Das Paket

KurzgeschichteHumor, Fantasy / P12
12.02.2015
12.02.2015
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Es gibt doch nichts Schöneres als den ganzen Abend damit zu verbringen Daten in HOLMES einzugeben. Meine Konzentration hatte gerade ihren Tiefpunkt erreicht und steigerte sich nicht dadurch, dass jetzt auch noch Nightingale in die Tech-Gruft hereingeschneit kam und anscheinend jetzt hier Rugby gucken wollte. Es gab schließlich auch noch Menschen die arbeiten mussten. Er lies sich gemächlich auf der Ottomane nieder, griff nach der Fernbedienung und schaltete sein Rugbyspiel ein. Ich starte ihn und anschließend den Fernseher an. Nightingale schien es entweder nicht zu bemerken oder es war ihm egal. Ich tippte eher auf Letzteres. Also musste ich ihn wohl oder übel daraufhin weisen, dass er seinen Hintern hier aus der Tech-Gruft bewegte, damit ich es irgendwann einmal, vor meinem Tod, schaffte alle Geistersichtungen in HOLMES einzutragen.
„Sir, Sie können jetzt hier kein Rugby gucken, es tut mir leid, aber ich arbeite hier gerade.“ Er zog die Augenbraue hoch und guckte mich schweigend an. Gerade bekam ich schon Angst, dass er jetzt zu Molly2 konvertiert war, als er schließlich doch etwas sagte.
„Tatsächlich? Was arbeiten Sie denn gerade?“
Ich tippe gerade die ganzen Sachen ein, die du und deine Kumpels in den 30er Jahren einfach in Akten reingeschrieben habt und anschließend in einen Raum geschmissen habt und gehofft habt, dass sie sich dort in Luft auflösen und nie wieder beachtet werden. Das dachte ich, konnte ich aber unmöglich zu meinem Vorgesetzten sagen. Ich entschied mich also für die nette Variante.
„Ich trage einige Geistersichtungen in HOLMES ein. Es ist sehr viel einfacher alle relevanten Daten mit nur einem Klick aufrufen zu können, als ständig alle Akten nach Hinweisen zu durchwühlen.“, informierte ich ihn. Er schwieg wieder für einen Augenblick, erhob sich und schaltete den Fernseher wieder aus. „Ich schätze, dass Sie sich dafür konzentrieren müssen und der Ton des Fernsehgerätes zu laut ist.“
„Exakt.“, antwortete ich.
„Wir sollten wirklich überdenken einen zweiten Aufenthaltsraum einzurichten.“, gab Nightingale nachdenklich von sich und ging zur Tür. „Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe“ ,daraufhin verschwand er beleidigt durch die Tür. Ich seufzte, irgendwie würde er sich dafür wieder an mir rächen, spätestens bei der nächsten Latein-Stunde. Ich wandte mich wieder meiner Aufgabe zu, als mir plötzlich wieder etwas in den Sinn kam, was ich schon völlig vergessen hatte. Einmal hatte ich Molly dabei ertappt wie sie hier am PC gehockt hatte. Sie hatte natürlich gedacht ich hätte es nicht bemerkt, weil sie den Computer schnell ausgemacht hatte, jedoch verriet sie sich dadurch, dass sie den PC nicht ordnungsgemäß heruntergefahren hatte. Daraufhin hatte ich ein Programm installiert mit dem ich überprüfen konnte was bei den vergangen Sitzungen so gemacht wurde, außerdem würde der Browser ihren Verlauf gespeichert haben.
„Wird Zeit zu überprüfen was Terror-Molly so im World Wide Web so treibt“, murmelte ich gedankenverloren vor mich hin.
Tatsächlich wurde ich ziemlich schnell fündig. Den Aufzeichnungen zufolge war sie erst sehr vorsichtig gewesen, hatte nur auf das ein oder andere Programm geklickt, hatte Paint entdeckt und ein fürchterliches Bild gemalt. Dann hatte sie den Browser gefunden und in einer bekannten Suchmaschine, die meine Startseite war, einige unwichtige Begriffe wie „Hallo“ oder „Wie geht es“ eingegeben. Ich überflog alles grob und entdeckte dann doch etwas Interessantes.
Bei ihrer Reise durch das Internet war sie auf "urbanoutfitters.co.uk" gelandet. Ein Online-Shop für Klamotten. Schnell bemerkte ich, ich hatte es auch nicht anders erwartet, dass Molly eine Vorliebe für schwarze Kleider hatte, die mich stark an die Gothikszene erinnerten. Schwarz, mit Corsage und für Molly doch über das Knie und nicht zu knapp. „Heilige Scheiße“, entfuhr es mir. Als nächstes hatte sie sich Reizwäsche angesehen. Um ganz ehrlich zu sein, war ich immer sehr glücklich gewesen Molly bis jetzt nur bekleidet begegnet zu sein, wenn man mal von ihrem Aktportrait absieht, das sich noch hier in der Tech-Gruft befindet. Ich forschte weiter und erkannte jetzt, dass sie sich tatsächlich einen Account angelegt hatte und für mehr als 2000 Pfund Kleider und Unterwäsche geshoppt hatte. Mir fiel im wahrsten Sinne die Kinnlade herunter und ich fragte mich gerade ernsthaft, ob Molly so viel Geld besaß oder aber das ganze wurde von dem Budget des Folly bezahlt. Die Bestellung war nun schon drei Tage her und es müsste in den nächsten Tagen der Postbote hier klingeln und Molly's XXL Paket abgeben. Plötzlich überkam mich eine Idee, wieso sollte ich eigentlich immer die ganze Tipperei machen, Molly wusste ja jetzt offensichtlich wie man einen PC bediente, ich musste es Nightingale nur noch beweisen, denn der traute Molly mit Sicherheit nicht so etwas zu. Also musste ich es schaffen das Paket ihm als Beweis zu zeigen und würde so eventuell nie wieder Daten eingeben müssen. Da es meine Aufgabe war die Tür im Folly zu öffnen würde ich das Paket auf jeden Fall in die Hände bekommen. Ich grinste und lehnte mich zurück, heute würde ich die Daten ganz sicher nicht mehr eingeben.
Am nächsten morgen saßen Nightingale und ich wie gewohnt im Frühstückszimmer und durften uns Molly's kulinarischen Experimente gönnen.
„Sind Sie gestern noch fertig geworden mit dem Eintippen der Daten?“, fragte Nightingale.
Ich schluckte meinen Bissen herunter. Ich war natürlich nicht fertig geworden, da ich mich, wie immer irgendwie hatte wieder ablenken lassen, aber das konnte ich Nightingale nicht erzählen.
„Fast Sir, es handelt sich um ziemlich viele Daten.“
Nightingale nickte verständnisvoll, ich wusste jedoch, dass er keine Ahnung hatte wie viel Arbeit es war diese ganzen Sachen in HOLMES einzutippen. Molly kam gerade mit dem Servierwagen hereingeglitten, als es klingelte. Ich sprang von meinem Stuhl auf und rannte zur Tür des Frühstückszimmers. Doch ich hatte eines vergessen, die unglaubliche Schnelligkeit und Brutalität von Molly. Mit einem langen Hechtsprung, den ich nur aus dem Augenwinkel wahrnahm, schleuderte sie mich in echter Rugbymanier zu Boden. Sie zischte und fauchte mich an, offensichtlich hatte sie es gar nicht gerne, wenn ich das Paket annehmen würde. Nightingale war so entsetzt, dass ihm das Stück Rührei, welches er gerade verspeisen wollte, von der Gabel fiel und Toby sich darüber hermachte, als hätte er tagelang keine Nahrung gesehen.
„Was ist denn in euch gefahren?“, rutschte es Nightingale ungläubig heraus, er betrachtet uns wie wir dort kebbelnd auf dem Boden lagen. Molly verpasste mir einen richtigen Kinnhaken und mein Kopf flog nach hinten. „Molly hör auf!“, hörte ich Nightingale rufen und er bewegte sich auf uns zu.
Für einen kurzen Moment war sie abgelenkt und ich konnte meine Chance nutzen und sie von mich stoßen. „Ich bin für die Tür zuständig!“, schrie ich und rannte los. Molly folgte mir auf der Stelle und auch Toby lief los, er hielt das ganze offensichtlich für ein lustiges Spiel. Es klingelte nochmal und ich hatte schon fast die Tür erreicht, als Molly etwas Unglaubliches tat. Sie packte Toby und warf ihn mir an den Kopf. Toby jaulte und ich konnte ihn gerade noch auffangen, verlor jedoch das Gleichgewicht und schledderte die Treppe zum Eingang hinunter. Molly sprang mit einem großen Satz über mich und raste zur Tür. Ich blieb kurz liegen und überprüfte, ob Toby oder ich verletzt waren. Molly öffnete die Eingangstür und nahm ein Paket entgegen, das so groß wie sie war. Sie schloss die Tür und zischte mich gehässig an. Dann huschte sie wieder über mich hinweg und eilte anscheinend in ihre Privatgemächer um das Paket zu verstecken. Nach einiger Zeit kam Nightingale die Treppe hinter mir herunter.
„Peter, was machen Sie da, wieso liegen Sie auf dem Boden?“, fragte er und sah mich verständnislos an.
„Molly hat mir Toby an den Kopf geschleudert und ich bin die Treppe heruntergefallen“, antwortete ich ehrlich und rollte mich vorsichtig auf die Seite, sodass ich Nightingale ansehen konnte. Dabei merkte ich, dass ich mit Sicherheit ein Dutzend blaue Flecken an den Stellen bekommen würde, die jetzt bei der Bewegung weh taten. Trotz meiner Erklärung schien Nightingale noch immer verwirrt.
„Dürfte ich auch erfahren, wer so Wichtiges geklingelt hat, dass Sie beiden wie die Besengten zur Tür spurten?“
„Molly hat ein Paket bestellt im Internet, in dem Kleidung im Wert von 2000 Pfund sind“, gab ich von mir. Nightingale runzelte die Stirn. „Ich glaube Sie haben sich bei Ihrem Sturz den Kopf gestoßen, legen Sie sich lieber eine Weile hin“, sagte er und verschwand dann wieder in Richtung Frühstückszimmer. Ich stöhnte, ich war für alle Zeiten dazu verdammt die beschissenen Daten in HOLMES einzugeben.
 
 
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