener schienen überraschend die Worte ausgegangen zu sein. »Der Wunsch also wäre – und ich darf sagen, dass ich mir an diesem Punkt der vollen Unterstützung von Herrn Erol Aksam gewiss sein kann –, dass auch Sie eine Verbindung Ihrer Tochter mit mir gewissermaßen ... unterstützen.«
Berthold erhob sich, wandte sich ab und rang die Hände. Mit zur Zimmerdecke gerichteten Augen sagte er: »Ja, sind wir denn jetzt hier bei Emilia Galotti, oder was? Das ist doch hier kein bürgerliches Trauerspiel!«
»Könnte aber eins werden!«, sagte Vermino, der seine spitze Zunge wiedergefunden zu haben schien, mit einem hintergründigen Lächeln.
»Wir leben in einer europäischen Großstadt des 21. Jahrhunderts. Da werden zwischenmenschliche Beziehungen nicht mehr ausgekungelt wie im Mittelalter! Ich verordne doch meiner Tochter nicht den Freund.« Elisabeth warf ihrem Mann einen spöttischen Seitenblick zu.
»Es geht hier um keine Verordnung«, sagte Vermino, »das überlassen wir der Stadtverwaltung. Es geht darum, dass Sie Ihrer Tochter gegenüber zum Ausdruck bringen, was Sie gutheißen können und was nicht. Ein väterlicher Rat vermag bei der Tochter viel, wie Schiller zu sagen pflegte.«
»Also, ein Türke kommt nicht in die Tüte, aber 'n Italiener ist o.k. Da treibe ich ja den Teufel mit dem Beelzebub aus.«
»Sollte ich das jetzt als eine ausländerfeindliche Bemerkung auffassen?«
»Das können Sie halten wie'n Dachdecker. Fakt ist: Über meine Tochter wird nicht verhandelt wie über die Kerosinpreise bei Aksam-Tours!«
»Außerdem«, wagte sich nun auch Elisabeth aus der Reserve, »ist das ist ja jetzt auch kein Fortschritt: Wenn wir den Sohn haben können, dann... dann... dann nehmen wir doch nicht den Untergebenen!«
»Unterschätzen Sie bitte nicht meine Position«, gab Vermino mit einem Anflug von Gekränktheit zurück. »Außerdem habe ich einen deutschen Pass und bin daher von Rechts wegen zu hundert Prozent deutscher Staatsbürger.«
»Ja, daran sieht man mal, wo die Sozis uns hingebracht haben mit ihrer Integrationspolitik. Und jetzt, lieber Herr Vermino, hören Sie mal genau zu, denn mehr gibt es heute zu dem Thema nicht von mir. Erstens: Ein Liebhaber, der bei den Eltern der Umschwärmten angekrochen kommt, damit er bei ihr landen kann, ist für mich eine taube Nuss! Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wir Eltern sollten erst mal von nichts 'ne Ahnung haben und die beiden Verliebten heimlich unter einer Decke stecken.«
»Unter einer Decke?«, wiederholte Vermino ungläubig.
»Ja, jetzt nicht wörtlich zu verstehen natürlich. Ich meine: Das Kind sollte eher Vater und Mutter zum Teufel wünschen, als sich von ihrem Liebsten trennen zu lassen, oder sich ihnen vor die Füße werfen, damit sie ihren Widerstand aufgeben. Das ist Liebe! Entweder ein Mann macht was her, dann sollte er sich schämen, sich auf so altmodische Wege des Liebeswerbens zu begeben, oder er hat keinen Mumm und ist ein Hasenfuß. Und für so einen ist meine Luisa schlicht und ergreifend zu schade. Und deswegen – nehmen Sie's nicht persönlich, Herr Geschäftsführer von Aksam-Tours – kann ich meiner Tochter zu vielem raten, aber zu Ihnen ganz bestimmt nicht.«
»Unsere Tochter hat was Besseres verdient!«, fügte Elisabeth hinzu.
Vermino war stark erblasst, seine Wangen wirkten hohl, als er sich erhob, zur Tür wandte, dort noch einmal umdrehte und sich mit den Worten: »Empfehle mich, Herr Müller – Frau Müller!« verabschiedete.
»Ich glaube kaum, dass es da noch was zu empfehlen gibt«, warf der alte Müller ihm nach.
Als der geckenhafte Gast schon lange aus dem Haus war, hatte er sich immer noch nicht beruhigt und wetterte: »Was für'n Lackaffe!«
Seine Frau pflichtete ihm bei: »Der Gaul wär' geschenkt noch zu teuer!«
 
 
3
 
»Goldstück«, sagte Fredo und griff über den Tisch nach ihrer Hand, um sie in die seine zu nehmen, »du bist heute irgendwie abwesend. Welche Laus ist dir über Leber gelaufen?« Sie werkelte mit dem Messer an ihrem letzten Stück Pizza herum, als wäre es ein ungebratenes Stück Steak und blickte nicht auf. »Luisa? Bist du noch bei mir?«
»Natürlich, Fredo, ich sitze doch hier vor dir!«
»Das mein' ich nicht, Goldstück, und das weißt du auch ganz genau. Du weißt, ich liebe dich, du bist mein ein und alles. Ich schwör's dir, ja?« Sie nickte wie abwesend. »Und du?«
»Ja?«
»Bist du noch die meine?«
Sehr leise, fast verzagt brachte sie hervor: »Ich liebe dich, Fredo.«
»Rede mir Wahrheit, Goldstück. Etwas stimmt nicht. Du weißt, du bist durchsichtig für mich wie geschliffener Diamant in Mittagssonne. Komm.« Er drückte ihre Hand. »Sag's mir. Was ist los? Was liegt wie eine Tonne Altmüll auf deiner Seele? Immer noch dieser verschissene anonyme Brief?«
Endlich blickte sie ihm ins Gesicht. Und da war es wieder, dieses Lächeln, das verzaubern konnte, das Lächeln, das er nur einmal zu sehen hatte brauchen, um ihm zu verfallen, das Lächeln eines Engels mit goldenen Flügeln, die ihn in ein fernes Paradies zu tragen versprachen. Und an nichts anderes konnte er seit jener ersten Begegnung mehr denken, als er sie fast angefahren hätte mit seinem Angeber-Ferrari, der sie erst mal so gar nicht beeindrucken konnte, ihr stattdessen nur zu verächtlichen Blicken Anlass gegeben hatte. Sie war auf dem Jungfernstieg unterwegs gewesen, wie meistens auf ihrem Fahrrad, sie hatte bei Grün über den Zebrastreifen fahren wollen und er hatte mal wieder nicht nach hinten geschaut, ehe er rechts abbog. Und da wäre sie fast auf seine Motorhaube geflogen. Zum Glück war seine Reaktion die eines Rennfahrers und seine Bremsen – die eines Ferrari eben. Warnblinkanlage, sofort rechts ran und raus aus dem Wagen. Sie hatte auszuweichen versucht und war dabei gestürzt. Luisa am Boden. »Oh, Scheiße, ist was passiert? Oh, tut mir voll leid, ey!« Mehr war ihm nicht eingefallen. Ja, es war etwas passiert. Sie hatte verlegen gelächelt, als wäre sie diejenige gewesen, der etwas Peinliches passiert war, und im Aufstehen geantwortet: »Ja, weiß schon, Sportwagen haben 'ne eingebaute Vorfahrt. Dass mir das entfallen war!« Ihr langes, leicht gewelltes braunes Haar lag etwas wirr über ihrem Gesicht.
Er erkannte trotzdem sofort, dass sie engelsgleich schön war, von vollendeter Mädchengestalt. »Ist kein Sportwagen«, hatte er geantwortet, »ist Ferrari.«
»Ja wow! Da hab' ich ja Glück! Kriegt man dann im Himmel gleich 'n besseres Zimmer, wenn man vom Ferrari tot gefahren wurde und nicht von 'ner Pferdekutsche, ja?«
»Ja klar. Am schlimmsten ist Golf. Die werden da oben gar nicht erst reingelassen wegen Proll-Prüfung am Eingang.«
»Ja, hab' ich wieder viel dazugelernt heute«, sagte sie und hob ihr Fahrrad am Lenker vom Boden auf. »Dankeschön auch.«
»Ja, nee, ich mach' das jetzt schon wieder gut. Fährst du mir hinterher, lad' ich dich ein. Nur dein Geschmack entscheidet!«
»Tut mir leid, ich verbringe meine Zeit nicht mit« – sie suchte offensichtlich nach einem besonders verletzenden Ausdruck – »Ferrarifahrern!«
»Na, dann schreibst du mir deine Nummer auf und ich sorge für 'ne angemessene Entschädigung.«
»Meine Kontonummer«, stellte sie eher fest, als dass sie nachfragte.
»Ja, nee, ich dachte jetzt ...«
»Für die Entschädigungszahlung.«
»O.k., o.k. Kontonummer.«
Er hatte ihr dann dreitausend Euro überwiesen und seine Mobilfunknummer in die Betreffzeile der Online-Überweisung geschrieben. Mit dem Absender »Firma Aksam« hatte sie nichts anfangen können und das Ganze für einen Bankirrtum gehalten. Wie bei Monopoly: »Bankirrtum zu deinen Gunsten. Ziehe 4000 Mark ein« (Version aus der Zeit vor der Einführung des Euro). Bekanntlich war das Leben kein Spiel. Sie hatte telefonisch darauf bestanden, den Betrag zurückzuzahlen. Und nachdem sie endlich kapiert hatte, wer da am anderen Ende mit ihr sprach, hatte sie schließlich in die Entschädigung in Naturalien, wie er die Einladung ins ziemlich vornehme Au Quai am Hamburger Hafen unverfroren umschrieb, eingewilligt.
Sie hatte schließlich einsehen müssen, dass er trotz seiner rotzigen Sprache, die übrigens zu 99 Prozent aufgesetzt war (und jeder Grammatikfehler eine Maskerade), kein »Proll« war, wie er selbst Menschen geringschätzig nannte, die ein gewisses Maß an Höflichkeit, insbesondere dem zarten Geschlecht gegenüber, vermissen ließen. Er hatte viel gelesen, studierte an der Hamburger Universität Geschichte im elften Semester und bereitete nach eigenen Worten eine Magisterarbeit zum Thema »Der Zerfall des Osmanischen Reiches in Korrelation mit der europäischen Dekadenz im ausgehenden 19. Jahrhundert« vor. Sie hatte sich in ihn verliebt.
Er hatte sie schon geliebt, als sie sich vor seiner Kühlerhaube vom Zebrastreifen erhob. Es war das größte Glück, das er in seinem fast drei Jahrzehnte währenden Leben bisher erfahren hatte, und er konnte es mitunter auch jetzt immer noch nicht fassen.
»Ich liebe dich, Fredo«, wiederholte sie und schob das letzte Stück Pizza beiseite. »Aber unsere Beziehung steht einfach unter keinem guten Stern. Mein Vater ist dagegen, dein Vater ist erst recht dagegen. Du hast dich ja noch nicht mal getraut, mit ihm über uns zu reden.«
»Ach, das.« Fredo machte eine wegwerfende Handbewegung. »Kommt Zeit, kommt Tat, Goldstück.«
»Und, ja, dieser anonyme Brief letzte Woche hat mir Angst gemacht. ›Liebst du dein Leben, übst du Verzicht. Edleres Streben als Fredo, der Wicht, gebührt dir, o reine, o kostbarste Maid. Dies dir mitteilen soll dieser Bescheid.‹«
»Hast du auch noch auswendig gelernt, den Scheiß!«, schimpfte Fredo.
»Fredo, dahinter kann doch nur dein Vater stecken. Der weiß bestimmt längst über uns Bescheid. Ich hab' mich in letzter Zeit des Öfteren beobachtet gefühlt. Oder ich werd' langsam paranoid.«
»Goldstück, mein Alter kann nicht mal genug Deutsch für einen einzigen fehlerfreien deutschen Satz und dann soll der auf einmal dichten können wie Goethe?«
»Also, Goethe hat schon noch bisschen mehr zu bieten als dieser Karnevalsdichter, aber das ist jetzt auch nicht der Punkt, Fredo.«
»Na, umso besser, dann machen wir jetzt 'n Punkt. Thema abgehakt. Wo das Glück wohnt, gibt's Neider. Das war schon immer so. Der Brief – weißt, von wem der kommt? Der stammt von irgendso'm pickelgesichtigen Verklemmten, der heimlich in dich verknallt ist.«
»Fredo!«
»Ich kenn' solche Typen. Die Mädels schaun ihn seit seiner Geburt nicht mal mit'm Arsch an, weil er aussieht wie'n benutzter Präser, und wenn er irgendwo was gefragt wird, braucht er drei Minuten, bis er das Maul aufmacht und was rausgestottert kriegt. Aber zu Hause am Computer läuft er auf einmal zu Höchstform auf und kommt groß raus als der Dichter der Pissnelke. Kannst mir geben, den Brief, wisch' ich mir morgen Arsch mit ab.«
»Fredo!«, rief Luisa. »Fredo, jetzt kapier' doch endlich mal: Wir schaffen das nicht. Das Damoklesschwert hängt über uns, aber wir weigern uns nach oben zu schauen. Das ist die Lage.«
»Goldstück, was redest du? Du bist meine Luisa. Wenn ich bei dir bin, schmelzen alle meine Gedanken wie Butter in Sahel-Zone. Und die Buttersoße, die dann auf heißem Sand schwimmt, spiegelt dein Bild, einen einzigen Traum vom Glück. Und da kommst du mir jetzt mit solchem Analysegelaber von wegen Damokles und so? Mir zeigt das nur, dass du nicht verschlungen bist von Glut der Liebe wie ich. Du hast noch freie Kapazitäten zum kühlen Nachdenken, während ich hundert Prozent in Flammen stehe!«
»Du weigerst dich ganz einfach, den Realitäten ins Auge zu sehen, Fredo, Liebster. Man kann aber nicht immer blind durchs Leben gehen, auch nicht blind vor Liebe. Es sind Kräfte am Werk, die uns auseinander bringen wollen!«
»Uns auseinander bringen«, wiederholte Fredo und machte eine Gesicht, als hätte man ihn gerade des vierfachen Mordes bezichtigt.
»Ja. Ich komm' mir vor wie auf 'ner Eisscholle, die in der Mitte bricht, und ehe wir es merken, stehen wir auf zwei verschiedenen Inseln aus Eis, die das Meer auseinander treibt. Und warum? Weil du die ganze Zeit nur rufst: ›Kein Problem, Goldstück, sind bloß meine Gedanken, die schmelzen wie Butter in Sahelzone!‹«
»Goldstück, was sind das für eisige Räsonnements!«, protestierte Fredo.
»Du bist wie ... wie Scrat«, fuhr Luisa unbeirrt fort, »dieses Rattenhörnchen in Ice Age, das immer nur auf seine Eichel schaut, während die Welt um ihn herum in zwei Teile zerbricht.«
»Jetzt hör mir mal gut zu, Goldstück: Niemand kann wahre Liebe trennen, o.k.? Kann jemand die Sterne vom Himmelszelt trennen oder Rhythm von Blues, Rock von Roll, Country von Western? Schollen, die das Meer auseinander treibt ... Weißt du, was das ist, Goldstück, weißt du, was das ist?« Sie wusste, dass er die Antwort gleich selbst geben würde, und schwieg. »Kleinmut ist das, Goldstück, Kleingläubigkeit!« Er nahm einen Schluck aus dem Weinglas neben seinem Teller. »Und dass du es nicht vergisst: Ich bin der Sohn von Erol Aksam. Du weißt, was der für einen Ruf hat. Und davon frei machen kann ich mich nur mit dir und deiner Liebe!«
»Das ist genau der Punkt: Dein Vater macht mir Angst.«
»Und ich habe nur vor einem Angst: dass du aufhörst mich zu lieben. Hörst du auf mich zu lieben, Goldstück, hörst du auf mich zu lieben?«
»Fredo, du willst zu viel!«
»Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Du liebst mich nicht und ich kann mich gleich vor ICE schmeißen. Oder du liebst mich wie ich dich und dann können die uns alle mal. Da kann Mount Everest oder K 9 zwischen uns stehen.«
»K 2«, verbesserte Luisa mit einem Lächeln.
»Was?«
»Der zweithöchste Berg der Welt, falls du den meinst, heißt K 2, nicht K 9. K 9 ist der Schäferhund aus Mein Partner mit der kalten Schnauze
»Ist mir doch scheißegal, kann K 4, K 27 oder auch K 3789 sein. Wenn meine Luisa mich liebt, ist der für mich nur ein Fußabtreter, den ich mal eben links liegen lasse, während ich unterwegs bin, um meiner Luisa in die Arme zu fliegen.« Er stand jetzt auf seiner Seite des Tisches vor ihr und breitete die Arme aus. Einige Gäste des del Angelo schauten interessiert zu ihnen herüber. Aber Fredo schien das eher noch mehr in Fahrt zu bringen als in irgendeiner Form zu irritieren. Er begab sich zu ihrem Platz, nahm erneut ihre Hand und zog sie von ihrem Stuhl. »Wenn meine Luisa mich liebt, da kann Schicksal mir noch so viele Stürme ins Gesicht blasen, sie werden mich am Ende doch zu dir wehen. Je schwieriger und aussichtsloser die Lage, umso herrlicher wird unsere Liebe sein.« Er nahm ihre andere Hand und legte sie auf seine Schulter, als wollte er sie zu einem Tanz überreden. Im Hintergrund lief Bello e impossibile von Gianna Nannini. »Musst du noch Angst haben vor irgendwelchen nachtaktiven Monstern, wenn ich da bin? Traust du mir nicht zu, dass ich auf dich aufpass'? Da können Drachen aus Jurassic Park ausbrechen, ich mach' die alle kalt. Ich schwör's dir, Goldstück: Die krümmen dir kein Haar! Aber du darfst nicht aufhören mich zu lieben, Baby, denn sonst werde ich kraftlos wie Luftballon, dem man die Luft abgelassen hat.« Langsam war sein Kopf dem ihren immer näher gekommen. Er umfasste mit beiden Armen ihre Taille und hauchte ihr ins Gesicht: »Aber lieben musst du mich, hörst du? Liebst du mich?« Es hatte zunächst so ausgesehen, als würde Luisa in die Zärtlichkeiten einwilligen, obwohl es ihr – Fredo wusste das – nicht behagte, sich in der Öffentlichkeit als weiblicher Teil eines Liebespaares anstarren zu lassen. Doch jetzt plötzlich stieß sie ihn mit einer Entschlossenheit zurück, die Fredo nicht erwartet hatte.
»Fredo, du ... Fredo, du«, stammelte sie. Er blickte sie verstört an und hatte keine Ahnung, was sie ihm sagen wollte.
»Was?«, rief er.
»Du kannst einen zum Wahnsinn treiben! Du hast ja keine Ahnung, was das mit mir macht, wenn du so redest, wie die Welt sich anfängt zu drehen für mich. Aber sind das die guten Geister, Fredo?«
»Was? Wovon redest du?«
»Die Geister, die du rufst, sind das die guten Geister? Es ging uns gut, Fredo, wir hatten ein kleines Glück, aber du machst einen wild, du machst, dass ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Du glaubst, ich bin nicht von der Glut verschlungen wie du, verzehre mich nicht. Dabei bist du selbst der größte Brandstifter auf Gottes Erdboden!« Ihre Stimme stockte, sie blickte sich fahrig nach mehreren Seiten um, blickte in neugierige, auch einige beleidigte Gesichter und verließ fluchtartig, als sei ihr nun erst die peinliche Theatralik des ganzen Auftritts zu Bewusstsein gekommen, das Restaurant.
»Goldstück?«, rief Fredo ihr nach. Und auch er nahm nun die vielen Blicke wahr, die die Szene verfolgt hatten. »Was glotzt ihr alle so?«, brüllte er. »Ist euch das zu viel Theater, ja? Wollt ihr lieber in Ruhe eure Scheiß-Pizzen essen, ja? Dann will ich euch mal sagen, wem der Scheißladen hier gehört und warum ich hier rumschreien und Szene machen kann, so viel ich will. Meinem Scheiß-Vater gehört nämlich der Scheiß-Laden hier, klar?«
 
 
4
 
Luisa hatte den Zug genommen. Sie hatte sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt, konnte aber erahnen, dass sie trotzdem immer noch etwas verweint aussah. Ihre Mutter, die die Tür gehört hatte, trat in den Hausflur und umarmte sie. »Hallo, mein Kind! Findest du doch noch zu uns.«
»Ja, hatte doch gesagt, ich komm' später, Mama.«
»Wir haben noch Braten im Ofen. Kann ich dir aufwärmen.«
Luisa schüttelte den Kopf. »Ich hab' doch mit Fredo gegessen, Mama.«
»Lass dich anschauen, Kind. Hast du geweint? Na, komm erst mal rein in die gute Stube.«
»Seid ihr bei dem schönen Wetter nicht draußen?«
»Dem Papa ist's zu warm«, sagte Elisabeth. Sie setzten sich also zum Vater, der im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß. Es lief ein Konzert der Berliner Philharmoniker. Berthold wandte sich aber sogleich seiner Tochter zu und sagte: »Ach, das ist schön, dass du noch kommst, mein Kind.«
»Hallo Papi!«
»Gab's Ärger? Du siehst ein bisschen so aus, als hättest du geweint. Komm mal her, mein Mädchen, komm zu Papa!« Berthold hatte seinen Arm auf die Sofalehne gelegt und mit der Hand bedeutete er ihr, sich zu ihr zu setzen. Luisa fühlte sich in der Gegenwart ihres dominanten Vaters auch heute noch wie zehn. Sie setzte sich, ließ ihren Kopf an seinen Oberarm sinken. Seine Hand sank zu den schmalen Trägern des Sommerkleides auf ihre rechte Schulter. Elisabeth nahm auf dem Sessel gegenüber Platz.
»Ach, Papa. Ich finde keine Ruhe mehr«, seufzte Luisa. »Ich dachte immer, sich zu verlieben ist etwas Leichtes und Heiteres. War es ja auch. Aber jetzt ist Fredo ...«
»Ich hatte ja eigentlich gehofft, diesen Namen hier im Hause gar nicht mehr zu hören«, fiel der Vater ihr streng ins Wort.
»Ist Liebe immer so? So fordernd, so verschlingend, so maßlos? Ich würde ja auch gern mal wieder an was anderes denken, mich auf die letzte Abi-Prüfung vorbereiten. Aber jetzt bin ich gerade mal eine Stunde von ihm getrennt und ich möchte am liebsten schon wieder bei ihm sein.«
»Ich gäb' was drum, wenn du den Kerl nie gesehen hättest.«
Luisa hob empört den Kopf, blickte ihrem Vater fest in die Augen und erwiderte: »Das darfst du nicht sagen, Papa. Ist es nicht vielleicht auch Gottes Wille gewesen? Der Unfall und das, was danach kam? Er hätte mich ja auch vergessen können. Gibt es Zufall? Oder ist es nicht eher Bestimmung?«
»Wenn es deine Bestimmung ist, mit dem Kerl unglücklich zu werden.«
»Kann sich denn Liebe so irren, Papa? Kann es falsch sein, wenn man auf einmal weiß, in der allerklarsten Klarheit eines lichtdurchfluteten Frühlingsmorgens weiß: Der ist es? Und der Himmel hängt voller Geigen und die Vögel tirilieren und die ganze Welt scheint im Einklang mit dem eigenen Herzen zu sein und mitzujubeln: Er ist's! Er ist's! Er ist's! Am Morgen nach unserer ersten Verabredung wachte ich um sechs ganz von alleine auf und dachte sofort wieder an ihn. Du weißt, wie gern ich gründlich ausschlafe. Es war, als hätte mein Herz Angst, durch zu langes Schlafen zu viel von ihm zu verpassen. Und als ich aufstand, da war der Morgen nicht wie der Morgen sonst war, war anders, war heller, war luftiger, war heiterer. Als wär's der erste Morgen meines Lebens überhaupt und Frühling, der Blumen wachsen lässt aus meinem Herzen. Kann das falsch sein, wenn man so empfindet, Papa? Du warst doch auch mal verliebt, oder?«
Ja, er war auch mal verliebt gewesen. Und er wusste, dass dagegen kein Kraut gewachsen war. Und die Träne, die ihm im Auge stand, war vielleicht weniger der poetischen Liebeshymne geschuldet, die seine Tochter soeben angestimmt hatte, als den Enttäuschungen, von denen er keine Liebe frei wusste und deren Bekanntschaft – das war seine große Sorge – seine geliebte Tochter allzu bald machen würde. Er zog sie an sich, sie legte ihren Kopf an seine breite Brust. »Ich wünschte«, sagte er, »ich könnte dir etwas anderes sagen, mein Kind, aber er ist nicht der Richtige.«
Verstohlen blickte sie von seiner Brust auf, ihm ins Gesicht. »Ach Papa«, seufzte sie, »ich weiß ja, dass du so denkst. Und ich will auch nichts überstürzen, will uns beiden Zeit zum genauen Kennenlernen geben. Deswegen ja heute auch die Tränen: weil er solchen Überschwang hat, der einen förmlich mitreißt. Ich weiß ja, dass man sich von der Liebe nicht blenden lassen soll. Aber wenn die Liebe nicht verschwinden will – und es fühlt sich wirklich nicht so an –, dann wirst du ihn doch akzeptieren, oder?«
»Also, gut aussehen tut er ja immerhin«, gab die Mutter zu bedenken. Die Philharmoniker im Fernseher hatten gerade Pause. »Das muss der Neid ihm lassen.«
»Hm, Papi? Wenn wir beten und wenn wir Gott um Weisheit für die richtige Entscheidung bitten, dann kann er doch auch der Richtige werden, oder?«
»Verglichen mit dem Lackaffen von heute Mittag jedenfalls«, fuhr die Mutter fort.
»Was für ein Lackaffe?«
»Das hört sich ja alles schön und klug an, Luischen«, sagte Berthold, ohne auf Luisas Frage einzugehen, »aber wo du schon selbst Gott ins Spiel bringst: Habt ihr denn auch mal darüber geredet, ob er Christ werden will?«
»Ach, Religion ist für Fredo nicht so wichtig. Das sind ja keine praktizierenden Moslems.«
»Kind, ich fürchte, du hast keine Ahnung, worauf du dich da eingelassen hast«, meinte Elisabeth. »Und wenn dir dein Glaube wirklich wichtig ist, dann musst du das auch mal mit deinem Fredo bereden.«
»Haben wir schon. Aber er nimmt das Thema irgendwie nicht ernst. – Was denn für ein Lackaffe, Papa?«
Berthold wandte den Blick von seiner Tochter weg auf seine Frau, die reumütig die Augen senkte. »Deine Mutter muss mitunter einfach mal den Mund halten«, sagte er. »Und ich brauch' jetzt ein bisschen frische Luft!«
 
 
5
 
»Alter, voll krass! Der hat das Passwort angenommen! Hexerei, Alter!« Fredo saß vor Martins Laptop und traute seinen Augen nicht. »Komm, lass uns mal eine Million auf mein Konto überweisen. Nur zum Spaß. Will sehen, ob das geht.«
»Klar geht das.« Martin schätzte es nicht, wenn man an seinen Fähigkeiten zweifelte. »Mit dem Passwort kannst du alles, was der Inhaber des Kontos auch kann. Und Geld genug ist ja drauf, wie man sieht.«
»Eine Million weniger merkt der alte Sack gar nicht.«
»Aber wir sollten mal lieber vorsichtig sein, damit wir nicht gleich auffliegen.«
»Ach, scheißegal, Digger, die Kohle bleibt ja inner Familie. Wird nur mal eben von den Kaiman-Inseln auf Fredo Aksams Privatkonto umgeleitet. Bei purpose of transfer schreiben wir einfach ›Taschengeld für Fredo‹. Mann, und hier!« Fredo klickte auf den Ordner mit den PDF-Dateien. »Das ist ja alles, al-les!«, staunte er. »Und das war alles gelöscht? Digger, wie kannst du denn gelöschte Sachen wieder auftauchen lassen? Bist du Jesus? Das ist ja wie bei Jesus. Auferstehung, Mann!«
»Weißt du, jeder Vorgang auf dem Computer hinterlässt traces«, erklärte Martin, der hinter Fredo stand und sich mit beiden Armen auf dessen Stuhllehne stützte. »Du musst dir das so vorstellen: Jedes Windows-Programm ist wie eine Schreibtischplatte. Alles ist visuell und konkretisiert. Aber gleichzeitig ist unter der Schreibtischplatte, was keiner sehen kann ...«
»Außer Hirnakrobaten wie dir«, präzisierte Fredo.
»Ja, egal – ist also unter der Schreibtischplatte voll der Kabelsalat, also jetzt bildlich gesprochen. Der Kabelsalat, das sind die Algorithmen, auf denen jedes Computersystem, jedes Programm basiert.«
»Alter, red' mal Deutsch, ey! Ich versteh' hier nur Bahnhof, Logarithmus, kenn' ich von Scheiß-Mathe inner Schule. Lass mich bloß damit in Ruhe!«
»Nee, ein Logarithmus, das ist wieder was anderes. Also Algorithmen sind die Grundlagen für Computerprogramme. Sie sind so was wie der Buchstabe oder der Laut in den nicht-virtuellen Sprachen, durch deren vielfältige Kombinationen und Rekombinationen hochkomplexe Gebilde entstehen. Ich kann z.B. mit den Buchstaben ein hochkomplexes Physik-Buch schreiben. Und das kann ich später verbrennen. Aber damit ist ja nicht weg, was da mal drin stand in dem Buch, denn es gibt so etwas wie eine Matrix.«
»Ja, das kenn' ich!«, rief Fredo. »Matrix, voll geil. Alter!«
»Das ist die Urschrift des Programms, so'ne Art Ursprache wie Sanskrit. Spricht keiner mehr, aber die Einflüsse sind noch überallhin verfolgbar.«
»Komm mal zum Punkt jetzt, bitte.«
»Jede Rechenleistung basiert letztlich auf algorithmischen Prozessen auf der Mikroprozessorenebene. Davon kriegst du nichts mit, wenn du unter Windows arbeitest. Wenn du ein file deletest, findest du das file auf dem Windows-level nicht mehr. Was aber tatsächlich passiert ist, ist nur wieder eine Sequenz von Algorithmen, die alle traces hinterlassen haben. Mit anderen Worten, ich muss nur tief genug buddeln, um zu den traces zu gelangen, die mir alle ausgeführten Befehle zeigen. Und wenn ich das Programm kenne, in dem die Befehle ausgeführt wurden ...«
»Dein Pferdeprogramm ist also so'ne Art Buddelprogramm«, unterbrach Fredo seinen Freund.
»Nee, ganz so einfach ist das nicht. Jedenfalls – es gibt eben eine Matrize oder Matrix, auf der alles eingescriptet ist. Da liegen sozusagen die traces. Wenn das file deletet wurde, sind das sozusagen blind traces
»Alles klar«, sagte Fredo, der längst bereute gefragt zu haben.
»Moment, damit sind wir zwar bei den traces, aber das hilft mir ja jetzt noch gar nicht.«
»Du verarschst mich, oder?«
»Ich muss jetzt sozusagen den filechannel finden, über den das Deleten gelaufen ist, damit ich die traces sichtbar machen kann. Den filechannel muss man sich vorstellen als Datenkanal, über den chains oder cluster von ...«
»Hallo, kann den mal einer ausschalten?«, schrie Fredo und blickte hilflos an die Zimmerdecke. »Holt mich hier raus, ich bin gleich gar!«

Was haben Martin und Fredo vor? Wird Vermino sein perfides Spiel gewinnen? Mehr nächste Woche hier !!!
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