Die Weltenwanderin

GeschichteFamilie, Fantasy / P12
11.02.2015
06.07.2016
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So sanft der Schlaf mich zu sich geholt hatte, so sacht entließ er mich wieder. Leise grummelnd drehte ich mich auf die andere Seite und öffnete langsam die Augen. Mein Wecker zeigte an, dass ich noch genau eine Minute schlafen konnte, bevor er klingelte. Verschlafen starrte ich auf die leuchtenden Ziffern und schaltete ihn in just dem Moment aus, als er zu klingeln begann.
Gemeinsam mit Tyr begab ich mich nach oben und unterhielt mich wortlos mit ihm, während ich mit Marie und Jürgen frühstückte. Judith musste heute zur ersten Stunde in der Schule sein und ich hatte noch bis zur dritten Zeit.
Dienstagmorgende waren entspannt und meist relativ ruhig. Meine Adoptiveltern ließen mich in Ruhe, wir sprachen sehr selten miteinander und so konnte ich versuchen, unser gespanntes Verhältnis zu ignorieren. Dementsprechend gelassen startete ich in den Schulalltag und konnte mich heute sogar gut auf den Unterricht konzentrieren. Die Sonne tat ihr Übriges, in dem sie heute sacht und warm und nicht so erbarmungslos heiß wie gestern auf uns hernieder schien.

«Wie läuft das eigentlich am letzten Schultag bei uns? Haben wir irgendetwas geplant?», erkundigte sich Emma in der zweiten großen Pause.
«Bisher ist noch nichts wirklich geplant», antwortete Marco. «Aber ich denke, wir werden auf jeden Fall irgendetwas starten, oder?»
Wir standen zu fünft im ersten Stock des Altbaus und verbrachten hier immer die Pausen. Ich stand mit dem Rücken an das Treppengeländer gelehnt. Als wir letztes Jahr in die neunte Klasse kamen, wurden wir gemischt und bekamen neue Klassen und Lehrer. Niemand war davon begeistert, für die letzten zwei Jahre komplett neue Klassenverbände zu bekommen, doch jeder arrangierte sich irgendwie damit. Schrill wie sie war, fiel Tiger mir direkt ins Auge, doch zunächst war ich von ihrer lauten und verrückten Art etwas abgeschreckt. Da es allerdings kam, wie es kommen musste, sah der Sitzplan vor, dass sie meine neue Tischnachbarin wurde. Zusammen mit Emma, Marco und Niklas. Unserer Lehrer waren auf die glorreiche Idee gekommen, uns wie Fünftklässler an Gruppentische zu setzen.
Erwartet hatte ich meine persönliche Hölle. Ich war nicht gut im Umgang mit anderen und mich nun schon wieder in einem neuen Verbund von fremden Mitschülern zurecht zu finden, war für mich alles andere als angenehm. Schließlich hatte ich mich gerade an meine alte Klasse gewöhnt, nachdem ich zu Beginn der achten Klasse neu dazu gekommen war. Zumal wir mit Gruppentischen mehr oder minder dazu gezwungen waren, miteinander zu sprechen und Aufgaben und Projekte zusammen zu bearbeiten.
Doch es kam anders, denn mittlerweile kamen wir alle recht gut miteinander aus und unternahmen auch außerhalb des Klassenzimmers etwas zusammen.

«Ich bin auf jeden Fall dafür, dass wir am letzten Schultag abends was machen.» Niklas sah nur für den Bruchteil einer Sekunde zu mir, dennoch wurde mir etwas schwer ums Herz.
«Lasst uns doch bei mir feiern, da stören wir auch niemanden.», schlug Tiger vor und wir waren sofort einverstanden.
«Dann bringt am besten jeder noch was zu Essen und Getränke mit, dann könnten wir grillen.» Das war wieder typisch für Niklas, selbst im Winter war er auf die Idee gekommen, mit uns zu grillen.
Emma nickte begeistert und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. «Das wird richtig gut!»
«Ich klär' das auf jeden Fall nochmal mit meiner Ma ab, aber das sollte eigentlich in Ordnung sein.»
Das Pausenklingeln unterbrach unsere Planungen und wir gingen in unseren Raum zurück. Tiger und Emma waren direkt Feuer und Flamme und schoben sich in den restlichen zwei Stunden Zettel zu.

Was machen die beiden da?
Beinahe wäre ich vor Schreck zusammengezuckt.
Verdammt nochmal! Musst du mich so erschrecken?! Mir klopfte noch immer das Herz bis zum Hals und ich bemühte mich, mir dies nicht ansehen zu lassen. Eifrig schrieb ich weiter von der Tafel ab.
Sie schreiben sich Nachrichten, weil sie planen wollen, was wir nächste Woche Freitag zum Ferienanfang machen wollen, antwortete ich, als ich mich ein wenig beruhigt hatte.
Du sollst mich doch nicht in der Schule besuchen. Ich kann mich nicht auf dich und den Unterricht gleichzeitig konzentrieren.
Er lachte lediglich verhalten in sich hinein und lehnte sich an die Fensterbank hinter mir. Ab und an gab er einen Kommentar zum Unterricht oder zu unserer Lehrerin von sich, allerdings war diese so langweilig, dass ich nicht einmal darüber schmunzeln konnte.
Einige Minuten vor dem erwarteten Klingeln, schoben die ersten vermeintlich unauffällig ihre Sachen in die Rücksäcke und steckten alle anderen mit der Aufbruchstimmung an. Wir fünf verließen gemeinsam den Klassenraum und machten uns wie jeden Tag auf den Weg zu den Fahrrädern.
Marco, Tiger und ich mussten in die gleiche Richtung. Kaum war ich zu Hause angekommen, machte ich mich über den Zettel her.

Warum redest du denn nicht mit ihr, wenn dich das so sehr nervt?, fragte Tyr gerade als ich genervt die Tür der Spülmaschine zuwarf.
«Weil das ja auch so viel bringen würde. Du weißt genau so gut wie ich, dass sie damit erreichen will, dass ich selbstständiger werde.», äffte ich Marie nach.
Und weil ihr im Heim auch eure Aufgaben bekommen habt, erinnerte er mich an den zweiten Teil von Maries Begründung. Ich schnaubte.
«Ja, aber nur weil das da so war, muss sie mich jetzt nicht als ihre persönliche Putzfrau behandeln.»
Sag es ihr. Deutlich hörte ich das Schmunzeln in seiner Stimme heraus. Tyr trieb mich oft und gerne dazu, meine Meinung zu sagen. Gerade dann, wenn ich der Harmonie Willen lieber den Mund hielt und einfach tat, was man mir sagte. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er etwas bestimmtes erreichen wollte, doch fragte ich ihn nie danach.
Was steht jetzt an?, wollte er wissen und schaute dabei über meine Schulter auf den Zettel, welchen ich aus der Hosentasche gekramt hatte.
Einkaufen! Ich stöhnte genervt auf. Jetzt durfte ich den ganzen Weg wieder mit dem Fahrrad zurück fahren.
«Warum sagt sie mir so etwas eigentlich nicht vorher? Dann kann ich das direkt nach der Schule machen!»
Ein leises Lachen folgte mir, als ich durch den Flur lief und dabei dir Schlüssel von der Kommode nahm.

Liz.
Liz!
Liiiiiiiz!

Wenn er gekonnt hätte, hätte Tyr mir wahrscheinlich seit ein paar Minuten gegen die Stirn getippt.
Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen lag ich ausgestreckt auf dem alten Sofa und hatte die Augen geschlossen.
«Was ist?», fragte ich brummend.
Dein Handy klingelt.
Mit einem Mal war ich auf den Beinen. Und ich hab mich schon gefragt, was dieses Geräusch ist. Mit den Gedanken war ich ganz woanders gewesen und hatte von meiner Umgebung nicht viel mitbekommen. Beinahe wie im Traum hatte ich etwas gehört, ohne es zuordnen zu können.
Auf dem kleinen Display leuchtete mir Tigers Name entgegen.
«Hallo.»
«Hey. Na endlich, das ist schon der zweite Versuch. Wozu hast du denn ein Telefon, wenn man dich nicht erreichen kann?»
«'Tschuldigung, ich bin auf dem Sofa eingeschlafen.», murmelte ich entschuldigend.
«Ach so, dann habe ich dich geweckt?» Sie klang etwas besänftigter.
«Nein, nein, schon gut. Was gibt es denn?»
«Ich wollte nur hören, ob du nächste Woche denn kannst? Wir wollten ja am letzten Schultag alle zu mir. Ich habe mit Mama gesprochen und sie hat es erlaubt.»
«Ich muss das auf jeden Fall mit Marie besprechen, aber ich denke, sie wird nichts dagegen haben. So schlecht wird mein Zeugnis dieses Jahr nicht, dass sie es mir verbieten könnte.» Das hoffte ich zumindest.
«Gut. Also Emma und ich dachten, dass wir uns so um sieben bei mir treffen. Wir hatten auch überlegt, dass wir vielleicht direkt nach der letzten Stunde zu mir fahren, aber vielleicht ist es besser, wenn wir uns erst abends treffen.» An ihrem Ton erkannte ich, worauf sie hinauswollte.
«Ja, ich hätte es so lange mit Niklas auch nicht ausgehalten, denke ich.»
«Das wird schon alles werden, das sind ja noch fast zwei Wochen, bis dahin hat sich das alles etwas gelegt, denke ich.»
Tyr grinste mich an und ich streckte ihm die Zunge heraus. Sie sagte das gleiche wie er gestern.
«Ja, das passt schon.»
«Bestimmt! Emma und ich haben eine Liste gemacht, was wir alles brauchen, dann können wir morgen ja schon mal absprechen, wer was mitbringt.» Tiger klang so euphorisch, dass ich leise lachen musste. Sie plante und organisierte gerne unsere Unternehmungen und musste dabei nicht selten von uns wieder etwas auf den Teppich gebracht werden.
«Klingt super! Dann bis morgen!», sagte ich immer noch lachend.
«Bis dann.»
Na das klingt ja sehr amüsant. Tyr hatte sich auf dem Sofa lang gemacht und ich tat, als würde ich nach ihm treten, woraufhin er mir Platz machte.
«Wird bestimmt cool. Wenn Marie mir nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Wäre aber ziemlich fies und vor allem unbegründet. Die meisten Noten kenne ich ja schon, es könnte zwar besser sein, aber auch definitiv schlechter. Sie hat also gar keinen Grund, mir die Feier zu verbieten.», überlegte ich laut.

Als wir abends gemeinsam am Tisch saßen und Judith sich mit ihren Eltern unterhielt, beratschlagte ich mit Tyr, wie ich am besten anfangen könnte.
Frag doch einfach direkt, war der nicht sonderlich hilfreiche Vorschlag. Innerlich seufzend schob ich mir eine Gabel Spaghetti in den Mund.
«Freunde von mir wollen übernächste Woche am letzten Schultag bei Tiger ein wenig feiern. Darf ich auch?» Mir schlug das Herz bis zum Hals. Eigentlich war es überhaupt nicht meine Art, solche Dinge direkt anzusprechen, aber ich wusste, Tyr würde sich nur mit unnötigen Kommentaren über mich lustig machen, wenn ich versucht hätte, das Gespräch indirekt in die Richtung zu lenken.
Marie schaute erst mich an und wechselte dann einen Blick mit ihrem Mann.
«Du hast Freunde?!» Judith lachte gehässig und grinste mich böse an.
Lass es und ignorier sie einfach!, sagte Tyr als ich gerade zu einer bissigen Antwort ansetzen wollte.
Marie sah mich kritisch an. «Gibt es auch Alkohol?»
Verdutzt blinzelte ich einen Moment. «Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube nicht. Tiger hat mit ihrer Ma gesprochen und sie hat es erlaubt, daher denke ich nicht, dass es welchen geben wird.»
«Und ihr seid die ganze Zeit bei Tiger?»
Ich nickte. «Ja, wir hatten nicht vor, woanders hinzugehen. Vermutlich grillen wir im Garten und hängen halt nur zusammen herum.»
Marie schaute noch einmal zu Jürgen, der keine Miene verzog und sich nicht ansehen ließ, was er davon hielt. Wie immer.
«Ich weiß ja nicht.» Marie sah mich noch einmal skeptisch an, als vermutete sie irgendeinen Haken, den ich ihr verschwieg.
Ich spürte Tyrs Hand auf meiner Schulter. Ruhig bleiben.
Lautlos atmete ich ruhig durch.
«Du kannst auch gerne Tigers Mutter anrufen und nachfragen.», schlug ich so freundlich wie möglich vor.
«Ich denke, das werde ich auch machen. Man weiß ja nie, was ihr einem nicht erzählt.» Ein letzter scharfer Blick wurde mir zu Teil und daraufhin war das Thema abgeschlossen. Marie verlor kein Wort mehr darüber und ich aß schweigend weiter, obwohl mir der Appetit vergangen war.

In meinem Zimmer trat ich gegen die nächstbeste Kommode und griff nach meinem Handy.
Ich sollte Tiger wohl vorwarnen, dass Marie in den nächsten Tagen anruft, dachte ich verärgert und tippte wütend ein paar Zeilen.
Kann doch echt nicht angehen! Ich habe nichts gemacht, absolut gar nichts! Und sie reagiert direkt wieder so, als ob wir irgendein Saufgelage planen würden! Sie kennt mich nicht einmal, sonst wüsste sie, dass ich überhaupt nichts trinken will!
Reg dich nicht so auf, das bringt nichts, versuchte Tyr mich zu beruhigen.
Du hast gut reden!, schnauzte ich zurück und warf mich aufs Sofa. Nachdem ich noch eine Weile vor mich hin gebrütet und Marie sonst etwas an den Hals gewünscht hatte, machte ich den Rest meiner Hausaufgaben und ging schlafen.

Unruhig wälzte ich mich umher und warf mich von einer Seite auf die andere, bis Tyr mich anwies, mir eine bequeme Position zu suchen und ihm zuzuhören. Er beschrieb eine wundervolle warme und ruhige Szene und ich konnte sie bildlich vor mir sehen. Wir waren auf Reisen, ich wusste nicht wo, aber das war egal, denn wir würden nicht lange bleiben. Wir ließen uns von einem Ort zum nächsten treiben. Er beschrieb genau das, was ich momentan brauchte und zeigte mir regelrecht, wie wir durch eine warme Mittelmeerstadt spazierten und uns Märkte und Cafés ansahen. Wir folgten den Menschen mal hier mal dort hin und landeten irgendwann am Strand. Ich zog meine Sandalen aus und Tyr trug sie in der Hand. Mit der anderen hielt er meine und wir liefen mit einer angenehmen warmen Brise vom Meer kommend am Strand entlang. Er erzählte mir leise Geschichten von fernen Welten und von Piraten und Seeräubern, während ich meinen Blick über das Meer gleiten ließ und mir vorstellte, die Schiffe am Horizont wären bemannt mit raubeinigen Piraten, die von ihrem Kapitän zum Deck Schrubben verdonnert wurden.
Später konnte ich nicht mehr sagen, wann ich eingeschlafen war und wann Tyrs Stimme verschwand und der Traum die Geschichte weiter erzählte.