Die etwas andere Verwandlung

KurzgeschichteAllgemein / P12
Gregor Samsa Grete Samsa Mutter Vater
11.02.2015
11.02.2015
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Die Verwandlung
Ich wache auf. Ich hatte sehr gut geschlafen. Zu gut. Mein Bett ist ungewöhnlich  weich. Ich öffne die Augen. Sehe verschwommen, Reibe mir den Schlaf aus den Augen. Bemerke das meine Hände viel kleiner sind als sonst. Betrachte meine Hände. Wo war der Nagellack? Ich ziehe die Stirn in Falten. Seit wann waren meine Hände so klein? Ich möchte  mich auf richten. Es klappt nicht.  Irgendetwas ist anders. Seltsam.  Mein Blick wandert  an meinem Körper entlang. Alles ist so klein. Warum? Bin ich noch nicht richtig wach?  Und dann realisiere ich etwas Furchtbares. Ich reiße den Kopf schnell in die Höhe. Kann es nicht glauben. Sehe wieder hinab. Aber es war tatsächlich so. Ich stecke in einen Babykörper!  Perplex versuche ich mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Ich sehe mich in meinem Zimmer um.  Aber irgendwie war alles anders. Ich sehe zunächst einmal, dass ich in einem vergitterten Bett liege. Über mir ist ein Mobile mit einem äußerst furchteinflößenden Clown.  Die Tapete ist rosa mit Pferden und überall waren Kuscheltiere. Ich war in der Hölle gelandet. Ich schreie. Wie aufs Stichwort kommt mein Vater ins Zimmer gerannt. Er sieht ungewöhnlich jung aus. Seine grauen Haare waren verschwunden und auch einige Falten. „ Was ist denn mein Schatz? Hast du schlecht geschlafen?“  Ich möchte ihm antworten. Ihm fragen was passiert ist. Aber aus meinem Mund kommen nur seltsame Laute. „ Ah ich verstehe schon du willst deinen Schnuller haben.“ Oh mein Gott. NEIN. Das wird er nicht wagen. Und bevor ich überhaupt reagieren kann ist der Schnuller in meinem Mund. Ich bin wütend. Spucke den Schnuller aus und schreie. Meine Mutter kommt herein gestürmt. Sie scheint auch wesentlich jünger zu sein.  „Was ist den Hermann ? Das arme Kind weint ja immer noch.“ „ Ich hab ihr den Schnuller gegeben so wie du es meintest, aber es funktioniert nicht. Was sollen wir denn jetzt machen?“  „ Dann will sie vielleicht gestillt werden, ich kümmere mich darum.“ Als ich realisiere was sie vorhat breche ich den Schreiprozess sofort ab und bin ganz still. Aber meine Mutter sieht mein wahres Bedürfnis nicht. Sie ist bereits dabei ihr T-Shirt auszuziehen. Ich bin am Ende.  
Meine Mutter nahm mir meinen ganzen Stolz in dieser Nacht. Ich werde nie wieder diese Bilder vergessen. Das schreit nach Rache. Wenn sie ein Kleinkind wollen, werden sie eins bekommen… Zur tatsächlichen Situation. Ich kann nur krabbeln. Erste Laufversuche sind fehlgeschlagen und sprechen fällt immer noch schwer. Was ich aber sehr gut kann ist nach Dingen zu greifen.  Außerdem habe ich mir Gedanken gemacht. Fieberhaft suchte ich nach einer Lösung, einer Begründung für diese irreale Situation. Für mich kommen nur 3 Lösungen in Frage. Erstens, ich habe mich unglücklich gestoßen und halluziniere oder träume. Zweitens, ich stehe wohl unter Drogeneinfluss oder Drittens ich bin verrückt geworden und versuche  in meinem Unterbewusstsein diese schrecklichen Momente zu verdrängen indem ich mir einbilde ein Kleinkind zu sein.  Allerdings erklärt das alles nicht WIESO ich ein Kleinkind geworden bin. Im Moment kann ich diese Situation sowieso nicht ändern. Also werde ich meinen Schwerpunkt aufs  Ärger machen setzen. Rache ist  die einzige Alternative, um mit dieser Situation fertig zu werden. Heute nach dem Frühstück hat meine Mutter mich vor die Glotze gesetzt. Sie hat anscheinend beschlossen mich fersehsüchtig zu machen. Ehrlich, so schneidet man sich ins eigene Fleisch. Auf jeden Fall sollte sie mir nicht so leicht davon kommen. Auch wenn ich den antiautoritären Erziehungsansatz gut heiße, möchte ich mir doch nicht Kinderserien ansehen.  Kaum hatte sie mich einen Moment allein gelassen, drehte ich mich um, schrie und quengelte und spulte mein ganzes Ich-will-Aufmerksamkeit-Programm ab.  Mit Erfolg. Meine Mutter war fertig mit der Welt und ich überglücklich.
Ein paar Tage später kam sie vom Einkaufen freudestrahlend nach Hause. In ihrer Hand ein Buch mit der Aufschrift „ Wie sie Kleinkinder erziehen“. Ich ahnte bereits böses. Hatte sie ihre antiautoritären Erziehungsansatz etwa schon aufgegeben? In der anderen Hand hatte sie ein „Geschenk“ für mich mitgebracht. Es ist ein kleiner, grell bunter Plastiktisch mit Löchern, in den man mit einem kleinen, ebenfalls grell bunten Plastikhammer kleine, grell bunte Plastikstäbe schlagen kann. Auf der Packung steht „Pädagogisch wertvoll“. Natürlich ignorierte ich dieses Geschenk. Sie versuchte hingegen mir dieses pädagogisch wertvolle Spielzeug zu erklären und schmackhaft zu machen. „Schau mal…Klopf, Klopf und die Stäbe rutschen nach unten, siehst du ?“ Und da soll mir Jemand sagen, dass es ein Wunder sei, dass das Bildungsniveau in diesem Land heutzutage so niedrig ist?  Am Abend möchte meine Mutter das Erziehungsbuch meinem Vater vorstellen. „ Ich lese gerade dieses Buch…“ sagte sie heute nach dem Abendessen.  Wenn sie so anfängt ist das immer ein schlechtes Zeichen. Mein Vater tat so, als hätte er nichts gehört, und stellte den Fernseher lauter. Ich tat so, als sei ich ganz vertieft in das Einschlagen meines neu gewonnenen Spielzeugs. „ Es stehen ein paar sehr interessante Dinge über Kindererziehung in diesem Buch.“ , fuhr sie mit diesem einem bestimmten Unterton fort. Mein Vater gab sich gleich geschlagen und schaltete den Ton des Fernsehers aus. „Ach wirklich mein Schatz?“ „ Es heißt da, dass Kinder oft schreien weil sie Aufmerksamkeit wollen.“ Tsss... keine Ahnung haben die . Es geht um alleinige Rache. „ und man soll sie Abends einfach alleine lassen, wenn sie weinen, da ein Kleinkind häufig einfach ungern alleine sein will.“ „Oh“, bemerkte er.  „Ja und wenn man das Kleinkind richtig erziehen will,  kommt  eine Förderung dem Kind zu gute. Sie lernen zum ersten Mal für kurze Zeit alleine zu sein.“ „oh“, antwortete er knapp. Wie auf Befehl drehten sie sich zu mir um und sahen mich an. Ich tat nichts. Ich werde ihnen doch nicht die Genugtuung verschaffen ihnen meine Abhängigkeit zu zeigen. Stattdessen krabbele ich ins Nebenzimmer um stolz zu verdeutlichen wie gut ich auch alleine sein kann.  
Nachdem  sie diesem Buch Folge leistete, wurde ich Tag für Tag immer mehr eingeschränkt und vernachlässigt. Heute nach dem Frühstück hat sie mich wieder vor die Glotze gesetzt. So viel zum Thema „pädagogisch wertvoll“. Diesmal gab es in der Kinderstunde eine lächerliche Geschichte über Alligatoren, die in blauroten Latzhosen zur Schule gehen. Die wenigen Bilder sahen aus die Dias, denn es bewegte sich nichts. Ab und an geschah dann plötzlich etwas „ganz Tolles“ – zum Beispiel blinzelte ein Alligator. Wollen sie eine Generation wirklich in dem Glauben erziehen lassen, dass Alligatoren zur Schule gehen  und blaurote Latzhosen tragen ? Traurig. Ich konnte irgendwann dieses Elend nicht mehr ertragen und schrie. Aber Niemand erschien. Meine Mutter schien dieses Buch wirklich ernst zu nehmen. Ich versuchte größere Geschütze auf fahren.  Ich wälzte mich, schrie und quengelte, aber nichts. Nach 5 Minuten war mir klar, dass sie nicht nachgeben würde und so hörte ich auf. Voller Anstrengung schlief ich ein.  Eine weitere Erneuerung den sie aus diesem Erziehungsratgeber hatte war das Nachtlicht. Es bestand aus einem kleinen Teelicht, das in einem äußerst hässlichen Keramikpilz brannte.  Auf seltsame Weise kam sie auf die Idee, dass dieses Licht mich beruhigen würde. Als sie dieses Ding feierlich angezündet hatte, stellte sie es auf einen Tisch, ein ganzes Stück vom Bett entfernt. Dann als ob es ihr auch noch gefallen würde, gab sie mir mit großer Schadenfreude auch noch einen Kuss und sagte: „Na dann bis morgen Schlaf gut mein Schatz. Bis morgen früh“, verließ das Zimmer und schloss die Tür. Nun war ich ganz alleine.  All das hat sie teuflischer Weise geplant. Ich fühlte mich verraten und verletzt und gab meine Gefühle frei. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Aber sie erschien nicht. Ich gab nach einer Weile das schreien auf. Zweifellos gratulierte sie sich zu ihrem Erfolg. Nun Folgte meine Rache.  Ich hatte die letzten Wochen ordentlich trainiert um mich am Gerüst ein wenig hoch zu ziehen. Mit Erfolg. Ich zog mich ein bisschen hoch, umfasste das Gerüst und hüpfte zusätzlich  als Aufwärmübung ein paarmal auf der Matratze auf und ab. Dann streckte ich mein linkes Bein nach oben, bis es festen Halt fand. Diese Übung erforderte größte Präzision und vor allem Geschick. Mit meinem rechten Bein baumelte ich zwar gefährlich in der Luft, aber ich schaffte es. Ich schaukelte das  andere Bein auf die anderen Seite. Leider verlor ich dadurch auch mein Gleichgewicht und fiel natürlich mit dem Gesicht zuerst auf dem Boden. Es tat wirklich weh. Diesmal war mein Geschrei absolut echt. Aber es kam keine Reaktion. Ich schrie heulte, zog die ganze Show ab, nichts. Sie blieb ihren Prinzipien treu.  Irgendwann ließ der Schmerz nach und eine Beule krönte meinen Kopf. Ich wurde Müde und konnte nur im Hintergrund mitkriegen wie sie die Treppe herauf kam und an der Tür lauschte „So ein braves Mädchen.“ Ich fiel tief in den Schlaf. Als ich aufwachte musste ich mir erst klar werden wo ich mich befand und wie ich dorthin gekommen war. Meine Verletzung tat nicht mehr weh, obwohl ich fühlen konnte, dass aus der Beule auf meiner Stirn ein Ei geworden war. Dann hatte ich einen Geistesblitz, was die Weiterentwicklung meines Plans betraf. Ich lief quer durch Zimmer und fegte den grässlichen Keramikpilz vom Tisch. Er ging kaputt und die Kerze aus. Ich legte mich währenddessen möglichst verdreht und unbehaglich mitten im Zimmer um meine qualvolles Leiden zur Schau zu stellen. Ich wartete nur noch auf mein Stichwort. Der Wecker meiner Mutter nebenan klingelte und ich ließ sofort mein Schreien erklingen. Nicht das Heulen in voller Lautstärke, das man beim Aufwachen von sich gibt, sondern das vor Erschöpfung gezeichnete Wimmern eines Kindes, dass die ganze Nacht alleine von seinen Eltern gelassen wurde.  Sie kam schnell und sagte: „ Siehst du, heute Nacht  warst du ein braves Mädchen. Ich habe dir doch gesagt, dass du auch gut alleine…“ Die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie mich sah. Ich schaute bemitleidenswert nach oben. Sofort warf sie sich auf den Boden neben mich. „Oh mein Gott!“, schrie sie. „ Wie lange liegst du schon hier? Und was ist das für eine Beule? Verdammt! Ich wusste nicht das du aus deinem Bett entkommen kannst. Oh und das Nachtlicht… Du hättest in den Flammen umkommen können!“ Sie war so aufgeregt und schuldbewusst, dass sie mich schließlich abends mit in ihr Bett nahm. Ich fühlte mich sehr wohl neben meinen Eltern und als sie mich wieder stillen wollte, hatte ich nichts dagegen. Anschließend schlief ich wohlbehütet in den Armen meiner Mutter ein.