Die Walpurgisnacht

GeschichteKrimi, Fantasy / P16
13.02.2015
02.03.2015
16
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„Verdammt“, zischte Nightingale und sah sich die Leiche genauer an. Ich wunderte mich, ich hatte Nightingale bis jetzt höchstens zwei mal fluchen gehört. Für ihn war das, so glaube ich, extrem unhöflich und war für einen Gentleman kein angemessenes Verhalten. Weshalb er sich auch gleich wieder entschuldigte für das „Verdammt“, das ihm herausgerutscht war. Mir machte so etwas nichts aus, er hätte mal meine Mutter hören müssen, die schaffte es das Fluchen in völlig neue Dimensionen zu heben. Die Leiche war männlich, weiß und etwa 40 Jahre alt. Der Typ war spindeldürr und ich konnte die Rippen zählen. Um 11.15 war in der Notrufzentrale ein Anruf eingegangen, dass ein Mann tot in einem Haus in Soho aufgefunden worden war. Stephanopoulos und ihr Team waren daraufhin zum Tatort gefahren, um sich die Sache einmal genauer anzusehen und Stephanopoulos hatte dann sehr rasch mich angerufen. „Sie und Ihr Boss müssen vorbeikommen, das hier hat ganz sicher etwas mit Ihrem Vodoo-Scheiß zu tun.“ So kam es, dass Nightingale und ich in einem Treppenhaus hockten und uns den Toten genauer ansahen. Er hatte überall leichte Verbrennungen. Jedoch waren die Verbrennungen dort stärker, wo er ein silbernes Armband, eine Uhr und eine Kette getragen hatte. Er war die Treppe heruntergefallen, jedoch hatte ihm etwas anderes schon vorher den Garaus gemacht, wie mir Dr. Walid später erklärte.
„Er wurde vom Blitz erschlagen. Daher kommen auch die Verbrennungen, es ist charakteristisch, dass sie dort am stärksten sind wo Metall an die Haut kommt.“
In letzter Zeit hatte es in London verstärkt Gewitter gegeben. Deshalb hätte das ganze auch ein tragischer Unfall sein können, das Problem war jedoch, dass der Mann im Treppenhaus vom Blitz erschlagen worden war, was Stephanopoulos veranlasst hatte uns zu rufen.
„Ein Blitzschlag führt nicht immer unbedingt zum Tod. Die Verbrennungen sind auch nicht sonderlich gefährlich, das Kritische bei einem Blitzschlag ist, dass man Herzrhythmusstörungen bekommt, die wiederum zu einem Herzstillstand führen und folglich zum Tod“, erklärte uns Dr. Walid, während er die Leiche untersuchte. Es war offensichtlich, dass er durch Magie gestorben war, da sein Körper ein Vestigium ausstrahlte. Was Nightingale jedoch größere Sorgen bereitete war, dass ihm die Signare des Täters gänzlich unbekannt war. Wenn ich mich der Leiche näherte, konnte ich das Vestigium wahrnehmen. Erst hatte ich ein Gefühl in der Haut das leicht prickelnd war, so als wenn einem der Fuß oder die Hand eingeschlafen ist und anschließend hatte ich einen blutigen Geschmack im Mund.
„ Es handelt sich eindeutig nicht um den Gesichtslosen“, folgerte ich.
Nightingale runzelte die Stirn. „Nein, wobei es durchaus sein Stil wäre, nachdem er sein letztes Opfer von innen hat verbrennen lassen. Es scheint, dass wir noch einen weiteren mordlustigen Praktizierenden in London haben.“ Ich seufzte, noch einen weiteren ethnischfragwürdigen Magier brauchten wir mit Sicherheit nicht, wenn wir schon mit einem nicht fertig wurden. Außerdem, selbst wenn wir ihn oder sie schnappen würden, hätten wir immer noch das Problem mit der Unterbringung. Im Folly hockte schon seit geraumer Zeit Varvara Sidorovna und ich glaube nicht, dass Nightingale vor hatte das Folly als Gefängnis für magische Mörder umzufunktionieren.
Wie sich schnell herausstellte handelte es sich um Hans Meier, der vor fünf Jahren aus Deutschland nach England gezogen war und in dem Haus eine Wohnung in der 3. Etage hatte. Nachdem die Spurensicherung den Tatort untersucht hatte konnten wir uns die Wohnung ansehen.
Sie war in einem chaotischen Zustand, jemand hatte wohl vor uns etwas hier gesucht und eventuell auch gefunden. Die Tür war jedoch nicht aufgebrochen, was in jedem Fall bedeutete, dass wir es mit einem Praktizierenden zu tun hatten, der in etwa das gleiche Niveau wie der Gesichtslose hatte. Nightingale's Laune hatte, so weit ich dies beurteilen konnte, ihren Tiefpunkt erreicht. Mit Handschuhen bewaffnet, war es nun meine Aufgabe das Chaos zu durchsuchen. Es lag alles mögliche herum, Fotos von Hans und seinen Freunden aus vergangenen Zeiten, Rechnungen, Dokumente und Bücher. Ich wurde schnell fündig.
„Sir, ich glaube ich habe etwas Interessantes gefunden. Es ist ein Buch auf Deutsch und es steht etwas von 'Magie' im Titel.“ Ich reichte Nightingale das Buch, er nahm es und sah es einen Augenblick an.
„Eventuell war unser lieber Hans auch ein Praktizierender. Der Titel lautet 'Die Grundlagen der deutschen Magie'. Falls Dr. Walid hyperthaumaturgische Zersetzungen findet, können wir erst sicher sein“, Nightingale seufzte und schüttelte den Kopf.
„Das ist schon das zweite deutsche Buch, das wir über Magie finden. Erst jenes von Erik Stromberg und jetzt dieses. Es scheint, dass es in Deutschland auch noch Praktizierende geben muss, oder?“, fragte ich vorsichtig nach. Nightingale's Blick wurde finster und ich wusste, dass das Wörtchen Ettersberg just in diesem Moment in seinem Kopf gekommen war.
„Es weist einiges daraufhin, Sie haben Recht. Wir müssen in Erfahrung bringen, warum er ausgewandert ist und was er in Deutschland vorher so getrieben hat. Finden Sie es heraus. Ich werde Postmartin einen Besuch abstatten, er weiß vielleicht genaueres zu diesem Buch.“
Ich fand noch einen Kalender von Meier in dem, in regelmäßigen Abständen, immer wieder ein und dieselbe Person eingetragen war. Franz Hugo lautete der Name und dahinter die jeweilige Uhrzeit. Vielleicht sein Freund, Kumpel? Ich würde ihn in jedem Fall kontaktieren müssen.
Nightingale machte sich mit dem Buch auf den Weg nach Oxford und ich klapperte erst einmal die Nachbarschaft ab, um herauszufinden wer Hans Meier war und was er vielleicht beruflich tat.
Stephanopoulos' Team würde sich um die Sache mit den Deutschen kümmern, in der Met gab es bestimmt jemanden der auch Deutsch sprach und sich hervorragend mit den deutschen Behörden auseinander setzen konnte. Im Erdgeschoss öffnete mir niemand, offensichtlich stand die Wohnung leer oder die Inhaber waren gerade arbeiten. Im ersten Obergeschoss öffnete mir eine kleine nervöse alte Frau die Tür. Ich wies mich aus und fragte, ob Sie Herrn Meier kannte.
„Tut mir leid, ich weiß nichts über diesen Mann. Er lebt hier noch nicht so lange und ich habe ihn nur selten gesehen.“
„Haben Sie mitbekommen was seine berufliche Tätigkeiten waren?“, hakte ich nach, doch die Frau schüttelte nur den Kopf und ich musste es im 2. Obergeschoss versuchen. Meinen Aufzeichnungen nach, hatte Herr Fred die Leiche im Treppenhaus entdeckt und uns angerufen.
Sein Gesicht war kreidebleich als er die Tür öffnete, offensichtlich war der Anblick der Leiche für ihn ein Schock gewesen.
„Kannten Sie Herrn Meier?“, fragte ich
„Flüchtig, er war selten zu Hause und hat wenig mit den Nachbarn geredet.“
„Wissen Sie was er beruflich gemacht hat?“
„Soweit ich weiß war er arbeitslos.“
Das war seltsam, ein Arbeitsloser konnte sich niemals diese Wohngegend leisten, wenn er nur Sozialhilfe bezog, die Wohnung war auch recht groß gewesen, so eine Wohnung bekam man nicht vom Staat bezahlt, es konnte jedoch auch sein, dass er ein größeres Vermögen besessen hatte.
„Wussten Sie, dass er aus Deutschland kam?“
Herr Fred zuckte mit den Schultern. „Vom Namen her konnte ich es mir denken, wie gesagt ich habe wenig mit ihm geredet und weiß nicht viel über ihn. Er war nie auffällig laut oder so.“
„Hat er öfters Besuch bekommen, oder haben Sie überhaupt jemanden gesehen, der mit Herrn Meier befreundet war?“
Herr Fred überlegte kurz. „Ein einziges mal habe ich jemanden gesehen, es war ein Mann und es war spät nachts, wissen Sie ich kam gerade aus dem Urlaub zurück, es war circa drei Uhr.“
„Können Sie mir das genaue Datum nennen und wissen Sie noch etwa wie der Mann aussah?“
Das Datum konnte Herr Fred mir natürlich nennen und erzählte mir auch noch seinen kompletten Urlaub, den er in Norwegen verbracht hatte. An den Mann konnte er sich nur wage erinnern, klein und dunkle Haare, mehr sei ihm nicht in Erinnerung geblieben. Ich hatte alles sorgfältig aufgeschrieben und verabschiedete mich. Ich überprüfte kurz das genannte Datum mit den Terminen im Kalender von Meier und hatte einen Treffer. Um Drei Uhr nachts stand ein Treffen mit Franz Hugo eingetragen. Drei Uhr nachts war eine komische Uhrzeit um sich mal eben so mit einem Freund zu treffen fand ich.
Ich lief zum Folly zurück, setzte mich in die Tech-Gruft und überprüfte Herrn Franz Hugo und auch Hans Meier. Hans Meier war so noch nie in unserem System auffällig geworden, aber Hugo war einmal im Zusammenhang mit Rauschgift aufgenommen worden, es hatte sich um Marihuana gehandelt, doch man konnte ihm nach einer Hausdurchsuchung nicht nachweisen, dass er eine Plantage gehabt hatte. Ich hatte den starken Verdacht, dass Meier da irgendwie mit eingestiegen war und die beiden Drogen vertickten, es wäre zumindest eine Möglichkeit wie er an das Geld für die Miete kam. Das Einzige was mir nicht gefiel war die Vorstellung, dass, falls Hugo Meier auf dem Gewissen hatte, wir es mit einem kiffenden Magier zu tun hatten, das war auch mal was Neues. Dementsprechend stand auf meiner Liste ganz oben, Franz Hugo zu finden. Ich überprüfte schnell die Informationen die Stephanopoulos zusammen getragen hatte und stutzte. Hans Meier war in Wirklichkeit nicht Hans Meier. Er hatte unter einem Zeugenschutzprogramm gestanden und hatte seine Identität wechseln müssen, deswegen war er auch nach Großbritannien gezogen, da sein Leben in Deutschland gefährdet war. Er hatte zu einem schweren Mord eine Aussage machen müssen, wie genau der Mord passiert war hatte man uns nicht gesagt und das wunderte mich, schließlich war es doch wichtig zu wissen ob sich die Taten ähnelten. Eventuell hielten sich die Deutschen deswegen bedeckt, eben weil der Mord von heute morgen mit diesem Mord eine Ähnlichkeit aufwies und sie sich nicht wussten, dass wir auch eine geheime Einheit in der Met hatten, die sich mit seltsamen Morden und Begebenheiten auseinandersetzte. Dass es in Deutschland sehr wahrscheinlich ein Pendant zu unserer Einheit gab, hatte mir Postmartin erzählt, als ich ihm das Buch von Stromberg gegeben hatte. Die Einheit hatte ihren Sitz in Meckenheim, wo auch immer das sein sollte, der Name war KDA – Abteilung für komplexe und diffuse Angelegenheiten. Ich hielt es für eine gute Idee, dass wir uns wenigstens in diesem Fall in Verbindung mit dieser Einheit aus Deutschland setzten, außerdem war ich neugierig, ob es dort auch Lehrlinge wie mich gab und wie diese ganzen Angelegenheiten in Deutschland bearbeitet wurden und wie groß die Einheit war, denn unsere bestand ja aus gerade mal zwei Personen und, wenn man ihn mitzählte, Toby unserem Sonderermittler für Geister. Ich schrieb mir die Adresse von Franz Hugo auf und ging hinunter zur Remise. Ich traf Varvara auf dem Weg, die ihren Kopf in eine Zeitschrift gesenkt hatte. Ich fragte mich schon gerade wie Nightingale sie alleine lassen konnte, als ich Molly hinter ihr herschleichen sah. Anscheinend hatte Molly den Auftrag bekommen Varvara im Auge zu behalten. Ich konnte Nightingale verstehen, ich hätte auch keine Lust ständig Babysitter zu spielen. Molly's Ausdruck nach hatte sie allerdings genau so wenig Lust.
Ich fuhr mit dem Asbo los in Richtung Ost- London, wo Franz Hugo wohnte. Ich persönlich fand, dass der Name sich wie ein Künstlername anhörte, vielleicht war das gar nicht sein echter Name. Ich hatte das Hochhaus schnell gefunden in dem er wohnte. Es war eine verruchte Gegend. Überall standen Betonblöcke herum, in dem sich die Verlierer der Gesellschaft einfinden durften. Ich schlenderte zum Eingang und betrachtet die Namensschilder. Hugo stand wenigstens schon mal drauf, was ein gutes Zeichen war, jetzt musste ich den Burschen nur noch antreffen. Glücklicherweise kam gerade eine junge Frau aus der Tür, knallrot gefärbte Haare und eine pinke Leggings, nicht das was ich unbedingt als Stilsicherheit bezeichnen würde. Ich fragte sie, ob sie einen Hugo kenne. Sie verzog das Gesicht.
„Wat willste denn bei dem? Dat is nen übler Typ, glaub's mir, den willste gar nicht treffen.“
Ich erklärte ihr, dass ich mich gerne mit solchen Typen traf und sie warf mir einen seltsamen Blick zu. „Können Sie mir genau sagen wo er wohnt?“
„Glaub in der 8. Etage“, daraufhin verzog sie sich. Ich glaube sie hatte zum Glück nicht bemerkt, dass ich von der Polizei war. Also stapfte ich in die 8. Etage. Es war immer ein Vorteil, wenn man als Polizist die Überraschung auf seiner Seite hatte. Deswegen hatte ich unten nicht geklingelt und Hugo konnte nicht vorher aus dem Fenster springen oder sonstige Dummheiten machen, während ich zu ihm hoch kam. In der 8.Etage fand ich schließlich auch seine Tür und klopfte an.
Ich hörte von innen Getrampel und eine raue, genervte Stimme.
„Ich komm ja schon, komm ja schon.“ Er öffnete die Tür und sah mich verdutzt an.
Ich konnte erstaunlich wenig von seinem Gesicht sehen, denn es war überwuchert mit Haaren. Lang und zottelig standen die schwarzen Haare auf seinem Kopf ab und fielen ihm, in eine Art Pony, fast vor die Augen. Passend dazu trug er einen Vollbart. Aus den Unmengen an Haar sahen mich zwei kleine braune Augen an. Die Kleidung bestand aus einem schmuddeligen Jogginganzug. Ich musste an die Beschreibung von Herrn Fred denken und fragte mich, wie man sich nicht merken konnte wie dieser Mann aussah.
„Wer bist'n du?“, fragte er, „Was willst du?“
Ich wies mich aus und fragte ob ich rein kommen könnte.
„Ist grade schlecht, hab Besuch zu Hause und der hasst es wenn fremde Menschen dazu stoßen.“
Leider konnte ich nicht in seine Wohnung herein marschieren und überprüfen wer sich im Inneren aufhielt, also musste das Interview an der Tür statt finden.
„Kennen Sie einen Herrn Hans Meier?“
„Ne, kenn ich nicht.“ Er hatte einen Ticken zu lange gezögert und ich wusste, es war etwas faul.
„Ich denke schon, dass Sie ihn kennen. Sie haben sich regelmäßig mit ihm getroffen.“
„Wenn ich sag, dass ich ihn nicht kenne, dann kenn ich den Kerl auch nicht.“
„Herr Hugo wir wissen, dass Sie ihn kennen.“
„Wenn Sie's wissen, warum fragste dann?“
„Routine. Also meine Annahme ist richtig. Herr Meier wurde ermordet und so wie Sie sich benehmen, gehe ich wohl richtig in der Annahme, dass Sie eventuell verwickelt sind. Ich muss Sie bitten mich mit auf das Präsidium zu begleiten.“
„Wat? Ich soll was mit nem Mord zu tun haben, von nen Typen den ich nicht kenne? Habt ihr Bullen noch alle Latten auf'n Zaun? Ich komm nicht mit.“
„Herr Hugo, wenn Sie nicht freiwillig mitkommen, muss ich Sie festnehmen und Sie kommen dann auf diesem Wege ins Präsidium, die freiwillige Variante ist die bessere, oder?“ Es ist immer gut den „unschuldigen“ Bürger eine Frage zu stellen, er muss dann nachdenken und sein Verhalten reflektieren, nur das Hugo alles andere als unschuldig war. Er überlegte und verzog keine Miene.
„Meine Fresse, immer diese Bullen, ihr habt was gegen arme Leute ne? Macht euch Spaß uns herum zu schubsen, wa?“
Ich ging auf die Fragen nicht ein, ich konnte nichts gegen arme Leute haben, da ich selbst aus einem ärmeren Elternhaus stammte, aber persönliche Informationen würde ich dem Typen niemals erzählen.
Endlich hatten wir den Asbo erreicht und Hugo war im Inbegriff einzusteigen, als er es sich plötzlich anders überlegt hatte und weg rannte.
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