Das Haus in Whitechapel

KurzgeschichteHumor, Fantasy / P12
11.02.2015
11.02.2015
1
3535
 
Alle
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
 
Einen Monat war es nun her seitdem Lesley mich von hinten mit einem Taser zu Boden gestreckt hatte und ich konnte es noch immer nicht glauben. Was hatte dieser Mistkerl von Gesichtslosen ihr bloß mit seinem feinen Oxford-Akzent eingeredet? Hatte sie etwa unter dem Einfluss von Seducere ihre Entscheidung getroffen und deswegen auf die dunkle Seite gewechselt? Nightingale und ich hatten noch immer keine Anhaltspunkte für Lesley's Aufenthalt, geschweige denn für den des Gesichtslosen.
So wachte ich auch heute morgen übermüdet auf. Der Schlafmangel war nicht nur aufgrund der Albträume und Gedanken an Lesley, die mich noch immer plagten, es kam noch dazu das Molly es mal wieder auf mich abgesehen hatte. Egal was im Folly schief lief, es war meine persönliche Schuld. Toby, der kleine nervige Kläffer, hatte es endlich vollbracht einmal ins Folly zu pinkeln und sein Revier zu markieren. Leider nicht auf den pflegeleichten Fließen, nein er hatte, eiskalt und abgebrüht, sein Beinchen an der Statue von Sir Isaac Newton gehoben und ich könnte schwören er hatte ein kleines fieses Grinsen in seinem Hundegesicht. Molly war natürlich gerade rein zufällig in die Eingangshalle geschwebt und hatte alles gesehen. Böse zischte sie erst Toby und anschließend mich an. Und gab mir einen Wenn-du-mit-ihm-rechtzeitig-Gassi-gegangen-wärst-wäre-das-nicht-passiert-Blick. Doch es hatte nichts geholfen, weder meine, noch Molly's Putzkünste konnten den gelben Fleck von Newton's Bein entfernen. Offensichtlich hatte der unglaubliche Geisterjagd Hund Toby auch einen unglaublichen Urin. Als Nightingale den Fleck bemerkte gab er zu bedenken, dass es doch eine gute Idee gewesen wäre aus Toby's Fell eine hübsche Fellmütze herzustellen. So viel dazu, dass ich meine Tür aus Angst vor Molly verrammeln musste, wer wusste schon wie ihre Rache an mir aussehen würde?
Ich wollte mich gerade wieder auf die andere Seite drehen, als ich unsanft und lautstark daran gehindert wurde wieder einzuschlafen. Nightingale hämmerte an meine Tür.
„Aufstehen Peter! Beeilen Sie sich, in fünf Minuten will ich Sie in der Eingangshalle sehen“, bellte er und eilte davon. Ich sprang aus dem Bett und zog mich rasch an. In fünf Minuten hätte ich es fast geschafft, wäre da nicht meine Molly-Verriegelung gewesen, deswegen brauchte ich dann doch acht Minuten. Nightingale stand in der Eingangshalle. Er hatte seinen Spazierstock dabei und hielt in der anderen Hand schon die Autoschlüssel für den Jag.
„Ich habe einen Hinweis bekommen, dass sich in Whitechapel ein Haus befindet in dem seltsame Dinge vor sich gehen“, informierte er mich und wir stürmten zur Remise heraus, um mit Dauersirene in Richtung Osten zu brausen.
„Was für seltsame Dinge gehen in Whitechapel vor, Sir?“ Normalerweise drückte Nightingale sich nie so unkonkret aus, es sei denn, ich sollte wie in Purley unvoreingenommen an die Sache herangehen, bei der Hektik und dem Stress den Nightingale jedoch an den Tag legte, konnte es sich nicht um harmlose Vampire handeln.
„Mir wurde zu getragen, dass ein Mann sich unter dem Einfluss von Seducere befinden soll, er hat bereits einen Laden überfallen.“
„Meinen Sie der Gesichtslose steckt dahinter?“, hakte ich nach. Es wäre auf jeden Fall der Stil des Gesichtslosen, Seducere hatte er auch schon bei mir versucht anzuwenden und mich vom Dach springen zu lassen.
„Ich weiß es nicht“, gab Nightingale zu. „Aber es steckt entweder ein schwarzer Magier, oh Verzeihung, ich meine natürlich, ein ethnischfragwürdiger Magier oder ein Geist dahinter und wozu Geister in der Lage sind, hat uns unser reizender Mr. Punch ja schon bewiesen.“
„Was hat der Mann überfallen, eine Bank?“
Nightingale zögerte. „Nein keine Bank, sondern einen Supermarkt und die Beute war hauptsächlich Katzenfutter.“ Mir stockte der Atem, eventuell brauchte der Gesichtslose dieses Futter um seine Cat-Girls und Tigerboys zu verpflegen, dieser Mann war zu allem in der Lage. Sobald wir in Whitechapel ankamen, befahl Nightingale mir das Blaulicht vom Dach zu nehmen.
„Wir müssen den Überraschungsmoment für uns nutzen, Peter. Wenn es sich tatsächlich um die Machenschaften des Gesichtslosen handelt möchte ich, dass Sie die Menschen in der Umgebung evakuieren, bei dem Kampf darf niemand zu Schaden kommen.“
„Jawohl Sir!“, versprach ich.
Wir kamen in einer Sackgasse an und hielten vor einem schmuddelig wirkendem Haus im Tudor-Stil. Glücklicherweise war die Frontseite des Hauses von Büschen und Bäumen bewuchert, sodass man uns von innen nicht sehen konnte, jedoch konnten auch wir nicht erkennen was sich drinnen abspielte. Vorsichtig schlichen wir uns an das Haus heran. Mein Herz schlug heftig gegen meine Rippen. Wir könnten gleich dem Gesichtslosen begegnen und wieder eines seiner grausigen Verstecke betreten, doch zum Glück war Nightingale dieses mal von Anfang an dabei und kam nicht erst wieder dann dazu, wenn schon alles vorbei war, wie bei den letzten beiden lauschigen Treffen mit dem Gesichtslosen. Nightingale gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass wir den Hintereingang benutzen würden. Er huschte jedoch erst noch unter den Fenstern entlang zum Haupteingang und sprach dort einen langen Zauber. Ich vermutete, dass es sich um eine Falle handelte, falls der Gesichtslose versuchen würde durch den Vordereingang zu fliehen.
Mit größter Vorsicht näherten wir uns dem Hintereingang des Hauses. Auch der Garten machte keinen besseren Eindruck, als das gesamte Haus. Mit dem Türöffner-Zauberspruch verschaffte sich Nightingale Zutritt zum Haus. Ich war wirklich nicht traurig, dass er als erstes das Haus betrat, jedoch erst nachdem wir eine gewisse Zeit abgewartet hatten, dass nichts aus dem Haus herauskam und uns angriff. Der Raum, den wir nun betraten, war eine Küche. Es stank entsetzlich nach Katzenfutter und überall standen die entleerten Dosen herum. Wir gingen ein paar Schritte herein und dann überkam es mich, ein Vestigium. Es war weich und roch nach Fisch, gleichzeitig merkte ich ein Gefühl, als ob ich in einem Wald spazieren gehen würde und die Äste mein Gesicht streiften.
Nightingale sah mich fragend an, offensichtlich wollte er wissen, ob dieses Vestigium in Zusammenhang mit der Signare vom Gesichtslosen stand. Ich schüttelte den Kopf, dies war eigentlich nicht die Signare des Gesichtslosen. Nightingale runzelte die Stirn. Entweder hatte er mich nicht verstanden oder aber er wusste selbst nicht wie er die Situation einschätzen sollte. Die wortlose Kommunikation zwischen Nightingale und mir war alles andere als perfekt. Ich möchte jedoch klar stellen, dass es nicht an mir lag. Ich hatte schließlich in meiner Ausbildung zum Constable einige Kurse in „Gestik- und Mimik- Lesen“ besuchen müssen, da es sich bei der Polizeiarbeit als Vorteil erwies, wenn man sein Gegenüber einschätzen konnte. Jedoch wurde ich in diesen Kursen nicht auf Nightingale vorbereitet, dessen Mimik und Gestik ungefähr so lebendig war wie Senioren, die eine Dosis Baldrian bekommen haben.
Ich wurde schnell aus meinen Gedanken gerissen, als wir hörten wie jemand die Treppe herunter gepoltert kam und in die Küche stürmte.
Nightingale hatte sich in Angriffsposition begeben. Ich bemerkte wie er einen unsichtbaren Schutz aufbaute.
Der Mann der hereingestürmt kam war etwas 50 Jahre alt und weiß. Sein Haar war silbergrau und seine Augen waren von einem sumpfigen braun. Wortlos starrte er uns an. Er stand offensichtlich unter den Einfluss von Seducere, denn sein Ausdruck war willenlos und seine Haltung seltsam gekrümmt.
„Wer sind Sie?“, fragte Nightingale, doch der Mann zeigte noch immer keine Reaktion.
Ohne irgendeine Vorwarnung kippte er nach vorne rüber und fiel platt auf das Gesicht. Ich kniete mich neben ihn und fühlte seinen Puls.
„Er lebt noch“, gab ich Nightingale zu verstehen.
„Gut er ist anscheinend nur ohnmächtig. Rufen Sie einen Krankenwagen und geben Sie Dr. Walid Bescheid, er freut sich mit Sicherheit ein weiteres Hirn unter dem Einfluss von Seducere untersuchen zu dürfen.“
„Wer hat den Zauber auf ihn angewandt?“, fragte ich nach. Nightingale zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung Peter, finden wir es heraus“, er deutete auf die Treppe die nach oben führte und bedeutete mir voran zu gehen. Ich dankte dem Architekten dafür, dass es dieses mal keinen Keller gab. Also keine Vampire und auch keine grausigen Massengräber. Wir befanden uns gerade auf der Treppe, als ich von oben ein Scharren vernahm. Vorsichtig spähte ich in die obere Etage. Alle Türen waren offen. Da war wieder ein Geräusch und aus dem Zimmer am Ende des Flurs hatte ich eine flüchtige Bewegung wahrgenommen.
„Hier ist die Polizei, kommen Sie langsam und ruhig aus Ihrem Versteck“, rief ich in Richtung des Zimmers. Meine Aufforderung hatte jedoch offensichtlich keine Wirkung gezeigt, denn es kam niemand heraus. Also schlichen wir weiter in Richtung des Zimmers. Wieder nahm ich dasselbe Vestigium wie schon unten in der Küche wahr. Nur war es hier wesentlich stärker, außerdem spürte ich einen leichten Versuch von Seducere. Kurzweilig hatte ich das Bedürfnis in den nächsten Laden zu laufen und eine Dose Katzenfutter zu kaufen. Dann betrat ich den Raum, aus dem ich die Bewegung wahrgenommen hatte. Es war ein Schlafzimmer und in dem selben verwahrlosten Zustand wie das ganze Haus. Angespannt blickte ich mich um und plötzlich bemerkte ich, wie mich ein großes Augenpaar anstarrte. Das Wesen hatte zwei verschiedene Augen eines war grün und das andere hellblau. Es hatte sich im Schrank verschanzt, sodass ich lediglich seine Augen erkennen konnte.
„Komm heraus“, forderte ich es auf, doch es rührte sich nicht. Ich runzelte die Stirn entweder war dieses Wesen unsäglich dumm oder es verstand mich schlicht und ergreifend nicht. In meinem Kopf bildete ich die Forma für Impello. Krachend lies ich die Türen des Schrankes auffliegen und konnte endlich erkennen was dort im Schrank hockte.
Eine stinknormale Katze saß dort und fauchte mich böse an. Naja stinknormal war sie offensichtlich nicht. Sie war relativ groß oder viel mehr relativ fett. Wie eine kleine Königin hatte sie sich dort auf einem Stapel Kleidung breit gemacht und versuchte doch tatsächlich mich dazu bewegen ihr Nahrung zu holen. Ihr Fell war grau-schwarz getigert. Ich blickte zu Nightingale, der die Stirn runzelte.
„Wie ist das möglich Sir?“, fragte ich, „Können Tiere etwa auch Zauberer werden?“
„Nicht das ich wüsste. Aber dieses Tier versucht auf jeden Fall uns zu beeinflussen.“
„Was machen wir jetzt mit ihr?“
Der Chief Inspector zuckte mit den Schultern.
„Glauben Sie Dr. Walid könnte etwas mit ihr anfangen?“, wollte ich wissen und näherte mich dem Tier. Sie muckte sich nicht, sah allerdings auch nicht allzu begeistert aus als ich kurz vor ihr anhielt und sie begutachte.
„Ich denke nicht. Dr. Walid ist kein Veterinär“, gab er von sich.
Ich bemerkte, dass Nightingale darauf hinaus wollte, dass wir das Tier töten sollten.
„Können wir sie nicht lieber mit ins Folly nehmen? Vielleicht hat sie ja auch spezielle Fähigkeiten die uns helfen können, sowie Toby.“
„Sie meinen Toby's Fähigkeit Sir Isaac Newton anzupinkeln?“
„Sie wissen was ich meine Sir. Ohne Toby hätten wir es niemals geschafft Coopertown ausfindig zu machen.“
„Peter ich bin mir nicht sicher ob das Folly ein weiteres von Ihren seltsamen Haustieren verträgt.“
Es war typisch für Nightingale die Probleme einfach umzubringen, als sie zu lösen.
„Das Folly kann gar nicht genug von meinen Haustieren haben“, gab ich zurück.
„Molly ist ja auch dort und freut sich bestimmt über eine Katze.“
„Peter, Sie können Molly nicht mit einem Haustier vergleichen, sie ist die Haushälterin. Aber nun gut, wenn Sie darauf bestehen, nehmen Sie sie mit.“
Also stapfte ich zur Katze und streckte meine Hände nach ihr aus. Das Mitnehmen erwies sich leider als nicht so einfach. Sie war unglaublich kratzbürstig. Nach einem 3-Minütigen Kampf, einem zerkratzten Gesicht und blutenden Händen, erbarmte sich Nightingale dazu sie mit dem gleichen Zauber, den er auch auf Toby angewandt hatte, ruhig zu stellen, sodass ich die Katze nun hoch hieven konnte. Das hatte er extra gemacht, das Biest sollte mich erst zu Tode kratzen, bevor er mir half, schließlich war es ja meine Katze. Wir gingen die Treppe runter und der Mann lag noch immer regungslos da. Als wir nach draußen traten, war gerade der Krankenwagen angekommen. Dr. Walid sprang heraus und kam auf uns zu.
„Drinnen befindet sich ein Mann, er ist ohnmächtig und stand unter dem Einfluss von Seducere“, informierte Nightingale ihn.
„Und wer war der Anwender?“, fragte Walid. Nightingale blickte auf mich bzw. auf das was ich in meinen Armen trug.
„Eine Katze?“, fragte er ungläubig. „Wie ist das möglich?“
„Wissen wir nicht, aber wir werden sie mitnehmen ins Folly, vielleicht kann ich etwas herausfinden“, antwortete ich und lud das Tier auf den Rücksitz im Jaguar ab.
In den nächsten Tagen wurde die Kraft von Seducere immer schwächer bis sie schließlich ganz verschwand, auch das eigenwillige hellblaue Auge der Katze verschwand. In den Büchern von Polidori und Wolfe konnte ich keine vergleichbaren Fälle finden. Ich tippte jedoch darauf, dass die Katze eine Art Genius loci sein musste, von diesem schmuddeligen Haus. Der Besitzer stellte sich als Mr. Brown heraus, der dort schon seit langer Zeit mit der Katze vor sich hin lebte. Er konnte sich an nichts erinnern.
„Vielleicht hat er sie nicht gut gefüttert und aus dem Wunsch nach Essen ist dann eine Form von Seducere geworden. Schließlich wird Seducere immer dann angewendet, wenn man etwas von jemand anderem will“, gab ich beim Abendessen einmal zu bedenken.
„Das ist sehr spekulativ Peter, aber ausschließen können wir nichts“, meinte Nightingale nur und blickte auf das schlafende Tier neben ihn auf dem Stuhl.
Abigail entdeckte die Katze auch eines Sonntag, an dem wir wieder ihre Beobachtungen durchgingen. „Wie heißt sie?“, wollte Abigail wissen. Ich zuckte mit den Schultern „Sie hat keinen Namen, du kannst ihr ja einen geben“, schlug ich vor.
„Eine gute Idee, der Name muss einzigartig sein. Ich weiß wir nennen sie Miss Fatty.“ Ich fand den Namen beschissen, aber von nun an lebte Miss Fatty ebenfalls im Folly.
Review schreiben
 
 
'