Die Weltenwanderin

GeschichteFamilie, Fantasy / P12
11.02.2015
06.07.2016
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Hier noch einmal der Hinweis, dass dies eine Rohfassung ist, die ich als "ersten Entwurf" größtenteils für mich selbst schreibe und hier archivieren möchte. Anmerkungen und Kommentare sind gerne gesehen, behaltet aber bitte im Hinterkopf, dass das hier noch keine endgültige Fassung ist / sein soll. Danke <3

3


Es gab eine einzige Sache, die ich am Sommer mochte. Hitze machte mich müde. Nicht auf die Art, dass man nach einem Gang von der Terrasse zur Küche und zurück so geschafft war, als hätte man einen Marathon hinter sich. Nein, eher auf die Art, dass ich mich in die Sonne legte und so träge wurde, dass ich für ein paar Stunden alles um mich herum vergaß. In Momenten wie diesen konnte ich abschalten und die Welt sein lassen, wie sie war.
Mit einer Wolldecke aus dem Keller und einer Wasserflasche aus dem Kühlschrank hatte ich mich am frühen Mittag in den Garten verzogen, mich samt Kopfhörer und Musik auf ihr ausgebreitet und mich seither nicht von der Stelle bewegt. Die Wasserflasche hatte ich vorsorglich unter einer dunklen Decke verstaut, in der Hoffnung, sie bliebe so länger kühl.
Als sie heute morgen im Radio brütende Hitze angesagt hatten, hatte ich beschlossen, mir einen schönen entspannten Tag im Garten zu machen und mich von meiner Familie nicht ärgern zu lassen.
Diesem Entschluss folgte ich auch, als Marie am frühen Nachmittag zu mir kam.
«Wie ist das jetzt mit eurem groß angelegten Ausflug zum Waldsee?»
Ich kam nicht umhin, den spöttischen Unterton in ihrer Stimme zu bemerken.
«Wir haben etwas umgeplant und wollen das in der letzten Ferienwoche machen, als Abschluss der Ferien sozusagen. Aber wir werden vorher noch ein paar Sachen unternehmen, Kino zum Beispiel.», gab ich leichthin zurück. «Wir werden uns einen Abend vorher bei Marco treffen, wahrscheinlich an dem Mittwoch und fahren dann Donnerstagmorgen alle zusammen zum See. So wie es aussieht, kann uns Marcos Vater mit dem Bulli hinbringen und auch wieder abholen. Wir sind noch am Planen, was das Essen angeht, aber wir hatten uns gedacht, dass wir nochmal grillen.»
Ganz meinem Plan folgend, hatte ich mit ruhiger Stimme gesprochen und Marie aus halb geschlossenen Augen von unten herauf angeblinzelt. Ich war liegen geblieben und behielt die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Die Sonne, welche mir ins Gesicht schien, mich dabei schläfrig machte und Tyrs Hand auf meinem Knie – von wo aus sich ein beruhigendes Kribbeln ausbreitete – taten ihr Übriges, meine Stimme gelassen und entspannt klingen zu lassen.
«Fein! Dann sieh' aber zu, dass du Donnerstag – oder wann auch immer du gedenkst, nach Hause zu kommen – gebracht werden kannst. Und glaub ja nicht, dass ich irgendwelche Einkäufe für dich erledige. Das kannst du schön alles selbst besorgen, was ihr da brauchen werdet!», entgegnete sie schnippisch und zog dann harschen Schrittes von dannen.
Ich hatte lediglich ein Schnauben für sie übrig und erstickte die aufkommende, eigentlich immer präsente Wut, im Keim und konzentrierte mich darauf, wie die Sonne Muster unter meine Augenlider malte. Tyrs Stimme, welche mir ein paar Minuten später träumerische Bilder herauf beschwor, lullte mich bald darauf wieder ein und ich verfiel in ein Nickerchen.
Als ich wieder aufwachte, war es bereits später Nachmittag und die Sonne lugte nur noch mit ein paar Strahlen über die Dächer der Häuserreihe knappe hundert Meter hinter unserem Haus.
Mein verschwommener Begleiter saß noch immer neben mir und schien sich seit heute Mittag nicht bewegt zu haben. Er lächelte mich an, während er aufstand, sich stumm in altmodischer Manier vor mir verbeugte und mir dann mit gebeugtem Oberkörper die Hand entgegen streckte, ganz so, als wolle er mir aufhelfen.
Ich lächelte ebenfalls und staunte mal wieder, dass Tyr im Schein der Abendsonne beinahe aus seidigem, goldenen Staub zu bestehen schien.
Obwohl er schon bei mir war, seit ich denken konnte, war ich in solchen Momente stets fasziniert von ihm und konnte meinen Blick nur schwer von seiner Gestalt lösen.
Im Heim war es für Kleinkinder relativ normal gewesen, einen imaginären Freund zu haben, daher akzeptierten unsere Betreuer es auch und redeten uns nicht permanent ein, dass er oder sie gar nicht echt war. Diese Phase ging ein paar Jahre und nach einer gewissen Zeit verschwanden die ausgedachten Freunde wieder.
Doch Tyr blieb. Er verschwand nicht wie bei den anderen Kindern, die sich in den meisten Fällen nicht daran erinnern konnten, mit einem imaginären Freund gespielt zu haben.
Als kleines Kind machte man sich darüber keine Gedanken, doch als ich in die Schule kam, sagte er mir, dass er nur für mich sichtbar wäre und andere ihn weder hören noch sehen könnten. Tyr nahm mir damals das Versprechen ab, niemandem von seiner Existenz zu erzählen.
Mittlerweile versteht es sich von selbst, dass ich niemandem erzählen konnte, meinen eigenen persönlichen Schutzengel sehen zu können – das war er für mich geworden. Da er selbst nur mit einem kryptischen Lächeln antwortete, wenn ich ihn fragte, wer er sei und woher er kam, hatte ich mir irgendwann meine eigene Antwort darauf gegeben.
Wenn du da weiter auf dem Boden sitzt, muss ich fürchten, du hast Wurzeln geschlagen, bemerkte er trocken.
Ich schnaubte belustigt und erhob mich mit knackenden Kniegelenken. Bevor ich wieder ins Haus ging, klaubte ich die Wolldecke vom Boden auf und faltete sie ordentlich zusammen. Danach ging ich nach unten, wo ich sie ablegte und passend wieder nach oben kam, als Marie mich ins Esszimmer schickte, den Tisch für das Abendbrot zu decken.
Durch das Nickerchen in der Sonne war ich so tiefenentspannt, dass ich meine Familie vollkommen links liegen lassen konnte. Zur Abwechslung war es ein sehr entspanntes Abendessen.
Wie die vergangenen zwei Wochen verbrachte ich den Abend vor meinem Laptop, bevor ich mich ins Bett kuschelte und endlich mal wieder die Zeit und Muße fand, bis in die Nacht hinein zu lesen.
Las ich allerdings nicht bis zwei oder halb drei bis meine Augen tränten, erzählte Tyr mich in meine Träume und den Schlaf hinein.
So auch heute. Ich ließ mich von seiner Stimme treiben und begann nach einiger Zeit selbst den Traum zu lenken und nach meinen Vorstellungen zu gestalten.
Zwei Tage später ging ich mit Tiger und Emma ins Kino. Inception lief und wir hatten uns schon seit Wochen darauf gefreut.
Marco und Niklas waren noch bis nächste Woche auf Malle und wurden daher geflissentlich von uns ausgeschlossen. Natürlich wussten wir, wie sehr die Jungs den Film sehen wollten, doch wir nutzen dies als kleine Retourkutsche für die Bilder, die wir ständig per Mail bekamen und uns neidisch machen sollten. Was ihnen in meinem Fall durchaus gelang. Da ich noch nie weiter als bis zur Nordsee gekommen war, war ein Urlaub auf Mallorca für mich sehr beneidenswert.
Aufgrund dessen hingen wir nicht die gesamten sechs Wochen zusammen herum, sondern trafen uns nur ein paar Mal und hatten ein paar Unternehmungen geplant. Da die anderen mit ihren Familien einige Dinge vorhatten, waren diese sporadischen Treffen unserer kleinen Gruppe allerdings schon eine organisatorische Herausforderung.
In den letzten zwei Wochen war ich öfter in der Innenstadt gewesen und dort durch die Straßen und die Läden gezogen. Zwar ließ ich nicht oft die Kasse klingeln, aber beizeiten war es in den Ferien entspannter in der Stadt, weil gerade in der zweiten Woche die meisten Menschen im Urlaub waren.
Ich kam von meiner eigenen Familie weg und musste mich dennoch nicht durch die Massen an Menschen kämpfen, die es sonst in die Stadt verschlug.
Vielleicht trug auch die Tatsache, dass ich meist unter der Woche und auch eher vormittags unterwegs war zu einer leereren Stadt bei.
Heute schienen sich ein paar Menschen dennoch in einer kleinen Traube zusammen zu finden.
Neugierig wie ich war folgte ich der Geräuschkulisse und steuerte auf den kleinen Trubel zu. Tyr neben mir schaute eher misstrauisch denn erwartungsvoll.
Gespannt stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um etwas über die Köpfe der Menschen schauen zu können. Leider brachte das nicht allzu viel, weshalb ich versuchte, irgendwo die Lücken zu finden, welche es in Menschenansammlungen immer gab. Derweil hörte ich eine Stimme, welche in bester Marktschreier-Manier gerade Werbung für die Studenten-Tombola machte. Stimmt ja, in den Sommerferien und kurz vor den Semesterferien der Studenten gab es ein großes Stadtfest, welches größtenteils von der hiesigen Universität ausgerichtet wurde.
Endlich hatte ich eine kleine Lücke gefunden und schlängelte mich an den Menschen vorbei. Just in diesem Moment brach links von mir ein Kreischen los als ein kleiner dunkler Schatten in die Menge sprang.
Instinktiv wichen die Leute zurück und ich hatte plötzlich ungewohnt viel Platz um mich herum, als alle beschlossen, kollektiv einen Schritt zurück zu machen.
«Wie es aussieht, hat mein kleiner Freund beschlossen, ein Bad in der Menge zu nehmen!», lachte die Stimme, der ich nun ein Gesicht zuordnen konnte. Der junge Mann trug einen altmodischen aber eleganten Frack und einen Zylinder. Wie er so vor der Menge stand, hätte er auch ein Zirkusdirektor sein können.
Ich sah zu dem Tumult und erkannte den Schatten als kleines Äffchen, welches gerade munter auf dem Kopf einer älteren Dame herumturnte.
Mit einem Pfiff rief Zylinder-Boy das Tier wieder zu sich, welches mit einem gezielten Sprung auf dem Hut landete und die Kopfbedeckung dabei mit sich zu Boden warf. Ich staunte nicht schlecht, als ein ziemlich zerzauster, provisorischer Dutt zum Vorschein kam, der bislang unter dem Hut gesteckt hatte.
Bevor ich mich zurückhalten konnte, entfloh mir ein kurzes Kichern.
Sein Kopf ruckte zu mir herum und er ließ seinen Blick missbilligend über mich wandern, bevor ich peinlich berührt seinem Blick auswich. Ich konnte spüren, wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
Nachdem er den Zylinder wieder auf seinen Platz gesetzt und das kleine Äffchen unter Kontrolle gebracht hatte, räusperte er sich kurz und setzte dann wieder eine charmante und leicht verschmitzte Miene auf.
Mit ausgebreiteten Armen zog er die Menschen wieder in seinen Bann, als wäre nie etwas passiert.
«Meine Damen und Herren! Damit Sie auch jetzt schon etwas von der Tombola in zwei Wochen haben, haben wir etwas für Sie vorbereitet. Dafür brauche ich allerdings einen Freiwilligen aus dem Publikum!»
Verheißungsvoll ließ er seinen Blick über die Menschen gleiten. Mir schwante übles.
«Nur nicht so schüchtern, meine Herrschaften. Ich verspreche, ich werde ganz sanft sein.», zwinkerte er einer Gruppe junger Mädchen zu, die bereits in Kichern ausbrachen.
Angeber!
«Wenn sich niemand freiwillig meldet, muss ich mir wohl jemanden aussuchen!» Ich hätte schwören können, dass seine Mundwinkel für den Bruchteil einer Sekunde zuckten.
Dieses Mal ließ er seinen Blick langsamer über die Leute gleiten, bis er bei mir hängen blieb. Zuvor hatte ich schnell genug weggeschaut, doch dieses Mal schaute er mir direkt in die Augen. Gebannt starrte ich zurück. Sein Blick war so stechend, mir fiel auf, wie unnatürlich hell und blau seine Augen waren.
Wenn ich bisher gedacht hatte, Niklas hätte die blauesten Augen, die ich jemals gesehen habe, dann musste ich ab heute meine Meinung revidieren. Es kam mir wie Stunden vor, in denen ich mich nicht von seinem Blick lösen konnte. Ich spürte die Hitze, welche sich in meinem Magen sammelte und mir gleichzeitig über den Nacken und in die Wangen hinaufkroch, ob der Intensität dieser Augen.
Der Bann löste sich, als ein amüsiertes und herausforderndes Funkeln in sie trat.
Ich ahnte, dass ich die Freiwillige aus dem Publikum werden sollte.
Just in dem Moment, in dem er den Mund öffnete, drehte ich mich flugs auf dem Absatz um und machte mich rar.
Während ich mich entfernte, konnte ich noch Stimmfetzen aufschnappen, die verdächtig nach 'flüchtender Schönheit' und 'mit anderem zufrieden geben' klangen.
Mit klopfendem Herzen saß ich wenige Minuten später in meinem Lieblingscafé und wartete auf meine heiße Schokolade mit Sahne.
Tyr hatte mir gegenüber Platz genommen und sah mich über seine gefalteten Hände hinweg an.
Komischer Typ..., dachte ich neutral, da ich Tyrs Blick nicht deuten konnte.
Ich fand die Szene eher amüsant.
Einen Moment sah ich ihm in die diffusen Augen, bis ich mit einem lachenden «Tse!» meinen Blick abwandte und aus dem Fenster sah.
Meine Wangen brannten immer noch.



to be continued...