Die Weltenwanderin

GeschichteFamilie, Fantasy / P12
11.02.2015
06.07.2016
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Hier noch einmal der Hinweis, dass dies eine Rohfassung ist, die ich als "ersten Entwurf" größtenteils für mich selbst schreibe und hier archivieren möchte. Anmerkungen und Kommentare sind gerne gesehen, behaltet aber bitte im Hinterkopf, dass das hier noch keine endgültige Fassung ist / sein soll. Danke


4


«Ähm... hi...?» Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, denn mich einfach umdrehen und weggehen wollte ich auch nicht.
Er lachte. «Bist du dem Affen nachgelaufen?»
«Nö, ich kann Gedankenlesen und wusste, dass Sie hier stehen.» Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust.
«Oh bitte! Sehe ich schon so alt aus? Ich bin höchstens fünf Jahre älter als du.» Ich konnte nicht einschätzen, ob er ernsthaft verletzt war oder ob er nur so tat.
«Ich kenne nicht mal Ihren Namen.» Mir wäre nicht im Traum eingefallen, den Typen nun einfach zu duzen.
«Reed Terencé.», stellte er sich vor. «Nenn' mich einfach Reed und bitte, duz' mich einfach, Liz.»
Mein Puls beschleunigte sich, woher kannte dieser Kerl meinen Namen? Und wenn er ihn kannte, was wusste er noch? Am liebsten hätte ich mich nach Tyr umgesehen, um mich sicherer zu fühlen, aber ich spürte ihn nirgendwo.
«Und woher kennst du dann meinen Namen?», versuchte ich meine Unsicherheit zu überspielen.
Er grinste mich lediglich einen Moment an und mein Bauchgefühl konnte sich nicht entscheide, ob es wütend werden oder vorsichtig angespannt sein sollte.
Reed deutete mit dem Daumen über seine Schulter auf den See, welcher sich in seinem Rücken befand. «Man hat von hier aus nicht nur einen fantastisch guten Blick; laute Rufe hört man auch sehr gut.»
Na toll, ein Stalker also!, schoss es mir durch den Kopf.
«Aha. Und es ist ein Hobby von dir, andere Leute zu bespannen oder wie?»
Er zuckte lapidar mit den Schultern und ließ den Affen von einem Baum auf seinen ausgestreckten Arm klettern. Dieser blieb auf seiner Schulter sitzen und schmiegte seinen Kopf an Reeds Gesicht.
«Zufall. Ich gehe hier öfter spazieren und habe eure kleine Party dabei entdeckt und dich wieder erkannt. Du warst doch letzte Woche in der Stadt?» Sein Tonfall verriet, dass er die Antwort schon wusste und keine Ausflüchte gelten lassen würde.
«Ja, war ich. Du bist der Typ in diesem affigen Aufzug, der Werbung für die Tombola der Studenten gemacht hat. Also gehst du auf die Uni?»
Mir gefiel es nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. Dass er meinen Namen nur aufgeschnappt hatte, glaubte ich ihm nicht und mit welchem Unterton er seine Fragen stellt, ließ bei mir sämtliche Alarmglocken klingeln.
«Könnte man so sagen, ja.», antwortete er nach einem Augenblick.
«Was jetzt? Ja oder Nein?»
Er grinste schon wieder sein dämliches Grinsen. Statt achtsam zu sein, trieb mich der Typ eher zur Weißglut und ich spürte einen unangenehm heißen Knoten in meinem Magen.
«Ich bin an der Uni eingeschrieben, ja.», beantwortete er schließlich meine Frage und ließ seine Mundwinkel sinken. «Und ihr? Geht wohl alle auf dieselbe Schule? Lass mich raten; ihr kommt nächste Woche in die zehnte Klasse und geht auf die Realschule am Rande der Stadt.»
Ob es an der drückenden Hitze oder an der Situation lag wusste ich nicht, aber mein Herz klopfte noch immer unangenehm heftig in meinem Hals und mein Atem kaum mir schnaufend aus der Nase.
«Und du hast das natürlich alles aufgeschnappt oder dir zusammen gereimt. Was soll das hier werden? Eine Demonstration, dass du wie ein Stalker Dinge über mich weißt und mir Angst einjagen soll?» Dies war einer der wenigen Momente, in denen ich dankbar dafür war, eine große Klappe zu haben und die Worte ohne mein Zutun aus mir heraussprudelten, sodass ich gar keine Zeit hatte, Angst zu bekommen. Doch nun änderte sich Reeds Körperhaltung, er legte sein schelmhaftes Getue ab und wirkte ernster, als noch einige Augenblicke zuvor.
«Nein, soll es nicht. Ich bin wirklich eher zufällig auf euch aufmerksam geworden und ich bin auch kein Stalker.» Er hob beschwichtigend die Hände. «Ich habe dich erkannt, wie gesagt und dass du dem Affen hinterher laufen würdest, konnte ich schließlich nicht beeinflussen. Aber mal im Ernst; sind das echt Freunde von dir?» Er drehte sich halb um und ging ein paar Schritte zurück, um sich wieder an den Baum zu lehnen. Ich ging zwei Schritte in seine Richtung, um einen besseren Blick auf den See zu haben und seinem Blick zu folgen.
Marco und Niklas hatten es sich unter den Sonnenschirmen bequem gemacht und verdrückten gerade Obst und Limo, während Emma und Tiger am Ufer entlang spazierten und ab und an Muster mit den Zehen in den nassen Sand malten.
«Wenn man das so sieht, käme man nicht auf die Idee, dass da noch eine fünfte Person dazu gehört.» Er sprach leise, dennoch verstand ich ihn so klar, als stünde er neben mir und flüstere mir ins Ohr.
Ich schaute ihn finster von der Seite her an und sagte kein Wort. Dass mir etwas ähnliches gerade selbst durch den Kopf gegangen war musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden.
«Ich meine; passt du da überhaupt rein, Liz? Die eine ist eine aufmerksamkeitssüchtige Diva, die sich gerne ins Rampenlicht drängt und sich selbst gerne reden hört. Die andere ist eine Erwachsene in Mini-Format und hat scheinbar verlernt, sich das innere Kind zu bewahren. Der eine Typ ist ein Sunnyboy sondergleichen, dem scheinbar nicht nur die Mädels, sondern auch alles andere nur so zufliegt, der sich keine Sorgen um gar nichts zu machen braucht. Der vierte im Bunde scheint der einzig normale zu sein, lässt sich aber nie in die Karten schauen und sagt nicht, was in seinem Kopf vor sich geht – der perfekte Manipulator.»
Mir war eiskalt und nun kochend heiß geworden. Wie konnte er es wagen! Von Respekt hatte dieser Reed wohl noch nie etwas gehört.
«Und dann bist da du.», unterbrach er meinen Versuch, meiner Empörung Luft zu machen und wandte sich mir zu. «Du, die da überhaupt nicht reinzupassen scheint. Unscheinbar durch und durch, dennoch nicht auf den Kopf gefallen und mit dem Herz am rechten Fleck. Wer bist du, dass du dich mit diesen Leuten abgibst, die nur an deiner Oberfläche kratzen, dich aber nicht vollkommen glücklich machen?»
«Was fällt dir eigentlich ein?», platze es aus mir heraus. «Wer bist denn du, der sich darüber ein Urteil erlaubt? Und was geht dich das eigentlich an? Das sind meine Freunde und jeder hat seine Macken, ja. Aber die habe ich auch und deine springen mir schon ins Gesicht, so wie du dich hier aufspielst!» Nun klopfte mir das Herz aus Wut in der Brust und das Blut schoss mir pochend in die Ohren. «Du kennst sie nicht und mich kennst du erst recht nicht! Du hast gar kein Recht dazu, sie zu verurteilen und sie nach deinem ersten Eindruck von hier aus zu bewerten! Wer bist denn du, hm? Ein schnöseliger Student, der nichts besseres zu tun hat, als in seinen Hipster-Klamotten und seinem ach so exotischen Haustier durch die Gegend zu laufen und fremden Leuten auf den Sack zu gehen! Ah, und abgesehen davon natürlich auch noch einer, der sich wie ein Zirkusdirektor verkleidet und vollkommen alleine Werbung für die Tombola macht. Ist ja nicht so, dass die letzten Jahre immer mehrere Studenten Werbung gemacht haben. Ganz große Klasse, mein Lieber!» Bei den letzten Worten hatte ich begonnen, ironischerweise in die Hände zu klatschen. Statt wütend zu werden, blieb sein Gesichtsausdruck neutral und er sah mich einen Augenblick lang an mit diesen furchtbar hellen Augen. Dann lächelte er, wobei dies seine Augen nicht erreichte.
«Vielleicht gehst du dann lieber zurück, zu deinen tollen Freunden. Aber lass dir eines sagen: deine Schauspielkünste mögen gut sein, Liz, aber: Ich. Sehe. Dich.» Er stieß sich dabei vom Baum ab und klopfte mir mit der Hand auf die linke Schulter als er an mir vorbei und über die kleine Lichtung ging, den Weg zurück, den ich gekommen war. Als seine Schritte hinter mir verklungen waren, schluckte ich. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich die Kiefer aufeinander gepresst hatte. Und wie heiß es plötzlich wieder war. Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn und blieb noch einen Moment stehen, mit dem Blick auf meine Freunde, die nun zu viert unter den Schirmen saßen und unseren Proviant aßen. Zwar wollte ich nicht daran denken, was dieser Reed gesagt hatte, dennoch gingen mir seine Worte nicht aus dem Kopf. Mit gerunzelter Stirn stierte ich hinüber und war nicht in der Lage, mich von der Stelle zu bewegen.
Jetzt reicht es aber! Es muss nicht immer alles perfekt sein, das war es noch nie. Also reiß dich zusammen, Liz!, schalt ich mich selbst und klatschte mir die Hände gegen die Wangen, ehe ich mich umdrehte und entschieden den Rückweg antrat.


«Da bist du ja wieder!», begrüßte Marco mich mit einem weichen Lächeln. «Du warst ja ganz schön lange spazieren.»
Ich setzte mich zu den anderen unter die Schirme und griff in die Kühltruhe zu meiner rechten. «Ja, die Umgebung hier ist so schön. Ich bin einmal um den ganzen See herum gelaufen.» Von Reed würde ich ihnen nicht im Traum etwas erzählen. Was sollte ich auch sagen? Hey Leute, ich bin einem kleinen Affen hinterhergelaufen und da war dieser Typ, den ich letzte Woche in der Stadt gesehen habe und der findet euch übrigens scheiße?
Um weiteren Erklärungen auszuweichen steckte ich mir schnell ein Käsesandwich in den Mund und knabberte daran herum. Die anderen nahmen das Thema wieder auf, worüber sie gesprochen hatten, bevor ich wieder kam: Traumberufe.
Wo warst du?!
Ich erschrak so sehr, dass ich mich verschluckte und husten musste. Tiger klopfte mir kräftig auf den Rücken und ich nickt dankbar, als ich wieder zu Luft gekommen war. Niklas erzählte weiter davon, wie er als kleiner Junge davon geträumt hatte, Taucher zu werden und irrsinniger Weise konnte ich ihn mir perfekt irgendwo in der Karibik auf einem kleinen Boot vorstellen, wie er sich mit nichts weiter als Badeshorts, Schwimmflossen und Taucherbrille samt Schnorchel ins Meer stürzte.
Was meinst du mit „Wo warst du?“. Das weißt du doch, das weißt du immer.
Nein, antwortete Tyr eisig. Sonst würde ich wohl kaum fragen, oder?
Kein Grund, mich so anzublaffen. Erinnerst du dich an den Tombola-Kerl letzte Woche? Sein Affe tauchte hier auf und ich bin ihm nachgelaufen und habe ihn getroffen. Kurz ließ ich die Situation und das Gespräch Revue passieren, damit Tyr wusste, was passiert war.
Hm, machte er nur.
Wieso warst du denn nicht da? Ich dachte, du hältst dich einfach nur raus, weil dich das Ganze amüsiert hat.
Nein, das ist es nicht. Ich bin halb verrückt geworden, als ich nicht zu dir konnte. Ich steckte hier quasi fest und musste mir das Gelaber anhören, während du einfach verschwunden warst!
Es verblüffte mich einerseits, dass er so besorgt gewesen war. Andererseits sollte das für einen wie auch immer gearteten Schutzengel vollkommen normal sein. Trotzdem war es verwunderlich; er war immer dort, wo ich auch war.
Jetzt fang du nicht auch noch an, an meinen Freunden herum zu meckern, dachte ich niedergeschlagen.
Du weißt wie ich das meine!, gab er bissig zurück und es klang beinahe so, als würde er daraufhin tief durchatmen, um sich zu beruhigen. So emotionsgeladen kannte ich ihn gar nicht.
Während ich auf meinem Sandwich herumkaute, fiel es mir zunehmend schwerer mich auf Tyr oder meine Freunde zu konzentrieren. Mit den Gedanken war ich immer wieder auf der anderen Seite des Sees, immer wieder kamen mir Dialogfetzen in den Sinn. Vor allem fielen mir erst jetzt passendere Antworten ein, die ich Reed an den Kopf hätte werfen können, wie immer.


tbc...