Bartimäus - Jäger verlorener Schätze

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Bartimäus
13.02.2015
26.03.2015
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Bartimäus
Jerusalem, 962 v. Chr.

Stell dir ein Bett vor. Stell dir ein gerade richtig weiches, gerade richtig warmes Bett vor, wenn es draußen kalt ist. Stell dir vor, du liegst in diesem Bett, in diesem angenehmen Zustand irgendwo zwischen Schlafen und wach sein. Kein Stress, keine Termine, nichts, was dich zwingen würde, dein Bett zu verlassen. Und deshalb hast du dich gerade eben dafür entschieden, den Rest des Tages hier zu verbringen. Soweit klar? Gut. Und jetzt schnappt dich ein Wildfremder, reißt sich aus deinem Bett und schmeißt dich mit Karacho und einem Gewicht an den Füßen in einen Riesenbottich mit Eiswasser, bevor du überhaupt richtig wachwerden kannst. So richtig schön kaltes Eiswasser, das praktisch sofort wieder um dich herum gefriert. Und zu allem Überfluss teilt er dir noch freudestrahlend mit, dass du hier erst wieder weg kommst, wenn du ihm alle seine Wünsche erfüllt hast. Kannst du dir das vorstellen? Geht das noch mit deiner beschränkten menschlichen Fantasie? Hey, kuck nicht wie ein vom Donner überraschtes Schaf, das ist keine Beleidigung, das ist eine Tatsache. Wie dem auch sei, wenn du dir das vorstellen kannst, hast du zumindest ansatzweise eine Idee davon, wie es sich für unsereins anfühlt, vom Anderen Ort weg und in ein muffiges Beschwörer-Kabuff gezaubert zu werden, natürlich ohne Vorankündigung. Ehrlich mal, was haben diese Zauberer eigentlich mit ihren muffigen Räumen? Vom Schamanenzelt in der Amerikanischen Steppe über Beschwörungspaläste im alten China, Tempel und Katakomben in Ägypten und Magiertürme in Jerusalem bis hin zu einem Zimmer in einer Stadt namens London, welches ich in ferner Zukunft besuchen werde (zum Glück ist mir das an diesem Punkt meiner Geschichte noch nicht bewusst), immer werde ich in muffigen, abgedunkelten Zimmern beschworen. Klar, der Kräuterrauch und das Kerzenlicht gehören zur Beschwörung wie das Pentagramm und die Hieroglyphen, etwas davon wegzulassen ist ein Fehler, der meiner keineswegs bescheidenen Meinung nach deutlich zu selten passiert. Aber währe es zuviel verlangt, mal an einem etwas offeneren, ansprechenden Ort beschworen zu werden? Ein Harem vielleicht? Oder ein Lustgarten? Zumindest ein Wald oder von mir aus sogar die freie Wüste, Himmel noch mal! Alles ist besser als diese blöden Beschwörungszimmer, an deren Aussehen vermutlich in den nächsten zehntausend Jahren eben so wenig ändert wie in den Vergangenen. Ach ja, dabei fällt mir ein, dass ich nur noch zwei von eueren mickrigen Sekunden habe, bevor ich mich manifestieren und somit eine Gestalt annehmen muss. Mal sehen, was war bei meinem letzten Auftritt denn gerade in Mode? Ah ja, stimmt.

Das Pentagramm füllte sich mit Nebel. Kleine elektrische Ladungen zogen wie winzige Blitze über den Boden, fuhren tastend an jeder Linie des Pentagramms, jeder Glyphe und jedem Schutzzeichen entlang, als würden sie nach einer Lücke suchen. Viel Hoffnung hatte ich nicht, aber vielleicht konnte man meinen kommenden Herren und Meister auf diese Weise ja nervös machen. Die Blitze zogen sich zurück und in dem Nebel bildete sich ein annährend menschenähnlicher Umriss, durchscheinend, so dass man nur anhand der Lichtbrechung einen Unterschied zur Umgebung erkennen konnte. Kein Gesicht, keine erkennbaren Merkmale. Ich hatte es perfekt hinbekommen. Bei meinem letzten Auftritt auf euerem blöden Planeten hatte diese Gestalt gerade begonnen, populär zu werden, da sie den Beschwörer im absolut Unklaren über Gestalt und Absichten der beschworenen Wesenheit ließ. Jetzt, da ich die Manifestation einigermaßen hinbekommen hatte, nahm ich mir Zeit, meinen Beschwörer ins nicht vorhandene Auge zu fassen. Älterer, klappriger Kerl. Weiße Haare, Tontäfelchen in der Hand, auf dem er wild mit einem Holzgriffel herumkratzte. So eine Art Keilschrift, von den Zeichen her was arabisches, genauer konnte ich es nicht bestimmen, da ich diese Schrift noch nie gesehen hatte. Dennoch, unsere andersartige Natur befähigt uns Wesen vom Anderen Ort dazu, jede Sprache und Schrift zu verstehen. „Bartimäus von Uruk“ las ich. „Datum der letzten Beschwörung: Unbekannt. Wesen: Verschlagen. Kräfte: Noch zu prüfen, vermutlich überdurchschnittlich.“ Ach wie nett, jemand erkannte mein Potential. Ob dieser Neuigkeit beschloss ich, mir meine übliche Donnerstimme zu verkneifen und vorerst den Mund zu halten, bis ich gefragt wurde. Ich bin ein Dschinn mit Manieren, ob du’s glaubst oder nicht. Ich benutzte sie nur selten.

Der alte Mann (zu meinem Leidwesen sollte ich erst nach dem Ende meiner Knechtschaft herausfinden, dass sein Name Ezechiel lautete) sah auf und ihm währe beinahe der Stift aus der Hand gefallen. „Soll dass ein Witz sein, Bartimäus von Uruk? Seit mindestens einem Vierteljahrhundert ist kein Dämon mehr in dieser Gestalt erschienen. Bei allen Göttern der modernen Welt, alleine dafür verdienst du schon eine Feuergarbe!“ Tja, und damit schmolzen meine Manieren dahin und wurden durch mein übliches draufgängerisches Gehabe ersetzt. Selbst Schuld. „Sterblicher! So spricht man nicht mit einem Geistwesen meines Formates.“ grollte ich, wie ein herannahender Sturm. „Ich bin ein mächtiger Dschinn der Luft und des Feuers, ich war der Wächter von Städten und Vertrauter von Königinnen. Ich richtete dereinst die Mauern von Uruk wieder auf, ich diente unter Gilgamesch, ich schlug unzählige Schlachten unter der sengenden Sonne…“ „In Salomos Namen, lass es gut sein!“ gab der Zauberer zurück. Also das war doch wohl die Höhe. Da gab man sich alle Mühe, seinen Meister zu beeindrucken, damit er auch weiß, was er da gerade gerufen hat, und dann so was. Lass es gut sein. Was ist das denn bitte für eine Antwort? „Gar nichts lasse ich gut sein. Und wer ist überhaupt dieser Salomo? So was wie eine Gottheit?“ gab ich ungehalten zurück. Dieses mal viel dem Zauberer tatsächlich der Griffel aus der Hand und rollte… leider nicht aus seinem Schutzkreis heraus. Hätte ja klappen können. „Ähm, Bartimäus, wann wurdest du das letzte Mal gerufen?“ erkundigte er sich vorsichtig. Gute Frage eigentlich. „Wenn du dich selbst Zauberer nennen willst, solltest du wissen, dass die Zeit am Anderen Ort anders vergeht als in dieser Welt. Geister können solche Fragen nicht beantworten.“ Also bitte, das war doch Zauberer-Grundausbildung! Offenbar viel es auch meinem Meister wieder ein, denn der runzelte kurz die Stirn. „Erzähl mir von deinem letzten Meister, Bartimäus.“  verlangte er dann. Na gut, da gab es nicht viel zu sagen. „Ein hethitischer Feldherr. Wir zogen damals bei Kadesch  gegen das Großreich Ägypten in eine erbitterte Schlacht.“ Die wir verloren haben. Aber an mir lag’s nicht. Ehrenwort. Wir wurden von den Ägyptischen Chimären überrannt. Ich hatte das Glück, das mein damaliger Herr und Meister als Erster draufging und ich befreit wurde, bevor es mir an den Kragen gehen konnte.

„Alle Götter!“ rief mein Meister aus. „Kein Wunder, das du nicht weißt wer Salomo ist. Kadesch, das war vor über dreihundert Jahren. Herzlichen Glückwunsch, Bartimäus, du hast den Niedergang des Ägyptischen Weltreiches und den Aufstieg Jerusalems verpasst.“ Ich machte eine schwungvolle Verbeugung. „Dankeschön! Autogramme gibt’s nach der Vorstellung!“ Mein wie üblich perfekt angebrachter Spruch täuschte über meine tatsächliche Verblüffung hinweg. Drei Jahrhunderte. Ich war drei Jahrhunderte am Anderen Ort gewesen. Das war an sich nichts schlechtes, es wunderte mich nur, dass ein Geist wie ich in all der Zeit nicht einmal gerufen worden war. Meiner wie üblich sehr großzügigen Selbsteinschätzung zum trotz, ich war wirklich ein Geist von beträchtlicher Macht. Jemanden wie mich ließ man nicht einfach so in Ruhe. Ich will mich ja nicht beschweren, ich genieße jede nicht vorhandene Minute am anderen Ort, aber irgendwie fühlte ich mich fast beleidigt. „Warum hat man mich so lange Zeit nicht beschworen?“ konnte ich es mir letztendlich doch nicht verkneifen. „Liegt vermutlich daran, “ sagte mein Meister, „dass die Steintafel mit deinem Namen darauf seit dem Untergang der Stadt Qarroc unter Trümmern verschüttet lag. Wir haben sie erst kürzlich wiedergefunden, mehrere neue Dämonenamen der alten Hethiter. Meine Zaubererkollegen und ich wurden von seiner Majestät König Salomo dem Weisen von Jerusalem damit betraut, euch zu beschwören, um mehr über euch zu erfahren. Immerhin gibst du mit Sicherheit einen mächtigen Sklaven ab. Allerdings…“ und er verfiel in nachdenkliches Schweigen. Ich für meinen Teil gab mir Mühe, meinen Zorn zu unterdrücken. Es ist eine Sache, wenn man für irgendeine mehr oder (im Regelfall) weniger sinnvolle Aufgabe beschworen wird. Das ist nun mal unser Schicksal, die meisten Wesenheiten haben es akzeptiert. Aber einfach nur irgendeinen von uns zu rufen, um zu sehen was passiert… so was gehört sich einfach nicht. Der alte Zausel sollte mir entweder einen Auftrag erteilen oder mich entlassen.

„So höre denn, Bartimäus!“ Na also. Geht doch. Ich stellte mich in meiner schemenhafte Gestalt etwas aufrechter hin, als unbedingt nötig gewesen war. Es mag befremdlich erscheinen, dass ein Geknechteter wie ich sich selbst in Pose rückt, aber ich konnte es mir nicht verkneifen. „Du bist zweifellos ein Geist von beträchtlicher Macht und Weisheit…“ Soweit kein Widerspruch meinerseits, „… aber solange du nichts über diese Welt weißt, bist du als Sklave zu nichts zu gebrauchen. Ich kann mich nicht jedes Mal, wenn ich dir einen Auftrag erteile, damit aufhalten, dir die Entwicklungen der letzten dreihundert Jahre zu erklären.“ Auch Recht. Sollte er mich doch wieder entlassen. Ich hätte kein Problem damit, auch die nächsten Jahrhunderte am anderen Ort zu verbringen. Oder meinetwegen auch Jahrtausende. Ehrlich, kein Problem für mich. Ich hatte schon ein „Dann eben nicht, war nett, dich kennengelernt zu haben.“ auf den schemenhaften Lippen, doch mein Herr und Meister war noch nicht fertig. „Aus diesem Grund erteile ich dir hiermit den Auftrag, dich mit dieser Welt vertraut zu machen. Zu diesem Zweck erhältst du bis zum morgigen Tag Bewegungsfreiheit innerhalb der Mauern Jerusalems. Geh hin und informiere dich über die Welt, so wie sie heute ist. Morgen rufe ich dich erneut und wir besprechen deinen Auftrag.“ Ich glaubte, nicht recht gehört zu haben. „Ist das euere Ernst? Ihr erteilt mir Freigang? Ich kann tun und lassen, was ich will?“ Ein verschmitztes Lächeln huschte über die Züge meines Meisters. „Innerhalb deiner Beschwörungsrichtlinien. Du weißt, dass der Bannzauber; der dich auch in dieser Welt gefangen hält, daran hindert, Menschen oder Geistern innerhalb der Stadtmauern Schaden zuzufügen. Auch musst du in der Öffentlichkeit Menschengestalt oder die Gestalt eines harmlosen, unauffälligen Tieres annehmen. Was kannst du schon anrichten? Aber lass dir eines gesagt sein, Bartimäus von Uruk. Wenn du diese Zeit nicht nutzt, um dich wie vereinbart auf den neuesten Stand zu bringen, war es dein erster und letzter Freigang. Dann kannst du den Rest deiner bedauerlichen Existenz damit verbringen, die Getreidemühlen vor der Stadt anzutreiben oder so was.“ Mehr war nicht nötig. Freigang erhalten wir Geister höchst selten. Wenn wir nicht mit einem bestimmten Auftrag unterwegs sind, müssen wir meistens irgendwo darauf warten, dass unser Meister uns zu sich ruft. Es war etwas ganz anderes, wenn man den eigenen Aufenthaltsort frei bestimmen durfte und ich würde mir diese Gelegenheit, mehr über die Stadt zu erfahren mit Sicherheit nicht entgehen lassen.

„Ich sehe dir an, dass du verstanden hast, Bartimäus. Nimm nun also Gestalt an und verlasse meinen Turm. Denk daran, was dich erwartet, solltest du mich in Misskredit bringen. Mach mir keine Schande, hörst du?“ Ich nickte. Dann konzentrierte ich mich und wechselte die Gestalt. Vor dem Zauberer stand nun ein Jüngling. Der junge Mann mit der ebenholzfarbenen Haut und den stahlgrauen Augen war eine meiner Lieblingsgestalten, wenn ich schon einen Menschen verkörpern musste. Seine makellosen, mit Muskeln bepackten Arme und Beine und das lange, goldene Haar wiesen ihn als einen echten Krieger aus. Es war die Gestalt, in der ich für Gilgamesch in die Schlacht gezogen war. Nur auf die schimmernden Flügel hatte ich vorsichtshalber verzichtet. Und ich hatte (natürlich unabsichtlich…) ein weiteres kleines Detail übersehen. „Bartimäus! Ich weiß nicht, zu welchem Zweck die Hethiter dich beschworen haben, aber sei versichert: Hier in Jerusalem wirst du KLEIDER tragen!“ Ups. Na so was aber auch. Ein Fingerschnippen und eine lange Bahn aus Stoff bedeckten meinen Körper. Schlicht, aber zeitlos und vor 300 Jahren ebenso modern wie heute. Mein Herr und Meister hatte sich angewidert von mir weggedreht, was ich in einem Winkel meines Gedächtnisses als nützliche Information abspeicherte. Das nächste Mal sollte ich ihm wohl lieber als Frau erscheinen. „Jetzt mach, dass du wegkommst, oder ich jage dir eine schwarze Sichel auf den Hals! Oder zwei. Ich bin nicht wirklich gut gelaunt, musst du wissen.“ „Ist ja gut.“ gab ich zur Antwort und trat aus meinem Pentagramm. Mein Meister versteifte sich unwillkürlich. Obwohl er es mir erlaubt hatte, obwohl sein Schutzzauber und sein Pentagramm noch immer wirkten und ich ihm kein Härchen krümmen konnte, er hatte Angst. Ich ließ mir viel Zeit, durchquerte den Raum schön langsam. Hielt mich fast eine Minute mit dem Öffnen der Türe auftrat dann langsam über die Schwelle und ließ die Tür hinter mir zufallen. Wenige Sekunden Später war ich die Treppe hinauf und im Erdgeschoss des Magierturmes angelangt. Noch ein Paar Sekunden später stand ich draußen und blinzelte in das helle Sonnenlicht Jerusalems.
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