Zwischen Hoffen und Bangen

GeschichteDrama, Romanze / P16
Allie Carter Rachel
13.02.2015
30.06.2016
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Hey ^^

Ich habe mich entschlossen aus meinem eigentlichen OneShot "Reunion" nun doch eine komplette Geschichte zu machen. Der Anfang ist genau gleich wie bei Reunion allerdings läuft die Story dann etwas anders weiter.
Ihr werdet schon sehen was ich meine ^^

Ich hoffe es kommt an und ihr schreibt vielleicht mal das ein oder andere Review ;)

Bussi SweetDevil :3

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Regen. Es regnete und das seit Stunden. In schweren, dicken Tropfen fiel das Wasser vom Himmel. Nicht enden wollende Bindfäden prasselten vom Himmel, legten sich wie ein Vorhang aus Dunst auf das Internatsgelände und tauchten alles in trübes Grau. Passend zu Allies Stimmung. Nur tiefschwarze Wolken und über den Horizont zuckende Blitze würden ihre derzeitige Laune noch besser unterstreichen. Die Füsse an den Körper gezogen und die Arme um die Beine geschlungen, sass sie auf dem Stuhl vor ihrem Fenster und starrte hinaus. Doch wirklich sehen, tat sie nichts. Der Regen, der Himmel, die Baumkronen, die sie von hier aus sehen konnte - alles verschwamm zu einer einzigen, zähen Masse.
Neunhundertzwei, neunhundertdrei, neunhundertvier…
Zählte sie ihre Herzschläge. Herzschläge, die ihr Herz alleine schlug. Ohne das Herz des Jungen, den sie liebte, sicher neben sich. Carter. Wie gerne würde sie jetzt einfach nur mit ihm auf dem Bett liegen, die Wange an seiner Brust und seinen Herzschlag an ihrer Haut. Warm, tröstlich, lebendig.
Vor ihrem inneren Auge tauchten die Bilder der vergangenen Nacht auf. Wie Dom und die anderen sie und Carter aus dem Bed & Breakfast abgeholt hatten. Wie dann Nathaniels Männer aufgetaucht waren und schliesslich wie Carter sie in den Wagen gestossen hatte. Noch immer zerriss ihr Herz bei der Erinnerung an den Ausdruck in seinen Augen, während er die Tür zwischen ihnen zugeschlagen hatte. Doch hauptsächlich beherrschte das immer gleiche Bild ihr Gedankenkarussell. Carter, der im schwachen Mondschein gegen einen riesigen Kerl kämpfte, weil er sie beschützen wollte. Ab und zu drängten sich auch andere Bilder, weitere Gesichter, vor ihr geistiges Auge. Die kleine, zierliche Zoe und die hübsche Nicole, die sich nach Lucindas Tod mit Nathaniels Männern konfrontiert sahen.
Immer wieder ging Allie diese Szenen in ihrem Kopf durch, überlegte, was sie hätte tun können um Carter und auch Zoe und Nicole und natürlich Dom zu schützen. Doch egal wie sie es drehte und wendete, nichts konnte die Tatsache ändern, dass die vier und einige von Rajs Männern noch immer vermisst wurden.
Vielleicht waren sie bereits…
Beim Gedanken an Zoe und die schöne Nicole, blass und kalt, daran wie sich auf Carters Hemd rote Flecken begannen auszubreiten, schloss sich eine eiserne Faust um ihr Herz. Hart und unerbittlich wurde ihr Innerstes geradezu zerdrückt. Ihre Lunge fühlte sich an, als würde sie von aussen zusammengepresst, das Atmen fiel ihr immer schwerer. Eine Panikattacke kündigte sich an.
Mit zusammengepressten Augenlidern versuchte Allie sich Carters Worte ins Gedächtnis zu rufen.
Tief Luftholen Allie, ein und aus, ein- und wieder ausatmen…  
Carters Gesicht erschien vor ihr, seine tiefen, dunklen Augen sahen sie konzentriert an. Der Fokus seiner Aufmerksamkeit lag ganz allein auf ihr, als ob sie das wichtigste auf der Welt wäre. Allmählich wich der Druck von Herz und Lunge und sie bekam wieder Luft. Langsam erlaubte sie sich, zu entspannen, den Kopf zu heben und ihren Blick wieder auf das Fenster zu heften.
Geschlafen hatte sie nicht seit sie, eskortiert von zwei schwarzen Wagen, wieder auf Cimmeria angekommen war. Isabelle war aus einem der Wagen gestiegen und hatte ihr mitfühlend einen Arm um die Schultern gelegt. Doch Allie wollte nicht reden. Schweigend war sie auf ihr Zimmer gegangen und dort geblieben, bis jetzt.

Ein zaghaftes Klopfen an ihrer Zimmertür kündigte Besuch an. Allie wandte ihren Kopf halb, um wenigstens sehen zu können, wer da kam.
Rachel schob sich langsam in ihr Zimmer. Auch sie wirkte noch reichlich mitgenommen, hatte Wassertropfen im zerzausten Haar und Schatten unter den Augen. Noch jemand, der die letzten Stunden kein Auge zubekommen hatte. Beinahe sofort sprang Allie auf und schmiss sich in die Arme ihrer Freundin. Rachel strich sanft über ihren Rücken, während stumme Tränen die schwarze Night School Kleidung, welche beide Mädchen noch immer trugen, benetzten.
„Schhh“, machte sie und dirigierte Allie auf ihr Bett, wo sich beide niederliessen. Rachel Patel war nicht beim Handgemenge vor dem Bed & Breakfast dabei gewesen, sondern hatte in einem gepanzerten Wagen über Computer die Umgebung überwacht. Nachdem man Allie sicher nach Cimmeria gebracht hatte, waren auch die anderen nach und nach zurückgekehrt. Alle bis auf Carter, Nicole, Zoe, Dom und ihr Team.
Als Allie sich etwas beruhigt hatte, setzte sie sich aufrecht hin und schlug ein Bein unter. Ihren Kopf liess sie auf die Schulter Rachels sinken, welche die Geste erwiderte indem sie ihren eigenen Kopf auf Allies ablegte. Einige Minuten herrschte angenehmes Schweigen während sich die beiden stumm Trost und Wärme spendeten.
„Isabelle sagt, wir sollen nach unten gehen und etwas essen“, durchbrach Rachel nach einiger Zeit die Stille mit einem leisen Murmeln und erhob sich. Ein Gähnen unterdrückend drehte sie sich an der Tür zu Allie um. Auffordernd sah Rajs Tochter sie an.
„Hab keinen Hunger, geh ruhig ohne mich“, lautete Allies müde Antwort. Doch Rachel liess keine Widerrede zu. Wie üblich schaffte sie es, auch in Allies momentaner Verfassung zu ihr durchzudringen.
„Du wirst jetzt mit mir etwas essen gehen, ich hab nämlich keine Lust allein da unten zu sitzen“, verkündete sie und schnappte sich Allies Hand. Mehr oder weniger widerstandslos, sie schlurfte eher als dass sie ging, liess Allie sich also mitziehen.
Hand in Hand stiegen die beiden die Stufen hinab in eine leere Eingangshalle und betraten schliesslich einen ebenso leeren Speisesaal. Allie verstand weshalb Rachel nicht alleine hatte herkommen wollen. Alles war leer und wirkte im Gegensatz zu sonst kalt und nicht sonderlich einladend. Die deprimierende Stimmung schien nicht nur Allie, sondern viel mehr ganz Cimmeria erfasst zu haben.
Auf einem Tisch waren auf mehreren Tabletts Sandwiches aufgestapelt und daneben eine Auswahl an Säften, Tee und Kaffee in silbernen Kannen aufgestellt worden. Allie liess sich von Rachel ein Käsesandwich und eine Tasse Tee aufschwatzen, dann setzten sich die beiden an einen kleinen Tisch in der hinteren Ecke des Raumes.

Rachel biss überraschend hungrig in ihr Schinken und Ei Sandwich. Allie hingegen knabberte lediglich an ihrem Essen. Sie hatte einfach keinen Appetit. Und ihr war absolut unverständlich, wie es Rachel schaffte in dieser Situation überhaupt einen Bissen herunter zu bringen. Sie selbst befürchtete schon den kleinen Happen ihres Sandwiches nicht bei sich behalten zu können. Alle ihre Gedanken kreisten nur um Carter und darum, wie es ihm gehen mochte. Allein die Vorstellung davon, was in der Zwischenzeit alles mit ihm passiert sein konnte liess ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend entstehen.
„Hast du etwas von den anderen gehört?“, fragte Allie schliesslich zaghaft und legte das angebissene Sandwich auf ihren Teller zurück. Sie würde keinen weiteren Bissen mehr herunter bringen. Rachel nahm einen grossen Schluck Kaffee bevor sie Allie ansah und traurig den Kopf schüttelte.
„Nein, als Dom nicht zum Einsatzwagen zurückkehrt ist, hat der Fahrer mich nach einem kurzen Telefonat, vermutlich mit meinem Dad, sofort hier her gefahren“, berichtete sie und seufzte leise.
„Das mit deiner Grossmutter… tut mir leid“, fügte sie langsam hinzu und berührte mitfühlend Allies Schulter. In deren Hals bildete sich ein unangenehmer Klumpen. Ihre Sorgen um Carter hatten die Ereignisse bei ihrem Treffen mit Nathaniel erfolgreich zurückgehalten. Rachels Bemerkung liess die notdürftig geschlossene Wunde aufbrechen. Allie wollte gerade sagen, dass sie nicht darüber reden wollte, als sie hörten wie draussen die Eingangstür aufflog. Sofort waren die Gedanken an Lucinda verflogen und in dem Blick, den die beiden Freundinnen austauschten, lag eine Spur Hoffnung.
Alarmiert sprangen die beiden auf und rannten in die Eingangshalle. In der Tür standen drei komplett durchnässte Gestalten. Beim Anblick von Zoe, Nicole und Dom fiel Allie ein riesiger Stein vom Herzen.
"Endlich", stiess sie erleichtert hervor und setzte sich zeitgleich mit Rachel in Bewegung. Mit einem breiten Grinsen rannte sie auf die drei zu, doch als ihr die bedrückten Gesichter von Zoe und Nicole auffielen, hielt sie inne.
„Was ist?“, fragte sie und blieb kurz vor ihnen stehen. Nicole blickte zu Boden und sogar Zoe, die sonst so direkt war, mied Allies Blick. Erst als nach einigen, schweigsamen Minuten noch keine Spur von Carter zu sehen war, wurde Allie unsicher. Sie griff nach Rachels Hand und drückte diese. Ihre Freundin erwiderte den Druck und strich sanft mit dem Daumen über Allies Handrücken.
„Wo ist Carter?“, traute sich Allie schliesslich zu fragen. Weder Zoe noch Nicole sagten etwas. Schliesslich war es Dom, die sich zu Wort meldete.
Bitte sag dass er nicht…
„Wir wissen es nicht“, gestand sie und Allie sank resigniert in sich zusammen. Sofort legte Rachel die Arme um sie und drückte sie leicht an sich.
„Vielleicht taucht er noch auf. Du kennst ihn doch, er ist zäh“, sprach sie ihr leise zu. Allie brachte nur ein schwaches Nicken zustande. An Dom und die anderen gewandt fuhr sie fort.
„Am besten zieht ihr euch erstmal um und erzählt uns dann was passiert ist. Isabelle wird sicher auch erfahren wollen, wie es weiterging nachdem man Allie da rausgeholt hat.“ Rachel bewahrte auch in dieser Situation die Fassung, eine Sache die Allie so an ihr mochte. Sie verlor niemals den Kopf und blieb oftmals ruhig während Allie schon lange an die Decke gegangen war.
„Da hast du Recht, Rachel“, erklang da auch schon die Stimme der Rektorin von Cimmeria hinter ihnen.

Wenig später sassen sie alle im Büro der Schulleiterin, jeder eine dampfende Tasse Tee in der Hand, und lauschten den Berichten von Dom, Nicole und Zoe.
„Nachdem du weg warst, ist richtig die Hölle abgegangen. Von überall kamen diese Typen und wollten dir hinterher. Aber wir konnten sie irgendwie aufhalten. Carter hat gekämpft wie ein Löwe, aber im Chaos haben wir ihn aus den Augen verloren.“ Nicole bedachte Allie mit einem endschuldigenden Blick.
„Er hat einen Grossteil von denen irgendwie weglocken können, so, dass wir wegkonnten. Aber als wir ihn dann gesucht haben war er einfach weg.“ Zoe spielte mit dem Saum ihres verdreckten und noch immer nassen Oberteils herum. Allie wusste, dass Carter und Zoe beinahe eine Art geschwisterliches Verhältnis aufgebaut hatten und sie bemühte sich, für einen Moment ihre eigene Sorge um Carter beiseite zu schieben.
„Das wird schon, Shorty“, nutzte sie Carters Spitznamen für Zoe und entlockte ihrer Freundin so ein kleines Lächeln. Innerlich glaubte sie ihren eigenen Worten jedoch kein Bisschen. Nathaniels Männer waren stark und es waren so viele gewesen. Noch dazu kannte Carter sich in London absolut nicht aus. Sie hätte einfach bei ihm bleiben sollen, egal wie.
„Wir müssen ihn suchen“, meinte sie schliesslich und sah Isabelle schon beinahe flehend an. Die Schulleiterin schüttelte sachte den Kopf.
„Jetzt wo Lucinda tot ist, herrscht Aufregung im Aufsichtsrat. Die Lage ist ernst und wir haben gerade nur wenige verfügbare Leute hier“, versuchte sie zu erklären. Ihre Worte kappten eine Leitung im Gehirn der Sheridan, Hitze flutete in ihre Venen. Wütend sprang Allie auf.
„Für Carter warst du immer wie ein Teil seiner Familie, er hätte keine Sekunde gezögert um dich zu retten wenn du verschwunden wärst!“, schleuderte sie ihr entgegen. Entgeistert starrten alle Anwesenden sie an. Nur einige Herzschläge lang ertrug Allie die Blicke der anderen, dann wandte sie sich ab. Mit dem verräterischen Brennen der Tränen in den Augen verliess sie fluchtartig das Büro. In ihrem Zimmer angekommen, schloss sie die Tür hinter sich ab und schmiss sich auf ihr Bett.
So lag sie da, bis schliesslich draussen die Sonne unterging. Mit dem Schwinden des Tageslichts fasste Allie einen Entschluss. Sie würde Carter alleine suchen gehen. Irgendwie würde sie es schon nach London schaffen.
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